Silence - Jessica Golawski - E-Book

Silence E-Book

Jessica Golawski

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Beschreibung

Die Liebe kann dich aus der Einsamkeit retten – doch was, wenn sie dein Ende bedeutet? Die junge Autorin Malina ist geschockt, als sie plötzlich einen Anruf aus Schweden erhält: Ihre Mutter ist verstorben. Beide Frauen hatten jahrelang keinen Kontakt, und Malina hat viele ungeklärte Fragen. Kurzentschlossen macht sie sich auf den Weg in die Wahlheimat ihrer Mutter. In Eskilstuna angekommen, verliebt Malina sich in den Charme der wunderschönen Stadt. Doch nicht nur das, auch der attraktive Erik sticht ihr ins Auge. Ihr Leben schlägt einen guten Weg ein, bis ein Stalker vor ihrem Fenster erscheint und Malina das Fürchten lehrt. Die junge Frau muss erkennen, dass nicht alles so friedlich und idyllisch in dieser Stadt ist, wie sie es erwartet hat.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 444

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Silence – Dein Schrei gehört mir
Impressum Silence – Dein Schrei gehört mir
Danksagung

Jessica Golawski

Silence – Dein Schrei gehört mir

Impressum Silence – Dein Schrei gehört mir

© 2025 VAJONA Verlag GmbH

Druck und Verarbeitung:

FINIDR, s.r.o.

Lípová 1965  

737 01 Český Těšín

Czech Republic

Lektorat: Sandy Brandt

Korrektorat: Alexandra Gentara

Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag GmbH

Unter Verwendung von gezeichneten Inhalten von Diana Gus

Satz: VAJONA Verlag GmbH

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe

Für all diejenigen, die sich in Not befinden.

Ihr seid nicht allein.

Eine strahlend schöne Braut schaut mich aus dem Spiegel heraus an. Ihre wundervollen grünblauen Augen werden durch ein charmantes Make-up hervorgehoben. Die schokoladenbraunen Haare wurden zu einer aufwendigen Flechtfrisur auf ihrem Kopf drapiert. Auf ihren Lippen liegt ein sanftes Lächeln. Und das Kleid ist ein wahr gewordener Traum aus Spitze und Seide. Alles ist perfekt.

Mehrmals muss ich blinzeln, um zu verstehen, dass es sich bei dieser wunderschönen Erscheinung tatsächlich um mich handelt. Es ist mein Hochzeitstag. Dieser Gedanke lässt mein Herz augenblicklich schneller schlagen. Endlich! Über viele Monate hinweg habe ich diesen speziellen Tag geplant. Ich kann nicht leugnen, dass die Vorbereitungen stressig und zeitintensiv gewesen sind. Mein Verlobter – Christian – hat mir vorgeschlagen, dass ich eine Wedding-Planerin engagieren könnte.

Über diesen Vorschlag habe ich genau zwei Sekunden nachgedacht, bevor ich ihn abgelehnt habe. Schon als kleines Mädchen habe ich von meiner absoluten Traumhochzeit geträumt. Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, dass dieser Tag nicht komplett in meiner Hand liegen könnte. Meine Vorstellungen sind ganz klar gewesen, und ich wollte mir von niemandem hineinreden lassen. Außerdem bin ich gewissermaßen eine Perfektionistin. Am liebsten übernehme ich die Dinge selbst, denn dann weiß ich, dass alles nach meinem Plan läuft.

Ein letztes Mal streiche ich ehrfürchtig über mein elfenbeinfarbenes Hochzeitskleid. Für gewöhnlich kommt an solch einem Tag die gesamte Familie zusammen und feiert gemeinsam. In meinem Fall sieht das etwas anders aus. Es gibt schlichtweg keine Familie, die mit mir diesen Tag zelebrieren könnte. Mein Vater ist kurz nach meiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und mit meiner Mutter habe ich nichts mehr zu tun. Vor einigen Jahren hat sie mich urplötzlich aus unserem gemeinsamen Haus geworfen und ist allein nach Schweden ausgewandert. Kurz darauf habe ich den Kontakt zu ihr gesucht, doch diese Versuche hat sie alle abgeblockt. Diesen Entschluss kann ich bis heute nicht verstehen und noch viel weniger vergeben. Nach einiger Zeit hat sie selbst mehrmals versucht, den Kontakt zu mir herzustellen, doch diese Versuche habe ich im Keim erstickt. Mein eigener Stolz hat mich daran gehindert, auf ihre Nachrichten zu antworten. Schließlich ist sie zuerst ohne ein Wort gegangen.

Den Grund dafür kann ich mir nicht erklären. Aber sie hat mich ignoriert, als ich sie gebraucht habe. Deshalb habe ich auch nicht auf meine Mutter reagiert. Sie sollte zu spüren bekommen, wie ich mich in der Zeit gefühlt habe. Wahrscheinlich hat sie erkannt, wie einsam sie in Schweden ist. Es würde mich nicht wundern, wenn sie eines Mannes wegen in dieses Land gegangen ist und dieser sie sitzen gelassen hat. Es spielt für mich keine Rolle. Meine Mutter ist für mich gestorben!

Dennoch kann ich nicht leugnen, dass ich mich einsam fühle. In Christian habe ich all das gefunden, was ich mein Leben lang gesucht habe. Sicherheit, Geborgenheit und einen starken Partner an meiner Seite. Er fängt mich auf, wenn ich falle. Endlich muss ich nicht mehr alles bewältigen können. Denn ich habe einen Menschen gefunden, der mich unterstützt und für mich da ist. Seine Eltern werden unter den Gästen sein, genauso wie sein Bruder und seine Schwester. Christian besitzt eine Familie. Eine richtige Familie. Blutsverwandtschaft. Menschen, auf die er im Leben zählen kann. Solche, die anwesend sind, wenn er den schönsten Tag seines Lebens feiert.

Ich spüre, wie meine Tränen nach oben steigen und drohen, mein Make-up zu ruinieren. Hektisch lege ich eine Hand auf meinen Bauch. Meine Atmung ist panisch, und mit einem Mal finde ich es viel zu heiß für einen Apriltag. Mein Kleid fühlt sich zu eng an und meine Frisur drückt schmerzhaft an meiner Kopfhaut. Ich schaue an mir herunter und drohe, zu ersticken. Mit einem Mal wirkt alles endgültig auf mich. In mir wächst der dringende Wunsch, mir alles vom Körper zu reißen.

Ein Klopfen an der Tür ertönt. Bevor ich die wartende Person hereinbitten kann, wird die Zimmertür nach innen aufgestoßen. Ich schaue in verwirrt dreinblickende, braune Augen. Sie gehören meiner besten Freundin Rosalie. Sie trägt ein eng anliegendes, lilafarbenes Kleid. Es passt sich perfekt ihrer schlanken Figur an und umschmeichelt ihre zarten Kurven.

»Malina? Ist alles in Ordnung bei dir?«, fragt sie. Sie hat ihre Augenbrauen nach oben gezogen und es ist offensichtlich, dass nicht alles in Ordnung ist.

Stumm schüttle ich den Kopf.

Rosalie rafft ihr Tüllkleid zusammen und kommt schnell auf mich zu. Besorgt nimmt sie meine Hände in ihre eigenen und legt den Kopf leicht schief. Meine beste Freundin weiß immer, was ich gerade brauche. »Du siehst leider gar nicht gut aus, Malina«, bemerkt sie sanft.

Ein Geräusch, halb schniefend, halb lachend, entkommt meiner Kehle. Mit meinem Zeigefinger wische ich vorsichtig unter meinem Auge entlang. »Vielen Dank, Rosalie. Genau das möchte eine Braut an ihrem Hochzeitstag hören.«

»Nein.« Sie schüttelt den Kopf. »So habe ich das überhaupt nicht gemeint. Aber du siehst unglücklich aus. Bist du mit deiner Entscheidung, Christian zu heiraten, unzufrieden?«

»Was? Nein, absolut nicht«, beeile ich mich zu sagen. »Christian ist mein absoluter Traummann. Ich möchte mit niemand anderem heute vor den Traualtar treten.« Erst als ich die Worte laut ausspreche, merke ich, dass ich sie auch wahrhaftig fühle. Christian ist der erste Mann in meinem Leben, der mich mit all meinen Fehlern und Problemen bedingungslos liebt.

Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich das Gefühl, dass ein Schatten über ihr Gesicht zieht. Doch nach einem Wimpernschlag ist dieser Ausdruck verschwunden und ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das nicht eingebildet habe. Womöglich bin ich aufgeregt und sehe Gespenster. Ich schüttle den Kopf und versuche, das ungute Gefühl zu verdrängen, das sich in meinem Magen ausbreitet.

»Übrigens habe ich gestern Abend die Druckfahne zu unserem neuen Roman bekommen«, erwähnt Rosalie beiläufig.

»Oh!« Überrascht hebe ich den Kopf. »Das hast du überhaupt nicht erwähnt.« Der plötzliche Themenwechsel macht mich sprachlos. Gerade eben haben wir noch über meine Hochzeit und meinen zukünftigen Ehemann gesprochen. Wahrscheinlich wollte Rosalie mich absichtlich ablenken, damit ich mir keine Gedanken mehr mache. Doch ich bin der Meinung, dass es viele Themen für einen Hochzeitstag geben kann. Die Arbeit ist allerdings keins davon.

Sie zuckt mit den Schultern. »Hat sich nicht ergeben. Du warst durch den Wind wegen der Hochzeit. Da wollte ich zumindest die Arbeit von dir fernhalten. Du hättest sofort das Manuskript lesen wollen.«

»Natürlich«, bekräftige ich. »Schließlich haben wir Deadlines einzuhalten. Wie lange haben wir Zeit?«

Rosalie und ich haben vor einigen Jahren angefangen, Bücher zu schreiben. Nur unsere engsten Freunde wissen, dass wir hinter dem Pseudonym M.R. Shorty stecken. Am Anfang haben wir viele Absagen erhalten, bis ein Verlag an uns geglaubt und unseren Liebesroman veröffentlicht hat. Dieses Buch ist absolut durch die Decke gegangen. Seitdem schreiben wir viel intensiver, haben unsere Jobs gekündigt und können mittlerweile sogar beide davon leben. Ein Umstand, für den ich jeden Tag dankbar bin. Es versteht sich von selbst, dass ich bei jedem Manuskript das letzte Wort habe und ein Auge auf alles haben muss. Dafür hat Rosalie die besseren Ideen und ist der kreativere Kopf von uns beiden.

»Das weiß ich gerade nicht. Ich muss noch mal in die Mail schauen«, antwortet Rosalie ausweichend. Sie vermeidet den Blickkontakt mit mir.

»Okay.« Ich atme tief durch. »Tu das bitte und sag mir nachher Bescheid.«

»Nachher?«, fragt sie entgeistert. »Meinst du etwa auf der Feier?«

»Ähm … ja? Natürlich, wann denn sonst? Christian und ich wollen morgen in unsere Flitterwochen aufbrechen. Eventuell muss ich das Manuskript mitnehmen.« Tief atme ich aus. »Es wird ihm überhaupt nicht gefallen, dass die Arbeit mitkommen muss.«

»Das muss sie doch auch überhaupt nicht. Schließlich bin ich noch da. Ich werde die Druckfahne lesen und fristgerecht an den Verlag zurückschicken. Oder traust du mir das etwa nicht zu?«, fragt Rosalie eine Spur zu spitz. Sie stemmt die Hände in die Hüften und mustert mich neugierig.

Bei mir bahnen sich Kopfschmerzen an und ich habe überhaupt keine Lust auf einen Streit, weshalb ich versuche, das Thema zu umschiffen. »Doch, klar. Aber du weißt, wie ich bin. Ich habe gern ein Auge auf die Dinge und prüfe alles, was an den Verlag geschickt wird.«

»Du meinst, dass du alles prüfst, was ich erledige?« Der provokative Unterton schwingt immer noch in ihrer Stimme mit.

Ergeben hebe ich meine Hände. Wenn ich diese Bombe nicht sofort entschärfe, dann wird sie mit ziemlicher Sicherheit bald hochgehen. »Lass uns bitte jetzt nicht mehr darüber sprechen. Ich bin furchtbar aufgeregt und werde gleich in der Kirche erwartet. Auf der Feier können wir in einer ruhigen Minute weiterreden.«

Rosalies Gesichtszüge entspannen sich etwas. »In Ordnung. Dann wollen wir dich mal verheiraten.«

»Yes!«, rufe ich euphorisch aus und strecke meinen Brautstrauß in die Höhe. Rosalie positioniert sich lächelnd hinter mir und hebt die Schleppe etwas an. Dann öffne ich die Tür, und die Zeremonie kann endlich losgehen.

Der Hochzeitsmarsch beginnt. Mein Herz klopft viel zu schnell in meiner Brust. Die Flügeltüren öffnen sich und ich betrete die Kirche. Alle Augenpaare richten sich auf mich. Meine Atmung ist unregelmäßig, und ich spüre, wie verkrampft ich bin. So selbstsicher wie nur möglich schreite ich den Mittelgang entlang. Meine beste Freundin folgt mir mit einem Blumenstrauß in den Händen. Das weiß ich, weil wir dieses Prozedere tausendmal geprobt haben.

Vorne am Altar steht Christian. Mein Christian. Die große Liebe meines Lebens. Seit mittlerweile sieben Jahren sind wir ein Paar, und ich habe schon gedacht, dass dieser Tag niemals kommen wird. Er hat oft davon gesprochen, dass eine Heirat für ihn nicht zwingend notwendig sei. Ich weiß nicht, was seine Meinung geändert hat. Doch das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass wir beide heute hier sind und eine Familie werden. Mann und Frau. Ein angenehmes Kribbeln breitet sich in meinem Bauch aus. Ich kann es kaum erwarten, bis die ersten Kinderfüße durch unsere Wohnung tapsen. Eventuell werden wir eine größere Wohnung brauchen. Oder vielleicht sogar ein Haus? Egal, darum soll es heute nicht gehen. Heute geht es nur um uns beide. Malina und Christian.

Vor meinem zukünftigen Ehemann bleibe ich stehen. »Hi«, hauche ich zart.

»Wow«, keucht er atemlos. »Du siehst wunderschön aus.«

Dieses Kompliment sorgt dafür, dass mir Hitze in die Wangen steigt. Beschämt senke ich leicht den Kopf und blicke zu Boden. Ich hoffe, dass die Zeremonie bald anfängt, denn ich kann es kaum erwarten, endlich seine Frau zu werden.

»Findest du?«, fragt eine Stimme hinter mir.

Schockiert reiße ich meinen Kopf nach oben und drehe mich um. Rosalie steht hinter mir und hält weiterhin den Blumenstrauß in der Hand. Genau wie abgesprochen. Nicht abgesprochen war allerdings, dass sie Tränen in den Augen hat und meinen Ehemann gerührt ansieht. Eilig wende ich den Kopf nach vorne und schaue Christian an.

Doch er sieht mich nicht an. Er guckt an mir vorbei und sieht direkt meine beste Freundin an. Ich existiere nicht für ihn, denn er hat einzig und allein Augen für sie. Verwirrt schaue ich zwischen den beiden hin und her. In meinem Magen breitet sich ein ungutes Gefühl aus. Eine Vorahnung, dass mir nicht gefallen wird, was hier gleich passiert. Mir fehlt die Luft zum Atmen. Selbst der irritierte Blick des Priesters entgeht mir dabei nicht.

»Ähm … Christian?«, frage ich alarmiert. Meine Hand ballt sich zu einer Faust, und ich spüre züngelnde Flammen der Wut in mir hochsteigen. »Was soll das werden, wenn es fertig ist?« Meine Stimme klingt schrill und hysterisch, doch ich bin nicht in der Lage die aufkommende Panik zu unterdrücken.

Endlich sieht er mich direkt an. Er tritt einen Schritt nach vorne und legt seine Hände auf meine Schultern. Ein erleichtertes Seufzen entkommt mir. Gleich wird er mir sagen, dass das alles ein großes Missverständnis ist, und wir können endlich mit der Trauung beginnen. Für einen kurzen Moment ist mein Verlobter abgelenkt gewesen. Deshalb hat er meine beste Freundin länger betrachtet, als es notwendig gewesen wäre. Hinter seinem romantischen Blick von gerade eben steckt kein Hintergedanke.

