Sieben Tage am Fluss - Hannah Richell - E-Book

Sieben Tage am Fluss E-Book

Hannah Richell

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Beschreibung

In ihrem alten, am Fluss gelegenen Gutshaus Windfalls aus dem siebzehnten Jahrhundert mit seinen großen, weiß gestrichenen Schiebefenstern, dem grauen Schieferdach und dem Blauregen, der sich an der Fassade hochrankt, kommen die Sorrells zu einer Hochzeit zusammen.

Lucy versucht, die zerbrochenen Familienbande zu kitten. Eve kämpft darum, ihr scheinbar perfektes Leben zusammenzuhalten. Ihre Mutter, Kit, eine berühmte Autorin, hegt einen tiefen Groll gegen ihre jüngste Tochter. Und Margot, die ihr Zuhause vor acht Jahren verlassen hat, muss sich nun ihrem dunklen Geheimnis stellen …

Als sich alle für eine Woche voller Feierlichkeiten und Konfrontationen zusammenfinden, scheint die Kluft zwischen ihnen unüberwindbar. Kann es nach all dieser Zeit zu einer Versöhnung kommen?

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Seitenzahl: 444

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ZUMBUCH

In ihrem alten, am Fluss gelegenen Gutshaus Windfalls aus dem siebzehnten Jahrhundert mit seinen großen, weiß gestrichenen Schiebefenstern, dem grauen Schieferdach und dem Blauregen, der sich an der Fassade hochrankt, kommen die Sorrells zu einer Hochzeit zusammen.

Lucy versucht, die zerbrochenen Familienbande zu kitten. Eve kämpft darum, ihr scheinbar perfektes Leben zusammenzuhalten. Ihre Mutter, Kit, eine berühmte Autorin, hegt einen tiefen Groll gegen ihre jüngste Tochter. Und Margot, die ihr Zuhause vor acht Jahren verlassen hat, muss sich nun ihrem dunklen Geheimnis stellen …

Als sich alle für eine Woche voller Feierlichkeiten und Konfrontationen zusammenfinden, scheint die Kluft zwischen ihnen unüberwindbar. Kann es nach all dieser Zeit zu einer Versöhnung kommen?

ZURAUTORIN

Hannah Richell wuchs in England und Kanada auf, verbrachte viele Jahre in Australien und lebt heute mit ihrer Familie im Südwesten von England. Sie arbeitete im Marketing der Film- und Verlagsbranche und für verschiedene Zeitungen und Magazine, bevor sie begann, Geschichten zu schreiben. Ihre Romane begeistern Leser und Presse weltweit und werden in 14 Sprachen übersetzt.

Hannah Richell

Sieben

Tage

am Fluss

Roman

Aus dem Englischen

von Christiane Burkhardt

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Copyright © 2018 by Hannah Richell.

First pulished in the UK in 2018 by Orion.

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

The River Home bei Orion Books, London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021

by Diana Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Claudia Krader

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagdesign: Orion Books

Umschlagmotiv: © Mark Owen/Trevillion Images;

Shutterstock.com (Rolf E. Staerk; p_hyman; Designtravel)

Autorenfoto: © Claire Newman-Williams

Herstellung: Helga Schörnig

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-26121-4V001

www.diana-verlag.de

Für Will

PROLOG

Im Schlaf kommen die ungebetenen Erinnerungen wieder hoch. Die schwarzen Schatten der Bäume markieren den Weg über die Obstwiese. Ein süßlich stechender Geruch von Fallobst steigt aus dem hohen Gras, während der Fluss unten leise dahinfließt.

In der Dunkelheit, hinter flatternden Lidern, hat sie wieder den Geschmack von prickelndem Apfelwein auf der Zunge, Glühbirnen tanzen wie Leuchtkäfer über dem hölzernen Steg, und Gelächter weht übers Wasser. Sie spürt Papier im Gesicht, Finger, die sich in ihre Haut bohren, dicken schwarzen Schlamm, der an ihren aufgeschürften, blutenden Händen klebt, sowie einen Schmerz, als würde sie bei lebendigem Leib aufgeschlitzt.

Im Schlaf kommen Gerüche, Geräusche und Farben der Vergangenheit hoch. Alles, was sie tief in ihrem Innern vergraben hat, sucht sie erneut heim. Die Geheimnisse, die dunklen Momente.

Was hast du getan? Was um alles in der Welt hast du nur getan?

Eines hat sie vor langer Zeit gelernt, und zwar auf die harte Tour – etwas, das sie nie mehr vergessen wird. Selbst die süßeste Frucht fällt irgendwann vom Baum und verfault. So sehr man den Schmerz auch verdrängt, er wird sich erneut bemerkbar machen und einen verfolgen. Genau wie der widerliche Duft von diesem Fallobst, wie die Nachwehen eines Sommerabends und wie der Fluss, der seinen Weg ungerührt fortsetzt.

HEUTE

Montag

Weiß nicht, ob du unter dieser Nummer noch erreichbar bist, aber wir brauchen dich hier. Lucy heiratet, noch diesen Samstag! Ich weiß. Ruf mich an. E (x)

Dienstag, 18.9.18, 17:58  

Eve sagt, dass sie dir gesimst hat. Bitte komm. Ich brauche dich. Luce (x)

Dienstag, 18.9.18, 20:49  

HEUTE

Dienstag

1

Margot schreckt hoch, als das Tuten der Lokomotive durch einen Tunnel hallt. Ihre Wange ist feucht, wo sie die Scheibe berührt, und ein vertrauter, süßlich-schwerer Geruch hängt in der Luft. Als sie die Augen aufschlägt, fängt sie den Blick eines kleinen Mädchens auf, das ihr im Waggon am Tisch gegenübersitzt. Es hat violette Kopfhörer mit spitzen Katzenohren auf und beißt in einen Apfel. Bonbonpapier quillt aus einer rosa Brotdose und ist achtlos zwischen ihnen verstreut.

Margot schaut von der Brotdose zum Apfel und dann wieder ins Gesicht des Mädchens. Es dürfte sieben oder acht Jahre alt sein, hat blaue Augen und weizenblondes Haar, das zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten ist. Etwas an dem Mädchen erinnert sie an Lucy, obwohl sein Haar perfekt gescheitelt und die Zöpfe straff und gleichmäßig sind. Die Kinderzöpfe ihrer Schwester waren nie ordentlich. In der Regel haben Eve oder ihr Vater am Frühstückstisch versucht, die widerspenstigen Strähnen zu bändigen. Lucy war schon immer eine kleine Rebellin. Natürlich ist sie inzwischen längst erwachsen und wird in Kürze heiraten.

Die SMS sind am Vorabend eingetrudelt. Zuerst leuchtete die von Eve auf, als Margot gerade die leere Wohnung aufsperrte. Sie überflog den Text im Stehen in der Küche, während der Wasserkessel summte, und musste alles zweimal lesen, bevor die Botschaft ankam. Ihre Schwester Lucy, die mittlere von ihnen dreien, würde heiraten, in weniger als einer Woche?

Lucy war seit jeher sehr impulsiv. Sie neigte zu Spontanaktionen und platzte mit dem heraus, was ihr gerade so durch den Kopf ging, ohne an die Folgen zu denken. Diese neueste, aus dem Moment geborene Idee konnte nur in einer Katastrophe enden. Typisch für Eve wiederum war die Gereiztheit der Ältesten, die Missbilligung, die sogar in dieser kurzen SMS mitschwang. So wie ihr eigenes Verhalten ebenfalls typisch sein dürfte.

Margot dreht sich zum Fenster und mustert in der Scheibe ihre blutunterlaufenen Augen, während sie nach wie vor schalen Wodkageschmack im Mund hat.

Das Mädchen, das ihr gegenübersitzt, beißt krachend in den Apfel, bis das Kerngehäuse sichtbar wird. Margot schaut ihm dabei zu. Sie geht davon aus, dass es den Strunk jeden Moment weglegen oder der Frau geben wird, die seine Mutter sein dürfte und sich neben dem Kind über ein Buch beugt. Aber das Mädchen beißt weiter in den schrumpfenden Apfel, bis das gesamte Kerngehäuse und irgendwann auch der dünne braune Stängel in ihrem Mund verschwunden sind.

Ganz genau wie Lucy! Sie sieht sie deutlich vor sich. Mit abgeschnittenen Jeans und langen, gebräunten Gliedmaßen liegt sie zwischen dem Fallobst auf einer Decke unter den Obstbäumen, ein breites Grinsen im Gesicht und das lange blonde Haar weit aufgefächert.

Margot seufzt. Sie denkt an den Getränkewagen, der vor einer halben Stunde vorbeigekommen ist, an die klirrenden Fläschchen, die so verheißungsvoll aussahen. Hätte sie sich bloß nicht zusammengerissen! Hätte sie wenigstens eines davon gekauft, um ihren Kater zu verscheuchen.

