Sie blieben allein - Patricia Vandenberg - E-Book

Sie blieben allein E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

IM SONNENWINKEL ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplatz ist der am Sternsee verträumt gelegene SONNENWINKEL. Als weitere Kulisse dient die FELSENBURG, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Der Sonnenwinkel ist eine Zusammenfassung der kleinen Orte Erlenried und Hohenborn, in denen die Akteure der Serie beheimatet sind. Die einzelnen Folgen behandeln Familienschicksale, deren Personen wechseln, wenn eine Handlung abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt, jedoch als Rahmenhandlung, stehen die immer wiederkehrenden Hauptpersonen, die sich langsam weiterentwickeln. So trennt den ersten und letzten Roman in etwa ein Jahrzehnt. »Ich habe mir das Zimmer ausgesucht«, schallte eine erboste Bubenstimme durch das Haus im Sonnenwinkel, in dem vor einer Stunde die neuen Besitzer eingetroffen waren. »Nein, ich habe es zuerst ausgesucht«, widersprach eine andere heftig. »Nonna, sag du es bitte Dirk, dass das mein Zimmer ist.« Nonna, so wurde Selina Minetti von ihren Enkeln gerufen, kam herbei, um den Streit zu schlichten. Mit sanfter, wohltönender Stimme, die ihre italienische Abstammung verriet, redete sie auf die Zwillinge ein. So ähnlich die beiden Jungen äußerlich auch waren, einer Meinung waren sie nur sehr selten. »Was sollen unsere neuen Nachbarn nur denken, wenn ihr so schreit?«, ermahnte sie die beiden. »Einen schönen Schreck werden sie bekommen.« »Sie haben ja auch einen Jungen«, beantwortete Claas die Frage seiner Großmutter. »Wir haben ihn schon gesehen. Hannes heißt er.« »Sie haben anscheinend noch mehr Kinder«, trompetete Dirk wieder in voller Lautstärke durch die Gegend. »Ich verstehe nicht, dass ihr nicht auch leise sprechen könnt«, erklärte Nonna sanft. »Muni hat Migräne.«

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Im Sonnenwinkel – Neue Edition – 2 –Sie blieben allein

Patricia Vandenberg

»Ich habe mir das Zimmer ausgesucht«, schallte eine erboste Bubenstimme durch das Haus im Sonnenwinkel, in dem vor einer Stunde die neuen Besitzer eingetroffen waren.

»Nein, ich habe es zuerst ausgesucht«, widersprach eine andere heftig. »Nonna, sag du es bitte Dirk, dass das mein Zimmer ist.«

Nonna, so wurde Selina Minetti von ihren Enkeln gerufen, kam herbei, um den Streit zu schlichten. Mit sanfter, wohltönender Stimme, die ihre italienische Abstammung verriet, redete sie auf die Zwillinge ein. So ähnlich die beiden Jungen äußerlich auch waren, einer Meinung waren sie nur sehr selten.

»Was sollen unsere neuen Nachbarn nur denken, wenn ihr so schreit?«, ermahnte sie die beiden. »Einen schönen Schreck werden sie bekommen.«

»Sie haben ja auch einen Jungen«, beantwortete Claas die Frage seiner Großmutter. »Wir haben ihn schon gesehen. Hannes heißt er.«

»Sie haben anscheinend noch mehr Kinder«, trompetete Dirk wieder in voller Lautstärke durch die Gegend.

»Ich verstehe nicht, dass ihr nicht auch leise sprechen könnt«, erklärte Nonna sanft. »Muni hat Migräne.«

Muni, das war die Mutter der flachsköpfigen Zwillinge. Sie saß, in warme Decken gehüllt, fröstelnd in einem Sessel in ihrem Schlafraum, in dem nur noch die Vorhänge fehlten. Das Haus war noch nicht durchwärmt, obgleich die Heizung auf vollen Touren lief.

Warum die Jungen nur immer brüllen müssen, dachte auch sie und hielt sich den schmerzenden Kopf. Es war nicht nur die Migräne, die sie plagte, sie hatte Sorgen.

