Selbstverständlich Pistolen - Klaus Ulaszewski - E-Book

Selbstverständlich Pistolen E-Book

Klaus Ulaszewski

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Beschreibung

Der gewiefte Kunstsammler Hans von Ketteler unterbreitet der auf ausgefallene Wünsche spezialisierten Agentur 'Dschinn und Jeannies' ein heikles Angebot. Zwei Wochen später steht Willi Haffke, Kommissar und naturverbundener Junggeselle, nicht nur am romantischsten Tatort, sondern auch vor dem sonderbarsten Fall seiner langen Karriere: einem Duell - im 21sten Jahrhundert. Das Motiv vermutet er in einer zufälligen Laune gelangweilter Exzentriker. Doch der Hinweis seines Kollegen Quirin Stiens, dass eine der beteiligten Personen im Fall einer Serie organisierten Kunstdiebstahls involviert sei, lässt ihn bald daran zweifeln.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Klaus Ulaszewski

Selbstverständlich Pistolen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Der Auftrag

2 Klackklack

3 Musketiere

4 Essen, Trinken, Lächeln

5 Doch, ¡cómo no!

6 Hügelberg

7 Girl Called Alex

8 Die Sache

9 Walnuss

10 Tüte Heringspflöcke

11 Wolfgang

12 Harter Tobak

13 Kulissen

14 Dr. Midas

15 Grazien

16 Jetzt

17 Refugium

18 Bugwellen

19 Wow

20 Stift und Papier

21 Jeden Morgen

22 Zimmerkalt

23 Ein herrlicher Wagen

24 Elefanten

25 Beim dritten Mal

26 Argos

27 Glückten

28 Nachrichten

29 Junge Stare

30 Sommersprossen

31 Fallobst

32 Totenstille

Impressum neobooks

1 Der Auftrag

Ein heißer Sommermorgen also markiert den Beginn dieses ebenso unvermeidbaren wie auch lebensgefährlichen Vabanquespiels.

Endlich sieht er es vor sich, rational und klar, nicht mehr nur als Hirngespinst, wie für lange Zeit zuvor, sondern fest umrissen und absolut einleuchtend und sicher beherrschbar in all seinen Risiken. Kein Argument mehr, und sei es noch so stichhaltig, könnte ihn umstimmen, geschweige denn aufhalten. Weder würde er zurückschauen noch irgendeinem seinen Verstand verdunkelnden Zweifel nachgeben. Das Licht am Ende des Tunnels im Blick, würde er voranschreiten, unbeirrbar bis zum Schluss.

Zwei quälende Jahre lang war er versunken gewesen in Selbstmitleid, hatte er keinen Ausweg gefunden, aus dieser ihm über alle Maßen bedrückenden Situation. So konnte es, so durfte es nicht weitergehen, nicht, wenn er seiner Existenz noch etwas abgewinnen wollte, bevor sie als vollends verwirkt in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde. Er wird kämpfen, sich rehabilitieren müssen, um zu überleben, etwas von Grund auf Außergewöhnliches vollbringen müssen, um eine zweite Chance zu erhalten.

Der puren Verzweiflung entwuchs der Keim für die Idee, für die Lösung, die späte Rettung versprach, aus einem Dasein unerwarteten, aber auch folgerichtigen Leids. Wochenlang trug er sie in sich, wog das Für und Wider ab, bis er von der Richtigkeit - nein, Notwendigkeit! - überzeugt, eine Entscheidung traf. Eine Entscheidung, der Taten folgen mussten. Taten, derentwegen er jetzt hier steht.

In seinem Rücken das geschäftige Treiben der von der Sommersonne aufgeheizten Rittensteiner Straße. Vor seinen Augen die graue Fassade einer großbürgerlichen Häuserzeile, auf der der aufgesprühte Hinweis 'Agentur' in eine Durchfahrt zum Hof weist. Den ersten Schritt noch nicht bewältigt, erschreckt ihn das Hupen eines unmittelbar neben ihm vorbeipreschenden Wagens, der sogleich in der dunklen Öffnung verschwindet. Er folgt ihm in einen patiohaften Innenhof. Wirre Geflechte eines verwachsenen Efeus überziehen die maroden Umfassungsmauern. Aus den Fugen der altersblanken Pflastersteine wachsen Moose und kümmerliche Gräser. Im Schatten eines knorrigen Apfelbaums parkt der soeben auf den Hof gefahrene Wagen, ein hellgrauer Saab Cabrio älteren Baujahres. Punktförmige Lackschäden und der Kot der Baumbewohner teilen sich die Motorhaube. Gegenüber umstellen vier Stühle einen wettergegerbten Holztisch. In einer Mauerecke liegt ein aufgerollter Gummischlauch unter einem tropfenden Wasserhahn. Auf der verwitterten Klinkerfassade einer in die Jahre gekommenen Hofwerkstatt entziffert er den bis zur Unleserlichkeit verwitterten Schriftzug 'Bestattungsinstitut Delius'. Darunter endet ein gebäudelanges Fensterband an einer gläsernen Tür, dem einzigen Zugang.

Er drückt den Knopf der Sprechanlage.

»Ja bitte?«, fragt eine Frauenstimme umgehend.

»Ich möchte ein dringendes Anliegen besprechen«, erklärt der Mann und steht nach einem kurz darauffolgenden Summen im Foyer der Agentur 'DSCHINN & JEANNIES', wie die grünlich leuchtenden Buchstaben über dem Empfangstresen am Ende des Raumes verkünden.

