Take Your Wings And Learn To Fly - Jessica Golawski - E-Book

Take Your Wings And Learn To Fly E-Book

Jessica Golawski

0,0
6,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Kinga lebt in einer Ehe voller Angst. Als ein Streit mit ihrem Ehemann Adam ausartet, verlässt sie ihn. Mit zwei gepackten Reisetaschen und ihrem Sohn Jakub flieht sie zu ihrer Schwester nach Zakopane in Polen. Sie kann die Geschehnisse nur schwer verarbeiten. Zumindest bis sie den Charme der neuen Stadt kennenlernt. Kinga fühlt sich mit jedem Tag wohler und hofft darauf, sich ein neues Leben aufbauen zu können. Sie lernt den Amerikaner Robert kennen und beide stellen fest, wie gut sie einander tun. Gemeinsam schenken sie sich Kraft, die Vergangenheit zu überwinden und ein neues Leben zu beginnen. Bis die Schatten der Vergangenheit Kinga einholen und sie erneut um ihr Leben bangen muss. Denn Adam lässt nicht einfach gehen, was seiner Meinung nach ihm gehört …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Epilog
Danksagung

Jessica Golawski

 

Take Your Wings And Learn To Fly

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hinweis

In Take Your Wings And Learn To Fly werden potenziell triggernde Themen wie häusliche Gewalt sensibel behandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Artikel ist auch als Taschenbuch und Hörbuch erschienen.

 

 

 

Take Your Wings And Learn To Fly

 

 

 

Copyright

© 2024 VAJONA Verlag

Alle Rechte vorbehalten.

[email protected]

 

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

 

 

Lektorat: Vanessa Lipinski

Korrektorat: Madeleine Seifert

Umschlaggestaltung: Julia Gröchel mit Zeichnungen von Diana Gus uund nter Verwendung von Motiven von 123rf

Satz: VAJONA Verlag, Oelsnitz

 

 

 

VAJONA Verlag

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

 

 

ISBN: 978-3-98718-185-6

VAJONA Verlag

 

 

 

Für Chrissy Mach’s schön Wir vermissen Dich

Prolog

Kinga

 

Mit zitternden Fingern öffne ich die Beifahrertür meines alten Opels. Der blaue Lack splittert an einigen Stellen bereits ab, dennoch ist er ein loyaler Wagen. Es gibt nicht viele Menschen, die mich um dieses Fahrzeug beneiden würden, aber materielle Dinge sind mir noch nie besonders wichtig gewesen. Die Tür öffnet sich mit einem quietschenden Ton und ich halte augenblicklich in der Bewegung inne. Mit flachem Atem und verschwitzen Handinnenflächen lausche ich in die Dunkelheit hinein. Das Blut rauscht in meinen Ohren, doch ich höre nur das Summen einer alten Straßenlaterne. Erleichtert seufze ich auf und lege beruhigend eine Hand auf mein wild klopfendes Herz. Unter dem Beifahrersitz befindet sich eine kleine braune Papiertüte. Ich nehme sie an mich, schließe meinen Wagen ab und verlasse ihn.

Mit pochendem Herzen schaue ich durch die Scheibe und sehe auf meinen Sohn hinab, welcher bislang noch nicht wach geworden ist. Im gleichen Moment weiß ich, dass ich ihn unter gar keinen Umständen verlieren darf.

Mit schnellen Schritten überquere ich den Parkplatz. Die Straße wird lediglich von einem sternenklaren, tintenschwarzen Nachthimmel erleuchtet. Ich eile zu dem kleinen, schmutzigen Toilettenhäuschen hinüber. Der Gestank von Urin liegt in der Luft. Die letzten Stunden meiner Flucht ziehen wie ein Film durch meinen Kopf. Mein Herz hämmert unausweichlich los und ich weiß nicht, wie ich es beruhigen kann. Nur eine Tatsache bleibt: Ich musste gehen und ihn verlassen, denn eine Trennung hätte er niemals akzeptiert. Ich nehme einen kleinen Ziegelstein und positioniere ihn direkt vor der Tür. Vermutlich wird dieser Stein niemanden aufhalten können, der sich Zutritt zu diesem Häuschen verschaffen möchte, doch immerhin gewinne ich in diesem Fall einige wertvolle Sekunden.

Als ich nach der Papiertüte greifen möchte, bemerke ich, dass meine Finger unkontrolliert zittern. Die Nervosität steigt mir mittlerweile zu Kopf, denn die letzten Wochen und Monate waren mehr als kräftezehrend für mich. Schnell drehe ich den Wasserhahn auf. Zu meiner Überraschung fließt klares Wasser daraus. Ich halte meine Hände unter das kühle Nass und spritze es mir anschließend ins Gesicht. Diesen Vorgang wiederhole ich ein weiteres Mal.

Schwerfällig stütze ich meine Hände an dem Waschbecken ab. Ich atme tief durch, hebe meinen Kopf und schaue meinem eigenen Spiegelbild entgegen. Das Funkeln in meinen Augen ist bereits vor langer Zeit verschwunden, stattdessen starren mich zwei vollkommen leere, blau-graue Augen an. Mein champagnerfarbenes Haar spiegelt das Chaos in meinem Leben wider. Wirre Strähnen hängen aus meinem Knoten und unterstreichen die Anstrengungen der letzten Stunden. Missbilligend presse ich meine vollen Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.

Es ist alles meine Schuld. Ich hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen.

Das Zittern in meinen Fingern lässt allmählich nach und ich greife erneut nach der Papiertüte. Nacheinander hole ich die Gegenstände heraus und lege sie vor mir auf dem Waschbeckenrand. Mit meiner rechten Hand greife ich nach dem Zopfgummi in meinen Haaren. In einer einzigen fließenden Bewegung ziehe ich ihn heraus und löse damit den Knoten. Meine Haare ergießen sich wie eine Flutwelle über meinen Rücken. Trotz dem wärmenden Gefühl macht sich eine Gänsehaut auf meinem gesamten Körper breit.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da waren meine Haare das Wichtigste für mich. Doch irgendwann habe ich sie nicht mehr als schön, geschweige denn praktisch empfunden. Mit der Zeit wurden diese Haare zu meinem größten Schwachpunkt. Sie sind ungeeignet. Vor allem dann, wenn jemand darin seine Hand vergraben kann und damit die Macht bekommt, einen durch die Gegend zu schleifen.

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter und unterdrücke blinzelnd die heißen Tränen, welche bereits in meinen Augenwinkeln brennen. Stattdessen greife ich zu der Schere, die ich auf dem Waschbeckenrand abgelegt habe. Das kalte Metall fühlt sich tonnenschwer in meiner Hand an. Meine linke Faust umschließt meinen Haarschopf. Bevor mein Kopf einen weiteren Gedanken formen kann, setze ich die Schere an. In einer einzigen raschen Bewegung schneide ich sie knapp über der Schulter ab.

Kraftlos lasse ich die Schere zu Boden fallen und schaue schwer atmend meinem entsetzten Spiegelbild entgegen. Jeder einzelne meiner Herzschläge ist mir nur allzu deutlich bewusst und ein Schnauben dringt aus mir hervor. Ich bin vollkommen erschöpft und atemlos. Mit einem Mal fühle ich mich, als wäre ich soeben einen ganzen Marathon gelaufen. Neben der Anstrengung und Angst macht sich ein weiteres Gefühl in meiner Brust breit.

Hoffnung auf Freiheit.

Unabhängigkeit.

Mit meinem neu gewonnenen Mut greife ich erneut zu den Utensilien auf dem Waschbecken. Die Dame auf der Verpackung lächelt mir freudig entgegen. Es fühlt sich an, als würde sie mich ermutigen wollen, den nächsten Schritt zu wagen. Mir ist klar, dass das absoluter Schwachsinn ist.

