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Dieses Werk handelt von der Liebe zweier Frauen zu ein und demselben Mann. Durch genaues Observieren macht die eine die andere ausfindig und die Rivalinnen lernen sich kennen. Es stellt sich aber heraus, dass der Mann seiner wahren Liebe schließlich bei einer anderen gewahr wird. Die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle werden aus der jeweiligen Sicht des Einzelnen aufgezeigt. Da ist auch noch ein Enkel, der mit seiner Großmutter Beispiele der Liebe in den großen Werken der Weltliteratur bespricht.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Caroline
Matthias
Nadja
Caroline
Nadja
Caroline
Johannes
Nadja
Caroline
Johannes
Matthias
Caroline
Adam
Matthias
Bibliografie
Seitdem er mir damals aus Versehen dieses Foto aus dem Urlaub geschickt hat, ist mein Vertrauen in ihn vollkommen zerstört. Er hat selbstverständlich abgestritten, es habe sich um eine Frau gehandelt, mit der er die Ferien verbrachte. Nein, es wäre ein Landschaftsbild, zufällig mit einer Touristin darauf. Mehr nicht. Da lachen ja die Hühner! Und ich bin nun auf der Hut. Seiner sicher war ich mir noch nie ganz gewesen. Somit sehen sich durch diese Entdeckung meine Ahnungen bezüglich seiner Untreue vollauf bestätigt. Wir halten aber dennoch den Kontakt aufrecht. Irgendwie kann keiner von uns beiden auf den anderen verzichten. Wie heißt es so schön? Das Leben besteht aus einem Geben und Nehmen. Mir gefällt der Ausdruck „Geben und Erhalten“ besser. Denn man nimmt ja dem anderen nichts weg. Es geschieht auf freiwilliger Basis und ohne Hintergedanken. Eine beiderseitige Bereicherung stellt sich generell von selbst ein.
Mich trifft zum zweiten Mal ein kräftiger Dolchstoß bei der Entdeckung seines Autos vor dem Hause einer Dame. Dass es sich um eine solche handelt, dessen bin ich mir vollauf sicher. Ihren Namen habe ich nämlich des Öfteren in seinem Navi – unter kürzlich angesteuerte Ziele - und daraufhin ihre Adresse im Telefonbuch ausfindig gemacht. Es sind Zufallsfunde, die geradewegs ins Ziel treffen, solche, die ganz einfach geschehen! Ich beschließe, ihm meinen Fund offen zu legen.
„Ich habe dein Auto vor Nadjas Haus geparkt gesehen. Du hattest mir zwar dargelegt, du wolltest zu deinem Freund Herbert. Aber, da du ihm am Tage zuvor bereits einen Besuch abgestattet hattest, schien mir deine Aussage nicht glaubhaft. Somit radelte ich – erst ca. 30 Minuten nach deinem frühen Telefonat, damit du genügend Zeit hattest, bei Nadja anzukommen – zu ihrem Haus hinüber. Ich hatte in den vorangegangenen Tagen ihre Wohnstätte ausfindig gemacht, denn es war mir aufgefallen, dass ihr Name öfters in deinem Navi aufgetaucht war. Und siehe da: Sie wohnt nur 10 Minuten von mir entfernt. Auch nach Stunden stand dein Wagen immer noch vor ihrer Haustür. Als ich am Nachmittag zum dritten Mal dort ankam, fuhrst du gerade davon. Ich habe mich beeilt, einen Blick auf sie zu werfen, sah sie aber nur von hinten in dem Moment, als sie in ihr Haus verschwand. Ich bekam nur ihre schlanke Figur mit.“
Johannes kann nichts abstreiten, ist verblüfft. Er, der sprachgewandte, verstummt, eingeschüchtert, ertappt wie ein kleines Kind bei einem bösen Streich. Er rafft sich auf, mich zu fragen, ob ich ihn nicht mehr treffen wolle. Zu gelegentlichen Bergwanderungen sei ich bereit, antworte ich erleichtert, denn für einen kompletten Bruch fühle ich mich nicht stark genug.