»Augenblick bitte, ich bin gleich bei Ihnen«, ruft eine Frau vom Tresen aus herüber. Den Kopf zum Monitor geneigt, fliegen ihre Hände über eine Tastatur, bis sie ein letztes Mal kontrapunktisch in die Tasten trommelt und gewandt aus ihrem Stuhl hüpft. Sie streift ihren Rock glatt, zieht die hochgerutschte Bluse über ihr Bauchnabelpiercing und schlendert dem Mann entgegen.

Er mustert sie. Elegant wie schlaksig, charmant wie resolut zugleich erscheint sie ihm. Unter der knappen Bluse zeichnen sich die winzigen Erhebungen ihrer flachen Brüste ab. Sie trägt einen blassgrünen Leinenrock, der eine Handbreit über dem Knie endet, und läuft barfuß. Der unprätentiöse Kurzschnitt ihrer dunkelbraunen, zu einem scharfen Seitenscheitel gelegten Haare, lässt ihr ohnehin schon schmales Gesicht noch zarter erscheinen. Vielleicht deshalb wirken ihre dunklen aber vergnügt dreinblickenden Augen ebenso einnehmend wie dominant. Ihrer strengen, knabenhaften Gestalt setzt sie eine Gestik unbeschwerter Leichtigkeit entgegen. Er schätzt sie auf Anfang Dreißig.

»Hola, Señor. Ich heiße Caren Gonzalez. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?« Sie zeigt ein Gute-Laune-Lächeln und streckt ihre Hand entgegen.

»Angenehm, von Ketteler, Hans von Ketteler«, erwidert er mit gewichtigem Tonfall, beugt den Kopf herunter und ergreift eine zierliche, um den Daumen herum mit einem dezenten Rosentattoo verzierte Hand. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich einfach so ..., ohne Anmeldung ...«

»Das ist kein Problem«, unterbricht Frau Gonzalez, während sie eine einladende Armbewegung vollführt.

»Danke, sehr freundlich«, entgegnet von Ketteler und leitet mit auf dem kahlen Hinterkopf rotierender Hand sein Anliegen ein. »Nun, ...«, beginnt er stockend, »der Grund meines Besuches beruht auf einem Vorhaben, das ihnen vermutlich - formulieren wir es einmal so - etwas unkonventionell erscheinenden mag. Aber wer sonst, wenn nicht Ihre Agentur, wäre der Herausforderung gewachsen, mich bei der Erfüllung meines Wunsches zu unterstützen. Ihr Portfolio, ihre Referenzen ... Na ja, und wenn es auch noch menschlich passt ...« Er schaut Frau Gonzales in die Augen und lächelt. »Doch an diesen vagen Zweifel verschwende ich schon jetzt keinen einzigen Gedanken mehr.«

»Danke für die Blumen«, erwidert Frau Gonzales grinsend.

»Leider, so befürchte ich«, erklärt von Ketteler wieder ernsthaft, »wird mein Wunsch sogar Spezialisten wie Sie vor eine heikle Aufgabe stellen.« Dabei wirft er einen prüfenden Blick in die Räumlichkeiten, als könne er dadurch erkennen, ob dem wirklich so sei.

»Si, Si, das kennen wir«, antwortet Frau Gonzales. »Nicht wenige unserer Auftraggeber halten ihr Anliegen für unerfüllbar. Ihre Bedenken sind verständlich - aber auch hilfreich. Sie vermeiden utopische Vorstellungen, verstehen Sie. Die Aufgabe erhält ein solides Fundament. Kein Grund zur Sorge also, denn bisher ....« Frau Gonzalez unterbricht sich, schaut in Richtung eines Mannes, der jenseits einer den Raum teilenden Glaswand vor einem Schreibtisch sitzt, und fährt fort. »Bisher konnten wir alle an uns gestellten Aufgaben erfolgreich lösen und glückliche Auftraggeber verabschieden«, erklärt sie, ohne dass es anmaßend klingt. »Nehmen Sie einen Augenblick Platz, por favor. Herr Delius wird Sie gleich zu einem Gespräch bitten.« Sie deutet auf eine Sitzecke neben dem Eingang - abgesehen vom Tresen die einzige Möblierung des hallenartigen Empfangs. »Möchten Sie Kaffee, Tee, ein Wasser?«

»Gerne einen Tee. Schwarz, bitte.«

Von Ketteler gleitet in den Loungesessel und schaut sich um. Die gläserne Wand trennt den ehemaligen Särge-Schauraum in einen etwas schmaleren Empfangs- und einen tieferen Bürobereich. Dessen Belichtung verliert auf dem Weg vom Hof über den Empfang bis zu den Arbeitsplätzen an Intensität und wird von drei Oberlichtern ergänzt. Unter jedem steht ein Schreibtisch mit Lampe, Telefon und Flachbildschirm.

Frau Gonzalez öffnet die Tür zwischen Empfang und Büro. Im Rahmen bleibt sie stehen und informiert den Mann - offenbar Herr Delius -, der kurz herüberschaut und vage lächelt. Gleich darauf kehrt sie zurück, zwinkert von Ketteler zu und verlässt den Empfang durch eine von zwei Türen hinter dem Tresen, über der eine Digitaluhr die Zeit angibt - 10:01.