»Malina, du bist eine wundervolle Frau. Du bist gutherzig, intelligent und liebevoll. Allerdings …« Er kaut auf seiner Unterlippe. Seine Augen zucken unruhig von links nach rechts. Christian schaut über seine Schulter nach hinten zu seinen Eltern. Sein gesamter Körper ist angespannt und er nickt seinem Vater leicht zu. Ich runzle die Stirn. Hat mein Verlobter sich gerade für irgendetwas die Erlaubnis eingeholt? Ich stehe auf dem Schlauch und verstehe nichts mehr. Endlich dreht sich Christian wieder zu mir. Sein Blick ist fest und entschlossen. »Habe ich mich vor einiger Zeit in Rosalie verliebt.«

Ich weiche einen Schritt zurück. Mein gesamter Körper wird von einem lähmenden Schmerz erfasst, als hätte er mir eine Ohrfeige verpasst. Ich taumle einen Schritt zurück und schaue hilfesuchend zu meiner Freundin. In ihren Augen hoffe ich den Scherz hinter dieser grauenvollen Aussage zu finden. Doch meine Hoffnung ist leider vergeblich. Rosalie sieht unendlich deprimiert aus, dennoch strahlt sie eine gewisse Art von Freude aus. Meine Gefühle fahren in diesem Moment Achterbahn. Ich bin wütend, traurig, verletzt und verzweifelt. Am liebsten würde ich mich auf Christian stürzen und ihm die Augen auskratzen. Ich möchte Rosalie an ihren schwarzen Haaren durch die gesamte Kirche schleifen.

Stattdessen tue ich gar nichts. Mein Herz zerbricht in tausend Scherben, und ich bin nicht in der Lage, angemessen darauf zu reagieren. Viel zu sehr bin ich mit mir und meinem eigenen Schmerz beschäftigt. Die Enttäuschung ist größer als der Hass. Hilflos muss ich dabei zusehen, wie Christian nach vorne tritt und Rosalie auf seine Arme nimmt. Überrascht lässt sie den Blumenstrauß fallen und lächelt verhalten. Dieses Miststück wagt es tatsächlich, in solch einer Situation zu lächeln. Trauer und Wut vermischen sich in meinem Inneren. Sie verschmelzen zu einem großen Klumpen, und mir dreht sich der Magen um.

Gemeinsam treten die beiden aus der Kirche heraus. Rosalie schaut mir ein letztes Mal hinterher. Ihre Lippen formen ein tonloses Sorry, dann sind sie verschwunden. Und ich? Ich stehe vorne neben dem Priester, der mir aufmunternd eine Hand auf die Schulter gelegt hat. Die fassungslosen Gesichter unserer Freunde und Christians Familienmitglieder starren mir entgegen. Die Blicke der Gäste bohren sich geradewegs in meine Seele. Hinter vorgehaltener Hand wird leise gesprochen. Sie sollen gehen! Sie alle sollen gehen!

Meine Knie geben unter mir nach und prallen hart auf den Marmorboden der Kirche. Endlich breche ich zusammen. Verzweifelt kralle ich mich an Rosalies Blumenstrauß, während herzzerreißende Schluchzer meine Kehle verlassen. Mein gesamter Körper bebt, und ich kann meine Tränen nicht länger zurückhalten. Sie fließen über meine Wangen und benetzen mein Kleid. Hässliche Mascaraspuren breiten sich in Sekundenschnelle auf dem weißen Stoff aus.

Mein Verlobter ist mit meiner besten Freundin durchgebrannt. Ich habe gedacht, dass ich heute auf der Feier zu Rosalie gehe und ihr persönlich meinen Brautstrauß überreiche. Als symbolisches Zeichen dafür, dass sie die Nächste in der Reihe sein wird, die ihr ganz eigenes Glück findet. Ich habe nicht gewusst, dass sie dieses Glück bereits gefunden hat. Und das auch noch bei meinem zukünftigen Ehemann. Und ich habe ebenfalls nicht gewusst, dass ich am Ende des Tages diejenige sein werde, die ihren eigenen Blumenstrauß fängt. Was für eine beschissene Ironie!

Gelbe Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Fensterscheibe. Das gesamte Schlafzimmer erstrahlt in einem sanften Gelb, und der sonnige Schein erwärmt ihr Gesicht.

»Bullshit!«, rufe ich laut aus und verziehe gleichzeitig das Gesicht.

Verzweifelt raufe ich mir die Haare und drücke währenddessen apathisch die Löschtaste auf meinem Laptop. Genervt schiebe ich das Gerät von mir und lasse mich rücklings auf mein Bett fallen. Ein tiefer, frustrierter Seufzer entkommt meiner Kehle. Die Deadline für mein neues Buch rückt immer näher, und mir fehlen noch fünfundachtzigtausend Wörter. Das ist eine Katastrophe!

Seit zwei Jahren habe ich mit meiner Schreibblockade zu kämpfen. Das ist prinzipiell nichts Ungewöhnliches. Schon oft hatte ich einen Blackout und musste etwas Abstand gewinnen. Normalerweise hilft es mir, für ein paar Tage Pause zu meinem Manuskript zu schaffen, einen langen Spaziergang zu unternehmen oder mich von Freunden auf andere Gedanken bringen zu lassen. Doch der lange Zeitraum dieses Mal wirkt selbst auf mich als erfahrene Autorin beängstigend.

Andererseits kann ich nicht leugnen, den Grund dafür zu kennen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, als die Erinnerungen über mich hereinbrechen. Mit diesem Buch stehe ich vor einer neuen Herausforderung. Denn dieses Mal bin ich auf mich allein gestellt. Rosalie und mich gab es immer nur als Team. Doch vor zwei Jahren hat mein Verlobter mich wegen meiner besten Freundin am Altar stehen gelassen. Die beiden sind zusammen in unsere geplanten Flitterwochen gefahren, und ich bin währenddessen aus der gemeinsamen Wohnung mit Christian ausgezogen. Still und heimlich habe ich meine Sachen gepackt und bin gegangen. Rosalie hat einmal versucht, mich anzurufen, doch bisher habe ich sie ignoriert. Ich habe ihr nichts mehr zu sagen und möchte mir auch nicht anhören, was sie mir zu sagen hat. Es gibt keine Worte, die diesen Verrat rechtfertigen könnten.

Meinen Auszug habe ich mir wie einen Befreiungsschlag für meine Seele vorgestellt. Stattdessen habe ich den harten Beton der Realität kennengelernt. Zwar habe ich einige Rücklagen ansparen können, doch auch diese neigen sich allmählich dem Ende zu. Die anstehende Deadline ist wichtig. Das weiß ich, dennoch starre ich den blinkenden Cursor ratlos an.

»Das bringt alles nichts«, sage ich laut und stehe von meinem Bett auf.

Eine kleine Pause wird mir mit Sicherheit guttun. Deshalb beschließe ich, in die Küche zu gehen und mir einen Snack zuzubereiten. Ich öffne meine Zimmertür und trete in den geräumigen Flur hinaus. Alleine könnte ich mir solch eine Wohnung mitten in Frankfurt niemals leisten. Aus diesem Grund habe ich nach einer Mitbewohnerin gesucht und bin dabei auf Nicole gestoßen. Damals hatte sie sich gerade frisch von ihrem Freund getrennt und konnte sich die Miete nicht mehr leisten. Wir saßen praktisch zusammen im selben Boot.

Anfangs haben wir uns sehr gut verstanden. Doch der Zustand, dass ich nahezu immer illiquide bin, legt uns ein paar Steine in den Weg. Ich kann verstehen, dass Nicole von meinem Mietrückstand nicht begeistert ist. Früher oder später werde ich mir eine Lösung für dieses Problem einfallen lassen müssen.

Unsere Küche ist ziemlich klein, und zwei Leute können sich kaum darin bewegen. Doch für uns beide reicht es. Meine Finger schließen sich um den metallischen Griff der Kühlschranktür und ziehen diese auf. Neugierig betrachte ich den Inhalt, während mein Magen lautstark knurrt. Schmerzhaft werde ich daran erinnert, dass ich heute das Mittagessen ausgelassen habe.

»Da bist du ja endlich!«, sagt eine mir nur allzu gut bekannte Frauenstimme.

Schuldbewusst zucke ich zusammen. Ich fühle mich ertappt. Mein Herz schlägt schneller. Wie in Zeitlupe drehe ich mich um und sehe meine Mitbewohnerin im Türrahmen stehen. Nicole trägt einen Long Bob, der ihr kantiges Gesicht auf sanfte Art umschmeichelt. Durch ihre rabenschwarzen Haare kommen die hellblauen Augen noch besser zur Geltung. Im Grunde sieht sie aus wie eine moderne Version von Schneewittchen.

Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt, während ihre Augen lediglich zwei schmale Schlitze bilden. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter, weil sie überhaupt keine gute Laune zu haben scheint. Wobei das in Bezug auf mich aktuell nichts Neues ist. Ich ahne Schlimmes, trotzdem versuche ich, mich unbeteiligt zu geben.

»Hey, Nicole. Alles gut bei dir?«, frage ich betont lässig. Es ärgert mich, dass meine Stimme am Ende des Satzes zu zittern beginnt.

Unbeeindruckt zieht meine Mitbewohnerin eine Augenbraue hoch. »Dein Ernst? Ist das alles, was du mir zu sagen hast?«

Das schlechte Gefühl in meinem Bauch wächst mit jeder einzelnen Sekunde. Ich höre das Blut durch meine Ohren rauschen. Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb und ich bin der Meinung, dass Nicole dieses Geräusch hören müsste. Stattdessen schnalzt sie ungeduldig mit der Zunge und mustert mich ruhig.

»Du bekommst die Miete diesen Monat!«, stoße ich atemlos hervor. »Ich werde das Geld aufbringen. Fest versprochen.«

Meine Mitbewohnerin sieht keinesfalls überzeugt aus. »Wie?«, fragt sie.

»Was?« Ihre Frage überrumpelt mich. Ich taumle einen Schritt nach hinten. Es fühlt sich an, als hätte sie mir einen Schlag in den Magen verpasst.

»Wie wirst du das Geld aufbringen? Du hast mir erzählt, dass dein Verlag dir eine Vorabsumme zugesichert hat, sobald du dein aktuelles Manuskript abgegeben hast. Bist du denn fertig geworden?« Die Feindseligkeit ist aus ihrer Stimme verschwunden, und sie klingt zumindest etwas friedlicher. Trotzdem hüpfe ich unruhig von einem Bein auf das andere. Mein Magen krampft sich zusammen, und Übelkeit steigt in mir hoch.

»Nun, ja. Nicht ganz. Mir fehlen noch ein paar Wörter und ich weiß nicht, ob …« Ich beiße mir fest auf die Unterlippe, weil ich mich nicht traue, diesen Satz zu beenden. Ein kleiner Teil von mir hat gehofft, dass Nicole mir ansieht, wie unangenehm mir die gesamte Situation ist, und lockerlässt. Leider habe ich nicht so viel Glück.

»Ob was?«, bohrt sie weiter nach. Sie stemmt ihre Hände in die Hüften und mustert mich unverhohlen. Ihr Blick schüchtert mich ein, und ich knete unruhig die Hände vor meinem Körper.

Tief atme ich die frische Luft durch meinen Mund ein und stoße sie anschließend kontrolliert wieder aus. Jetzt muss ich all meinen Mut zusammennehmen und ihr die Wahrheit beichten. Es führt kein Weg mehr daran vorbei.

»Vermutlich werde ich die Deadline für dieses Manuskript nicht einhalten können. Ich werde den Verlag um Aufschub bitten müssen. Das wird mit Sicherheit nicht leicht, weil ich bereits zwei Fristverlängerungen bekommen habe. Auf jeden Fall werden sie mir die Vorabsumme streichen. Das wurde vertraglich geregelt.« Zum Ende des Satzes hin werde ich immer leiser. Es gibt noch so viele Dinge, die ich sagen möchte, doch Nicoles ausdrucksloses Gesicht bedeutet mir, lieber den Mund zu halten.

Für einige Sekunden ist es still in der Küche. Lediglich das Ticken der Wanduhr durchbricht unser Schweigen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas sagen soll. Geschweige denn, ob ich mich überhaupt bewegen darf. Als der Moment sich immer weiter hinzieht und kaum noch auszuhalten ist, erlöst Nicole mich endlich. Verzweifelt wirft sie die Hände in die Luft.

»O Mann, Malina!«, ruft sie genervt aus. »Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Ich fürchte doch«, gebe ich leise zu.

»Hör mal.« Drohend hebt sie ihren Finger. »Ich mag dich total gerne, wirklich. Aber ich kann es mir nicht leisten, dich weiter durchzufüttern.«

Protestierend öffne ich den Mund. Nicole bringt mich mit einer Handbewegung augenblicklich zum Schweigen.

»Doch, das tue ich. Du musst dir auch keine Ausrede einfallen lassen. Ich weiß, dass dir vor zwei Jahren das Herz gebrochen wurde. Du bist der Meinung, dass du ohne Rosalie nicht weiterschreiben kannst. Aber es ist langsam an der Zeit, dass du erkennst, wie gut du bist. Diese Bücher hat deine Kollegin nicht allein geschrieben. Sie hat dich dafür gebraucht. Und nun veröffentlicht sie weiterhin ihre Geschichten, ist mit deinem Ex-Freund zusammen und lebt ihr Leben. Du musst endlich anfangen, nach vorne zu blicken.«

Das weiß ich. All diese Dinge weiß ich. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass Nicoles Worte wie Gift in meine Nervenzellen dringen und alles verätzen. Ich spüre, wie Übelkeit in mir aufsteigt, und versuche, diese mit aller Macht zurückzudrängen.

»Das ist mir klar, aber das ist nicht so einfach«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Niemand kann mich verstehen. Niemand in meinem Umfeld wird mich jemals verstehen und den ganzen Schmerz, den ich erlitten habe. Christian ist immer für mich dagewesen und ich habe geglaubt, dass wir unser gesamtes Leben zusammen verbringen werden. Ich habe mich geirrt. Diese Tatsache zu akzeptieren, fällt mir nach wie vor nicht leicht.

»Das ist mir bewusst«, gibt Nicole sich nun etwas versöhnlicher. »Trotzdem musst du verstehen, dass ich nicht die Wohlfahrt bin. Du bist nicht in der Lage, dich an der Miete zu beteiligen und erledigst keine Einkäufe. Dafür futterst du aus dem Kühlschrank mit. Das geht nicht. So habe ich mir ein Zusammenleben mit einer Mitbewohnerin nicht vorgestellt. Wenn sich nicht schleunigst etwas ändert, dann werde ich mir jemand Neues suchen müssen.«

Mein Mund fühlt sich staubtrocken an. Das darf nicht passieren. Ich darf diese Wohnung und Nicole als meine Mitbewohnerin nicht verlieren. Momentan kann ich mir keine neue Bleibe leisten, und solch eine kulante Freundin finde ich kein zweites Mal. Davon bin ich überzeugt. Meine Zunge fühlt sich viel zu groß für meinen Mund an, während ich meine nächsten Worte mit Bedacht auswähle.

»Was schlägst du vor, was ich tun soll?«, frage ich stotternd.

»Such dir einen Job«, erwidert Nicole und zuckt dabei mit ihren Schultern.

Ich lege den Kopf ein wenig schief. »Ich soll mir einen Job suchen? Aber ich habe einen.«

»Damit meine ich nicht das Schreiben«, sagt sie. »Du hast es einige Zeit geschafft, dich als Vollzeitautorin über Wasser zu halten. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem du erkennen musst, dass das nicht mehr möglich ist. Deshalb wäre es keine schlechte Idee, dir einen neuen Job zu suchen. Zumindest könntest du irgendwo als Aushilfe anfangen.«

Ihre Worte fühlen sich wie ein Rückschritt an. Seit meiner frühesten Kindheit habe ich davon geträumt, mich als Schriftstellerin selbstständig zu machen. Mir nun eine andere Form von Arbeit zu suchen, kann ich mir nicht vorstellen. Nicole scheint mir die Verzweiflung anzusehen, da sie etwas zurückrudert.

»Damit habe ich nicht gemeint, dass du überhaupt nicht mehr schreiben sollst. Du kannst es als Hobby nebenbei weiter ausüben. Allerdings wäre es nicht schlecht, wenn dein Bankkonto mal wieder schwarze Zahlen anzeigen würde. In diesem Punkt stimmst du mir doch zu, richtig?«

Im Grunde hat sie recht. Ich weiß, dass sie recht hat. Dennoch schaffe ich es nicht, diese winzigen Worte über meine Lippen zu bringen. Mit einem Mal fühle ich mich unendlich traurig und müde. Ich bin ausgelaugt und brauche einen Moment für mich.

»Würdest du mich kurz entschuldigen? Ich muss mich etwas hinlegen«, sage ich und trete hinaus auf den Flur.

