Verlag: Diana Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Pfauensommer - Hannah Richell

Zwei Frauen. Zwei Sommer. Ein Haus voller Geheimnisse.Das verschlossene Zimmer im verstaubten Westflügel von Cloudesley Manor scheint vergessen. Nur die 86-jährige Lillian weiß, was dort geschah. Nur sie weiß um die dramatischen Ereignisse jenes verhängnisvollen Sommers, die ihr Leben unwiderruflich veränderten.Sechzig Jahre später kommt Lillians Enkelin Maggie nach Cloudesley und die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln. Maggie, deren Herz sich nach Heilung sehnt, taucht in die düsteren Geheimnisse des Landguts ein. Wird sie die Geschichte ihrer Familie entwirren, bevor sie alles, was ihr viel bedeutet, verliert?

Meinungen über das E-Book Pfauensommer - Hannah Richell

E-Book-Leseprobe Pfauensommer - Hannah Richell

Der Roman

Das verschlossene Zimmer im verstaubten Westflügel von Cloudesley Manor scheint vergessen. Nur die 86-jährige Lillian weiß, was dort geschah. Nur sie weiß um die dramatischen Ereignisse jenes verhängnisvollen Sommers, die ihr Leben unwiderruflich veränderten.

Sechzig Jahre später kommt Lillians Enkelin Maggie nach Cloudesley und die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln. Maggie, deren Herz sich nach Heilung sehnt, taucht in die düsteren Geheimnisse des Landguts ein. Wird sie die Geschichte ihrer Familie entwirren, bevor sie alles, was ihr viel bedeutet, verliert?

»Diese Geschichte hat mich völlig in ihren Bann gezogen.« Katherine Webb

»Hannah Richell erzählt berührend von Liebe und Familie, Fehler und Verzicht, Kunst und Schönheit.« Daily Telegraph, Sydney

»Eine kunstvoll gewobene, fesselnde Geschichte über Geheimnisse und Lügen, die drei Generationen einer Familie umspannt.« Sydney Morning Herald

Die Autorin

Hannah Richell wuchs in England und Kanada auf, verbrachte viele Jahre in Australien und lebt heute mit ihrer Familie im Südwesten von England. Sie arbeitete im Marketing der Film- und Verlagsbranche und für verschiedene Zeitungen und Magazine, bevor sie begann, Geschichten zu schreiben. Ihre Romane begeistern Leser und Presse weltweit und werden in 14 Sprachen übersetzt. Nach Geheimnis der Gezeiten und Das Jahr der Schatten ist Pfauensommer das dritte Buch der Autorin. Ein Interview mit Hannah Richell lesen Sie im Anhang dieses E-Books.

Hannah Richell

PFAUENSOMMER

Roman

Aus dem Englischen von Christiane Burkhardt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2018 by Hannah Richell

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel The Peacock Summer bei Orion Books, London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Claudia Krader

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv: © Goddard Photography / Getty Images; javarman, Aleksey Stemmer, Anastasia Lembrik, mubus7, Dirk M. de Boer, Susla / shutterstock.com

Zitat:

© 1957, 2010, 2013 by Arche Literatur Verlag AG, Zürich-Hamburg

L’Été © Editions Gallimard, Paris, 1950

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-24333-3V001

www.diana-verlag.de

Für Jess

Teil I

Die Hoffnung, die mir träumte, war ein Traum,

war nur ein Traum; nun lieg ich wach,

unfassbar trostlos und erschöpft und alt,

nur eines Traumes wegen.

Christina Rossetti

Es ist nicht weiter schwer, sich in so einem Haus unsichtbar zu machen – leise Schritte, gesenkte Blicke, die knarzenden Stufen und losen Dielenbretter, die mich verraten könnten, stets im Hinterkopf. Und dann natürlich seine Bewohner, die so sehr mit ihrem eigenen Leben, ihren Problemen und Sehnsüchten, so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie Leute wie mich nicht bemerken: Leute im Schatten, die alles mitbekommen.

Doch ich sehe sie. Ich sehe alles. Das, was ich sehen soll. Und das, was ich nicht sehen soll. Ich sehe ein Feuerzeug in einem dunklen Zimmer aufflammen, die Lippenstiftspuren an einem Glas. Ich sehe die Abdrücke auf einem Kissen, die Blutflecken auf den Laken. Ich sehe verstohlene Blicke, zitternde Hände, geballte Fäuste, tränenbenetzte Taschentücher.

Alles ist so offensichtlich, all die Geheimnisse in ihren Leben. Vorausgesetzt, man schaut richtig hin.

Denn so ein Haus hat Augen.

Ich verkörpere die Augen dieses Hauses und wende den Blick niemals ab.

1

Kurz nach Mitternacht wacht sie auf, ihr ist viel zu heiß, und ihre Füße haben sich im Laken verheddert. Etwas hat nicht lockergelassen und sie aus ihren Träumen gerissen, ihren unruhigen Schlaf gestört. Während sie im Bett liegt, umgeben von diesem riesigen, stummen Haus, versucht sie zu ergründen, was das sein könnte. Ein Rascheln? Ein Flüstern?

Sie wartet darauf, dass es zu ihr kommt. Das Zimmer. Ein Zimmer nur aus Bäumen. Das Geräusch des Windes, der zwischen ihren Ästen hindurchweht, ihre Blätter zum Rauschen bringt. Die Bäume rufen nach ihr, singen ihr nächtliches Lied.

Sie ignoriert ihre alten, protestierenden Gelenke und lässt sich aus dem Bett gleiten, holt den verschnörkelten Messingschlüssel aus seinem Versteck, geht barfuß in den dunklen Flur und die geschwungene Treppe hinunter zur Eingangshalle. Dabei ertasten ihre Füße sorgfältig jede Stufe, und ihre Finger gleiten das verstaubte Geländer hinab.

Ein Luftzug dringt unter der Haustür hindurch. Sein kalter Atem streift ihre viel zu heiße Haut und weht ein einsames braunes Blatt über die Fliesen. Sie schiebt den schweren Wandteppich beiseite, schließt die dahinter liegende Tür auf und folgt dem gewundenen Flur, bis sie vor dem Zimmer steht, das sie gerufen hat. Sie lehnt sich gegen den Türrahmen, bevor sie die Schwelle überschreitet.

Sie weiß nicht recht, ob sie wach ist oder schläft, als sie in ihrem weißen Nachthemd wie ein Gespenst zwischen den Bäumen umherläuft, eingehüllt in den Moschusduft dieses Ortes. Ihre Hände fahren über glatte graue Rinde, ihre Finger ertasten Knoten und Maserungen, die ihr so vertraut sind wie gute alte Freunde. Das Blätterdach über ihrem Kopf ist dicht und üppig. Sie stellt sich vor, dass sie sein prächtiges, blaugrün-goldenes Schimmern in der Dunkelheit sehen kann. Und die Augen – diese allgegenwärtigen Augen – beobachten sie dabei.

Erschöpfung überfällt sie wie so oft in letzter Zeit. Sie setzt sich, lässt sich davon übermannen. Wie leicht es doch ist, sich davon forttragen zu lassen, wie verführerisch, sich aus der Gegenwart davonzustehlen und die Räume der Vergangenheit zu durchschreiten, zu den vertrauten Gesichtern, den kostbaren Momenten und Erinnerungen zurückzukehren. Sie folgt den verschlungenen Wegen ihres Gedächtnisses und schreckt bei einem durchdringenden Schrei zusammen. Er ist so schrill wie der Schrei eines Pfaus oder einer sich vor Schmerzen krümmenden Frau.

Ist das echt oder nur Einbildung? Dunkelheit hüllt sie ein, schwer und beklemmend. Ein stechender Geruch liegt in der Luft. Das Nachthemd klebt an ihrem verschwitzten Körper. Sie erkennt sich kaum wieder. Es geht ihr nicht gut. Das ist nicht real, denkt sie. Nichts davon ist real. Die Bäume sind fort, die schimmernden Blätter, die wachsamen Augen, alles hat sich in einer dicken Wolke aus Ruß und Rauch aufgelöst. Sie legt die Hand auf die Stirn. Ihr ist so heiß, die Hitze scheint sie zu verzehren. Der Rauch, diese schwarze, alles erstickende Rauchwolke rollt immer näher heran.

Sie lässt sich zu Boden fallen, verängstigt und verwirrt, kriecht jetzt auf allen vieren. Ist sie real oder bloß Einbildung, die Stimme, die ihr aus der Dunkelheit etwas zuruft?

»Lillian! Lillian, kannst du mich hören?«

Sie öffnet den Mund, doch kein Laut kommt heraus. Stattdessen dringt Rauch ein, füllt ihre Lunge, raubt ihr Stimme und Atem. Die Bäume ächzen und rauschen. Grellrote Funken regnen herab.

»Hier bin ich«, sagt sie. »Ich kann dich hören.«

Die Worte verlieren sich genau wie sie in der alles erstickenden Dunkelheit.

2

Es ist drei Uhr früh, als Maggie aus dem Nachtclub taumelt – in Begleitung zweier junger Frauen und eines großen Mannes mit Schlangentattoo auf dem Unterarm. Die vergleichsweise Stille im Freien und die kühle Luft auf ihrer Haut sind ein willkommener Kontrast zur Hitze und zum wummernden Drum’n’bass im einstigen Lagerhaus.

Maggie rückt die Stofftasche über ihrer Schulter zurecht und wendet sich an ihre neuen Freunde: »Wie wär’s mit einem kleinen Abenteuer?«

»Woran denkst du da genau?«, fragt der Mann.

Tim. Jim. Sie erinnert sich nicht.

»Mir nach!« Sie führt ihn durch die Gasse zu den glitzernden Lichtern der Oxford Street.