Entschlossen reiße ich die Schachtel auf, nehme das Haarfärbemittel in die Hand, folge der Anweisung und schüttle zunächst die Flasche. Nachdem das Färbemittel sich ausreichend vermischt hat, öffne ich die Tube, ziehe die Plastikhandschuhe an und verteile die Tönung auf meinem Haaransatz. Meine Naturhaarfarbe hat immer für besonders viel Aufmerksamkeit gesorgt. Sich nun davon zu lösen, fühlt sich wie ein Befreiungsschlag für mich an. Die Tube ist aufgebraucht und während alles einwirkt, erinnere ich mich an das Münztelefon auf dem Parkplatz.

Ich sollte dringend telefonieren.

Die Furcht davor, dass er mein Handy orten könnte, war einfach zu groß. Sicherheitshalber habe ich es gar nicht erst auf die Reise mitgenommen. Kürzer als vorgeschrieben, spüle ich meine Haare unter dem Wasserhahn ab. Eine bräunliche Suppe färbt das Waschbecken ein und hinterlässt Spuren. In Windeseile habe ich die gesamte Farbe von meinem Kopf abgewaschen.

Nachdenklich betrachte ich mein neues Ich. Es wirkt vollkommen anders an mir, dennoch hebt sich ein Mundwinkel und damit fühlt sich alles wie der erste Befreiungsschlag an.

Schnell stopfe ich die übrig gebliebenen Utensilien zurück in die Papiertüte. Anschließend verlasse ich das Toilettenhäuschen mit meinen nassen Haaren und entsorge die Tüte in einem Müllcontainer. Mit wenigen Schritten hechte ich zu dem Münztelefon hinüber, werfe einige Geldstücke hinein und wähle anschließend die vertraute Nummer.

Es knackt in der Leitung und ich höre das Freizeichen. Bereits nach dem dritten Klingeln wird abgenommen.

»Hallo?« Eine Frauenstimme.

Bevor ich es zurückhalten kann, entfährt mir ein Schluchzer. Schnell presse ich meine Hand auf den Mund.

»Wer ist da?«

»Natalia, ich bin es«, bringe ich erstickt hervor.

»Kinga?«, fragt meine Schwester alarmiert. »Ist alles in Ordnung bei dir?«

Eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass ich meine Schwester garantiert nicht grundlos mitten in der Nacht aus dem Bett klingle.

Ich schüttle den Kopf, obwohl sie diese Geste nicht sehen kann. »Ja … ich meine … ich weiß nicht …«

»Tief durchatmen«, erinnert Natalia mich.

Meine ältere Schwester war schon immer besonders fürsorglich. Nachdem unsere Eltern bei einem Autounfall gestorben sind, hat sie zu Hause schnell ihre Rolle als mein Vormund übernommen. Uns beide hat dieser Verlust schwer getroffen, doch Natalia hat stets einen kühlen Kopf bewahrt und die Familie zusammengehalten. Wir hatten jahrelang keinen Kontakt zueinander, weil er es sich nicht gewünscht hat. Und ich war dumm genug, mich ihm aus Angst vor den drohenden Konsequenzen zu fügen. In den letzten Monaten habe ich allerdings häufiger mit meiner Schwester telefoniert. Und ich bin froh: Für Natalia spielt es keine Rolle, dass wir ewig keinen Kontakt hatten.

Ich brauche sie und sie ist für mich da.

Wenn ich ehrlich sein soll, dann hat sich an dieser Tatsache bis heute nichts geändert. Denn ich weiß wieder einmal nicht weiter und hoffe auf ihren Ratschlag.

»Ich bin gegangen«, murmle ich heiser.

Für ein paar Sekunden ist es ungewöhnlich still in der Leitung. Ich blinzle verwirrt. Gerade öffne ich meinen Mund, um nachzufragen, ob sie noch am Telefon ist. Allerdings kommt Natalia mir zuvor und löst sich schneller als erwartet aus ihrer Stille.

»Du bist wirklich gegangen?«

»Ich bin wirklich gegangen«, bestätige ich.

Meine Schwester stößt einen tiefen Seufzer aus. »Gott sei Dank.«

Ich bin gerade zu keiner Antwort fähig und mir wird klar, dass die vergangenen Jahre nicht nur an meinen Kräften gezehrt haben. Die Menschen, die mich lieben, haben mindestens genauso sehr gelitten wie ich auch.

»Wo bist du?«, fragt Natalia.

»Auf einem Parkplatz. Irgendwo in der Nähe von Radom«, sage ich und blicke mich um. Ganz so, als ob mir die Umgebung bekannt vorkommen müsste.

»Komm zu uns«, sagt Natalia augenblicklich.

»Wie bitte?«, frage ich.

»Komm zu uns. Wohne bei uns.«

»Nein, Natalia. Das ist zu viel und vermutlich auch zu gefährlich. Für euch«, erkläre ich.

»Weiß er denn, wo wir mittlerweile leben?«, fragt sie.

Meine Schwester hat ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern gesenkt, als ob sie Angst hätte, dass uns jemand belauschen könnte.

Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Nein, er weiß nicht, wo du lebst. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass wir beide keinen Kontakt mehr haben. Deshalb hat er von eurem Umzug nach Zakopane überhaupt nichts mitbekommen.«

»Das ist gut. Ich sage nicht, dass das eine dauerhafte Lösung ist. Aber irgendwo musst du unterkommen und unsere Tür steht euch immer offen. Du hast Marcin doch dabei?«, vergewissert sich Natalia.

»Pst. Darüber müssen wir in Ruhe sprechen, wenn wir ungestört sind. Aber du sollst ihn bitte nicht mehr so nennen. Ab jetzt heiße ich Kinga und mein Sohn heißt Jakub«, vermittle ich eindringlich.

Ich blicke über meine Schulter zurück zu meinem alten Opel, welcher weiterhin unter der spärlich beleuchteten Laterne steht. Gemeinsam mit dem wichtigsten Menschen in meinem Leben. Meinem Sohn.

»Ohne ihn wäre ich niemals gegangen«, erkläre ich atemlos.

»Ich bereite das Gästezimmer vor und warte auf euch. Trotz der Umstände«, erklärt meine Schwester.

Ich ziehe einen scharfen Atemzug ein. »Natalia?«

»Ja?«

»Danke!«

»Wir sehen uns morgen Früh, Kinga. Fahr vorsichtig!«

Nachdem ich das Telefonat mit meiner Schwester beendet habe, laufe ich mit wenigen Schritten zu meinem Opel, schließe die Wagentür auf und lasse mich seufzend in den abgewetzten Sitz fallen. Ich werfe einen Blick über meine rechte Schulter auf meinen achtjährigen Sohn, der friedlich schläft. Mit zarten Fingerspitzen streiche ich ihm eine helle Locke aus der Stirn. Ich nehme seine Brille von der Nase, während seine Brust sich gleichmäßig hebt und senkt.

Ein Mensch weiß niemals, wie stark er eigentlich ist. Bis ihm nichts anderes übrig bleibt, als stark zu sein.

Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und der Motor erwacht brummend zum Leben. Mit meiner rechten Hand lege ich den Gang ein und schlage das erste Kapitel meines neuen Lebens auf.

Kapitel 1

Kinga

 

Manchmal betrachte ich meine Welt wie ein weißes Blatt Papier. Meine Eltern waren die ersten, die bunte Striche auf meinem Lebensblatt hinterlassen hatten. Im Laufe der Jahre sind immer mehr Menschen in mein Leben getreten und haben eigene Farben hinzugefügt. Doch nicht jeder Mensch, der uns im Leben begegnet, ist dafür bestimmt, für immer darin zu bleiben. Freundschaften zerbrechen und Familien streiten sich. In diesem Fall zücke ich meinen Radiergummi und entferne die bunte Farblinie des jeweiligen Menschen. Doch es ist wie so vieles im Leben nicht endgültig.

Wir können die Farblinie eines Menschen wegradieren. Wir können einen Menschen aus unserem Leben verbannen. Ein hauchzarter Strich wird für immer auf dem weißen Blatt Papier des Lebens erhalten bleiben. Genauso wie jeder Mensch, der uns begegnet, für immer eine unsichtbare Spur auf unserer Seele hinterlässt.

