Sie waren dabei - Andreas Holzhausen - E-Book

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Andreas Holzhausen

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Beschreibung

Wenn wir Heutigen die Berichte über das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu in den Evangelien lesen, dann tun wir das ja immer mit dem Wissen, wie der Weg Jesu durch diese schweren Tage ausging. Wir kommen von der Auferstehung her. Und vielleicht haben die Berichte durch die all-österlichen Wiederholungen in Gottesdiensten, Andachten und Lesungen etwas von ihrer Spannung und Lebendigkeit verloren. Wäre es da nicht hilfreich, wenn man die Berichte einmal aus einer ganz anderen Perspektive miterleben könnte: Aus der Perspektive derer, die dabei waren, aber eben noch nicht wussten, wie es ausgehen würde. Wie haben die Jünger, die Gegner Jesu und andere Beteilige die Ereignisse dieser Tage erlebt, wie haben sie darauf reagiert? Genau das möchten die Erzählungen in diesem Büchlein erlebbar machen. So wird ein vertieftes Verständnis der Passionsgeschichte und der überraschenden Wendung der Dinge am Ostermorgen möglich.

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

VORWORT

KLEOPAS UND DER EINZUG DES MESSIAS IN JERUSALEM

LEVI AUF DEM TEMPELPLATZ

JOHANNES MARKUS UND DAS VERÄNDERTE PASSAH-MAHL

MALCHUS UND DIE VERHAFTUNG EINES AUFRÜHRERS

PETRUS UND DER SCHRECKEN VON GETHSEMANE

NIKODEMUS UND DER PROZESS

DER HAUPTMANN UND DAS TODESURTEIL

DER HOHEPRIESTER UND DAS SCHWERE AMT

JOSEPH UND DER TOTE JESUS

PETRUS UND DAS LEERE GRAB

JOHANNES, JAKOBUS UND DIE MUTTER

PHILIPPUS UND DIE FRAGE NACH DEM REICH

THOMAS UND DER ZWEIFLER

DIE ALLEIN GELASSENEN JÜNGER

Vorwort

Um es gleich vorweg zu sagen: die Geschichten in diesem Büchlein sind frei erfunden! Sie erheben auch nicht den Anspruch auf historische Genauigkeit oder gar biblisch gesicherte Wahrheit. Sie lehnen sich zwar an die Berichte über Leiden und Sterben Jesu in den Evangelien an, aber sie versuchen auch nicht, sie mit anderen Worten nachzuerzählen. Die Allerdings, wenn wir Heutigen diese Berichte lesen, dann tun wir das ja immer aus der Perspektive derer, die schon wissen, wie es ausgegangen ist. Wir kommen von der Auferstehung her. Und vielleicht haben die Berichte durch die all-österlichen Wiederholungen in Gottesdiensten, Andachten und Lesungen etwas von ihrer Spannung und Lebendigkeit verloren, sind zu sakralen Texten geworden, die man eben zu bestimmten Anlässen über sich ergehen lassen muss. Schade – aber so geht es nun einmal, wenn man die gleichen Geschichten immer wieder hört oder liest. Wäre es da nicht hilfreich, wenn man sie mal aus einer ganz anderen Perspektive miterleben könnte? Sehen Sie, genau das möchte ich mit diesen Geschichten erreichen.

Also habe ich versucht, mich einmal in die Lage derer zu versetzen, die unmittelbar an den Ereignissen beteiligt waren, aber eben nicht schon vorher wussten, wie es ausgehen würde. Wie haben die Jünger und andere Beteiligte diese Tage erlebt, wie haben sie auf die Ereignisse reagiert, wie gingen sie damit um? Diesen Fragen wollte ich einmal nachgehen. Natürlich musste ich die Einzelheiten, die Gedanken und Gespräche dieser Leute größtenteils erfinden. Und ich musste versuchen, einige der vielen Details zu rekonstruieren, über die uns die Bibel völlig im Dunkel lässt. Auch dabei war häufig meine Phantasie gefragt. Ob ich mit meiner Phantasie immer genau ins Schwarze getroffen habe, will ich dahingestellt sein lassen. Aber ich wage doch zu behaupten, dass es so oder so ähnlich, wie ich es mir vorgestellt habe, gewesen sein könnte.