Die väterliche Autorität fehlt doch, ging es ihr durch den Sinn, aber sie wollte diesem Gedanken keinen Spielraum geben.

Erst muss ich Abstand gewinnen, ermahnte sie sich, alles in Ruhe überdenken und mich damit abfinden, dass sich mein Leben von Grund auf verändern wird. Auch die Zwillinge werden sich an das Leben ohne ihren Vater gewöhnen, redete sie sich ein.

Da kamen sie schon ins Zimmer gestürmt. Sie zuckte zusammen und stöhnte leise, was die beiden veranlasste, sich nun auf Zehenspitzen zu bewegen.

»Leg dich doch lieber hin, Muni«, meinte Dirk fürsorglich.

»Es gibt ja noch so viel zu tun«, widersprach sie müde.

»Das machen Nonna und Paula«, versicherte Claas. »Wir würden ja auch helfen, aber sie sagen immer, dass wir nur im Wege herumstehen«, fügte er kleinlaut hinzu.

»Dann geht hinaus und schließt die Türen, damit es endlich warm wird«, meinte sie nachsichtig.

Aber sie rührten sich nicht vom Fleck. »Was habt ihr nun noch auf dem Herzen?«, fragte sie darauf.

Dirk versetzte Claas einen leichten Stoß, dann aber ergriff er doch das Wort. »Weißt du, Muni«, druckste er herum, »musst du dich hier eigentlich auch Minetti nennen? Die Leute werden sich schon wundern, dass wir Muni und Nonna sagen.«

»Und eigentlich heißt du doch auch Ullrich«, pflichtete Claas seinem Bruder bei. »Du bist doch mit Vati verheiratet, sonst wissen das die Leute hier ja nicht.«

»Und es langt ja auch, dass du als Sängerin Minetti heißt«, meinte Dirk.

Es hat sich ausgesungen, dachte sie deprimiert. Warum hatte sie eigentlich nicht den Mut gefunden, mit ihrem Mann darüber zu sprechen? Arnold war doch ihr Mann, wenn es auch in letzter Zeit manche Differenzen gegeben hatte. Aber würde er nun nicht denken, dass er nur ein Notanker für sie sei?

»Wenn Vati kommt, hört es sich erst recht komisch an, wenn sie Frau Minetti zu dir sagen«, begann Dirk wieder.

Er wird nicht kommen, wollte sie sagen, aber sie brachte es nicht über die Lippen.

»Lasst mir ein wenig Ruhe«, lenkte sie ab. »Schaut euch um, solange ihr noch nicht zur Schule braucht.«

Sie verzogen sich. »Mit der Schule, das wird auch so was werden«, knurrte Claas. »So ein weiter Weg. Ich bin gespannt, wie wir dahinkommen sollen.«

»Mit den Rädern«, meinte sein Bruder.

»Bei der Kälte – brrr! Hier bläst ein ganz schöner Wind.«

»Nicht so schlimm wie am Meer«, äußerte sich Dirk. »Vielleicht fährt auch ein Schulbus.«

»Für so’n paar Kinder? Die Kleine von nebenan geht bestimmt noch nicht zur Schule.«

»Aber der Junge. Der ist so alt wie wir. Komm wir schauen uns die Gegend ein bisschen an.«

Sie blieben gleich wieder vor der Tür des Nachbarhauses stehen. »Auerbach heißen sie«, murmelte Claas.

»Auerbach heißen wir«, echote es hinter dem Zaun hervor, »und ich heiße Bambi.«

Ihre dunklen Augen blitzten die beiden Jungen fröhlich an. Eine kleine Hand streckte sich ihnen entgegen, die sie nacheinander drückten.

»Und das ist Jonny – er wird mal ein großer Collie, nur sieht man ihm das jetzt noch nicht an.«

»Ich habe gleich gesehen, dass es ein Collie ist«, bemerkte Dirk. »Er wird vier Monate alt sein.«

Bewundernd sah ihn Bambi an. »Fast«, nickte sie. »Du verstehst was von Hunden.«

»Wir haben zu Hause eine Dogge«, mischte sich nun Claas ein.

