Bevor wir uns verlieren - Jessica Golawski - E-Book

Bevor wir uns verlieren E-Book

Jessica Golawski

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Beschreibung

Als Leonies Eltern sich scheiden lassen, bricht für das kleine Mädchen eine Welt zusammen. Gemeinsam mit ihrer Mutter wandert sie in deren Heimatland nach Polen aus. Dort lernt sie den Nachbarsjungen Bartek kennen. Schnell erkennt Leonie, dass in diesem fremden Land nicht alles schlecht ist. Die beiden freunden sich an und geben einander Halt. Doch dann ändert sich alles. Ein traumatisches Erlebnis wirft Leonie komplett aus der Bahn. Überstürzt flieht sie zurück nach Deutschland zu ihrem Vater. Bartek bleibt ratlos und verwirrt zurück. Jahre später arbeitet Leonie als Journalistin für ein Magazin und soll einen berühmten polnischen Schauspieler auf seiner Promotour für seinen neuen Film begleiten. Dabei handelt es sich ausgerechnet um ihren Jugendfreund. Sie reist zurück in ihre damalige Heimat und muss sich den Schatten der Vergangenheit stellen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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HINWEIS
ERSTER TEIL
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
ZWEITER TEIL
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
KAPITEL 34
KAPITEL 35
DANKSAGUNG

Jessica Golawski

 

 

Bevor wir uns verlieren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BEVOR WIR UNS VERLIEREN

 

© 2025 VAJONA Verlag GmbH

 

 

Lektorat: Michelle Markau und Désirée Kläschen

Korrektorat: Lara Gathmann

Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag GmbH

Unter Verwendung von gezeichneten Inhalten von Diana Gus

Satz: VAJONA Verlag GmbH

 

 

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für David

Du bist mein Licht

in der Dunkelheit.

HINWEIS

 

 

 

Der Roman behandelt Themen wie sexuelle und körperliche Misshandlung sowie Vergewaltigung.

ERSTER TEIL

KAPITEL 1

Leonie

6 Jahre alt

 

Wenn ein Herz gebrochen wird, dann kann man dieses Geräusch ganz deutlich hören. Allerdings passiert das nicht mit einem Klack oder einem Bamm. Es erscheint auch keine lustige Sprechblase, wie wir es aus den Comicheften kennen.

Woher ich das weiß? Nun, ich habe dabei zugehört, wie mein eigenes Herz kaputt gegangen ist.

Tränen laufen haltlos über meine Wangen. Meine Augen brennen, während aus meiner Kehle nur unverständliche Laute kommen. Mit all meiner Kraft versuche ich, stark zu sein und nicht zu zeigen, wie traurig mich das alles macht.

Wut.

Angst.

Trauer.

»Mama!«, schreie ich so laut, wie ich nur kann. »Ich will nicht umziehen. Und ich will nicht ohne Papa leben.«

Flehend schaue ich sie an. Meine Stimme klingt kratzig, weil ich bereits so viel geweint habe. Sie seufzt. Ihre blauen Augen schauen mich unendlich traurig im Rückspiegel an. Ich kenne die Farbe ihrer Augen ganz genau, weil meine genauso aussehen. Meine Mama sagt oft, dass sie aussehen, als würde ein Sturm in ihnen toben.

»Wir können nicht wieder zurückgehen, Leonie. Bald sind wir bei deiner Babcia. Dort wird unser neues Zuhause sein.«

Damit richtet meine Mama ihren Blick wieder nach vorne auf die Straße. Neben ihr auf dem Beifahrersitz liegt eine zerschlissene, rote Sporttasche. Darin hat sie ihre wichtigsten Kleidungsstücke und andere Dinge eingepackt.

Trotzig verschränke ich meine Arme vor der Brust. Diese Erklärungen interessieren mich nicht. Ich will endlich zurück nach Hause! Stattdessen sind wir frühmorgens losgefahren und schon seit Stunden unterwegs. Mit jeder verstrichenen Minute entfernen wir uns weiter von unserem Zuhause. Das ist nicht fair.

Wieso versteht Mama das denn nicht?

»Leonie«, sagt sie und spricht meinen Namen unendlich sanft aus. »Mir ist klar, dass du nicht umziehen möchtest. Aber Menschen verlieben sich, heiraten und gründen anschließend eine Familie. Doch nicht allen davon ist es bestimmt, für immer zusammenzubleiben. Wir werden oft mit deinem Papa telefonieren und in den Ferien kannst du ihn besuchen. Diese Trennung hat nichts mit dir zu tun. Du wirst nach wie vor geliebt. Von uns beiden. Im Grunde ändert sich für dich nichts.«

Mit ihren Worten möchte sie es mir leichter machen. Das verstehe ich. Aber trotzdem fühle ich mich nicht besser, denn es ändert sich alles mit unserem Umzug. Ich will nicht nach Polen. Doch Mama hält das für eine gute Idee. Meine Oma führt ihren eigenen Blumenladen in einem kleinen Dorf. Die körperliche Arbeit macht ihr zu schaffen und sie braucht dringend Unterstützung. Das kann ich verstehen, aber ich will wieder zurück nach Deutschland!

»Das ist so ungerecht. Die Eltern von meiner Freundin Marie trennen sich auch nicht. Wieso müsst gerade ihr euch scheiden lassen?«, bringe ich verzweifelt hervor.

Marie ist meine beste Freundin. Ich bin gerne bei ihr Zuhause. Auch ihre Eltern streiten sich. Das habe ich schon mitbekommen. Trotzdem lassen sie sich nicht scheiden. Und das Land verlassen sie erst recht nicht.

Meine Mama seufzt erneut. »Das wirst du verstehen, wenn du eines Tages älter bist. Dein Papa und ich haben wirklich versucht, eine gute Ehe zu führen. Nur leider reicht ein Wunsch allein manchmal nicht aus. Wir haben uns bemüht und sind gescheitert. Glaub mir bitte, dass ich genauso traurig darüber bin wie du. Wir beide haben es verdient, wieder glücklich zu werden. Es wird dir in Gleiwitz gefallen. Versprochen, mein Schatz.«

Mir ist nicht klar, ob sie damit uns meint oder sich und Papa. Aus meinem grauen Koffer neben mir ziehe ich ein Plüschtier heraus. Traurig drücke ich meinen Kuschelhasen an meine Brust, damit sein Ohr meinen Herzschlag hören kann.

»Man kann nicht glücklich sein, wenn man nicht zu Hause ist«, murmle ich in seinen Stoff hinein.

Ich habe nur ganz leise gesprochen, doch scheinbar hat Mama meine Worte dennoch gehört.

»Ach, Mäuschen … Man kann überall auf der Welt glücklich sein. Wichtig ist nur, was man daraus macht. Und mit wem man zusammen ist.«

Ich hebe meinen Blick und sehe Tränen in ihren Augen schimmern. Für den Bruchteil einer Sekunde möchte ich einknicken und meine Mama ganz fest in den Arm nehmen. Aber das ändert nichts daran, dass ich mein Zuhause, meinen Papa und all meine Freunde zurücklassen musste. Das ist nicht fair!

Die restliche Fahrt verläuft ruhig, weil ich mich nicht mehr mit meiner Mama streiten möchte. Dafür bin ich zu erschöpft. Stattdessen lehne ich meinen Kopf an die Autoscheibe und betrachte die vorbeiziehende Landschaft. Meine Augen tun mir weh, weil ich so viel geweint habe. Müdigkeit überfällt meinen Körper. Der gesamte Morgen war ziemlich turbulent und aufregend. Ein herzhaftes Gähnen entfährt mir und ich schließe meine Lider für einen kurzen Moment. Um mich herum wird alles schwarz und ich versinke in einen unruhigen Schlaf.

 

 

 

Skeptisch schaue ich zu den beiden Frauen, die sich lachend und weinend in den Armen liegen. Sie schaukeln gemeinsam von links nach rechts und wieder zurück. Meine Babcia freut sich sehr darüber, dass wir angekommen sind.

Ich muss zugeben, dass sie nett aussieht. Die Haare meiner Oma sind schon grau, aber ihr Gesicht sieht sehr freundlich aus. Sie trägt eine schwarze Hose, darüber eine weiße Bluse und eine lange Schürze. Darauf sind gelbe Blumen gestickt. Das gefällt mir.

»Und das ist meine Tochter Leonie«, sagt Mama auf Polnisch.

»Ah, Leonie. Es ist so schön, dich wiederzusehen. Als du das letzte Mal hier gewesen bist, konnte ich dich in meinen Armen wiegen«, plappert Oma freundlich auf Polnisch.

Meine Mama hat schon immer beide Sprachen mit mir gesprochen. Deshalb kann ich beides gut verstehen, aber manchmal habe ich Angst, mich auf Polnisch zu versprechen. Es wäre mir peinlich, Fehler zu machen. Die Frau lächelt und versucht, zwischen uns beiden eine Verbindung zu schaffen. Aber ich habe keinerlei Erinnerungen mehr an meine Oma. Sie sieht mich auffordernd an und erwartet wohl, dass ich ihre Freude teile. Das kann ich leider nicht. Ich war schon immer eine schlechte Lügnerin. Papa hat immer gesagt, dass ich kein Pokerface besitze. Was auch immer er damit gemeint hat.