Manchmal im Leben begegnen wir Menschen, die es nicht gut mit uns meinen. Sie drängen sich auf unser Blatt, sie breiten sich aus und nehmen allen anderen Farben den Raum. In meinem speziellen Fall hat dieser Mensch mein Papier gewaltsam an sich gerissen. Er hat es zerknittert und zerknüllt. Er hat darauf gespuckt und es als wertlos betrachtet. Lange Zeit habe ich ihm stumm dabei zugesehen, während meine lautlosen Tränen unaufhörlich meine Wangen benetzt haben. Ich fürchtete mich vor dem Tag, an dem er mein Blatt Papier in Stücke reißt. Ich habe meinen gesamten Mut Zusammengenommen und es zurück in meinen Besitz gebracht.

Er mag es beschädigt haben, doch zerstört hat er mich nicht. Das habe ich verhindert, indem ich das Papier vor mir ausgebreitet und glattgestrichen habe. Dabei weiß jeder Mensch, dass ein zerknülltes Blatt niemals seine ursprüngliche Form annehmen kann. Genauso kann die Seele eines Menschen nicht unbeschadet alle Vorkommnisse vergessen. Wir können lediglich aus den Dingen lernen, die uns zustoßen. Wir können lernen, damit zu leben. Denn in unseren schwächsten Momenten merken wir Menschen, wie viel Stärke tatsächlich in uns schlummert.

 

 

 

Sieben Stunden und vier Minuten später parke ich den Wagen vor dem Haus meiner Schwester. Sie wohnt in einem modernen Einfamilienhaus. Es hat eine weiße Fassade mit Flachdach und vielen bodentiefen Fenstern. Von vorn betrachtet wirkt es hell, modern und elegant. Ein Balkon zeigt nach vorn zur Straße. Ich seufze, als mein Blick über den saftig grünen Rasen schweift. Es muss ein Traum sein, in dieser Gegend zu leben.

Ich ersticke beinahe an dem riesigen Kloß in meinem Hals. Unsere Wohnung in Warschau hat ähnliche Elemente. Der Gedanke lässt Bitterkeit in mir aufsteigen, während die Sonne bereits am Horizont hervorbricht und die Bergspitzen wachküsst. Die Fahrt von Warschau nach Zakopane war unkompliziert. Jakub hat die gesamte Fahrt über auf der Rückbank geschlafen und ich bin die Strecke komplett durchgefahren. Zumindest bis auf den kurzen Moment meiner Typveränderung.

Vermutlich, weil ich einfach nur wegwollte.

Die Angst davor, dass er uns irgendwo auflauern könnte, war einfach zu groß.

Seltsamerweise überkommt mich beim Anblick des Hauses meiner Schwester ein Gefühl von Geborgenheit. Das ist eigenartig, denn bisher bin ich noch nie hier gewesen.

Mein Hals verknotet sich erneut und ich bekomme nur schwer Luft. Es fühlt sich an, als hätte sich ein Elefant auf meinen Brustkorb gesetzt. Schnell presse ich mir eine Hand auf den Mund, bevor mein Schluchzer geräuschvoll entkommen kann.

»Mama?«, fragt eine verschlafene Stimme.

Ich schließe die Augen.

Diese Stimme ist der Grund, weshalb ich in den vergangenen Jahren niemals mein Lächeln verloren habe. Wenn ich am Boden lag und mir sicher war, den nächsten Moment nicht mehr zu erleben, hat mich diese Stimme zurück ins Leben geholt.

Mein kleiner starker Fels.

Schnell wische ich mit meinem Handrücken über meine Augenwinkel. Ich atme tief durch und versuche mich an einem überzeugenden Lächeln. Erst als ich meine Mimik unter Kontrolle habe, schaue ich über meine rechte Schulter nach hinten.

»Hey, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?«

»Ja, aber mein Nacken tut mir etwas weh«, murmelt Jakub und dreht seinen Kopf ein kleines bisschen.

Ich nicke. »Das ist verständlich. Wir sind jetzt angekommen und du lernst deine Tante kennen. Ist das okay?«

»Ich denke schon, ja.«

»Dann lass uns bei Natalia an der Tür klingeln. Nach einer guten Tasse Tee sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«

»Mhm«, murmelt Jakub leise.

Mein Blick fällt auf seine Hände. Nervös knetet er seine Finger im Schoß. Ich schnalle den Sicherheitsgurt ab und drehe meinen Oberkörper komplett nach hinten.

»Ist alles in Ordnung bei dir?« Ich fühle mich bedrückt, als ich die Frage stelle. Denn was soll bitte okay sein?

»Ich … ich bin verwirrt«, gibt Jakub leise zu. »Ich verstehe das alles nicht.«

Er hebt seinen Blick und die karamellfarbenen Augen seines Vaters treffen mich. Für einen kurzen Moment raubt mir dieser Anblick den Atem. Auch wenn ich schon längst geglaubt hatte, mich daran gewöhnt zu haben. Ich schlucke meine Gefühle herunter und zwinge mich zu einem lockeren Lächeln.

»Du verhältst dich seit ein paar Tagen einfach seltsam. Dann verlassen wir unser Zuhause und verabschieden uns nicht von Papa. Und dann heiße ich anders. Du nennst mich Jakub. Dabei ist das mein Zweitname und du hast mich vorher nie nur so genannt.«

»Mein Schatz, ich hoffe sehr, dass ich dir schon bald alles erklären kann. Aber dein Vater, er –«

»Du warst nicht glücklich. Er hat dir wehgetan«, erklärt Jakub.

Ich habe versucht, ihn aus allen Situationen herauszuhalten und meine Verletzungen zu verbergen. Nun wird mir jedoch bewusst, dass er viel mehr mitbekommen hat, als ich dachte.

Die Schläge.

Das Geschrei.

Die Wutausbrüche.

Und mein kleiner Sohn musste all diese grausamen Momente miterleben.

»Jakub, ich –«

Tränen steigen in meine Augen. Ich habe immer gedacht, dass ich meine Gefühle gut unter Kontrolle halten kann. Doch ich habe mich geirrt. Marcin – nein, Jakub – ist ein aufmerksamer und liebevoller kleiner Junge. Ein simpler Blick in mein Gesicht reicht aus und er weiß direkt, wie ich mich fühle.

»Du sagst, dass wir Tante Natalia besuchen. Dabei kenne ich sie überhaupt nicht. Sollte ich das nicht?«

Ich nicke langsam. »Du solltest Tante Natalia kennen. Die Wahrheit ist jedoch, dass auch ich sie bereits seit vielen Jahren nicht mehr gesehen habe. Dein Vater hat mir oft vorgeschrieben, was ich tun soll und was nicht. Unter anderem wollte er nicht, dass ich meine Schwester besuche. Das hat mich oft traurig gemacht. Jakub, wir beide konnten einfach nicht länger in Warschau bleiben. Es war dort nicht sicher für uns. Deswegen mussten wir zusammen gehen.«

Ich weiß nicht, ob Jakub den Sinn hinter meinen Worten verstanden hat. Doch mein Sohn scheint für den Moment mit meiner Antwort zufrieden zu sein.

 

 

 

Jakub und ich steigen aus dem Auto aus. Mit nichts außer zwei Reisetaschen. Wir nähern uns der Haustür. Meine Finger zittern nervös. Mein Zeigefinger schwebt über dem metallischen kleinen Knopf. Ich nehme mir einen Moment Zeit, um meine Augen zu schließen. Dabei atme ich tief durch die Nase ein und stoße die Luft durch den geöffneten Mund wieder aus. Meine Wimpern flattern und ich öffne entschlossen meine Augen. Als mein Zeigefinger den Druckknopf berührt, fühlt es sich an, als würden Blitze durch meinen gesamten Körper schießen. Dennoch übe ich etwas Druck auf die Klingel aus und ziehe meinen Zeigefinger abwartend zurück. Nur wenige Sekunden später höre ich Schritte näher an die Tür herankommen. Die Haustür geht nach innen auf und ich finde mich in einer direkten und festen Umarmung wieder.