Bambi sah ihn staunend an. »Zu Hause? Seid ihr denn nicht hier zu Hause? Ihr habt doch das Haus gekauft?«

»Muni hat es gekauft – unsere Mutter«, fügte er erklärend hinzu. »Sie wollte mal Ruhe haben.«

»Und sonst seid ihr hier nicht zu Hause?«, setzte Bambi ihr Verhör fort. »Wo denn sonst?«

»In Bremen«, knurrte Dirk.

Er fand es unter seiner Würde, sich von einem so kleinen Ding ausfragen zu lassen, aber Bambi war einfach unwiderstehlich.

»Bremen ist weit«, stellte sie fest. »Wir waren auch schon mal dort, als wir von London gekommen sind. Es ist aber sehr weit, wenn euch euer Vati besuchen will. Ihr habt doch einen Vati?«

»Na klar haben wir einen Vati, was denkst du denn?«, brummte Claas. »Hier war doch auch noch ein Junge? Ich habe ihn gesehen.«

»Wir haben ihn gesehen«, berichtigte Dirk.

»Hannes ist in der Schule. Ich kann euch die Gegend auch zeigen, wenn ihr wollt.« Bambi war sehr darauf bedacht, gleich ein gutnachbarliches Verhältnis zu schaffen, hatte ihre Mami doch gesagt, dass dies wichtig sei.

»Wie kommt er denn zur Schule?«, fragten sie wie aus einem Munde.

»Mit Rickys Auto. Ricky geht ja auch noch zur Schule«, erklärte Bambi. »Die Schule ist sehr schön. Und einen netten Lehrer bekommt ihr auch, den Dr. Rückert. Denen gehört das Wochenendhaus da drüben.«

Sie deutete mit ihrem kleinen Zeigefinger darauf. Dirk und Claas schnitten Grimassen.

»Einen Pauker haben wir auch auf der Pelle«, seufzten sie. »Das kann ja gut werden.«

»Sie sind nur am Wochenende da«, meinte Bambi, »in der Woche wohnt er in Hohenborn. Und ein Pauker ist das nicht, nur ein richtig netter junger Lehrer. Hannes hat ihn auch gern. Und dort ist die Felsenburg. Heute ist es ein bisschen neblig, da kann man sie gar nicht richtig sehen. Die ist ganz alt, schon sechshundert Jahre.«

»Was du nicht alles weißt«, spottete Dirk.

Bambi, die nie etwas Schlechtes dachte, nahm es für bare Münze. »Ich weiß noch viel mehr«, erklärte sie. »Wir wohnen ja auch schon länger hier.«

»Und euch gefällt es wohl?«, fragte Claas ungläubig.

»Und wie! So schön wie hier im Sonnenwinkel ist es nirgends auf der ganzen Welt.« Ein strahlendes Lächeln begleitete diese überzeugende Beteuerung.

»Euch wird es auch gefallen«, fuhr sie überzeugt fort, als sie schwiegen. »Ricky war es erst auch zu einsam.«

»Wer ist Ricky?«, wollte Claas wissen.

»Unsere große Schwester.«

»Noch ein Mädchen«, murmelte Dirk.

»Wir haben auch noch unseren großen Bruder Jörg. Der studiert aber in München«, erwiderte Bambi bereitwillig. »Aber Zwillinge finde ich schön. Ich hatte noch keine vorher gesehen, wenigstens nicht welche, die sich so ähnlich sind.«

Sie fanden es nun doch an der Zeit, sich auch vorzustellen. Forschend betrachtete Bambi sie, als sie ihre Namen nannten.

