Silent Control - Thore D. Hansen - E-Book
Beschreibung

Die Krise des globalen Wirtschaftssystems spitzt sich unerträglich zu. Die Mächtigen der Welt sind in Sorge um ihre Pfründe… Da hat der Chef der CIA eine blendende Idee: die Manipulation des World Wide Web in bisher ungekanntem Ausmaß. Doch den Verschwörern geht es um noch viel mehr: Hightech soll Gedankenkontrolle über die gesamte Weltbevölkerung sicherstellen! Ein junger schwedischer Hacker nimmt den einsamen Kampf auf mit einer übermächtigen, perfekt abgestimmten Maschinerie. Wird er Silent Control stoppen können …?

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Seitenzahl:592

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1. eBook-Ausgabe© 2012 Europa Verlag GmbH & Co. KG, Wien • Berlin • MünchenUmschlaggestaltung und Motiv:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur,

Dominik WilhelmSatz: BuchHaus Robert Gigler, MüncheneBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

ePub-ISBN 978-3-944305-01-1

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

www.europa-verlag.com

Meinem geliebten Vater

Derjenige muss in der Tat blind sein, der nicht sehenkann, dass hier auf Erden ein großes Vorhaben, eingroßer Plan ausgeführt wird, an dessen Verwirklichungwir als treue Knechte mitwirken dürfen.

Winston Churchill

Es muss einem jedem in die Augen leuchten,dass die Fesseln der Knechtschaft nicht anders alsdurch die Abhängigkeit des Menschen voneinanderund durch ihre gegenseitigen Bedürfnisse habengeschmiedet werden können.

Jean-Jacques Rousseau

Inhalt

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

FAKTEN

GLOSSAR

DANKSAGUNGEN

KAPITEL 1

STOCKHOLM

Torben Arnström sah von seinem Schreibtisch auf und starrte auf die tanzenden Schneeflocken vor seinem Fenster. Er nahm einen Schluck Kaffee und lehnte sich zurück.

Sein Blick wanderte durch das kleine Büro. Es lag im Innenhof eines sanierten Mietshauses ganz in der Nähe des Riddarfjärden, dort, wo der Mälaren-See in die Ostsee mündet. Noch vor einigen Jahren waren hier die Mieten für die acht bis zehngeschossigen Stadtwohnungen erträglich. Doch gestern hatte Torben die dritte Erhöhung in Folge bekommen. Als hatte er nicht schon genug Ärger am Hals. An den Wänden des engen Büroraums hingen alte Konzertplakate, deren Ränder sich bereits wellten. Das einzige große Möbelstück war ein überdimensionaler Schreibtisch, auf dem mehrere Rechner standen. Dazwischen türmten sich Berge von Büchern, Unterlagen, Zetteln, Zeitschriften, Kompendien und halb leere Lakritztüten. Man hätte das Sammelsurium für einen Müllhaufen halten können.

Die typische Location eines Nerds eben, dachte Torben selbstironisch. Er mochte den Ausdruck Nerd nicht besonders, musste aber zugeben, dass er auf ihn passte. Sein Leben fand am Computer statt. Seit Wochen hatte er ganze Nächte hinter dem bläulichen Schein der Monitore verbracht, und er pflegte seine eigene Vorstellung von Ordnung. So chaotisch alles aussah, für Torben hatte dieses Chaos System. Alles hatte seinen festen Platz. Und schließlich war dieses Büro definitiv nicht dazu da, irgendjemanden zu beeindrucken.

Gedankenverloren angelte er sich eine Lakritztüte. Lakritz war die einzige Droge, der Torben verfallen war, neben der exzessiven Koffeinzufuhr, mit der er sich in seinen einsamen Nächten wach hielt. Während er sich ein Stück Lakritz aus der Tüte fischte, fiel ein kleines Plastikspielzeug zu Boden, das daraufgelegen hatte. Er hob es auf. Das Aufziehauto war ein Geschenk seiner kleinen Nichte. Ein Relikt aus dem analogen Zeitalter. Irgendwie hing Torben an dem Ding. Es wirkte auf ihn wie die Erinnerung an eine heile Welt, in der Familien gemeinsam frühstückten und Kinder herumtobten. Kein Vergleich mit seiner eremitischen Existenz.

Gähnend stand er auf und dehnte sich. Müdigkeit lastete auf seinen Gliedern, die Nacht über hatte er an seinem neuen Programm gearbeitet. Er stakste in das winzige Bad und schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann betrachtete er sich im Spiegel. Dichtes blondes Haar fiel ihm leicht gewellt in die Stirn. Darunter sah er das Gesicht eines Mannes, der zu viel arbeitete und zu wenig schlief. Obwohl Torben erst Mitte zwanzig war, gruben sich schon erste Furchen in seine blasse Haut. Einzig seine lebhaften hellblauen Augen verrieten die Energie eines jungen Mannes.

Eigentlich wäre ein Urlaub fällig gewesen. Doch sein Job bei der Firma Saicom und seine nächtlichen Recherchen ließen ihm keine Zeit dazu. Später, dachte Torben, irgendwann im Sommer. Dann fahre ich vielleicht nach Gomera und schwimme im Meer mit Delfinen. Aber jetzt gibt es Wichtigeres.

Er ging zurück ins Arbeitszimmer, klappte seinen silberfarbenen Laptop auf und checkte die neuesten Blogs. Seit Wochen drehte sich alles nur noch um die Eskalation des virtuellen Kriegs. Ein Jahr zuvor hatte das FBI einige Schlüsselfiguren der berüchtigten Anonymous verhaften können, mithilfe eines Verräters aus deren eigenen Reihen. Damals hatte man angenommen, dass ein entscheidender Schlag gegen die Gruppe gelungen sei. Doch im Netz herrschte weiter Unruhe.

Torben ahnte, dass die Zerschlagung von Anonymus nichts weiter als eine Illusion war, eine gefährliche dazu. Man munkelte über neue Attacken, auch wenn noch nichts offiziell bekannt geworden war. Anonymous waren eine Hydra. Schlug man einen Kopf ab, wuchsen gleich mehrere nach.

Sein Handy klingelte. Stirnrunzelnd sah er auf seine Armbanduhr. Es war erst Viertel nach sieben. Wer um Himmels willen rief um diese Zeit an? Neugierig zog er das Gerät unter einem Stapel Computermagazine hervor.

»Arnström.«

»Hallo Torben, hier ist Nova. Ich soll dir von Wallins ausrichten, dass sich gleich alle zu einer Besprechung im World Trade Center treffen. Auch die Freelancer.«

»Ist was passiert?«

»Ich weiß nichts Genaues, nur, dass ein fetter Auftrag ansteht. Und dass Wallins großen Wert auf deine Anwesenheit legt. Um acht geht’s los.«

»Das ist in einer Dreiviertelstunde!«

»Du hast es präzise erkannt.«

Torben steckte das Handy in die Tasche seiner Jeans. Was hatte der Alte vor? Wallins war der Chef von Saicom. In den letzten fünf Jahren hatte sich die Firma zu einem der Marktführer im Bereich Computersicherheit entwickelt. Kein Wunder. Seit jeder Vorstadthacker in hochsensible Datenbanken vordringen konnte, war der Bedarf rasant gestiegen. Und seit WikiLeaks, Anonymous und andere Hacker immer wieder brisante Regierungsgeheimnisse ins Netz stellten, verteilt über Tausende alternative Server, herrschte nackte Panik in den Chefetagen von Behörden und Konzernen.

Hastig nahm er einen letzten Schluck Kaffee und zog sich seinen alten, abgewetzten Parka über. Seit Wochen versuchte Wallins, ihn davon zu überzeugen, nach dem Studienabschluss ganz bei Saicom einzusteigen. Allerdings bezweifelte Torben zunehmend, dass seine eigenen Pläne dem Geschäftsmodell von Saicom entsprachen. Im Grunde war er ein Außenseiter. Auch wenn er Geld verdienen musste, letztlich gehörte er nicht in das etablierte System. Oder würde er den Spagat schaffen? Tagsüber ein braver Angestellter, nachts ein Nerd, der an einem bahnbrechenden Programm arbeitete?

Als Torben die Schreibtischlampe ausschaltete, fiel sein Blick auf seinen altmodischen roten Aktenordner, der neben dem halb leeren Kaffeebecher lag. Darin befanden sich die Ausdrucke seiner Recherchen der letzten Monate. Es waren die Ergebnisse vieler durchwachter Nächte, eine Ansammlung rätselhafter Puzzlestücke. Nur ein paar Tage noch, und er könnte die Teile sicherlich zusammensetzen.

Draußen blies ihm ein scharfer Wind ins Gesicht. Es war zwar schon fast Ende März, aber der Winter hatte offensichtlich beschlossen, Stockholm noch eine Weile in seinem eisigen Griff zu behalten. Frierend zog Torben die Parkakapuze über seinen Kopf und steuerte die nächste U-Bahn-Station an. Leider hatte die Zeit nicht mehr für sein morgendliches Lieblingsritual gereicht. Seitdem er vor ein paar Jahren sein Kung-Fu-Training bei einem alten chinesischen Meister beendet hatte, hielt er sich mit Schwimmen und Liegestützen bis zur Erschöpfung fit. Egal wie spannend die Arbeit, ein Game oder Programm auch sein mochte, davon wich er selten ab.

Wallins nahm wirklich keine Rücksicht auf seine Mitarbeiter. Ein Meeting um acht Uhr morgens, das grenzte an Straflager. Missmutig kickte Torben eine leere Bierdose in den Rinnstein.