Die Mädchen stolpern Arm in Arm hinterher und kichern. Sie kommen an einem offenen Dönerladen und einer Auslage mit grellrosa Schaufensterpuppen in Fetischkleidung vorbei. Vor einem rund um die Uhr geöffneten Supermarkt sitzt mit gesenktem Kopf ein Obdachloser, ein zerfetztes Pappschild vor sich auf dem Bürgersteig und einen zusammengeringelten australischen Schäferhund vor den Füßen.

Maggie sieht die gelben Scheinwerfer eines Taxis durch die Innenstadt geistern und hebt die Hand. Gemeinsam mit dem Mann klettert sie auf den Rücksitz, während sich die beiden Mädchen um den Beifahrersitz streiten.

»Clovelly Beach, bitte«, sagt sie. Der Fahrer, der ihr im Rückspiegel einen Blick zuwirft, nickt und wendet, verlässt die Stadt in Richtung Osten.

»Zum Strand?«, sagt der Mann neben ihr, dessen warme Hand über ihre Oberschenkelinnenseite streicht. »Wir könnten doch einfach zu mir gehen?«

Er lächelt, in seinen Wangen bilden sich Grübchen, doch sie schüttelt den Kopf. »Ich möchte das Meer sehen.«

»Ist das euer Handy?«, fragt die junge Frau neben ihnen.

Maggie lauscht. Aus den Tiefen ihrer Tasche dringt ein schwaches Tuten: ihr Handy, das schon so lange nicht mehr geklingelt hat. Sie hat ganz vergessen, wie sich das anhört. Sie lässt es läuten und konzentriert sich stattdessen auf die gelben Lichter von Bondi Junction, die jenseits der Scheibe vorbeigleiten, sowie auf den nicht nachlassenden Druck der Männerhand an ihrem Bein.

Das Taxi setzt sie auf dem Parkplatz hinter dem Surfclub ab. Maggie schlüpft aus ihren Schuhen und führt sie zur felsigen Landspitze, spürt das kalte Gestein unter den nackten Füßen und schmeckt das Salz in der Luft. Sie spürt, wie ihr der Mann folgt. Die Mädels sind ganz in der Nähe, stolpern lachend durch die Dunkelheit. Das Wellenrauschen unter ihr ist ohrenbetäubend. Sie knickt einmal um, doch ihr Begleiter fängt sie mühelos auf und hält sie fest. Seine Hände sind rau und haben kräftige Finger, die Hände eines Handwerkers.

»Woher kommst du?«, fragt er, zündet sich eine Zigarette an und reicht sie ihr, während sie sich über das unebene Terrain fortbewegen.

Sie nimmt einen Zug und gibt sie ihm zurück. »Aus England.«

»Das hab ich mir bei deinem Akzent schon gedacht. Woher genau?«

»Davon wirst du nie gehört haben.«

»Sag doch erst mal.«

»Es ist ein kleines Dorf, ein winziger Fleck auf der Landkarte.«

»Und der heißt wie?«

»Cloud Green.«

Er schüttelt den Kopf. »Nee, nie davon gehört.«

»Du bist aber weit von zu Hause weg«, sagt eine der jungen Frauen, als sie zu ihnen aufschließt.

»So weit, wie ich nur konnte.«

Sie findet eine Stelle, die genauso gut ist wie jede andere, lässt ihre Tasche fallen und geht bis zum äußersten Rand des Felsvorsprungs, starrt auf das schwarze Wasser hinunter. Es tost unter ihr, weißer Schaum glitzert in der Dunkelheit.

»Geht es ihr gut?«, hört sie eines der Mädels fragen.

Sie breitet die Arme aus und lehnt sich gegen den Wind.

»Komm zurück«, sagt der Mann mit einem nervösen Lachen, doch sie schließt die Augen und überlässt sich den heftigen Böen, dem unter ihr rauschenden Ozean. Sie fühlt sich wie ein Vogel, wie eine Möwe, die sich davontragen lässt.

So verharrt sie, bis sie sich, abgekühlt durch die salzige Meeresluft, umdreht und über die Felsen zurückkehrt.

Die anderen sitzen da und lassen einen Joint kreisen. Maggie fröstelt und schlingt die Arme um die Knie. Der Mann legt ihr einen Arm um die Schulter, die Zigarette lässig in der Hand. Den Mädels wird langweilig, sie laufen zu den Parkplatzlichtern zurück, doch Maggie bleibt, wo sie ist, starrt in die Dunkelheit und aufs tosende Meer hinaus.

»Und jetzt?«, fragt er.

Maggie zuckt mit den Schultern. »Ich mag das Meer. Es lenkt mich von mir ab. Außerdem wollte ich noch nicht wieder zurück ins Hostel. Eine meiner Mitbewohnerinnen schnarcht wie ein Bär.«

»Okay, aber es wird langsam kalt.« Er drückt seine Kippe auf den Felsen aus und beugt sich vor, um sie zu küssen. Sein Atem riecht nach Tabak und Bier. »Komm, am besten wärm ich dich ein bisschen auf.«

Seine Finger ziehen an den Trägern ihres Tops, streifen sie ihr über die Schultern. Sie lehnt sich zurück, sein Mund auf ihrem und seine Hände am Reißverschluss ihres Rocks. Sie schaut zum Meer, wo sich am Horizont bereits ein schwaches Leuchten abzeichnet. Sie ist nicht auf den Tagesanbruch vorbereitet, schließt die Augen und versucht, alles bis auf das Tosen der Wellen auszublenden, die sich unten an den Felsen brechen, und den Fremden, der sich auf ihr bewegt, sie gegen den Felsen presst. Fast fühlt es sich an, als würde sie ertrinken.

***

Als sie aufwacht, ist er fort. Nur sie und ein paar neugierige Möwen sind noch da, die in wenigen Zentimetern Entfernung dastehen und sie misstrauisch beäugen. Ihre Schultern sind verspannt. Dort, wo ihr Gesicht auf den Felsen lag, klebt Sand an ihrer Wange. Mehrere Jogger erscheinen nacheinander auf dem Küstenpfad. Ihre Turnschuhe trommeln einen regelmäßigen Rhythmus. Auf dem Parkplatz hinter ihr machen zwei Frauen in bunten Sportklamotten Dehnübungen und plaudern. Ihr Gelächter klingt schrill an diesem frühen Morgen.

Angesichts der Sydneysider beim Frühsport fühlt sie sich verklebt und verkommen. Maggie greift nach ihrer Tasche und ist erleichtert, dass ihre neuen Freunde sie nicht um ihre Wertsachen gebracht haben. Wenn sie sich beeilt, kann sie vielleicht im Hostel duschen, bevor ihre Schicht im Café beginnt.

Als sie zum Parkplatz zurückläuft, dringt wieder das schwache Tuten ihres Handys aus den Tiefen ihrer Handtasche. Sie zieht es heraus und wirft einen Blick aufs Display. Rufnummer unterdrückt. Sie ist versucht, es weiterklingeln zu lassen. Im letzten Moment gewinnt die Neugier die Oberhand.

»Hallo«, sagt sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Krächzen.

»Spricht da Oberon?« Es knackt in der Leitung. Die Frauenstimme klingt sehr englisch und sehr weit weg. »Hallo? Maggie Oberon?«

»Ja«, sagt sie. »Das bin ich.« Maggie schluckt, ihre Zunge ist wie ausgedörrt und liegt ihr schwer im Mund. Ihr aufziehender Kater macht sich in pochenden Schläfen bemerkbar.

»Ach, Gott sei Dank. Ich heiße Kath Davies. Ich rufe aus dem Krankenhaus in Buckinghamshire an. Ich versuche scho…«

Wieder dieses Rauschen in der Leitung. Maggie schließt die Augen. Irgendwo draußen auf dem Wasser kreischen Möwen.

» … Sie zu erreichen. Sind Sie noch dran, Maggie?«

»Ja«, sagt sie. »Ich bin noch dran. Entschuldigen Sie, aber die Verbindung ist ganz schlecht.«

»Ich rufe wegen Lillian an, Lillian Oberon.«

Maggie kneift erneut die Augen zu. »Ist sie … ist sie …«

»Sind Sie Ihre nächste …«

»Geht es ihr gut?«

»Verwandte?«

Ihre Stimmen überschneiden sich und bilden ein Wirrwarr.

»Ich bin ihre Enkelin. Geht es ihr gut?«

»Können Sie mich hören, Maggie? Die Verbindung ist wirklich katastrophal.«

»Ich kann Sie hören. Sprechen Sie weiter«, drängt sie, auch wenn ihre Worte aus knapp zwanzigtausend Kilometern Entfernung zurückgeworfen werden. »Sagen Sie endlich, was ist mit Lillian?«

***

Heathrow ist ein grässliches Durcheinander aus Menschen, Gepäck, Kerosingestank, weinenden Babys, Tränen und Geschrei. In der frühmorgendlichen Hektik der internationalen Ankunftshalle schauen die Leute erwartungsvoll, drängen sich gegen die Absperrung. Es fällt ihr schwer, nicht verlegen zu werden, weil sie sich wie auf dem Präsentierteller fühlt.

Zwei kleine Mädchen winken mit einem handgemalten Plakat. Willkommen daheim, Daddy. Die Mutter hinter ihnen tritt währenddessen ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Eine Frau in einer schwarzen Burka umarmt einen großen, weinenden Mann. Eine ältere Dame sitzt eingesunken in ihrem Rollstuhl, während ihre Familie sich über ihren Kopf hinweg lebhaft unterhält.

Auf Maggie wartet niemand.