Kundige Leser werden schnell feststellen, dass ich da, wo ich auf die biblischen Berichte Bezug genommen habe, mich nicht an ein bestimmtes Evangelium gehalten habe. Die vier Evangelisten stimmen da ja nicht in allen Einzelheiten über den Ablauf und die Orte überein. In solchen Fällen habe ich entweder versucht, einen Kompromiss zu finden, oder ich habe mich einfach vor einer Festlegung gedrückt. Allerdings gestehe ich gerne, dass ich mich häufig an das Johannesevangelium gehalten habe, weil ich davon ausgehe, dass darin ein Augenzeuge zu uns spricht.

Meine Absicht war eine doppelte: Zum einen möchte ich dem Leser durch die ungewohnte Sichtweise auf den Leidensweg Jesu und seine Folgen ein vertieftes Verständnis der Passionsgeschichte ermöglichen. Auch vom geschichtlichen Hintergrund und seinen Einflüssen auf die Ereignisse sollte einiges deutlich werden. Denn das alles hat sich ja nicht im luftleeren Raum einer zeitlosen frommen Legende abgespielt, sondern unter sehr konkreten Umständen in einer bekannten Stadt, unter Leuten, die von einem bestimmten Zeitalter geprägt waren. Paulus macht uns darauf aufmerksam, dass es nicht irgendeine Zeit war, sondern: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ (Galater 4,4). Gott selber befand also, dass genau die Zeit, in der Pilatus als römischer Prokurator über Judäa herrschte, für seine Absichten die richtige war.

Vor allem aber möchte ich es dem Leser ermöglichen, einen frischen Blick auf Jesus selbst in den Tagen seines Leidens zu werfen. Allerdings habe ich mich wohlweislich vor dem Versuch gehütet, die Gedanken und Gefühle Jesu nachzuempfinden. Ich bin überzeugt, dass solch ein Versuch ein hoffnungsloses Unterfangen wäre. Was wirklich in einem Mann vorgeht, der von sich sagen konnte „ich und der Vater sind eins“, das geht sicher weit über unsere Vorstellungskraft hinaus. Allerdings kann man aus dem, was er sagte und tat (oder auch aus dem, was er nicht tat), einige Rückschlüsse ziehen auf das, was ihn in diesen Tagen bewegte. Und das ist erstaunlich genug. Er musste das alles ja nicht ertragen, weil ihn die Umstände dazu zwangen oder er von seinen Feinden überwältigt wurde und sich nicht wehren konnte. Selbst nach menschlichem Ermessen hätte er jede Menge Möglichkeiten gehabt, dem allem aus dem Wege zu gehen, von seinen göttlichen Möglichkeiten einmal ganz zu schweigen. Er ertrug es, ja, er ging ganz bewusst darauf zu, weil er es wollte. Paulus fasst das in dem knappen Satz zusammen: „Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz“ (Philipper 2,8). Und er tat das, weil er als Einziger sehr genau wusste, wie es ausgehen würde, aber auch, was er damit bezwecken wollte: Er hatte uns, seine in Gott-losigkeit verlorenen Menschen, im Blick: „Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab. Nun werden alle, die sich auf den Sohn Gottes verlassen, nicht zugrunde gehen, sondern ewig leben.“ (Johannes 3,16). Möge Ihnen, liebe Leser, in diesen Geschichten hinter der Geschichte etwas aufleuchten von dieser Liebe, dann hat sich das Lesen sicher gelohnt.