Also gehen unsere Ausflüge weiter, seine Telefonate finden auch in gehabter Häufigkeit und Länge statt. Als er mir eines Tages von seiner akribischen Suche nach neuen Gardinen berichtet, biete ich mich als Begleiterin und Beraterin bei der Besichtigung in Läden an. Er winkt sofort vehement ab. Warum wohl? Bestimmt ist er mit einer anderen unterwegs. Zu dem Schluss gelange ich, gewarnt durch den Vorfall vor einiger Zeit beim Hosenkauf. Aufgrund der damaligen Offenbarung der Verkäuferin! Zu meinem und sicherlich zu seinem Erstaunen und Entsetzen! Mit Nachdruck behauptete die Angestellte nämlich, er habe doch erst kürzlich mit einer anderen Dame im Geschäft Käufe getätigt. Dieser Hinweis hatte umgehend ein Alarmsignal in mir ausgelöst.
Eigentlich habe ich mir vorgenommen, weitere Korrekturen seiner Texte abzulehnen. Aber dann, ja, dann bin ich mal wieder zu schwach. Ich kann doch nicht zurückweisen. Nach den mehrmaligen, nicht konsequent durchgeführten Brüchen zwischen uns bittet er anfangs zaghaft um mein Durchlesen, dann wird er immer dreister; nie erweist er mir durch ein Geschenk seine Dankbarkeit. Ich bin ja seinen Geiz gewohnt. Aber bei den vielen Stunden, die ich mit seinen Schriften beschäftigt bin, hätte sich eine Anerkennung, in welcher Form auch immer, gehört.
Eines Tages fahren wir wieder zu einer Bergwanderung. Am Parkplatz angelangt, beschließt er ein wenig weiterzufahren, um keine Parkplatzgebühren zahlen zu müssen. Diese Prozedur kenne ich. Jeder zusätzlich ausgegebene Euro beschwört bei ihm Ärger herauf. Ich hingegen vertrete die Meinung, es sei besser über zahlungspflichtige Parkplätze zu verfügen, als ins Unendliche weiterfahren zu müssen. Später wird mir klar, dass es diesmal einen anderen Grund für seine frustrierte Weitersuche gab. Wir müssen zurück auf den offiziellen Parkgrund. Da ich nochmals einen Frauennamen in seinem Navi gelesen habe, bin ich zunächst damit beschäftigt, diesen zu notieren. Denn bei den vielen Namen, die dort auftauchen, fällt es nicht leicht, alle zu memorisieren. Somit achte ich nicht auf die wenigen, herumstehenden Autos, was sich im Nachhinein als Fehler herausstellen wird.
Wie immer unterhalten wir uns während der Wanderung ständig, aber mir fällt auf, dass er kein einziges Mal seinen Arm um meine Schulter legt oder mir zwischendurch einen Kuss gibt, wie er es sonst zu tun pflegt. Außerdem lässt er mich bei einer Gabelung den weiteren Weg aussuchen, eine Handlungsweise, die nicht zu seiner männlichen, bestimmenden Art passt. Ich werde erst einige Minuten später die Auflösung für diese beiden Rätsel finden.