Eine gute halbe Stunde später stand er vor dem World Trade Center Stockholms. Es lag direkt gegenüber dem Hauptbahnhof, ein klotziger mehrstöckiger Bürobau im Stil der späten Neunzigerjahre, gekrönt von einer gewölbten Glaskonstruktion. Eine architektonische Manifestation der Macht.

Torben lachte leise in sich hinein. Welcher Macht? Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hackern, Unternehmen und Regierungen glich eher einer Treibjagd in einem System, das um sein Überleben kämpfte. Goliath musste ständig neu gegen David aufrüsten. Die Unternehmen und Regierungen verloren langsam die Nerven, und auch die Stimmung bei Saicom hatte sich in den letzten Wochen zusehends verschlechtert.

Nachdenklich steckte er seine Mitarbeiter-Chipkarte in den Automaten an der Sicherheitskontrolle. Nachdem ein schriller Pfeifton ertönt war, konnte er die Metallsperre passieren. Torben fuhr in den siebten Stock. Er war spät dran. Lautlos öffnete er die Tür zum Konferenzraum. Die Versammlung fand im größten Raum des Stockwerks statt, groß genug für die etwa hundert Mitarbeiter der Saicom AG. Mehrere Reihen mit Stahlrohrstühlen waren zusätzlich aufgestellt worden. Die schmucklosen, weiß gestrichenen Wände und der schwarze Nadelfilzboden verbreiteten eine kühle, unpersönliche Atmosphäre.

Das Meeting hatte schon begonnen. Vorn am Pult stand Mikael Wallins und unterstrich mit ausladenden Gesten jeden einzelnen Satz seines Vortrags. Ein Baum von einem Mann, groß, stämmig, mit einem wallenden Vollbart, der sich allmählich grau färbte.

»Wir müssen diese Challenge nutzen«, sagte Wallins pathetisch. »Es geht nicht nur um das Funktionieren der globalen Strukturen, es geht auch um die Zukunftsfähigkeit von Saicom!«

Die Mitarbeiter lauschten interessiert. Torben drückte sich auf einen freien Platz in der letzten Reihe und ließ seinen Blick schweifen. Ganz vorn saßen Nova und Kilian, seine Studienkollegen von der Uni. Sie arbeiteten ebenfalls für Saicom. Nova konnte man sowieso nicht übersehen mit ihren grellrot gefärbten Haaren, die so gar nicht zu ihrem adretten, grauen Businesskostüm passten. So wie Kilian konzentrierte sie sich auf die Ansprache des Chefs.

Mikael Wallins hatte sich mal wieder in Rage geredet, was Torben immer ein wenig belustigte. Er nannte ihn insgeheim Mika den Wikinger, weil er ihn mit seinem Bart und seiner hünenhaften Statur an einen Abkömmling des alten Seefahrervolks erinnerte. Daran konnten selbst der elegante Maßanzug und das blütenweiße Hemd nichts ändern.

Die Rede schien kein Ende zu nehmen. Unbehaglich rutschte Torben auf seinem Stuhl hin und her. Er verspürte dieses typische Ziehen in seinen Nackenmuskeln, wenn er zu wenig geschlafen hatte. Doch der Duft von frischem Kaffee und Croissants auf einem Tisch an der Wand hob seine Laune ein wenig.

Endlich machte der Wikinger eine Pause. Übergangslos setzte eine heftige Diskussion über die Informationsfreiheit und die Bedrohung der Wirtschaft durch die Occupy-Bewegung und Anonymous ein. Torben nahm die Wortwechsel nur als Hintergrundgeräusch wahr. Er gähnte verstohlen und vergrub die rechte Hand in seiner blonden Mähne. Teilnahmslos starrte er zur Wand hinter Wallins, auf die Zahlen und Diagramme projiziert worden waren.

Er sah zu Nova hinüber. Sie war sichtlich aufgewühlt. Sie debattierte mit Kilian, während sie sich suchend umsah. Als sie Torben in der hintersten Reihe entdeckte, warf sie ihm einen alarmierten Blick zu. Er konnte ihn nicht entschlüsseln. War etwas geschehen, von dem er nichts wusste?

Seine Müdigkeit hinderte ihn, aufzustehen und mit seinem Stuhl einen Platz in ihrer Nähe zu suchen. Seine Lider wurden immer schwerer. Nur einen gefühlten Augenblick später riss ihn die zu einem Dröhnen gesteigerte Stimme von Mikael Wallins aus seinem Dämmerzustand. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete der Saicom-Chef gerade auf die Wand hinter sich.

»Was ich euch gleich zeige, ist vermutlich erst der Anfang. Vorher aber gibt es etwas zu klären. Ich weiß, dass einige von euch mit diesen Terroristen von Anonymous sympathisieren. Nur damit wir uns verstehen: Wer das tut, ist hier in Zukunft nicht mehr am richtigen Platz!«

In der Tat hatten Anonymous selbst bei Saicom einige Sympathisanten, was mal mehr, mal weniger offen gezeigt wurde. Ein Tuscheln ging durch die Reihen.

»Die jüngsten Attacken stellen alles Bisherige in den Schatten. Ich erwarte deshalb von jedem, dass er eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnet und damit deutlich Stellung gegen Anonymous bezieht. Wer sich weigert, muss Saicom noch heute verlassen!«

Das klang gar nicht gut. Also stimmten die Vermutungen über neue Angriffe von Anonymous?

Wallins ergriff einen Stapel mit Blättern und reichte die Unterlagen in die erste Reihe. Es wunderte Torben nicht, dass niemand mit Abwehr reagierte. Gut bezahlte Jobs wie bei Saicom waren im Moment auch in Schweden schwer zu bekommen. Und so gingen die Zettel durch die Reihen, und alle unterzeichneten brav. Nur Nova knüllte demonstrativ das Papier zusammen und warf es auf den Boden. Torben schluckte. Hatte Nova den Verstand verloren? Wollte sie ihren Rausschmiss riskieren?

Als der Blätterstapel ihn erreichte, verzog er verächtlich den Mund, setzte aber seine Unterschrift auf das Papier. Wallins hatte nicht mal im Ansatz genug Sachverstand, um den tieferen Sinn des Cyberwar zu verstehen. Doch es schien ihm egal zu sein, solange seine Firma durch die täglichen Sicherheitsprobleme, die die Hackerangriffe weltweit verursachten, gut verdiente. Du Idiot hast immer noch nicht verstanden, welche Dimension erreicht ist. Dieser Krieg kann ganze Infrastrukturen mit einem einzigen Virus lahmlegen, und es braucht nicht mehr viel, und jedes Computerkid kann das, dachte Torben. Doch das war nur die eine Seite der Medaille. Mit dem martialischen Tönen der Militärs, die vor der Bedrohung warnten, wurden klammheimlich Zensur und Spionage in jedem Bereich des Netzes und in der Öffentlichkeit durchgesetzt. Aber ich habe bald einen Weg, das alles auf null zu fahren, grinste er in sich hinein, warte nur ab, Wallins, deine Firma ist bald am Ende. Eben hatte Torben seinen Stift wieder eingesteckt, als Nova auf ihn zustürzte. Ihr feuerrotes Haar leuchtete, ihre Miene war ein einziger Vorwurf.

»Wieso hast du diesen Dreck unterzeichnet?«

Torben zuckte mit den Schultern. Er kannte Nova seit fünf Jahren, und er kannte auch ihr aufbrausendes Temperament. Sie hatten gemeinsam gelernt und gemeinsam gefeiert, hatten Nächte hindurch zusammen am Rechner gesessen. Im Lauf der Zeit war eine tiefe Vertrautheit zwischen ihnen entstanden. Doch die wurde jetzt auf eine harte Probe gestellt.

Novas Augen funkelten zornig. »So, du Feigling. Was ich jetzt tue, war längst überfällig.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt und stürmte nach vorn, direkt auf Wallins zu, der von den notorischen Kriechern der Firma zu seinem Vortrag beglückwünscht wurde. Mit verschränkten Armen baute sie sich vor ihm auf und stoppte die Lobpreisungen.

»Schluss! Ich verkaufe mein Talent nicht mehr an dich. Du hast doch nicht einen Funken Moral im Leib. Was, wenn dir als Nächstes die Bankenmafia mehr anbietet als die Regierung? Was müssen wir dann unterschreiben? Eine Vereinbarung, wen wir wählen dürfen? Du kotzt mich an.«

Entgeistert starrte Wallins sie an. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot.

»Schön, dass wir die Fronten geklärt haben«, entgegnete er leise. »Du kannst dir gleich deine Papiere abholen und den Sicherheitsausweis abgeben. Aber ich sage dir, das wird dir noch leidtun.«

»Es sind Idioten wie du, die die Menschen auf die Straße treiben! Ja, du mit deiner ekelhaften Profitgier! – Du kannst mich mal!«

Entgeistert verfolgte Torben den Schlagabtausch. Novas Gerechtigkeitssinn in allen Ehren – aber musste sie so die Beherrschung verlieren? Im ganzen Raum war es schlagartig still geworden. Vielen Mitarbeitern war der Unterkiefer runtergefallen, einige grinsten verstohlen, während sie zusahen, wie sich Nova um Kopf und Kragen redete.