Zwei Minuten später serviert sie von Ketteler den Tee auf dem Beistelltisch. »Pur, ohne Zucker, ohne Milch, ¿no es cierto?«

Es ist Montagmorgen und Peter Delius auf Besuch nicht eingestellt. Erst gestern hatte er einen Auftrag zum Abschluss geführt. Im Gegensatz zu seinen Kolleginnen war er als Projektleiter bis zum Ende involviert, und der letzte Tag - üblicherweise der Höhepunkt eines Projekts - erforderte alle Aufmerksamkeit. Er kämpft mit der Müdigkeit. Zum Glück folgt dem Tag nach einem abgeschlossenen Auftrag lediglich das Aufarbeiten des E-Mail-Verkehrs. Erst am nächsten Morgen steht die gemeinsame Projektanalyse mit den daraus folgenden Anregungen für zukünftige Aufgaben an.

Nur Caren Gonzalez und er arbeiten heute Morgen in der Agentur. Ihre Partnerinnen erwarten sie erst nach deren Auswärtsterminen in der Mittagszeit.

Er fährt mit den Fingern durch die blondgelockten Haare, schaut an sich herunter und gibt sich mit Sneakers, beiger Chino sowie schwarzem, bis zur Brust geöffnetem Leinenhemd zufrieden. Im Monitor betrachtet er sein Spiegelbild. Die sonst wachen, grünen Augen sind über Nacht ausdruckslosen Schlitzen gewichen. Erste schmale Falten zeichnen leichte Schatten, und der inzwischen fünf Tage alte Dreitagebart wirkt etwas zu schmutzig. Ungerührt nimmt er es zur Kenntnis.

Noch als Student hatte er einen beneidenswerten Schlag bei den Frauen. Das Image des Sonnyboys ging zwar mit der Zeit verloren, dennoch konnte er einen Teil seiner frechen Jugendlichkeit bewahren. Aber in seinem jetzigen Zustand würden ihm kaum die vertrauten Komplimente der Damenwelt zuteilwerden, glaubt er. Nicht, dass er Schmeicheleien bräuchte, aber empfänglich dafür ist er schon - klar.

›Hilft ja nichts, dann mal los‹, denkt er, krempelt die Ärmel hoch und nimmt den Notizblock mit dem aufgesteckten Kugelschreiber vom Tisch.

»Seien Sie willkommen Herr ...«, er schaut kurz auf den Block, »Herr von Ketteler. Mein Name ist Peter Delius. Ich bin einer der drei Gesellschafter, und wenn Sie so wollen, der Dschinn neben den Jeannies.« Er reicht dem sich zur Begrüßung erhobenen Gast die Hand.

»Freut mich, Herr Delius, und danke.«

»Danke? Noch gibt es nichts zu danken.«

»Doch, doch. Ich nehme an, der sportliche Fahrer, der mir mit dem unverhofften Fahrtwind etwas Kühlung verschaffte, waren Sie.«

»Ja, ja, das war wohl ich. Also gern geschehen, ... ich meine, ... bitte entschuldigen Sie.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen«, bemerkt von Ketteler deutungsoffen.

Irritiert schlägt Delius vor, die Unterhaltung im 'Comm-Office' fortzusetzen, zeigt auf die andere der beiden Türen hinter dem Empfangstresen und geht voraus. »Lassen Sie den Tee einfach stehen, Frau Gonzalez übernimmt das gerne.«

Das 'Comm-Office' zeigt sich als Raum ohne Fenster. Auch hier sorgt ein Oberlicht für Helligkeit. Sechs Freischwinger stehen vor einem Konferenztisch. An den Wänden zeigen großformatige Fotos Menschen vor verschiedensten Hintergründen in unterschiedlichsten Situationen.

»Eine Auswahl unserer Aufträge«, erklärt Delius.

Von Ketteler nickt zustimmend. »Ich weiß ..., ihre Homepage ...«.

»Sicher«, bestätigt Delius lächelnd. »Aber hier sehen Sie die letzten, bisher noch nicht hochgeladenen Projekte.«

Von Kettelers Blick wandert von Aufnahme zu Aufnahme. Er erkennt die Besteigung des schneebedeckten Fudschijamas, einen Tandemflug mit den markanten Spitzen des Rosengartens im Hintergrund, einen Konvoi von Oldtimern auf einer Landstraße vor ausgedehnten Weinbergen. Auf einem Foto eines opulenten Sommerfestes im Park einer eleganten Bungalowanlage bleibt sein Blick haften, wie Delius bemerkt.

»Die Organisation eines Gartenfestes bedeutet für uns keine Herausforderung«, erklärt er. »Die noch lebenden, in den Jahrzehnten aus den Augen der greisen Auftraggeberin geratenen und in alle Welt zerstreuten Freunde ausfindig zu machen, war dagegen aufwendige Detektivarbeit.«

Frau Gonzalez betritt den Raum und stellt den Tee, eine Karaffe Mineralwasser sowie zwei Gläser auf den Tisch. Sie erkundigt sich nach weiteren Wünschen, die dankend verneint werden, und verlässt das Zimmer. Die Männer nehmen Platz.

»Viele Gäste hatten sich ein Leben lang nicht mehr gesehen«, fährt Delius fort. »Alle waren fröhlich und gelassen. Wir glauben, es war für alle ein schöner Tag. Die Sonne schien, die Temperatur blieb bis in den späten Abend hinein angenehm. Im Hintergrund untermalten die Jazzstandards eines virtuosen Trios die ausgelassene Atmosphäre. Aber trotz allem lag ein Schleier von Wehmut über dem Tag. Jeder wusste, dass er die anderen wohl nie mehr wiedersehen wird.« Er wendet sich an von Ketteler. »Sie haben ein Anliegen. Ich hoffe, wir können Ihnen helfen.«

