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Der poetische Blick auf die sechziger Jahre. Mit 17 wird es Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen, findet Eli. Gelegenheit dazu bietet das Studium der Kinematographie in Potsdam. Was es damit auf sich hat, muss sie freilich noch herausfinden. Man schreibt das Jahr 1958, und Eli, die gelernte Gärtnerin, wird unter all den Intellektuellen »die proletarische Perle in der goldenen Krawattennadel«. Nach und nach begreift sie, dass es außer um Filme auch um Haltungen geht in einer Welt, die sich immer schärfer in zwei Lager teilt. Selbst als genau vor der Hochschule die Mauer hochgezogen wird, löst Eli ihre Konflikte nicht nach ideologischen Vorgaben, sondern nach moralischem Gefühl und gesundem Menschenverstand – naiv, dickköpfig, listig. »Dass man Schweres mit leichter Hand aufschreiben kann, hat Helga Schütz mit all ihren Büchern bewiesen.« Sächsische Zeitung.
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Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2012
Helga Schütz
Sepia
Roman
Aufbau Digital,veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, BerlinDie Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke derAufbau Verlag GmbH & Co. KG
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Der wilde Weg über den Neumarkt war in diesen Tagen hartgefroren.
In den Spuren splittert das Eis.
Eli zieht einen Handwagen, beladen mit guter Kohle, heute die siebente Fuhre, schwarzsilberne Brocken vom Bunker am Elbhafen für die Orangerie im Botanischen Garten, für die Palmen und die anderen frostempfindlichen Gewächse, Zitronen, Lorbeerbäume, unter Glas und in südlicher Wärme.
Sie tritt, rechts, links, in die betonfesten Abdrücke ihrer Filzstiefelsohlen, der Wagen läuft in der eingefahrenen Spur, es ist die kürzeste Strecke.
Sie ist siebzehn Jahre alt, braunäugig, unter einer aus bunten Wollresten gestrickten Mütze steckt ein Nest blonder Haare.
Die siebente Fuhre. Das soll die letzte sein. Für heute und für immer.
Eli wird nicht von einem Lehrmeister mit Schimpfe strafversetzt, vom Zitronenhain zum Heidefriedhof, dieses Mal nicht, sie wird auch nicht fortgelobt, vom besagten Heidefriedhof, wo sie die Anlage um einen neuen Gedenkstein überraschend vorbildlich gestaltet hat, in die fachlich anspruchsvolle Himalajaregion des Botanischen Gartens.
Die Arbeit im Strafrevier auf dem Friedhof hatte sich unter der Hand als paradiesische Zeit erwiesen, das Lob dagegen erweist sich als Fessel. Der Himalaja, das weiß jeder, das ist eigentlich das Höchste, das Lob hatte sie an eine Endstation katapultiert.
Eli will gehen. Sie ist fest entschlossen.
Sie hat in der Verwaltung ein Formular ausgefüllt und unterschrieben. Vor Anstrengung, vor lauter Erwartung glänzt die Stirn. Schweißperlen. Der Atem gefriert. Kristalle hängen an den Wimpern. Heiß und kalt. Die kürzeste Strecke ist lang.
Es hat angefangen, zu schneien. Eine saubere Decke liegt jetzt über den aufgeräumten Trümmern der Stadt. Weiße Rahmen zeichnen die Fensterhöhlen des Schlosses. Barrieren sichern den Weg über ein weißes Feld. Sperrgitter. Auf dem Steinhaufen der Frauenkirche spießen rote Blumen aus dem Schnee, Kranznelken vom Jahrestag der Bombennacht. Große Flocken schweben herab. Eli zieht den Wagen. Sie hat sich aus einer Sofadecke eine Jacke genäht, der Rücken und die Vorderteile sind mit Stoffresten gepolstert. Die Jacke wärmt und macht Mut. Schnee liegt nun über dem Eis. Flocken fallen auf die bunte Mütze. Eli liegt in den Deichselgurten, sie stemmt das Geschirr. Der Weg ist holprig und nun auch glatt, die Kohle ist schwer. Die Gedanken fliegen. Das soll die letzte Fuhre sein.