»Na ja, ein bisschen schwer wird es schon werden, bis ich mir merke, wer Claas und wer Dirk ist, aber ich werde es schon lernen!«

*

Manuel, der kleine Sohn des Großindustriellen Felix Münster, gab seiner Umwelt Rätsel auf. Drei Wochen wohnten sie nun schon in der Dependance des Erlenhofes im Sonnenwinkel und damit war Manuels sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen. Wenigstens hatten dies sein Vater und auch Teta, die Haushälterin, gemeint. Aber wenn man Manuel so recht betrachtete, konnte es nicht verborgen bleiben, dass er auch noch andere Wünsche hegte.

Kaum war er morgens aufgestanden, hielt er schon Ausschau nach Sandra. Tetas sanfte Ermahnungen, dass Fräulein von Rieding, die im Herrenhaus des Erlenhofes wohnte, sich ja nicht nur um ihn kümmern könnte, bekümmerten ihn. Wenn Sandra dann aber kam, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen, war er wie umgewandelt. Da konnten seine sonst so melancholischen Augen strahlen, da konnte er sogar lachen.

Tauchte jedoch der Architekt Carlo Heimberg auf, und das geschah häufig genug, denn die Siedlung Erlenried, die im Sonnenwinkel neu erstand, wurde unter seiner Aufsicht gebaut, kehrte Manuel mit niedergeschlagener Miene zu Teta zurück, um unentwegt und tiefbekümmert zum Fenster hinauszublicken.

Heute blieb er jedoch nicht stumm.

»Magst du den Heimberg, Teta?«, fragte er.

»Ein sehr höflicher, netter Mann«, gab diese wortkarg zurück. Mit dem Reden hatte sie es nicht, und wenngleich sie auch recht froh war, dass Felix Münsters herrische Schwägerin Ellen Düren so schnell das Feld geräumt hatte, fragte sie sich doch manches Mal, ob sie allein wohl die richtige Gesellschaft für den kleinen Jungen wäre.

»Wie alt mag er wohl sein?«, fuhr Manuel nachdenklich fort. »Er hat schon graue Haare.«

»Danach kann man nicht gehen«, brummte Teta.

»Aber für Sandra ist er doch zu alt«, stellte Manuel eigensinnig fest. »Papi ist viel, viel jünger.«

Teta horchte auf. »Natürlich ist er viel jünger«, gab sie ihm recht.

»Herr Heimberg ist viel öfter da als Papi, und er bleibt immer lange bei Sandra und Tante Marianne. Sie haben dauernd was zu reden. Warum ist Papi nicht Architekt?«

»Weil er eben Fabrikant ist«, erwiderte Teta. »Warum soll er plötzlich Architekt sein?«

Sie begriff nicht, worauf der Junge hinaus wollte. Sie verstand auch nicht, was Manuel an dem netten Herrn Heimberg auszusetzen fand, ahnte sie doch nicht, welche Gedanken ihn quälten.

»Dann wäre er viel öfter hier«, murmelte Manuel. »Da kommt Bambi – dann werde ich eben heute mal mit ihr spielen.«

Auch das begriff Teta nicht, dass er nur mit Bambi spielte, wenn Sandra beschäftigt war. Sonst liebten die beiden einander heiß und innig. Kopfschüttelnd ging sie ihrer Arbeit nach, während Manuel Bambi einließ.

»Wo ist Jonny?«, fragte er sie.

»Ich habe ihn lieber zu Hause gelassen. Er schlüpft immer aus dem Halsband heraus, und dann fällt er vielleicht in eine Baugrube. Warum kommst du nicht mal zu uns, Manuel? Unsere Nachbarn sind eingezogen. Sie haben Zwillinge, die kannst du nicht auseinanderhalten.«

Für sie war das augenblicklich noch ein weltbewegendes Ereignis, aber Manuel interessierte sich nicht für die Zwillinge und ihre Ähnlichkeit.

»Wollen wir drinnen spielen?«, fragte er. »Draußen ist es so kalt.«

»Mir ist nicht kalt. Geht Sandra vielleicht mit uns spazieren?«

»Herr Heimberg ist da«, erwiderte Manuel lakonisch.

Bambi warf ihm einen schrägen Blick zu. »Er beißt doch nicht. Kannst du ihn nicht leiden?«

»Nein«, stieß Manuel hervor.