»Gib ihr Zeit«, sagt Mama leise, obwohl ich sie trotzdem hören kann. »Möchtest du dir das Haus gerne von innen anschauen?«

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Auf gar keinen Fall möchte ich mit Mama und Oma dort hineingehen. Das ist mir alles zu viel. Ich kann das nicht. Nervös hüpfe ich von einem Bein auf das andere.

Mama zieht ihre Stirn kraus. »Leonie, du kannst dir stattdessen auch gerne den Garten und das Grundstück ansehen. Wir bereiten in der Zwischenzeit einen Tee vor und rufen dich, sobald alles fertig ist.«

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich nicke erleichtert. »In Ordnung«, antworte ich knapp.

Meine Babcia verzieht leicht das Gesicht. »Spricht sie kein Polnisch?«

»Doch!«, beeilt Mama sich zu sagen. »Allerdings ist sie die deutsche Sprache gewohnt. Sie versteht alles und sie wird auch lernen, in dieser Sprache zu antworten. Da bin ich mir sicher.«

Die beiden Frauen sprechen erneut in dieser zischenden Sprache miteinander und gehen in das Haus hinein. Mama winkt mir lächelnd zu. Sie scheint zufrieden zu sein.

Um das gesamte Grundstück herum verläuft ein weißer Zaun. Das Haus meiner Oma ist rosa gestrichen. Das gefällt mir, doch das werde ich nicht sagen. Die Fensterrahmen sind weiß und es hat eine große Veranda. Langsam drehe ich mich um die eigene Achse und betrachte die Straße, in der wir von nun an leben werden. An den Seiten stehen große Häuser mit Zäunen in unterschiedlichen Farben. In Deutschland war mein Kinderzimmer im Erdgeschoss. Mama hat mir versprochen, dass ich hier im ersten Stock ein Zimmer bekomme. Das finde ich cool, weil ich dann eine bessere Aussicht habe.

Alle Häuser in dieser Straße haben unterschiedliche Farben. Es gibt rote, blaue, gelbe und sogar lilafarbene. Mein Blick landet auf dem Haus neben dem von meiner Oma. Es ist braun. Wobei die Farbe an etlichen Stellen bereits abblättert und etwas gräulich aussieht. An dem Zaun fehlen einige Latten. Nachdenklich schaue ich zu unserem eigenen Haus und lege den Kopf schief.

Beide Häuser sind groß. Beide haben einen Garten und einen Zaun. Und doch sehen sie komplett unterschiedlich aus. Das kenne ich von unserem Haus in Deutschland nicht. Dort gab es keine Zäune zwischen den Gärten. Wenn ich wollte, dann konnte ich jederzeit zu meiner Freundin Fiona hinüberlaufen, um mit ihr zu spielen.

Sie hat neben uns gewohnt und war zwei Jahre älter als ich. Deshalb durfte sie immer Erdbeerkaugummi von ihrem Taschengeld kaufen. Der hat immer so toll gerochen!

Ich beschließe, doch in das Haus hineinzugehen und mich in meinem neuen Kinderzimmer umzusehen. Da höre ich es. Ein Quietschen. Nicht besonders laut, aber doch schwer zu ignorieren. Neugierig tapse ich in den Garten hinein und folge dem Geräusch. Besonders weit muss ich nicht gehen. Im Nachbargarten steht eine einsame Schaukel. Sie ist voller Rostflecken, erfüllt aber trotzdem noch ihren Zweck.

Auf dieser sitzt ein Junge mit braunen Haaren. Auf seiner Nase trägt er eine dicke, schwarze Hornbrille. Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Mir fällt sofort auf, dass er gar nicht lacht. Stattdessen blickt er stumpf nach vorne, ohne das Gesicht zu verziehen. Das ergibt keinen Sinn. Auf einer Schaukel muss man lachen und glücklich sein.

Durch irgendetwas wird der Junge nun auf mich aufmerksam. Er schaut mich stumm an. Kein Lächeln. Keine Begrüßung. Gar nichts. Mehrere Minuten lang liefern wir uns ein Blickduell. Mir wird das zu langweilig und ich drehe mich um. Dann verbringe ich die Zeit lieber mit meinen Malsachen, als weiterhin hier herumzustehen.

»Du bist neu hier«, höre ich eine Stimme hinter mir sagen.

Überrascht drehe ich mich um. Der Junge ist von der Schaukel gesprungen und kommt langsam an den Zaun heran. Seine Hände sind tief in seinen Hosentaschen vergraben, und ich kann sehen, dass er ein großes Loch am Knie hat.

»Stimmt«, sage ich.

Das polnische Wort kommt eher holprig über meine Lippen. Wenn ihm das aufgefallen ist, dann lässt er es sich zumindest nicht anmerken. Eigentlich würde ich gerne noch mehr sagen, doch ich habe Angst davor, Fehler zu machen. Eine fremde Sprache zu sprechen, ist nicht besonders einfach.

»Du siehst sehr schön aus«, sagt er unvermittelt. Dabei lässt er den Kopf hängen und beinahe hätte der Wind seinen Satz verschluckt.

Seine Worte überraschen mich und in meinem Bauch wird es ganz warm. Ein zaghaftes Lächeln erscheint auf seinen Lippen. Dadurch sieht er viel freundlicher aus als gerade eben auf der Schaukel.

»Wie heißt du?«, höre ich mich fragen.

»Ich heiße Bartłomiej, aber du kannst Bartek sagen.«

»Denkst du etwa, dass ich deinen vollen Namen nicht aussprechen kann? Das kann ich nämlich sehr wohl!«, rufe ich trotzig.

Kann ich nicht. Davon bin ich überzeugt. Trotzdem brauche ich keine Abkürzung, nur weil er mich für dumm hält.

»Nein, das nicht.« Er schüttelt den Kopf. »Aber alle meine Freunde nennen mich so.«

»Ach so«, sage ich und fühle mich ganz schlecht. Zerknirscht beiße ich mir auf die Unterlippe. Ich muss endlich lernen, erst nachzudenken und danach zu sprechen. Das sagt mir meine Mama auch immer.

»Wie heißt du denn?«, fragt Bartek jetzt.

Zum Glück übergeht er meine blöde Bemerkung und tut so, als wäre überhaupt nichts gewesen.

»Leonie«, antworte ich.

Danach stehen wir einfach voreinander. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Außerdem habe ich Angst, dass ich etwas Unnötiges sage oder Wörter falsch ausspreche. Bartek soll nicht denken, dass ich doof bin. Er wohnt in dem Haus neben meiner Oma. Vielleicht kann er mein Freund werden. Dann wäre ich in dieser Gegend nicht allein. Jeder Mensch braucht schließlich Freunde.

»Du sahst vorhin so traurig aus«, bemerkt Bartek.

Überrascht hebe ich meinen Kopf und schaue ihn an. »Gleichfalls«, gebe ich zurück. Mit meiner Schuhspitze zeichne ich kleine Kreise auf den Rasen. »Wieso hast du denn so traurig geguckt? Schließlich bist du doch geschaukelt. Beim Schaukeln bin ich immer glücklich.«

Ungläubig starrt er mich an. »Hast du dich hier mal umgesehen?«, fragt er. Dabei dreht Bartek sich nach hinten und guckt in den Garten.

Erst jetzt nehme ich die Umgebung hinter der Schaukel wahr. Überall wächst Unkraut. Müll und Elektroschrott liegen über der gesamten Wiese verteilt. Eingegangene Apfelbäume stehen hinter dem Haus. Alles sieht ungepflegt aus und besonders schön ist der Anblick nicht.

»Wie soll man hier glücklich sein?«, fragt er.

Aber ich habe keinen Blick für den Garten. Denn seine braunen Augen haben kleine goldene Sprenkel. Es sieht schön aus, wenn die Sonne darauf scheint. Dann leuchten sie auf eine ganz besondere Weise. So etwas habe ich noch nie gesehen.

»Meine Mama hat gesagt, dass man überall auf der Welt glücklich sein kann. Wichtig ist nur, was man daraus macht. Und wer bei einem ist«, wiederhole ich ihre Worte von vorhin.

»Mmh …«, macht er. »Und meinst du, dass das stimmt?«

Verdutzt starre ich ihn an. Seine Worte ergeben für mich keinen Sinn. »Hast du mir nicht zugehört? Das hat doch meine Mama gesagt! Und Mamas lügen nicht. Zumindest nicht meine Mama.«

»Verstehe«, murmelt er. Wenn ich nicht genau zugehört hätte, dann hätte ich das Wort wohl nicht verstanden. »Und warum warst du vorhin so traurig?«, wiederholt er meine Frage.

Mein Mund öffnet und schließt sich wieder. Ich möchte ihm gerne antworten, doch stattdessen sage ich gar nichts. Aus irgendeinem Grund möchte meine Stimme nicht. Dabei gebe ich mir Mühe, freundlich zu sein. Es ist wichtig, dass ich einen Freund finde. Aber ich bin zu traurig, um darüber zu sprechen. Schon allein der Gedanke an meinen Papa treibt mir Tränen in die Augen.

