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Sidney Wood lernt mit ihren Freunden einen Dackel kennen, der von einem Erfinder mit modernster Technik ausgerüstet wurde. Die Kinder erhalten Zauberhandys, mit denen sie zur Geisterstunde eine gefangene Prinzessin aus einem verwunschenen Schloss von Piraten befreien. Nach der Rettung beamen sich die Kinder nach New York, wo ein feuerspeiender Drache sein Unwesen treibt. Die Kinder und der Dackel nehmen sich vor, die Stadt von dem Ungeheuer zu befreien. Es stellt sich heraus, dass der Drache der verzauberte Bräutigam der Prinzessin aus Paris ist. Er wird zurückverwandelt. Mit Hilfe des Zauberhandys beamen sich die Kinder und der Dackel ins 17. Jahrhundert und bekämpfen die Piraten auf ihrer Pirateninsel und nehmen ihnen die geraubten Goldschätze ab. Der Piratenanführer und seine böse Zauberin versuchen mit einem altmodischen Zauberstab den Kampf gegen das Zauberhandy zu gewinnen.
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Seitenzahl: 280
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors Werner Horn
Perfecto-Verlag 22041 Hamburg Rantzaustraße 28
E-Mail: [email protected]
Copyright 2014
PERFECTO-VERLAG Hamburg
E-Book-Erstellung: www.mach-mir-ein-ebook.de
ISBN 978-3-9816138-2-7
Schrift: »Charis SIL« von SIL International, diese Schriftart ist unter der Open Font License verfügbar. »Blokletters Balpen« von LeFly Fonts, verfügbar unter der Creative Commons Attribution Share Alike License v3.00.
Das Buch widme ich
meiner Mutter Elfriede, die auf die
Welt hinabschaut und meine
Talente und Kreativität beobachtet,
die ich von ihr geerbt habe.
Meiner Tochter Sidney, die meine
Kreativität und Magie in sich vereint.
Der Sinn des Lebens, den ich tief in meiner Seele spüre, dass ich dazu geboren und berufen bin, etwas Besonderes zu leisten.
Wer gefordert wird, muss bereit sein, das Beste zu leisten, auch wenn man über seinen Schatten springen muss. Die inneren Kräfte können sich frei entfalten, um Wunder zu vollbringen, die einem niemand zutraut.
Im Leben eines jeden Menschen, früher oder später, gibt es wenige Chancen und Momente, die wie göttliche Gesandte zur Verfügung stehen. Diese Möglichkeit sollte man erkennen und niemals verpassen.
Der ersehnte Tag war endlich gekommen, die geplante Klassenreise begann. Es sollten die abenteuerlichsten, schönsten und aufregendsten Erlebnisse meines jungen Lebens werden. Die Antwort zu einer Reise in ein Märchenland kannte vorher nur der Wind. Er vertrieb die Langeweile des Alltags und wehte einiges in meinem Leben extrem durcheinander. Ich hätte nie gedacht, dass es möglich sein würde, in eine Welt einzutauchen, die meinen Wünschen und geheimen Träumen ganz nahe kam. Vielleicht bin ich erhört worden, eine göttliche Gabe wurde mir zuteil:
Einen Abenteuerurlaub aus meinen Lieblingsbüchern zu erleben.
In meinem Tagebuch hatte ich die Erlebnisse beschrieben. Die Zeilen waren so dramatisch aufregend und realistisch formuliert, dass sie in den Augen der Leser ein reales Bild erzeugten.
Ein Feuerwerk der Gefühle sollte mich verzaubern, dass mein Weltgefühl einschneidend veränderte. Bis zu dieser Klassenreise lief mein Leben in kleinen, unscheinbaren Abschnitten ab. Wenige Höhepunkte, die Abenteuer versprachen, kamen in einem Jahr zusammen. Bei genauer Analyse stellten sie sich immer als Flops heraus. In meinem Leistungsdrang und Erlebnishunger fühlte ich mich völlig übermotorisiert, wie ein Sportwagen in der Innenstadt. Das muss wohl an den Genen meines Vaters liegen. Töchter orientieren sich meistens an ihren Vätern.
JUHU, PIHU, HOLDRIO! Ein Freudenrausch stand uns bevor. Auf nach Frankreich! Hallo, ich bin Sidney Wood, dreizehn Jahre, acht Monate und einundzwanzig Tage alt.
Ich besuche ein Gymnasium in Hamburg und bin ein ganz normales Mädchen mit Schwächen für die Schönheiten, die uns diese Welt bietet.
Es gibt das Gerücht, dass wenn ich mit den Ohren wackele, die Heiterkeit für einen ganzen Schultag gesichert ist. Überwiegend verstecke ich meine großen Ohren unter meinen schulterlangen Haaren, um nicht als Spaßvogel zu agieren.
Manchmal rede ich ein bisschen zu viel, aber Reden ist mein Gold in der Kehle, ich liebe besonders wertvolle Metalle.
Endlich raus aus dem Schultrott, hinaus in die Ferne, eine andere Umgebung sehen, Paris lockt.
Neue Eindrücke gewinnen, den Horizont erweitern, den Geist und die Lernfähigkeit steigern. Wissen ist Macht, das ist die Devise und das Unterrichtsziel unserer Klassenlehrerin.
Für Phantasie blieb genügend Raum. Kreativität ist die Basis meiner beruflichen Zukunft. Ich arbeite Tag und Nacht in meinen Gedanken und Träumen. Mit neuen Ideen habe ich im Leben die Nase vorn.
