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Erich Fromm hat bereits in den Dreißiger Jahren die Rolle, die die Sexualität bei der Entstehung und Ausgestaltung von psychischen Leidenschaften spielt, anders eingeschätzt als Sigmund Freud. Wie wenig triebhafte Strebungen ursprünglich mit der Sexualität verbunden sein müssen, zeigt Fromm in diesem Ende der Sechziger Jahre entstandenen Beitrag am Beispiel der prägenitalen Sexualität, an den Perversionen und hier besonders an dem so weit verbreiteten Sadismus auf. Für Fromm definiert sich das Sexualverhalten auf weiten Strecken durch gesellschaftlich vorgegebene Bezogenheitsformen. Aus dem Inhalt • Sexualität und Konsumgesellschaft • Die Bedeutung Wilhelm Reichs • Der Wandel in der Wertung der sexuellen Perversionen • Die gesellschaftliche Bedingtheit des Sadismus • Sadismus und Nekrophilie
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Seitenzahl: 55
Veröffentlichungsjahr: 2015
(Sexuality and Sexual Perversions)
Erich Fromm(1990g [1969])
Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer FunkAus dem Amerikanischen von Rainer Funk.
Das englische Originalmanuskript befand sich im Nachlass von Erich Fromm und trug den Titel The Sexual Revolution. Erstveröffentlichung in deutscher Sprache unter dem Titel Sexualität und sexuelle Perversionen 1990 in E. Fromm, Die Entdeckung des gesellschaftlichen Unbewussten. Zur Neubestimmung der Psychoanalyse (Band 3 der „Schriften aus dem Nachlass“) beim Beltz Verlag, Weinheim, S. 113-147. Überarbeitet fand der Beitrag 1999 Aufnahme in die Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag), Band XII, S. 73-96. – Die Erstpublikation in der englischen Originalsprache erfolgte 1992 unter dem Titel Sexuality and Sexual Perversions in: E. Fromm, The Revision of Psychoanalysis bei Westview Press in Boulder/USA.
Die E-Book-Ausgabe orientiert sich an den von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassungen der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, Band XII, S. 73-96.
Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.
Copyright © 1990 by The Estate of Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2015 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2015 by Rainer Funk.
Sexualität und sexuelle Perversionen
1. Aspekte der sexuellen Befreiungsbewegung
a) Sexualität und Konsumgesellschaft
b) Sexualität und neuer Lebensstil. Zur Bewegung der Hippies
c) Sexualität in der Psychoanalyse. Die Bedeutung Wilhelm Reichs
2. Die sexuellen Perversionen und ihre Wertung
a) Der Wandel in der Wertung der sexuellen Perversionen
b) Die psychoanalytische Wertung der Perversionen
c) Das perverse Erleben beim Sadismus und beim analen Charakter
3. Zur Re-Vision der Perversionen am Beispiel des Sadismus
a) Erscheinungsweisen und Wesen des Sadismus
b) Die gesellschaftliche Bedingtheit des Sadismus
c) Sadismus und Nekrophilie
Literaturverzeichnis
Der Autor
Der Herausgeber
Impressum
Eine sehr tiefgreifende und immer schneller vor sich gehende Wandlung ist seit den letzten zehn bis zwanzig Jahren (und in einem umfassenderen Sinne schon seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts) im Verständnis der Sexualität und im sexuellen Verhalten zu beobachten.[1] Der Wandel ist derart einschneidend, dass wir geradezu von einer sexuellen Revolution bzw. von einer Bewegung zur sexuellen Befreiung sprechen können. Ein allgemeines Kennzeichen dieser Bewegung ist der Anspruch, dass sexuelle Lust ein Zweck ist, der sich aus sich selbst rechtfertigt und der keiner besonderen Rechtfertigung durch die Absicht – oder die objektive Möglichkeit – der Fortpflanzung als Begleiterscheinung des sexuellen Aktes bedarf. Sexueller Genuss wird als unveräußerliches und uneinschränkbares Recht eines jeden Menschen betrachtet.
Dieser Einstellungswandel weist die herkömmliche christliche Auffassung, und hier speziell jene der katholischen Kirche, zurück, für die die Fortpflanzung der „natürliche“ Zweck des sexuellen Aktes ist, so dass jede Sexualität, die diesem Zweck nicht gerecht wird, als „unnatürlich“ (weil dem göttlichen Heilsplan widersprechend) und sündig gilt und mit Onans Masturbation verglichen wird. Die Bewegung zur sexuellen Befreiung begann bereits in begrenztem Umfang bei der jüngeren Generation der zwanziger Jahre. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde sie dann in Nordamerika und in den meisten europäischen Ländern zu einem Massenphänomen. Die Stärke dieser Bewegung findet einen bezeichnenden Ausdruck in der Tatsache, dass Millionen von Menschen, die beileibe nicht als radikal oder rebellisch angesehen werden können, der Einstellung des Papstes zur Antibaby-Pille weitgehend widersprechen.