Ich brauche dich.

Das ihr gegenübersitzende Mädchen leckt sich die Finger und schaut dann Margot an. Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln.

Margot nickt feierlich, bevor sie sich abwendet und den Kopf erneut an die Scheibe lehnt. Drei Worte. Mehr waren nicht nötig, um sie umzustimmen. Sie konnte Lucys Bitte unmöglich ignorieren. Wider besseres Wissen ist sie unterwegs nach Hause, nach Windfalls.

Was um alles in der Welt hat sie sich bloß dabei gedacht?

2

Eve steht im unteren Obstgarten, eine Hand an die Brust gepresst, die andere zum Schutz vor der Sonne über die Augen gelegt. Währenddessen rennt der Mann von der Partyzeltfirma zwischen den Bäumen herum und gibt missbilligende Laute von sich. Ihr gefällt seine gerunzelte Stirn nicht und schon gar nicht, dass er ständig kopfschüttelnd in die Hocke geht, als würde er die Neigung des Hanges oder die Qualität des Bodens begutachten.

»Es ist ziemlich matschig«, sagt er, nachdem er zu ihr zurückgekehrt ist. »Und die Hangneigung ist nicht gerade ideal. Aber ich glaube, wir kriegen das hin. Zwischen diesen Bäumen da ist ausreichend Platz für ein neun mal zwölf Meter großes Zelt, in das Ihre Gäste reinpassen dürften. Um die fünfzig, haben Sie gesagt?«

»Etwas mehr als sechzig.«

Der Mann atmet hörbar ein und schaut auf sein Klemmbrett. »Wir könnten es am Donnerstagvormittag aufstellen. Dann bleibt Ihnen genügend Zeit zum Dekorieren.«

»Prima. Sind Sie sich sicher, dass das geht?« Der Boden fühlt sich unter ihren Stiefeln beunruhigend weich an. Schwer vorstellbar, dass sich Zeltheringe darin verankern lassen. Während Eve sich ausmalt, wie ein großes weißes Zelt abhebt und quer durchs Tal fliegt, versucht sie, die Enge in ihrem Brustkorb zu ignorieren. Ihr Herz fühlt sich an, als würde es von einer kalten Faust umklammert.

»Keine Sorge«, sagt er, als er ihre ängstliche Miene sieht. »Wir kriegen das schon hin. Ein schönes Fleckchen Erde haben Sie hier.« Aufrichtige Bewunderung schwingt in seiner Stimme mit.

Eve dreht sich um und lässt die Umgebung auf sich wirken. Die Äste der Obstbäume biegen sich unter der Last reifer Äpfel. Vögel zwitschern in den üppig grünen Zweigen, während die Sonne gerade den Zenit überschritten hat und den Hang in goldenes Herbstlicht taucht. Unterhalb der abschüssigen Obstwiese blitzt ein Stück Fluss auf und schimmert zwischen den Bäumen hindurch, die sich in der Brise wiegen. Hinter ihr ragen die ockergelben Schornsteine von Windfalls in den blauen Himmel. Nie hat das alte Gutshaus aus dem siebzehnten Jahrhundert mit seinen großen, weiß gestrichenen Schiebefenstern, dem grauen Schieferdach und dem Blauregen, der sich an der Fassade hochrankt, schöner ausgesehen als in diesem weichen Septemberlicht.

Eve kann sich gar nicht richtig auf die Schönheit des Ortes konzentrieren, an dem sie aufgewachsen ist. Sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, über provisorische Zelte und das Catering nachzudenken. Darüber, was sie tun soll, wenn es bis Samstag erneut regnet und sich die Obstwiese in einen Sumpf verwandelt. Und das ist nur der organisatorische Teil, bestehend aus Aufgaben, die man abhaken kann. Ganz im Gegensatz zu der höchst beunruhigenden Tatsache, dass die ganze Familie nach acht Jahren erstmals wieder zusammenkommen wird. Kein Wunder, dass sie Panik hat!

Heuballen, denkt Eve und wünscht sich, sie hätte Stift und Papier mitgenommen. Von einem der hiesigen Bauernhöfe aus der Nachbarschaft. Sie könnten gleichzeitig als rustikale Deko und Sitzgelegenheit dienen. Außerdem wären sie nützlich, falls das Wetter umschlagen und der Boden matschig werden sollte. Strom, sie muss Strom organisieren. Einen Generator besorgen oder Kabel vom Haus herüberlegen lassen. Außerdem brauchen sie eine Tanzfläche und Beleuchtung. Laternen wären schön, aber sie weiß nicht, ob im Zelt Kerzen erlaubt sind. Das muss sie alles noch mit dem Mann besprechen.

Sie schaut sich suchend nach ihm um und sieht, dass er mit seinem Zollstock zwischen den Bäumen verschwunden ist. Gerade betritt ihre Mutter den Garten. Aus ihrem lockeren Knoten hat sich eine graue Strähne gelöst. Ein bunter Seidenkimono umflattert sie, während die Nachmittagssonne von dem langen weißen Baumwollnachthemd reflektiert wird, das sie immer noch trägt.

Als Teenager hat Eve sich für den unorthodoxen Modegeschmack ihrer Mutter geschämt. Lag es daran, dass Kit viel zu sehr in ihren eigenen, fiktiven Welten lebte, um etwas von gerade angesagten Fashioncodes oder Kleidungskonventionen mitzubekommen? Damals hat sie ihrer Mutter sogar unterstellt, sie ziehe sich absichtlich so an, um ihre Töchter in Verlegenheit zu bringen oder sie mit ihrer angeblichen Prüderie zu konfrontieren.

Nach langen Jahren der Scham ist Eve jedoch zu dem Schluss gelangt, dass Kit einfach keinen Wert auf Äußerlichkeiten legt. Wenn sie damals in ihre Bücher vertieft war, spielte Kleidung genauso wenig eine Rolle wie der leere Kühlschrank oder das ungeputzte Haus. Die Garderobe wurde aus dem zusammengestellt, was gerade in Reichweite auf dem Schlafzimmersessel lag. So ist ihre Mutter nun mal.

Der Mann von der Zeltfirma guckt zweimal hin, als sie vor ihnen auftaucht, doch Eve zuckt kaum mit der Wimper.

»Ich hab den Lieferwagen in der Auffahrt gesehen«, sagt Kit.

»Ich habe alles unter Kontrolle.«

»Ist Lucy bei dir?«

»Nein«, erwidert Eve. »Keine Ahnung, wo die steckt.«

»Sie werden das Zelt auf der Obstwiese aufbauen, nicht wahr?« Fragend schaut sie den Mann mit dem Zollstock an.

»Ja, das ist der beste Ort dafür.«

Kit schaut zum Himmel und schließt die Augen. »Es ist schön draußen.«

»Ich dachte, wir könnten Girlanden und Lichterketten aufhängen, die den Weg hierher markieren. Bei Einbruch der Dunkelheit sieht das bestimmt toll aus. Aber das würde natürlich mehr Arbeit machen«, fügt Eve hinzu. Im Moment weiß sie nicht, wie sie diesen organisatorischen Albtraum auch nur ansatzweise bewältigen wollen.

»Was auch immer du vorhast, Liebes, es sieht bestimmt großartig aus.«

Wieder ballt sich die kalte Faust in Eves Brustkorb um ihr Herz. Es ist ja gut und schön, dass Lucy sie in letzter Minute mit dieser Hochzeitsparty betraut und sagt, sie solle »ganz bescheiden« ausfallen, »nur eine standesamtliche Trauung«, gefolgt von »einem kleinen Fest in Windfalls, bei dem wir alle wieder mal zusammenkommen, keine große Sache«.

Einerseits beneidet Eve ihre Schwester darum, dass sie es schafft, sich dem ganzen Hochzeitstrara zu entziehen. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass sich solche Events nicht von allein organisieren. So spontan Lucy auch sein will, so gelassen ihre Mutter sich gibt – es hat Gründe, warum Paare ihre Vermählung Monate im Voraus planen. Das Wort »Hochzeit« weckt Erwartungen bei den Gästen, auch bei einer Einladung in letzter Minute. Sie rechnen mit etwas zu essen, mit Wein, Musik, Tanz. So ist das eben.

Andrew und Eve haben es richtig gemacht. Sie haben sich ein ganzes Jahr Zeit genommen, um ihren großen Tag zu planen. Der Veranstaltungsort wurde lange im Voraus besichtigt, Einladungskarten mit Monogramm Monate vorher verschickt. Das Catering, das Brautkleid, der DJ, die Hochzeitstorte, die Blumen und der Fotograf wurden alle mit der für Eve typischen Sorgfalt ausgewählt. Bis auf den kaputten Absatz einer Brautjungfer war auch alles genauso verlaufen wie geplant.