»Seit zwei Jahren leide ich unter chronischen Schmerzen«, beginnt von Ketteler ansatzlos und fährt, ohne eine Reaktion abzuwarten, fort. »Zahlreiche Ärzte stellten mich auf den Kopf, die Ursache wurde jedoch nicht gefunden. Man vermutet Verschiedenes, aber es fehlt die Diagnose und infolgedessen eine wirkungsvolle Therapie. Arzneien helfen mir, ein halbwegs erträgliches Leben zu führen.« Länger als notwendig, um die Zeit abzulesen, schaut er auf seine luxuriöse Sportarmbanduhr. »Vor einem halben Jahr erkrankte ich obendrein lebensbedrohlich. Zwar erhielt ich eine Diagnose, aber die Therapien schlugen nicht ausreichend an. Nun muss ich mich entscheiden. Operation oder nicht. Die Chancen, den Eingriff zu überleben, stehen fünfzig zu fünfzig. Zudem ...«, bedächtig greift er nach der Tasse Tee, umfasst sie eine Weile, und stellt sie wieder zurück auf den Tisch, »... zudem schwächte mich die Therapie des letzten halben Jahres massiv. Meine Energie versiegt und meine Zuversicht schwindet. Denn selbst wenn die Operation glückte - da Erkrankung und Schmerzen nicht in Zusammenhang stehen, blieben die Schmerzen.« Wieder sieht von Ketteler auf die Uhr.

Delius möchte sein Bedauern aussprechen, erachtet den Moment aber für zu pathetisch und verwirft den Gedanken.

Von Ketteler richtet sich wieder an Delius und fährt fort: »Ich benötige Unterstützung. Etwas, das meinen Lebensmut stärkt, mir Hoffnung gibt. Etwas, das mir hilft, eine Entscheidung zu treffen. Etwas Elementares. Ein finales Signal.« Er legt seinen Kopf in den Nacken und schaut durch das Oberlicht in den blauen Himmel. »Ich benötige den Fingerzeig einer höheren Instanz - ein ... Ordalium.« Den Blick weiterhin in den Himmel gerichtet, verstummt er.

›'Ordalium'‹, wiederholt Delius in Gedanken. Der Begriff erscheint ihm unbekannt. Beiläufig notiert er ihn am Rand des Notizblocks.

Wie immer, wenn Klienten ihre Geschichte erzählen, hört Delius konzentriert zu und beobachtet aufmerksam. Er schaut in ein von Furchen und Falten gekennzeichnetes Gesicht, das der schmalen Narbe am oberen Rand des linken Backenknochens beste Voraussetzungen bietet, sich zu verbergen. Von Kettelers Blick aus klaren, blauen Augen wirkt vor dem Hintergrund seiner Geschichte unerwartet wach. Ob die Kopfhaare ausgefallen oder abrasiert sind, kann er nicht beurteilen. Das eigentümlichste Merkmal jedoch, das sämtliche Aufmerksamkeit auf sich lenkt und dessen Präsenz er sich kaum entziehen kann, ist die nahezu im rechten Winkel gebogene, jedoch fein geschnittene Nase.

Ohne das soeben erhaltene Wissen um von Kettelers sowohl physische als auch psychische Verfassung hätte er ihn für einen Ausdauersportler, vielleicht Langstreckenläufer gehalten. Jedenfalls gehört er zu den vergleichsweise jungen Klienten. Die meisten haben bereits ein betagtes Alter erreicht, wenn sie den Kontakt zur Agentur aufnehmen. Einer der ersten Auftraggeber war schon zur Feier des Einjährigen verstorben. In ein paar Wochen feiert man das Siebenjährige. Er könnte noch im Beruf stehen. Akademiker, vielleicht Jurist, spekuliert er. Jemand, der die Dinge in die Hand nimmt. »Sie haben sicher genaue Vorstellungen!?«, animiert er den Gast den Anlass seines Besuches zu erläutern.

Von Ketteler erhebt sich, geht um den Tisch herum und betrachtet die restlichen, noch nicht in Augenschein genommenen Fotos. Vor dem Schnappschuss eines sich aus dem Flugzeug werfenden Fallschirmspringers bleibt er stehen. Nach einer Weile bemerkt er: »Die habe ich. Allerdings wird Ihnen mein Plan - oder sagen wir angemessener mein Wunsch - in verschiedener Hinsicht Schwierigkeiten bereiten. Deswegen erwarte ich keine voreilige, aber dennoch kurzfristige Entscheidung. Besprechen sie sich ausführlich.« Er zieht eine Brieftasche aus dem grauen Jackett, sucht eine Visitenkarte heraus und überreicht sie Delius. »Ich bin gewillt, Ihren Entschluss zu akzeptieren.«

›Was bleibt ihm auch anderes übrig‹, denkt Delius.

Er war schon einigen absonderlichen Klienten begegnet. Auch hatte man ihm die seltsamsten Wünsche anvertraut. Und wenn zusammentraf, dass absonderliche Klienten seltsame Wünsche äußerten, ließen sich ebenso außergewöhnliche Aufträge erwarten.

Nicht, dass er von Ketteler in eine Schublade stecken möchte, doch der erste Eindruck lässt einen zumindest 'speziellen' Auftraggeber erwarten.

Emotionslos formuliert von Ketteler seinen Wunsch: »Ein Duell. Ich möchte mich duellieren.«

»Wie bitte, ... ein Duell? Ähh ..., Sie meinen ..., also ..., ein richtiges Duell?«.