Kleopas und der Einzug des Messias in Jerusalem

Kurz vor Jerusalem kamen sie zu den Ortschaften Betfage und Betanien am Ölberg. Dort schickte Jesus zwei seiner Jünger fort mit dem Auftrag: „Geht in das Dorf da drüben! Gleich am Ortseingang werdet ihr einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch geritten ist. Bindet ihn los und bringt ihn her! Und wenn jemand fragt: ‚Warum macht ihr das?‘, dann antwortet: ‚Der Herr braucht ihn und wird ihn gleich wieder zurückschicken.‘“ Die beiden gingen hin und fanden tatsächlich den jungen Esel draußen auf der Straße an einem Hoftor angebunden. Als sie ihn losmachten, sagten ein paar Leute, die dort standen: „Was tut ihr da? Warum bindet ihr den Esel los?“ Da sagten sie, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, und die Leute ließen sie machen. Die beiden Jünger brachten den Esel zu Jesus und legten ihre Kleider über das Tier, und Jesus setzte sich darauf.

[ MARKUS 11, 1 -7 ]

Sollte es nun wirklich losgehen? Kleopas konnte seine Erregung kaum verbergen. Jesus, der Rabbi aus Nazareth, würde König von Israel werden, und er selber war einer von denen, die zu ihm gehörten! Jahrelang hatte der Meister immer wieder Andeutungen gemacht, dass er ein Reich aufrichten würde. Erst nur zaghaft, dann aber immer stärker hatte sich bei seinen Jüngern und Freunden die Überzeugung durchgesetzt, dass er wirklich der von den Propheten versprochene Messiaskönig sei. Gewiss, diese Überzeugung hatte der Meister selber immer wieder erschüttert, vor allem durch wiederholte dunkle Andeutungen von Schwierigkeiten, Leiden und Tod, die bevorstünden. Aber jetzt machte er offensichtlich endlich ernst. Erst war es ihnen etwas seltsam vorgekommen: Jesus hatte zwei der Jünger losgeschickt, um einen Esel zu besorgen. Das hatte er noch nie gemacht, immer war er zu Fuß mit ihnen durchs Land gezogen. Jetzt mit einem Esel? Aber dann hatte es ihnen gedämmert, genau davon sprach ja eine alte Weissagung vom Kommen des Messias: „Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig auf einem Esel reitend“. Und jetzt ritt Jesus tatsächlich auf einem Esel den alten Pilgerweg in Richtung Jerusalem. Seine Begleiter und viele der neugierigen Zuschauer am Wegrand hatten offensichtlich die Bedeutung dieses etwas seltsamen Verhaltens verstanden. Erst zaghaft, dann mit wachsender Begeisterung, fingen sie an, ihm das gebührende königliche Willkommen zu geben. Man musste allerdings etwas improvisieren, denn für umfangreiche Vorbereitungen blieb keine Zeit. Einige Männer zogen ihre langen Obergewänder aus und breiteten sie zu einem bunten Teppich auf der Straße aus. Andere hieben Palmwedel und Zweige von den Bäumen am Straßenrand ab und dekorierten damit den Weg. Der zukünftige König kommt! „Es lebe der König!“

Kleopas kannte Jesus schon länger. Zum engeren Kreis der Jünger, die ständig mit Jesus zogen, gehörte er allerdings nicht. Er lebte weiterhin in seinem Heimatort Emmaus, nicht weit von Jerusalem. Jesus dagegen hielt sich meistens in Galiläa auf, dorthin kam Kleopas nur selten. Aber wann immer Jesus in Judäa oder Jerusalem weilte, versuchte er, in seiner Nähe zu sein und ihm zuzuhören. Leider passierten in Jerusalem bei weitem nicht so viele Wunder, wie man es von Galiläa hörte. Allerdings war Jesus in der Hauptstadt auch bei weitem nicht so populär wie bei den einfachen Leuten in der Provinz. Vor allem die führenden Leute der jüdischen Religion machten keinen Hehl daraus, dass sie Jesus nicht mochten. Das war ja auch kein Wunder: Es war wirklich schon fast eine Zumutung, in diesem einfachen, freundlichen und bescheidenen, allerdings manchmal auch scharfkantigen Mann den künftigen König zu sehen. Er hatte so gar nichts von den Eigenschaften, die man normalerweise bei einem militärischen Führer und Machtpolitiker erwartet. Jesus seinerseits hatte auch nichts unternommen, um sich bei den politischen und religiösen Führern des Landes beliebt zu machen. Eher das Gegenteil war der Fall. Bei etlichen hitzigen Debatten hatte Jesus ihnen harte Worte an den Kopf geworfen. Er würde einiges tun müssen, um sich wirklich eine politische Machtbasis bei der herrschenden Oberschicht zu schaffen. Schließlich kontrollierte die den Hohen Rat, da würden schon einige Kompromisse notwendig sein. Wie sonst könnte er jemals das Volk unter seiner Herrschaft einen und die mächtigen Römer aus dem Land werfen?