»Du bist da! Du bist wirklich gekommen!«, flüstert Natalia erleichtert. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, doch das Lächeln ist zweifellos aus ihrer Stimme herauszuhören.

Verblüfft erwidere ich ihre Umarmung, wenn auch etwas unbeholfen, und schaue an ihr herunter. Sie trägt ein gelbes, geblümtes Sommerkleid und ist barfuß.

Ich schließe meine Augen und genieße diesen innigen Moment. Der blumige Duft ihres zarten Parfüms steigt mir in die Nase. Unwillkürlich denke ich daran, wie es sich anfühlt, wenn man im Sommer mit nackten Füßen über eine Blumenwiese rennt.

Ein freudiges Zucken regt sich in meinem Magen. Wenn ich mir bis vor Kurzem noch nicht sicher war, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, dann hat die freudige Begrüßung meiner Schwester es geschafft, alle Zweifel über Bord zu werfen. Natalia unterbricht diesen Moment, indem sie mich ein Stück von sich wegschiebt. Auf Armeslänge umfasst sie meine Schultern. Ihre braunen Augen suchen etwas in meinem Gesicht. Ich weiß nicht genau was, aber sobald sie meine Haare erblickt, scheint ihre Suche beendet zu sein. Für eine winzige Sekunde weitet sich ihr Blick, doch nur einen Wimpernschlag später hat sich meine Schwester wieder gefangen. Sanft hebt Natalia ihre rechte Hand und streicht durch eine kurze Strähne.

Jede ihrer Bewegungen ist mir nur allzu deutlich bewusst. Ich mustere sie, als könnte ich irgendeine wichtige Geste von ihr verpassen. Wir haben so lange ohneeinander auskommen müssen, dass ich Angst habe, noch mehr Zeit zwischen uns kommen zu lassen.

Auf Außenstehende wirken wir nicht wie Schwestern. Während Natalia optisch unserer Mutter ähnelt, komme ich nach unserem Vater. Sie hat dunkelbraune Augen und schokoladenfarbenes Haar. Ihre langen Strähnen bedecken ihren gesamten Rücken. Wenn sie lächelt, erscheint auf ihrer linken Wange ein zauberhaftes Grübchen. Auch ihr Hautton ist etwas dunkler. Im Gegenzug habe ich die blau-grauen Augen von unserem Vater geerbt. Meine gesamte Statur ist kleiner und schmächtiger als die von meiner Schwester. Natalia lächelt mich sanft an und drückt kurz meinen Arm.

»Ich finde, die neue Frisur steht dir ausgesprochen gut. Wer weiß …« Natalia zuckt lässig mit den Schultern. »Vielleicht schneide ich mir die Haare demnächst auch so kurz.«

Ein ehrliches Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.

»Vielleicht kannst du mir einen guten Friseur in der Nähe empfehlen. Ich habe sie selbst geschnitten. Ich denke, das sieht man.« Ich schüttle meine kurzen Haare.

»So schlimm ist es gar nicht!«, beteuert Natalia sofort.

»Ach ja?«, frage ich herausfordernd.

Ich drehe mich im Kreis und gewähre Natalia einen Blick auf meine gesamten Haare, die hinten vermutlich besonders schief fallen.

Sie lacht auf. »In Ordnung. Ich nehme alles zurück. Wir werden jemanden finden, der das wieder richten kann.«

Ihre Worte sind an mich gerichtet, doch ihre Augen schauen an mir vorbei. Durch meine Drehung habe ich die Sicht auf die Person hinter mir freigegeben. Die gesamte Situation muss furchtbar und verwirrend für ihn sein. Jakub hat von einem Tag auf den anderen sein gesamtes Leben hinter sich lassen müssen. Sein Zuhause, seine Spielsachen, seine Freunde, seinen Vater …

Wenn er so weit ist, weitere Fragen zu stellen, dann muss ich so weit sein, ihm diese beantworten zu können.

Natalia geht einen Schritt an mir vorbei. Sie beugt sich etwas nach unten, damit sie mit Jakub auf einer Höhe sprechen kann.

»Hey! Ich bin deine Tante Natalia.« Sie lächelt liebevoll.

Jakub hingegen mustert Natalia mit einem skeptischen Blick. Er hebt seine rechte Augenbraue nach oben. »Wenn du meine Tante bist … warum kenne ich dich dann nicht?«

Ungläubig starre ich meinen Sohn an. Natalia entkommt ein trauriges Schmunzeln. Auch an meinen Lippen zupft ein vorsichtiges Lächeln.

»Das ist eine berechtigte Frage, Jakub. Leider wohnen wir beide weit voneinander entfernt und hatten keine Gelegenheit, uns persönlich zu sehen. Aber ich hoffe, dass wir das in den nächsten Tagen ändern werden.«

Jakub schweigt für mehrere Sekunden. Er scheint Natalias Antwort gedanklich abzuwägen. Schließlich kommt er zu einem Ergebnis und streckt seine rechte Hand nach vorn aus.

»Es freut mich, dich endlich kennenzulernen.«

Diese Geste treibt mir die Tränen in meine Augen. So lange habe ich darauf gewartet, dass die beiden wichtigsten Menschen meines Lebens sich begegnen können. Diesen Moment speichere ich fest in meinem Kopf ab. Ich archiviere dieses Bild und genieße die Szene. Ein warmes Gefühl breitet sich in meinem Magen aus.

»Es wird Zeit, dass ihr beiden hereinkommt. Ich habe einen Kuchen gebacken und Limonade gemacht.«

»Limonade?«, frage ich ungläubig.

Natalia nickt bekräftigend. »Honiglimonade.«

»Honiglimonade?«, echoe ich.

»Honiglimonade«, wiederholt Natalia.

Ein leichtes Schimmern ist nun auch in ihrem Blick zu erkennen. Honiglimonade war die Spezialität unserer Mutter. Sie hat sie mit frischer Minze, einer Scheibe Zitrone und Eiswürfeln serviert. Besonders im Sommer haben wir ihre Limonade literweise getrunken. Die Wunden sind niemals verschwunden, allerdings sind die Spuren unserer Eltern mittlerweile verblasst. Wenn ich heute an sie zurückdenke, dann muss ich nicht mehr weinen. Stattdessen denke ich an all die schönen Erlebnisse, die wir gemeinsam hatten. Ich denke an heiße Sommertage und eisgekühlte Getränke.

Jakub zupft an meinem Ärmel und reißt mich aus meinen Erinnerungen.

»Ich möchte auch gern Limonade trinken.«

Mein Blick geht zurück zu meiner Schwester. Diese hat meinen Sohn bereits sanft in das Haus gezogen und führt ihn in den Flur. Nach ihnen betrete ich ebenfalls das Haus und schließe die Tür.

Der Eingangsbereich ist mehr als großzügig geschnitten. Der Boden besteht aus grauen Marmorfliesen. Diese bilden einen schönen Kontrast zu den weiß gestrichenen Wänden. Links von mir befindet sich ein großer Hochglanzschrank, in welchem wahrscheinlich die Jacken verstaut werden. Daneben steht eine schwarze Sitzbank und zwei silberne Kissen sorgen für eine gemütliche Atmosphäre.

Ich begegne dem Haus meiner Schwester mit gemischten Gefühlen, denn einerseits wirkt alles sehr elegant und ich fühle mich deplatziert. Doch andererseits trägt dieser Flur die Handschrift meiner eigenen Schwester und vermittelt mir ein behütetes Gefühl. Ich streife meine weißen Sneakers ab und lege sie in das dafür vorgesehene Fach. Natalia trägt Jakubs Schuhe in der Hand und stellt sie neben meine in dem Regal ab.

Mein Blick wird träge, als ich den Kopf senke und ihren Bewegungen folge. Meine Schwester richtet sich auf und klatscht begeistert in die Hände. Dieser Knall lässt mich zusammenfahren und erschreckt mich mehr, als ich zugeben möchte.