Definiert man deshalb die sexuelle Revolution im Sinne der Bejahung des Rechts auf sexuelle Lust oder sexuelles Glück, wird sie zu einem Teilaspekt des allgemeinen Strebens nach Befreiung und größerer Freiheit, das für die politische Entwicklung in den westlichen Ländern typisch ist. Sie könnte als historisch folgerichtige und progressive Entwicklung angesehen werden. Es ergeben sich jedoch eine Reihe von Fragen, die zeigen, dass das Problem nicht so einfach ist. Vor allem ist zu fragen, ob man denn innerhalb der westlichen Welt überhaupt von einer solchen Tendenz wachsender persönlicher Freiheit sprechen kann. Ist eine solche Behauptung nicht [XII-076] hauptsächlich ideologisch und widerspricht ihr nicht die Tatsache des Anwachsens von Konformismus und Entfremdung? Sind die unter den Erwachsenen der Mittelschicht und unter den Jüngeren aller Klassen so weitverbreiteten sexuellen Praktiken der Promiskuität, des „Gruppen-Sex“ usw. wirklich Zeichen dafür, dass die Mittelschicht ein höheres Maß an Spontaneität und Freiheit erreicht hat? Es hat den Anschein, dass die gleichen Menschen, die die neue Sexualität praktizieren, auf der anderen Seite sehr gut an die vorherrschenden gesellschaftlichen Muster des Denkens und Fühlens angepasst sind und überhaupt keine radikale Avantgarde darstellen. Kann die sexuelle Revolution bei diesen gut angepassten Mitgliedern unserer entfremdeten Gesellschaft wirklich eine Revolution oder eine Befreiung genannt werden, solange deren Lebensstil so konventionell ist? Ist das sexuelle Verhalten der Hippies und der linken Studenten Teil des gleichen Phänomens?
Die folgenden Überlegungen versuchen, auf einige dieser Fragen eine Antwort zu geben.
Eine Analyse der sozialpsychologischen Veränderungen der letzten fünfzig Jahre zeigt das Vorhandensein von zwei völlig verschiedenen Trends. Der bemerkenswerteste ist das Wachstum der Konsumhaltung. Im Neunzehnten Jahrhundert verlangten die ökonomischen Bedürfnisse der Kapitalanhäufung vom Mitglied der Mittelklasse, dass es einen Charakter entwickelte, dem Sparen und Anhäufen ein inneres Bedürfnis wurden, dessen Erfüllung es befriedigte. Die durch die Erfordernisse der Massenproduktion gekennzeichnete kybernetische Gesellschaft zu Beginn der zweiten industriellen Revolution verlangt einen Menschen, der seine Befriedigung im Ausgeben und Konsumieren findet. Der Mensch wird zu einem geschäftigen, aber innerlich passiven homo consumens verwandelt. Aldous Huxley hat das Motto dieses neuen Typus von Mensch in seinem Buch Schöne neue Welt (1946) treffend ausgedrückt: „Schiebe nie das Vergnügen, das du heute haben kannst, auf morgen auf.“
Es ist wichtig, den modernen Konsum als eine Haltung oder, genauer gesagt, als einen Charakterzug anzusehen. Dabei kommt es nicht darauf an, was konsumiert wird: Man kann Essen, Trinken, Fernsehen, Bücher, Zigaretten, Gemälde, Musik oder Sexualität konsumieren. Die Welt in ihrem Reichtum ist zu einem Gegenstand des Konsums umgewandelt. Im Akt des Konsumierens saugt der Mensch gierig am Gegenstand seines Konsums und wird zugleich von diesem aufgesaugt. Die Gegenstände des Konsums verlieren ihre konkrete Qualität, denn sie werden nicht auf Grund von spezifischen und realen menschlichen Fähigkeiten begehrt, sondern auf Grund des einen allmächtigen Verlangens: von der Gier zu haben und zu gebrauchen. Die Konsumhaltung ist die entfremdete Weise, mit der Welt in Kontakt zu sein, weil die Welt zu einem Gegenstand der Gier gemacht wird, statt dass der Mensch an ihr interessiert und auf sie bezogen ist.
Ein Wirtschaftssystem, das die Konsumhaltung als Gesellschafts-Charakterzug braucht, kann kaum an einer viktorianischen Moral festhalten. Man kann keine [XII-077]