Im großen Bassin der Orangerie blüht die Victoria regia, die Riesenwasserrose. Sie blüht nur zwei Nächte, man muss sich beeilen, wenn die Knospe am ersten Abend ihre weißen Blätter entfaltet, duftet es im Glashaus, die Alten sagen: nach Ananas. Dieses Mal haben die Dresdner Naturfreunde wegen der niedrigen Temperaturen im Warmhaus wochenlang warten müssen. Es ist in der Zeitung bekanntgemacht worden. Die Verzögerung aus technischen Gründen und endlich das Ereignis. Interessierte Einwohner sind herzlich eingeladen, der Botanische Garten öffnet über Nacht seine Tore.
Gartenmeister Henn hat sich aus diesem Anlass rasiert, er hat ein Hemd angezogen und einen Schlips umgebunden. Ein Mitarbeiter wird die Tür zum Warmhaus bewachen, und Henn wird für Fragen zur Verfügung stehen und für Fotos, falls ein Fotograf kommt, um von der Blüte eine Aufnahme zu machen. Die Blüte und er, Henn, als Gartenmeister.
Eli hat das Schauspiel, die Victoriablüte, die erste Nacht weiß, die zweite Nacht rosa, schon einmal im vorigen Jahr erlebt. Sie hockt nun abseits auf einer freien Stellage, die Füße in Socken auf den Heizungsrohren, es ist die von Eli herbeigekarrte Kohle, die in der Orangerie für Wärme sorgt. Die Filzstiefel hat Eli mit Zeitungspapier ausgestopft. Sie trocknen inzwischen auf dem heißen Hauptrohr.
Der Gartenmeister hat viel zu tun. Eigentlich gilt er als stiller und ernster Mann, aber nun breitet er seine Kenntnisse aus.
Eine Besuchergruppe hat sich um ihn versammelt. Dann wird ein Mikrophon vom Rundfunk aufgebaut, und Henn erzählt alles noch einmal. Über den abenteuerlichen Weg der Pflanze. Fehlschläge, Hindernisse, Humboldt und sein Bonpland hatten seinerzeit kein Glück, erst viele Jahre nach der Entdeckung der Regia in einem Nebenarm des Amazonas hat es mit der Kultur dieses Blütenwunders mit den Riesenblättern in einem botanischen Garten Europas geklappt, und heute können wir uns freuen. Henn weist feierlich in Richtung Bassin, wo die Knospe sich allmählich öffnet. Er entschuldigt sich noch einmal, nimmt die Regia in Schutz, eine Verspätung kann ja mal vorkommen, statt November im Februar. Oder eine Verfrühung. Jetzt macht Henn sogar einen Scherz. Unser Wunder blüht schon im Februar statt erst im November. Die Besucher zeigen Verständnis, doch man hört auch andere Stimmen. So ein Durcheinander gab es nicht mal im Krieg.
Schließlich gewinnen die Schönheit und der köstliche Duft. Eli hat die Palmwedel vorsichtig beiseitegeschoben, sie beobachtet die Aktion von ferne, wundert sich über den Gartenmeister. Wie er sich für die Regia ins Zeug legt. Eli hat kaum je so viele Worte von ihm gehört und so freundliche. Seerose müsste man sein.
Henn ist dagegen, dass Eli fortgeht. Für einen Gärtner gehört sich das nicht. Ein Gärtner bleibt am Platz und hütet sein Revier.
Es ist Elis felsenfester Entschluss. Sie wird die aufgeräumte Stadt und den Botanischen Garten mit seiner gepflegten Himalajaregion samt den prächtigen Tränenkiefern verlassen.
Sie ist alt genug, es sind so viele Jahre vergangen, seit Großvater Anton sie als Überlebenskind im Sammelheim an der Elbe gefunden hat.
Eli hat unterdes den Gesellenbrief, Grund- und Fachschulabschlüsse und ein Zeugnis von einem Schreibmaschinenkurs in der Tasche, alles mit dem Siegel der Stadt. Henn hat, obwohl er dagegen ist, eine Empfehlung geschrieben.
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