Wenn mich nachts ein Gedankenblitz trifft, wache ich auf und spreche im Halbschlaf in mein Diktiergerät. So bin ich sicher, dass mir keine Ideen verloren gehen. Am nächsten Morgen übertrage ich die allerbesten aufgenommenen Gedanken in mein Tagebuch, so besitze ich ein ausführliches gutes Nachschlagewerk. Zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, kann ich jederzeit blitzschnell darauf zurückgreifen.
Mein Ziel ist es morgen besser zu sein als heute. Das richtige Mischungsverhältnis muss stimmen. Humor, Tapferkeit, Siegeswillen und Kreativität.
Meine beste Freundin, die kleine blonde Diana, ist bescheidend und zurückhaltend. Trotzdem liebt sie das Abenteuer. Wenn ich sie richtig in Fahrt bringe, macht sie alles mit und entwickelt besondere Fähigkeiten, über die wir uns öfter gewundert haben. Sie motiviert uns mit ihren Ideen. Manchmal dauert es ein wenig, bis sie in die Gänge kommt. Aber wenn sie richtig Gas gibt, ist sie konkurrenzlos auf der Überholspur unterwegs. Startprobleme müssen bei ihr vorher einkalkuliert werden, dann ist man auf der sicheren Seite.
Die etwas pummelige rothaarige Marlene mit ihren Sommersprossen ist ziemlich sensibel, schüchtern und ein bisschen ängstlich und hält sich gerne im Hintergrund auf. Ihre Hilfsbereitschaft ist besonders toll. Mit 1,60 ist sie die Kleinste in unserer Klasse. Zusammen sind wir unschlagbar. Wir sind ein Topgespann und haben viele gemeinsame Unternehmungen spontan gestartet und eine Menge Spaß gehabt. In unserer Freundschaft werfen wir alle unsere Fähigkeiten zusammen, so dass wir eine verschworene, sichere Gemeinschaft darstellen. Jeder Außenstehende muss sich erst bewähren, ehe wir ihm unser Vertrauen schenken.
Dustin ist ein ganz Süßer, kräftig, mit niedlichem Gesicht und langen schwarzen Haaren. Er ist für Action und abenteuerlustig. Immer gut aufgelegt, mit Dampf in allen Gassen unterwegs. Manchmal nerven mich seine coolen Sprüche, dann nimmt er sich besonders wichtig. Jeder hat kleine schwache Punkte, die übersehe ich großzügig.
Für Dustin schwärmt die ganze Klasse, er ist mein heimlicher Verehrer, nicht weitersagen, das ist mein Geheimnis. In der Klasse freuten wir uns auf diese Entdeckungsreise, um eine neue Stadt, ein neues Land und eine andere Mentalität kennen zu lernen.
Unsere Klassenlehrerin Frau Fuhrmann lehrt Deutsch und Geschichte. Sie ist schlank, dunkelblond, jung und supermodern eingestellt. Die Ausstrahlung ist das Wichtigste. Wir nennen sie die Göttliche. Sie gibt zu allem ihren Segen. Einen Heiligenschein sah ich bei ihr noch nicht. Vielleicht sind die Akkus zu schwach. Ich muss abends genauer hinsehen und man sieht bei Dunkelheit etwas mehr. Müssen wir einmal in den Ferien überprüfen. Sie ist jedenfalls nicht so schrullig und spießig und altbacken wie unsere Mathematiklehrerin Frau Fischmann. Zum Glück kommt die nicht mit auf die Reise. Das wäre echt ätzend, die Stimmung wäre dahin. Wir könnten uns nicht frei bewegen und wären ständig unter Kontrolle.
Für jeden Pieps müssten wir Rechenschaft über uns erklären, warum wir gerade dies oder das machen wollen. Sie wird Gini-Kontrolletti genannt, weil sie überall aus dem Nichts wie ein Flaschengeist auftaucht.
Unser Chemie- und Physiklehrer Herr Heinze war von der Reiselust gepackt und wollte uns praxisnah erklären, wie die Welt funktioniert. Er ist gemütlich und hat eine glänzende Vollglatze und kommt schnell ins Schwitzen. Es sieht lustig aus wie er seinen dicken Bauch vor sich herschiebt.
Mit seinem rheinischen Dialekt nennen ihn alle Schüler, den Dicken von Kölle am Ring.
Zu jeder Frage hat er die passende Lösung griffbereit zur Hand und schüttelt sie aus dem Ärmel wie ein Zauberkünstler einen weißen Hasen. Das ist spitze. Er ist ein Genie, der die innere Kreativität aller Schüler hervorzaubert.
Ein schriller Gong weckte uns am frühen Morgen in Frankreich aus unseren Träumen. Für die nächsten vierzehn Tage sollte dort unser Feriendomizil sein:
ein Landsitz wenige Kilometer von Paris entfernt. Das alte, ehrwürdige Herrenhaus aus einer vergangenen Epoche war von zahlreichen Nebengebäuden und einem großen Wassergraben samt See umgeben.
„Kommt, lasst uns einen Erkundungsgang über das Grundstück machen“, sagte ich zu meinen Freundinnen Diana und Marlene. Begeistert stimmten sie beide zu.
Wir schlenderten durch den Schlossgarten, entlang an dekorativen Sträuchern und kleinen Bäumen, die in verschiedene Formen wie Würfel, Kegel und Pyramiden geschnitten waren.
Plötzlich kam uns ein kleiner brauner Dackel mit einem glänzenden Fell entgegen. In einem Lederhalfter trug er ein kleines Handy und hatte einen Kopfhörer am Ohr.
„Was ist das?“ rief Diana. „Ein Hund mit einem Handy am Ohr!“ „Bist du ein süßer, schnuckeliger Hund, zum Kuscheln gerade richtig“, sagte Marlene.
Über einen Lautsprecher hörten wir eine laute, unfreundliche Stimme.