»Ich bin beruhigt, dass ihr hier seid«, sagt sie. »Darf ich euch etwas zu essen anbieten?«

Jakub nickt begeistert. Wie zur Bestätigung beginnt sein Magen zu knurren. Verschämt schlägt er seine Hände vor dem Bauch zusammen.

»Solche Geräusche werden wir in diesem Haus sofort zum Verstummen bringen. Kinga? Was ist mit dir?«, fragt Natalia.

Ich öffne meinen Lippen für eine Antwort, doch stattdessen entkommt mir ein langgezogenes Gähnen. Schnell presse ich mir die Hand auf den Mund. »O nein! Das tut mir furchtbar leid.«

Natalia schüttelt vehement den Kopf. »Dir muss überhaupt nichts leidtun. Leg dich ins Bett und schlaf ein wenig. Ich werde in der Zwischenzeit das Frühstück für Jakub zubereiten.«

Sie hat keinerlei Ahnung davon, was ihre Worte in meinem Kopf anstellen. Ich bin es nicht gewohnt, dass sich jemand anderes um meinen Sohn kümmert. Für meinen Ex-Mann war Jakub immer nur ein Klotz am Bein. Die beiden haben niemals etwas zu zweit unternommen, weil unser Kind für ihn reine Zeitverschwendung war. Was schwer vorzustellen ist, ist Tatsache.

Heiße Tränen der Wut steigen in meine Augen. Ich bin wütend auf den Menschen, an den ich die letzten Jahre meines Lebens verloren habe. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass er mir Jakub geschenkt hat und ich über ihn nicht glücklicher sein könnte. Mein Sohn weiß nicht, was es bedeutet, eine richtige Familie zu haben. Weil mein Ex-Mann ganz genau wusste, wie er den Kontakt zu meiner Familie unterbinden musste. Meine Hände ballen sich zu Fäusten.

Natalia legt mir sanft eine Hand auf die Schulter und sieht mich an, als wüsste sie, was in mir vorgeht. Trotz all der verlorenen Jahren zwischen uns. »Ist schon gut. Es ist vorbei.« Ihre Worte sind nur für meine Ohren bestimmt. »Komm, ich führe dich ins Gästezimmer. In ein paar Stunden sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«

Ich möchte so viele Dinge sagen. Es schweben unendlich viele unausgesprochene Sätze in meinem Kopf herum. Meine Schwester hat es verdient, mit meinen Worten und meiner Liebe überschüttet zu werden. Doch meine stetige Nervosität hindert mich am Sprechen. Dankbar falle ich Natalia in die Arme. Ich drücke sie fest an meinen Körper und hoffe darauf, dass diese Geste die vielen Worte in meinem Kopf ersetzen kann.

Kapitel 2

Kinga

 

Ein Blitz zuckt über den wolkenverhangenen Nachthimmel. Für einen Moment erleuchtet dieses Naturspektakel unser Wohnzimmer. Ich sehe, dass sein Gesicht zu einer widerlichen Fratze verzerrt ist. Mit blutunterlaufenen Augen steht er über mir. Die Kontrolle über seine Sinne und über seinen Körper hat er bereits vor fünf Bieren verloren. Ich sitze auf dem Boden und kralle meine Finger fest in den flauschigen Teppichboden. Wenn ich jetzt entkommen kann, dann verschont er mich heute Abend womöglich. Langsam rutsche ich von ihm weg. Meinen Blick halte ich fest auf ihn gerichtet, damit mir auch nicht die kleinste Gefühlsregung entgeht.

Aber danach suche ich vergeblich. Wenn er so betrunken ist, dann ist es, als hätte ich einen vollkommen anderen Menschen vor mir. Er handelt aus seinem animalischen Instinkt heraus. Vorsichtig ziehe ich mein linkes Bein nach. Sofort bereue ich diese Bewegung, als ein allesumfassender Schmerz Besitz von meinem Körper ergreift. Zischend ziehe ich die Luft ein. Gleichzeitig wird mir mein fataler Fehler bewusst. Ich reiße meine Augen auf und presse mir schnell eine Hand auf den Mund. Doch es ist zu spät. Wütende Augen funkeln mich zornig an.

»Was ist los mit dir, du Schlampe? Hast du ein Problem?«

Mit polternden Schritten kommt er schnell auf mich zu. Verbittert schließe ich meine Augen. Ich war so nah dran. So nah …

 

Mit wild klopfendem Herzen richte ich mich kerzengerade in meinem Bett auf. Meine rechte Hand fliegt an meinen Brustkorb. Mein Herz schlägt viel zu schnell.

Langsam hasse ich dieses Gefühl.

Instinktiv schlage ich mit der linken Hand nach oben. Doch … da ist nichts. Nach wenigen Sekunden wird mir bewusst, dass meine Hand kein Ziel getroffen hat. Ich halte in meiner Bewegung inne und zwinge mich, einen Blick ins Zimmer zu werfen. Meinen genauen Aufenthaltsort kann ich nicht sofort lokalisieren. Panik baut sich in meinem Inneren auf. Bis meine Augen die kleine Kommode auf der linken Seite erblicken. Dabei ist es nicht die Kommode, die es schafft, meinen Puls zu beruhigen. Es ist die weiße Vase mit den rosafarbenen Rosen darauf. Die Lieblingsblumen meiner Schwester Natalia.

Ich bin nicht mehr dort.

Ich bin nicht länger die Gefangene in meinem persönlichen Albtraum. Ich bin in Sicherheit. Seufzend lasse ich mich zurück in die Kissen sinken. Ein verzücktes Stöhnen kommt über meine Lippen.

Gott … diese Kissen fühlen sich so weich an.

Ich habe das Gefühl, als würde ich auf einer Wolke liegen. Ob das wohl möglich ist? Auf einer Wolke zu liegen? Vermutlich eher nicht. Doch in diesem Moment kann ich mir gut vorstellen, wie es sein könnte.

Ich kann mich nicht daran erinnern, vorher bereits über die Beschaffenheit von Wolken nachgedacht zu haben. Nicht dass das wirklich eine Rolle spielen würde. Aber es tut mir gut, über solche Nichtigkeiten nachzudenken. Die Außenwelt komplett auszublenden und meine Probleme für einen kurzen Augenblick auszusperren. Mein Pulsschlag beruhigt sich allmählich wieder.

Flatternd öffne ich meine Lider, damit ich mich in Ruhe im Gästezimmer umschauen kann. Die Wände sind allesamt mit einer fliederfarbenen Tapete tapeziert. Diese wirkt einladend und freundlich. Die Möbel in dem Zimmer sind weiß, genauso wie die Bettdecke und die Kissenbezüge. Links und rechts neben dem großen Doppelbett steht jeweils eine kleine Kommode. Die Fenster werden von weißen Gardinen umrahmt.

Ich nehme mir einen weiteren Moment Zeit, um sämtliche Körperteile ausgiebig zu strecken. Um Jakub muss ich mir keine Gedanken machen. Das weiß ich. Bei Natalia befindet er sich in den besten Händen. Dennoch interessiert es mich, wie die beiden miteinander klargekommen sind.

Ich schwinge meine Beine über die Bettkante und gehe in den Flur. Verwirrt runzle ich die Stirn. Der Eingangsbereich bildet einen harten Kontrast zum Gästezimmer. Während hier alles clean und beinahe schon steril wirkt, macht das Gästezimmer einen viel fröhlicheren Eindruck. Ich gehe die Treppenstufen nach unten und rieche einen köstlichen Duft. Nur Sekunden später höre ich Gelächter.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Jakub.

Jakub lacht.

Und damit meine ich nicht, dass er über einen schlechten Scherz von mir kichert. Nein, Jakub lacht laut und aus tiefstem Herzen. In Warschau hatte er nicht wirklich viele Gelegenheiten, um so ausgelassen Lachen zu können. Mein Herz vollführt einen kleinen Salto und in mir keimt wieder ein kleines Gefühl von Hoffnung auf. Ich folge den Gerüchen und dem Gelächter und finde mich in der Küche von Natalia wieder.