»Malina? Ich dachte, du wolltest etwas essen!«, ruft Nicole mir schwach hinterher.

Lustlos hebe ich die Schultern. »Ich habe keinen Hunger mehr«, erwidere ich müde.

Hinter mir höre ich, wie meine Mitbewohnerin noch irgendetwas sagt, doch ich verstehe ihre Worte nicht mehr. Stattdessen schließe ich meine Zimmertür hinter mir und lasse mich rücklings auf mein Bett fallen. Ich habe mein Leben gegen die Wand gefahren. Nichts läuft mehr so, wie ich es mir gewünscht habe. Dabei hatte ich noch vor ein paar Jahren eine wunderbare Zukunft vor mir. Anscheinend muss ich einsehen, dass alles von nun an in eine andere Richtung laufen wird.

Meine Lider werden immer schwerer und mein Kopf fühlt sich unendlich müde an. Dieser Tag hat mich komplett geschlaucht, genau wie jeder andere auch. Sobald ich morgens meine Augen öffne, bange ich um meine eigene Existenz. Auf diese Art kann es nicht mehr weitergehen. Weder für mich noch für Nicole. Ansonsten wird sie mich tatsächlich vor die Tür setzen. Morgen werde ich meine Ersparnisse zusammenkratzen und unseren Kühlschrank füllen. Ich werde uns ein leckeres Abendessen kochen und mir einen neuen Job suchen. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Es fällt mir nicht leicht, eingestehen zu müssen, dass ich nicht länger vom Schreiben leben kann.

Mein Kopf kippt zur Seite und die Welt um mich herum wird schwarz, während ich in einen unruhigen Schlaf drifte.

Obwohl ich nicht besonders gut geschlafen habe, starte ich dennoch positiv in den neuen Tag. Mir ist klar, dass mein fehlendes Einkommen der Grund dafür ist. Ich möchte meiner Freundin nicht länger auf der Tasche liegen. Das will ich ihr heute beweisen. Nacheinander schwinge ich beide Beine über die Bettkante und strecke mich genüsslich, bevor ich endlich aufstehe.

Mein Ziel für heute ist, unseren Kühlschrank zu füllen und ein leckeres Abendessen vorzubereiten, um die Wogen zwischen meiner Mitbewohnerin und mir zu glätten. Lange Zeit habe ich mich gegen die Vorstellung gesträubt, etwas anderes zu tun und nicht hauptberuflich als Autorin zu schreiben. Und um ehrlich zu sein, geht es mir mit diesem Gedanken immer noch nicht gut. Es fühlt sich für mich wie ein Rückschritt in meiner Karriere an. Ich habe Angst, dass ich damit dem Schreiben den Rücken zukehre und nicht mehr dahin zurückkomme. Eilig schüttle ich den Kopf, um diese Negativität zu vertreiben. Womöglich muss ich mich lediglich neu sammeln und meine Ideen einen Moment ruhen lassen, damit sie reifen können. In den letzten Monaten war ich geradezu besessen davon, meine Lektorin mit der nächsten herausragenden Buchidee zu begeistern. Leider sind diese Gedankenblitze meinerseits ausgeblieben, und jede neue Idee ist schlussendlich im Papierkorb gelandet.

Rasch ziehe ich mich im Badezimmer aus und hüpfe unter die Dusche. In der ersten Sekunde ist das Wasser eiskalt. Ein kleiner Schrei entweicht meiner Kehle. Schnell presse ich mir die Hand auf den Mund. Nicole hat heute einen Tag frei und ich möchte sie nur ungern aus ihrem Schlaf reißen. Für eine Versöhnung wäre das wahrscheinlich kein guter Start. Kurz darauf wird das Wasser allmählich wärmer und ich seufze entspannt auf. Mit einer positiven Denkweise kann man positive Erlebnisse anlocken. Davon bin ich überzeugt.

Nach meiner Dusche schlüpfe ich in locker sitzende Jeans und ein schwarzes Top. Wir haben einen ungewöhnlich warmen Spätsommer, deshalb entscheide ich mich dagegen, meine Haare zu föhnen. Von der Garderobe schnappe ich mir eine Handtasche, ziehe meine Sneaker an und verlasse die Wohnung. Als die Tür ins Schloss fällt, bleibe ich stocksteif stehen.

Scheiße!

Wie erstarrt drehe ich mich langsam um. Das ist jetzt nicht wirklich passiert. Nein! Nein, nein, nein. Das kann nicht sein! Meine Hände krallen sich um den kalten Metallgriff. Ich drücke gegen die Wohnungstür, doch natürlich geschieht überhaupt nichts. Die Tür bleibt verschlossen. Kraftlos lasse ich meine Stirn dagegen sinken.

»Mein Schlüssel liegt noch auf der Kommode neben der Garderobe«, sage ich kraftlos zu mir selbst.

Das ist mal wieder perfekt gelaufen und vollkommen untypisch für mich. Seit der geplatzten Hochzeit lege ich eine Tollpatschigkeit an den Tag, die ich von mir selbst nicht gewohnt bin. Kurz überlege ich, die Klingel zu betätigen und Nicole zu bitten, mir meinen Wohnungsschlüssel zu reichen. Mein Finger bleibt mitten in der Bewegung stehen. Das ist keine gute Idee. Gar keine gute Idee. Sie ist ohnehin schon wütend auf mich, und der mangelnde Schlaf wird nicht unbedingt zu meinen Gunsten ausfallen.

Ich weiche von der Tür zurück, als könnte ich mich an ihr verbrennen, und entscheide mich dazu, ohne Schlüssel loszugehen. Es wird schon nichts passieren, und nach meinem Einkauf wird Nicole mit Sicherheit wach sein. Von diesem Rückschlag versuche ich mich nicht entmutigen zu lassen und mache mich auf den Weg in den Supermarkt.

Erst zwei Stunden später trete ich vollbepackt mit einer ganzen Einkaufstüte aus dem Laden heraus. Es hat mich etwas Mühe gekostet, nach günstigen Angeboten zu schauen, doch es hat sich gelohnt. Aus den Zutaten lässt sich zu Hause etwas Leckeres zaubern. In meinem Geldbeutel hat diese Ausgabe jedoch ein tiefes Loch hinterlassen. Optimistisch schaue ich nach vorn und versuche, das schlechte Gefühl abzuschütteln. Ich hoffe, dass meine Überraschung gelingt und ich Nicole damit wenigstens eine kleine Freude bereiten kann.

Etwas Kaltes landet auf meiner Nase. Verwirrt schaue ich nach oben. Durch meine Einkäufe bin ich so abgelenkt gewesen, dass ich die dunklen Wolken über mir gar nicht bemerkt habe.

»So ein Mist!«, murmle ich verärgert.

Heute bleibt mir aber auch gar nichts erspart. Wenn ich mich beeile, habe ich womöglich Glück und schaffe es trocken nach Hause, bevor der Regenschauer mich erfasst. Gerade als ich losgehe, beginnt das Smartphone in meiner Handtasche zu klingeln. Genervt verdrehe ich die Augen. Es gibt wohl keinen mieseren Zeitpunkt, mich anzurufen, als jetzt. Ich entscheide mich dazu, den Anrufer zu ignorieren und erst zu Hause nachzusehen, wer versucht hat, mich zu erreichen.

Zu meiner Erleichterung legt die Person irgendwann auf. Doch nur, um nach einer Sekunde erneut anzurufen. Ich unterdrücke den Fluch, der mir auf den Lippen liegt, und fische mit meiner linken Hand in der Handtasche herum. Es kostet mich einen Moment, bis ich das Handy triumphierend hervorziehe. Mein glanzvoller Moment dauert nur einen kurzen Augenblick an, denn eine mir unbekannte Nummer erscheint auf dem Display.

Meine Schritte werden langsamer, bis ich stehen bleibe. Ein eiskalter Schauer durchzuckt meinen gesamten Körper. Es liegt an dieser Vorwahl.

+46

Das ist die Vorwahl von Schweden. Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der in diesem Land lebt. Mama! Schwerfällig schlucke ich den riesigen Kloß in meinem Hals herunter. Es ist schon etliche Jahre her, dass wir miteinander gesprochen haben. Sie weiß nichts von meiner geplatzten Verlobung und meinem Leben in der WG. Meine Mutter hat sich für ein Leben ohne mich entschieden. Aus diesem Grund habe auch ich sie aus meinem ausgeschlossen.