„Ich lass mich nicht auf der Straße von Fremden anquatschen! Niemand darf mich auf den Arm nehmen! Ich bin kein Weichspüler! Lustige Späße mache sind mein Talent. Ein gewöhnlicher Straßenköter bin ich ebenfalls nicht, der ein neues Heim sucht und guten Wind zum Frohlocken macht! Zuerst muss die Etikette gewahrt werden und ein schriftlicher Antrag mit drei bis vier beglaubigten Durchschlägen erfolgen, wenn mich jemand anspricht!“ so klang es in unseren Ohren. Wir sahen uns verdutzt an und konnten nicht glauben, was es bei den Franzosen zu sehen gab.
„Hallo, ein Deutsch sprechender Dackel in Frankreich, der unsere Sprache spricht, ist ja irre. So einen Hund hätte ich gerne, vielleicht kann man ihn von dem Besitzer adoptieren!“ sagte Sidney. Während der Dackel seinen Kopf stolz zum Himmel emporhob und einen scharfen Blick mit einem Auge nach hinten warf, als er neben uns stand.
„Mein Name ist Henry Comte de Bouillon! Ich stamme aus einem alten französischen Adelsgeschlecht, leider verarmte Seite, meine Vorfahren haben das ganze Vermögen durchgebracht. Wahrscheinlich beim
Hunderoulette, aber darüber gibt es nur Erzählungen und keine stichfesten Beweise, die ich sofort juristisch anfechten könnte. Wenn es Zeugen gibt, alles nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, sollten sie sich dringend bei mir melden. Übers Internet habe ich online Zugriff auf alle Gerichtsentscheidungen, so dass ich auch keinen sündhaft teuren Winkeladvokaten als Berater verpflichten müsste, sondern mich jederzeit selbst vertreten kann. Schriftsätze erstellt mein Sekretariat nach meinem Diktat.
Im Nebenjob verdiene ich als Butler meines Herrn ein paar Euro, so dass ich mir zwischendurch mal was Süßes erlauben kann. Auf meinem gemütlichen Sofa mit meiner schottischen, karierten Lieblingsdecke in der Nähe eines knisternden Kamins genieße ich meinen Feierabend. Sprechzeiten erfahrt ihr über meine Sekretärin im Büro der Verwaltung über Monsieur Palü.
„Man sieht sich, Mädels, haltet durch! Winkt mir zum Abschied und sagt leise Servus, damit ihr nicht die Nachbarn weckt! Momentan bin ich geschäftlich unterwegs!“ rief uns dieser Dackel zu, während er sich brandeilig entfernte.
So trappelte er davon, während sein Hinterteil wie ein Lastesel hin und her schaukelte.
Wir konnten uns das Lachen nicht verbeißen, unser Gekicher war über den ganzen Hof zu hören. Stimmung bis unter den Himmel. Wir fühlten uns wie bei einem Start ins Abenteuer, das uns ab jetzt jeden Tag begleiten sollte.
„Hier ist richtig was los! Wir werden bestimmt noch mehr Spaß haben!“ freute ich mich.
„Immer diese neugierigen Fremden auf unserem Grundstück. Auch im Tierreich sind wir auf dem neuesten Stand der Technik, um den Zeitgeist mitzuerleben. Ein Handy mit Übersetzungssoftware für verschiedene Tiersprachen, wie sie Professor Palü entwickelt hat, erleichtert mein Hundeleben. Bellen versteht ja keiner. Meine Erfahrungen sind für einen kreativen Gedankenaustausch von Nutzen. Ich bin für eine Spezialaufgabe unterwegs. Aufwendige Ermittlungen für Monsieur Palü. Menschen haben eine Vierzigstundenwoche. Wir Hunde leben nicht so lange, da reicht eine Achtstundenwoche aus. Ich glaube, wir müssen uns im Tierreich intensiv in einer Gewerkschaft organisieren und gesetzlich geregelte Arbeitsverträge aushandeln“, murmelte Henry in seinen Hundebart.
„Kommt, Mädels, dort hinten sehe ich eine einsame, verfallene Burg, die mit Pflanzen umschlungen und zugewachsen ist. Wir müssen einen Weg durch das Gestrüpp suchen!“ rief ich meinen Freundinnen zu.
Zutritt verboten! Stand auf einem großen, gelben Schild mit schwarzer Schrift in Französisch, Englisch, Deutsch, Arabisch und Chinesisch.
„Da traue ich mich nicht hinein!“ erklärte Marlene. „Ich gehe zuerst alleine los“, sagte ich voller Mut. Gespensterburgen sind meine große Leidenschaft.
„Wir warten hier, setzen uns auf die Parkbank und genießen die Sonnenstrahlen!“ entgegneten Diana und Marlene.
„Ich mache mich auf den Weg, das Gemäuer zu entdecken. Heute möchte ich was erleben!“ erwiderte ich.
Am Ende eines langen Flures stand ich vor einer überdimensionalen Eichentür, die mit schmiedeeisernen angerosteten Beschlägen verziert war. Die geschwungene Türklinke konnte ich nur mit Mühe auf Zehenspitzen erreichen, obwohl ich selbst mit einem Meter und siebzig nicht klein bin. Mit aller Kraft, die mir zur Verfügung stand, erreichte ich mein Ziel.
Das knirschende Geräusch des alten Holzes ertönte den Raum. Ein glitzernder Sonnenstrahl, der den Staub in der Luft sichtbar machte, fiel durch den Fensterladen, der teilweise von außen mit einer zugeklappten Jalousie verdeckt war. Die grüne Farbe blätterte bereits ab und das morsche Holz gab sich zu erkennen, während mir die Holzwürmer in ihrer Frühstückspause ins Gesicht blickten. Der Raum war mit Spinnweben ummantelt, als wäre diese Tür seitJahrhunderten nicht geöffnet worden. Die Möbel waren mit vermoderten und vergilbten Tüchern verdeckt. Ein Spiegelbild der Vergänglichkeit alles Weltlichen.