»Es ist schon in Ordnung, wenn du nicht mit mir reden möchtest. Bei mir zu Hause wird das Abendessen bald fertig sein.« Bartek deutet hinter sich auf das Haus. »Schätze, wir sehen uns jetzt öfter.«

Er wendet sich zum Gehen und seine Worte klingen in meinen Ohren so falsch und leer. Beinahe schon hoffnungslos. Ich will nicht, dass wir auf diese Art auseinandergehen. Dieses warme Gefühl von vorhin war viel besser. Das möchte ich zurückhaben.

»Bartek, warte!«, rufe ich schnell, ohne jedoch zu wissen, was ich eigentlich sagen will.

Tatsächlich bleibt er stehen. Aus großen Augen schaut er mich an. Mein Herz ist noch zu traurig, um irgendwas zu sagen. Doch ein anderer Satz kommt mir leicht über die Lippen.

»Können wir Freunde sein?«, frage ich hoffnungsvoll.

Mein Herz klopft ganz schnell und meine Handflächen beginnen zu schwitzen. Ich weiß nicht, warum mir das hier so wichtig ist. Denn eigentlich habe ich viele Freunde. Aber es bedeutet mir viel, dass der erste Mensch, den ich in Polen kennenlerne, ein guter ist. Das würde mir viel bedeuten.

Bartek setzt sich in Bewegung und kommt näher. Er kommt mir näher und immer näher. Die Anspannung in meinem Bauch wächst mit jedem weiteren Schritt. Wahrscheinlich wird er sich über mich lustig machen und mich mit seinen Freunden die Straße herunterjagen. Ich schlucke schwer und spüre Tränen in meinen Augen brennen. Aber ich werde nicht weinen. Ich darf nicht!

Jetzt steht er ganz nah vor mir. Bartek greift in seine linke Hosentasche. Zu meiner Überraschung zieht er eine kleine gelbe Tüte hervor. Verwundert fliegt mein Blick nach oben. Seelenruhig reißt er das Päckchen mit den Süßigkeiten auf und streckt mir seine Hände durch den Lattenzaun entgegen.

»Das kommt ganz darauf an, welche Farbe du wählst«, sagt er.

Ratlos schaue ich hinein. Ich verstehe nicht, was er meint. Doch wenn ich mir Barteks verbissenen Gesichtsausdruck anschaue, dann scheint es ihm superwichtig zu sein. Mein erster Gedanke ist es, eine Farbe zu wählen, die ihm gefallen könnte. Schließlich möchte ich ihn zum Freund haben.

Aber das wäre nicht richtig. Wenn er mein Freund sein möchte, dann muss er akzeptieren, welche Süßigkeiten ich am liebsten mag. Mit meiner rechten Hand greife ich in die Tüte hinein und ziehe ein gelbes M&M hervor.

»Gelb ist meine Lieblingsfarbe!«, sage ich triumphierend. Gleichzeitig halte ich die Schokolinse in die Luft, als würde es sich um einen Pokal handeln.

Für einige Sekunden regt sich nichts in Barteks Gesicht. Ich versuche, selbstbewusster zu wirken, als ich mich in Wirklichkeit fühle. Ob mir das gelingt, kann ich nicht sagen.

Nach einer endlos langen Zeit erscheint ein breites Grinsen auf seinen Lippen. Plötzlich beginnt er sogar, ganz laut zu lachen, und ich weiß absolut nicht, wieso. Aber ich weiß, dass ich diesen Klang sehr mag. Und dieser Anblick gefällt mir mehr als der traurige Junge vorhin auf der Schaukel.

»Das ist perfekt! Ich mag nämlich die Grünen am liebsten.«

Auf meinem Gesicht bildet sich ein riesiges Fragezeichen. »Warum sollte das perfekt sein?«

»Weil ich bedenkenlos meine Lieblingssüßigkeiten mit dir teilen kann. Na klar, können wir Freunde sein, Leonie.«

Meine Mundwinkel schieben sich so weit nach oben, dass es beinahe wehtut. Wieder spüre ich dieses warme Kribbeln in meinem Bauch und weiß, dass Bartek ein toller Freund werden kann. Vielleicht sogar mein bester Freund. Oder sogar mein allerbester Freund.

»Wollen wir uns dort auf die Wiese legen und ein paar davon essen?«, frage ich.

Bartek nickt heftig. »Das wollte ich dich auch gerade fragen.«

Ohne darüber nachzudenken, nimmt er meine Hand über dem Zaun und wir setzen uns gemeinsam in Bewegung. Seine fühlt sich etwas klebrig von der Schokolade an. Das mag ich.

Wir legen uns auf die Wiese zwischen unsere Häuser, wobei jeder auf seinem eigenen Grundstück liegt. Doch der Zaun in der Mitte stört uns nicht.

Bartek hebt seinen Finger und deutet auf ein Fenster. »Das da drüben ist mein Zimmer. Das kann ich dir zeigen, wenn du möchtest.«

»Ja, gerne!«

»Ich finde, unsere Zimmer sollten gegenüber voneinander liegen.«

»Wieso das denn?«, frage ich neugierig und schiebe mir einige Süßigkeiten in den Mund. Natürlich nur die gelben. Schließlich möchte ich am Anfang unserer Freundschaft keine Regeln verletzen.

»Dann können wir uns immer sehen und Dosentelefone basteln«, erklärt Bartek, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Ich nicke begeistert, während er noch einige Ideen hat. Mein Freund sprudelt nämlich über vor lauter neuen Einfällen und ich liebe jeden einzelnen davon. Ich mag es hier immer noch nicht, das weiß ich genau. Aber Bartek macht das alles erträglicher.

Er spricht einfach weiter und immer weiter. Und ich? Ich kann nicht aufhören, zu grinsen und zu nicken. Den Klang seiner Stimme finde ich schön. Ich mag sein Lachen und das goldene Funkeln in seinen Augen. Eventuell kann es in Polen doch schön werden. Vor allem, wenn Bartek direkt neben mir wohnt und auch mein Freund ist.

Leonie und Bartek.

Freunde für immer.

Das spüre ich.

KAPITEL 2

Leonie

6 Jahre alt

 

Die Sonne scheint durch mein Fenster. Ich kann einige Staubwolken in der Luft erkennen. Vor einer Stunde ist meine Mama wach geworden und aufgestanden. Ich habe zugehört, wie sie sich in ihrem Zimmer für den Tag fertig gemacht hat. Bevor sie nach unten in die Küche gegangen ist, hat sie nach mir gesehen. Ich habe so getan, als würde ich noch schlafen. Dabei habe ich in der letzten Nacht kein Auge zugemacht.

Die Bettdecke hier riecht ganz anders als meine eigene. Träge blinzelnd, sehe ich mich in dem kleinen Raum um. Neben meinem Bett gibt es noch einen Schreibtisch und einen Kleiderschrank. Mein kleiner Koffer steht ordentlich daneben. Mama möchte meine Sachen heute einsortieren, doch besonders viel haben wir nicht mitgenommen. Ihr ist es wichtig, dass ich mich hier wohlfühle. Aber das tue ich nicht.

Die beigefarbenen Wände sehen langweilig und trist aus. Und die weiße Gardine mit den grinsenden Clowns macht mir sogar ein bisschen Angst. Doch ich wollte nichts sagen, weil meine Oma sie nur besorgt hat, um mir eine Freude zu machen. Ich höre, wie Mama und Babcia in der Küche sind und das Frühstück vorbereiten. Seufzend komme ich zu dem Schluss, dass ich allmählich aufstehen sollte.

Schließlich möchte ich nicht, dass Mama sich Sorgen um mich macht und nachgucken kommt, wo ich so lange bleibe. Langsam schlage ich die Bettdecke zurück und schwinge meine Beine über die Bettkante.

Meine nackten Füße tapsen über den Holzboden und ich gehe gegenüber ins Badezimmer. Die Fliesen sind allesamt weiß und mit roten Rosen bedruckt. In dem Becher am Waschbecken steht eine rosafarbene Zahnbürste. Die muss für mich sein. Automatisch verziehe ich das Gesicht und strecke meine Zunge leicht heraus.

Ich mag diese Farbe ganz und gar nicht. Es stimmt nicht, dass alle Mädchen gerne rosa mögen. Das scheint meiner Babcia niemand gesagt zu haben, oder aber es war ihr egal. Aber wahrscheinlich darf man nicht gierig sein, wenn man etwas geschenkt bekommt. Seufzend mache ich etwas Zahnpasta auf die Zahnbürste und beginne mit dem Putzen.

Nachdem ich auch mein Gesicht gewaschen habe, ziehe ich die Sachen an, die meine Mama mir gestern Abend noch herausgelegt hat. Mit meiner linken Hand halte ich mich am Geländer fest, während ich die Stufen nach unten steige.

Neugierig strecke ich meine Nase in die Luft und schließe im selben Moment glücklich die Augen. Ein wohliger Duft empfängt mich, als ich die Küche betrete. Es duftet nach warmen Brötchen, Orangensaft und süßer Marmelade.

»Wow!«, entfährt es mir ungläubig, als ich den vollen Küchentisch betrachte.