Lucy dagegen scheint zu erwarten, dass sich Musik, Deko, Speisen und Getränke einfach materialisieren, ja, dass sich eine gute Fee schon um alles kümmern wird.

Eve seufzt. Bei einer kleinen Gästezahl wäre das vielleicht möglich gewesen, aber Lucy hat ihre Spontanhochzeit natürlich vor wenigen Tagen groß angekündigt und ihre Freunde per E-Mail eingeladen. »Keine Sorge«, hat sie behauptet. »Das ist so kurzfristig, dass es die wenigsten schaffen dürften. Nur der engste Kreis wird kommen.«

Doch was vor wenigen Tagen als schlichte Feier im kleinen Kreis begonnen hat, hat inzwischen spektakuläre Ausmaße angenommen. Bei der letzten Zählung waren es fünfundsechzig Zusagen. Fünf Vegetarier. Zwei Veganer. Eine Person, die nur glutenfrei isst. Eine mit Laktoseintoleranz. Was ist nur mit diesen Leuten los? Haben die kein eigenes Leben, keine Urlaubspläne und keine vollen Terminkalender am Kühlschrank? Das ist alles typisch Lucy, lächerlich naiv und chaotisch!

Es ist schließlich nicht so, dass Eve nicht genug mit ihrer eigenen Familie und ihrer Teilzeitstelle als Sekretärin in einer Personalagentur zu tun hätte. Andrew schuftet rund um die Uhr in seiner IT-Firma, hinzu kommen die Mädchen mit Ballettunterricht, Klavierstunden, Hausaufgaben und Geburtstagseinladungen. Soll man dazu dann innerhalb einer Woche eine Hochzeit auf die Beine stellen, braucht man sich nicht zu wundern, dass einem der Kopf platzt.

»Eve, Liebes, was hältst du von einem Feuerwerk? Oder von einem riesigen Freudenfeuer?« Kits Stimme reißt sie aus ihren Gedanken. »Das wäre doch toll, meinst du nicht?«

Eve starrt ihre Mutter an. Ein riesiges Freudenfeuer, ein Feuerwerk? Ein Haufen Pyrotechniker, zusätzlich zu der ohnehin emotional hochexplosiven Situation, die ihnen am Samstag bevorsteht? Eine wirklich großartige Idee!

»Vielleicht könnten sich Andrew oder dein Vater darum kümmern?«, schiebt Kit hinterher, die Eves Reaktion völlig falsch interpretiert.

Eve sagt nichts dazu. Sie sieht Andrews Gesicht vor sich, wenn sie ihm sagt, dass er dazu auserkoren wurde, für Samstagabend ein spontanes Feuerwerk zu organisieren.

»Hat jemand was von Margot gehört?«

»Lucy und ich haben ihr gesimst, aber sie hat sich nicht gemeldet.«

Der Mund ihrer Mutter bildet einen schmalen Strich. »Schade, aber vielleicht ist es ja besser so.«

»Lucy wird enttäuscht sein. Falls Margot doch kommen sollte, werden wir uns alle zusammenreißen müssen, damit es keinen Streit gibt.« Sie sieht ihre Mutter vielsagend an. »Es ist schließlich Lucys Freudentag.«

Kit wendet sich stirnrunzelnd ab und schaut ins Tal.

Bei dem Gedanken an ihre launische kleine Schwester und das, was diese auf einer von Erwartungen überfrachteten Familienhochzeit anrichten könnte, bekommt Eve Panik. Vor zwei Jahren ging es jedenfalls gründlich schief, als Margot zum sechzigsten ihres Vaters nach Hause kam. Auch wenn ihre Mutter dazu natürlich nicht eingeladen gewesen war.

Kit wirft die Hände in die Luft. »Ich weiß, ich weiß. Ich werde Margot selbstverständlich nicht daran hindern, an Lucys Freudentag teilzunehmen. Aber solange sie mir keine Entschuldigung oder Erklärung für ihr damaliges Verhalten anbietet, kann ich ihr nicht verzeihen.« Sie dreht sich wieder zu Eve um. »Oder könntest du das an meiner Stelle?«

Eve runzelt die Stirn. Ist sie die Einzige, der auffällt, wie sehr sich Kit und Margot ähneln? Beide sind aufbrausend und so unberechenbar wie ein außer Kontrolle geratenes Feuer. Was Margot damals getan hat, ist unverständlich und vielleicht sogar unverzeihlich.

»Nein, vermutlich nicht«, gibt sie zu.

Kit nickt zufrieden. »Ich bezweifle, dass sie kommen wird.«

Vielleicht wäre es wirklich das Beste, Margot bliebe fort. Vielleicht ist es das Letzte, was sie jetzt brauchen können, dass Margot aufkreuzt und für zusätzlichen Stress sorgt.

Eve fasst sich erneut an die Brust, das Herz schlägt ihr bis zum Hals.

Tief durchatmen, befiehlt sie sich. Alles wird gut.

3

Am Bahnhof von Bath verlässt Margot den Zug und nimmt sich ein Taxi. Nachdem der Wagen die halbmondförmig angelegten eleganten Straßen und vornehmen Häuserzeilen mit ihren einheitlichen Kaminen hinter sich gelassen hat, fährt er durch ein Tal, in das gerade der Herbst Einzug hält. Überall Grün, Gold und Bronze, dazwischen das Laub von Rotbuchen, das sich bernsteingelb verfärbt.

Sie überqueren den Fluss Avon und beginnen mit dem sanften Anstieg durch den Wald, folgen der Beschilderung für die kleine Ortschaft Mortford. Margot verrenkt sich auf ihrem Sitz, um einen Blick auf das grüne Band zu erhaschen, das sich durchs Tal schlängelt und schimmert wie Glas. Bei seinem Anblick bekommt sie Gänsehaut.

»Ich hab schon ein paar Leute hier rausgefahren«, sagt der Taxichauffeur bei dem Versuch, Small Talk zu machen. »Die meisten waren Fans von dieser berühmten Schriftstellerin. Wie heißt sie gleich? Die, die diese Bücher geschrieben hat, Sie wissen schon.«

»Kit Weaver«, hilft sie ihm aus der Patsche und schaut auf die draußen vorbeigleitenden ockergelben Steinhäuser. Das Sie wissen schon ignoriert Margot geflissentlich.

»Ja, das ist sie. K. T. Weaver. Meine Frau mag alles, was die schreibt. Sie findet einen Abend mit einem von ihren Büchern besser als jede Bingo-Veranstaltung mit anschließendem Drei-Gänge-Menü. Haben Sie sie jemals kennengelernt? Oder etwas von ihr gelesen?«

»Ich kenne ein paar von ihren Büchern«, erwidert Margot, wobei sie den Blick nicht von der Straße abwendet.

»Sie lebt inzwischen recht zurückgezogen, was man so hört.«

»Ja, so sagt man.«

»Merkwürdig, einfach so mit dem Schreiben aufzuhören. Vermutlich hat sie genug Geld verdient, sodass sie es nicht nötig hat, die Reihe zu beenden. Na ja, jeder, wie er mag.« Der Mann spürt, dass sie wenig gesprächig ist, und verstummt. Er lenkt den Wagen über die Auffahrt, bis das Schieferdach von Windfalls vor ihnen auftaucht.

Sie fahren durch ein hölzernes Tor und halten hinter einem weißen Lieferwagen, auf dem in großen roten Lettern die Aufschrift prangt: Zelte für jeden Anlass. Die Hecktür des Fahrzeugs steht offen und zeigt bis auf ein paar Decken und einen Werkzeugkoffer nichts als gähnende Leere. Ansonsten ist niemand zu sehen.

»Da plant jemand ein Fest.«

»Ja, eine Hochzeit.«

»Ah, wer freut sich nicht auf eine tolle Hochzeitsparty?«

Ja, wer?, denkt Margot.

Wenn sie in den letzten Jahren an ihr einstiges Zuhause zurückgedacht hat, erschien es ihr seltsam farblos. Sie hat sich eine Landschaft aus gedämpften Grautönen vorgestellt, unter einem fahlen Himmel, der mit dem Horizont verschwimmt. Das alles hüllte sie ein wie eine erstickende Decke.

Doch der Himmel ist knallblau, es weht ein laues Lüftchen, und das Tal breitet sich wie ein Teppich in bunten Herbsttönen vor ihr aus. Die Sonne geht gerade hinter den Zweigen der Rosskastanie unter, an deren Ast die marode Schaukel aus ihrer Kindheit träge im Wind hin und her schwingt. Dahinter schimmert golden das Gutshaus aus Naturkalkstein, und seine Scheiben glänzen wie Spiegel. Selbst mit Sonnenbrille kommt ihr alles viel zu grell, viel zu intensiv vor.