Sie hat auf dem langen Flug von Sydney nach London kein Auge zugetan, doch etwas am Ruckeln des Heathrow Express lässt Maggie schnell auf ihrem Sitz eindösen. Das Kinn ist ihr auf die Brust gesunken, und sie bekommt kaum etwas von ihrer Umgebung mit, bis sie erschreckt hochfährt, als ein Bahnmitarbeiter sie an der Schulter rüttelt und ihr sagt, dass sie Paddington erreicht haben.

Mit geröteten Augen nimmt sie die U-Bahn bis zur Marylebone Station, kauft einen Strauß roter Tulpen an einem Blumenstand im Bahnhofsgebäude und lässt sich dann in die Ecke eines weiteren Zugabteils fallen. Der Zug kriecht durch Londons graue Vororte, bis sich die Landschaft öffnet und er Fahrt aufnimmt.

Nach der Hitze und der Sonne der letzten Monate ist es seltsam tröstlich, zurück in dieser Landschaft aus gedämpften Braun-, Grau- und Grüntönen zu sein. An Australien hat ihr vieles gefallen. Die endlose Weite des blauen Himmels, die rote Erde, die hellen, sich schälenden Eukalyptusbäume mit ihren glänzend grünen Blättern. Sie hat gelernt, das morgendliche Gekreische der Sittiche vor dem Hostel-Fenster zu genießen, genauso wie das Zirpen der Zikaden, das sich im heißesten Moment des Tages zu einem Crescendo steigerte, die kleinen Gläser mit kaltem Bier, die in den Pubs serviert wurden, den Kaffeeduft aus den Cafés, die von sengender Sonne und Salzwasser brennenden Schultern.

Sie hatte den Kontrast begrüßt, ein willkommener Hinweis auf die Entfernung zur alten Heimat, zum Unrecht, das sie dort begangen hat. Doch trotz der zurückgelegten Meilen, trotz der Erfahrungen und Begegnungen ist sie sich insgeheim nicht sicher, dass sie eine andere geworden ist als die, die England vor fast einem Jahr verlassen hat.

***

Die internistische Abteilung ist relativ einfach zu finden in dem Gewirr von Krankenhauskorridoren, auch wenn der unverkennbare Geruch nach verkochtem Gemüse und Desinfektionsmitteln ihrem Jetlag-geplagten Kopf zusetzt.

Bis zum Schwesternzimmer atmet sie flach, nennt dann der Oberschwester ihren Namen und fragt, ob sie ihren Rucksack bei ihr lassen darf.

»Da wären wir«, sagt die Krankenschwester, die sie zum hintersten Bett auf der Abteilung führt. »Mrs. Oberon scheint gerade ein Schläfchen zu machen, aber Sie dürfen sich gern zu ihr setzen. Die Medikamente machen sie sehr benommen.«

Maggie mustert ihre Großmutter vom Fußende des Bettes aus und ist schockiert über ihr Aussehen. Das Gesicht ist blass, der Mund steht offen. Direkt unter der Haut zeichnen sich blaue Adern ab, die Lippen sind trocken und aufgeplatzt. Ihre rechte Schläfe ist verpflastert und eine Kanüle mit Klebeband an ihrem Handrücken befestigt. Ihr dünnes weißes, sonst säuberlich hochgestecktes Haar fällt strähnig auf die Schultern.

»Soll ich die für Sie in eine Vase stellen?«, fragt die Krankenschwester und zeigt mit dem Kinn auf die Tulpen in ihrem Arm.

»Danke.« Sie zieht einen Plastikstuhl zu sich heran und nimmt neben dem Bett Platz. Lillian runzelt die Stirn und murmelt etwas im Schlaf. Bei ihrem Anblick verspürt Maggie einen tiefen Schmerz.

»Gran, ich bin’s, Maggie.« Sie greift nach ihrer Hand, während Lillian mit flatternden Lidern die Augen aufmacht und sie kurz mustert. »Ich bin’s, Maggie«, sagt sie erneut.

Ihre Großmutter starrt sie eine Weile an, bevor ihr Blick zum Fenster huscht.

»Wie geht es dir? Kann ich dir was bringen?« Nach wie vor sagt Lillian nichts. »Möchtest du etwas trinken?«

Sie weiß nicht, ob die leichte Kopfbewegung ihrer Großmutter Zustimmung bedeutet, aber weil sie nicht untätig bleiben will, gießt sie Wasser aus dem Plastikkrug, findet einen Knopf, mit dem sich das Kopfende des Bettes hochstellen lässt, und setzt den Becher an die Lippen ihrer Großmutter. Gehorsam nimmt Lillian ein paar Schlucke, bevor sie den Kopf wieder aufs Kissen sinken lässt.

»Sobald ich es erfahren habe, bin ich gekommen.«

Maggie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und staunt über Lillians Schweigen. Vorhin, im Zug, hat sie sich vorgestellt, wie es sein wird, wenn sie am Bett ihrer Großmutter sitzt, deren Hand hält und sie tröstet. Doch das ist nicht mehr die Frau, die sie vor fast einem Jahr verlassen hat. Angesichts des schlechten Gesundheitszustands bekommt es Maggie mit der Angst.

Der Geruch nach Desinfektionsmitteln und die Geräusche aus dem Flur rufen eine Erinnerung wach. Den Geschmack unreifer Kirschen auf der Zunge, das Knacken eines verfaulten Asts, den stechenden Schmerz eines gebrochenen Arms. Damals war es Lillian, die sie im Obstgarten hochhob und sie in genau dieses Krankenhaus brachte. Die an ihrem Bett in der Kinderabteilung saß und ihr beim Eingipsen Mut zusprach. Die ihr sagte, wie tapfer sie sei, und als Erste auf dem blütenweißen Gips unterschreiben durfte. Lillian, immer nur Lillian, die stets für sie da gewesen war.

Als sie das beängstigend bleiche Gesicht ihrer Großmutter mustert, kommt Maggie nicht umhin, sich zu schämen. So hat sie es ihr also vergolten. Sie hat ein hedonistisches Leben am anderen Ende der Welt geführt, obwohl Lillian sie dringend brauchte. Und jetzt, wo sie hier ist, sitzt sie hilflos an ihrem Bett, ohne zu wissen, was sie tun und wie sie ihr helfen kann. Dabei schuldet sie dieser Frau so viel mehr.

Ein Ehepaar kommt mit einem großen Obstkorb für die grauhaarige Dame im Bett gegenüber herein. Es lächelt Maggie zu, bevor es den Vorhang um das andere Bett zuzieht. Maggie hört Begrüßungsmurmeln, gefolgt von Gelächter. Sie schaut wieder zu Lillian, deren Blick nach wie vor unverwandt an die Zimmerdecke gerichtet ist.

»Sie hat mir gesagt, dass ich beobachtet werde.«

Erschreckt über den Klang von Lillians Stimme, beugt sie sich tiefer. »Was hast du gesagt, Gran?«

»Sie hat mich gewarnt. Ich habe ihr nicht geglaubt. Aber er hat die ganze Zeit zugesehen.«

Maggie sieht sie verwirrt an, weiß nicht, ob sie sich verhört hat. »Entschuldige, Gran, wer hat zugesehen?«

»Dieses Haus hat Augen.«

Lillian schaut nicht sie an, sondern zum Fußende. Maggie folgt dem Blick ihrer Großmutter, doch da ist niemand. Sie bekommt Gänsehaut.

Lillian dreht langsam den Kopf und konzentriert sich wieder auf Maggie.

»Ich hab alle deine Briefe bekommen«, versucht es Maggie. »Ich habe mich so darüber gefreut. Bitte verzeih, dass ich keine große Briefeschreiberin war.«

Lillian nimmt Maggies Hand, ihre Haut ist erstaunlich kühl und weich. »Bring mich nach Hause«, sagt sie leise, aber eindringlich. »Versprich, dass du mich nach Hause bringst.«

Maggie drückt die Hand ihrer Großmutter. »Versprochen, Gran. Sobald es dir besser geht.«

»Ich will nur nach Cloudesley, hast du das verstanden?«

Maggie nickt.

»Versprich es mir.«

»Ja, ich verspreche es. Sobald du gesund genug dafür bist.«

Lillian nickt, lässt sich wieder in die Kissen sinken und schließt die Augen.

Maggie bleibt noch ein wenig. Vor dem Fenster, gegenüber vom Parkplatz, hebt sich ein weiterer, identischer Krankenhausflügel dunkel vom Himmel ab. Maggie fragt sich, was sich wohl in diesem Gebäude abspielt. Babys, die geboren werden, geliebte Angehörige, von denen man Abschied nehmen muss, Leben, in denen nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Sie sieht, wie unten auf dem Asphalt zwei Autos dieselbe Parklücke ansteuern. Maggie beobachtet, wie einer der Fahrer aussteigt und auf den anderen zustürmt, wütend gestikuliert. Die Nerven liegen blank an so einem Ort, wo sich alles um Leben und Tod dreht. Sie hat in den letzten zwölf Monaten vieles vergeigt, aber das hier kann sie hinkriegen.

***

Das Taxi setzt sie in der Abenddämmerung zu Hause ab. Der violette Horizont schillert wie ein blauer Fleck, als es durch das schmiedeeiserne Tor fährt. Steinerne Pfauen auf den Torpfosten, gefleckt von Flechten und geduckt wie Wachtposten, schauen sie an, als sie diese passiert. Mächtige Buchen drängen sich zu beiden Seiten der gewundenen Auffahrt. Ihre dicht belaubten Äste verdunkeln den Himmel. Im schwachen Licht wirkt der Weg wie ein finsterer Tunnel, der sich in die Dunkelheit hineinschlängelt.