Ihre Stimme wurde schrill. »Mika, du bist echt das Letzte. Der Abschaum dieses Schweinesystems!«

Unter Wallins rechtem Auge zuckte es. »Dann schließ dich doch gleich Anonymous an, genug Zeit hast du ja jetzt dafür.« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Torben sah, wie Nova die Schultern straffte. Dann marschierte sie hoch erhobenen Hauptes aus dem Raum. Völlig durcheinander blickte er ihr hinterher. Er verstand nicht, was plötzlich in seine Freundin gefahren war. Dass sie zu Anonymous gehörte, hielt er für ausgeschlossen, dafür kannte er sie zu gut. Okay, sie war in den letzten beiden Jahren mehrmals in Frankfurt gewesen, um die Occupy-Bewegung zu unterstützen. Aber dass sie bereit war, für ihre Überzeugungen den Job zu schmeißen, bestürzte ihn.

Benommen stand er auf und ging auf Kilian zu. Nova und Kilian waren seine engsten Freunde. Eigentlich die Einzigen, die er hatte. Wenn er diese beiden Menschen verlor, würde es einsam um ihn werden. Ihn fröstelte.

»Was war das denn eben?«, fragte Kilian kopfschüttelnd.

Er war ein erklärter Gegner von Anonymous.

Ratlos hob Torben die Schultern und knuffte seinen Freund zur Begrüßung in den Arm. Auch Kilian wirkte übernächtigt. Er war so alt wie Torben, ein etwas pummeliger junger Mann, der sofort auffiel mit seiner schwarzen Igelfrisur und der dominanten Hornbrille. In seinem verknitterten hellen Leinenanzug sah er aus wie ein Tourist, der sich aus Versehen in die Räume von Saicom verirrt hatte.

»Auf jeden Fall ist sie ihren Job los«, stellte er bekümmert fest.

»Vielleicht besser so.«

Torben sagte nicht, was er wirklich dachte. Die letzten Attacken von Anonymous, über die hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, wirkten untypisch, weil der Robin-Hood-Touch fehlte. Die Stimmung in der Bevölkerung kippte, viele sahen in der Bewegung gegen Zensur und Ausbeutung jetzt nur noch eine Bande gewissenloser Krimineller. Was, wenn gar nicht Anonymous hinter den letzten Angriffen steckten? Zumindest wäre es eine perfide Taktik, ihnen Taten in die Schuhe zu schieben, die sie gar nicht begangen hatten. Das schadete ihrem Image. Und es war vermutlich die einzige Strategie, um ihnen Unterstützer und Sympathisanten abzujagen.

Torben kratzte sich am Kopf. Oder war das eine allzu verrückte Interpretation? Irgendwie klang es nach Verschwörungstheorie.

Kilian deutete Torbens Schweigen als eine Solidaritätsadresse an die Protestbewegungen.

»Scheint dir ja alles egal zu sein.« Er bedachte Torben mit einem abfälligen Blick. »Nova, die Firma, Anonymous. Oder bist du neuerdings auch einer dieser lachhaften Loser, die vor Banken kampieren?«

Was war das? Warum war Kilian plötzlich so aggressiv? Torben fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Wollte Kilian jetzt, da die Studienzeit fast beendet war, schon neues Terrain betreten? Bald würden sie ohnehin eigene Wege gehen. Vor allem würden sie sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie standen. Nova hatte es bereits getan. Wieder überlief Torben ein Frösteln. Er wollte seine Freunde nicht verlieren. Auf keinen Fall.

Unterdessen war Wallins an sein Pult zurückgekehrt und forderte seine Mitarbeiter auf, sich wieder zu setzten.

»Was ich euch mitzuteilen habe, unterliegt strengster Geheimhaltung. Ich warne euch. Das ist nicht nur eine der üblichen Floskeln wegen ein paar Geschäftsgeheimnissen.«

Lauernd sah er in die Runde. Die Mitarbeiter nickten stumm. Wallins klickte auf die Tastatur seines Laptops. Eine neue Grafik erschien an der Wand. Mit pathetischer Stimme erläuterte er sie. Es ging wirklich um dramatische Vorgänge. In den vergangenen sechs Wochen, so Wallins, hätten Anonymous damit begonnen, vor allem Banken und die Top-150-Unternehmen im Netz zu attackieren. Sie hätten ganze Serverlandschaften gelöscht, sensible Daten gestohlen und würden diese bestimmt bald schon über sogenannte Mirror Server der Öffentlichkeit zugänglich machen. Geheimdienste und Regierungsbehörden kämen nicht mehr hinterher, erläuterte Wallins. Sobald sie einen Server aufgespürt hätten, werde auch schon der nächste eingerichtet.

Also doch, dachte Torben. Also ist es wahr, dass Anonymous wieder zugeschlagen haben.

Und schon wartete Wallins mit der nächsten schockierenden Information auf. Der Börsencrash drei Monate zuvor, bei dem an einem einzigen Tag über 300 Milliarden Dollar an der Wall Street vernichtet worden waren, gehe ebenfalls auf das Konto von Anonymous.

»Wenn in den kommenden Wochen keine Lösung gefunden wird, wie wir Unternehmen und Regierungen vor weiteren Attacken schützen können, tritt der ›Kill switch act‹ in Kraft«, verkündete der Saicom-Chef düster. »Jedem ist hoffentlich klar, was das bedeutet.«

Normalerweise waren Meetings für Torben ein einziges Schlafmittel, aber jetzt war er hellwach. Hatte er richtig gehört? Man zog allen Ernstes den »Kill switch act« in Erwägung? Das würde ja heißen, dass der Stecker aus der Dose gezogen wird. Das Internet komplett abzuschalten, das kann doch nur ein schlechter Scherz sein! Er spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Das war etwas Neues. Etwas Unheimliches passierte. Er konnte es nur noch nicht richtig einordnen.

Wallins klickte eine weitere Grafik an. Was darauf zu sehen war, erschien noch bedrohlicher. Der Ausfall des Internets in den USA drei Wochen zuvor sei entgegen der öffentlichen Darstellung kein Unfall gewesen. Nachdem Anonymous angekündigt hätten, aktuelle Pläne des US-Militärs zu veröffentlichen, sei das gesamte Internet für drei Tage schlichtweg abgeschaltet worden. Erst als ein intelligenter Crawler alle brisanten Daten gelöscht hätte, sei das Netz wieder aktiviert worden.

Torben stockte der Atem. Er dachte an seinen roten Aktenordner. Am liebsten wäre er sofort zu seinem Büro gefahren, um die neuen Informationen auszuwerten. Dass es Anonymous geschafft hatten, an militärische Einmarschpläne von US-Bodentruppen zu gelangen, war eine Sensation. Um an solche Daten zu kommen, musste man einen Satelliten hacken – anders konnte man nicht in das Intranet des Pentagons eindringen.

Wenn das stimmte, war Anonymous technisch wesentlich weiter, als Torben angenommen hatte. Nebenbei war es auch eine höchst peinliche Schlappe für Saicom: Ausgerechnet Wallins Firma hatte die Telemetriedaten der Satelliten verschlüsselt. Offenbar wirkungslos.

Torben nagte an seiner Unterlippe. Einige Wochen lang hatte er Kilian bei der Arbeit geholfen und viele wichtige Details über die Verschlüsselungsmechanismen zwischen Bodenstationen und Satelliten ergattert. Dummerweise noch nicht alle Details. Er hatte vorgehabt, das neu erworbene Wissen für seine eigenen Pläne zu nutzen. Jetzt musste er aber fürchten, dass das Projekt eingestellt werden würde, bevor er alles, was er noch benötigte, in Erfahrung gebracht hatte. Er kniff die Augen zusammen. Verdammt, das war’s dann wohl.

Wallins hob beschwörend die Hände. »Also, Leute, macht euch an die Arbeit! Die neue Version des Crawlers und der IP-Fahnder muss in spätestens sechs Wochen ausgeliefert werden und online gehen.«

Damit war das Meeting beendet. Torben zog seinen Parka an. Ein bisschen schadenfroh war er schon, das musste er zugeben. Für den selbstgefälligen Wallins war diese Sicherheitspanne eine bittere Niederlage. Jetzt stand die Zukunft seines Unternehmens auf dem Spiel. Noch ein Fehler, und er konnte den Laden dichtmachen.

Als Torben auf den Flur trat, sah er Nova wild gestikulierend mit einigen Kollegen diskutieren. Die meisten wirkten eher frostig. Sie hatte sich ins Aus geschossen. Von heute an gehörte sie in eine andere Liga. Einer nach dem anderen wandte sich ab und ließ sie einfach stehen.

Torben wollte gerade einen Schritt auf sie zumachen, als ihn jemand von hinten auf die Schulter tippte. Er drehte sich um. Wallins stand vor ihm. Seine Stirn war in tiefe Falten gelegt, ein leichter Schweißfilm lag auf seiner Haut. Das Ganze ging ihm sichtlich nahe.

»Komm bitte mit in mein Büro.«

Torben hob die Augenbrauen. Was würde Wallins ihm jetzt auftischen? Mit einem betont gleichgültigen Gesichtsausdruck folgte er seinem Chef. Während der sich vergewisserte, dass die Bürotür auch wirklich zu war, zog sich Torben den Parka wieder aus und hängte ihn achtlos über den nächstbesten Stuhl.