Margot bezahlt den Fahrer, greift nach ihrer Reisetasche und nimmt den Kiesweg zum Haus, vorbei an wuchernden Hecken und Beeten, die dringend etwas Pflege gebrauchen könnten. Dann schlüpft sie durch die Hintertür und betritt die große Küche mit dem Steinfußboden. Einen Moment lang lässt sie die Stille des Hauses und seine Details auf sich wirken. Sie sind ihr so unglaublich vertraut, dass ihr unerklärlich ist, wie sie alles so lange vergessen konnte.

Der bunte gehäkelte Teewärmer auf der Kanne neben dem Wasserkessel. Die Terrakottaschale mit Obst auf dem gescheuerten Eichenholztisch. Die Fliege, die über die braunfleckige Schale einer Birne krabbelt. Margot entdeckt ein zerkratztes Schneidebrett voller Krümel, einen halben Laib Brot in der Abendsonne, der langsam hart wird. Schmutziges Geschirr vom Mittagessen steht in der Spüle. Verblichene Kissen liegen zerknautscht auf dem Erkersofa, über dem eine Strohpuppe baumelt, die Lucy vor vielen Jahren auf einem Erntedankfest gekauft hat. Neben dem Telefon stapeln sich ungeöffnete Briefe, vermutlich unbeantwortete Fanpost ihrer Mutter. Ein aufgerissener Karton mit Büchern, Neuauflagen ausländischer Verlage, dient als Türstopper.

Margot nimmt alles auf und schließt die Augen. Ihr pochender Kopfschmerz wird schlimmer.

Die Uhr im Wohnzimmer schlägt den Takt dazu. In einem kleinen Sonnenfleck auf dem Samtsofa hat sich ein uralter schwarzer Kater zusammengerollt. Sie krault ihn hinter den Ohren. »Hallo, Pinter.« Der Kater öffnet ein verklebtes Auge und belohnt sie mit einem Schnurren, bevor er weiterschläft.

Margot greift nach einem alten Kissen, das ganz abgewetzt und fein säuberlich im Kreuzstich bestickt ist. Ein Rosenmotiv. Sie schaut zu, wie Staubteilchen davon aufsteigen und im einfallenden Licht tanzen. Eine Glasvase funkelt in der Sonne, sie ist von einer dünnen Schmutzschicht bedeckt. Papierstapel bedecken jede Fläche, in allen Ecken Spinnweben in unerreichbarer Höhe, dazu Pflanzen, die dringend gegossen werden müssten, und Büchertürme, die sich gefährlich neigen.

Es gibt Wichtigeres auf der Welt als Putzen.

Margot kann nicht umhin, ihre Mutter für ihre Haltung zu bewundern. Kit hat sich nie um soziale Konventionen geschert. Daran dürfte auch das bevorstehende Eintreffen einer Horde von Hochzeitsgästen nichts ändern.

Ein Tablett mit Bechern steht vergessen auf einem der Couchtische, daneben liegt eine Liste, die hastig auf die Rückseite eines Briefumschlags gekritzelt wurde. Margot greift danach und liest die Worte in Eves fein säuberlicher Handschrift:

ANZAHLDERGEDECKEFÜRDENCATERER – MIT R ABSPRECHEN

SERVIETTEN

GLÄSER (LEIHEN)

FOTOGRAF

VERLÄNGERUNGSKABEL

MARMELADENGLÄSER

BLUMEN – MIT S ABSPRECHEN

BATTERIEN

LICHTERKETTEN

KONFETTI

MARGOT?

Sie überfliegt die Liste und nimmt sich den letzten Keks von einem Teller auf dem Tablett. Ihr entgeht nicht, dass ihr Name ganz am Ende der Liste steht, unter so Nebensächlichkeiten wie Lichterketten und Konfetti. Außerdem wurde er mit einem Fragezeichen versehen.

Das Haus fühlt sich an wie eine Bühne, bevor die Schauspieler sie betreten. Der Vorhang kann jeden Moment aufgehen. Statt etwas zu rufen und die Stille zu durchbrechen, geht Margot zur Treppe.

Die Sonne fällt von oben durch die Giebelfenster und wirft Lichtrechtecke auf die Dielenbretter. Margot hüpft von einen zum anderen wie ein Kind, das Himmel und Hölle spielt. Sie geht an der offenen Schlafzimmertür ihrer Mutter vorbei und erhascht einen Blick auf die rote Raufasertapete, auf die schweren Samtvorhänge und das riesige Bett, ungemacht und mit zerwühlten Laken. Auf dem Nachttisch türmen sich weitere Bücher, und ein Morgenmantel bildet eine seidene Pfütze auf dem Boden. Nichts weist mehr darauf hin, dass sie das Zimmer einst mit Margots Vater geteilt hat.

Margot ignoriert die geschwungene Treppe zum Turmzimmer im zweiten Stock, wo Kit jetzt ihr Atelier hat. Stattdessen geht sie an Eves früherem Zimmer vorbei, anschließend an Lucys. Dabei glaubt sie, immer noch den schwachen Duft von Räucherstäbchen und Parfüm wahrzunehmen.

Bilder, Gerüche, vertraute Gegenstände … Das Haus birgt so viele Kindheitserinnerungen, dass sich Margot etwas seltsam fühlt, als sie das andere Ende des Flurs erreicht hat. Ihr ist ein bisschen schwindelig, so, als hätte sie keine richtige Bodenhaftung mehr. Als schwebte sie mehrere Zentimeter darüber, ja, als wäre sie nicht vor Kurzem mit dem Zug quer durchs ganze Land gereist, sondern irgendwie durch einen Zeittunnel in der Vergangenheit gelandet, die sie so lange mit aller Macht verdrängt hat.

Sie zögert. Nach einer schlaflosen Nacht, gefolgt von einer weiten Reise nach Süden, freut sie sich auf ihr eigenes Bett. Trotzdem hält sie widerstrebend inne, hat vielleicht sogar ein wenig Angst davor, Vergangenheit und Gegenwart zur Deckung zu bringen. Was sollte hinter dieser Tür schon auf sie lauern? Ihr altes Leben? Ihr früheres Ich? Das Mädchen, das die Schule geschmissen, eine Tasche gepackt und mit sechzehn ihr Zuhause verlassen hat?

Nach dem grellen Licht auf dem Treppenabsatz müssen sich Margots Augen erst an das Halbdunkel in ihrem Zimmer gewöhnen. Die Vorhänge sind fast zugezogen und lassen nur ein kleines Sonnendreieck einfallen. Als sie genauer hinschaut, zuckt sie zusammen. Ihr Bett ist bereits belegt.

Eine Gestalt liegt zwischen den Kissen, die Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen. Sie ist blond, nicht dunkelhaarig. Es handelt sich nicht um ihr früheres Ich, sondern um ihre Schwester Lucy, die seltsam reglos auf der Bettdecke hingestreckt ist. Unter einer ihr bekannt vorkommenden Jeansjacke fließt das Blümchenkleid ihrer Schwester hervor und scheint mit den Blumenranken zu verschwimmen, die sich an der Tapete emporranken.

Bei dem Anblick muss Margot an ein Gemälde denken, über das sie einmal einen Schulaufsatz geschrieben hat. Es zeigt eine Frau, die an der Oberfläche eines Flusses treibt: Ophelia von Millais. Sie kramt den Namen aus dem hintersten Winkel ihres Gedächtnisses hervor und staunt, dass sie sich daran erinnern kann.

Im Halbdunkel sieht Lucy blass aus, knochig, fast wie das Gerippe eines Vogels. Ihre Haut ist leuchtend weiß. Wie immer legt sich ihr langes helles Haar verstrubbelt um ihren Kopf. Lucy öffnet die Augen und starrt Margot ausdruckslos an. Für den Bruchteil einer Sekunde denkt Margot wieder an das Mädchen aus dem Zug, an seinen offenen, neugierigen Blick. Dann ist es verschwunden und hat der erwachsenen Lucy auf dem Bett Platz gemacht. Der dämmert langsam, wen sie da vor sich hat.

»Du bist’s«, sagt sie

Margot nickt. »Ja, ich bin’s.«

Lange sagt keine von ihnen ein Wort.

Margot steht nach wie vor an der Tür und muss über das erstaunte Gesicht ihrer Schwester grinsen.