Plötzlich aus dem Nichts zischten und peitschten dünne, blanke Drahtseile durch den Raum und zerschlugen mehrere Kristallvasen. Zwei Marmorfiguren fielen von ihren Sockeln, die zur Seite geschleudert wurden.
Der Staub der Vergangenheit wirbelte sich zu einer Nebelwolke auf, so dass ich nicht mehr sehen konnte, was mit mir geschah.
Draht umwickelte in Sekundenbruchteilen meinen Körper, meine Arme und Beine. Mit erbarmungsloser Gewalt wurde ich an die Wand geschleudert und mit Kalk berieselt.
Mit dem Kopf traf einen Spiegel, er zersprang und fiel in Splittern zu Boden. Meine Augen schossen hervor, als mir das Blut in den Adern stockte und ich besinnungslos zu Boden sackte. Der Raum war verhext, dachte ich, als ich nach einer Ewigkeit einen klaren Gedanken fassen konnte. Während ich die Stimme meiner besten Freundin Diana wahrnahm.
„Was ist passiert?“ fragte Diana voller Entsetzen und sorgenvoll, als sie mich zusammengewickelt mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen sah. Ihr Schreien explodierte, da sich ihre Stimme zur höchsten Tonstufe überschlug. „Hilfe! Hilfe! Wer rettet meine Freundin?“
Das Echo des energievollen Rufens hallte durch die Burg. „Hier gibt es bestimmt Gespenster“, sagte ich.
„Hilf mir bitte, diese verdammten Drahtseile zu lösen, die mir das Blut bis auf die Knochen abquetschen. Ich habe fürchterliche Schmerzen.“ Während mir Tränen die Wangen hinunterflossen und sogleich auf mein zerrissenes, dunkelblaues mit silbernen Designerelementen versehenes Lieblingskleid tropften. Stellenweise war es mit einer dicken weißen Kalkstaubschicht bedeckt. Ein Sonnenstrahl streifte meinen Körper und warf einen langen Schatten auf den schmutzigen Holzboden, der die Scherben auf sich vereinte.
Durch die offen stehende Eichentür kam Henry, der Dackel, ins verwünschte Zimmer hineingestürmt.
„Hallo, ich habe das fürchterliche Poltern und die Schreie bis zum Schlosshof gehört! Habt ihr euch in der verbotenen Burg verirrt? Hier ist es lebensgefährlich und der Zutritt verboten. Es wimmelt von unheimlichen, unsichtbaren, bösen Wesen und Geistern, die nachts zum Leben erwachen. Sie haben in der Burg Fallen aufgestellt und treiben ihr Unwesen, das selbst mir ein Schauer über den Rücken läuft und ich eine Hundegänsehaut bekomme wie in einer rasenden Geisterbahn. Eine verwunschene Prinzessin mit dem Namen Bernadette Princesse de Rousseau de Varbonne wohnt hier und wurde von fürchterlichen Piraten auf einer Seereise ausgeraubt und mit einem Fluch belegt. Damals wurde ihr Geliebter, Prince Jean Paul d`Honneur entführt, Gold und ein Edelsteinschatz verschwand spurlos, so dass sie nicht zur Ruhe kommt. Piraten treiben sich um Mitternacht als Gespenster herum. Da wisst ihr jetzt Bescheid! Wenn ihr wollt, kann ich euch mit der Prinzessin bekannt machen. Ein streng vertraulicher Geheimtipp. Keine Informationen an unbeteiligte Fremde. Beweise sind riskant? Ich wecke euch heute Nacht zu einem Treffen, kurz vor zwölf Uhr! Das ist doch klar.“ Sprach Henry mit hoher Stimmlage und voller Erregung in sein Handy, so dass wir seine Sprache verstehen konnten.
„Monsieur Palü! Alarm! Alarm! Kommen Sie schnell in die alte Burg, dort ist ein Mädchen schwerverletzt und mit einem messerscharfen Draht gefesselt. Bringen Sie das volle Rettungsset, Spezialwerkzeug, Zangen, Seitenschneider, Eisensägen mit. Metallseile können damit sicher zerschnitten werden!“
Gelähmt und bewegungslos, wie ein Paket verschnürt, lag ich am Boden, als wenn die Post mich abholen und in meine Heimat zu meinen Eltern übersenden sollte. Es fehlte nur eine Briefmarke auf meinem Kleid. Diana beugte sich über mich streifte mir über den Kopf und versuchte mich zu beruhigen meine Qualen zu lindern.
In weniger als einer Minute kam ein älterer Herr, außer Atem und nach Luft schnappend, in den Raum geeilt und brachte auch Marlene und Dustin mit.
„Guten Tag, mein Name ist Palü!“ er sah aus,
wie man sich einen alten Professor vorstellt.
Graue gewellte Haare, bestimmt über 70 oder fast 80 Jahre alt, mit einem weißen Bart, der nach oben gezwirbelt war.
Er griff nach meinem Arm, während er eine Drahtzange in seiner Hand hielt und sofort mehrmals an verschiedenen Stellen die Seile mit einem beherzten Klick trennte. Das Drahtgeflecht setzte dem Werkzeug keinen Widerstand entgegen. Die erbarmungslose Fesselung löste sich. Die Schmerzen ließen sofort nach, als der Druck auf meinen Körper verschwandt. Meine Muskeln konnten sich wieder frei bewegen. Ich merkte, dass ich außer roten Striemen keine Verletzungen davongetragen hatte.