Sie hat die Angst vor ihrer Rückkehr weggedrückt, tief in sich verborgen, während das Taxi die Landstraße durch die Chiltern Hills nahm, sich durch Dörfer mit Ziegel- und Schiefer-Cottages wand, vorbei an Hecken voller Leben und Feldern mit wogendem jungem Weizen. Ihr Fahrer blieb Gott sei Dank stumm, die Stille wurde nur vom leise gestellten Radio unterbrochen. Immer wieder waren Protestplakate mit der Aufschrift Stoppt HS2 gegen die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke der Eisenbahn in einem Fenster oder an einem Zaun aufgetaucht. Beim Ortsschild von Cloud Green hat sie sich tiefer in den Sitz sinken lassen und es vermieden, zum Pub Old Swan an der Dorfwiese hinüberzuschauen. Sie will ihre Rückkehr so lang wie möglich geheim halten. Keine zwei Kilometer später, hinter der alten angelsächsischen Kirche mit den schiefen, an faule Zähne erinnernden Grabsteinen auf dem Friedhof, haben sie das vertraute Metalltor passiert.

Schlaglöcher sind über die gesamte Auffahrt verstreut. Das Taxi holpert an von Brennnesseln und Bärenklau überwucherten Böschungen vorbei. Eine Elster flattert von einem niedrigen Ast und segelt vor dem Wagen her, bevor sie im dunklen Blätterdach verschwindet. Sie fahren weiter, bis die Bäume weniger werden, der dunkelviolette Himmel wieder sichtbar wird und sich über einen ungepflegten Rasen voller Klee und Löwenzahn spannt. In der Ferne taucht Cloudesley auf, das alte Herrenhaus aus Ziegeln und Schiefer mit seinem steinernen Torbogen, seinem prächtigen Giebeldach und seinen himmelwärts strebenden Kaminen.

Der Taxifahrer stößt einen leisen, gedehnten Pfiff aus. »Hier wohnen Sie?«, fragt er.

Sie nickt. Ja, das ist ihr Zuhause.

»Kein schlechter Ort zum Aufwachsen.«

Erneutes Nicken. »Ja, stimmt.«

Sie hat sich nie gefragt, woher das Haus seinen Namen hat, da sie als Kind glaubte, es hätte was mit seiner Lage oben auf dem Hügel zu tun, als wäre es eine Art Tortendekoration oder eine dicke Wolke am Himmel. Für sie war es einfach nur Cloudesley gewesen.

Ihre Kindheit hatte sie zweifellos sehr einsam verbracht, im tiefsten Hinterland von Buckinghamshire, wo sie mit ihren Großeltern in dem alten Kasten mit den gewundenen Fluren und zugigen Zimmern lebte. Ihre Bezugspersonen hatten überwiegend aus Romanfiguren bestanden, auf die sie in den verstaubten Büchern in der Bibliothek gestoßen war. Angesichts vieler dieser Gefährten – Mary Lennox, David Copperfield, Jane Eyre – war ihr das Ganze gar nicht einmal so seltsam vorgekommen.

Erst als sie älter wurde, vom Internat nach Hause kam oder später mit den Mortimer-Jungs abhing, hatte sie das Haus mit anderen Augen betrachtet und langsam begriffen, wie ungewöhnlich ihre Kindheit war.

Sie bittet den Taxifahrer, sie auf der Rückseite des Hauses herauszulassen. Als die Autotür ins Schloss fällt, fliegt ein Schwarm Raben von den Ästen einer großen Buche auf. Die heiseren Schreie der Vögel verlieren sich im Himmel. Sie bleibt einen Moment stehen, starrt zu der riesigen Fassade mit den blinden Fenstern und dem wild daran hochrankenden Efeu empor. Das Haus sieht verrammelt aus. Nirgendwo ein Lebenszeichen. Maggie kann ein Frösteln nicht unterdrücken. Seltsam, dass man oft erst fortgehen muss, bevor man einen Ort richtig wahrnimmt. Der Fahrer wuchtet den Rucksack aus dem Kofferraum. Dann sieht sie zu, wie die Rücklichter seines Wagens die Auffahrt hinunter verschwinden.

Der Hintereingang führt in einen langen, mit Steinplatten ausgelegten Flur. Zu ihrer Rechten befinden sich die Spülküche, eine kleine Kammer, die einst als Blumenzimmer gedient haben muss, sowie die Kellertür. Zu ihrer Linken liegt die Küche, und vor ihr ragt eine Holztreppe auf, die sich in steilen Stufen zu den oberen Stockwerken emporwindet. Dort hat einst das Personal gewohnt.

Der Geruch, der ihr entgegenschlägt, ist ihr schmerzlich vertraut. Eine schwindelerregende Duftmischung aus feuchtem Stein, Blauregen, poliertem Holz und kalter weißer Asche im Kamin.

»Hallo?«, ruft sie und geht auf das einzige Licht in der offenen Küchentür zu.

In der Ecke läuft leise Radio 4. Jane Barrett hat sie nicht gehört. Maggie nutzt die Gelegenheit, die beruhigende Vertrautheit der vor ihr liegenden Szene in sich aufzunehmen. Der blank gescheuerte Eichentisch, die Töpfe mit Kräutern und Geranien auf der Fensterbank, das alte Weidenmuster-Porzellan auf der Kommode, der Krug mit Pfingstrosen und deren zu Boden gefallenen Blütenblättern.

Maggie räuspert sich und sieht zu, wie Jane herumwirbelt, die Überraschung auf ihrem Gesicht weicht Entzücken.

»Maggie! Ich hab dich gar nicht kommen hören.«

Jane trocknet sich die Hände an der Schürze ab und geht Maggie entgegen. »Ach, Liebes«, sagt sie und hält sie auf Armeslänge von sich ab. »Nicht mal deine Bräune kann verbergen, dass du nur noch Haut und Knochen bist. Komm, ich mach dir einen Tee. Ich setze sofort heißes Wasser auf.«

Sie lässt ihr gar keine Zeit, darauf zu antworten, sondern füllt den Kessel, holt Tassen und Untertassen sowie eine Dose mit losem Tee hervor.

»Kann ich helfen?« Angesichts von Janes Aktionismus kommt sich Maggie ganz überflüssig vor. »Lass mich doch auch was machen.«

»Nein, nein, setz dich.«

Maggie gibt sich geschlagen. Erschöpfung übermannt sie, als sie sich an den Eichentisch setzt und zusieht, wie Jane ein Teetablett vor ihr abstellt.

»Ich hab extra gewartet«, sagt Jane und nimmt Milch aus dem Kühlschrank. »Ich wollte nicht gehen, bevor ich dich gesehen habe. Du bist direkt ins Krankenhaus? Wie geht es ihr?«

Maggie denkt daran, wie still Lillian unter den weißen Krankenhauslaken gelegen hat, an ihr verzweifeltes Flehen. Bring mich nach Hause.

»Sie wirkt sehr müde und verwirrt. Aber der Arzt, mit dem ich gesprochen habe, meinte, es geht ihr gut. Die Nierenbeckenentzündung ist unter Kontrolle, und sie reagiert gut auf die neuen Medikamente.«

Jane schüttelt den Kopf. »Ich hab mich ganz schön erschreckt, als ich sie in ihrem Nachthemd in der Halle gefunden habe. Nicht auszudenken, wie lang sie da schon lag.«

Maggie nickt. »Ich bin froh, dass du für den nächsten Morgen eingeplant warst.«

»Ich habe mir seit einigen Monaten angewöhnt, ein wenig öfter vorbeizuschauen.«

Nicht zum ersten Mal dankt Maggie ihrem Schicksal, dass sie die gute Idee hatte, Jane einzustellen, eine Frau aus dem Dorf, die ein paarmal die Woche nach Lillian schaut. Seit einem Jahr hilft Jane der alten Dame mit kleineren Einkäufen und beim Kochen. Sie ist eine unkomplizierte Frohnatur, eine pragmatische Person, wie man sie sich in Krisensituationen nur wünschen kann.

Jane zieht einen Stuhl heran, nimmt gegenüber von Maggie Platz und schiebt ihr einen Teller mit Keksen hin. »Ich hoffe, du findest das nicht übergriffig, aber ich mache mir Sorgen um deine Granny. Dieses Haus … es ist einfach viel zu viel für sie allein. Es ist mir ein Rätsel, wie sie mit all den Stufen zurechtkommt. Aber sie will nichts davon hören und ist stur wie ein Maulesel.«

»Das kann man wohl sagen.«

»Manchmal komme ich morgens her und sehe, dass Möbel verrückt wurden und Vasen verschwunden sind. Schmutzige Fußspuren führen quer durchs Haus. Ich fürchte, das war nicht die erste Nacht, in der sie umhergeirrt ist, auch wenn nur der liebe Himmel weiß, warum.«

»Wie seltsam.«

»Das ist noch längst nicht alles. Neulich hat sie mich gefragt, wann Charles aus London zurückkommt. Ich glaube, sie hatte es in diesem Moment tatsächlich vergessen.« Jane sieht Maggie über den Rand ihrer Teetasse hinweg vielsagend an. »Dann hat sie mich gebeten, Albies Zimmer herzurichten, obwohl der seit Monaten nicht angerufen hat. Hinzu kommt, dass sie alles Mögliche verliert. Ihre Brille, ein Paar Pantoffeln … letzte Woche war es ein Schlüssel. Sie schien darüber ziemlich außer sich zu sein, doch als ich sie wenige Minuten später drauf ansprach, hat sie mich bloß verständnislos angesehen. In den letzten Wochen ist sie immer verwirrter geworden. Unruhiger. Weniger klar im Kopf.« Jane verstummt.