Lucy scheint sich zu fangen. »Und, willst du noch länger blöd da rumstehen und mich anstarren wie eine Verrückte? Oder kommst du endlich her und nimmst deine Lieblingsschwester in den Arm?«

Margots Grinsen wird breiter. Sie tritt näher und setzt sich auf die Bettkante. »Hallo, fremde Frau.«

»Hallo, Schwesterherz.« Lucy strahlt. Sie geht auf der weichen Matratze so in den Schneidersitz, dass sie Margot umarmen kann, und drückt sie fest an sich. »Bin ich die Letzte, die dich begrüßt?«

»Du bist die Erste.«

Lucy wirft einen schuldbewussten Blick in den Garten. »Eve ist bestimmt total eingeschnappt. Sie hat schon wieder so einen verkniffenen Gesichtsausdruck, wenn du verstehst, was ich meine. Schon seit ich ihr gesagt habe, dass Tom und ich heiraten werden.«

»Wann genau war das?«

»Am Sonntag.«

»Und in einer Woche soll Hochzeit sein.« Margot lacht. »Die arme Eve! Du weißt genau, wie du sie stressen kannst.«

Lucy wirft die Hände in die Luft. »Ich habe nie verlangt, dass sie die gesamte Organisation übernimmt. Ständig sage ich ihr, dass es ein ganz schlichtes Fest werden soll, etwas Lustiges, Improvisiertes. Aber du weißt ja, wie sie ist, die reinste Martha Stewart. Wenn es nach Eve geht, ist es keine richtige Hochzeit, wenn es nicht bergeweise Blumen und Essen, einen schnulzigen DJ und eine raffinierte dreistöckige Hochzeitstorte gibt.«

»Eve ist also deine offizielle Hochzeitsplanerin?«

»Die selbst ernannte Hochzeitsplanerin.«

»Und du lümmelst völlig unbekümmert rum … in meinem Zimmer.« Margot kneift die Augen zusammen. »In meiner Jeansjacke, während sich alle anderen für deinen großen Tag abrackern.«

Lucy zuckt nur mit den Schultern. »Ich verstecke mich. Die Jacke hat so einsam gewirkt. Sie hing an der Tür. Wetten, du weißt nicht mehr genau, wann du sie das letzte Mal getragen hast? Schau nur.« Sie greift in die Brusttasche und zieht eine Schachtel Zigaretten samt Streichhölzern hervor, wirft Margot einen belustigten Blick zu.

»Her damit«, befiehlt diese, entreißt sie Lucy, geht zum Erkersofa und schiebt das Fenster auf.

»Die schmecken bestimmt nicht mehr«, warnt Lucy, aber das ist Margot egal. Sie zündet sich eine an und inhaliert tief, bevor sie den Rauch aus dem offenen Fenster bläst. Dann bietet sie Lucy die Zigarette an. Ihre Schwester steht inzwischen neben ihr. »Nein, danke.«

»Tut mir leid, ich vergess immer, dass du inzwischen eine gesundheitsbewusste Yoga-Frau bist.«

»Egal«, ruft Lucy und gibt Margot einen Klaps auf den Oberschenkel. »Scheißegal, Hauptsache, du bist gekommen.«

Margot nickt.

»Auf meine SMS zu antworten hast du nicht für nötig gehalten? Mich vorzuwarnen? Ein Rauchzeichen zu geben?«

Margot zuckt mit den Schultern. »Ich dachte, es ist das Beste, wenn ich einfach komme. Du hast geschrieben, dass du mich brauchst.«

Lucy lächelt und drückt ihren Arm. »Ich freu mich so! Mein hinterhältiger Plan ist aufgegangen.«

»Dein hinterhältiger Plan?«

»Ja, er ist brillant, findest du nicht? Ich lasse in letzter Minute eine Hochzeit steigen und zwinge dich, für ein längst überfälliges Familientreffen nach Hause zu kommen.«

»Brillant«, erwidert Margot trocken. »Andere würden ihn vielleicht für ein bisschen schräg halten.« Sie kneift die Augen zusammen. »Warum die Eile?«

Lucy winkt ab. »Du kennst mich doch. Ich hab noch nie gern was von langer Hand geplant. Außerdem wollte ich dir nicht zu viel Zeit zum Nachdenken geben. Ich weiß, wie oft du dir Ausreden ausdenkst, um nicht nach Hause kommen zu müssen.«

Margot entgeht nicht, wie geschickt ihre Schwester der Frage ausgewichen ist. Sie bläst eine weitere Rauchwolke aus dem Fenster und macht es sich auf dem Sofa bequem. »Los, sag schon, wie hat Tom dich dazu gebracht, dein Heil in der Ehe zu suchen?«

Lucy zögert. »Ich hab den ersten Schritt gemacht und ihn gefragt, ob er mich heiraten will.«

»Wow. Das ist mutig.«

Lucy zuckt mit den Schultern. »Ich liebe ihn, Margot.«

Margot nickt. »Ich kenne mich bekanntlich nicht mit Beziehungen aus, aber das dürfte nicht der schlechteste Grund sein.«

Margot schaut aus dem Fenster, auf die Bäume des Obstgartens. Unten im Tal glitzert der Fluss. Sie führt die Zigarette zum Mund und nimmt einen weiteren tiefen Zug. In der Hoffnung, dass Lucy nicht merkt, wie sehr ihre Hand zittert.

»Ich hab den Lieferwagen von der Zeltfirma in der Auffahrt gesehen. Sieht ganz so aus, als würde es eine ziemlich vornehme Party.«

»Gut möglich, dass Mum und Eve es etwas übertreiben.«

»Ich hätte eigentlich eher gedacht, dass du abhaust und eine Elvis-Hochzeit in Las Vegas feierst, um dich vor dem ganzen Trara zu drücken.«

»Ich eigentlich auch.« Lucy zögert.

Margot wartet ab. Da ist noch mehr.

»Windfalls fühlt sich einfach perfekt an«, fährt ihre Schwester kurz darauf fort. »Es ist der einzig denkbare Ort. Die Hochzeit ist eine gute Gelegenheit, alle wieder zusammenzutrommeln. Wann haben wir dich das letzte Mal gesehen? An Dads sechzigstem?«

Margot nickt. »Erinnere mich bloß nicht daran.«

»Ich bin mir sicher, die Sache ist längst vergessen.«

Margot hat sie nicht vergessen. Sie kann sich noch gut an das grässliche Scherbenklirren erinnern, als sie in dem Hotel, in dem sie gefeiert hatten, gegen den Glastisch gerannt war. Sie hat immer noch eine Narbe am Bein, die von dem schrecklichen Sturz im Vollsuff zeugt. Damals trank sie viel zu viel, hielt eine unpassende Rede auf ihren Vater und stolperte anschließend über den gläsernen Couchtisch. Für den Schaden an der teuren Antiquität musste ihr Vater aufkommen. Was für eine Blamage.

»Egal«, fährt Lucy mit aufrichtiger Miene fort. »Ich will, dass wir alle zusammen sind, das ist mir sehr wichtig. Außerdem finde ich, dass Mum und du die Kluft zwischen euch endlich überwinden solltet. Es ist höchste Zeit dafür, meinst du nicht auch?«

Margot antwortet nicht. Die Kluft zwischen euch. Nennt man das heutzutage so? »Hast du Sibella eingeladen?«

Lucy nickt. »Natürlich.«

Der Gedanke, dass Lucy sie alle zwingen will, einen auf glückliche Familie zu machen, ist wirklich lächerlich.

»Du bist mutiger als ich.« Margot nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette. »Ich folge dir auf Instagram«, wechselt sie das Thema. »Kopfstand, Motivationssprüche, eine ziemlich inspirierende Mischung. Demnächst wirst du einen TED-Talk abhalten.«

Lucy lacht. »Ich komm in letzter Zeit kaum zum Unterrichten. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, das Studio zu leiten. Außerdem: Instagram … Wer glaubt diesen Kram eigentlich? Trau bloß nicht allem, was du da in den sozialen Medien siehst. Aber es gehört einfach dazu. Wenn man im Gesundheits- und Wellnesssektor arbeitet, muss man das Image vermitteln, seinen Traum zu leben.«

»Das Geschäft läuft also gut?«

»Es boomt geradezu. Ich habe weitere Lehrer eingestellt, um die Nachfrage bedienen zu können.«

»Du hast Angestellte?«

Lucy nickt. »Dazu ein neues Studio in Bath, in einem ehemaligen Lagerhaus am Fluss. Ich musste mich allerdings ein bisschen zurücknehmen, um mich aufs Marketing und das Geschäftliche zu konzentrieren.«

»Das Geschäftliche.« Margot sieht Lucy neidisch an.

Die zuckt mit den Schultern. »Mein Leben besteht nicht nur aus grünen Smoothies, Quinoa und Sportklamotten.«

»Nein, das kann ich mir vorstellen.« Margot mustert sie forschend. »Du siehst müde aus. Du arbeitest zu viel. Oder bist du nervös wegen der Hochzeit?«

»Ein bisschen was von allem.« Lucy schaut in den Garten hinaus. »Was ist mit dir? Bist du noch in Edinburgh?«

Margot nickt.