Beim Anblick der ganzen Köstlichkeiten läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Es gibt diverse Aufschnitte, Müsli und Rührei. Meine schlechte Nacht scheint wie weggeblasen. Passenderweise knurrt mein Bauch ganz laut. Das viele Weinen hat mich so müde gemacht, dass ich außer den Schokolinsen von Bartek nichts anderes zu mir genommen habe. Dafür bin ich sofort ins Bett gefallen, nur um dann doch nicht gut schlafen zu können.

Beschämt halte ich mir schnell die Hände vor den Bauch. Es ist mir peinlich und ich kann nicht einmal erklären, wieso eigentlich. Aber alle starren mich an und das ist mir furchtbar unangenehm. Doch niemand sagt etwas. Babcia dreht sich lächelnd zu mir um. Sie trägt erneut eine geblümte Schürze und trocknet sich daran die Hände ab.

»Guten Morgen, Leonie. Hast du gut geschlafen?«, fragt sie.

»Ich … ähm …« Eigentlich haben Mama und Papa mir beigebracht, dass es nicht in Ordnung ist, zu lügen. Deshalb mache ich das nicht. Aber ich möchte auch nicht die Gefühle meiner Oma verletzen. Sie ist so nett zu mir, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kennen. Nervös trete ich von einem Fuß auf den anderen. Die neugierigen Blicke von Mama und Oma liegen auf mir. Es bleibt noch immer still. Mama und Babcia warten auf meine Antwort, aber ich kann sie ihnen nicht geben.

Mama kommt mir zu Hilfe. Sie beugt sich zu mir herunter und haucht einen zarten Kuss auf meinen Scheitel. »Also ich habe nicht besonders gut geschlafen. Die erste Nacht in einem neuen Bett ist immer schwierig. Nicht wahr, Leonie?«

»Das stimmt«, murmle ich.

Eine Welle der Erleichterung überkommt mich, als Mama mir zuzwinkert. Mir wird klar, dass sie gut geschlafen hat, aber mich mit meinem schlechten Gefühl nicht allein lassen möchte.

»Oh! Kann ich euch die Umstellung einfacher gestalten? Die Bettwäsche noch mal wechseln oder andere Handtücher –«

»Nein, es ist alles in Ordnung.« Sanft schüttelt Mama den Kopf. »Es ist alles gut. Ich schätze, wir brauchen lediglich etwas Zeit.«

Während sie den letzten Satz sagt, landet ihr Blick auf mir. Meine Oma schaut mich nun ebenfalls an und ihre Augen strahlen voller Wärme. Mir ist klar, dass die beiden über mich sprechen, ohne es wirklich zu tun. Aber das machen Erwachsene so. Sie trauen sich oftmals nicht, zu sagen, was sie denken.

Gemeinsam setzen wir uns an den Frühstückstisch und lassen es uns schmecken. Bis gerade eben ist mir nicht klar gewesen, wie hungrig ich in Wirklichkeit bin. Kurz nach meinem Kennenlernen mit Bartek haben wir Papa angerufen und ich habe mit ihm gesprochen. Es war schön, seine Stimme zu hören, und wir haben beide sogar gemeinsam gelacht.

Er hat mir versprochen, dass er mich sehr lieb hat und immer für mich da sein wird. Außerdem soll ich ihn jederzeit anrufen, wenn es mir nicht gut geht oder ich einfach nur reden möchte. Das hat mich glücklich gemacht.

Am Abend, als es draußen dunkel geworden ist, habe ich Angst bekommen. Alles hat sich mit einem Mal wieder ganz furchtbar angefühlt. Das große, fremde Haus hat geknarrt und merkwürdige Geräusche von sich gegeben.

Mama hat mir angeboten, dass ich bei ihr im Bett schlafen darf. Zuerst habe ich abgelehnt, weil ich ausprobieren wollte, wie es sich anfühlt, in meinem neuen Zimmer zu schlafen. Ich bin schon ein großes Mädchen und brauche meine Eltern nicht mehr zum Einschlafen neben mir. Doch das Haus hat andauernd geknackt und seltsame Geräusche gemacht. Ganz leise bin ich über den Flur gelaufen und wollte zu meiner Mama ins Bett schlüpfen.

Aber als ich vor der Tür stand, habe ich gehört, wie sie geweint hat. Obwohl man das nicht tun soll, habe ich an ihrer Zimmertür gelauscht. Sie ist traurig gewesen und das hat auch mich traurig gemacht. Danach habe ich mich nicht mehr getraut, bei ihr anzuklopfen. Also bin ich zurück in mein eigenes Bett gegangen. Ich möchte ihr keine Probleme bereiten, sondern beweisen, dass ich ein tapferes Mädchen bin.

»Leonie?«, höre ich meinen Namen.

»Huh?«, mache ich und schaue erstaunt nach oben.

Babcia ist mittlerweile vom Tisch aufgestanden und hält eine Schüssel mit Gemüse in der Hand. Ich sehe einige Karotten, Salatblätter und Gurkenscheiben.

Seltsam.

Wieso bietet sie mir jetzt noch Gemüse an?

Wir haben doch gerade gut gefrühstückt.

»Könnte ich dich um einen kleinen Gefallen bitten?«, fragt Babcia.

Es macht mir Spaß, zu helfen, und ich übernehme gerne Aufgaben von den Erwachsenen. Nur mein Zimmer aufzuräumen, mag ich ganz und gar nicht. Doch meine Oma klingt nicht so, als müsste ich mein Zimmer aufräumen gehen. Deshalb nicke ich hastig und lausche gespannt auf ihre nächsten Worte.

»Hast du unsere kleinen Mitbewohner im Garten bereits entdeckt?«

»Mitbewohner?«, frage ich verblüfft. »Nein, was meinst du?«

Mama kichert. »Babcia hat hinterm Haus kleine Hasen.«

Meine Augen werden ganz groß. Ich kann gar nicht glauben, was meine Mama da sagt. Meine Fingerspitzen beginnen vor Aufregung zu kribbeln. Schon seit einer langen Zeit wünsche ich mir ein eigenes Haustier. Am liebsten hätte ich einen Hund oder eine Katze gehabt. Leider ist Papa allergisch. Deshalb durfte ich kein Tier bekommen.

»Meinst du das wirklich ernst?«, frage ich aufgeregt.

»Aber ja.« Auffordernd hält mir Oma die Schüssel mit dem Futter entgegen. »Wärst du so lieb und würdest mit mir nach den Kleinen schauen gehen? Dann zeige ich dir, wie man sie richtig füttert, und vielleicht hast du Lust, zukünftig diese Aufgabe zu übernehmen? Du würdest mir sehr damit helfen.«

»Ja, total gerne!«, rufe ich und springe von meinem Stuhl auf.

Mit wild klopfendem Herzen folge ich Oma durch die Hintertür nach draußen. Der Garten ist von einem weißen Gatter umzäunt, damit niemand Fremdes einfach hereinkommen kann. In der hinteren linken Ecke sehe ich ein kleines braunes Häuschen. Es sieht aus, als könnten Zwerge darin leben.

Babcia macht einen großen Schritt über einen kleinen Zaun hinweg. Ich halte mich an einem Holzpfosten fest, damit ich das Gleichgewicht nicht verliere, und steige ebenfalls darüber.

»Jetzt musst du gut aufpassen«, sagt Oma lächelnd.

Sie steckt ihren Zeigefinger und ihren Daumen in den Mund. Anschließend pfeift sie und stellt die Schüssel mit dem Gemüse auf dem Boden ab. Fasziniert schaue ich ihr dabei zu. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde und sechs kleine Fellbüschel springen aus dem Haus hervor. Mein Blick geht von links nach rechts. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich zuerst hinschauen soll.

»Wow«, entfährt es mir begeistert.

Eifrig machen sich die kleinen Hasen über ihr Frühstück her. Es gibt zwei schwarze, drei weiße und ein braunes Häschen. Sie verteilen sich und futtern genüsslich. Dabei wackeln ihre rosa Näschen so lustig.

»Dort drüben stehen die Flaschen zum Trinken. Du schraubst sie hier oben ab und füllst einfach frisches Wasser aus dem Gartenschlauch nach. Siehst du diese Hütte?«, fragt Babcia und deutet mit ihrem Zeigefinger in eine andere Richtung.

Es fällt mir schwer, meinen Blick von den Hasen zu lösen, doch ich möchte nicht unhöflich sein. Deswegen schaue ich in die gewünschte Richtung.

»Da drinnen findest du eine graue Schaufel und eine kleine Tonne. Damit kannst du den Kot entfernen und entsorgen. Außerdem gibt es dort auch etwas Trockenfutter.« Sie beugt sich herunter und streichelt eines der schwarzen Häschen. »Aber sie freuen sich auch sehr über frischen Löwenzahn und gutes Gemüse ist ebenfalls nicht verkehrt. Und natürlich brauchen sie jede Menge Liebe.« Auffordernd nickt sie mir zu.

Mutig beuge ich mich ebenfalls nach unten und strecke meine Hand nach dem braunen Häschen aus. Meine Finger landen auf seinem warmen Rücken. Sein Fell ist ganz flauschig. »Wie heißt es?«

Fragend zieht Oma eine Augenbraue nach oben. »Wie es heißt?«

»Ja, genau! Ich möchte wissen, wie ihre Namen sind.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Sie haben keine.«

»Sie haben keine?«, frage ich erschrocken.