Leicht würde das sicher nicht werden. Kleopas wusste nur zu gut, dass mit den Römern nicht zu spaßen war. Auf Schritt und Tritt spürte man in Jerusalem ihre Gegenwart: Eine hervorragend ausgebildete Armee, modernste Waffen und hartes Vorgehen auch gegen den geringsten Widerstand. Dahinter stand die eiserne Entschlossenheit der Römer, die Macht nicht aus der Hand zu geben. An ihrer Spitze stand der Gouverneur Pilatus, ein gerissener Machtpolitiker, mit dem man rechnen musste. Beim kleinsten Anzeichen einer Rebellion würden die Römer zuschlagen, das war sicher. Niemand konnte in Israel König werden, es sei denn er könnte sie entweder militärisch vernichten oder aber er stand in ihrer Gunst, etwa wie Herodes Antipas, König von Roms Gnaden über Galiläa und Peräa, oder sein Bruder Archelaus, König über das Gebiet der Zehn Städte. Selbst deren Vater, der mächtige Herodes der Große, hatte nach Rom gehen müssen, um das Vertrauen des Kaisers zu gewinnen und sich von ihm als König bestätigen zu lassen. Auch wenn diese Könige sich als glänzende Herrscher feiern ließen, wusste doch jeder, dass der Gouverneur immer noch das letzte Wort hatte. Die Römer saßen fest im Sattel!

So etwa hat Jerusalem zur Zeit Jesu ausgesehen

All das machte Kleopas Sorgen. Andererseits, wenn er an die vielen wundervollen Taten dachte, die Jesus vollbracht hatte, dann war ihm klar: Das konnte nur von Gott sein! Und wenn Jesus wirklich von Gott gesandt war, dann würde sich alles andere auch ergeben.

Jetzt jedenfalls war nicht die Zeit für dunkle Gedanken. Lautstark stimmte Kleopas mit ein in den Willkommensruf für den König aus dem alten Psalm, den die Menge am Wegrand anstimmte: „Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn!“ Die Nachricht vom triumphalen Einzug Jesu in die Hauptstadt musste sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Gegend verbreitet haben, denn immer mehr Menschen säumten seinen Weg. Das war auch kein Wunder. Noch vor gar nicht langer Zeit hatte Jesus ganz in der Nähe, in Bethanien, eines seiner erstaunlichsten Wunder vollbracht. Er hatte seinen Freund Lazarus vier Tage nach der Beerdigung ins Leben zurückgerufen. Tot war der gewesen, so tot, dass man es schon riechen konnte. Aber Jesus war an das Grab getreten und hatte seinen toten Freund herausgerufen. Was muss das für ein Anblick gewesen sein, als der plötzlich, noch in die langen Leichentücher eingewickelt, aus der Grabhöhle wankte. Freunde mussten ihn regelrecht auswickeln, ehe er seine Schwestern in die Arme nehmen konnte. Wo hatte man so etwas jemals gehört? Wenn das kein Beweis war, dass Jesus ein Mann Gottes war! Kein Wunder, dass die Nachricht davon bis ins letzte Dorf gedrungen war. Und nun kamen die Menschen und jubelten diesem Mann Gottes zu, auf den sie so große Hoffnung setzten.