Der Anrufer legt auf. Ein unendliches Gefühl von Traurigkeit, das ich mir selbst nicht erklären kann, erfasst mich. Niemals hätte ich damit gerechnet, mit ihr reden zu wollen. Nur kurz darauf versucht dieselbe Nummer erneut, anzurufen. Wieder glimmt ein kleiner Schimmer Hoffnung in mir auf. Jetzt oder nie!

Ich kratze all meinen Mut zusammen und drücke mit dem Daumen auf das grüne Symbol. Meine Hand zittert und ich spüre meinen beschleunigten Herzschlag. Ich habe keine andere Familie mehr außer meiner Mutter. Mit Christian wollte ich eine eigene gründen, doch das hat sich zerschlagen. Die Aussicht darauf, mit einer Person zu sprechen, die dieselben Gene hat wie ich, versetzt mir ein Hochgefühl. Ein bisschen Familienbeistand könnte ich jetzt wirklich gut gebrauchen. Gleichzeitig versuche ich, mir in Erinnerung zu rufen, wann ich zuletzt so nervös gewesen bin. Allerdings spielt das momentan keine Rolle. Nichts spielt eine Rolle. Mit erschreckender Klarheit begreife ich, dass ich gerade meine Mama brauche. Ich wurde verlassen, von meiner besten Freundin hintergangen, und stehe am Ende meiner Autorenkarriere.

Das Handy berührt mein Ohr und ich atme leise tief durch. »Hallo«, krächze ich heiser. Es gibt so viele Dinge, die ich ihr sagen möchte. Meine Stimme allerdings bricht und ich spüre, wie die Emotionen mich zu überwältigen drohen. Ich liebe meine Mama. Ich habe mir niemals gewünscht, dass wir den Kontakt zueinander verlieren. Es sind viele Dinge in der Vergangenheit falsch gelaufen, die ich gern anders regeln möchte.

»Guten Tag«, sagt eine freundliche Männerstimme auf Englisch. »Spreche ich mit Frau Reichert?«

Erschrocken reiße ich den Hörer von meinem Ohr und schaue auf die Vorwahl. Immer noch bin ich mir sicher, dass es sich dabei um Schweden handeln muss. Allerdings ergibt das überhaupt keinen Sinn. Wer sollte mich aus diesem Land anrufen? Ich kenne dort niemanden. Außer meiner Mama. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Ich möchte überhaupt nicht wissen, was dieser fremde Mensch mir zu sagen hat. Denn ich habe felsenfest mit einem Anruf von meiner Mutter gerechnet, und mit ihr möchte ich jetzt gerade sprechen.

»Frau Reichert? Sind Sie noch dran?«, fragt der Herr ungeduldig.

»Ähm … ja.« Endlich finde ich meine Stimme wieder. »Hier spricht Malina Reichert. Und mit wem spreche ich?«

»Ah! Gut, dass ich Sie erreiche, Frau Reichert. Ich rufe Sie bezüglich einer wichtigen Angelegenheit an. Mein Name ist Henning und ich bin als Nachlassverwalter in Eskilstuna tätig.«

Mein Mund fühlt sich staubtrocken an. Nachlassverwalter? Hat dieser Mensch das gerade wirklich gesagt? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Warum sollte er ausgerechnet mit mir telefonieren wollen? Dabei muss es sich um eine Verwechslung handeln. Allerdings kennt er meinen Vor- und Nachnamen.

»Entschuldigen Sie, bitte, aber sollte ich Sie kennen?«, frage ich vorsichtig nach.

Er räuspert sich. »Nun, dieser Anruf fällt mir alles andere als leicht. Allerdings sind Sie die einzige lebende Angehörige von Frau Tatjana Reichert. Uns liegt ein Testament vor, in dem Sie bedacht wurden, und darüber möchte ich Sie informieren. Besteht die Möglichkeit, dass Sie nach Eskilstuna zur Testamentsverlesung anreisen?«

Mein Mund öffnet und schließt sich, wie bei einem Fisch. Die gesagten Worte vermischen sich zu einem wilden Strudel in meinem Kopf und ergeben überhaupt keinen Sinn. Was zur Hölle versucht dieser Mann mir da gerade zu erklären? Harte Regentropfen prasseln vom Himmel herab, und ich bemerke erst jetzt, dass meine braune Papiertüte und ich vollkommen durchnässt sind.

»Was … was möchten Sie mir damit sagen?«, stoße ich heiser hervor. »Was ist mit meiner Mutter?« Ich muss es hören. Diese Worte müssen aus seinem Mund kommen, bevor ich sie wirklich glauben kann.

»Frau Reichert? Wurden Sie denn noch nicht über den Tod Ihrer Mutter informiert?«, erklärt Henning ruhig.

Dann zerbricht alles um mich herum. Geschockt lasse ich die Tüte mit meinen Einkäufen zu Boden fallen. Sie platzt sofort auf, und sämtliche Lebensmittel verteilen sich auf dem Gehweg. Ich sehe, wie eine einsame Limette auf die Straße rollt, bevor Tränen in meine Augen steigen und meine Sicht verschwimmt.

Meine Hand fliegt an meinen Mund und ich schluchze laut auf. Verzweifelt lasse ich mich auf den nassen Bordstein sinken. Nein! Das ist gerade nicht wirklich passiert. Es muss sich hierbei um einen schrecklichen Irrtum handeln. Meine Mutter ist nicht tot. Sie kann nicht einfach gestorben sein. Das ist unmöglich. Was ist passiert?

»Sie haben nichts davon gewusst?« Seine Stimme klingt nach einer Frage, und ich höre die Traurigkeit aus seinen Worten heraus. »Mein herzliches Beileid, Frau Reichert.«

Unaufhaltsam laufen die Tränen meine Wangen hinab. Ich schluchze unkontrolliert und mein gesamter Körper zittert. Obwohl wir einen warmen Spätsommer haben, beginne ich fürchterlich zu frieren. Die Kälte hält Einzug in jede einzelne Pore. Ganz langsam lasse ich das Smartphone in meiner Hand sinken. Die Stimme des Nachlassverwalters dringt nur gedämpft an mein Ohr. Schließlich beende ich den Anruf.

Irgendwann bin ich nicht mehr in der Lage, zu weinen. Ich bin unendlich traurig, doch mein Körper schafft es nicht, weitere Tränen zu produzieren. Der Regen hat mittlerweile nachgelassen und es gibt keine Stelle an mir, die nicht durchnässt ist. Einige Passanten werfen mir neugierige Blicke zu, doch keiner bleibt stehen und erkundigt sich nach meinem Schmerz. Die Menschen sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt, als dass sie noch Zeit für andere hätten.

Schwerfällig komme ich auf die Beine und schleppe mich langsam nach Hause. Anfangs bin ich davon überzeugt, diese Strecke niemals schaffen zu können. Doch ich setze einen Schritt vor den anderen und komme meinem Ziel immer näher. Vor der Wohnungstür angekommen, krame ich in meiner Handtasche nach dem Schlüssel. Es kostet mich einige Minuten, bis ich mich daran erinnere, dass ich ihn in der Wohnung liegen gelassen habe. Eine unendliche Müdigkeit ergreift von mir Besitz, während ich meinen Zeigefinger hebe und diesen auf die Klingel lege. Ich schaffe es nicht, den Finger erneut anzuheben.

Kurz darauf ertönt ein Summen und ich stoße meinen Körper kraftlos gegen die Tür. Ich fühle mich leer. So, als würde ich überhaupt nicht richtig existieren. Wie ein Geist, der einzig und allein dafür geschaffen wurde, einsam durch diese Welt zu wandern. An unserer Wohnungstür steht Nicole und wartet auf mich. Sie hat die Hände in die Hüften gestemmt.

»Wo bist du so lange gewesen? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Du bist überhaupt nicht an dein Handy gegangen«, sprudelt sie sofort los.

»Ich war einkaufen«, gebe ich langsam zurück.

»Einkaufen?« Nicole hebt zweifelnd eine Augenbraue. »Okay … und wo sind deine Einkäufe?«

Erst jetzt drehe ich mich um die eigene Achse und erkenne, dass ich die Sachen auf dem Bordstein liegen gelassen habe. Wahrscheinlich ist das nicht allzu schlimm. Die Dinge, die noch nicht gestohlen wurden, sind mit Sicherheit nass und nicht mehr zu gebrauchen.

»Weg«, gebe ich zurück und zucke mit den Schultern.