»Wieso ist das denn so wichtig?«

»Nur durch einen Namen weiß man doch, wer man ist.«

»Ich verstehe«, murmelt Oma. Sie legt ihren Zeigefinger an ihr Kinn und grübelt. »Wie wäre es, wenn du dir Namen überlegst?«

»Echt? Darf ich wirklich?« Begeistert reiße ich meine Augen weit auf.

»Aber natürlich!«

»Danke! Sie werden die schönsten Namen auf der ganzen Welt bekommen«, verspreche ich und mache einen kleinen Sprung in die Luft.

Oma lacht. »Davon bin ich überzeugt. Ich gehe jetzt rein und helfe deiner Mama, die Küche aufzuräumen. Die Hintertür zum Haus lasse ich aber offen. Wenn du irgendetwas brauchst, dann ruf gerne nach uns.«

»Mache ich!«

Oma geht zurück ins Haus und ich lasse mich grinsend ins Gras plumpsen. Mein Herz quillt beinahe über vor Freude und Stolz. Am liebsten würde ich meinem Papa sofort von ihnen erzählen.

Auf den nächsten Stich in meiner Brust bin ich nicht vorbereitet. Es tut mir weh, dass Papa in solchen Momenten nicht mehr an meiner Seite sein kann. Gestern habe ich mich noch von ihm verabschiedet und heute fehlt er mir schon sehr. Ein Bild erscheint in meinem Kopf.

Mama und Papa holen mich gemeinsam vom Kindergarten ab. Das war letztes Jahr an meinem Geburtstag. Mama hat meine linke Hand gehalten und Papa meine rechte. Danach haben sie mich hoch in die Luft fliegen lassen.

Ich hatte das Gefühl, dass meine Füße die Wolken ganz hoch oben im Himmel berühren könnten. Es hat sich angefühlt, als würde ich fliegen. Das war schön! Tränen brennen in meinen Augen und ich spüre einen schmerzhaften Stich in meinem Bauch. Es tut weh, wenn ich mich daran erinnere. Weil das alles jetzt vorbei ist. Meine Mama und mein Papa werden mich niemals wieder hoch in die Luft fliegen lassen. Dabei wünsche ich mir doch nur das.

Als ich ein Räuspern höre, zucke ich erschrocken zusammen. Ich wirble herum und sehe Bartek am Zaun stehen. Mir fällt sofort auf, dass er keine Schuhe trägt. Das weckt in mir den dringenden Wunsch, ebenfalls meine Schuhe auszuziehen. Ich mag das Gefühl, mit nackten Füßen über eine Wiese zu laufen.

»Tschuldige, Leonie. Ich wollte dich nicht erschrecken«, sagt er ruhig. Seine Stimme klingt freundlich und sanft, doch sein Gesicht ist viel zu ernst. Er lächelt überhaupt nicht.

»Das hast du nicht. Ich war nur etwas abgelenkt«, sage ich. Währenddessen wandert mein Blick automatisch wieder zu den Hasen hinüber. Es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten. Sie sind einfach zu süß. Da kommt mir ein Gedanke. »Möchtest du auch mal?«

Verständnislos sieht Bartek mich an. Er legt den Kopf etwas schräg und zuckt mit den Schultern.

»Na, streicheln. Möchtest du die Tiere auch mal streicheln?«, frage ich genauer nach.

»Bist du dir sicher, dass das in Ordnung ist?« Nervös blickt Bartek sich um. Er schaut auf die Hintertür unseres Hauses. Ich bin mir sicher, dass ich keine Fremden in den Garten lassen darf. Aber genau genommen sind Bartek und ich einander überhaupt nicht mehr fremd. Seit gestern sind wir miteinander befreundet.

»Natürlich bin ich mir sicher«, bekräftige ich diesmal. Ich nicke bestätigend.

»In Ordnung!« Bartek geht ein paar Schritte nach hinten. Er nimmt etwas Anlauf und klettert am Lattenzaun hoch. Mutig schwingt er erst das eine Bein und dann das andere herüber. Auf meiner Seite springt er wieder herunter.

Grinsend kommt er zu mir. Mein Herz beginnt, schneller zu klopfen, und mir entgeht nicht seine Erleichterung, als er sich mir nähert. Seine goldenen Sprenkel fangen an, in seinen Augen zu tanzen, als er das schwarze Häschen streichelt.

»Ist alles gut bei dir?«, fragt Bartek mich. Seelenruhig beschäftigt er sich weiterhin mit dem Tier.

»Ja, klar«, antworte ich schnell. Zu schnell.

»Du hast schon wieder so traurig ausgesehen«, sagt er. Es ist eine Feststellung und keine Frage. »Deshalb bin ich in den Garten gegangen. Ich dachte, dass ich dich vielleicht etwas aufmuntern könnte.«

Augenblicklich fällt mein Papa mir wieder ein und ich beiße mir auf die Zunge. In meinem Hals bildet sich ein dicker Kloß, der mich am Sprechen hindert. Ich öffne meinen Mund, doch die Worte wollen einfach nicht herauskommen.

Bartek steht auf und hält mir eine kleine bunte Verpackung entgegen.

»Schokolinsen?«, frage ich irritiert.

»Schokolinsen«, bestätigt Bartek.

»Ist es okay, diese Dinger so oft zu essen? Meine Mama mag es nicht, wenn ich zu viel Süßes nasche«, sage ich zögerlich.

Er nickt ernst. »Wenn ich traurig bin, dann nehme ich mir eine. Man kann gar nicht schlecht gelaunt sein, wenn man ein Stück Schokolade in seinem Mund hat.«

Zögerlich nehme ich mir einige Gelbe heraus und schiebe sie in meinen Mund. Sofort schmecke ich Kakao und seufze zufrieden. Danach legt Bartek sich zu den Hasen ins Gras und schaut in den blauen Himmel.

»Was tust du da? Du kannst doch nicht einfach dort liegen?«, frage ich geschockt.

»Wieso nicht?«

»Na, vielleicht haben die Hasen da hingemacht.« Angewidert verziehe ich das Gesicht.

Bartek lacht. »Du bist echt seltsam, Leonie. Das ist doch nicht wichtig. Leg dich zu mir ins Gras und schau in die Wolken.«

Schnaubend folge ich seinen Anweisungen. Dabei weiß ich überhaupt nicht, wieso. Ich lasse mich neben Bartek ins Gras fallen und spüre, wie ein Häschen an meiner Wange schnuppert.

»Fühlst du dich besser?«, fragt Bartek nach einer Weile.

»Mmh …«, mache ich und denke kurz über seine Frage nach. »Ich denke, dass ich mich wirklich etwas besser fühle.«

Er nickt, als hätte er mit solch einer Antwort gerechnet. »Das ist gut.«

»Wieso interessiert dich das?«, frage ich und drehe meinen Kopf zur Seite.

Bartek schaut mich jetzt ebenfalls an. »Wieso nicht? Wir sind Freunde und Freunde achten aufeinander.«

»Wieso ist dir das so wichtig?«, frage ich neugierig.

»Weil ich gesehen habe, wie es aussieht, wenn du traurig bist. Und ich möchte dafür sorgen, dass du dich nicht mehr so fühlen musst.«

In meinem Kopf ploppen viele Fragen auf, doch ich stelle keine einzige davon. Eigentlich hat Bartek recht. Ich habe mich schlecht gefühlt, und seit er aufgetaucht ist, geht es mir besser.

Seine Gesellschaft gibt mir ein gutes Gefühl. Ich zeige auf eine Wolke, die die Form von einem Pudel hat. Bartek zeigt mir im Gegenzug eine Wolke, die aussieht, als wäre sie ein Drache. Wir lachen uns kaputt und rätseln weiter über die lustigen Bilder am Himmel. Seit meiner Ankunft habe ich mich nicht so unbeschwert und glücklich gefühlt.

KAPITEL 3

Leonie

9 Jahre alt

Alles Gute zum Geburtstag, Leonie!

Dein kleiner Bruder hat gestern seine ersten Schritte gemacht.

Sandra und ich sind sehr stolz!

Alles Liebe, Papa

 

Zum wiederholten Male betrachte ich die schlichte Geburtstagskarte. Vorne ist eine große, gelbe Sonnenblume drauf. Darüber steht in einer schönen, geschwungenen Schrift das Wort Glückwunsch. Aber wofür? Diese Karte kann man für viele verschiedene Anlässe benutzen. Es ist keine eindeutige Geburtstagskarte.

Es tut mir weh, zu sehen, dass Papa sich noch nicht einmal die Zeit genommen hat, eine Karte auszusuchen, auf der wenigstens eine Torte drauf ist. Noch viel schlimmer als die lieblos ausgesuchte Karte ist der Text darin.

Nachdem Mama und Papa sich getrennt haben, hat Papa eine neue Frau kennengelernt. Ihr Name ist Sandra. Ich habe sie noch nie in meinem Leben gesehen, doch ich mag sie nicht. Sie hat sich in meinen Papa verliebt und ihn mir damit weggenommen. Er hat niemals gefragt, ob ich ihn in den langen Sommerferien besuchen kommen möchte. Dabei hatte er mir das versprochen.