»Aber warum denn nicht? Papi sagt, er ist ein guter Architekt. Erlenried wird eine schöne Siedlung.«

»Er redet dauernd mit Sandra, und dann fahren sie auch zusammen in die Stadt. Ich mag das nicht«, erklärte er heftig.

»Sie müssen doch reden wegen der Siedlung«, stellte Bambi fest. »Da gibt es viel zu überlegen. Im Frühjahr wollen die Ersten doch schon einziehen. Du kannst heute mit uns in die Stadt fahren«, schlug sie ihm vor. »Wenn deine Teta es erlaubt.«

Er schüttelte den Kopf. »Vielleicht hat Sandra heute Nachmittag Zeit«, murmelte er.

Nein, so richtig schön spielen konnte man mit Manuel nicht. Entsagungsvoll berichtete es Bambi ihrer Mami.

»Er war halt nie mit Kindern zusammen«, tröstete diese. »Er muss sich erst daran gewöhnen.«

»Er will nur mit Sandra zusammen sein, immer nur mit Sandra«, beharrte die Kleine. »Und dann ist er am liebsten mit ihr allein. Aber er hat ja keine Mami«, fügte sie sofort versöhnlich hinzu. »Das ist schlimm.«

*

»Die Kleine von nebenan redet wie ein Buch«, berichtete Claas beim Mittagessen, das die Nonna, trotz aller Beschwerlichkeiten, wie immer sehr schmackhaft hergerichtet hatte. Nur Georgia hatte keinen rechten Appetit.

»Sie ist putzig«, gab auch Dirk zu. »In London waren sie auch schon.« Es hatte ihm doch imponiert, wenn er sich Bambi gegenüber dazu auch nicht geäußert hatte.

»Professor Auerbach ist ein sehr bekannter Mann«, stellte Georgia beiläufig fest.

»Hier vergraben sich wohl nur bekannte Leute«, brummte Claas.

»Es ist ja auch eine wunderschöne Gegend«, stellte Nonna fest.

»Aber Vati hat es sich nicht mal angeschaut«, äußerte sich Dirk, »und erfreut war er auch nicht.«

Selina Minetti warf ihrer Tochter einen bedeutsamen Blick zu. »Er wird es sich schon noch anschauen«, meinte sie. Georgia senkte den Blick. Nervös spielten ihre Hände mit der Serviette.

Claas drehte sich um. »Wo ist eigentlich Vatis Bild?«, fragte er. »Es gehört auf den Flügel.«

»Jetzt essen wir«, lenkte Nonna ein. Sie war eine schlichte Frau geblieben, auch als ihre Tochter eine berühmte Sängerin geworden war und dann auch noch den Reeder Arnold Ullrich geheiratet hatte. Aber sie war eine würdevolle Frau, der selbst die Zwillinge niemals widersprachen.

Dass sie auch energisch werden konnte, bewies sie ihrer Tochter, als die Jungen in ihren Zimmern verschwunden waren.

»Du solltest dich eigentlich schämen, Georgia«, sagte sie sehr energisch zu ihrer Tochter. »Ich habe es zwar immer akzeptiert, dass dein Beruf, deine Karriere zu Lasten deiner Familie und vor allem zu Lasten der Zwillinge geht, aber was zu viel ist, ist einfach zu viel!«

Energisch stemmte sie ihre Arme in die Hüften und brach in einen Schwall italienischer Worte aus. »Immer sind es Dirk und Claas, die darunter leiden müssen, dass du Sängerin bist und Karriere gemacht hast und dich nun auch noch von deinem Mann trennen willst. Immer schon blieben die Kinder allein zurück, wenn du keine Zeit für sie hattest, wenn ihr Vater nur an sein Geschäft denken musste. Ist dir bewusst, dass du dich an ihnen versündigst? Und nun willst du ihnen auch noch den Vater ganz und gar nehmen. Du solltest nicht so starr sein. Ich meine, du hast einfach nicht das Recht, so einschneidende Entscheidungen zu treffen.«