Mit Hilfe meiner Freunde und Monsieur Palü wurde ich langsam aufgerichtet. Sie hielten mich fest, bis ich sicher auf meinen Beinen stehen konnte. Der Staub auf meinem Kleid löste sich und schwebte in einer Wolke zu Boden und deckte liegende Splitter zum Schlafen zu.
Mit einem Lächeln auf den Gesichtern nahmen mich meine Freunde gleichzeitig in die Arme. Ein Wohlbefinden floss durch meine Adern.
„Auf dieses schreckliche Erlebnis hin habe ich eine Überraschung und ein Geschenk für jeden von euch mit einem sehr großen Geheimnis. Ihr seid durch die Vorsehung die Auserwählten, die mir als Ehrengäste geschickt wurden. Kommt mit in mein Laboratorium, dort zeige ich euch ein Gerät, das
noch niemand erlebt hat. Verbotsschilder locken erst recht den Entdeckungstrieb. Ich bin zu alt, um meine zukunftsweisenden Erfindungen komplett zu nutzen. Die Technik darf nicht in falsche Hände kommen!“ erhöhte Monsieur Palü die Spannung.
Er führte uns zu einem abseits gelegenen Villenkomplex auf dem Grundstück des weiten Schlossgartens. Wir betraten gemeinsam das Haus und standen in einem großen Wohnzimmer mit schwarzen Marmorböden und einer Vertäfelung aus hochglänzenden Wurzelhölzern, die eine dezente Maserung aufwiesen. An den Wänden hingen Portraits aus längst vergangenen Jahrhunderten. Die Jahreszahlen dokumentierten Lebensdaten der abgebildeten Personen.
„Das sind meine Vorfahren, berühmte Erfinder der Weltgeschichte, die den Fortschritt der Technik und Wissenschaft geprägt haben. Mein Arbeitsplatz ist in einer Werkstatt, die für niemanden zugänglich ist. Vor Spionen muss man sich in Acht nehmen!“ Über ein Handy gab er seinen Fingercode ein, sogleich hob sich eine Marmorplatte aus dem Boden und eine Metalltreppe, die in den Keller führte, kam zum Vorschein. Wir folgten Monsieur Palü in sein unterirdisches Reich. Ganz aufgeregt und gespannt waren wir, was er für ein Geheimnis lüften wollte.
Der Raum war komplett schneeweiß gefliest und wirkte wie ein Operationssaal im Krankenhaus. In Grün, Gelb und Blau leuchteten und blinkten zahlreiche verschiedene Messinstrumente; digitale Armaturen an den Wänden mit Prüfgeräten auf mehreren Tischen, füllten das verwinkelte Zimmer.
„Setzt euch auf die großen blauen Sofas, ich hole die Geschenke. Dies ist meine Erfindung, ein Superhandy. Ich habe es auf den Namen MAGIC-HANDY getauft. Es stehen dem Besitzer dieses Gerätes zahlreiche außergewöhnliche und einzigartige Bedienungselemente über ein Touchscreen zur Verfügung. Ich erkläre es euch ausführlich, danach bekommt jeder ein Exemplar geschenkt. Personendaten können nur einmal eingescannt werden. Die Funktionen sind auf keinen anderen Nutzer übertragbar, es wird gewährleistet, dass das Gerät im Falle eines Diebstahls nicht missbraucht werden kann.
Das Geburtsdatum, der Name, der DNA-Code und ein Fingerabdruck vom Daumen und Mittelfinger der rechten Hand müssen eingescannt werden.
Über das Display sind verschiedene Optionen wählbar:
1. Wenn man die Koordinaten, in Längen- und Breitengrad einer Stadt, die Straße mit Hausnummer einloggt, ist es möglich, innerhalb einer Sekunde jeden Ort der Welt zu besuchen.
MENÜ EINGABECODE: die Details programmieren und dann auf BEAMEN drücken.
Die Koordinaten für jeden Ort der Welt stehen in einer Liste, die über das Touchscreen aufgerufen wird. In Sekundenbruchteilen ist der Standort bis auf einen m² berechnet an den man sich begeben möchte.
2. Für die Bewältigung von kurzen Strecken ist der sogenannte Vogelflug möglich:
MENÜ PERSÖNLICHE FLUGSTEUERUNG einschalten. Autopilot oder manuelle Steuerung:
Dazu gibt es ein ausklappbares Steuerungselement auf der rechten Seite mit dem man die Geschwindigkeit regeln kann und die Flugrichtung steuert. Zur Bequemlichkeit kann eine Sitzstange ausgeklappt werden. Es ist auch möglich den ganzen Flug vorher zu programmieren. Schon geht es in alle Himmelsrichtungen los.
3. Wer sich in vergangene Zeitepochen einloggen will, muss das Datum, die Uhrzeit, bestimmte Jahre und den Ort eingeben:
MENÜ CODE ZEITREISE: Zum Beispiel das Jahr 1900, ein Besuch in Paris, um die Jahrhundertwende. Es ist möglich, eine Zeitreise in dieser Epoche zu erleben, die Weltgeschichte lebensnah zu spüren.
4. Das Handy verleiht Superkräfte, sogar ein Auto kann hochgehoben werden:
MENÜ CODE SPEZIALSTÄRKE GEFAHRENSICHERUNGEN: eingeben und es geht’s durch Strahlenenergie los.
5. Mit dem Handy kann man Gegenstände oder sich selbst unsichtbar machen oder wieder in die Sichtbarkeit zurückverwandeln.
MENÜ CODE UNSICHTBAR: eingeben. Das Handy auf sich selbst richten, schon ist man unsichtbar.