Unsere anfangs regelmäßigen Telefonate wurden mit der Zeit immer seltener, oder Papa hat sie schlichtweg vergessen, weil er mit Sandra unterwegs gewesen ist. Natürlich. Ich kneife meine Augen leicht zusammen und schmecke einen bitteren Geschmack in meinem Mund. Vor einem Jahr sind die beiden Eltern von einem Jungen geworden. Meinem kleinen Bruder Philipp.

Bisher habe ich ihn noch nicht kennengelernt, aber auch ihn mag ich nicht. Weil er jetzt das Kind von meinem Papa ist. Jetzt hat mein Papa zwei Kinder und mein Bruder ist sein Liebling. Jeder von uns hat eine liebste Eissorte. Ein Lieblingsessen oder eine Lieblingsfarbe. Und Erwachsene haben nun einmal Lieblingskinder, auch wenn sie das nicht zugeben.

Papa hat sich für Philipp entschieden. Warum weiß ich auch nicht so genau, aber tief in meinem Herzen spüre ich das einfach. Mein Geburtstag ist heute. Am siebzehnten Mai. Philipp wurde letztes Jahr ein paar Tage vor meinem Geburtstag geboren. Am zwölften Mai. Damals hat Papa meinen Geburtstag zum ersten Mal vergessen.

Ein paar Tage später ist es ihm wieder eingefallen. Er hat mich angerufen und sich total oft dafür entschuldigt. Gleichzeitig hat er erwähnt, dass das Baby sein Leben und das von Sandra komplett auf den Kopf gestellt habe. Papa hat sein anderes Kind als Ausrede benutzt. Die ersten Minuten des Telefonats hat er über mich gesprochen. Danach hat er nur noch davon geredet, wie süß Philipp ist und wie hübsch und klug.

Dabei kann ein Baby noch gar nicht klug sein. Sie sind klein, weinen oft und machen ständig in die Windeln. Ich hingegen bin richtig klug. In der Schule bekomme ich total gute Noten, bin bei den Lehrern beliebt und habe mittlerweile einige Freunde gefunden.

Letztens wollte ich Papa davon erzählen. Aber mein Anruf hat Philipp geweckt. Papa hat mich am Telefon zurechtgewiesen, und seitdem traue ich mich nicht mehr, ungefragt bei ihm anzurufen. Er ruft mich allerdings auch nicht mehr an. Wahrscheinlich hat er neben der Arbeit und dem Baby keine freie Zeit mehr.

Ratlos drehe ich die Glückwunschkarte in meinen Händen herum. Seit einem halben Jahr ist es das erste Lebenszeichen meines Papas. Jetzt stellt sich mir die Frage, ob ich solch eine Karte aufbewahren sollte. Schließlich hat er keinerlei Interesse mehr an mir oder meinem Leben.

Ich schlage sie auf und die Worte, die mir entgegenspringen, bohren sich augenblicklich in mein Herz.Dein kleiner Bruder hat gestern seine ersten Schritte gemacht.

Wut kocht in mir hoch. Ich balle meine Hände zu Fäusten. Es handelt sich um eine gute Nachricht. Dennoch gerät mein Blut in Wallung. Diese Information hat auf meiner Geburtstagskarte nichts zu suchen. Das soll dort nicht stehen.

Es ist für mich in Ordnung, dass Papa an dreihundertvierundsechzig Tagen im Jahr nur an meinen kleinen Bruder denkt. Das ist es wirklich. Aber dieser eine spezielle Tag im Jahr gehört nur mir. Es tut weh, zu wissen, dass er Glückwünsche an mich formuliert und dabei dennoch nur an Philipp denkt.

Bin ich egoistisch?

Vielleicht.

Ist mir das egal?

So was von!

Eigentlich möchte ich die Karte am liebsten in den nächsten Mülleimer werfen, dennoch entscheide ich mich dagegen. Ein dummer Teil von mir kann nichts entsorgen, das mein Papa mir geschenkt hat. Das fühlt sich nicht richtig an. Seufzend schlurfe ich zu meinem Kleiderschrank hinüber.

Ganz weit hinten habe ich eine kleine braune Box. Dort lege ich alle Sachen hinein, die ich mit meinem alten Leben verbinde. So jedenfalls nenne ich die Zeit, als ich noch in Deutschland gewohnt habe. Es sind Sachen, die meine Freundinnen mir geschenkt haben. Wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen, doch vergessen möchte ich diese Zeiten auch nicht.

Die Karte von Papa landet in der Box. Schnell presse ich den Deckel wieder auf die kleine Schachtel. Ich darf nicht zu lange hineinsehen, sonst fange ich an zu weinen. Und das möchte ich nicht. Besonders nicht an meinem Geburtstag.

Ein röchelnder Laut dringt zu mir hinüber. Schnell rapple ich mich auf und laufe in den Flur. Das Geräusch kommt aus dem Schlafzimmer meiner Babcia. Die Tür ist nur angelehnt, deshalb wage ich einen vorsichtigen Blick hinein. Mein Herz klopft vor Anspannung und meine Hände zittern.

In den letzten Wochen und Monaten ist sie körperlich sehr schwach geworden. Mittlerweile kann sie nicht mehr im Blumenladen arbeiten. Meine Mama hat das Geschäft übernommen. Deshalb verpassen wir uns tagsüber häufig. Wenn ich morgens aufstehe, um in die Schule zu gehen, hat sie bereits das Haus verlassen.

Und abends kommt sie vollkommen erledigt zurück. Meistens nimmt sie noch eine ausgiebige Dusche, isst schnell eine Kleinigkeit und fällt anschließend total übermüdet ins Bett. Am Wochenende stehe ich fast immer im Blumenladen und helfe ihr. Bartek ist ebenfalls oft da und unterstützt uns. Er ist eben mein bester Freund.

Aber unter der Woche möchte Mama das nicht, weil ich mich auf die Schule konzentrieren soll. Sie sagt, dass ich es später einmal besser haben soll. Was auch immer das heißen mag. Schließlich führen wir ein gutes Leben. Denke ich.

Mit angehaltenem Atem stoße ich die Tür zum Schlafzimmer meiner Babcia auf. Seit sie nur noch im Bett liegt, wirkt sie viel kleiner auf mich. Außerdem sieht sie etwas blass aus. Behutsam lasse ich mich auf ihrer Bettkante nieder und nehme ihre Hand in meine.

Schuldgefühle wallen in mir auf, weil ich es ihr in der Anfangszeit nicht besonders leicht gemacht habe. Ich wollte nicht in Polen leben und habe meinen Missmut zum Ausdruck gebracht. Leider hat meine schlechte Laune oft die falschen Menschen getroffen. Nämlich diejenigen, die mich bedingungslos lieben und alles dafür tun würden, dass es mir gut geht.

»Was ist los? Kann ich dir irgendetwas bringen?«, frage ich.

Mein Polnisch ist in den vergangenen drei Jahren sehr viel besser geworden. Den Akzent hört man nur noch minimal heraus. Darauf bin ich ziemlich stolz.

»Was– Wasser«, krächzt Babcia heiser.

»Sofort!«, sage ich und eile nach unten in die Küche. Dort fülle ich ein Wasserglas und schnappe mir einen Strohhalm aus Metall. Ich gehe nicht davon aus, dass sie in der Lage ist, das Glas selbstständig zu halten.

»Bitte.« Vorsichtig halte ich den Strohhalm an ihre Lippen und sehe dabei zu, wie sie das halbe Glas leert.

Mit einem zufriedenen Lächeln lehnt sie sich langsam in ihre Kissen zurück. An manchen Tagen in der Woche kommt eine Betreuerin tagsüber hierher, um sich um meine Oma zu kümmern. Leider verdient Mama im Blumenladen nicht genug Geld, um eine komplette Pflege zu bezahlen. Doch ich helfe gern, wenn ich kann. Ich ziehe ihr die Bettdecke ein kleines Stückchen weiter nach oben, damit sie nicht friert. Draußen scheint zwar die Sonne, doch leider wird Oma immer sehr schnell kalt.

»Danke«, murmelt sie. Ihre Lieder zucken und schließen sich.

Oma hat dieses Wort so leise ausgesprochen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mich vielleicht verhört habe. Sanft streiche ich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht.

Vor drei Jahren hat sie uns ihr Zuhause geöffnet. Meine Unzufriedenheit über den Umzug habe ich ständig heraushängen lassen. Man sollte meinen, dass meine Oma genervt von mir gewesen ist. Tja, was soll ich sagen? Womöglich war sie es auch, doch das werde ich niemals erfahren. Jedenfalls hat sie mir zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben dieses Gefühl vermittelt.

Meine Augen füllen sich mit Tränen. Sacht beuge ich mich nach vorne und gebe ihr einen Kuss auf die Schläfe. Ihr Kopf gleitet langsam zur Seite und ich kann zusehen, wie ihr Brustkorb sich gleichmäßig hebt und senkt.

Auf Zehenspitzen verlasse ich das Zimmer. Es ist besser, wenn sie schläft und sich dabei ausruht. Bevor ich die Tür hinter mir schließe, werfe ich einen letzten Blick auf meine Oma. Es ist noch gar nicht so lange her, da war sie voller Tatendrang und Lebensmut.

Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass es noch mindestens vier Stunden dauert, bis meine Mama aus dem Blumenladen wiederkommt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt sie sogar noch später nach Hause.

Zurück in meinem Zimmer lasse ich mich kraftlos auf mein Bett fallen. Früher habe ich mich immer auf meinen Geburtstag gefreut. Besonders auf die Geschenke. Aber ich denke, das geht allen Kindern so. Geschenke und Kuchen sind nun einmal das Wichtigste an diesem Tag. Zumindest habe ich das acht Jahre lang geglaubt.

Heute Morgen bin ich in die Küche gegangen und habe mein Geburtstagsgeschenk auf dem Esszimmertisch gefunden. Eine kleine rosafarbene Karte lag ebenfalls dabei. Beidem habe ich keinerlei Beachtung geschenkt. Es macht keinen Spaß, Geschenke auszupacken, wenn man diese nicht mit Glückwünschen überreicht bekommt.

Mir ist klar geworden, dass nicht die Geschenke und der Kuchen einen Geburtstag besonders machen. Es sind die Menschen um einen herum. Familie und Freunde machen diesen Ehrentag erst unvergesslich. Doch meine Mama musste bereits früh in den Blumenladen und meine Oma schafft es nicht mehr aus dem Bett. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Mit aller Macht wünsche ich mir meinen achten Geburtstag zurück. Ich wünschte, ich könnte diesen Tag noch einmal erleben. Dann würde ich ihn viel mehr genießen und zu schätzen wissen.

Ein Klacken an meinem Fenster lässt mich aufhorchen. Neugierig richte ich mich in meinem Bett auf. Da höre ich erneut dieses klackende Geräusch und dann noch ein drittes Mal. Ich schwinge meine Beine über das Bett und gehe zum Fenster.

In diesem Moment knallt ein Steinchen gegen die Scheibe und ich zucke zusammen. Unten auf dem Rasen sehe ich Bartek stehen. Seine Haare sind etwas länger als früher und stehen wirr von seinem Kopf ab. Er findet das blöd, aber ich mag es.

Er gestikuliert wild mit seinen Händen und bedeutet mir, dass ich das Fenster öffnen soll. Kichernd verdrehe ich die Augen. Als ob ich da nicht von selbst draufgekommen wäre.

»Du weißt aber schon, dass wir auch eine Klingel haben, oder?«, frage ich, nachdem ich das Fenster geöffnet habe.

»Das ist mir bekannt.« Bartek nickt. »Kommst du jetzt raus oder nicht?«

»Rauskommen? Wozu?«

Er zieht seine Augenbrauen nach oben. Schnell beiße ich mir auf die Innenseite meiner Wange, um ein Lachen zu unterdrücken.

»Na, um deinen Geburtstag zu feiern, Dummerchen.«

»Meinen Geburtstag?«, frage ich verwirrt. »Wir zwei können doch allein keine Feier veranstalten.«

Bartek seufzt und sieht aus, als würde er gleich die Geduld mit mir verlieren. »So ein Schwachsinn. Komm einfach runter. Wir sehen uns gleich bei den Hasen.« Ohne ein weiteres Wort marschiert er in unseren Garten hinter dem Haus.

Und ich? Ich beeile mich, in meine Schuhe zu schlüpfen und die Treppe nach unten zu gehen. Dabei bin ich so aufgeregt, dass ich zwei Treppenstufen auf einmal nehme. Als ich die Hintertür des Hauses aufstoße, kann ich meinen Augen kaum trauen.

An dem gesamten Hasenstall befindet sich eine leuchtende Lichterkette. Noch ist es etwas zu hell dafür, doch später am Abend wird der Glanz mit Sicherheit den gesamten Garten erfüllen. Auf der Wiese liegt eine verwaschene, dunkelblaue Decke.

Bartek steht verlegen daneben und kratzt sich am Hinterkopf. »Ich habe da eine Kleinigkeit vorbereitet.«

Erst jetzt sehe ich die zwei Muffins, die auf der Decke liegen. Auf einem Teller liegen zwei Käsebrote, ein paar Trauben und zwei Flaschen Apfelsaft. Selbst an eine Packung Schokolinsen hat mein Freund gedacht.

»Bartek … was ist das alles?«, frage ich, obwohl es offensichtlich ist. Doch ich muss diese Frage stellen, um überhaupt etwas zu sagen.

Breit grinsend breitet er seine Arme aus. »Willkommen auf deiner Geburtstagsfeier. Ich weiß, dass du dir eine andere Party gewünscht hast, aber ich dachte –«

Weiter kommt er nicht. Ohne zu überlegen, werfe ich mich meinem besten Freund in die Arme. Seine Geste rührt mich zu Tränen. Schnell vergrabe ich mein Gesicht an seiner Schulter, damit er meine Tränen nicht sehen kann. Das Zittern in meinem Körper kann ich dennoch nicht unterdrücken. Schon lange bin ich nicht mehr so glücklich gewesen.

»Danke, Bartek«, bringe ich mühsam hervor.

Unbeholfen legt er mir eine Hand auf den Rücken. »Ähm … gern geschehen. Möchtest du deine Kerzen auspusten?« Ich höre die Unsicherheit in seiner Stimme und weiß, dass er sich nicht besonders wohlfühlt. Barteks Vater packt ihn manchmal grob bei der Schulter. Zum Beispiel, wenn er eine schlechte Note in der Schule geschrieben hat. Deshalb mag mein bester Freund körperliche Nähe und Berührungen nicht besonders. Dass er mir freiwillig die Hand auf den Rücken legt, bedeutet mir fast noch mehr als diese Geburtstagsüberraschung.

»Kerzen?« Ich löse mich von ihm und schaue mich um. »Welche Kerzen meinst du?«

»Na ja.« Verlegen tritt er von einem Bein auf das andere. »An die Streichhölzer komme ich zu Hause noch nicht ran. Und meine Mama würde mir niemals welche geben. Aber wir können doch so tun, als ob auf dem Muffin neun Kerzen brennen würden.«

Er nimmt beide Muffins in die Hand und hält mir einen davon entgegen. Mir fällt auf, wie stolz mein Freund aussieht. Lächelnd nehme ich ihm das Gebäckstück ab und hole tief Luft.

»Warte!«, ruft Bartek schnell. »Du musst dir zuerst noch etwas wünschen.«

»Und was soll ich mir wünschen?«

Er zuckt mit den Schultern. »Das weiß ich doch nicht. Schließlich ist das dein Geburtstag. Aber wichtig ist, dass du es nicht laut sagst. Sonst erfüllt sich dein Wunsch nicht.«

»Das ist doch Blödsinn«, entgegne ich.

Doch Bartek schüttelt den Kopf. »Ich mache die Regeln nicht.«

»Na gut.« Ich seufze und denke einen Moment über meinen Wunsch nach. Dann schließe ich die Augen, hole tief Luft und puste die imaginäre Kerze aus.

Bartek nickt und sieht endlich zufrieden aus. Wir lassen uns beide auf die Decke plumpsen und beißen von unseren Muffins ab. Sofort verziehe ich das Gesicht und mein bester Freund sieht aus, als müsste er sich jeden Moment übergeben.

»O mein Gott!«, bringt er hervor.

»Was ist nur in diesem Zeug drin?«, frage ich angewidert.

Schuldbewusst lässt Bartek sein Gebäck sinken. Wenn ich mich nicht täusche, dann wird er gerade rot.

»Salz«, murmelt er.

»Salz? Wieso sollte denn Salz in einem Muffin drin sein?«, frage ich geschockt.

»Weil ich Salz und Zucker miteinander verwechselt habe.« Seine Stimme ist ganz leise. Kaum mehr als ein Flüstern.

Mein Blick schnellt zu ihm rüber. Nun sehe ich die Röte deutlich in seinem Gesicht. Tränen schimmern in seinen Augen und mich überkommt Scham, weil ich so blöd reagiert habe. Dabei kommt mir eine andere Erkenntnis.

»Sag bloß, du hast die Muffins selbst gebacken.«

»Ja, leider.«

»Leider? So ein Schwachsinn. So etwas liebes hat noch nie ein Freund für mich gemacht«, beteuere ich.

Die Muffins sind zwar ungenießbar, aber es kommt auf die Geste an. Bartek hat extra für mich gebacken. Nur, damit ich einen schönen Geburtstag haben kann. Das macht mich total glücklich! Und wie die Muffins geworden sind, spielt dabei keine große Rolle.

»Aber sie schmecken widerlich«, hält Bartek dagegen. Er sieht immer noch geknickt aus.

»Meinst du?« Kräftig beiße ich erneut in meinen Muffin hinein.

»Bäh, Leonie! Tu das nicht. Du musst ihn nicht aufessen.«

»Doch«, nuschle ich mit vollem Mund. Der Muffin schmeckt immer noch eklig, dennoch ist der Geschmack ein anderer als noch vor wenigen Sekunden. Denn eine entscheidende Zutat konnte ich vorhin nicht herausschmecken: Freundschaft!

»Du bist ein seltsamer Mensch«, sagt er mit einem Grinsen.

»Und du bist mein allerbester Freund!«, rufe ich glückselig.