»Um möglichst weit weg von diesem Ort zu sein?«

»Ja, so was in der Art.«

»Soweit ich weiß, machst du was mit Büchern?«

Margot bricht in lautes Gelächter aus. »Wer hat dir das gesteckt?«

»Eve. Sie hat voller Ehrfurcht davon gesprochen. Wir dachten, du trittst vielleicht in Mutters Fußstapfen. Was ist denn? Was ist so lustig daran?«

»Um Himmels willen, die gute Eve. Ich sitze fünf Tage die Woche an einem Tisch in der Stadtbücherei und scanne Leihbücher ein. Bücher einräumen kann ich echt gut.«

»Na ja, jemand muss sie ja wieder an den richtigen Ort zurückstellen.«

»Ganz genau.« Margot lächelt, kommt aber nicht umhin, sich neben Lucys Erfolgen klein zu fühlen.

Dafür, dass sie die Schule abgebrochen hat und ohne jeden Plan mit nur ein paar Hundert Pfund Ersparnissen von zu Hause abgehauen ist, hat sie sich gar nicht schlecht geschlagen. Sie war eine Weile in London, wo sie in einer WG unterkam – bei Leuten, die ihr zeigten, wie man staatliche Unterstützung beantragt. Bis sie das ewige Gewusel und die riesige Metropole irgendwann leid war, ihre spärliche Habe packte und nach Norden ging. Nach monatelangem Herumtrampen landete sie schließlich in Edinburgh.

Etwas an der schottischen Stadt gefiel ihr. Sie verliebte sich in die historischen Gebäude, in das Altstadtlabyrinth und in die über allem thronende Burg. Ein, zwei Jahre kellnerte sie, bis sie eines Nachmittags vor einem Regenguss in die Stadtbücherei floh und einen Aushang am Schwarzen Brett entdeckte. Bibliotheksassistentin gesucht. Sie schaffte es irgendwie, den Job zu ergattern, und arbeitet seitdem dort.

Nach der Hektik und Unsicherheit ihrer Wanderjahre stellte sich die Bibliothek als idealer Zufluchtsort heraus. Dort war es herrlich still, und man konnte leicht in andere Welten entfliehen. Inzwischen liebten die Kinder, wie sie ihnen vorlas. Sie spielte Szenen nach und verstellte die Stimme, um sie zum Lachen zu bringen. Aber es verging kein Tag, an dem sie nicht sah, wie ein Buch ihrer Mutter ausgeliehen oder bestellt wurde. Jedes Mal, wenn sie einen Band von K. T. Weaver einscannte, empfand sie eine seltsame Mischung aus Stolz und Schmerz. Sie lernte, das als eine Art persönliche Strafe zu betrachten.

»Du bist also glücklich dort oben? Bist du mit jemandem zusammen?«, fragt Lucy neugierig.

Margot zuckt mit den Schultern. »Nein. Na ja … nein.«

»Du scheinst dir nicht sicher zu sein.« Lucy wartet einen Augenblick. »Du hättest ihn mitbringen können.«

»Nein, ist besser so. Deine Einladung kam genau im rechten Moment.«

Wieder wartet Lucy, aber Margot möchte das nicht näher ausführen. Sie drückt die Zigarette draußen am Fenstervorsprung aus, bevor sie den Stummel in das überwucherte Beet fallen lässt.

»Das ist doch okay, oder?«, fragt Lucy unvermittelt, während sie mit dem Stoff ihres Kleides spielt. »Ich bin nicht völlig durchgeknallt, bloß weil ich es mir hier wünsche, in Windfalls?«

»Nein.« Margot reagiert energischer, als sie es tatsächlich empfindet. »Nicht völlig durchgeknallt.«

»Weißt du, ich wünsch mir nichts sehnlicher, als dass sich alle vertragen. Dass wir wieder eine ganz normale Familie werden.«

Margot kann ein trockenes Auflachen nicht unterdrücken. »Eine ganz normale Familie?« Als sie das traurige Gesicht ihrer Schwester sieht, lässt sie sich erweichen. »Luce, ich bin gekommen und werde dich in allem unterstützen.«

Lucy zögert. »Gut, denn ich plane da eine große Versöhnung.«

Lucy sieht Margot dermaßen ernst an, dass diese von einer zentnerschweren Last zu Boden gedrückt wird. »Wenn du Mum und mich damit meinst, wirst du dich von diesem Gedanken verabschieden müssen.«

»Was, wenn ihr euch beide zusammensetzt und redet? Was, wenn du versuchst, es ihr zu erklären? Jeder macht Fehler.«

»Du warst schon immer eine unverbesserliche Optimistin.« Margot seufzt. »Ich kann dir keine innige Versöhnung versprechen. Aber ich verspreche dir, dass ich mich von leicht entflammbaren, scharfkantigen und zerbrechlichen Gegenständen fernhalten werde. Und wer weiß, vielleicht wird Mum uns an deinem großen Tag überraschen und sich ganz normal anziehen.«

Lucy kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Ich werde eine vorbildliche Schwester sein, versprochen.«

»Danke.«

»Das steht und fällt allerdings mit einer Sache.«

»Und die wäre?«

»Dass du mir das Brautjungfernkleid zeigst, das ich tragen soll. Doch ich warne dich. Wenn es auch nur einen Hauch Rosa, Rüschen oder, was der Himmel verhüten möge, dicke Schleifen aufweist, kann ich für nichts garantieren.«

Lucy lacht. »Es gibt keine Brautjungfern, das hab ich dir doch gesagt. Es wird keine von diesen Hochzeiten.«

»Wenigstens etwas. Ich dachte schon, ich erkenn dich nicht wieder.«

4

Eve geht in Gedanken die Anzahl der Gäste und das Menü für Samstag durch, während sie die Küche durch die Hintertür betritt und wie erstarrt stehen bleibt. Lucy und Margot sitzen am langen Eichenholztisch und haben die Köpfe zusammengesteckt. Lange, blonde Locken neben einem messerscharf geschnittenen dunklen Bob.

Margot ist zurück.

In der kurzen Zeit, die Eve unbemerkt bleibt, beobachtet sie ihre Schwestern. Jetzt, wo sie sie nach einer Ewigkeit wieder zusammen sieht, an dem Tisch, an dem sie so viele Stunden mit Essen, Haareflechten, Hausaufgaben, Streit um Spielsachen, Klamotten und Haushaltspflichten verbracht haben, kommt es ihr so vor, als wären die Geister der Kinder, die sie damals gewesen sind, ebenfalls präsent.

Die energiegeladene, optimistische Lucy, bei der man nie weiß, was als Nächstes kommt, wird in wenigen Tagen Tom heiraten. Neben ihr Margot, die Jüngste, einst auffallend, temperamentvoll und jetzt so schwer zu durchschauen. Das dunkle Haar reicht ihr bis zum Schlüsselbein, und sie hat sich eine Lederjacke um die schmalen Schultern gehängt. Hell trifft auf dunkel, die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein.

Wie sie die beiden so zusammen sieht, wird Eve von heftigen Gefühlen überrollt. Von denselben Gefühlen, die sie empfindet, wenn sie auf Zehenspitzen ins Zimmer ihrer Töchter schleicht und sie beim Schlafen beobachtet. Die kleinen unterm Kinn geballten Fäuste, die hellen, völlig entspannten Gesichter … Sie wird von einer schmerzlichen Sehnsucht gepackt, von tiefer Liebe und Zuneigung. Doch da ist auch Wehmut. Sie sehnt sich nach dem, was sie einst hatten, nach einer Zeit, die nie mehr zurückkehren wird.

Lucy sagt etwas, das Eve nicht mitbekommt, und Margots Lachen hängt in der Luft. Ein Geräusch, das ihr vertraut und gleichzeitig völlig fremd ist. Wie das Läuten einer Glocke in der Ferne, das man lange nicht mehr gehört hat. Sie hat das Bedürfnis, dazuzugehören, Teil ihrer Gemeinschaft zu sein.

»Was ist denn da so lustig?«, fragt sie und kündigt damit ihre Anwesenheit an. Als ihr die Frage über die Lippen kommt, klingt sie barscher als beabsichtigt, fast schon vorwurfsvoll.

»Eve!« Margot schaut auf. »Wir haben gerade von dir gesprochen.«

Eve mustert Margot forschend, sucht nach Spuren von Ironie, kann den Ausdruck in ihren braunen Augen jedoch nicht deuten. Margot sieht älter aus, kantiger und härter. Sie wirkt kühl und distanziert, ganz anders, als sie sie in Erinnerung hat.