6. Zusätzlich gibt es eine Sprachsteuerung, um sich mit Tieren aller Arten unterhalten zu können. Wie es Henry bereits praktiziert:
CODE TIERSPRACHEN: eingeben.
7. Wenn es die Situation erfordert, kann mit der Zauberkraft alles verwandelt werden.
Zum Beispiel ein Mensch in ein Tier oder
Ein Mensch in einen Gegenstand oder umgekehrt:
MENÜ CODE VERZAUBERN: Verwandeln eingeben, Größe eingeben, zum Beispiel: „LÖWE“ eingeben.
Mit der Handykamera anvisieren auslösen, sofort ist das Objekt verkleinert oder vergrößert und in einen Löwen der gewünschten Größe verwandelt.
8. Sprachen lernen, zum Beispiel Chinesisch, wer will, hat die Möglichkeit, sich problemlos in dem entsprechenden Land zu unterhalten. Man spricht zum Beispiel leise in Französisch in das Handy hinein und der Sprachcomputer spricht laut in Chinesisch heraus:
MENÜ CODE SPRACHEN: Das Land, wie zum Beispiel CHINA eingeben und schon spricht man übers Handy Chinesisch.
Die normalen Funktionen, Telefonieren, SMS versenden, Internet, Fotografieren, Filmen sind natürlich auch enthalten.
10. Die Krönung ist eine eingebaute Laserkanone, mit der man Angreifer außer Gefecht setzt, ohne sich die Finger in einem Kampfgewühl schmutzig zu machen. Die elegante Art aus der Ferne zu kämpfen.
Über das Display Laseraktivierung eingeben und mit der OK-Taste aktivieren.
11. Automatische Waffen können programmiert werden. Schwerter, die selbständig kämpfen, Pistolen oder Gewehre, die unabhängig schießen. Die Waffen werden an den Ort der Verteidigung gebeamt.
Durch die Stimmenerkennungssoftware wird der Einsatz auf Befehl vor Ort aktiviert und angezeigt, wie die Waffen eingesetzt werden.
Zum Beispiel: Es kommt der mündliche Befehl, auf den rechten Zeh eines flüchtigen Diebes zu schießen, dann wird nur dort getroffen.
12. Zusätzlich kann ich neue Erfindungen jederzeit nachrüsten. Ich habe mehrere Entwicklungsstufen in Arbeit. Das MAGIC-HANDY ist wasserdicht bis zu einer Tiefe von 200 Metern.
„Der Höhepunkt ist ein zusätzlicher Laptop. Das ist praktisch ein Reisekoffer. Auf einer eigenen Webseite gibt es Wertfächer und Transportbehälter. Dort können alle Gegenstände bis zu der Bildschirmgröße von 40 X 35 cm hineingereicht und an jedem Ort wieder herausgenommen werden. Zusätzlich kann man Sachen online bestellen, die sofort durch den Monitor herausgereicht werden. Ein Laptop bekommt Sidney für das Leid, das du ertragen musstest.“
„Jetzt zeige ich euch in der Praxis, wie das MAGIC-HANDY funktioniert. Zuerst muss ich eure Daten sorgfältig in die Handys eingeben. Wir gehen gemeinsam nach der Programmierung in den Garten. Wenn ihr wollt, könnt ihr selbst einen Probeflug unternehmen.“
„Jeder von euch erhält ein MAGIC-HANDY in einer Ledertasche, die ihr am Handgelenk wie eine Armbanduhr befestigt, so dass das Display gut zu bedienen ist. Wer ist mutig und will zuerst das Fliegen ausprobieren? Es ist völlig ungefährlich, selbst für mich alten Mann. Ich mache es einmal vor!“
Monsieur Palü klappte einen Hebel am Handy heraus.
„Damit kann man die Geschwindigkeit regulieren, starten und landen, durch Armbewegungen und Aerodynamik wird die Flugrichtung gesteuert. Der Himmel ist endlos und ihr braucht keine Startbahn, aus dem Stand geht es sofort senkrecht los.“
Er drückte auf den Startknopf. Schwerelos hob er sich langsam in den blauen Himmel empor.
Mit seinen Armen lenkte er zur Seite und flog eine Linkskurve, dann rechts herum, danach drehte er sich zweimal in einen Looping und stand nach einer sanften Landung neben uns.
Die Begeisterung erlebte einen Höhepunkt und wir wollten es sofort ausprobieren.
„Ich möchte lernen wie man schwebt und sich als Vogel fühlt!“ meldete ich mich als Erste.
Ich durfte sofort starten. Ein bisschen Herzklopfen hatte ich. Nachdem ich den Startknopf betätigt hatte, hob ich vom Boden ab und war in wenigen Sekunden über den Bäumen und flog eine Kurve am Schloss vorbei. Plötzlich sah ich unseren Lehrer Herrn Heinze, der das Fenster öffnen wollte und mich mit offenen Mund ansah. Er hetzte keuchend die Treppe hinunter, schnappte nach Luft. Sein Atem stockte, als er in den Schlossgarten stürmte, um zu sehen was sich dort ereignete.
Die Tür hinter ihm fiel krachend und polternd zu, einige Holzleisten zerbarsten und splitterten. Der Schlüssel, der im Schloss steckte, fiel klimpernd auf den Steinboden und wurde von mehreren Laubblättern abgefedert.
Ich schoss durch die Luft, als Herr Heinze zum Himmel blickte und das für ihn Unfassbare sah. Seine Erfahrungen und Kenntnisse der Physik, die er uns mit Überzeugung und Begeisterung lehrte, waren außer Kraft gesetzt worden.
„Alle Schulbücher der Physik müssen ab heute neu geschrieben werden!“ rief er lautstark.