»Aha«, macht Nicole zweifelnd.

Mir ist kalt und ich bin müde. So unendlich müde. Ich wünschte, sie würde einfach zur Seite gehen und mich in Ruhe lassen, doch den Gefallen tut sie mir leider nicht. Aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, wie ihre Arme langsam sinken.

»Malina? Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragt sie und kommt einen Schritt auf mich zu.

»Nein.« Ich schüttle den Kopf, und dann kann ich es nicht mehr für mich behalten. »Meine Mutter ist gestorben.«

Diese Worte laut auszusprechen, kostet mich unheimlich viel Kraft. Sie krallen sich in mein Herz und zerfetzen meine Seele. Ein Teil von mir wurde heute unwiederbringlich zerbrochen, und ich bekomme ihn nie wieder zurück. Meine Knie fühlen sich viel zu weich an und knicken unter meinem Gewicht ein.

Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen, während meine Emotionen mich überrollen. Anscheinend habe ich mich geirrt und mein Körper ist doch noch in der Lage, weitere Tränen zu produzieren. Warme Arme legen sich um mich und ich realisiere erst verspätet, dass Nicole sich neben mich auf den Boden gesetzt hat.

Sie sagt kein Wort, denn diese Art von Freundinnen sind wir nicht. Aber sie ist für mich da und hält meinen kaputten Geist zusammen, damit ich nicht an dem Verlust ersticke. Sie schenkt mir Luft zum Atmen und leistet mir Beistand. Nichts anderes wünsche ich mir gerade.

Die Tage ziehen an mir vorüber, ohne dass ich davon etwas mitbekomme. Bäuchlings liege ich in meinem Bett und lasse alles an mir vorbeiziehen. Ich habe einen wichtigen Teil meines Lebens verloren und wusste nicht, dass es mich so sehr schmerzen würde. Über mein Verhalten von damals habe ich in den letzten Tagen besonders viel nachgedacht. Zwar ist meine Mutter diejenige gewesen, die gegangen ist, aber habe ich mich um sie bemüht? Habe ich darum gekämpft, den Kontakt zu ihr aufrechtzuerhalten? Nein. Das kann ich wohl nicht von mir behaupten.

Stattdessen habe ich mich in mein Schneckenhaus verkrochen und geschmollt. Wie ein kleines Kind, das im Supermarkt mit dem Fuß auf den Boden stampft. Ich hätte sie nach dem Grund für ihr Verhalten fragen müssen und nicht lockerlassen dürfen, bis ich alles versucht habe. Doch dafür ist es jetzt zu spät. All meine Vorstellungen und imaginären Gespräche kommen viel zu spät. Meine Mutter ist gestorben. Meine letzte lebende Verwandte hatte einen Unfall, und ich war nicht da, um ihr zu helfen. Die Schuldgefühle zerfressen mich.

Es klopft an meiner Zimmertür. Ich ignoriere das Geräusch, wie so oft in den letzten Tagen. Hier drinnen fällt es mir leichter, die Außenwelt auszublenden. Es gibt nur mich und meinen Schmerz. Niemand kann sich in meine Gefühlswelt einmischen und mir einreden, dass bald alles wieder besser wird. Daran kann ich nicht glauben. Daran will ich überhaupt nicht glauben.

Erneut durchdringt dieses penetrante Klopfen meine Stille. Qualvoll schließe ich meine Augen, während dieses Geräusch unnatürlich laut in meinem Kopf widerhallt. Es soll verschwinden und mich in Ruhe lassen. Ich drehe mich auf die andere Bettseite. Zuerst passiert gar nichts und ich bin der Meinung, dass die Einsamkeit mich erneut verschluckt hat, bis ich die Zimmertür klicken höre. Tapsende Schritte bewegen sich auf dem Parkettboden nach vorne, und ich spüre ein weiteres Gewicht auf meinem Bett.

»Malina? Du musst bitte endlich aufstehen und etwas essen. Ich mache mir Sorgen um dich«, sagt Nicole mit unendlich sanfter Stimme.

»Ich habe keinen Hunger«, gebe ich kraftlos zurück.

»Das kann nicht sein«, widerspricht meine Mitbewohnerin mir sofort. »Seit drei Tagen liegst du im Bett und nimmst kaum etwas zu dir. Vielleicht spürst du keinen Appetit, aber mit Sicherheit hat dein Körper Hunger.«

Mein Magen beginnt leise zu knurren und liefert Nicole damit eine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage. Peinlich berührt beiße ich mir auf die Unterlippe.

»Hey.« Behutsam legt sie mir eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, dass du gerade eine schwierige Zeit durchmachst, aber du darfst dich selbst nicht vergessen.«

Wütend wirble ich zu ihr herum. »O nein! Mich selbst habe ich nie vergessen. Ich habe so sehr an mich selbst gedacht, dass ich mich vor lauter Stolz nicht mehr bei meiner eigenen Mutter gemeldet habe. Und wohin hat das geführt? Sie ist gestorben und ich habe jegliche Möglichkeit verloren, mich mit ihr auszusprechen. Glaub mir, Nicole. Wenn jemand an sich denkt, dann bin ich das.«

»Das stimmt überhaupt nicht«, wendet sie ein. »Deine Mutter kann dir zwar keine Antworten geben, aber für eine Entschuldigung und ehrliche Worte ist es niemals zu spät.«

Ich stutze. »Was? Was genau meinst du damit?« Verwirrt lege ich meinen Kopf zur Seite. Wenn meine Mitbewohnerin mir jetzt vorschlägt, einen Schamanen aufzusuchen und mit Geistern zu sprechen, dann bin ich raus aus der Nummer.

»Damit möchte ich sagen, dass es für ein klärendes Gespräch niemals zu spät ist. Vielleicht hilft es dir, wenn du an ihrem Grab stehst und mit ihr sprichst. Du könntest Blumen niederlegen oder gerne auch etwas Persönliches. Womöglich fühlst du dich ihr auf diese Art mehr verbunden.« Ich kann nicht leugnen, dass etwas an ihren Worten mich tief bewegt.

Meine Augen füllen sich mit Tränen. Der Vorschlag klingt, um ehrlich zu sein, ganz gut. Ich kann weiterhin in meinem Bett liegen bleiben und traurig sein, oder ich kann nach Schweden reisen und auf den Spuren meiner Mutter wandern. Moment. Das ist es. Vielleicht kann ich diesen Gedanken tatsächlich weiterverfolgen. Damals sind wir im Streit auseinandergegangen und hatten überhaupt keinen Kontakt mehr zueinander. In Schweden hat sie sich ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben, von dem ich im Grunde überhaupt nichts weiß. Ich kenne weder ihre Persönlichkeit noch ihre Vorlieben.

Dabei fällt mir ein … ihr Haus! Sie hat bestimmt noch ihre gesamten Dinge in diesem Haus. Unter gar keinen Umständen möchte ich, dass diese Sachen emotionslos weggeworfen werden. Zumindest nicht, bis ich alles durchgesehen habe. Gemeinsame Fotos und Erinnerungsstücke möchte ich auf jeden Fall retten. Trotzdem erfüllt mich der Gedanke mit Traurigkeit, dass ihre persönlichen Dinge nichts mehr wert sein sollen.

Nicole legt mir eine Hand auf die Schulter. »Du musst diese Entscheidung nicht sofort treffen. Denk in Ruhe darüber nach, und dann wirst du merken, was du tun möchtest.«

»Nein.« Ich schüttle leicht den Kopf. »Im Grunde habe ich mich entschieden. Ich möchte gern nach Schweden fliegen. Zu dem Haus meiner Mutter. Und ich will ihr Grab besuchen.«

»Wirklich?« Meine Mitbewohnerin mustert mich prüfend. »Normalerweise brauchst du immer Ewigkeiten, um dich für eine Sache zu entscheiden. Und jetzt reist du spontan nach Schweden?« Sie scheint nicht besonders überzeugt von meiner Entscheidung zu sein.