Während Eve in ihrem gestreiften T-Shirt, ihren ausgeleierten Jeans und ihren Gummistiefeln in der offenen Tür steht, fühlt sie sich wieder wie immer in Gegenwart der Schwestern. Langweilig, vernünftig, zuverlässig, unattraktiv. Vorzeitig gealtert. Meistens hat sie sich anders gefühlt, außen vor. Vermutlich weil sie die Älteste ist. Drei Jahre älter als Lucy und sieben Jahre älter als Margot. Sie war immer verantwortungsbewusster als die jüngeren, sorglosen Geschwister.

»Lucy hat mir gerade erzählt, wie toll du ihr bei allem hilfst.«

Eve lächelt. »Wann bist du angekommen?«

»Vor einer halben Stunde. Sind deine Töchter auch hier?« Margot späht aus der Hintertür.

»Nein, heute ist Schule.«

»Schule. Meine Güte, für mich sind sie noch Babys.«

»Chloe geht inzwischen in die vierte Klasse. May wurde gerade eingeschult. Du wirst sie beim Familienabendessen sehen«, fügt sie hinzu. »Wenn nicht schon vorher.«

»Beim Familienabendessen?« Margot schaut sie forschend an.

»Ja, am Freitag«, sagt Lucy. »Ich habe mir ein Treffen vor der Hochzeit gewünscht.«

»Mit der ganzen Familie?«

Falls Lucy Margots Stirnrunzeln bemerkt, ignoriert sie es geflissentlich. »Ja, mit der ganzen Familie«, sagt sie fröhlich. »Und, wie läuft’s da draußen?«, wendet sie sich leicht entschuldigend an Eve.

»Gut. Ich hab es Mum überlassen, die Details mit dem Vertreter von der Zeltfirma zu besprechen.«

»Oje, der Ärmste«, sagt Lucy.

»Nun, damit meine ich, dass Mum wie in Trance rumgelaufen ist und Weißdorn aus der Hecke gezupft hat, während er seine Verwunderung über ihren halb bekleideten Zustand kaum verhehlen konnte.«

»Hat sie den semitransparenten Kaftan an?«, fragt Margot.

»Und ein Nachthemd.«

»Könnte schlimmer sein. Kannst du dich noch daran erinnern, wie sie sich immer nackt gesonnt hat?«

Lucy lacht. »Deshalb hab ich nie Freunde aus der Schule mit heimgebracht.«

»Nur gut, dass du deine Hochzeit in den kühleren Herbst gelegt hast.«

Sie lachen, bis die Hintertür knallend aufgestoßen wird und Kit in die Küche eilt, einen riesigen, grün glänzenden Ast mit roten Beeren in der Hand. Als sie ihre drei Töchter in der Küche entdeckt, erstarrt sie.

Ihr Blick wandert von einer zur anderen, bis er schließlich an Margot hängen bleibt. »Du bist tatsächlich gekommen.«

»Hallo, Mum.«

Der Weißdornast wird achtlos in die Spüle geworfen, rote Beeren rollen wie Murmeln über den Küchenboden. Kit klopft sich die Hände ab. »Warum hast du nicht gesagt, wann du eintriffst? Dann hätte dich jemand vom Bahnhof abgeholt.«

Die silbernen Armreife klirren ohrenbetäubend, als sie nach Margot greift und sie auf Armeslänge von sich abhält.

Eve kommt nicht umhin zu bemerken, wie unwohl Margot sich dabei fühlt. Ihre Schwester hat die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen und weicht dem Blick ihrer Mutter aus.

»Ich wollte keine Umstände machen«, sagt sie.

»Umstände! Du machst uns doch keine Umstände.«

Kits Lachen ist hoch und schrill, die Umarmung steif und förmlich. Zwei Körper, die sich kaum berühren. Eve schaut zu Lucy, doch die wendet den Blick ab, konzentriert sich auf ein Fädchen, das sich im Tischläufer verfangen hat, und zupft es weg.

»Tee?«, fragt Eve fröhlich, als Margot sich der Umarmung ihrer Mutter entwindet. »Ich setze Wasser auf.«

»Ja«, sagt Lucy rasch. »Lasst uns Tee trinken.«

»Ist das nicht toll?«, sagt Kit angestrengt fröhlich und schaut in die Runde. »Alle unter einem Dach versammelt.«

»Ja«, sagt Lucy erneut.

»Bleibst du zur Hochzeit?«, fragt die Mutter Margot.

»Wenn du nichts dagegen hast?«

Kit nickt. »Natürlich nicht. Dein Zimmer ist da. So, wie du es zurückgelassen hast.«

Schweigen kehrt ein. Eve räuspert sich, sucht verzweifelt nach Worten, mit denen sie die angespannte Atmosphäre auflockern kann.

»Gut, dass wir ein Paar Hände mehr zum Helfen haben.« Sie überlegt, ob das wohl ein guter Moment ist, die ungeklärten Details zu besprechen. »Es gibt bis zur Hochzeitsparty am Samstag noch jede Menge zu tun. Vielleicht können wir die Aufgaben ja aufteilen.« Sie sieht in die Runde. »Was? Was ist denn?«

»Kannst du nicht ein Mal damit aufhören?«, sagt Lucy.

»Heute Morgen habe ich die Zusagen gezählt. Es sind inzwischen fünfundsechzig.«

»Ehrlich gesagt dürften es eher siebzig sein«, gesteht Lucy verlegen. »Anscheinend haben ein paar Freunde über Facebook von der Party Wind bekommen. Ich konnte nicht Nein sagen.«

Eve runzelt die Stirn. »Okay. In vier Tagen werden also siebzig Gäste über Windfalls hereinbrechen, um dich zu feiern. Sie rechnen mit Essen, Trinken und einem gewissen Entertainment.«

»Ich glaube nicht, dass sie große Ansprüche …«

»Lucy! Glaub mir, deine Gäste werden Essen erwarten. Getränke. Sie werden Getränke brauchen wie wir alle«, fährt sie atemlos fort. »Sie werden aufs Klo müssen. Meine Güte, ich hab ganz vergessen, Klopapier auf die Einkaufsliste zu setzen, bitte notier das schnell irgendwo, Mum.« Sie gibt Kit, die an der Spüle steht, ein Zeichen. »Sie werden tanzen und feiern wollen. Genau darum geht es bei einer Hochzeitsparty. Und genau die organisieren wir für dich.«

Eve stellt Becher auf den Küchentisch, gibt Teeblätter aus einer Dose in die vorgewärmte Kanne und übergießt diese mit siedendem Wasser.

Lucy zuckt mit den Schultern. »Also ehrlich, Eve. Ich weiß deine Hilfe sehr zu schätzen, wirklich. Aber ich glaube nicht, dass wir jede Eventualität mit einkalkulieren müssen. Es war toll von dir, dass du den Pub gebeten hast, Essen und Getränke zu liefern. Was alles andere angeht … na ja, ein gewisses Maß an Spontaneität ist doch was Schönes, oder? Ich hab mir vorgestellt, dass das Ganze eher locker abläuft. Alle Menschen, die ich liebe, sollen hierherkommen und sich prächtig amüsieren.«

Eve trägt die Teekanne zum Tisch und beißt die Zähne zusammen. Sie versucht es noch einmal. »Ich hab ein paar hinreißende Kleider im Netz gesehen. Wenn wir sie heute bestellen, könnten sie rechtzeitig geliefert werden. Chloe und May wären begeistert. Vielleicht könnten sie kleine Körbchen und Bänder in der Hand halten, mit Rosenblättern – ihr wisst schon, was ich meine.«

»Rosenblätter?«

Eve wendet sich Hilfe suchend an Margot. »Ich versuche, Luce davon zu überzeugen, dass Blumenmädchen nett wären.«

Lucy seufzt. »Ich hab dir doch gesagt, dass Tom und ich bloß standesamtlich heiraten, nur mit unseren Eltern als Trauzeugen. Ohne großes Trara. Die Mädchen können anziehen, was sie wollen, wenn sie anschließend zur Party kommen. Sie können auch Blumen in den Haaren haben, Glitzerschuhe tragen und Veilchen halten – ganz wie du willst.«

»Wenn sie nichts machen, sind es keine richtigen Brautjungfern, oder? Außerdem würden sie auf den Fotos einfach hinreißend aussehen. Apropos Fotos«, sagt Eve stirnrunzelnd. »Wo wir gerade darüber reden, könnten wir eine Liste mit den Familienkonstellationen machen, die der Fotograf aufnehmen soll.« Sie geht zur Besteckschublade und sucht nach Teelöffeln.