Es kommt uns eine Wanderin entgegen. „Ich werde dir gleich Nadja T. vorstellen“, höre ich ihn sagen. Tatsächlich! Er stellt uns gegenseitig vor. Kein Händeschütteln. Alles auf Distanz. Wir tauschen höflich einige Gemeinplätze aus, wonach sie weiter hinab und wir beide hinauf gehen. Das ist sie also! Die besagte Dame, der er einige Wochen zuvor einen so ausgedehnten Besuch abgestattet hat. Sie lässt sich die Bemerkung nicht nehmen: „Ich wollte diesen Berg erkunden, den du neulich erwähnt hast.“ Das Wörtchen „neulich“ als Ohrfeige an mich gedacht. Ich soll ruhig erfahren, dass sie beide in ständigem Kontakt stehen. Über dieses Wissen verfüge ich bereits. Benötige keinerlei Belehrungen ihrerseits! Mit dieser Kenntnis bin ich ihr vielleicht sogar voraus! Aber kann es sein, dass sie diesen Ausflug aus einer Vorahnung heraus unternommen hat? Erschien es ihr kontrovers, dass er dieses Ziel genannt hat, dann aber doch nicht einen Zeitpunkt zur Erkundung mit ihr vereinbart hat? Konkret: Hegt auch sie den Verdacht, dass er immer wieder mit anderen Frauen unterwegs ist? Und wollte sie ihn mal ertappen? Gelungen!
Auf jeden Fall ist ihm, dem Vorsichtigen, mal wieder ein Fehler unterlaufen. In den zwei Jahren, die wir uns kennen, haben wir nie eine seiner Freundinnen angetroffen. Mit einigen seiner Freunde hat er mich bekannt gemacht, aber die wissen augenscheinlich nichts von der Existenz der vielen Damen, zumindest nicht konkret. Dessen bin ich mir durch ihre direkten Bemerkungen sicher. Die lauteten, liebevoll an uns beide gerichtet: „Ihr Turteltäubchen“ oder ähnliches.
Beim anschließenden Weitergehen verstumme ich für eine Weile. Die Begegnung mit Nadja hat mir die Sprache verschlagen. So langsam taut mein Gehirn auf. „Hattest du ihr Auto auf dem Parkplatz bemerkt?“, frage ich ihn unverblümt. Bejahende Antwort. Somit erhalte ich Klarheit über sein Verhalten unten: Er hat vermeiden wollen, ihr über den Weg zu laufen und deswegen eine andere Parkmöglichkeit gesucht. Ich hätte meinerseits auf ihr Auto aufmerksam werden können, denn ich kannte es bereits. Marke und sogar das Nummernschild hatte ich mir damals eingeprägt, als es brav vor ihrer Haustür harrte. Aber aufgrund meiner Beschäftigung mit der Notierung des Namens seiner anderen im Navi aufgeführten Gefährtin habe ich nicht gleichzeitig auf die Autos Acht gegeben. Zusätzlich erhalte ich nun die Erklärung dafür, dass er mich die ganze Zeit über nicht angerührt hat: Er hat mit der Begegnung mit ihr gerechnet, sie womöglich gefürchtet. Bei der Weggabelung dann auch noch auf das Zufallsprinzip gesetzt. Vielleicht würde ich den Pfad einschlagen, den Nadja nicht nehmen würde. Dem war nicht so. Die Situation mit unserer Gegenüberstellung hat er dann souverän gemeistert. Das habe ich stillschweigend anerkannt.
Nur vage bekomme ich mit, dass er mir versichert: „Nadja ist keine Konkurrenz für dich!“ Kurz darauf fällt bei mir der Groschen! Ich horche nicht mehr auf seine Worte, denn in meinem Gedächtnis taucht ein Bild auf. Ja, jenes von seinem Urlaub! Mit der damaligen Begleiterin. Ich bin mir fast sicher. Möchte aber noch nichts sagen, auch nicht in meinem Handy nach dem verräterischen Foto suchen. Das werde ich am Abend in aller Ruhe zu Hause unternehmen.
Der Tag verläuft friedlich. Ich lasse mir nichts anmerken. Und am Abend dann die Sicherheit: Nadja T. ist diejenige auf dem einstigen Foto. Aus dem Urlaub. Es besteht kein Zweifel. Und das Verhältnis zu ihr besteht immer noch! Von wegen Nadja sei keine Konkurrenz für mich! Warum diese Lüge noch on top? Ich hatte nicht danach gefragt.