Der Küchenboden wird von Fliesen in Marmoroptik bedeckt. An der Decke befinden sich viele Lichtspots und sorgen für ein helles Ambiente.

Das, was ich sehe, überrascht mich. Natalia und Jakub stehen an der riesigen Kücheninsel. Aus dem Radio dröhnt Kubańczyk mit seinem Song nie mogę przestać. Es ist ein schneller Song und ich sehe, wie Natalia ihre Hüften im Takt der Musik bewegt. Der leichte Stoff ihres Kleides flattert durch die Luft. Natalia rührt in einer Pfanne herum, während sie ihren Körper wiegt. Sie singt lauthals mit. Dann ergreift sie ihren Holzlöffel, beugt sich zu Jakub herüber und singt ihn an.

Und was macht mein schüchterner kleiner Junge? Er singt einfach mit, stelle ich verblüfft fest. Jakub klatscht und hat nebenbei noch Zeit, das Gemüse abzuwaschen.

Mein Sohn bemerkt mich als Erster. »Hey, Mama! Tante Natalia und ich kochen das Mittagessen«, sagt er strahlend.

Ich war bis vor wenigen Sekunden der festen Meinung, dass er sein Leuchten komplett verloren hat. Doch die letzten Jahre haben ihn nicht gebrochen. Das kann ich ganz deutlich sehen. Ein Gefühl von Erleichterung ergreift mich.

Jakub hat sich bereits wieder dem Gemüse vor seiner Nase zugewandt. Dafür mustert meine Schwester mich und scheint auf eine Erwiderung zu warten.

»Ja, das sehe ich«, sage ich deshalb. »Was kocht ihr denn Leckeres? Das duftet gut.« Begeistert beuge ich mich über die brutzelnde Pfanne und schließe genüsslich meine Augen.

»Wir machen eine Gemüse-Reis-Pfanne«, gibt Jakub aufgeregt zurück.

Während ich meinen Sohn weiter dabei beobachte, fällt die Haustür krachend ins Schloss und lässt mich zusammenzucken.

»Wir sind wieder da!«, ruft eine männliche Stimme.

»In der Küche«, gibt Natalia zurück.

Es dauert nur einen kurzen Moment, bis ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern im Türrahmen erscheint. Er hat dunkelblondes Haar und ist glattrasiert. Seine Augen sind eisblau und erinnern mich an die eines Huskys. Er trägt einen maßgeschneiderten hellgrauen Anzug, durch den sein athletischer Körper zur Geltung kommt. Als sein Blick auf mich fällt, werden die Husky-Augen weicher und neben ihnen bilden sich kleine Fältchen.

»Kinga!« Überraschenderweise kommt er mit schnellen Schritten auf mich zu und schließt mich in eine feste Umarmung. »Es ist so schön, dich zu sehen.«

»Danke, Kamil. Du hast dich praktisch gar nicht verändert«, sage ich an meinen Schwager gewandt.

Und es stimmt. Kamils Gesichtszüge sind etwas reifer geworden. Das Haar an den Schläfen ist leicht ergraut. Doch im Grunde hat er sich nicht verändert.

»Tja.« Er zuckt belustigt mit den Schultern. »Du weiß doch, wie es so schön heißt. Männer sind wie Käse.«

»Sie stinken?«, fragt Natalia lachend und rührt das Gemüse in der Pfanne.

Kamil wirft ihr einen bitterbösen Blick zu. »Nein, Männer und Käse sind besser, sobald sie gereift sind.«

»Du meinst wohl, dass der Käse als einziges reift«, gibt Natalia feixend zurück.

Kamil gestikuliert in der Luft herum und versucht vergeblich, seine eigene Aussage ins rechte Licht zu rücken. Um ehrlich zu sein, bekomme ich von seinen genauen Worten nicht mehr wirklich viel mit. Ich stehe einfach dämlich grinsend in der Küche der beiden und freue mich, dass ich an diesem harmlosen Schlagabtausch teilnehmen darf. Diese Menschen sind für mich der Inbegriff eines perfekten Liebespaares. Sie haben sich bereits als Teenager kennengelernt und sind früh miteinander ausgegangen. Nach der Schule hat Kamil angefangen, als Immobilienmakler zu arbeiten, Natalia als Chefköchin in einem Restaurant. Sie sind den klassischen Weg gegangen, haben geheiratet, ein Haus gebaut und ihre Liebe wurde von einer wundervollen Tochter gekrönt.

Weiter komme ich nicht, denn das besagte Mädchen erscheint im Türrahmen. Meine Nichte ist nur wenige Monate älter als Jakub. Dennoch habe ich sie nur auf Bildern gesehen. Das Glück, sie persönlich kennenzulernen, ist mir bisher leider verwehrt geblieben. Umso erstaunter bin ich nun, zu sehen, dass sie ein exaktes Ebenbild ihres Vaters ist. Sie hat lange dunkelblonde Locken, welche sanft ihr Gesicht umrahmen. Ihre blauen Augen stehen enger beieinander und leuchten in kindlicher Vorfreude. Scheinbar wusste sie von unserer Ankunft.

Ich werfe einen schnellen Blick zu Jakub, bin unschlüssig, wie er auf die beiden neuen Personen reagieren wird. Doch zu meiner Erleichterung lächelt er lediglich freundlich und scheint der gesamten Situation offenherzig gegenüberzustehen. Ich bin mir sicher, dass Natalia ihm von ihrem Ehemann Kamil und ihrer Tochter Anna erzählt hat. Ansonsten würde Jakub niemals so seelenruhig stehen bleiben und die gesamte Szene auf sich wirken lassen. Rasch läuft Anna in ihrem rosafarbenen Kleid auf Jakub zu und streckt ihm ihre Hand entgegen. Sein Lächeln verrutscht für eine Sekunde und macht der Unsicherheit Platz. Doch er überspielt diese Situation und fängt sich schnell wieder.

»Hi, ich heiße Anna und bin deine Cousine. Wir werden sicher die besten Freunde werden.«

»Hi«, gibt Jakub schüchtern lächelnd zurück. Er ergreift Annas Hand und umschließt ihre Finger vorsichtig. »Ich heiße Jakub.«

Natalia rechts von mir entkommt ein entzücktes Seufzen. Sie presst sich ihre linke Hand auf die Brust. Auch Kamils Gesichtsausdruck wird eine Spur sanfter. Mir wird klar, dass wir für den Moment angekommen sind. Ich bin zurück. Zurück bei meiner Familie. Und ich hoffe, ich kann ein wenig hierbleiben.

Kapitel 3

Kinga

 

Kraftlos lasse ich meine Reisetasche zu Boden sinken. Meine Glieder fühlen sich schwer an und erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr mich die gesamte Situation mitgenommen hat. In Warschau hatte ich nicht besonders viel Zeit, um über alles nachzudenken. Nun kommt es mir so vor, als würden die letzten Momente in meinem alten Leben wie in einem Film vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich habe mir zwei Reisetaschen geschnappt und hastig einige Kleidungsstücke von Jakub und mir hineingeworfen. Anschließend habe ich meinen Sohn mitten in der Nacht geweckt. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind blindlings losgefahren. Hastig schüttle ich den Kopf. Mein Blick landet dabei auf dem Gepäckstück zu meinen Füßen. Darin befinden sich zwei Hosen von mir, fünf Oberteile und etwas Unterwäsche. Das ist mein gesamtes Leben. Verpackt in einer kleinen Tasche.

Das Adrenalin der vergangenen Stunden lässt allmählich nach und ich setze mich auf die Bettkante. Mein Kopf fühlt sich mit einem Mal an, als würde ihn jemand mit einem Presslufthammer bearbeiten. Ich drücke mir die Handballen gegen meine Augen und versuche, meine Emotionen herunterzuschlucken. Stattdessen lasse ich für einen kurzen Moment die Dankbarkeit in den Vordergrund treten. Darauf setze ich momentan meinen Fokus. Wir haben großes Glück, dass wir bei meiner Schwester und ihrer Familie unterkommen können. Zumindest vorerst. Sie hat ihr Gästezimmer für mich hergerichtet und Jakub ist im Zimmer nebenan untergebracht. Ein schwaches Räuspern an der Tür lässt mich augenblicklich zusammenfahren. Ich hebe meinen Kopf und sehe meinen Sohn im Türrahmen stehen.