„Ich glaube ich träume! Sidney Wood, was machst du in der Luft, du kannst doch kein Vogel sein!“
Er kniff ein Auge zusammen, um im Gegenlicht mehr als eine Silhouette zu erkennen. Ich legte meine Arme eng an den Körper und gab mit der Fernbedienung Vollgas. In einem Sturzflug schwebte ich dicht über eine Rosenhecke hinweg. Der Duft streifte meine Nase. Sofort startete ich steil in den Himmel. Meine Arme streckte ich zur Seite und flog eine schnelle Rechtskurve mit Salto. Jetzt stand die ganze Schulklasse im Garten. Es war ein dichtes Gedränge, jeder wollte den besten Blick erhaschen. Alle Mitschüler und Mitschülerinnen hielten mich für verhext und verzaubert.
„Seht mal Sidney, ein Wunder! Jetzt fehlt ihr nur ein Umhang mit dem Logo SIDNEY–SUPER-GIRL, wir machen gleich einen Fanclub auf!“ Jubel brach unter allen Beobachtern aus.
„Ich habe immer gesagt, in Sidney stecken außergewöhnliche Talente!“ rief unsere Klassenlehrerin Frau Fuhrmann aus vollem Hals und strapazierte ihre Stimmbänder.
Langsam und vorsichtig setzte ich zur Landung an, bis ich festen Boden unter den Füßen hatte.
„Das hat Spaß gemacht, ich könnte sofort um die ganze Welt fliegen“, sprach ich voller Begeisterung.
„Wie ist das möglich, dass du fliegen kannst, völlig ohne Flügel?“ „Hattest du keine Angst?“ fragte mich Herr Heinze während er auf mich zuging.
„Außergewöhnliche Erfahrungen und Situationen heben den Charakter eines Menschen hervor und lassen sein wahres Gesicht erkennen.“ sprach ich stolz. Dieser ungewöhnliche Erfolg, der auf mich eingewirkt hatte, machte mich nicht überheblich, ich blieb wie ich war, ganz normal.
Freudestrahlen zeichneten mein Gesicht über das einschneidende Erfolgserlebnis aus.
Ich erklärte: „Darf ich vorstellen! Das ist Monsieur Palü, der Erfinder des kleinen Gerätes, der Träume erfüllen kann. Damit ist das Fliegen ein Kinderspiel.“
Monsieur Palü fügte hinzu: „Phantasie und Kreativität fördern den Geist und den Fortschritt. Man muss Träume der Menschheit wahr machen. Es ist alles zu schaffen, wenn man nur hart an seinem Endziel arbeitet, um etwas erreichen zu wollen“.
„Mit dem Gerät können wir uns rund um die Welt beamen“, fügte Dustin hinzu.
„Das glaube ich nicht! Ich will es selbst erleben, dass würde meinen Lehrstoff in der Schule völlig außer Kraft setzen“, entgegnete Herr Heinze
Monsieur Palü erwiderte: „Ich habe sechs MAGIC-HANDYS, wir starten morgen gemeinsam mit Herrn Heinze zu einem Kurztrieb nach New York. Über die Funktion BEAMEN sind wir in wenigen Sekunden dort und können alle Funktionen ausgiebig in der Praxis demonstrieren. Die Grundlage für den Erfolg ist meine technische Begeisterung und Leidenschaft, die ich mir im Herzen bewahrt habe, so konnten auch Schwierigkeiten und Entbehrungen für eine außergewöhnliche technische Entwicklung überwunden werden.“
Dustin, Diana und Marlene machten ihre ersten Flugversuche. Mit einem breiten Lächeln landeten sie im Vorgarten vor dem Schloss. Diana sagte: „Wenn ich selber fliege, dann fühle ich mich wie ein Adler, der durch die Lüfte gleitet, dann habe ich alles unter Kontrolle und keine Flugangst wie in einem Flugzeug.“
Es war kurz vor Mitternacht, als Henrys Stimme vor Sidneys Fenster die Stille der Nacht durchdrang. Der Vollmond erhellte den Park mit einem gespenstischen Licht.
„Heute besuche ich die Prinzessin, wer will mitkommen und Abenteuer erleben?“ erklangen die Worte von Henry.
Unser Schlafzimmerfenster war einen Spalt breit geöffnet. Mit der frischen Luft vereint, eilten die Töne von Henry zu unseren Ohren und rüttelten uns aus dem Schlaf.
Erschrocken, blitzschnell hellwach, sprang ich auf und winkte Henry mit den Worten zu: „Wir kommen gleich! Wir fürchten nicht die Finsternis.“
„Kommt leise, Henry wartet auf uns. Wir besuchen heute Nacht die verwunschene Prinzessin. Unsere Mission ist, sie zu befreien und das Böse zu vernichten.“
„Wir müssen uns aus dem Haus schleichen, keine Lehrer wecken, bevor sie uns verfolgen und merken, was wir vorhaben. Jetzt beginnt das neue Leben im Zauberland“, flüsterte ich meinen Freunden in die Ohren.
Im Lichtschein meiner sonnenhellen Taschenlampe, huschten wir alle durchs Treppenhaus. Am verschlossenen Lehrerschlafzimmer schwebten wir lautlos wie Engel auf Zehenspitzen vorbei. Es sollte kein Geräusch den mitternächtlichen Einsatz dieser Expedition enttarnen. Henry erwartete uns sehnsüchtig. In der frischen Sommernacht hatte er einen Strickpullover in Schottenmusterkaros, weinrot und gelb, mit einem Adelswappen angezogen, so wirkte er noch lustiger.
„Da seid ihr endlich, ich warte eine Ewigkeit und stehe mir alle vier Pfoten in den Bauch. Es wird allerhöchste Zeit. Jetzt ist es eine Minute vor zwölf, Mitternacht rückt in 60 Sekunden heran. Da heißt es bereit zu sein für ein Feuerwerk der Gefühle und der Begeisterung“, erklärte Henry vor versammelter Mannschaft.