»Ich hatte nicht die geringste Ahnung.« Maggie denkt an die Korrespondenz mit ihrer Großmutter, an Lillians kurze, aber fröhliche Briefe mit Neuigkeiten aus dem Ort, an ihre wiederholten Fragen zu Australien. Fragen, auf die Maggie nie die richtige Antwort zu haben schien. Sie hatte reagiert, so gut sie konnte, vom Wetter und den Stränden geschwärmt, aber die unappetitlicheren Details ausgespart. Die schmuddeligen Hostels, in denen sie gewohnt, das unattraktive Café, in dem sie einen Job als Kellnerin gefunden hatte, und die männlichen Zufallsbekanntschaften, mit denen sie sich vorübergehend ablenkte. Anscheinend war sie nicht die Einzige, die etwas verheimlicht hat. Vielleicht haben sie sich ihre Einsamkeit beide voreinander schöngeredet.

Maggie wird regelrecht von Schuldgefühlen überschwemmt. Sie hätte sich denken können, dass nicht alles in Ordnung ist, ja, mehr als nur das. Sie hätte gar nicht erst fortgehen dürfen. Sie schuldet Lillian so viel.

»Wenn dich das irgendwie tröstet«, hebt Maggie an und klammert sich an diesen Strohhalm. »Der Arzt, mit dem ich sprach, hat sehr optimistisch gewirkt. Er geht davon aus, dass sie vielleicht Ende der Woche entlassen wird.«

Jane ist irritiert. »Entlassen? Hierher?«

»Ja.« Maggie denkt an das Versprechen zurück, das sie ihrer Großmutter gegeben hat. »Ich hab befürchtet, dass sie in ein Pflegeheim soll, aber der Arzt meinte, dass nichts dagegenspricht, sie hierher zurückzubringen. Vorausgesetzt, es ist ständig jemand bei ihr.«

Jane verdreht die Augen. »Für manche Patienten mag das zutreffen, aber ich wette, die wenigsten dürften sechsundachtzig sein und in einem Haus wie diesem hier leben. Wenn du mich fragst, wollen sie bloß das Bett freikriegen. Die vielen Schnittwunden …« Sie schüttelt den Kopf.

»Ja, gut möglich. Doch ich bin ja wieder da. Wenn du mich unterstützt, zusammen mit Mr. Blackmore natürlich …«

»Ach du meine Güte, nein! Ja, weißt du das denn gar nicht?« Jane beugt sich in ihrem Stuhl vor. »Mr. Blackmore ist Ende letzten Jahres in Rente gegangen. Es wurde ihm alles ein bisschen zu viel.«

Noch etwas, das Lillian ihr in ihren Briefen verheimlicht hat. Nun, das erklärt so einiges, denkt Maggie angesichts des Zustands des Rasens und des Efeus am Haus.

»Deine Großmutter hat einen neuen Mann eingestellt, der ihr etwas unter die Arme greift, ein paar Gartenarbeiten und andere Handwerkertätigkeiten erledigt, du weißt schon …« Jane verstummt, wirkt auf einmal sehr verlegen.

»Das ist doch gut, oder?«

»Jaja«, sagt Jane energisch. »Ich dachte, sie hätte dir davon erzählt. Ich war mir nicht sicher, was du davon hältst.«

»Solange er keine Probleme damit hat, sich die Hände schmutzig zu machen, und Grans Anforderungen gerecht wird, wüsste ich nicht, was dagegensprechen sollte.«

Jane sieht aus, als wollte sie etwas sagen, scheint es sich dann aber anders zu überlegen. »Ja«, erwidert sie mit fester Stimme. »Genau das hab ich auch gedacht.«

Maggie greift nach Janes Hand und drückt sie, ihre Entschlossenheit wächst. »Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Du warst mir so eine Hilfe. Aber jetzt bin ich wieder da. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Lillian zu helfen und sie wieder nach Hause zu holen.«

»Nun, das beruhigt mich sehr.«

Maggie zuckt mit den Schultern. »Ich möchte wetten, dass Lillian und du die Einzigen seid, die sich über meine Rückkehr nach Cloud Green freuen.«

»Na, na, kein Selbstmitleid in dieser Küche«, sagt Jane, greift nach dem Tablett und räumt die Tassen ab. »Du wirst feststellen, dass sich der Trubel bereits vor einer ganzen Weile gelegt hat. Du kennst das ja, das Leben auf dem Dorf. Eine Brutstätte für kurzlebigen Klatsch, aber die Flammen, die die Gerüchteküche nähren, verzehren sich rasch von selbst.«

Maggie mustert sie zweifelnd, und sie fährt fort: »Es gab schon ganz andere Aufregungen in Cloud Green, und es werden nicht die letzten gewesen sein, denk an meine Worte. Die meisten Leute haben längst spannendere Gesprächsthemen gefunden. Außerdem: Wen geht das eigentlich was an?«

Maggie nickt wenig überzeugt. Obwohl sie so viel redet, kann Jane ihr nicht wirklich in die Augen sehen. Sie beide wissen ganz genau, wie das englische Dorfleben so sein kann.

Maggies Beklommenheit wächst, als der Motorlärm von Janes Auto in der Auffahrt verklingt. Eine unheimliche Stille erfüllt das Haus. Da sie sich wieder mit dem alten Gebäude vertraut machen möchte, schreitet sie das Erdgeschoss ab, folgt den gewundenen, holzvertäfelten Fluren, öffnet Türen und betätigt Lichtschalter, schaut sich jedes Zimmer an, bevor sie es erneut in Dunkelheit versinken lässt.

Im Esszimmer lässt der Luftzug den Kronleuchter an der Decke schwanken, doch die Luft riecht abgestanden. Die Fensterläden sind geschlossen. Die Stühle aus Walnussholz, der lange polierte Holztisch, die Kommode sind von gespenstischen Laken bedeckt. Die bunten Tapeten ihres Großvaters und die bemalten afrikanischen Masken hängen nach wie vor an den vertäfelten Wänden, nebst einer Sammlung von Hörnern und Geweihen. Das Porzellanservice und die kristallenen Weingläser dagegen stehen unbenutzt in einem riesigen Glasschrank herum.

In der Bibliothek sieht es ähnlich aus. Die Regale sind bis unter die Decke mit ledergebundenen Bänden gefüllt, die große Leiter steht dagegengelehnt. Nur die Sessel sind inzwischen von weißen Laken geschützt und die Perserteppiche zusammengerollt und an die Wand gestellt worden. Maggie sieht, dass die einst kostbare Sammlung geschnitzter Elfenbeinfiguren auf dem Kaminsims von einer dicken Staubschicht bedeckt ist. Zwei der Fensterscheiben weisen Sprünge auf, und Efeu rankt sich zwischen den verwitterten Fensterrahmen und der Wand hindurch ins Zimmer. Es riecht modrig und unangenehm stickig wie in einem Treibhaus.

Im Wohnzimmer sieht es noch schlimmer aus. Verrammelte Fenster, verblasste chinesische Tapeten, überall Unordnung und herumstehender Nippes. Einige Eimer wurden in unregelmäßigen Abständen unter der Stuckrosette verteilt, die meisten sind zur Hälfte mit trübem Wasser gefüllt. Darum herum ist der Teppich dunkel verfärbt. Als sie nach oben schaut, sieht sie Wasserflecken an der Decke und einen großen Zickzackriss in einer der Wände. Das Arbeitszimmer ihres Großvaters ist intakt, die Wände sind von Charles’ entomologischer Sammlung bedeckt – auf Nadeln gespießte, gerahmte Käfer und Schmetterlinge. Sie sind dermaßen verstaubt, und die Luft ist so dick, dass es sich eher anfühlt wie in einer Gruft, die seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet wurde.

Bei jedem neuen Zimmer verlässt Maggie ein wenig mehr der Mut. In dem Jahr ihrer Abwesenheit scheint das Haus regelrecht verkommen zu sein. Als sie durch seine Zimmer und Flure geht, ist ihr, als ginge sie durch ein Museum mit vielen vernachlässigten Ausstellungsstücken oder durch eines, das wegen Renovierung geschlossen ist.

Neben der Küche ist der Salon das einzige Zimmer, das einigermaßen aufgeräumt und benutzt wirkt. Das erkennt sie am Lieblingsschal ihrer Großmutter, ihrer Lesebrille und einem Kreuzworträtsel neben dem Ohrensessel. An der gegenüberliegenden Wand entdeckt Maggie das Bild, das sie Lillian zum Achtzigsten geschenkt hat. Ein buntes, wildes abstraktes Gemälde, das sie in einer ihrer experimentelleren Phasen auf der Kunstakademie gemalt hat.

Während sie sich umschaut, wird Maggie ganz traurig, als sie merkt, auf welch kleinen Radius Lillians Leben in dem riesigen, hallenden Haus zusammengeschrumpft ist. Weil sie die bedrückende Stille leid ist, geht sie zum Fenster, schiebt den Riegel zurück, reißt es auf und lässt die Nachtluft herein. Ein willkommener Windstoß hält Einzug, lässt ein paar Blätter Papier auf dem Schreibtisch hochwirbeln und zu Boden segeln.

Maggie hebt das Blatt auf, das ihr am nächsten liegt, eine noch unbezahlte Stromrechnung. Letzte Mahnung steht rot darüber. Sie geht auf alle viere und sammelt die übrigen Unterlagen auf. Ausnahmslos Rechnungen, Dutzende – für Gas, Wasser, Dachreparaturen, Klempnerarbeiten am Dach, außerdem mehrere Rechnungen von Jane, die allesamt längst fällig wären. Maggie starrt bestürzt darauf und nimmt die Unterlagen an sich. So wie es aussieht, ist nicht nur Lillians Gesundheitszustand besorgniserregend, sondern auch der Zustand des riesigen, langsam verfallenden Hauses.