»Selbstverständlich ein richtiges Duell. Kennen sie ein falsches?«

Delius hebt die Schultern. »Na ja, keine Ahnung. Aber verzeihen Sie - ob ein richtiges oder falsches -, spielt das irgendeine eine Rolle? ›Selbstverständlich‹ jedenfalls, finde ich daran gar nichts - im Gegenteil. Und außerdem ..., ein Duell bestreiten doch zwei Personen, oder nicht!?«

»So ist es.«

»Und ihr ... - sagt man Gegner? - nahm die Herausforderung an?«

»Mein Duellant wird es erst noch erfahren.«

»Er weiß es noch nicht? Er könnte sich weigern!«

»Das wird er nicht.«

»Was macht Sie da sicher?«

Als wäre die Frage abwegig und die Antwort naheliegend entgegnet von Ketteler: »Argumente.«

»Mhh ...« Skeptisch aber auch neugierig hakt Delius nach: »Und um wen handelt es sich bei Ihrem ... Duellanten, wenn ich fragen darf?«

Von Ketteler nimmt die feierliche Haltung eines Würdenträgers ein, der einen verdienten Bürger ehrt. »Um keinen Geringeren als Sie, Herr Delius.«

Der lässt sich konsterniert in die Rückenlehne sinken. ›Habe ich richtig gehört?‹, denkt er ungläubig.

Von Ketteler bemerkt Delius' nach oben gezogene Augenbrauen und die in Falten gelegte Stirn.

»Sie verstehen mich?«, fragt er nach.

»Inhaltlich schon, ja«, versichert Delius. »Aber ich frage mich: Was - um Himmelswillen - habe ich Ihnen getan?«

»Nichts, gar nichts, Herr Delius. Nehmen Sie es nicht persönlich. Die Rolle könnte genauso gut eine Ihrer Partnerinnen übernehmen.«

Delius lächelt gequält. »Ach, wenn das so ist ..., da bin ich aber erleichtert, das beruhigt mich doch ungemein«.

»Es geht um eine ehrenvolle Aufgabe, Herr Delius. Süffisanz ist hier unangebracht und der Sache abträglich. Ich muss davon überzeugt sein, dass Sie ernsthaft und professionell der Aufgabe begegnen.«

»Ja gut, aber ..., ich meine ..., soll ich Sie vielleicht erschießen? Oder wollen Sie etwa mich erschießen? Oder kämpfen wir mit Degen bis aufs Blut? Was stellen Sie sich vor? Außerdem bliebe da noch die Kleinigkeit des Honorars ...«

»Ich bin davon überzeugt, Herr Delius«, unterbricht von Ketteler, »dass der finanzielle Aspekt gewiss das geringste Problem darstellen sollte. Und auch Ihre verständliche Sorge um die Unversehrtheit der Beteiligten kann ich Ihnen nehmen. Ich werde es Ihnen erklären ...«

Zehn Minuten später begleitet Delius den Gast zum Ausgang. An der Tür blickt von Ketteler zurück zum Tresen. Frau Gonzales zwinkert ihm zu. Die Uhr zeigt noch immer 10:01. Er lächelt - eher mitleidig denn amüsiert.

2 Klackklack

Von Kettelers Wunsch wirft Fragen auf. Fragen, zu denen Delius Position beziehen muss, bevor er die Partnerinnen informiert.

Er lässt Frau Gonzales wissen, dass er eine 'Findungsauszeit' benötige und morgen früh erst wieder zur wöchentlichen Lagebesprechung im Büro zu erwarten sei. Wenn Delius eine Auszeit ankündigt, lassen ihn Frau Gonzales und die 'Jeannies' in Ruhe.

Er braucht Entspannung, einen klaren Kopf. Um das zu erreichen, greift er auf eine bewährte Methode zurück. Sein Weg führt ihn geradewegs auf die mit Campingtisch, Klappstuhl, Wäscheständer und einem Kasten Mineralwasser fast vollständig zugestellten Terrasse seiner Dachwohnung im vierten Geschoss des Vorderhauses. Er nimmt Sportshort und Funktionsshirt von der Leine, ergreift die unter dem Tisch stehenden Joggingschuhe und zieht eine Flasche Mineralwasser aus dem Kasten.

Fünf Minuten später öffnet er das Verdeck des Saab, schiebt die Sonnenbrille ins Gesicht und fährt die Rittensteiner Straße hinauf. Kurz vor dem Nobelstadtteil Hügelberg biegt er links ab, durchfährt ein paar Wohnstraßen und stellt den Wagen auf dem Parkplatz am Beginn der vier Kilometer langen Waldlaufrunde ab.

Nach Absolvierung der ungeliebten Dehnübungen zieht er die Schleifen der Schnürsenkel stramm und läuft los. Schon nach hundert Metern ist ihm klar, dass ihn das Laufen nicht ablenkt - zumindest heute nicht. Später ja, später würde er gerne nachdenken und Argumente abwägen wollen. Aber nicht jetzt. Jetzt möchte er abschalten, seine Wahrnehmung auf die Natur und die eigenen Bewegungen konzentrieren. Es gelingt ihm nicht. Von Kettelers Wunsch und das Honorarangebot laufen mit.

Zwei Runden später beendet er die Einheit, misst erschöpft den Puls und zwingt sich wiederholt zu Dehnübungen. ›Acht Kilometer sind eine Menge, fast ohne Training‹, denkt er.

Nachdem er wieder im Wagen sitzt, kommen ihm Zweifel. War er nicht um 11:35 Uhr angekommen? Jetzt zeigt die Uhr 12:45 Uhr. Wenn er zehn Minuten für die Dehnübungen abzieht, hätte er für die acht Kilometer eine Stunde benötigt. Niemals war er dermaßen lahm. Dafür gibt es nur eine Erklärung. Anstatt zwei ist er drei Runden gelaufen.