»Entschuldigung.« Zögerlich betritt er das Zimmer. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

»Schon in Ordnung. Ist alles gut bei dir, mein Schatz?«

Jakub zuckt mit den Schultern. »Geht so?«

»Was heißt das?«, frage ich und klopfe sanft auf die Bettdecke neben mir. Eine Bitte an ihn, sich zu setzen.

Dankbar klettert er auf das Bett. »Ich vermisse mein T-Shirt.«

Perplex blinzle ich. Mit so einer Aussage habe ich nicht gerechnet.

»Welches T-Shirt genau meinst du?«

»Das rote. Mit Spiderman und den blauen Ärmeln. Ich trage es gerne.«

Oh.

»Es tut mir leid, mein Schatz. Dein Oberteil liegt im Wäschekorb, deshalb habe ich nicht daran gedacht, es mitzunehmen.«

»Aber du nimmst mein Lieblingsoberteil immer mit, wenn wir in den Urlaub fahren«, erwidert Jakub trotzig.

Schuldbewusst beiße ich mir auf die Unterlippe. Mein Sohn hat mit seiner Annahme vollkommen recht. Ich verlange ihm momentan viel ab und habe mir bisher noch nicht die Zeit dafür genommen, seine Gefühle zu hinterfragen. Das schlechte Gewissen überkommt mich, als hätte jemand einen Eimer kaltes Wasser über mir ausgeschüttet.

»Ich kann verstehen, dass du enttäuscht bist. Und ich möchte mich bei dir entschuldigen. Aber du musst verstehen, dass wir nicht einfach nur Urlaub bei Tante Natalia machen.«

»Mama?«

»Ja?«

»Was passiert jetzt?«

»Wie meinst du das?«

»Wohnen wir jetzt für immer bei Tante Natalia? Oder müssen wir irgendwann wieder zurück nach Hause?«

»Ich weiß es nicht«, gebe ich ehrlich zu.

»Du weißt es nicht?«

»Nein.« Ich schüttle den Kopf. »Es fällt mir schwer, die nächsten Tage und Wochen zu planen.«

»Bisher hast du aber immer alles geplant, Mama.«

Ein sanftes Schmunzeln tritt auf mein Gesicht und ich ziehe meinen Sohn in meine Arme. »Auch eine Mama oder ein Papa können nicht immer eine Antwort auf alle Fragen haben. Eltern sind manchmal auch ratlos und brauchen Zeit, um gewisse Dinge zu überdenken.«

Jakub schweigt und ich bin mir nicht sicher, ob er meine Worte versteht. Doch zumindest spüre ich, wie sein Körper sich in meinen Armen entspannt.

»Kann ich dich noch etwas fragen, Mama?«

»Immer.«

»Hast du meine Spiderman-Actionfigur eingepackt?«

Kichernd betrachte ich ihn. »Ja. Unter deinen Socken liegt deine Figur.«

»Gut, denn die ist wichtig.«

»Natürlich ist sie das. Jakub? Wenn du möchtest, dann kannst du nachts auch gern bei mir im Bett schlafen. Deine Tante hat uns zwei getrennte Zimmer gegeben, aber wir können uns meins teilen. Das wäre wie eine geheime Pyjamaparty.«

»Hm, danke, aber ich möchte lieber allein schlafen.«

»Bist du dir sicher?«

»Ja, du störst mich sonst«, antwortet er ehrlich.

Ich blase meine Wangen auf und versuche, damit die angespannte Situation zu entschärfen. »Ich störe dich? Denkst du nicht viel eher, dass es andersrum ist?«

»Nein«, entschieden schüttelt er den Kopf und ich drücke ihm einen Kuss auf die Stirn.

»Ich mag es bei Tante Natalia!«, verkündet Jakub plötzlich.

»Ehrlich?«

»Ja, alle hier sind nett und ich glaube, du bist auch zufrieden.«

»Wie kommst du darauf?«

»Solange wir hier bei Tante Natalia sind, kann Papa dir nicht mehr wehtun. Ich vermisse mein Zuhause, aber …« Er bricht ab und ein Schluchzen entkommt seiner Kehle.

»Alles ist gut, Schatz«, beruhigend streichle ich meinem Sohn über seinen Kopf.

»Du bist nicht so oft die Treppe heruntergefallen. Du hast dir auch nicht aus Versehen heißes Wasser über den Oberschenkel gegossen. Und ich glaube auch nicht, dass du gegen Schränke und Türen gelaufen bist.«

Zischend stoße ich die Luft aus. Ich bin sprachlos. Mir fehlen die nötigen Worte, um Erklärungen für all diese Dinge zu finden. Außerdem bin ich müde und ich habe es satt, meinen eigenen Sohn anlügen zu müssen.

Ich kämpfe gegen meine wütenden Tränen an, doch ich möchte stark für ihn bleiben. Adam ist schuld daran, dass mein Junge sich mit solchen Gedanken auseinandersetzen muss. »Hier kann uns nichts passieren.«

»Du … bist glücklich hier … Niemand tut dir weh. Das macht mich sehr froh, Mama.«

Jakub weint in meinen Armen und in diesem Moment kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich habe gedacht, dass ich meine Emotionen vor meinem Sohn verbergen kann und ihn in all den Jahren beschützt habe. Nun muss ich mich der Tatsache stellen, dass Jakub viel mehr mitbekommen hat, als ich ursprünglich gedacht habe. Ich war der Überzeugung, dass die vergangene Zeit besonders qualvoll für mich gewesen ist. Doch nun erkenne ich, dass die Zeit für ihn ebenso schmerzhaft war. Er schmiegt seinen Kopf an mein Kinn und weint all die Tränen der Vergangenheit.

»Mama?«

»Ja?«

»Können wir bitte hierbleiben?«

»Bei Tante Natalia?«, frage ich überrumpelt. Jakub nickt. »Ja, bei meiner Tante und auch bei Anna. Ich mag die beiden so gern. Sie sind nett zu uns und ich hoffe wirklich, dass wir hier leben können.«

»Ich … ich weiß es nicht.«

Mit Sicherheit hat Jakub sich eine andere Antwort von mir erhofft, doch diese kann ich ihm momentan einfach nicht geben. Ich möchte vor meinem Sohn keine falschen Versprechungen machen. Die Zukunft für uns beide ist ungewiss, denn Adam könnte jeden Moment vor der Tür stehen. Das würde eine erneute Flucht für uns bedeuten und ob wir noch ein weiteres Mal entkommen können, weiß ich nicht. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich bei diesem Gedanken. Mir bleibt nichts anderes übrig als von Grund auf ehrlich zu sein.

»Ich hoffe auch, dass wir bleiben können. Zumindest eine Weile. Wir werden dich bald in der Schule hier in Zakopane anmelden. Deine Tante unterstützt mich mit einem Termin und den nötigen Formularen. Mit etwas Glück kommst du in die Klasse von Anna.«

»Das wäre echt toll!«

»Ja, stimmt.« Ich atme tief durch. »Sag mal, hast du Anna schon deine Marvel-Figur gezeigt?«

»Hmh? Interessieren sich Mädchen überhaupt für Superhelden?«

»Ich weiß nicht, ob Anna Superhelden mag. Aber auch Mädchen spielen mit Actionfiguren und mögen Spiderman. Frag sie doch einfach, dann weißt du es.«

»Okay.« Jakub nickt. »Das werde ich machen.«

Mit einem Satz springt er vom Bett und flitzt aus dem Gästezimmer. Ich sehe ihm hinterher und lasse unser Gespräch Revue passieren. Es erscheint mir absolut unfair, dass ein Kind in seinem Alter solche schrecklichen Dinge miterleben muss. Seufzend wende ich mich der Reisetasche zu. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Inhalt auspacken und in den Schränken einräumen möchte. Mein Instinkt rät mir dazu, sie nicht auszupacken, damit ich schnell flüchten kann, wenn es notwendig erscheint. Doch mein Herz spricht eine ganz andere Sprache. Jakub fühlt sich hier wohl und auch ich merke, wie ich zunehmend ruhiger werde. Ich möchte hier ankommen und meinen Kummer überwinden. Ächzend hieve ich mich vom Bett hoch und nehme eine Hose heraus. Ich schließe meine Augen, atme tief durch und räume das Kleidungsstück in eine Kommode. Ein aufgeregtes Zucken durchfährt meinen gesamten Körper. So fühlt sich der erste Schritt in die Freiheit an.