»Möchtest du jetzt dein Geschenk haben?«, fragt Bartek.

»Geschenk? Ich bekomme ein Geschenk? Ich dachte, das alles hier ist mein Geschenk«, sage ich und deute auf unser Picknick.

»Nicht ganz.« Er zieht eine kleine Schachtel hinter seinem Rücken hervor. Sie ist in Zeitungspapier eingewickelt.

Vorsichtig nehme ich das Päckchen entgegen und packe es neugierig aus.

»Du musst es nicht tragen. Vielleicht gefällt es dir nicht. Es ist aber auch wirklich kitschig«, erklärt Bartek.

Seine Stimme ist nur ein leises Hintergrundgeräusch, weil ich vollkommen fokussiert auf mein Geschenk bin. Mit leuchtenden Augen ziehe ich eine silberne Kette heraus.

Zwei kleine Figuren sitzen auf einem Ast. Ein Mädchen und ein Junge. In der Mitte stehen die Buchstaben L und B. Mit zitternden Fingern fahre ich über die Details und liebevollen Verzierungen.

»Bartek …«, stoße ich ungläubig hervor. »Sie ist wunderschön. Wo hast du die nur her?«

Er zuckt mit den Schultern. »Von dem Juwelier unten in der Stadt.«

»Aber … aber sie ist bestimmt total teuer gewesen.«

»Ach, es geht. Im Gegenzug arbeite ich da ein paar Stunden. Der Besitzer ist mit meinem Onkel gut befreundet.« Er zuckt mit den Schultern, als würde es sich um eine Kleinigkeit handeln. Dabei ist das eine riesengroße Sache!

Ungläubig reiße ich meine Augen auf. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich spüre, wie Tränen in meinen Augen aufsteigen. Leider deutet Bartek meine Reaktion komplett falsch.

»O nein! Bitte wein doch nicht, Leonie. Wenn sie dir nicht gefällt, dann kann ich sie bestimmt zurückbringen.«

Schnell schüttle ich den Kopf. »Untersteh dich. Das ist das schönste Geschenk, das ich jemals bekommen habe.« Nun kann ich meine Tränen endgültig nicht mehr zurückhalten.

»Soll ich sie dir vielleicht umlegen?«

»Gern«, schniefe ich.

Bartek schiebt meine Haare zur Seite und kniet sich hinter mich. Sein warmer Atem trifft auf meinen Nacken.

»Ist dir kalt?«, fragt er. Ich kann hören, wie der Verschluss klickt.

»Nein.« Meine Finger suchen erneut ihren Weg an die Kette.

»Sie steht dir gut«, bemerkt Bartek.

»Danke«, sage ich und spüre gleichzeitig, wie meine Wangen heiß werden. »Das war ein wunderschöner Geburtstag.«

»Musst du gleich wieder hineingehen?«, fragt er und blickt zum Haus hinauf.

»Nein.« Demonstrativ lege ich mich auf den Rücken und schaue hoch in den Himmel. »Wir können gern noch weiterfeiern.«

»Okay«, sagt Bartek und legt sich neben mich.

»Ich denke, meine Oma wird bald sterben«, höre ich mich selbst sagen. Dieser Gedanke verfolgt mich schon seit einigen Wochen. Ich kann mir nicht erklären, wieso ich ihn nun laut ausspreche. Etwas auszusprechen, macht die Dinge erst real. »Alle Menschen in meinem Leben verlassen mich. Papa, Mama und nun auch sie.«

Bartek dreht den Kopf zu mir herüber. »Aber deine Eltern sind beide noch am Leben.«

»Das stimmt«, bestätige ich nickend. »Trotzdem sind sie kaum noch da. Jedenfalls nicht mehr so wie noch vor ein paar Jahren.«

Er schweigt und ich kann sehen, wie er sich auf die Unterlippe beißt.

»Einen Penny für deine Gedanken«, sage ich. Die genaue Bedeutung dieses Satzes kenne ich zwar nicht, aber in Filmen höre ich die Leute so was oft sagen.

»Meinst du -«, beginnt Bartek. Dann muss er schlucken und setzt noch einmal von vorne an. »Meinst du, dass ihr wegziehen werdet, wenn deine Oma wirklich stirbt?«

Blitzschnell setze ich mich auf. »Wer zieht weg?«

»Na, deine Mama und du. Werdet ihr wieder zurück nach Deutschland gehen?«

»Was? Nein, niemals! Wir wohnen jetzt hier. Polen ist unsere Heimat geworden.«

Meine Antwort scheint ihn zu beruhigen. »Gut. Sonst müsste ich nämlich mitkommen und ich denke nicht, dass mein Vater mir das erlauben würde.«

»Du würdest dann wirklich mitkommen?«

»Ja, klar. Schließlich sind wir beste Freunde. Und ich werde niemals auf deiner Liste von den Leuten landen, die dich verlassen haben.«

»Das weiß ich, Bartek«, sage ich und lege mich zurück ins Gras.

»Woher willst du wissen?«

»Ganz einfach. Weil ich es mir gewünscht habe.«

»O Mann, Leonie!« Demonstrativ rollt er mit den Augen. »Du sollst deinen Wunsch doch nicht laut aussprechen, sonst kann er nicht in Erfüllung gehen.«

»Schwachsinn. Du wirst mich nicht verlassen«, schmunzle ich.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Bartek mich tatsächlich niemals verlassen würde.

Ich würde es tun.

KAPITEL 4

Leonie

9 Jahre alt

 

Wenn ich schaukle, habe ich das Gefühl, vollkommen frei zu sein. Die Schaukel schwingt immer höher und höher. Meine Füße können schon beinahe den Himmel berühren. Na ja, fast. Mein bester Freund Bartek neben mir schaukelt nicht so weit oben. Er fühlt sich heute nicht besonders gut. Eigentlich hatte er auch gar keine Lust, auf den Spielplatz zu gehen. Trotzdem ist er mitgekommen, damit ich nicht allein sein muss. Unter seinem rechten Auge hat er ein blaues Veilchen. Er spricht nicht gerne darüber, aber ich weiß, dass sein Vater ihn geschlagen hat. So etwas ist schon öfter passiert. Manchmal kann ich Bartek und seinen Vater durch meine Fensterscheibe sehen, wenn ich zum Nachbarhaus herüberschaue.

Am liebsten würde ich in solchen Momenten sofort hinüberrennen und meinen besten Freund verteidigen. Aber Bartek hat mich gebeten, mich nicht einzumischen. Diese Schläge sind ihm peinlich und unangenehm. Dabei finde ich, dass sein Vater sich schlecht fühlen sollte und nicht Bartek. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu sprechen, doch er hat jedes Mal abgeblockt. Deshalb habe ich beschlossen, auch nichts zu sagen. Es ist sozusagen ein offenes Geheimnis zwischen uns beiden.

Meine Schaukel steigt immer höher und schneller in den Himmel hinauf. Bartek hingegen starrt ins Nichts. Nur zu gern würde ich wissen, was in seinem Kopf vor sich geht. Normalerweise habe ich keine Probleme damit, meinen besten Freund nach seinen Gedanken zu fragen. Allerdings ist Bartek bisher noch nie so verschlossen gewesen.

Allmählich beginne ich mich zu fragen, ob dies das Ende unserer Freundschaft sein könnte. Dieser Gedanke macht mir Angst. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Junge und ein Mädchen irgendwann nicht mehr miteinander befreundet sind. Doch bislang bin ich immer der Meinung gewesen, dass uns beiden das nicht passieren kann.

Am höchsten Schaukelpunkt springe ich ab. Meine Schuhe landen knirschend auf dem Kies. Sofort eilt ein kleines Mädchen herbei und schnappt sich meine Schaukel. Das wundert mich nicht. Der Spielplatz ist ziemlich voll und zwei Schaukeln allein sind viel zu wenig.

»Hast du Hunger? Wenn du möchtest, können wir uns irgendwo etwas zu Essen besorgen«, frage ich Bartek.

Lustlos zuckt er lediglich mit den Schultern. Trotzdem steigt er ebenfalls von seiner Schaukel herunter, welche auch sofort von einem anderen Kind in Beschlag genommen wird.

»Wir können auch nach Hause gehen, wenn dir das lieber ist«, wage ich mich vorsichtig vor.

Augenblicklich beginnt er, heftig den Kopf zu schütteln. »Nein, nur das nicht. Lass uns ein Stück Pizza essen gehen.«

Seine Reaktion ist viel heftiger, als ich es von ihm gewohnt bin. »Okay.« Ich zucke mit den Schultern und wir machen uns auf den Weg.

Während wir den Spielplatz verlassen, sieht mein Freund noch trauriger aus als ohnehin schon. Wenn wir geradeaus weitergehen, gelangen wir auf dem kürzesten Weg zur Pizzeria. Dennoch biegen wir links in eine Seitenstraße ein. Mittlerweile muss ich nicht mehr darüber nachdenken, wohin ich gehe. Es gibt einfach gewisse Ecken in dieser Stadt, durch die man ohne einen Erwachsenen nicht laufen sollte. Das habe ich mit der Zeit gelernt.

Von meiner Heimatstadt in Deutschland kenne ich das nicht.

---ENDE DER LESEPROBE---