Wallins Wirkungsstätte war ein strahlender Tempel, verglichen mit Torbens vermüllter Bude. Ein weitläufiger, hellgrau gestrichener Raum mit edlen Wurzelholzmöbeln und einem mehrfarbigen Designerteppich. An den Wänden hingen hoch dotierte Gemälde zeitgenössischer Künstler – kostbare Dekoration und millionenschweres Investment zugleich. Der Schreibtisch war penibel aufgeräumt. Nur ein Laptop und eine Vase mit einer einzigen Ananasblüte standen darauf. Vor den Fensterfronten, die den Blick auf die Skyline Stockholms freigaben, erstreckte sich ein Konferenztisch, an dem locker mehr als zwanzig Personen Platz fanden.

So sehen die Büros der Führungsriegen aus, dachte Torben. Dann korrigierte er sich innerlich. Nein, so hatten ihre Büros früher ausgesehen. Eine neue Zeit war angebrochen. Diejenigen, die jetzt die Macht eroberten, hatten weder Dienstwagen noch beeindruckende Büros. Sie hockten in kleinen, schäbigen Zimmern wie Torben. Doch von dort aus kontrollierten sie die gewaltigen Informationsströme, die rund um den Globus zirkulierten. Von dort aus drangen sie in die letzten Geheimnisse der Machthaber vor.

Wallins deutete auf den Besprechungstisch und kreuzte die Arme vor der Brust.

»Setz dich. Kaffee? Wasser? Saft?«

Torben winkte ab. Er wollte nichts trinken. Er war jetzt nur noch neugierig. Die Hände in den Hosentaschen, ließ er sich am Konferenztisch nieder. Der war vollkommen leer, bis auf einen weißen Umschlag.

Wallins goss sich einen Whisky ein, trotz der frühen Stunde. Er musste wirklich schwer angeschlagen sein. Er nahm einen tiefen Schluck und lehnte sich an seinen Schreibtisch.

»Du weißt, dass ich deine Arbeit immer sehr geschätzt habe, Torben. Aber mal ehrlich: Seit Monaten leistest du nur noch einen Bruchteil dessen, was du wirklich kannst. Ich habe erfahren, dass du deine Nächte und offensichtlich auch deine Zeit im Büro damit verbringst, an einem Programm zu arbeiten, das nicht zu deinen Aufträgen gehört.«

Torben räusperte sich. »Das ist doch Quatsch, ich habe nur …«

»Und was ist das?«

Wallis drehte seinen Laptop so, dass Torben das Display sehen konnte. Sofort erkannte er an den Daten, dass aufgezeichnet worden war, wann und welche Dateien er von seinem Rechner auf einen USB-Stick geladen hatte. Verdammt, er hatte seinen Chef unterschätzt.

Triumphierend klickte Wallins einen Anhang an, der sich öffnete. Es war ein Skript, das Torben sich heruntergeladen hatte. Ein einziges Mal nur hatte er das getan, und schon war er erwischt worden. Heilige Scheiße. Wie stümperhaft!

Er stand auf und betrachtete mit ausdrucksloser Miene das Skript. Cool bleiben, ermahnte er sich. Dem kannst du viel erzählen.

»Ach das.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist nur ein Skript, das den Crawler unterstützt, um Websites nach Schädlingen zu durchsuchen und automatisch zu löschen. Daran habe ich wochenlang rumgetüftelt, bin aber nicht wirklich weitergekommen. Deshalb wollte ich zu Hause daran arbeiten.«

Ob Wallins diese Ausrede akzeptierte? Betont langsam kehrte Torben an den Konferenztisch zurück und fläzte sich wieder auf seinen Stuhl. Doch Wallins ließ sich nicht so leicht täuschen.

»Hör zu, Torben. Für mich sieht es danach aus, dass du Ressourcen von Saicom benutzt, um auf eigene Rechnung ein Programm zu entwerfen. Du hast die Wahl. Entweder wirst du jetzt ein Teamplayer, oder es ist besser, du gehst auch.«

Seltsamerweise fühlte sich Torben innerlich völlig ruhig. Ihm wurde bewusst, dass er nie ernsthaft an einen festen Vertrag mit Saicom gedacht hatte. Sollte Wallins ihn doch feuern. Auf die paar Kronen in den letzten Wochen bis zum Examen kam es jetzt auch nicht mehr an.

Er erhob sich und betrachtete noch einmal das Büro. Das Reich eines Dinosauriers.

»Mika, ich sage es dir ungern, aber die Ressourcen von Saicom waren bestenfalls ein Spielfeld für mich. Ihr geht das Problem nur symptomatisch an, nicht grundsätzlich. Na ja, warum solltet ihr das auch tun? Schließlich verdient ihr ja kräftig an jeder neuen Sicherheitslücke. Und damit geht das Spiel ewig weiter. Mir ist dieses Spiel zu blöd geworden.«

Wallins atmete tief durch. Er ging zum Fenster und wandte Torben den Rücken zu.

»Also schön. In dem Umschlag vor dir findest du zwei Dinge. Deine Kündigung, aber auch ein letztes Angebot. Und jetzt raus, bevor ich es mir anders überlege. Aber vergiss nicht, ich kenne sehr viele Leute. Wenn du uns schadest, kriegst du keinen Fuß mehr auf die Erde.«

Ruckartig drehte er sich zu Torben um. In seinem Blick lag Angriffslust, aber auch Angst. Ja, der große Wikinger hatte Angst. Es schien wirklich ein Riesenschlamassel zu sein, in den er hineingeraten war. Er brauchte Torben. Er brauchte diesen kleinen Nerd, weil er offenbar keinen Besseren hatte. Ein Anflug von Stolz rötete Torbens Wangen.

»Es liegt bei dir, wofür du dich entscheidest«, lenkte Wallins ein. »Wäre doch schade um dein Potenzial. Und das mit diesem Superprogramm schlag dir besser gleich aus dem Kopf. Das schafft keiner.«

Darum also ging es. Offenbar war etwas durchgesickert, an welchem Projekt Torben arbeitete. Hätte Wallins auch nur ansatzweise begriffen, um welche Dimensionen es sich dabei handelte, er hätte Torben seine ganze Firma angeboten, nicht nur einen läppischen Vertrag.

»Also?« Ungeduldig wippte Wallins mit einem Fuß.

Torben schnappte sich seinen Parka und steckte den Umschlag ein. Wieg den Boss in Sicherheit, dachte er. Bloß keinen Eklat provozieren.

»Danke für das Angebot, Mika«, sagte er so freundlich, wie er konnte. »Ich werde es mir überlegen. Übrigens hast du völlig recht: Das Superprogramm ist nichts weiter als ein Phantom. Der feuchte Traum irgendwelcher alberner Hacker. Mit so was gebe ich mich schon lange nicht mehr ab.«

Er nickte dem Wikinger kurz zu, dann verließ er das Büro. Draußen vor dem World Trade Center blieb er unvermittelt stehen. Plötzlich hatte er ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Der Druck verstärkte sich, und jede seiner Zellen schien eine Botschaft zu übertragen:

Du hast einen Fehler gemacht!

Aber welchen? Er schloss die Augen. Woher wusste Wallins von dem Programm, an dem Torben seit Monaten arbeitete? Es gab nur eine einzige Person, die er eingeweiht hatte: Nova. Doch sie würde Torben niemals verraten. Niemals. Oder doch?

Er musste sie sofort sprechen. Reflexartig griff er zum Handy. Nichts! Sie hatte es abgestellt. Verdammt, sie stellt doch sonst nie das Handy ab, dachte Torben, und wieder überflutete ihn das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Wallins war alles zuzutrauen, schließlich zählten mehrere Regierungsstellen zu seinen Kunden. Hatte Wallins ihn vielleicht an die Kandare genommen, ohne dass es ihm aufgefallen war, und spionierte ihm jetzt nach? Hatte er vielleicht sogar die Behörden eingeschaltet?

KAPITEL 2

STOCKHOLM

Tausend Gedanken wirbelten auf dem Weg nach Hause durch Torbens Kopf. Der Tag fing nicht gut an. Was wusste Wallins wirklich? Bluffte er, oder hatte er tatsächlich verstanden, was Torben ausheckte? Er ballte die Fäuste in den Taschen seines Parkas. Irgendetwas hatte er übersehen. Etwas Entscheidendes. Doch sosehr er sich auch sein Gehirn zermarterte, er kam nicht darauf.

Bevor er in sein Büro ging, machte er halt bei dem Coffeeshop, der fast sein zweites Wohnzimmer geworden war. Hier konnte er abschalten, wenn er es allein nicht mehr aushielt. Torben mochte den schummrigen kleinen Laden mit den blank gescheuerten Stehtischen und den kitschigen Blumengirlanden unter der Decke.

Als er den Coffeeshop betrat, stand seine heiße Schokolade bereits auf einem der Stehtische. Wenn die Kellnerin ihn um die Ecke biegen sah, wusste sie, dass jetzt Schokolade angesagt war. Am Tresen wählte er einen der gelben Kuchen, die für ihn nur hier den Geschmack von echter Vanille hatten.

Geistesabwesend schlürfte er sein Lieblingsgetränk in sich hinein und biss ein Stück Kuchen ab. Was war mit Nova los? Wieder tippte er ihre Nummer ins Handy, diesmal funktionierte es.

»Nova, wir müssen dringend reden. Kannst du in mein Büro kommen? Du bist schon unterwegs? Perfekt.«

Er ließ sich den Kuchenrest einpacken, trank die heiße Schokolade aus und legte ein paar Münzen auf den Stehtisch.