Irgendwann erreicht sie die große Eingangshalle. Sie betätigt einen Lichtschalter und vernimmt ein schrilles Sirren über sich. Der französische Kronleuchter flammt kurz auf und erlischt dann mit einem lauten Knall. Stattdessen macht sie eine der Jugendstillampen mit den Perlschnüren auf der Kommode an, befreit deren Schirme von Spinnweben und schaut sich um. Das schwache Licht wirft unheimliche Schatten an die Galeriewände, wo mehrere Reihen gold gerahmter Gemälde hängen, von denen sie die darauf Porträtierten ausdruckslos anstarren. Sie entdeckt lose Fliesen, einen weiteren Eimer am anderen Ende des staubigen Schachbrettbodens, der auf den nächsten Regenguss wartet, Mäusekot in den Ecken und einen Teppich, der sich die große geschwungene Treppe emporwindet und so abgetreten und voller Löcher ist, dass er eindeutig ein Sicherheitsrisiko darstellt. Nicht gerade eine ideale Umgebung für eine betagte Patientin, die sich von einer schweren Erkrankung erholt. Zum ersten Mal stellt sie ihr voreiliges Versprechen Lillian gegenüber infrage. Sie hat ihrer Großmutter ihr Wort darauf gegeben, dass sie sie nach Hause holen wird. Aber ist das wirklich ein geeigneter Ort, um zu genesen?

Sie fährt mit der Hand über den riesigen, verblichenen Wandteppich, um sich dann umzudrehen und die Treppe zu ihrem Zimmer zu nehmen. Auf halber Strecke bleibt sie stehen und lauscht. Sie hört keine Hundepfoten auf den Fliesen, kein Zeitungsrascheln aus der Bibliothek, kein leises Murmeln aus dem Radio ihrer Großmutter. Da ist nichts, nicht einmal das Gluckern alter Wasserleitungen. Das Haus hat in all den Jahren so viel mitgemacht – Abendgesellschaften und Gelächter, Gespräche und Auseinandersetzungen, Tanz und Musik. Es hat so viele Leben beherbergt und so viele Menschen kommen und gehen sehen. Und nun ist es einfach verstummt. Es ist unheimlich, seine einzige Bewohnerin zu sein. Welche Echos aus der Vergangenheit könnte sie hören, wenn sie wüsste, worauf sie lauschen muss?

Ihr Blick fällt auf die Pendeluhr in der Halle, und sie macht kehrt, geht die Treppe wieder hinunter, pustet den Staub vom hölzernen Uhrenkasten, bevor sie ihn öffnet, um die Uhr so aufzuziehen, wie Lillian es ihr gezeigt hat. Mit einer gewissen Genugtuung schaut sie zu, wie das Pendel langsam ausschlägt und ein regelmäßiges Ticken aus der alten Uhr kommt. Es ist, als begänne ein wiederbelebtes Herz erneut in ihrer Brust zu schlagen. Eine Kleinigkeit hat sie in Ordnung gebracht.

An die vielen anderen Baustellen, um die sie sich kümmern muss, will sie lieber nicht denken.

3

Lillian sitzt an der Frisierkommode in ihrem Zimmer und zählt die durchs Haus hallenden Schläge der Pendeluhr. In einer halben Stunde kommen die Gäste. Ein Kristallglas mit Whiskey on the rocks steht vor ihr auf dem Tisch. Lillian nippt daran und betrachtet sich mit zusammengekniffenen Augen im Spiegel, sucht nach Krähenfüßen, hebt das Kinn, um es erst in die eine und dann in die andere Richtung zu neigen, und streicht sich mit den Fingern sanft über den Hals.

»Mrs. Charles Oberon«, sagt sie leise. Sie erkennt sich kaum wieder. Mit gerade einmal sechsundzwanzig fühlt sie sich uralt und erschöpft. Der heutige Abend wird sie zusätzlich anstrengen.

Sie bürstet sich das Haar und steckt es zu einer akkuraten Banane hoch. Wenn sie aus dem Glas trinkt, kullern die Eiswürfel klirrend darin hin und her. Jenseits des Fensters sitzt eine Amsel im Blauregen. Sie beginnt, aus voller Kehle zu singen, als wollte sie die Instrumente unten auf der Terrasse begleiten, die gerade gestimmt werden. Ganz Cloudesley scheint nur so vor Energie zu summen.

Man hört das Scharren einer Leiter, die über die Terrasse geschoben wird, während ein Mann den letzten der chinesischen Lampions aufhängt. Ein Teewagen fährt klappernd über das Natursteinpflaster, Gläser und Flaschen klirren. Sie vernimmt das unterdrückte Kichern der beiden Dienstmädchen, die an ihrer Zimmertür vorbeigehen – zusätzliches Personal, das extra für diesen Anlass angefordert wurde.

Vor diesem Abend herrschte an Arbeit wahrlich kein Mangel. Kronleuchter wurden geputzt, Blumen geschnitten und arrangiert, Möbel abgestaubt, Teppiche ausgerollt, Silber poliert und gezählt, Champagner kalt gestellt ebenso wie die extravaganten Eisskulpturen, auf denen Charles bestanden hat und die jetzt das Esszimmer zieren.

Sogar die Pfauen scheinen um die Bedeutung des Abends zu wissen, sie patrouillieren auf dem Rasen wie prächtige Wächter. Das ganze Haus ist auf den Beinen, nur sie scheint wie gelähmt zu sein, überflüssig inmitten des Mahlstroms.

Ohne das Zittern ihrer Hand weiter zu beachten, trägt sie Rouge auf und schminkt sich die Lippen scharlachrot. Die Farbe hilft, ihre Blässe zu verbergen. Wieder hebt sie das Glas und stellt fest, dass es leer ist.

Ihr Kleid liegt auf dem Bett bereit, eine lange, schlichte jadegrüne und rückenfreie Robe. Sie schlüpft hinein, und der Stoff umspielt ihre Beine fließend. Erst als sie sich wieder dem Spiegel zuwendet, sieht sie, dass Charles schweigend in der Tür steht.

»Ach«, sagt sie. »Hast du mich erschreckt.«

Er lächelt ihrem Spiegelbild zu. »Darf ich meiner wunderschönen Frau etwa nicht dabei zusehen, wie sie sich zurechtmacht?«

Lillian schenkt ihm ein schwaches Lächeln. Er sieht gut aus in dem schwarzen Smoking, mit seinem dicken, mit Pomade geglätteten rotbraunen Haar, wobei der Glanz beinahe seinen grellweißen Scheitel kaschiert.

»Schön, dass du dir Mühe gibst, Liebes. Sehr gut.« Sein Blick fällt auf das leere Glas vor ihr auf dem Tisch. »Geht’s dir jetzt besser?«

Sie nickt und macht sich an den Nackenbändern zu schaffen.

»Darf ich?« Er tritt einen Schritt vor, um die Bänder zu verknoten. Seine Finger schließen die verdeckte Knopfleiste über ihrer Wirbelsäule, bevor er einen Schritt zurücktritt, um sie zu bewundern. »Perfekt«, sagt er. »So gut wie.«

Charles zieht eine schwarze Samtschatulle aus seinem Smokingjackett und lässt sie aufschnappen, um eine beeindruckende, eng anliegende Halskette zu enthüllen. Vier Perlenstränge, die von einem glitzernden Diamant-Smaragd-Verschluss zusammengehalten werden. Er reicht sie ihr. »Das sollte genügen«, sagt er und mustert ihren Hals.

Diese Kette hat natürlich noch gefehlt. »Sie ist wunderschön«, sagt sie.

Sie erlaubt ihm, ihr die Kette umzulegen. Die kühlen Perlen schmiegen sich um ihren Nacken, bevor seine Hände auf ihren Schultern ruhen und er sein Gesicht dem ihren nähert. Er kommt ihr so nah, dass sie den Hauch von Sandelholzseife auf seiner Haut riechen kann. Sie zwingt sich, ihn im Spiegel anzusehen. »Siehst du?«, sagt er. »Jetzt bist du perfekt.«

»Danke.« Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Ihre Blicke treffen sich, bis Charles beiseitetritt und seine Manschettenknöpfe zurechtzupft. »Es wird ein wunderschöner Abend.«

Sie atmet weiter und greift nach einem Ohrring, hält ihn sich an, bevor sie sich dagegen entscheidet. »Ja, schlau von dir, ihn auszuwählen.«

Charles reibt sich kurz die Hände. »Nun, the show must go on.« Er ist fast an der Tür, als er sich zu ihr umdreht, die Augen leicht zusammengekniffen. »Gib einfach dein Bestes, Liebes. Das ist doch nicht zu viel verlangt?«

Sobald er fort ist, greift sie zu den Perlen um ihren Hals. Sie bohren sich kalt in ihre Haut, aber sie nicht zu tragen ist ausgeschlossen. Also nimmt sie die Schultern zurück, hebt das Kinn und betrachtet sich lange im Spiegel. Noch ehe ihr klar wird, was sie da eigentlich tut, greift sie nach dem leeren Glas auf der Frisierkommode und wirft es quer durchs Zimmer. Es zerschellt an der Wand, zerspringt in hundert Stücke. Mit diesem kleinen Akt der Zerstörung kann sie ein paar der in ihr aufgestauten Gefühle abreagieren.

The show must go on, denkt sie und zupft ein letztes Mal an der Perlenkette, bevor sie das Zimmer verlässt.

***

Sie hat gerade ihr drittes Glas Champagner intus, als sie von einem Mann bedrängt wird, der viel zu laut auf sie einredet, während seine Frau stumm danebensteht. Lillian kann den Blick einfach nicht von den Kanapeekrümeln abwenden, die sich in seinem Schnurrbart verfangen haben.

»Seit ich denken kann, besuche ich Charles’ Maiball«, verkündet er mit offensichtlichem Stolz. »Aber ich glaube nicht, dass ich Cloudesley je so reizend erlebt habe wie heute Abend, findest du nicht auch, Barbara?« Er gibt der Dunkelhaarigen neben sich einen Stups, und sie murmelt etwas Zustimmendes.