»Ich habe sie nicht allein getroffen, Nonna«, erwiderte Georgia müde. »Arnold ist mit mir einer Meinung, dass es so nicht weitergeht.«

»Weil er eine Frau haben will und keinen Star, der die meiste Zeit des Jahres unterwegs ist. Und ich muss ihm recht geben. Dreizehn Jahre bist du verheiratet, zwölf Jahre bist du Mutter, und wie viel Tage hattest du bisher für deine Familie Zeit?«

»Er hat gewusst, dass er eine Sängerin heiratet. Er wollte mich haben, so wie ich bin!«, brauste Georgia temperamentvoll auf.

»Aber er hat wohl doch gehofft, dass du mit den Jahren mehr zu ihm gehören würdest. Er hat sehr viel hingenommen, mein Kind.«

»Kind – Kind, ich bin kein Kind mehr! Ich weiß sehr gut meine Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie dir nicht passen. Soll ich jetzt einen Kniefall vor ihm machen und sagen: Lieber Arnold, meine Stimme versagt. Wer weiß, ob ich überhaupt wieder singen kann. Jetzt kannst du mich haben. Jetzt bleibe ich nur bei euch! Nein, Nonna, das wäre wohl doch zu billig.«

»Und er wäre dennoch froh«, beharrte die Ältere. »Lass es dir gesagt sein. Außerdem siehst du zu schwarz. Du hast dich überanstrengt. Du brauchst Ruhe, dann wirst du auch wieder singen können. Dieser Hessler ist schuld. Er hat dich von einem Engagement zum anderen gejagt.«

»Frank ist mein Freund«, widersprach Georgia. »Ich weiß nicht, was du immer gegen ihn hast.«

»Das kann ich dir genau sagen, Georgia. Er spielt sich auf, als wäre er viel mehr als dein Freund, und ich kann es Arnold nicht verübeln, dass ihm das zu viel wurde. Ich hoffe, dass du hier Abstand gewinnen wirst und zur Vernunft kommst. Du darfst nicht nur an dich denken, sondern auch an die Kinder, die ihren Vater brauchen und ihn lieben. Zerstöre nicht, was am Ende das Leben ausmacht. Als Sängerin bist du eines Tages schnell vergessen, früher oder später.«

»Wie hübsch du das sagst, Nonna«, spottete Georgia. »Gib es mir nur, ich weiß ja, dass du die Familie als das Alleinseligmachende betrachtest.«

Nonna sagte nichts mehr. Schnell verließ sie das Zimmer, und Georgia blieb mit ihren Gedanken allein.

Wohl war ihr nicht. Warum begehrte sie eigentlich auf? Hatte sie nicht auch erkannt, dass sie vieles nicht richtig gemacht hatte, dass sie eigentlich schon jetzt einsam war? Wenn nun die Jungen sich gegen sie auflehnten, wenn sie verlangten, zu ihrem Vater zu gehen? Arnold konnte in vielen Dingen unbeugsam sein und auf seine Söhne, die ihm so ähnlich waren, würde er bestimmt nicht freiwillig verzichten. Sie vermeinte seine letzten Worte zu hören.

»Ich lasse dir Zeit, Georgia«, hatte er gesagt. »Eine Trennung kann manchmal gut sein. Du wirst nicht mehr umherirren, sondern zur Ruhe kommen und nachdenken können. Aber meine Geduld ist nicht unerschöpflich.«

Er war natürlich viel zu vornehm, um Vorwürfe laut werden zu lassen, um gar harte Worte zu gebrauchen. Nein, das gab es bei ihm nicht. Und doch hätte sie manchmal gewünscht, dass er die Beherrschung verloren hätte, nicht immer so entsetzlich gelassen und überlegen gewesen wäre.

Zögernd öffnete sie den Koffer, in dem sich sein Bild befand. Sie war entschlossen gewesen, es nicht aufzustellen, nicht auf den Flügel, wohin es nach der Meinung der Kinder gehörte.