Wieder mit ihm brechen. Zum wievielten Male? Ich habe das Zählen aufgegeben. Ich stelle ihn zur Rede. Sinnlos. Zwecklos. Er bleibt verschlossen wie ein Grab. Er würde nie etwas preisgeben, hierüber besteht kein Zweifel. Einerseits ein lobenswertes Verhalten, andrerseits Zeugnis seiner Unehrlichkeit. Nur durch Verschwiegenheit kann er das Gerüst seiner Beziehungen aufrechterhalten. Und ich frage mich, ob er die Fähigkeit besitzt, Liebe zu empfinden. Oder ist es so, dass „dieses Wort in der (seiner) Mundart nicht“ existiert, wie Monika Helfer es in „Die Bagage“ offenlegt. Die Autorin bekräftigt sogar, dass die Möglichkeit, „ich liebe dich“ zu sagen, unter solchen in bitterer Armut lebenden Menschen nicht vorhanden ist. Sie beschreibt die Vorkommnisse in einem entlegenen Ort vor ca. 100 Jahren. Der dargestellte Alltag birgt sicherlich Ähnlichkeit mit jenem während Johannes‘ Kindheit, inmitten harter Lebens- und Arbeitsbedingungen, die kaum Anzeichen oder Beweise von warmer Zuwendung beinhalteten.
Trotz meiner Wut, trotz meines erneuten Schmerzes führen wir unsere Treffen fort. Aber ich schmiede einen Plan. Es muss doch möglich sein, meine Kontrahentin zu Gesicht zu bekommen. Durch die Nähe unserer Behausungen würde sich früher oder später eine Begegnung ergeben. Ich halte also unentwegt nach Nadja Ausschau. Ich besuche extra einen Bauchtanzkurs, der mich überhaupt nicht interessiert. Keine Nadja vorhanden, unbekannt. Ich frage bei Freunden in der Umgebung nach. Ohne Erfolg. Die Ursache meines Suchens teile ich allerdings nicht mit.
Eines Tages auf der Bank. Ist sie es oder ist sie es nicht? Ich packe meine Chance bei dem Schopfe. Was könnte schon passieren, wenn ich eine negative Antwort erhalte? Doch rein gar nichts. Also wage ich den Schritt.
Wieder einmal habe ich mich wirklich wohl bei ihr gefühlt! Sie vermittelt mir stets den Eindruck, ich sei ihr enorm wichtig. Und sie genießt ja ebenfalls die Zeit zu zweit. Nicht jeder hat so eine Großmutter. Man vergisst bei ihr sogar ihr Alter. Sie ist total jugendlich. Interessiert sich sehr für meine Tätigkeiten und meinen Tagesablauf. Dabei bin ich ja nicht ihr einziger Enkel. Meine zwei Brüder sind auch noch da. Mit denen geht sie genauso um. Und wir lieben sie alle. Ganz klar.
Heute haben wir wie jedes Jahr in der Adventszeit Plätzchen gebacken. Man könnte meinen, ich sei mit meinen achtzehn Jahren schon zu erwachsen für diesen Kinderkram. Aber ihr tut meine Anwesenheit bestimmt gut. Sie lebt nun seit der Scheidung von Alfred, also bereits ungefähr einer Dekade, alleine. Schafft alles prima. Aber ich sehe ihr an, dass ihr meine Gesellschaft willkommen ist. Meine Unterstützung selbstverständlich auch. Denn immerhin haben wir gemeinsam zwanzig Päckchen zustande gebracht. Alle für die Senioren im Heim. Sie betreut diese Gruppe seit langem. Mit Inbrunst. Mit Vorlesen, mit Gesprächen, mit Arztbesuchen usw. Ich habe sie schon manchmal zu ihren Schützlingen begleitet. Deren Freude bei unserem Erscheinen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Kein Wunder bei deren fehlender Abwechslung! Da hat man aber schon seine Erlebnisse! Z. B. beim gemeinsamen Mittagessen. Von wegen Friede, Freude, Eierkuchen!