Lillian weiß, dass er wichtig ist, einer von Charles’ Geschäftspartnern, auch wenn ihr sein Name entfallen ist. Hugh irgendwas. Für sie sehen Charles’ Freunde alle gleich aus, erst recht heute Abend in ihrer Festgarderobe. Eine Parade korpulenter, ergrauter Herren.

»Danke«, sagt sie. Wohl wissend, dass es ihre Aufgabe ist, das Kompliment entgegenzunehmen, auch wenn sie kaum etwas mit den Vorbereitungen für diesen Abend zu tun hatte. Sie musste nur das Personal anweisen und darauf achten, dass Charles’ Wünsche exakt ausgeführt wurden.

»Ihr Oberons habt es schon immer verstanden, Partys zu feiern«, fährt er fort. »Können Sie sich an das Jahr erinnern, als Charles diese Schlangenfrau engagiert hat? Meine Güte! Die Verrenkungen, die sie auf dem Bartresen gemacht hat, waren wirklich unglaublich.« Er versetzt Lillian einen Stoß. »Erinnern Sie sich daran, meine Liebe?«

Sie kann sich nicht an die betreffende Party erinnern. Vermutlich hat sie vor ihrer Zeit stattgefunden, als die erste Mrs. Oberon Charles bei seinen Soireen behilflich war. Trotzdem lächelt sie höflich.

»Ich liebe es, hierherzukommen«, fährt der Mann fort. »Wohin der Blick auch fällt, überall gibt es etwas zu bewundern. Ihr Mann hat wirklich einen außergewöhnlich guten Geschmack.«

»Ja«, murmelt Lillian und lässt die riesigen Blumenarrangements aus Rosen und Pfingstrosen auf sich wirken, die funkelnden Kerzenleuchter und Pfauenskulpturen aus Eis, die langsam in der ungewöhnlich warmen Maienluft vor sich hinschmelzen. »Das stimmt.«

»Wir haben gehört, dass es Ihnen nicht gut ging. Fühlen Sie sich ein wenig besser, meine Liebe?« Das kommt von der Frau, die sie über ihr Champagnerglas hinweg durchdringend ansieht.

»Ja, danke.«

»Es geht eine scheußliche Grippe um. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein. Ich bin mir sicher, dass Charles extrem gut aufpasst … nach der armen Evelyn. Er möchte Sie vermutlich am liebsten in Watte packen.«

»Allerdings.« Lillian lacht auf. »Er passt enorm auf.«

Sie muss einfach einen kurzen Blick auf das Porträt der verstorbenen Mrs. Oberon über dem Kamin werfen, auf ihre schmalen, in rosa Satin gehüllten Schultern, ihr blasses rundes Gesicht und ihre haselnussbraunen Augen, die das Geschehen mit einer Art ruhigem Wohlwollen betrachten.

Lillian spürt, wie jemand an ihrem Kleid zupft, schaut nach unten und entdeckt Albie. »Hallo.« Das Gesicht des Jungen ist blass vor Müdigkeit, seine bernsteinfarbenen Augen sind groß wie Untertassen.

»Ich langweile mich«, flüstert er.

Sie beugt sich zu ihm hinunter und raunt ihm ins Ohr. »Ich will dir mal ein Geheimnis verraten: Ich auch.«

»Spielst du mit mir?«

Sie lächelt ihn an. »Ich wünschte, ich könnte. Weißt du was? Geh und such mir was Schönes … eine Feder … eine Blume.«

Er lächelt und nickt verständnisvoll. Das ist ihr kleines Spiel, eine Schatzsuche, bei der es nur eine Regel gibt, nämlich dass das Fundstück aus der Natur stammen muss. Es darf nichts Künstliches, nichts Menschengemachtes sein. Er stürmt durch die offenen Türen hinaus auf die Terrasse und ist im Nu verschwunden.

»Wie traurig«, sagt Barbara übertrieben mitleidig. »Er muss seine Mutter unglaublich vermissen.«

Ein Kellner taucht mit einem Tablett voller Speckpflaumen auf, und das Paar stürzt sich gierig darauf. Lillian sieht zu, wie das rosa glänzende Fleisch im weit aufgerissenen Mund des Mannes verschwindet. Sie hat keinen Appetit und hört nur mit halbem Ohr zu, während die Unterhaltung fortgesetzt wird.

Wieder huscht ihr Blick zum Porträt von Evelyn Oberon. Ob es für sie genauso war? Ob sie Charles’ Abende genießen konnte? War sie der Mittelpunkt jeder Party, oder hat sie die Festivitäten wie Lillian stoisch ertragen?

Während sie das Geschwätz des Mannes neben sich ignoriert, der kein Ende findet, lauscht sie auf das lauter werdende Geplauder auf der Terrasse. Sie hört Jazz, das Knallen der Champagnerkorken, Rufe, mit denen sich alte Freunde begrüßen, Neuigkeiten, Späße und Anspielungen austauschen.

Dem Geräuschpegel nach zu urteilen, steuert man gerade auf den Zeitpunkt des Abends zu, an dem sich sämtliche Hemmungen mit der untergehenden Sonne verabschieden. Eine lachende Frau, die eine Champagnerflasche umklammert, balanciert gefährlich auf dem Rand des orientalischen Brunnens. Der Saum ihres Abendkleids schleift durchs Wasser, während ihre Freunde sie bei ihrer waghalsigen Umrundung auf der Brunneneinfassung anfeuern. Paare tanzen unter den chinesischen Lampions wie Motten, die das Licht angezogen hat. Nichts als Bewegung und schwindelerregende Farben.

Schweiß läuft ihr den Rücken hinunter. Sie fasst sich an die Schläfe und spürt, wie es in ihren Adern pocht. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden?«, sagt sie. »Ich brauche etwas frische Luft.«

Sie tritt durch die Türen und geht bis ans hintere Ende der Terrasse, deren Balustrade fast schon in Dunkelheit versinkt. Es tut gut, sich in den Schatten zu flüchten, sich an den kühlen Stein zu lehnen und auf den von Fackeln erhellten Garten hinauszuschauen. Die dunkle Silhouette eines Pfaus flattert hinauf in einen Baum, wo er sich für die Nacht in sein Nest zurückzieht. Hoch über ihrem Kopf scheinen die Sterne Funken zu sprühen und am Firmament zu tanzen. Sie versucht, mit dem Finger unter der eng anliegenden Perlenkette entlangzufahren, und verspürt den heftigen Wunsch, das dämliche Ding abzulegen.

»Alles in Ordnung, Ma’am?«

Als sie sich umdreht, steht Bentham hinter ihr, die Hände auf dem Rücken verschränkt und den Blick ernst und starr auf einen Punkt knapp neben ihrem Gesicht gerichtet, sodass er sie anschaut und gleichzeitig auch wieder nicht.

»Ja, es geht mir gut, danke.«

»Mr. Oberon meint, Sie bräuchten vielleicht …«

»Es geht mir gut«, sagt sie diesmal deutlich vehementer, und der Butler nickt steif.

»Selbstverständlich.«

Lillian seufzt leise. »Haben Sie eigentlich auch mal frei, Bentham? Sie sollten sich ein wenig entspannen.« Sie prostet ihm zu.

Bentham schüttelt den Kopf, wobei er sie nach wie vor nicht richtig ansieht. »Das ist ein wichtiger Abend für Mr. Oberon. Wir haben alle Hände voll zu tun.«

»Ja, das stimmt. Wie dumm von mir.« Sie wendet sich ab und schaut auf den Park hinaus. »Wir müssen alle unsere Pflicht tun«, sagt sie seufzend.

Er nickt, und Lillian hört, wie er sich über die Terrasse entfernt, mit diesem unverkennbaren, steifen Gang. Dankbar, dass sie wieder allein ist, dreht sie sich um, beugt sich über die Balustrade und schaut auf den Rasen, wo ein paar Gäste im Schatten herumalbern. Die weißen Hemden der Männer und ihr betrunkenes Johlen verrät sie. Entweder sie spielen Krocket, oder aber sie scheuchen den letzten Pfau in die Bäume, vielleicht auch beides.

Lillian schließt die Augen. Ist irgendwas von alledem hier echt? Was, wenn sie die Augen aufschlägt und sich in Lucindas zugigem Haus wiederfindet, wo sie in der Bibliothek Bücher ordnet oder mit ihrer Schwester Helena auf der steinernen Bank sitzt, mit Blick auf den steilen, verwinkelten Garten? Oder als kleines Kind im Bett ihres alten Familienwohnsitzes in Pimlico und den Geräuschen ihrer Eltern im Erdgeschoss lauscht? Was, wenn das alles nur ein surrealer Traum ist? Es scheint sie kaum noch etwas mit dieser Welt hier zu verbinden.

»Es ist ein wenig früh, um einzuschlafen«, sagt eine leise tiefe Stimme neben ihr.

Erschreckt wirbelt sie zu dem Mann herum, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist.

»Das hier wird noch viele Stunden so weitergehen.«

Sie weiß nicht, wer er ist. Im Halbdunkel sieht sein Gesicht aus wie in Marmor gemeißelt, und seine Augen glänzen fast schwarz. Seine Miene ist undurchdringlich, ironisch vielleicht, aber in erster Linie machen seine Worte sie neugierig. »Amüsieren Sie sich nicht?«

Der Mann zuckt mit den Schultern und zieht ein Zigarettenetui aus der Tasche seines Smokingjacketts. Sie nickt kaum merklich und beugt sich über die Flamme, die er ihr samt seinem silbernen Feuerzeug hinhält.