Als er die Tür zu seinem Büro aufschloss, erschien auch schon Nova auf dem Hinterhof. Sie hatte ihren Businesslook abgelegt, trug bunt gestreifte Strumpfhosen, einen braunen Rock und kniehohe schwarze Stiefel, dazu eine dunkelbraune Lederjacke. Große, gelbe Plastikohrringe baumelten fast bis auf ihre Schultern. Sie sah aus wie Pippi Langstrumpf. Nur die Wut, die ihr noch ins Gesicht geschrieben stand, passte nicht so recht zu ihrem fröhlich bunten Outfit.

»Nova, mein Gott, was war denn das für eine Szene? Du …«

Mit einer aggressiven Geste brachte sie ihn zum Schweigen. »Das fragst du noch? Du siehst doch, was aus Saicom geworden ist. Die Firma wurde mal gegründet, um die User zu schützen. Aber dieses miese Arschloch Wallins macht uns zu einem reinen Spionageunternehmen. Wie konntest du nur diese Scheißvereinbarung unterschreiben?«

Beschämt schaute Torben zu Boden. Natürlich war es ihm unangenehm, dass er sich so ohne Weiteres gefügt hatte.

»Ich weiß auch nicht. Es ging alles so schnell. Komm doch erst mal rein.«

»Gewissenloser Freak.«

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Auf einmal sah sie richtig weiblich aus. Fast hübsch, fand Torben. In sentimentalen Momenten hatte er schon öfter mit dem Gedanken gespielt, dass da mehr zwischen ihnen sein könnte als Freundschaft. Sobald sie unter sich waren, konnte er sich öffnen, er, der Schüchterne und Introvertierte. Er fühlte sich einfach wohl in ihrer Nähe, auch deshalb, weil sie nicht nur den kauzigen Computerfreak in ihm sah. Manchmal hatte er den Eindruck, sie hielt ihn für Thron, den legendären Kämpfer der User, aus dem wohl bekanntesten Film über die Verschmelzung von Mensch und Maschine, der Wächter des Internets, der über all die Bits und Bytes herrscht.

Vor Kälte zitternd, betraten sie das kleine Büro. Torben warf sich auf den Drehstuhl hinter seinem Schreibtisch, Nova hockte sich auf einen Schemel davor. Herausfordernd sah sie ihn an.

»Und? Was war es dir wert, deine Seele zu verkaufen?«

»Jetzt mal langsam.« Torben packte den Kuchen aus und hielt Nova das angebissene Stück hin. »Okay, der Alte hat mir ein Angebot gemacht.«

Sie nahm ihm den Kuchen ab, so eine Verköstigung war typisch Torben.

»Womit ködert er dich? Eine Million Dollar?«

»Ich habe mir das Angebot noch nicht mal angesehen.«

Er zog den Umschlag aus der Innentasche seines Parkas und fand darin zwei Schreiben. Das eine war seine Kündigung. Als er das andere überflog, pfiff er überrascht durch die Zähne.

»Das kann doch nicht wahr sein! Der Kerl bietet mir tatsächlich 200.000 Kronen jährlich plus Bonus, plus Firmenwagen und wahrscheinlich diverse Bordellbesuche. Letzteres steht natürlich nur zwischen den Zeilen.«

Nova fing laut an zu lachen.

»Du in einem Puff? Guter Witz. Bekomme ich einen Kaffee?«

»Ja, klar.«

Im Aufstehen zog Torben seinen Parka aus und ging zu seiner strapazierten Kaffeemaschine, die rund um die Uhr in Betrieb war. Er spülte einen Becher aus und füllte ihn mit der schwarzen, bitteren Brühe.

Nova nahm einen Schluck. Angewidert verzog sie das Gesicht. »Was ist denn das für ein Höllenzeug?«

Torben reagierte nicht. Er setzte sich vor seine Rechner. Sie waren wie immer hochgefahren, wenn auch im Ruhezustand. Wie gewohnt, drückte er auf die Entertaste, um sie zu wecken. Sein Blick wanderte über den Schreibtisch. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es fehlte etwas. Der rote Ordner! Der Ordner mit seinen Recherchen und seinen neuen Skripts. Er erinnerte sich genau daran, wo er ihn hingelegt hatte. Hier hatte alles seine unsichtbare Ordnung. Doch sein Allerheiligstes war verschwunden. Panik erfasste ihn.

»Was, zum Teufel, ist hier los?«

Nova hörte auf zu kauen. »Was meinst du?«

»Ich habe hier heute Morgen einen Ordner hingelegt. Mit Skripts für den Crawler. Jetzt ist er weg.« Er sah sie misstrauisch an. »Hast du Wallins etwas über mein Programm erzählt?«

Entrüstet tippte sich Nova an die Stirn. »Spinnst du? Warum sollte ich das tun?«

Torben ärgerte sich über seine dumme Unterstellung.

»Entschuldige. Ich werde nur das Gefühl nicht los, das Wallins Dinge über mich weiß, die ihn nichts angehen.«

»Du Schlaumeier hast doch selbst in der Firma mit mir darüber gesprochen, als Wallins nur wenige Meter entfernt stand. Vermutlich hat er was aufgeschnappt. Aber keine Sorge, im schlimmsten Fall hat er gedacht, du wolltest ihm Konkurrenz machen. Für alles andere ist der doch viel zu blöd.«

Zu blöd? Seit dem Gespräch am Morgen war sich Torben da nicht mehr so sicher. Das Blut schoss ihm ins Gesicht. Er spürte, wie seine Wangen glühten.

»O Gott, ich Idiot. Ja, das wird es gewesen sein. Genau deswegen hat er mich heute vor die Wahl gestellt. – Wo ist dieser verdammte Ordner?«

»Wow, Mr. Wichtig hat ein Problem. Schade, jetzt kannst du die Welt nicht mehr retten.«

»Du hast ja keine Ahnung.« Torben startete ein Programm, das seine Festplatten scannte. »Wenn es mir darum ginge, Mr. Wichtig zu sein, hätte ich das Angebot von Wallins angenommen. Hier steht weit mehr auf dem Spiel. Weißt du noch, wie ich dir vor ein paar Wochen erklärt habe, was passieren wird, wenn die Attacken wieder losgehen? Das ist der Auftakt zu einem …«

»Ja, ja – alles ein abgekartetes Spiel«, fiel Nova ihm ins Wort. »Hab’s kapiert.«

Torbens Unruhe steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Alles machte ihn jetzt nervös. Wallins Informationen, der verschwundene Aktenordner, Novas ironische Bemerkungen.

»Nichts hast du kapiert. Demnächst drehen sie das Netz ab. Stell dir das mal vor! Ich glaube langsam, dass Anonymous eine ganz andere Rolle spielen, als man es uns glauben machen will. Woher wissen wir denn, ob Anonymous nicht längst von Geheimdiensten unterwandert wurden?«

Nova wischte sich einen Kuchenkrümel von der Unterlippe. »Die gute, alte Verschwörungstheorie. Meinst du, es ist wirklich was dran?«

»Nova, wach auf! Es geht nicht um Verschwörung. Im Grunde genommen kannst du mit diesem Wort alles totschlagen. Es geht um Interessen und Macht. Und das Internet bedroht die alten Machtstrukturen. Aber worüber sich die wenigsten Gedanken machen, ist, welche Art von Kontrolle das Netz den alten Machthabern bietet. Kannst du dich an die Geschichte in Bahrain erinnern? Deutsche Spionagesoftware wurde geliefert, und einige Tage später wurden wie aus dem Nichts Hunderte Regimegegner verhaftet, und das war nichts gegen das, was jetzt droht.«

Hochkonzentriert starrte Torben auf seine Rechner. Sie waren sauber. Gott sei Dank. Keine Spur von einem ungebetenen Besucher. Er atmete auf. Als er zu Nova blickte, wedelte sie mit dem vermissten Ordner herum.

Er sprang auf. »Wo hast du den jetzt her?«

»Ich habe drauf gesessen, du paranoider Nerd.«

Hastig nahm er ihr den Ordner ab und blätterte darin. Es schien nichts zu fehlen. Erleichtert sank er auf seinen Stuhl zurück. Dennoch, hier stimmte was nicht. Er legte nie etwas auf dem Schemel ab. Nie. War etwa jemand in seinem Büro gewesen? Fieberhaft erwog er diese Möglichkeit. Das Türschloss war leicht zu knacken, eine Kleinigkeit für einen Profi. Aber wer interessierte sich schon für seine Arbeit? Grimmig schlug er den Ordner zu. »Verspotte mich ruhig. Ich bin fast fertig mit dem Programm, und dann ist Schluss mit lustig.«

Nova war sichtlich neugierig geworden und versuchte, ihm den Ordner zu entwinden.

»Untersteh dich!«

»Hey, jetzt mach mal nicht auf geheimnisvoll. Wir kennen uns lange genug. Du kannst mir vertrauen. Und ich glaube, es wäre ganz gut, wenn dir jemand ab und zu auf die Finger schaut. Sonst stellst du vielleicht noch einen Riesenblödsinn an.«

Torben presste den Ordner an sich. »Vielleicht mache ich uns alle arbeitslos.«

Nova kommentierte seine Worte mit einem ungläubigen Grinsen. Doch als sie ihm in die Augen schaute, verlosch ihr Grinsen. Eine ungewohnte Entschlossenheit, ja Härte, lag in seinem Blick.