Lucy stöhnt. »Offizielle Hochzeitsfotos? Ich hab keine Lust, stundenlang für Fotos zu posieren. Alle sollen den Tag genießen. Außerdem hat jeder ein Smartphone.«

Eve verdreht die Augen. »Die Hochzeitsparty symbolisiert den Beginn deines gemeinsamen Lebens mit Tom. Glaubst du nicht, dass sich deine Schwiegereltern über ein, zwei offizielle Fotos von ihrem Sohn und seiner wunderschönen Braut freuen würden? Etwas für die Nachwelt. Etwas, das du deinen Enkeln zeigen kannst, wen du einmal alt und grau bist.«

Lucy lässt die Schultern hängen, schließt die Augen und atmet tief durch. Sie wirkt gequält. »Ich will keinen kitschigen Hochzeitsfotografen.«

»Ich glaube, das wirst du eines Tages bereuen.«

»Eve, bitte …«

»Was ist mit den Mädchen?« Eve lässt nicht locker.

Lucy wirft ergeben die Hände hoch. »Na gut, es ist mir egal, was sie tragen.«

»Kann ich ihnen sagen, dass sie Blumenmädchen sein werden?«

Lucy sieht sich Hilfe suchend in der Küche um.

Eve seufzt. »Ich soll also nach Hause gehen und die Träume von zwei aufgeregten kleinen Mädchen zerstören?«

»Es tut mir leid, Eve. Ich habe nie gesagt, dass …«

»Nein«, pflichtet ihr Eve bei. »Das hast du nie gesagt. Du hast rein gar nichts entschieden, Luce. Und ob du’s glaubst oder nicht, ich versuche, dir bloß zu helfen.«

Lucys Gesicht läuft rot an. »Ich habe dich nicht gebeten, irgendetwas zu planen. Du reißt dir einfach das ganze Fest unter den Nagel.«

Eve starrt Lucy mit offenem Mund an. Sie reißt sich das Fest unter den Nagel?

Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie Margot nach der Kanne greift und Tee ausschenkt. Ihre Mutter macht sich am Kühlschrank zu schaffen, interessiert sich auf einmal sehr für das Siegel einer Milchflasche. So wie es aussieht, kann sie mit keinerlei Unterstützung rechnen.

»Tom und ich wollen die Sache etwas unkonventioneller angehen«, fährt Lucy etwas freundlicher fort.

Eve zuckt mit den Schultern. »Nun, dann bin ich anscheinend die Dumme.« Sie legt die Teelöffel, die sie bisher umklammert hat, auf den Küchentisch und greift nach ihrer Handtasche. »Wenn ihr mich nicht braucht, überlass ich euch die Organisation gern allein.«

»Was ist jetzt mit dem Tee?« Kit winkt mit der Milchflasche.

»Tut mir leid, Mum, aber dafür habe ich keine Zeit.« Eve weiß, dass es kindisch ist, aber sie kann nicht anders. Sie eilt aus der Küche, und der Wind knallt die Tür hinter ihr zu.

Im Wagen lässt sie das Fenster herunter und legt Arme und Kopf aufs Lenkrad. Sie stößt einen tiefen Seufzer aus. Warum ist Lucy so verärgert? Sieht sie denn nicht, dass sie bloß helfen will?

So aus der Nähe sieht das Lenkrad rissig und fahl aus. Sie schließt die Augen. Typisch, dass ihre Familie ihr so zu schaffen macht. Warum kann sie sich nicht einfach zurücklehnen und die anderen ihre eigenen Fehler machen lassen? Vielleicht würden sie ja was daraus lernen? Stattdessen hat sie ständig das Bedürfnis zu helfen, sie durch das Chaos zu lotsen und ihnen den Weg zu ebnen. Sie verhält sich wie diese »Helikoptereltern«, von denen neulich im Radio die Rede war. Ständig schwebt sie über ihren Schwestern und versucht alles von ihnen fernzuhalten. So können sie ja nichts lernen! Weil bisher keine Notwendigkeit bestand.

Eve richtet sich auf, schaut auf ihre Armbanduhr und sieht, dass ihr eine Stunde Zeit bleibt, bevor sie die Mädchen abholen muss. Das Gutshaus wirkt riesig im Rückspiegel. Wenn sie nur wieder reingehen könnte.

Sie denkt an ihre Mutter und an ihre Schwestern, die gemeinsam um den Tisch sitzen und Tee trinken. Sie denkt an Margot und Kit, an das heikle Terrain, auf dem sie sich befinden. Sie denkt an die Liste mit Erledigungen, die auf dem Wohnzimmercouchtisch liegt, an all die Sachen, die bis Samstag besorgt werden müssen, und seufzt.

Ihr Handy macht sich auf dem Beifahrersitz bemerkbar. Sie entsperrt es und liest die SMS, Röte schießt ihr in die Wangen. Sie starrt lange darauf. Ihre Augen überfliegen die Worte, und ihre Finger schweben über dem Display. Bis sie zur Besinnung kommt und die SMS in den Papierkorb verschiebt.

Mit einem weiteren Seufzen startet sie den Motor und verlässt die Auffahrt. Das ist echt die allerletzte Ablenkung, die sie im Moment gebrauchen kann. Es gibt so viel zu regeln.

5

Das Knallen der Küchentür verhallt, und die Atmosphäre ist angespannt. Kit kehrt zu den beiden übrig gebliebenen Töchtern zurück. Zu Margot, die krumm am Tisch sitzt, das Haar dunkel und der Blick undurchdringlich, und zu Lucy, die blass und erschöpft wirkt. Sie hat die Hände an die Schläfen gelegt und ist in ihrem Stuhl zusammengesunken.

»Na, das hab ich wieder so richtig in den Sand gesetzt, was?«, sagt Lucy. »Keine Ahnung, was in sie gefahren ist. Sie sieht immer alles so eng.«

»Eve ist einfach nur Eve. Sie wird sich beruhigen.« Kit stellt die Milch auf den Tisch, zieht einen Stuhl zu sich heran und nimmt neben Lucy Platz.

»Hab ich was falsch gemacht? Bin ich unfair gewesen?«

Margot zuckt mit den Schultern. »Es ist dein Fest. Du solltest feiern, wie du es für richtig hältst.«

»Ich freue mich ja, wenn sie hilft.« Lucy seufzt. »Aber sie hat so festgefahrene Vorstellungen von einer Hochzeit.«

»Das wird schon wieder.« Kit tätschelt beruhigend Lucys Hand. »Warte, bis sie sich ein wenig gefangen hat. Morgen wird sie hier auftauchen, als wenn nichts wäre. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht …« Sie steht auf und holt eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank. »Ich könnte was Stärkeres gebrauchen.« Sie winkt einladend mit der Flasche.

»Danke, nicht für mich«, sagt Lucy. »Ich muss fahren.« Sie schaut auf die Uhr. »Ich sollte eigentlich längst zu Hause sein.«

Als Kit merkt, dass Lucy sie mit Margot allein lassen will, wird sie nervös. »Bleib zum Abendessen«, sagt sie rasch. »Du siehst müde aus. Ich werd uns was kochen. Dann könnt ihr beide Neuigkeiten austauschen.«

»Ich sollte zu Tom fahren. Wir haben noch viel zu besprechen … so wie ihr bestimmt auch.« Sie wirft Margot einen vielsagenden Blick zu.

Kit seufzt. Deshalb also will sie nicht bleiben. Sie schaut zu Margot hinüber und erkennt, dass ihre Jüngste ähnlich nervös ist.

Lucy sucht umständlich ihre Sachen zusammen und umarmt beide. »Genießt euer Abendessen. Ich ruf morgen an.«

»Bilde dir bloß nicht ein, ich hätte vergessen, dass du meine Jacke anhast«, sagt Margot.

Lucy wirft ihr einen Kuss zu und verschwindet durch die Hintertür.

Kit erwidert Margots Blick und lächelt vorsichtig. »Magst du Wein?«

Margot zögert und nickt. »Gut. Ein kleines Glas.«

Kit schenkt zwei Gläser ein. »Wieso machst du dich nicht ein wenig frisch und packst in Ruhe aus? Ich schaff das schon mit dem Abendessen.«

»Ich fühle mich gut.« Margot streckt die Beine und schlägt sie übereinander. »Ich hab nicht viel dabei.«

Kit kann die darauf folgende Stille nicht ertragen und schaltet deshalb das Radio ein, dreht es leise, bevor sie nach Töpfen und Küchengerätschaften sucht. Sie füllt einen Topf mit Wasser und holt eine Basilikumpflanze von der Fensterbank.

»Soll ich was hacken?« Margot zeigt auf die Kräuter.

»Wenn du willst«, erwidert Kit.

Margot zieht ihre Lederjacke aus und beginnt, Blättchen von der Basilikumpflanze zu zupfen. Ihr charakteristischer Duft verbreitet sich im Raum.