Kapitel 4

Adam

 

Die Wohnungstür ist nur einmal abgeschlossen. Das ist der Moment, in dem Adam bereits stutzig wird. Für gewöhnlich ist seine Ehefrau Sylwia eine vorsichtige Person. Er hat ihr die Anweisung erteilt, dass das Türschloss doppelt verriegelt sein muss, solange er sich nicht in der Wohnung aufhält. Diese Regelung hat seine Frau heute wohl gebrochen. Stöhnend presst Adam sich seinen Zeigefinger und seinen Daumen auf die Nasenwurzel. Im Grunde möchte er ihr überhaupt nicht wehtun, doch sie scheint seine Regeln einfach nicht verstehen zu wollen. Bis spät in der Nacht hat er mit seinen Kumpels in der Bar getrunken. Nun dröhnt sein Schädel und er hat sich darauf gefreut, ins Bett zu fallen und seinen Rausch auszuschlafen. Doch es nützt alles nichts und er wird sich zuerst um seine nutzlose Frau kümmern müssen.

Die Tür schwingt nach innen auf und fliegt krachend gegen die Wand.

»Hey! Ich bin wieder zu Hause«, ruft er barsch.

Für einen Moment hält Adam inne, doch nichts regt sich. Wartend steht er im Eingangsbereich, allerdings kann er keine Erwiderung hören. Hinter sich schließt er die Wohnung ab.

»Sylwia! Begrüße mich gefälligst, wenn ich nach Hause komme.«

Mit langen Schritten marschiert er ins Wohnzimmer und zerrt sich währenddessen die Krawatte vom Hals. Achtlos wirft er das Kleidungsstück auf den Boden und lässt es dort liegen. Schließlich ist es nicht seine Aufgabe irgendetwas im Haushalt zu erledigen. Dafür hat er geheiratet. Doch von seiner Frau ist immer noch nichts zu sehen. Wie von selbst ballen sich seine Hände zu Fäusten und er geht rüber in die Küche. Die braune Einbauküche ist ordentlich aufgeräumt. Von einem Frühstück ist absolut nichts zu sehen, dabei sollte seine nutzlose Ehefrau sich hier aufhalten.

»Sylwia, verdammt! Wo zur Hölle steckst du?«

Adam öffnet den Kühlschrank, zieht ein kühles Bier heraus und macht die Flasche auf. Gestern Abend nach der Arbeit hat er sich direkt mit seinen Kumpels in der Bar getroffen. Es ist spät geworden und er hatte den ein oder anderen Drink zu viel. Deshalb hat er beschlossen, die Nacht bei einer anderen zu verbringen. Einer, mit der man Spaß haben kann und die ihn nicht dafür verurteilen würde, dass er einfach mal abschalten muss. In dieser Hinsicht ist seine Ehefrau eine verklemmte Spießerin. Ständig schiebt sie Kopfschmerzen oder andere dämliche Ausreden vor. Allerdings gehört sein Glück zu ihren ehelichen Pflichten und deshalb scheut er sich nicht davor sich zu holen, was ohnehin ihm gehört.

In seinem Kopf pocht es unangenehm und er hofft, dieses Gefühl mit einem Konterbier besiegen zu können. Danach wird er unter die Dusche springen und sich den Tag freinehmen. Vorausgesetzt seine verblödete Frau taucht irgendwann auf. Adam setzt die Bierflasche an seine Lippen und trinkt einen gierigen Schluck daraus, danach knallt er sie auf den Tresen und geht rüber in das Schlafzimmer.

Leer.

Ein seltsames Gefühl überkommt ihn und sein linkes Augenlid beginnt zu zucken. Mit einem Mal wird Adam klar, dass etwas nicht stimmt. Kalter Schweiß bricht auf seiner Stirn aus. In seiner Panik stürzt er zum Kleiderschrank von Sylwia und reißt die Schranktüren auf. Wütend schweift sein Blick umher, doch er kann nicht erkennen, ob irgendwelche Klamotten von ihr fehlen. Andererseits weiß er beim besten Willen nicht darüber Bescheid, welche Sachen sie für gewöhnlich trägt.

Verdammt.

Blind vor Wut schlägt Adam mit der geballten Faust gegen den Kleiderschrank. Ein kleiner Riss bildet sich im Holz. Ein weiterer Gedanke blitzt in seinem alkoholverhangenen Kopf auf.

Keuchend rennt er in das Kinderzimmer von seinem Sohn Marcin und blickt sich suchend um.

Leer.

Wahllos reißt er einige Schubladen auf, doch auch hier kann er nicht mit Sicherheit sagen, ob etwas fehlt. Ein Schauer jagt durch seinen gesamten Körper und Galle steigt in seiner Kehle hoch.

Was zur Hölle hat das alles hier zu bedeuten?

Adam holt mit seinem Fuß aus und tritt gegen ein Lego-Schiff von seinem Sohn. Sofort zerspringt das Konstrukt in viele Einzelteile und verstreut sich im gesamten Zimmer.

Kraftlos setzt er sich auf die Bettkante. Das ist gerade alles zu viel. Sein Kopf tut weh und Sylwia ist nicht da. Das Spielzeug hat ihm keine Befriedigung verschafft. Er muss seine Wut an etwas anderem auslassen. Ziellos gleiten seine Augen durch das Kinderzimmer, bis sie an den Actionfiguren von seinem Sohn hängen bleiben. Adam hat noch nie verstanden, weshalb Marcin sich immer noch für diesen Kinderkram interessiert. Seinem Sohn mangelt es an Disziplin und Männlichkeit. Auch das ist ein weiterer Fehler von Sylwia. Sie trocknet die Tränen von ihrem gemeinsamen Kind zu häufig und erklärt ihm, dass es in Ordnung ist, seine Gefühle zu zeigen. Angewidert spuckt Adam auf den Boden. Mit solch einer Einstellung kann aus seinem Jungen niemals ein vernünftiger Mann werden. Es wird Zeit, dass er ihn unter seine Fittiche nimmt und Marcin etwas mehr von seiner Frau trennt. Er möchte sich gerade abwenden, als ihm ein kleines Detail auffällt.

Eine Figur fehlt.

Zwischen einer schwarzen Figur und einem grünen Monster ist ein Platz im Regal frei. Diese Tatsache lässt ihn stutzen. Zwar interessiert er sich nicht für diesen Kram, doch er weiß, wie penibel Marcin diese lächerliche Sammlung sortiert. Mit einem Mal fällt es Adam wie Schuppen von den Augen.

Dieser rote Spinner in dem Strampelanzug.

Er fehlt.

Adam springt vom Bett auf und stürzt zu dem Regal rüber. Sämtliche Figuren stehen noch an ihrem Platz, nur die Lieblingsfigur seines Sohns nicht. Es kommt oft vor, dass Marcin diese Spielzeuge mit zu seinen Freunden nimmt. So viel hat er zumindest mitbekommen. Den Roten nimmt Marcin niemals mit, weil er ohne ihn nicht einschlafen kann und er zu große Angst hat, diese Figur zu verlieren. Schreiend reißt Adam die Figuren runter und trampelt in seiner blinden Wut darauf herum.

Zornig geht er zurück ins Schlafzimmer, dabei kommt er an der Küche vorbei und nimmt das Bier von der Theke mit.

---ENDE DER LESEPROBE---