»Meinst du das etwa ernst?«

»Was sonst?« Torben hatte seine Fassung wiedergewonnen und begann das Prinzip seines Programms Spygate zu erläutern. »Es funktioniert zusammen mit einem Wurm, der sich frei durch das Netz bewegt. Selbst im Fall seiner Entdeckung werden sich alle die Finger wund tippen, sollten sie versuchen, ihn zu löschen. Der Wurm erschafft sich wie ein Perpetuum mobile so lange wieder selbst, bis der Code irgendwann entschlüsselt wird.« Torben war aufgestanden und schritt auf und ab. »Aber bis sie das geschafft haben, arbeiten Wurm und Spygate im Netzwerk unzertrennlich zusammen.«

Nova sah ihn ungläubig an. Was er hier gerade auftischte, war ungeheuerlich. »Ich ahne, worauf du hinauswillst.«

»Helles Köpfchen! Der Wurm wird sich zunächst in den Nervenzellen des Internets schlafen legen, um erst mit einer gewissen Zeitverzögerung aufzuwachen. Er funktioniert wie ein unsichtbarer Agent, wie ein Antikörper, der Grippe, Aids und Ebola auf einmal erkennt«, fuhr Torben mit blitzenden Augen fort. »Wenn es so läuft, wie ich es mir vorstelle, haben in zwei Wochen etwa 80 Prozent aller Rechner im Netz Spygate.« Torben schlug die Hände zusammen, als wollte er untermauern, welcher Geniestreich ihm gelungen war. »Spygate hängt dann an alle gesendeten Daten so was wie eine Signatur, und der Wurm erkennt an den neuralgischen Punkten des Netzes die Daten anhand der Signatur wieder. Danach werden Facebook und Google ziemlich viele User verlieren. Wenn die Menschen endlich mal vor Augen haben, wie ihre Daten gleichzeitig bei der CIA und anderen Geheimdiensten zur Auswertung landen.«

Wie er das Ganze programmiert hatte, behielt Torben vorsichtshalber für sich. Längst bewegte er sich auf illegalem Terrain, und es war besser, wenn Nova nicht zu viel wusste. Er steckte sich ein Stück Lakritz in den Mund.

»Ich kann es kaum fassen, was du da zaubern willst, und das soll funktionieren?«, fragte Nova mehr rhetorisch als skeptisch. Sie hatte genug Ahnung von der Materie, um zu verstehen, was Torben plante.

»Wart’s nur ab. Es gibt noch ein paar Probleme, die ich lösen muss. Dann starte ich die Testphase.«

Nova stellte ihren Kaffeebecher ab. »Sag mal, bist du völlig bekloppt? Wenn du das wirklich zum Laufen bringst, könnte das ziemlichen Ärger auslösen. Was glaubst du, wer du bist? Robin Hood? Das heißt ja, du enttarnst den Staat!«

»Nova. Es sollen endlich einmal alle sehen, was jeden Tag im Netz mit unseren Daten passiert. Wir haben bei Saicom lange an dieser Lösung gearbeitet. Warum wohl werden diese Lösungen immer wieder systematisch unterdrückt, obwohl sie zum Greifen nahe liegen? Wallins verdient an seinen zahlenden Regierungskunden, und die anderen haben ihren Spaß am Hacken. Ich will, dass die Menschen erfahren, wer ihre Daten abfängt, analysiert und auswertet und wie Internetprovider über ihre Hintertüren die Behörden füttern.«

Nova schnaubte einmal aus.

»Wenn ich dich richtig verstehe, willst du jeden Versuch, Daten abzusaugen, sichtbar machen. Damit bringst du nicht nur den Staat gegen dich auf, sondern auch alle Hacker.«

»So ähnlich. Aber mein Gott, ich werde sie warnen, wenn es so weit ist. Die werden sich halt eine Weile zurückhalten müssen. Das alles ist ja nur ein erzwungener Waffenstillstand auf Zeit.«

»Du bist größenwahnsinnig, das klappt nie. Sie werden das irgendwie unterbinden.«

»Nova, wenn Anonymous zumindest für eine Zeit nicht aufhört, landen die alle im Knast. Ich will mich … ja, vielleicht bin ich verrückt … mit dem Programm stelle ich mich eine Zeit lang zwischen die Fronten, was ist so falsch daran?« Nova sah ihn besorgt an. »Ich glaube, du brauchst mal eine Pause, siehst total fertig aus. Was ist, wollen wir ins Kino gehen?«

»Jetzt? Am Vormittag?«

»Warum nicht?«

Zweifellos meinte sie es gut. Und eine Pause war in der Tat keine schlechte Idee. Seit drei Tagen hatte Torben durchgearbeitet, ein Film würde ihn auf andere Gedanken bringen. Er fuhr die Rechner herunter und bückte sich, um die Sneakers zu suchen, die er sich unter seinem Schreibtisch von den Füßen gestreift hatte.

»Hast recht, time for a break. Was läuft denn eigentlich …«

Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er riss die Augen auf. Das Spielzeugauto! Zertreten unter dem Schreibtisch. Mit zitternden Händen hob er die Plastikteile auf.

Irritiert sah Nova ihm zu. »Was hast du denn?«

Torben konnte nur noch flüstern. »Es war doch jemand hier. Jemand ist hier eingebrochen. Erst der Ordner, jetzt das hier. Mein Gott, Nova, irgendjemand ist hinter mir her. Und nenn mich jetzt bloß nicht paranoid. Ich weiß genau, wo der Ordner gelegen hat, ich weiß genau, wohin ich dieses Spielzeugauto heute früh gelegt habe. Jemand hat meine Sachen durchwühlt!«

»Und du irrst dich auch bestimmt nicht?«

Er schüttelte den Kopf. »Irrtum ausgeschlossen.«

Wieder starrte er auf das zertretene Spielzeugauto. Plötzlich spürte er Angst in sich hochkriechen. Ganz egal, wer hier eingedrungen war, er würde Torben genauso zertreten wie das kleine Auto, wenn ihm jetzt noch ein einziger Fehler unterlief.

KAPITEL 3

STOCKHOLM

Auf dem Weg ins Kino überschlugen sich Torbens Gedanken. Den roten Ordner hatte er mitgenommen. Am Nachmittag würde er einen Schlüsseldienst organisieren, um ein Sicherheitsschloss einbauen zu lassen. Das hätte er längst tun sollen. Doch er war sich ganz sicher gewesen, dass niemand von seiner Arbeit wusste. Im Inner Circle der Szene war er für seine ausgefallenen Ideen bekannt, sogar ein bisschen berühmt. Doch in dieser Szene war es undenkbar, irgendwo einzubrechen oder jemanden unter Druck zu setzen. Man kooperierte, anders als in den Chefetagen. Also musste jemand aus einer ganz anderen Ebene hinter ihm her sein. Das Gefühl, ausgespäht worden zu sein, weckte all seine Sinne.

Immer wieder sah er sich um, ob ihnen jemand folgte. Doch die Straße war menschenleer. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Bei dem Matschwetter ging ohnehin niemand freiwillig nach draußen.

Nova spürte Torbens Angst und versuchte, ihn abzulenken.

»Sag mal, was denkst du, wie haben Anonymous den neuesten Hack bewerkstelligt?«

»Möglicherweise haben sie die Sicherheitscodes der Satelliten geknackt«, antwortete Torben und verfiel wieder in seine Grübeleien.

Genau diesen Weg musste er gehen, um in den Fuchsbau, in die Datenbanken zu kommen, von denen Peter sprach. Aber das war mehr als riskant. Er erinnerte sich an das letzte Gespräch mit Peter Norris, seinem väterlichen Freund. Vor zwei Monaten war er nach Kuba geflogen und seither nicht mehr aufgetaucht. In der Szene kursierten Gerüchte, er sei ermordet worden. Am Vorabend der Reise hatten sie noch zusammengesessen und über die Entwicklungen im Netz diskutiert.

Torben rief sich Peters Worte ins Gedächtnis: Wenn du wissen willst, wer da angreift und was er wirklich vorhat, musst du seine Angst und seine Überzeugungen verstehen lernen. Selbst die finstersten Pläne werden irgendwo aufgezeichnet und dokumentiert. Du hast das Zeug dazu, mehr rauszubekommen, aber viel Zeit bleibt nicht mehr. Ich werde dir nach meiner Rückkehr dabei helfen.

Nova blieb unvermittelt stehen und hauchte ihre kalten Finger an. »Willst du mir nicht langsam mal sagen, warum du dich seit Wochen nur noch in deinem Büro verkriechst und wieso sich jemand die Mühe machen sollte, dir hinterherzuspionieren?«

Torben zögerte, schaute nach rechts und links.

»Was ist los Torben? Komm runter, wir sind allein!«

Er versuchte, sich zusammen zu reißen. Er konnte nicht länger alles mit sich selbst ausmachen, wenigstens Nova sollte etwas von dem erfahren, was Peter ihm gesteckt hatte.

»Erinnerst du dich noch an Peter?«

Ungeduldig trat Nova von einem Fuß auf den anderen. Ihre dünne Lederjacke schützte sie kaum vor der eisigen Kälte, und ihr rotes Haar war von Schneeflocken übersät.

»Wie könnte ich deinen dubiosen Mentor vergessen? Soweit ich weiß, ist er seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden. Oder hast du Kontakt zu ihm?«

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Die Schneeflocken zerschmolzen auf Torbens erhitzten Wangen wie Eiswürfel in der Mikrowelle.

»Nein«, erwiderte er. »In einigen Blogs heißt es, er sei tot. Und da er sich sonst regelmäßig meldet …« Die Stimme versagte ihm. Peter war wie ein Vater für ihn.