»Ich bin kein großer Freund von Partys«, sagt er nur, ohne ein Wort der Entschuldigung. »All der Small Talk und das Geprotze. Das bin ich einfach nicht.«

»Warum sind Sie dann hier, wenn ich fragen darf?«

»Ich soll eine Einladung von Charles Oberon ausschlagen? Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist.« Der Mann lächelt, seine Zähne strahlen weiß in der Dunkelheit. »Außerdem war eine interessante Notiz beigelegt.«

Auch er steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen, während er erneut in seine Jacketttasche greift, ein steifes cremefarbenes Kärtchen hervorholt und es Lillian überreicht. Im schwachen Schein der über ihnen schwankenden Lampions liest sie die in eine Ecke gekritzelten Worte in der ausladenden Schrift ihres Mannes.

Ich hoffe sehr, Sie kommen. Bringen Sie einen Kameraden mit, wenn Sie wollen. Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Wir reden dann darüber. C. O.

Typisch Charles, denkt sie. Dieses selbstbewusste Wir reden dann darüber. Als stünde bereits fest, dass der Mann kommen wird. »Und, haben Sie?«, fragt sie und gibt ihm das Kärtchen zurück.

»Was denn?«

»Einen Kameraden mitgebracht?«

»Nein.«

Lillian mustert den Mann und glaubt, ihn einschätzen zu können. So, wie er aussieht, ist er der geborene Playboy. Ein Frauenschwarm. Sie bläst Rauch über den Rasen und sieht zu, wie er sich in der Dunkelheit auflöst.

»Wie ich hörte, gibt es ein Feuerwerk. Danach wollte ich mich verdrücken.«

»Ach so, ja, das Feuerwerk, natürlich.« Sie seufzt. »Chinesische Lampions, Champagnerbrunnen, Pfauen, Eisskulpturen …«

»Und ein perfekter Vollmond«, beendet er ihren Satz.

Lillian schaut zum Nachthimmel empor.

»Glauben Sie, er hat ihn extra für heute Abend bestellt?«, fragt er.

»Mit Sicherheit«, bemerkt sie trocken und ascht auf die Terrasse. »Und, was denken Sie? Was hat er Ihnen für einen Vorschlag zu machen?«

»Keine Ahnung, ich warte immer noch auf einen gemeinsamen Moment mit unserem reizenden Gastgeber.«

Etwas an seinem Grinsen betont seinen intensiven Blick. Ja, er ist tatsächlich sehr attraktiv.

»Und bis es so weit ist«, fügt er mit einem Seitenblick hinzu, »sind Sie ja da.«

Er flirtet mit ihr, auf eine nette Art, aber er flirtet. Und er kann sie offensichtlich genauso wenig einordnen wie sie ihn.

Lautes Johlen ertönt. Der Mann neben ihr kehrt den Geschehnissen im Park den Rücken zu und schaut stattdessen zum Haus empor. Aus den Fenstern fallendes Licht beleuchtet sein Profil.

»Heißt das etwa, Sie kennen hier niemanden?«, fragt sie.

»Keine Menschenseele.«

»Vielleicht kann ich das ja ändern.« Sie dreht sich erneut zur Terrasse um. »Schauen wir mal … Die Dame dort, die gerade diesen energischen Cancan aufführt, das ist Mabel Grey, die West-End-Schauspielerin. Haben Sie von ihr gehört?«

Der Mann neben ihr schüttelt den Kopf.

»Ihre Freundin, die Blonde in rosa Seide, ist ein gefeiertes Mannequin. Sie hat gerade eine ziemlich skandalöse Scheidung von ihrem amerikanischen Gatten, einem Banker, hinter sich. Es heißt, dass sie für sie sehr gut ausgegangen ist, was ihrem neuen jungen Liebhaber gefallen dürfte. Und der da drüben, der den Cocktailshaker mit Beschlag belegt, ist natürlich Charles mitsamt seiner Entourage. Alles hochstehende Persönlichkeiten.« Sie stößt eine große Rauchwolke aus. »Polizeibeamte. Politiker. Anwälte. Richter des Obersten Gerichtshofs. Gut möglich, dass unser Premierminister Anthony Eden nachher höchstpersönlich seine Aufwartung macht.«

»Meine Güte, die Oberons sind tatsächlich gut vernetzt. Nun, dann sollte man sich heute Abend lieber gut benehmen«, meint der Mann neben ihr.

»Tja, Sie würden staunen«, erwidert sie und mustert ihn von der Seite, bevor sie den Blick abwendet und eine weitere Rauchwolke Richtung Park bläst.

Sie weiß nicht, was in sie gefahren ist. Sie hat zu viel getrunken. Vielleicht gefällt ihr auch die Vorstellung, dass er keine Ahnung hat, wer sie ist. Egal, aus welchem Grund – sie redet sich ein, dass ein kleiner unbeschwerter Flirt mit einem gut aussehenden Fremden nicht unbedingt das Schlechteste ist. Charles ist mit seinen Freunden beschäftigt, und wenn sie sich auf der Terrasse so umschaut, gibt es Menschen, die sich viel gründlicher danebenbenehmen. Deutlich gründlicher.

»Er hat gerade einen guten Einfall«, sagt der Mann und zeigt mit dem Kinn auf einen Jungen im dunklen Anzug, der sich beim Tisch mit den Drinks herumdrückt und wiederholt eines der halb leeren Champagnergläser hinunterkippt, bevor er sich in den Park davonstiehlt.

»Oje«, seufzt sie.

»Charles Oberons Sohn?«

»Ja, das ist Albie.«

»Ein ziemlicher Schlingel. Wo ist Mrs. Oberon? Die habe ich ebenfalls noch nicht kennengelernt.«

Lillian zögert. Ihr albernes Spiel dauert bereits zu lange.

»Sie soll sehr schüchtern sein«, sagt der Mann mit gedämpfter Stimme. »Eher kränklich … ständig bettlägerig. Es heißt, dass Charles Oberon bei der Hochzeit mit ihr noch um seine erste Frau getrauert hat.«

Lillian wird knallrot und ist dankbar, dass die Dunkelheit sie nicht verrät. »Nun, wenn die Leute das sagen, wird es wohl stimmen.« Sie räuspert sich. »Und was machen Sie so, Mister …?«, wechselt sie rasch das Thema. Sie fände es auf einmal furchtbar, sich zu verraten.

»Fincher«, sagt er. »Jack Fincher. Ich bin Künstler«, fügt er leicht entschuldigend hinzu.

»Künstler?« Damit hat Lillian nicht gerechnet. »Und, taugen Ihre Arbeiten was?«

Der Mann grinst. »Wenn ich Ja sage, werden Sie mich für eingebildet halten. Und wenn ich Nein sagte, dürften Sie bei der nächstbesten Gelegenheit Reißaus nehmen und sich einen interessanteren Gesprächspartner suchen.«

»Sie möchten nicht, dass ich Reißaus nehme?«, fragt sie erneut, erstaunt über ihren Mut.

»Nein«, sagt er und hält ihren Blick. »Ich möchte nicht, dass Sie Reißaus nehmen.«

Irgendwo hinter ihnen ertönt ein lautes Platschen. Heisere Schreie ertönen. Der Brunnen hat sein erstes Opfer gefordert. Doch Lillian dreht sich nicht um. Sie scheint sich nicht von ihrem Nebenmann losreißen zu können.

»Und?«, wiederholt sie ihre Frage nach langem Schweigen. »Taugen sie was?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ich kann durchaus ein paar Erfolge vorweisen.«

»Ich gratuliere.« Lillian prostet ihm mit ihrem Champagnerglas zu.

Der Mann beugt sich vor und senkt seine Stimme. »Ich habe den Verdacht, dass Charles Oberon mich nur eingeladen hat, damit ich ein Familienporträt anfertige. Etwas zum Geburtstag seiner Frau vielleicht?«

Lillian schluckt. »Ich entnehme Ihrem Tonfall, dass Sie kein großer Freund von Porträts sind?«

»Nicht viele Künstler können es sich leisten, die Auftragsarbeit eines reichen Gönners abzulehnen. Doch ich male lieber, was ich fühle, was mich inspiriert. Das Anfertigen von Porträts für Reiche und Privilegierte, nur damit sie sich einen weiteren Beweis ihrer Eitelkeit an die Wand hängen können … Nun, diese Art Kunst interessiert mich weniger.«

Lillian starrt ihn nach wie vor an, staunt über die Aufrichtigkeit des Mannes, als jemand neben sie tritt.

»Aha«, sagt Charles mit seiner dröhnenden Stimme, sodass sie beide zusammenzucken. »Hier versteckst du dich also. Wie ich sehe, hast du Mr. Fincher kennengelernt?«

Lillian macht einen Schritt auf ihren Mann zu, ihr Herz schlägt heftig wegen Charles’ unerwartetem Auftauchen. »Nicht offiziell«, sagt sie und wünscht sich, sie könnte die peinliche Enthüllung vermeiden, die gleich folgen wird.

»Wenn das so ist, erlaube bitte.« Er zeigt auf den Künstler. »Darf ich dir Jack Fincher vorstellen, den die Times zu einem der aufregendsten zeitgenössischen jungen Künstler Großbritanniens ausgerufen hat?«

Jack ergreift Charles’ ausgestreckte Hand und runzelt die Stirn. »Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

»Ich bitte Sie, keine falsche Bescheidenheit! Ein großartiger Virtuose einer ganz neuen Kategorie, so werden Sie doch von der Kritik genannt?« Charles wartet die Antwort gar nicht erst ab und setzt seine Vorstellungsrunde fort. »Mr. Fincher, erlauben Sie, dass ich Ihnen meine Frau Lillian Oberon vorstelle.«

Sollte Jack Fincher über Lillians wahre Identität erschrecken, weiß er sich zumindest gut zu beherrschen. Der einzige Hinweis, dass er überrascht ist, ist eine hochgezogene Braue, als er ihre Hand nimmt. »Mrs. Oberon, es ist mir eine Ehre.«