»Wirklich«, bestätige ich nickend. »Wir haben einander Unrecht getan und ich weiß bis heute nicht, was der Grund dafür ist. Eventuell kann ich in ihrem Haus nach den Antworten für meine Fragen suchen. Vielleicht hat meine Mutter ein Tagebuch oder Ähnliches geführt. Wenn ich es jetzt nicht tue, dann wird irgendjemand ihre Sachen ausmisten und wegwerfen. Ich kann nicht zulassen, dass ihre persönlichen Dinge achtlos im Müll landen. Das könnte ich mir nie verzeihen.«

»Hältst du das für wahrscheinlich?«

»Keine Ahnung.« Ratlos zucke ich mit den Schultern. »Aber immerhin ist es einen Versuch wert und immer noch besser, als weiterhin nichts zu tun. Außerdem bin ich es ihr schuldig, dass ihre Tochter nach ihren Habseligkeiten schaut, und keine fremden Menschen.«

»Das kann ich verstehen. Und wer weiß, vielleicht kann der Tapetenwechsel dir auch helfen, deine Schreibblockade zu lösen. Hast du nicht mal erwähnt, dass du als kleines Kind in Schweden gelebt hast?«

Mit einer Handbewegung wische ich diesen Zusatz zur Seite. »Ja, ich bin dort zwar auf die Welt gekommen, aber meine Mutter ist früh mit mir nach Deutschland gegangen. Mein leiblicher Vater war Schwede, soweit ich weiß. Aber an diese Zeit in meinem Leben kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.«

Genauso wenig wie an meinen Vater, füge ich in Gedanken stumm hinzu.

Ich habe ihn nie kennengelernt. Damals ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Zu diesem Zeitpunkt ist meine Mutter mit mir schwanger gewesen. Ich hatte nie die Möglichkeit, von ihm im Arm gehalten zu werden. Seit ich denken kann, hat es immer nur mich und meine Mutter gegeben. Sie hatte auch keine Männerbekanntschaften, soweit ich das beurteilen kann. Zumindest habe ich davon nichts mitbekommen. Mir persönlich fällt es schwer, einen Mann kennenzulernen und diesen als meinen festen Partner zu akzeptieren. Ich nehme die Dinge gern selbst in die Hand und verlasse mich nur ungern auf andere. Mein letzter Freund hat mir vorgeworfen, dass meine Kontrollsucht der Grund für unsere Trennung sei. Und auch mit meinem Ex-Verlobten Christian habe ich mich wegen meines Perfektionismus oft gestritten. Verlegen beiße ich mir auf die Unterlippe. Es tut weh, wenn man nicht den passenden Deckel findet. Besonders, wenn man sich so sehr jemanden wünscht, wie ich es tue.

»Was geht dir gerade durch den Kopf?«, fragt Nicole neugierig.

»Alles. Nichts.« Ich seufze. »In der nächsten Zeit werde ich wohl viele Entscheidungen treffen müssen. Es wird vor allem nicht leicht für mich sein, an das Grab meiner Mutter zu reisen und sie gehen zu lassen.« Erneut füllen sich meine Augen mit Tränen. Diesmal bin ich nicht in der Lage, sie zurückzuhalten. Unaufhaltsam laufen sie mir über die Wangen.

»Malina, einen Menschen gehen zu lassen, bedeutet nicht, diesen Menschen zu vergessen«, sagt Nicole behutsam. »Meine Mutter ist vor vielen Jahren gestorben, doch die Erinnerungen an sie leben in mir weiter. Ich fühle, was du aktuell durchmachen musst. Es ist ein Abschied, aber ein Teil von ihr wird immer in dir weiterleben.«

»Danke, Nicole«, hauche ich gerührt.

»Nicht dafür.« Peinliche Stille breitet sich zwischen uns beiden aus. Wir sind keine Freundinnen, und die meiste Zeit verstehen wir uns auch nicht besonders gut. Allgemein kann man unsere Wohnsituation wohl eher als Zweckgemeinschaft beschreiben. »Du erwartest jetzt aber hoffentlich nicht, dass wir uns in die Arme nehmen und gemeinsam weinen, oder? Denn dafür bin ich absolut nicht geschaffen.«

»Nein.« Ich schüttle den Kopf. »Ich werde jetzt unter die Dusche springen und mich dann nach günstigen Flügen umschauen. Vorher sollte ich noch diesen Nachlassverwalter anrufen«, füge ich murmelnd hinzu.

»Ist gut.« Sie steht von meinem Bett auf. »Wenn du bei irgendetwas meine Hilfe brauchst, dann sag mir Bescheid.«

Abrupt wendet sie sich von mir ab und verlässt das Zimmer. Verwundert schaue ich ihr hinterher.

Nach meiner Dusche und ein paar Nudeln zum Mittagessen fühle ich mich direkt ein bisschen besser. Nicole ist zu einer Freundin gegangen und ich schaue gedankenverloren aus dem Fenster. Der Spätsommer zeigt sich von seiner besten Seite und beschert uns viele goldene Tage. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, wie wohl das Wetter in Schweden sein wird. Da fällt mir plötzlich der Nachlassverwalter ein und ich sprinte schnell in mein Zimmer hinüber. Von der Kommode schnappe ich mir mein Smartphone und entsperre das Display. Ich tippe auf meine Anrufliste und sehe ganz oben die Nummer von Henning. Jetzt werde ich doch etwas nervös. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich mit dem Daumen auf seine Rufnummer klicke. Für zwei endlos lange Herzschläge erklingt das Freizeichen, bis der Anruf angenommen wird.

»Hallo, hier spricht Henning«, meldet sich die Männerstimme zu Wort.

»Guten Tag, Henning. Hier ist Malina. Reichert«, füge ich hastig hinzu. »Sie haben mich kontaktiert, um über meine Mutter zu sprechen.«

»Ja, ich erinnere mich. Unser Telefonat wurde ziemlich abrupt beendet.« Er schnalzt mit der Zunge, und mir entgeht der leichte Tadel in seinem Tonfall nicht.

Zerknirscht beiße ich die Zähne zusammen. »Das tut mir sehr leid. Ich wollte nicht unhöflich erscheinen. Aber ich hatte in den letzten Jahren keinen Kontakt zu meiner Mutter, und diese Nachricht hat mich …« Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Mit aller Mühe versuche ich, diesen herunterzuschlucken, doch ich scheitere kläglich.

Henning seufzt. »Das ist nur allzu verständlich. Machen Sie sich bitte keine Gedanken. Ihre Reaktion war absolut menschlich. Es gibt dennoch Dinge, über die wir sprechen müssen. Fühlen Sie sich dazu in der Lage?«

»Natürlich!«, gebe ich so selbstbewusst wie nur möglich zurück.

»In Ordnung. Die wichtigste Frage betrifft zunächst die Bestattung«, sagt Henning.

»Bestattung? Das heißt, meine Mutter wurde noch nicht beerdigt?«, frage ich.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimt in mir auf. Eine Beerdigung ist niemals eine schöne Angelegenheit. Womöglich bekomme ich aber die Chance, mich gebührend von meiner Mutter zu verabschieden, wenn ich bei der Beisetzung dabei sein kann.

»Nein, wurde sie nicht«, bestätigt Henning. »Ihre Mutter wird in einer Urne beim Bestatter aufbewahrt. Hier in Schweden hat man bis zu einem Jahr nach der Einäscherung Zeit, um die Urne beizusetzen, beziehungsweise, um die Asche zu verstreuen.«

»Die Asche kann verstreut werden?« Ich werde hellhörig, weil ich über solch eine Option noch überhaupt nicht nachgedacht habe. Gleichzeitig möchte ich über mich selbst die Augen verdrehen. Bis vor wenigen Tagen waren Beerdigungen noch überhaupt kein Bestandteil meines Lebens.

»Genau. Dafür gibt es noch einmal bestimmte Vorgaben, doch das lässt sich gerne in einem separaten Termin besprechen, wenn das für Sie interessant ist. Es war der ausdrückliche Wunsch Ihrer Mutter, verbrannt zu werden. Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wie mit den persönlichen Gegenständen Ihrer Mutter verfahren werden soll?« Henning klingt geschäftsmäßig, und ich bin mir sicher, eine Tastatur klappern zu hören. Es ärgert mich, dass diese Angelegenheit ein Tagespunkt von vielen für ihn ist. Doch ich kann wohl nicht verlangen, dass ihm diese Sache so nahe geht wie mir.

»Das werde ich, sobald ich mir die Lage vor Ort angesehen habe«, erwidere ich. Es ist das erste Mal, dass ich mein Vorhaben laut ausspreche und keinerlei Angst dabei verspüre. Als Tochter mag ich zu Lebzeiten meiner Mutter versagt haben, deshalb möchte ich ihr zumindest einen schönen Abschied bereiten. Wie dieser genau aussehen soll, weiß ich jetzt noch nicht.