Wieder Zuhause, duscht er ausgiebig, zieht Shorts an, streift ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'Who's Next' auf dem Rücken über und geht in die Küche. Er nimmt die überregionale Tageszeitung vom Tisch, holt ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich mit Zeitung und Sonnenbrille an den Campingtisch, wohl wissend, dass er damit die Auseinandersetzung mit dem Auftragsangebot vor sich herschiebt.

Am frühen Abend legt er die Zeitung zur Seite, holt sich ein zweites Bier und beobachtet die Aktivitäten vor den Fassaden des gegenüberliegenden Blocks. Auf einem Balkon bereitet ein Paar den Grill vor. Einige Häuser weiter rekelt sich eine fettleibige Frau im gelben Bikini auf dem flachen Teerpappendach eines Erkervorbaus. Irgendwo hinter einer Brüstung versteckt, schreit ein Baby atemlos. Und überall sorgen aufgespannte Sonnenschirme für Farbtupfer vor den grauen Hinterhoffassaden.

Die mittlerweile untergehende Sonne taucht den zur Agentur gehörenden Hof in ein warmes gelblich-rotes Licht. Das Grün des Efeus wirkt frischer als noch am Tag. In seinem Laub suchen Vögel nach Kleingetier.

Aber der Apfelbaum bereitet ihm Sorgen. Nicht nur, dass er die ersten Blätter verliert, auch die Enden der feineren Äste verlieren ihre Spannkraft und hängen schlaff herunter.

Er sucht die Sonnenbrille, findet sie auf der Stirn, lässt sie auf die Nase gleiten und schaut in den wolkenfreien, tiefblauen Himmel. Zwei Kondensstreifen kreuzen sich in rechtem Winkel. Ihm kommt dieser seltsame Begriff in den Sinn, den von Ketteler benutzte. Am Anfang stand ein O und er klang lateinisch. Daran erinnert er sich. Mehr fällt ihm nicht mehr ein. Er schlüpft in die Flip-Flops.

Zwei Minuten später steht er in der Agentur. Der obersten Schublade des Rollcontainers entnimmt er den Notizblock, schlägt die mit der Visitenkarte von Kettelers markierte Seite auf, notiert das hingekritzelte Wort 'Ordalium' auf einem Haftzettel und macht sich auf den Rückweg. Für einen Moment genießt er die angenehme Kühle der Durchfahrt. Dann treibt ihn der Uringeruch der Wildpinkler weiter. Als er den Bürgersteig betritt, kann er gerade noch ausweichen.

»Pass auf, du Penner!«, ruft ein Radfahrer, der beinahe das Gleichgewicht verliert.

»Pass selber auf, Arschgesicht!« Aber Delius' Hinweis auf des Radlers physiognomisches Charakteristikum kommt nicht mehr an.

Wie an jedem Abend herrscht reges Leben auf der 'Rittensteiner'. Seitdem ungezählte Cafés und Kneipen, Restaurants und Imbissstuben die Straße für sich entdeckten, entwickelte sie sich zu der Vergnügungsmeile der Stadt. Manchmal treibt ihn das Verlangen nach zwei, drei Bieren, die Möglichkeit eines anregenden Gesprächs oder die Aussicht auf einen spannenden Flirt herunter. Irgendjemanden trifft er immer. Aber heute steht ihm nicht der Sinn nach Leuten.

Einige Häuser entfernt werfen zwei Jugendliche mit Wasser gefüllte Luftballone nach nichts ahnenden Passanten. Sie kommen in seine Richtung. Er öffnet die Haustür und huscht in den Flur. Ein Ballon fliegt noch durch den Türspalt, erwischt ihn aber nicht. ›Glück gehabt‹, denkt er. Dabei fällt ihm der 'Apfel' ein. Er wartet, bis das triumphale Lachen der beiden verklingt, geht zurück in den Hof, schließt den Gartenschlauch an und dreht den Wasserhahn auf. Mit der maximal einstellbaren Durchflussmenge wässert er den Wurzelbereich. Danach dreht er die Wasserregelung auf Sprühen, hält die Düse halb Richtung Krone, halb über sich selbst und genießt den erfrischenden Nebel, der beim Niedersinken winzige Tröpfchen auf der Haut bildet.

Wieder auf der Dachterrasse, öffnet er im Netbook ein Internetsuchportal und gibt den Begriff 'Ordalium' ein. Er klickt auf das erste Ergebnis der Suchanfrage. Eine Online-Enzyklopädie zeigt zunächst die deutsche Übersetzung an: ›Gottesurteil‹*. Danach erhält Delius eine kurze Begriffsdefinition: Ein Gottesurteil (lat. Ordalium) oder Ordal ist eine vermeintliche, durch ein übernatürliches Zeichen herbeigeführte Entscheidung in einem Rechtsstreit. Dabei liegt die Vorstellung zugrunde, ein höheres Wesen greife im Zusammenhang eines Rechtsfindungsprozesses ein, um den Sieg der Gerechtigkeit zu garantieren.

Es folgen - zusammengefasst auf drei Seiten - Informationen zur Etymologie, Geschichte und Einteilung in unterschiedliche Arten von Ordalen sowie Hinweise zu Literatur und Weblinks.

Delius öffnet das Funktionsfenster W-Lan-Drucker, drückt auf OK, geht in die Küche, öffnet eine dritte Flasche Bier und entnimmt auf dem Rückweg dem Ausgabeschacht das Papier. Wieder am Tisch sitzend studiert er den Artikel.