Mitfühlend legte Nova einen Arm um Torbens Schulter. »Tot? Wie jetzt – tot? Einfach so gestorben oder …«

Sie beendete den Satz nicht. Torben zog nur die Schultern hoch.

»Du hast mir nie gesagt, wie ihr zusammengekommen seid.«

»Das spielt jetzt keine Rolle! Wichtiger ist, was ich von ihm erfahren habe!«

Peter Norris hatte Torben von einigen hochbrisanten Plänen der CIA erzählt. Nach seinem Ausscheiden aus der Organisation hatte er kaum noch Zugang zu aktuellen Informationen gehabt, und vor allem besaß er nicht Torbens Fähigkeiten, sich diese Informationen über einen digitalen Einbruch zu beschaffen. »Ein bestimmtes Projekt hat ihm besondere Sorgen bereitet. Dabei geht es angeblich um ein ominöses Überwachungsprogramm, aber da war noch mehr. Doch bevor er mich in nähere Details einweihen konnte, war er vielleicht schon tot.«

Stumm schlenderten sie an kleinen Cafés und Geschäften vorbei. Der Neuschnee dämpfte ihre Schritte auf dem Bürgersteig.

»Wie konntest du nur so jemandem vertrauen?«, fragte Nova nach einer Weile.

Torbens Miene verfinsterte sich. Er mochte es nicht, wenn man seinen väterlichen Freund in Zweifel zog.

»Er hat eben lange geglaubt, dass diese Dinge wirklich im Interesse seines Landes seien. Denkst du etwa, diese Agenten sind alle Verbrecher? Die sind auch nur Opfer einer Ideologie. All diese Doktrinen und falschen Informationen wurden ihnen doch von Kindesbeinen an eingeimpft. Peter meinte, jetzt würden Dinge ans Tageslicht kommen, die alle zum Aufwachen zwingen. Ich sollte die Memoiren von einst wichtigen Wegbereitern einer Ideologie lesen, die sich erst jetzt richtig entfalten würde. Walter Lippmann oder Edward Bernays.«

»Torben, was soll ich damit anfangen? Wer waren diese Freaks?«

»Diese Freaks haben die Grundlagen dafür gelegt, wie die Massenmedien unser Hirn mit oberflächlicher Scheiße vollpumpen, wie man eine Demokratie vorgaukelt, die in Wirklichkeit vor allem die Interessen einer Elite vertritt, die mit ihrer Profitgier alle gemeinschaftlichen Lebensgrundlagen zerstört. Ach ja, das nennt man ja Privatisierung!«

»Das Internet – das Mekka der Transparenz …«

»Warum nicht? Mit seiner Hilfe kann entschieden werden, ob wir in eine Diktatur abrutschen oder in eine neue Zeit, in der sich die alten Lager von links und rechts auflösen und wir endlich über die Dinge so reden, wie sie wirklich sind. Gerechtigkeit und so … du weißt schon.« Torben war erleichtert, mit seinem Lieblingsthema seine düsteren Gedanken vertreiben zu können. »Das Netz ist Himmel und Hölle zugleich. Wie auch immer. Ohne Peter komme ich nicht an das konkrete Projekt heran, vor dem er uns warnen wollte. Er hatte einfach zu wenig Zeit, um mir wenigstens seine Vermutungen verdeutlichen zu können. Alles war …«

Torben zuckte zusammen. Als hätte er es die ganze Zeit gespürt: An der Ecke stand ein Mann, der ihn mit seinen Blicken zu verfolgen schien. Er nahm Nova bei der Hand und zog sie mit sich.

»Komm, lass uns schneller gehen, der Film fängt gleich an.«

Was sollte das denn? Nova konnte sich nicht daran erinnern, dass Torben sie jemals an die Hand genommen hatte. Ein kurzer Blick über ihre Schulter genügte, um sein merkwürdiges Verhalten zu erklären. In einigem Abstand folgte ihnen ein Mann. Er sah so durchschnittlich und so unauffällig aus, dass er schon wieder auffallend war: graue Winterjacke, graue Wollmütze, schwarze Aktentasche. Er drehte den Kopf weg und wechselte die Straßenseite, als Torben ihn musterte.

Verdammt noch mal, sah er Gespenster? Oder hing das alles zusammen – der Einbruch in seinem Büro, der graue Verfolger, sein Superprogramm und Peters düstere Andeutungen? Ein Gefühl der Ohnmacht übermannte ihn. War seine ganze Arbeit umsonst gewesen? War es ein Fehler gewesen, Peter blind zu vertrauen? Bevor er das nicht herausgefunden hatte, würde er nicht mehr ruhig schlafen können. Irgendwie musste er an Peters Daten kommen. Doch nach dem letzten Angriff von Anonymous würde alles noch schwieriger werden. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden täglich verschärft, und das Risiko aufzufliegen stieg von Stunde zu Stunde.

»Torben, hallo! Wir sind da.«

Torben zog sie schnell ins Foyer des Kinos. Er betrachtete sie schwer atmend.

»Du hast ihn auch gesehen, stimmt’s?«

»Wen denn?«

»Den grauen Typen, der uns gefolgt ist.«

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Was redest du da? Ich glaube, dass du langsam in eine Riesenscheiße rutschst und paranoid wirst. Sei vorsichtig, ja?«

In diesem Augenblick erschien der grau gekleidete Mann vor der Eingangstür des Kinos und spähte ins Foyer. Ohne eine Karte zu kaufen, zog Torben Nova zum Kinosaal. Er drückte der Kontrolleurin zwei Hundert-Kronen-Scheine in die Hand.

»Ist ein Notfall«, flüsterte er.

Geduckt steuerte er die hinterste Reihe an und ließ sich in einen Sessel fallen. Er lehnte seinen Kopf an das Sitzpolster. War er wirklich schon paranoid? War sein Projekt vielleicht eine Nummer zu groß für ihn? Oder war am Ende er eine Nummer zu groß für die, die um ihren Einfluss fürchteten? Der Nerd aus Stockholm, der unauffällig im Hinterhof werkelte?

Die Werbespots auf der Leinwand waren noch nicht vorbei. Immer wieder blickte Torben zum Eingang, aber der Mann tauchte nicht auf.

KAPITEL 4

STOCKHOLM

Mit einem tiefen Seufzer setzte sich Torben auf seinen Drehstuhl. Eigentlich war er völlig ausgelaugt. Doch an Schlafen war nicht zu denken. Seit dem Mittag konnte er sich in seinem Büro nicht mehr sicher fühlen. In seinen Ohren schrillten Alarmglocken. Vielleicht hatte er nicht mehr viel Zeit.

Nach dem Kino hatte er Nova zu ihrer Wohnung begleitet, die nur zwei Straßen weiter lag. Beim Abschied hatten sie sich umarmt. Ich darf Nova nicht gefährden, war es ihm dabei durch den Kopf gefahren. Keine Telefonate mehr, keine SMS, keine Mails. Vermutlich wurde er schon länger überwacht. Nur von wem?

Er fuhr einen seiner vier Rechner hoch. Gerade, als er einen Chat öffnen wollte, sah er, wie der Cursor sich selbstständig machte und einige Programme startete.

Er hatte keine Kontrolle mehr über den Rechner, selbst die Tastatur war abgehängt.

»Das glaub ich nicht!« Wütend hackte er auf der Tastatur herum. Dass ihm das heute auch noch passieren musste! Es war, als würde ihm jemand mitten auf dem Grundschulhof vor den versammelten Mädchen die Hosen runterziehen.

Rasch fuhr er einen zweiten Rechner hoch, rollte mit seinem Stuhl zum nächsten und nächsten Rechner, dann wieder zurück. Er kappte die Verbindungen.

»Kommt schon, kommt schon, fahrt hoch!«

In Windeseile aktivierte er einige Programme. Ein Fenster nach dem anderen öffnete sich, Kolonnen von Zahlen und Buchstaben rasten über die Monitore. Torben tippte mit geisterhafter Geschwindigkeit Befehle ein und wiederholte die Prozedur an zwei weiteren Rechnern.

»Ich krieg dich. Ich krieg dich, wer immer du bist.« Schweißperlen standen auf seiner Stirn. »Na komm schon, gleich hab ich dich.«

Das war kein Virus oder Trojaner. Das war ein direkter Angriff. Doch wie konnte das so schnell nach dem Hochfahren passieren?

Ich bin gerüstet für dich, ermunterte sich Torben. Er hatte jetzt keine Angst mehr. Ganz im Gegenteil, das war ein Kick, den er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Der Kick eines Duells auf Augenhöhe. Als ob er nur darauf gelauert hätte, nahm er den Kampf mit seinem unbekannten Gegner auf.

Seine Hände flogen über die Tastatur. Er musste das Programm umgehen, das die IP-Adresse seines Angreifers schützte. Doch nichts funktionierte. Plötzlich stoppten die Zahlenkolonnen. Hatte der Angreifer aufgegeben?

»Du Feigling! Hast gecheckt, wer hier der Herr im Haus ist, was?«

Er lehnte sich zurück. In den vergangenen Jahren hatte er seine Fähigkeiten immer weiter ausgebaut. Niemand aus der Szene kannte sich mit den Algorithmen von Computerviren so gut aus wie er. Das hatte er schon festgestellt. Entdeckte er ein Virus, dachte er sich etwas Besseres aus, das den Angreifer durch das Netz jagte und zerstörte. Keine Sicherheitslücke von Betriebssystemen und Firewalls entging ihm. In der Firma versammelten sich regelmäßig alle um ihn, wenn es um die Analyse eines neuen Schädlings ging. Als wäre er der legendäre Neo aus dem Film Matrix. Nur sein Kung-Fu fand jetzt auf der Tastatur statt, und er bekam gerade von seinem virtuellen Gegner mächtig eins auf die Klappe.