Erdrückende Spannung lag wie ein Bleigewicht über unseren Körpern der Jugend. Eine Turmuhr auf dem Anwesen schlug zwölf. In der gleichen Sekunde mit dem letzten Schlag der Uhr erweckte die verlassene Burgruine zum Leben.
Das milchige Glas der Fensterscheiben wurde klar, als wären sie vom Glaser gerade in diesem Augenblick neu eingesetzt worden. Hinter allen Scheiben leuchteten Kerzen in Kronleuchtern. Das gelbe warme Licht strahlte in die Nacht hinaus.
„Neue Kerzen werden ihre Position von Generation zu Generation als Lebensaufgabe einnehmen, um die Burg, Nacht für Nacht bis in alle Ewigkeit erleuchten, bis der Charme der romantischen Stimmung in der Dunkelheit versiegt“, flüsterte ich.
Die angerosteten Beschläge der Eichenpforte überzogen sich in dem Moment mit purem Gold, glänzten im warmen Kerzenschein intensiver und goldiger. Wie von Geisterhand, öffneten sich die Flügel eines Tores. In unsere Ohren drang der gedämpfte Sound klassischer Musik aus vergangenen Jahrhunderten. Im selben Augenblick flogen im Sturzflug Fledermäuse kreischend über unsere Köpfe hinweg. Sie streiften mich an meinen langen Haaren, so dass ich glaubte, die Tiere würden es sich auf meinem Kopf gemütlich machen.
In der Dunkelheit der Bäume verschwanden die Flugobjekte so schnell, wie sie kamen, in der Endlosigkeit der Natur des Parks. Henry rief lautstark: „Achtung, Vorsicht, Deckung!“Da war der ganze Spuk vorbei.
„Lasst uns eintreten, Leute, ich bin hier oft zu Gast und kenne mich mit den Gepflogenheiten in diesem Haus zu dieser Stunde gut aus. Ich komme schließlich aus dem Adelsstand, so dass sich hier meine Jugend widerspiegelt. Unter meiner Regie seid ihr sicher!“ sagte Henry.
Ein weinroter Hochflorteppich lag vor uns, das markante Wappen mit einer Krone verziert. Der lange, schmale Flur entwickelte sich zu einem Labyrinth, wie in einem Spiegelkabinett mit Verzweigungen, aus dem es kein Entkommen gab.
„Achtung! Vorsicht, Freunde, es öffnen sich zwei Spiegelwände und verschieben sich zur Seite!“ beschwor Henry uns, da er alle Tricks hier kannte.
In dem Moment passierte es von Geisterhand vor unseren Augen. Sofort wurde der Weg hinter uns verschlossen, nachdem wir den Gang durchschritten hatten.
An den Wänden hingen in goldenen Rahmen Gemälde von Generationen, elegant gekleidete Adelige.
„Ich habe den Eindruck, dass uns ihre Blicke verfolgen und sie noch leben“, flüsterte ich, Henry zu.
Diana sagte:„Vielleicht wachen zur Geisterstunde alle auf und springen aus den Rahmen. Nach einer Begrüßung steigt im Festsaal bestimmt eine Gespensterparty mit Vampiren, das wäre richtig geil!“
„Ich glaube ein Flüstern und Tuscheln zu hören, dass sich alle miteinander unterhalten und sagen, da kommen endlich unsere Retter, wir haben Jahrhunderte auf euch gewartet“, meinte Marlene.
Wir erreichten einen großen prunkvollen Saal, der mindestens drei Stockwerke hoch war. Unzähligen Fledermäusen hingen unter den Kronleuchtern, warfen ihre Schatten auf den Teppich. Mehrere Nachtfalter kreisten gespenstisch über uns hinweg. Kreischend, als wäre ein Angriffsbefehl erklungen, stürzte sich eine Fledermaus geradewegs auf uns zu und stoppte vor unseren Füßen.
Ein greller Blitzkegel zuckte durch unsere Augen und eine ungepflegte, erschreckende Fledermaus stand vor uns. Sie verwandelte sich plötzlich in einen Mann, zerlumpt und unrasiert mit wildem Bartwuchs, der nicht in die Eleganz dieses Anwesens passte.
Die grauen Haare waren ungewaschen und zottelig und standen zu allen Seiten ab. Er stank wie ein Tier, das obendrein wasserscheu sein dürfte.
An seinen Schultern hing eine kleine Fledermaus, die ihre Flügel ausbreitete und flatterte, als wollte sie gleich losfliegen oder sich auf uns stürzen. Ein Krächzen kam aus ihrem Maul.
Der alte Mann blinzelte durch sein rechtes Augenlid, während das linke Auge mit einer schwarzen Augenklappe verdeckt war.
„Deine Sehkraft hast du bestimmt auf hoher See während eines Gefechtes zurückgelassen und gleich dein Piratenschiff zu den Jagdgründen der fetten Fischschwärme geschickt. Sonst wärst du keine Landratte mitten im Zentrum von Paris“, machte sich Henry seine gesprächigen Gedanken.
Der Pirat ließ seine Blicke über uns schweifen, musterte unsere Reaktionen, um einzuschätzen, in welche Schublade der Erfahrungen wir passen würden.
„Was wollt ihr in einer Welt der Verdammten, in der ihr keine Rechte und keine Zukunft erlangen werdet? Wir lieben keine Eindringlinge und Zeugen!“ Seine Stimme war tief wie ein Ozean und dunkel wie das unerforschte Weltall, klang der Ton aus seinem verlebten Gesicht, das mit Narben übersät war.