Da wird von Proben mit heißem und kaltem Wasser berichtet, von Feuerproben oder dem Liegen im Grab unter der Erde. Bei der Feuerprobe, liest er, muss der Delinquent ein glühendes Eisen mehrere Schritte weit tragen. Entzündete sich nach einigen Tagen die Wunde, statt zu heilen, galt dies als Schuldbeweis.

Er erfährt, dass zwischen einseitigem und zweiseitigem Ordal unterschieden wird und innerhalb dieser Unterscheidungen eine weitere Einteilung erfolgt - in einerseits das Ermittlungsordal (Versuch des Klägers, die Wahrheit seiner Anschuldigung zu beweisen) und andererseits in das Abwehrordal (Versuch des Angeklagten, seine Unschuld zu beweisen).

Unter den einseitigen Ordalen fasst man all jene zusammen, bei denen der vermeintliche Rechtsbrecher oder Ankläger sich alleine einem Gottesurteil unterziehen muss und lediglich mit den Elementen, vor allem Wasser, Feuer und Erde, oder mit heiligen Gegenständen in Kontakt tritt.

Bei den zweiseitigen Ordalen steht dem Beklagten ein Kläger gegenüber oder ein Unruhestifter einem anerkannt Friedliebenden. Hierzu gehören der Zweikampf, das Kreuzordal und das Kerzenordal.

Von Ketteler sprach sicher vom Zweikampf, vermutet er. Ein Zweikampfordal, geführt als Duell, dessen Ausgang ihm die Richtung zeigt. Eine übernatürliche Weisung, ein Gottesurteil, dem er gehorchen wolle. Delius muss grinsen. ›Total abgedreht dieser von Ketteler‹, denkt er.

Seine Augen brennen, und ein Gähnen nach dem anderen überfällt ihn. Erst jetzt bemerkt er die fortgeschrittene Dämmerung. Er legt die Papiere auf den Tisch, trinkt den letzten Schluck Bier und bedauert, mit Blick in den sternenklaren Himmel, nicht auf der Terrasse schlafen zu können. Das wäre zwar möglich, aber dafür müsste er Tisch und Stuhl ins Wohnzimmer tragen und die Isomatte aus dem Abstellraum holen. Danach steht ihm jetzt nicht der Sinn. Andererseits die Wärme ... Er kann sich nicht entscheiden. Vielleicht sollte er zunächst die Temperatur im Schlafzimmer auf Erträglichkeit prüfen und dann zwischen Terrasse oder Bett wählen.

In Shorts und T-Shirt wirft er sich auf die Matratze, schaut durch das Fenster der Dachschrägen in den inzwischen schwarzblauen Himmel und verliert sich in Gedanken. Ohne eine Wahl zu treffen, schläft er ein.

Im Morgengrauen wacht er auf, inmitten einer von mächtigen Laubbäumen umsäumten Lichtung. Die Kühle der Nacht umschlingt ihn. Tau liegt auf der Wiese. Nebelschwaden ziehen vorüber. Zwanzig, dreißig Meter entfernt geben sie die Konturen einer Gestalt frei. In seinen Augen liegt noch der Schlaf der Nacht, sodass er nur Umrisse erahnt. Aber er bemerkt, dass die Statur der Person seiner eigenen gleicht. Er kneift die Lider zusammen. Der Schlaf fällt ihm von den Augen. Kurz darauf sieht er klar und erkennt den anderen. Ist es wirklich er selbst, der dort steht - eine Armbrust im Anschlag. Etwa ein Spiegelbild? Wenn ja, würde er eine Armbrust in den Händen halten. Er versucht, die Arme anzuheben. Aber es gelingt ihm nicht. Die Gewissheit, somit unmöglich eine Armbrust in den Händen zu halten, erleichtert ihn wenig. Im Gegenteil. Denn genauso gewiss steht da drüben nicht sein Spiegelbild. Oder etwa doch? Oder erlebt er eine Fata Morgana? Unsinn, hier, so früh am Morgen, ausgeschlossen. Eher eine Illusion. Hatte er etwa geraucht, vielleicht sogar Pillen eingeworfen? Nein, Drogen lassen ihn seit zwanzig Jahren kalt. Und zuviel Bier war's auch nicht, gestern Abend.

Der andere - oder ist es doch er selbst? - steht ihm unverändert gegenüber, die Beine leicht gespreizt, die Armbrust im Anschlag. Jetzt sieht er die gespannte Sehne. Der Pfeil zielt genau auf ihn.

Er will weg, aber kann nicht. Was ist mit den Beinen? Er sieht an sich herunter, aber erkennt den Körper nicht. Sein Kopf sitzt auf den Schultern eines Fremden.

Er schaut wieder herüber, möchte sich zurufen, sich warnen, dass er es selber sei, der hier stehe.

»Achtung, Vorsicht, warte! Schau hin, wer ich bin!«, versucht er herauszubringen, doch seine Zunge gehorcht ihm nicht.

Er sammelt alle Kraft, versucht es erneut: »Hilf mir, mein Freund, nenne den Preis für meine Freiheit.« Aber seine Kehle erscheint wie zugeschnürt, und es entweicht ihm nur ein Röcheln.

Stattdessen, kaum wahrnehmbar, aber für Delius deutlich zu spüren, erhöht der andere die Körperspannung, kneift entschlossen die Augen zusammen und fixiert das Ziel - seinen eigenen, auf dem Rumpf eines fremden Körpers sitzenden Kopf.

Ein Irrtum, ohne Zweifel. Wie ist das möglich? Warum soll seinem Leben derart unverhofft ein Ende bereitet werden? Oder ist es kein Missverständnis? Ist es geplant? Ist es Vorsatz? Er braucht eine Antwort. Er braucht eine Lösung. Sofort.