Kleopas sah in der Menge einen der Männer, die zum engeren Jüngerkreis gehörten. Er drängte sich durch zu ihm und fragte: „Was meinst du, wird der Meister dieses Mal wirklich ernst machen mit dem Reich, von dem er so viel geredet hat?“ Im Lärm der Menge verstand er nur einige Fetzen der Antwort: „Sieh doch...Sacharja....Dein König kommt zu dir auf einem Esel... Was sonst?“ Kleopas wusste, was der Andere meinte: Genau so hatte es ja der Prophet vorausgesagt, ein König auf einem Esel würde kommen. Es war wirklich ein eigenartiger Anblick: Dieser einfache Mann, so unauffällig gekleidet, der da zwischen dem Spalier der jubelnden Menge den Weg nach Jerusalem entlang ritt. Wie ein siegreicher Herrscher sah er wirklich nicht aus.

Hinter einer Wegbiegung kam jetzt die Stadt schon in Sichtweite. Ein überwältigender Anblick: Über dem verschachtelten Häusergewirr der Unterstadt der riesige, von einer wuchtigen Mauer umgebene Tempelkomplex, dahinter die vornehmen Villen und Amtsgebäude der Oberstadt. Mit gemischten Gefühlen versuchte Kleopas sich vorzustellen, wie der Empfang dort wohl sein würde. Er drängte sich durch die Menschen nach vorne, um in dieser entscheidenden Stunde einen Blick auf den Meister werfen zu können. Für einen Augenblick gelang es ihm, das Gesicht Jesu zu sehen. Aber was war das? Nicht ein stolzes, siegesgewisses Lächeln, kein freundlicher Blick auf die ihm zujubelnde Menge, keine Anzeichen von einem kommenden Triumph auf seinem Gesicht. Stattdessen blickte Jesus wie gebannt auf die Stadt da vor ihm – und weinte. Warum weinte er in diesem triumphalen Moment? Was ging in ihm vor? Was, in aller Welt, sah dieser Mann?

Levi auf dem Tempelplatz

Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet alles in große Aufregung. „Wer ist dieser Mann?“ fragten die Leute in der Stadt. Die Menge, die Jesus begleitete, rief: „Das ist der Prophet Jesus aus Nazaret in Galiläa!“ Und Jesus ging in den Tempel.

[ MATTHÄUS 21, 10 -12 ]

Levi blickte ernüchtert um sich. Nach der Euphorie des seltsamen Triumphzuges den Ölberg hinunter kam es genau so, wie er befürchtet hatte: Kein Empfangskomitee der führenden Leute wartete am Stadttor. Die einfachen Leute kamen; die Nachricht von dem eigenartigen Zug, der sich auf die Stadt zubewegte, hatte sich wohl schnell in der Unterstadt herumgesprochen. Manche schlossen sich dem jubelnden Zug an, viele schauten nur neugierig zu oder diskutierten, was das Ganze wohl zu bedeuten habe. Aber Levi beobachtete auch eine Gruppe von Männern aus der Sekte der Pharisäer, denen der Ärger ins Gesicht geschrieben stand. Man brauchte kein Prophet zu sein, um zu sehen, dass von ihnen kein freudiges Willkommen zu erwarten war. Warum hatte Jesus auch nicht mehr Zeit in Jerusalem verbracht, um seine Pläne den Leuten der jüdischen Oberschicht zu erläutern? Warum hatte er für die einflussreichen religiösen Gruppen immer nur harte Worte übrig gehabt? Klar, hitzige Diskussionen über Stellen aus dem Tenach gehörten zum Judentum, aber wenn man die Mehrheit gewinnen will, muss man auch zu Kompromissen bereit sein. Doch weder mit den orthodoxen Pharisäern noch mit den liberalen führenden Priestern schien eine Verständigung möglich zu sein. Alle Gespräche waren in harter Konfrontation geendet, und meistens mussten Jesu Kontrahenten sich grollend zurückziehen, weil ihnen irgendwie die Argumente ausgegangen waren. Kein Wunder, dass sie sich jetzt nicht auf die Seite Jesu schlugen, sondern ihn argwöhnisch beobachteten.