Torben fuhr den attackierten Rechner wieder hoch und wartete kurz. Spygate hatte er auf seinem Robinson-Rechner abgelegt. Dieser Rechner ging nie ans Netz. Das war der einzige Weg, um sensible Daten zu schützen, das war so, und das würde auch so bleiben. Hätten das alle beim Aufbau der schönen neuen digitalen Welt beachtet, wäre die Lage nicht so prekär, aber all die Warnungen früherer Hacker wurden geflissentlich ignoriert. Während er noch darüber nachdachte, sah er, wie der Hack wieder losging. Innerhalb von Sekunden wurde seine Festplatte durchsucht.

»Hey, hey, hey, woher hast du dieses Tempo? Okay, mach ruhig weiter, mein Junge, du kriegst hier gar nichts. Nur das hier!«

Torben schob ein Programm mitten in einen Datenfluss, dessen Zahlen sich daraufhin auflösten und ein Totenkopfsymbol bildeten. Er lachte laut auf und schlug sich auf die Schenkel, wie ein Trottel, der einen doppelbödigen Witz verstanden hatte. Zu gerne hätte er das Gesicht auf der anderen Seite gesehen. Das Einzige, was sich der Angreifer geholt hatte, war eine mächtige Klatsche.

Doch schon in der nächsten Sekunde dräute neues Unheil. Der Totenkopf fiel in sich zusammen, und es formte sich ein Satz auf dem Schirm:

Wir kennen eure Pläne!

Weitere Sätze folgten, die ihn wie Fausthiebe trafen.

Wir haben euch gewarnt. Wir werden euch verfolgen und entlarven. Das ist erst der Anfang. Wir werden unsere Rechte verteidigen. Wir sind Anonymous, wir sind alle, wir vergessen nichts, wir vergeben nichts, rechnet mit uns!

Das konnte nicht sein. Oder war gar nicht er persönlich gemeint? Kam der Angriff von Saicom? Oder kam er wegen Saicom? Schließlich war Saicom ein erklärter Feind der Hacker.

Er rutschte nach vorne zur Tastatur und versuchte, sich bei Saicom einzuloggen. Abgelehnt? Er hatte doch die Kündigung noch gar nicht abgegeben. Sich dort einzuhacken würde jetzt zu lange dauern. Nur Kilian konnte ihm helfen. Es war später Nachmittag, aber sicher wäre er noch im Büro. Torben wählte Kilians Nummer und klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr. Gleichzeitig versuchte er, seinen Gegner mit einem anderen Programm zu analysieren. Vergeblich. Merkwürdig, dachte er, so gut kann niemand in der Firma sein.

Nach ein paar Freizeichen meldete sich Kilian.

»Hallo Torben, wolltest du nicht wieder reinkommen?«

»Wenn du vor dem Rechner sitzt, logg dich bitte bei Saicom ein«, sagte Torben ohne weitere Erklärung. »Es ist wichtig.«

»Spaßvogel. Ich bin längst drin und arbeite – im Gegensatz zu euch Pfeifen!«

Torben hatte keine Zeit, auf diese Provokation einzugehen. Er wusste, dass Kilian hinter Wallins stand, aber das hatte ihre Freundschaft bisher nie belastet. Nun taten sich Fronten auf, die Torben schmerzten. Zu unüberlegt, zu stromlinienförmig folgte Kilian seinem fragwürdigen Arbeitgeber, fast so wie seinem übermächtigen Vater.

Hastig schickte er ihm eine Mail mit einem kleinen Programm, das seinen eigenen Virus erkennen konnte.

»Öffne bitte das Programm und sag mir, was passiert. Ich habe meinem Angreifer einen guten Schnupfen geschickt, der seine Festplatte löscht. Hoffe nicht, das es der Server von Saicom ist.«

Torben sah sein eigenes Gesicht, das vom Bildschirm reflektiert wurde. Seine Augen brannten, er sehnte sich nach Schlaf. Durchs Handy hörte er das Klackern von Kilians Tastatur.

»Und?«

Kilians Stimme klang rau. »Was soll das Programm?«

»Vertrau mir, es ist nichts Gefährliches, nur ein Scanner. Ich will wissen, ob mich Wallins im Visier hat«, versuchte Torben, seinen Freund zu beruhigen.

Kilian und Torben waren seit Jahren zusammengewachsen. Ihre Gastsemester in Hamburg hatten sie noch fester zusammengeschweißt. Nächtelange Debatten über die theoretischen Inhalte ihres Politikstudiums ließen zwar die Unterschiede ihrer Herkunft deutlich werden, aber ihr Verhältnis war dennoch unbeschwert, da ihre Gegensätzlichkeit sich nicht auf ihr alltägliches Leben auswirkte. Die Mensa war die Mensa und der Campus der Campus, hier waren alle eins. Die Gegensätze zogen sich an, und der nächtliche Spaß in Bars und Diskotheken bescherte ihnen so manches Geheimnis, das sie miteinander teilten. Sie mochten sich einfach. Die Freundschaft ging so weit, dass beide gemeinsam entschieden, ins Informatikstudium nach Stockholm zu wechseln. Seither hatte Torben seine eigentliche Leidenschaft gefunden und überflügelte Kilian um Längen. Die Freundschaft ist geblieben, doch es mischt sich zunehmend Konkurrenzdenken ein, dachte Torben betrübt, während er durch den Hörer Kilian mit sich selbst reden und tippen hörte.

»Nichts, hier ist alles sauber. Sag mal, wollen wir nicht ein paar Bier trinken gehen? Ich hab das Gefühl, dass du von deinem Trip runterkommen musst. Du ziehst dich immer mehr zurück wegen dieses Scheißkriegs, der dir im Kopf rumspukt.«

»Machen wir, aber jetzt habe ich gerade ein anderes Problem. Irgendwer hat mich gehackt, und ich dachte, dass es vielleicht jemand aus der Firma war.«

»Bist du bescheuert? Warum sollte das jemand von uns tun? Mann, was ist los mit dir? Du tickst doch nicht mehr ganz regelmäßig. Keiner hier ist dein Feind und ich schon gar nicht!«

»Ja, ja, weiß ich doch. Ich vertraue einfach Wallins nicht mehr. Ist sonst bei euch alles sauber?«

»Alles clean, du Superhirn.« Kilian ergriff eine der seltenen Gelegenheiten, sich über Torben lustig zu machen. »Was ist los? Hat der King of Bits and Bytes einen schlechten Tag? Dass man ausgerechnet dich gehackt hat, kann ich fast nicht glauben!«

Torben nahm ein Lakritz und kaute so heftig darauf rum, als wollte er seinen unsichtbaren Feind zermalmen. Kilian wurde wieder sachlich. Wallins habe das Tempo erhöht, und er, Kilian komme mit dem Programm zum Schutz der Satelliten nicht weiter.

»Danke für den Support«, sagte Torben. »Wenn du Hilfe brauchst – ich bin morgen den ganzen Tag zu Hause. In die Firma setze ich keinen Fuß mehr, das verstehst du bestimmt.«

»Hast du denn gekündigt?«

Man konnte deutlich hören, wie verunsichert Kilian war.

»Noch nicht, aber mein Passwort ist gesperrt. Hat Wallins was gesagt?«

Es war klar, dass Kilian ihm bei seiner Arbeit nur vertrauen würde, solange er noch Angestellter von Saicom war.

»Ach, das hat nichts zu sagen«, wiegelte Kilian ab. »Wallins hat mal wieder alle Passwörter verändert. Nur Nova ist raus. Was sie gemacht hat, ist so sinnlos. Ich hoffe, du stellst dich nicht auch noch auf die falsche Seite.«

Torben zog eine Grimasse. Er konnte diese braven Bürgersprüche von Kilian nicht mehr hören. Trotz seines unkonventionellen Stylings war Kilian längst im Establishment angekommen. Im Grunde hatte er es nie verlassen, er, der Sohn aus wohlhabendem Hause. Und überhaupt – was war in diesen Zeiten schon richtig oder falsch?

»Lassen wir das, Kilian. Ist sonst irgendetwas bei euch vorgefallen?«

»Nein. Danke für dein Angebot. Ich muss jetzt weitermachen. Krieg dich wieder ein, ich komme morgen früh vorbei.«

Mit einem Klick war die Verbindung beendet. Torben schaute auf den Bildschirm vor sich und sah eine Nachricht von Vox News über den Ticker laufen, die ihm den Rest gab. Der Info-Krieg ging in die nächste Phase.

KAPITEL 5

STOCKHOLM

Eine Stunde wanderte Torben nun schon am Hafenkai entlang. Er ging nie spazieren, aber er hatte es in seinem Büro nicht mehr ausgehalten. Dieser Tag wollte einfach kein Ende nehmen. Mit weit ausholenden Schritten stapfte er in der Dunkelheit am Riddarfjärden entlang. Hier draußen war es noch kälter und windiger als in der Stadt. Die See war aufgewühlt, und Torben musste sich im Gehen vorbeugen, um nicht umgeweht zu werden.