Jetzt, endlich, schafft er es und schreit mit sich überschlagender Stimme die ersten verständlichen Worte: »Halt ein, mein Bruder, halt ein, ich bin es doch, du selbst!«

Dann hört er das Schwirren der blitzartig sich entspannenden Sehne, gefolgt von einem die Luft zerschneidenden Zischen. Im selben Moment trifft der Pfeil auf seine Stirn, kracht knirschend durch den Schädelknochen, durchbohrt das Hirn wie Gallert und wird von der hinteren Schädelplatte abrupt gestoppt. Die Wucht des Aufpralls schleudert den Kopf nach hinten. Sein starr in den blauen Himmel gerichteter Blick gefriert. Vor seinen Augen zittert das Ende des Pfeilschaftes. Ein markerschütterndes Fiepen und Klopfen rast durch die Gehörgänge direkt in sein Hirn, beraubt es seiner Funktion, bis sein Kopf, zum Resonanzkörper des entfesselt vibrierenden Pfeiles reduziert, in tausend Stücke zerspringt.

Schweißgebadet und gepeinigt von hämmernden Kopfschmerzen, wacht Delius auf. Es dämmert, die Vögel singen, und auf dem Dachfenster sitzt ein Rabe, der in einem monotonen 'Klackklack, Klackklack' Moos aus dem Rahmenblech pickt.

3 Musketiere

Dienstag, 10:01.

Peter Delius, Edda Gaepp und Alex Longreh nutzen die am Morgen noch angenehmen Temperaturen und versammeln sich am Tisch im Hof. Später, wenn die Sonne diesen Teil erreicht, wird ein Aufenthalt hier unerträglich.

Wie üblich sitzen sie, noch nicht ganz wach, vor Espressi und Wasser und kommentieren gelassen aktuelle Nachrichten aus Politik, Kultur oder Sport. Nach einer Weile erreichen sie Diskussionslaune. Für Delius der Zeitpunkt, die Partnerinnen über von Kettelers Offerte zu informieren.

»Gestern wurde uns ein höchst lukrativer Auftrag angeboten«, beginnt er und verstummt sogleich, um der Nachricht Gewicht zu verleihen. Es gelingt ihm, wie die erwartungsvollen Gesichter, in die er sieht, verraten. »Ihr seit einverstanden, wenn ich euch zunächst die wirtschaftlichen Eckdaten darstelle?«

Einvernehmlich nicken die Kolleginnen.

»Wir erhalten hunderttausend Euro Erfolgshonorar, zehntausend für einen Teilerfolg und nichts, wenn wir scheitern.«

Die 'Jeannies' schauen sich fragend an.

»Hunderttausend ..., wirklich? ..., nicht schlecht. Aber Peter, sonst bedarf es des vollständigen Erfolgs für einen Honoraranspruch. Was also bedeutet 'Teilerfolg'?«, will Edda Gaepp wissen. Mit einer Kopfbewegung wirft sie ihre kinnlangen schwarzen Haare nach hinten, die aber sofort wieder zurück in ihre ursprüngliche Position fallen.

»Ist ja nicht meine Idee, Edda, aber einfach zu erklären. In den Zehntausend sieht der Auftraggeber so etwas wie einen Motivationsanreiz. Ähnlich einem Antrittsgeld für einen Profikampf im Boxsport«, erläutert Peter.

»Und hunderttausend, tatsächlich hunderttausend Euro wäre das Erfolgshonorar!?«

»Ja.«

»Okay, hört sich verdammt gut an, eine derart stattliche Summe. Wird uns ja nicht gerade oft angeboten. Aber wo ist der Haken? Was müssen wir dafür leisten und wofür erhalten wir das Antrittshonorar? Sag schon, wie lautet der Auftrag?« Edda will sich nach manch verheißungsvollem, letztendlich aber im Sande verlaufendem Auftragsangebot keine unnötigen Hoffnungen mehr machen auf uneinlösbare Versprechen.

Peter nippt am Espresso, sammelt sich und erläutert so sachlich wie nötig den Auftrag. »Er wünscht sich ein Duell. Er möchte sich in ein Duell begeben und wir ...«

»Und wir sollen es organisieren?«, unterbricht ihn die zierliche Alex Longreh.

»Ja, aber die Planung ist nur ein Aspekt des Auftrages.«

»Und der andere ...?«, hakt Alex nach.

»Der andere: Einer von uns wird den Duellanten geben.«

»Wieso einer von uns? Wir haben ihm doch nichts getan, oder?«, entgegnet Alex irritiert.

»Darum, dass wir oder jemand anderes ihm etwas angetan haben, geht es nicht. Er fordert keine Satisfaktion.«

»Was dann?«

Ausführlich schildert Peter von Kettelers Beweggründe und die sich daraus resultierende Notwendigkeit eines Duells.

Edda bleibt von Peters Ausführungen unbeeindruckt. »Trotzdem, ein Duell, das ist nicht unsere Abteilung. Und wie stellt er sich das überhaupt vor? Wie bei den Musketieren, bewaffnet mit Säbeln auf einer Waldlichtung im Morgengrauen?«

»Mhh, ja, so ähnlich schon ...« Peter zögert. »Aber nicht mit Säbeln.«

»Sondern?«

»Mit Pistolen.«

Edda kräuselt die Stirn. »P ... Pistolen?«, hakt sie ungläubig nach.

»Selbstverständlich Pistolen«, erklärt Peter lapidar, als ginge es um Zucker im Kaffee.