Die keltische Verschwörung - Thore D. Hansen - E-Book

Die keltische Verschwörung E-Book

Thore D. Hansen

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Beschreibung

Welche Geheimnisse sind es, die der Vatikan mit allen Mitteln versucht, unter Verschluss zu halten – und das schon seit fast zweitausend Jahren? Und was hat diese Frage mit der keltischen Naturreligion zu tun? Vor allem aber: Was ist daran so brisant, dass deshalb vor dem Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika ein Prozess geführt werden muss, der an Brisanz alles bisher Dagewesene übertrifft? Die Recherchen des US-Richters Ronald MacClary über die Spuren der keltischen Kultur in Mitteleuropa schienen ein eher harmloses Hobby zu sein. Doch warum wird er deshalb plötzlich in lebensgefährliche Situationen verwickelt, die von anonymen, offenbar äußerst potenten Mächten inszeniert werden? Die Spur des gnadenlosen Terrors, dem der honorige Beamte unversehens ausgesetzt wird, führt in den Vatikan … Nur haben die bezahlten Schergen, die auf MacClary gehetzt werden, nicht mit dem Scharfsinn, dem Mut und der Entschlossenheit dieses Mannes gerechnet. Die atemlose Jagd führt durch halb Europa – mit großem Showdown in Washington, vor dem höchsten Gericht des mächtigsten Landes der Erde. Und in der Anklage geht es nicht nur um die Machtfülle und den ungeheuren Reichtum der römischen Kirche, sondern um ihr kostbarstes Gut: Moral und Glaubwürdigkeit.

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1. eBook-Ausgabe

© 2013 Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München

Überarbeitete Neuausgabe des Titels »Die Hand Gottes«,

der 2010 im Scorpio Verlag erschienen ist.

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Satz: www.humantouch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

ePub-ISBN: 978-3-943416-20-6

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.scorpio-verlag.de

INHALT

PROLOG

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52

KAPITEL 53

KAPITEL 54

KAPITEL 55

EPILOG

PROLOG

Seit unserer frühesten Jugend sind wir daran gewöhnt, verfälschte Berichte zu hören, und unser Geist ist seit Jahrhunderten so sehr von Vorurteilen durchtränkt, dass er die fantastischen Lügen wie einen Schatz hütet, sodass uns schließlich Wahrheit unglaubwürdig und die Fälschung wahr erscheint.

Sanchunniathon, vor 4000 Jahren

ROM – 1. AUGUST 325 N. CHR.

Nur wenige hundert Meter vom Kaiserpalast entfernt schleppte sich Aregetorix durch die dunklen, modrig riechenden Gassen der Stadt. Der Regen hatte seine Kleider völlig durchnässt, das Leder seiner Socci war durchweicht und vom Schlamm überzogen. An seiner von Falten zerfurchten Stirn klaffte eine Wunde, seine langen grauen Haare waren blutverklebt. Hatten seine Verfolger aufgegeben? Er blickte sich vorsichtig um. Ihn schmerzten die Schläge, mit denen ihn die Wachen des Bischofs Lateros traktiert hatten. Er hatte aus seiner Schreibwerkstatt Pergament gestohlen. Pergament war den Mönchen vorbehalten und für Lehrer wie Aregetorix, die am Hof des Kaisers dienten, so gut wie unbezahlbar. Er presste die ihm verbliebenen Bögen, die er unter seinem Gewand verborgen hatte, noch fester an sich. Doch es war etwas anderes, das ihn in panische Angst versetzte: ein Gespräch zwischen dem Bischof und dem Prätorianerpräfekt Flavius Ablabius, dem engsten Vertrauten des Kaisers, das er erlauscht hatte. Es blieb ihm nicht viel Zeit. Er musste in einigen Stunden wieder am Hof sein, frische Kleidung und Schuhwerk haben, seine Wunde so gut wie möglich versorgt wissen und sich etwas einfallen lassen, wie er mehr über die Vorgänge zwischen dem Kaiser und den Bischöfen erfahren konnte.

Mit zittrigen Beinen erreichte er endlich sein Ziel. Ein Keller in einem kasernenartigen Mietshaus, nur mit einem kleinen Fenster, ohne Toilette und Heizstätte. Mit einem letzten Blick hinter sich öffnete er die Tür und trat ein. Erschöpft ließ er sich auf eine Holzbank fallen.

Aus einem Nebenraum eilte Nara, seine Tochter, zu ihm. »Was ist dir passiert?«

»Hol mir neue Kleider und versorg meine Wunde. Ich habe nicht viel Zeit.«

Nara schaute ihren Vater prüfend, mit zusammengepressten Lippen an. Sie nahm ein Leinentuch, tränkte es im Wasserkrug, setzte sich zu ihm auf die Holzbank und tupfte seine Wunde ab. Blutspritzer befleckten ihre helle Tunica. Für die Öffentlichkeit trugen sie die typische Kleidung des untersten Standes der Römer und hatten römische Namen angenommen. Seit zehn Jahren verbarg sich Aregetorix am kaiserlichen Hof und unterwies die Kinder in Philosophie, Mathematik und Latein. Wie die meisten Druiden gab auch er sich nicht mehr zu erkennen. Wie schon sein Vater betätigte er sich als Spion und versorgte die Druiden in den besetzten Gebieten mit Informationen, um jede Chance zu nutzen, die letzten in Geheimschulen operierenden Druiden und ihre Schüler zu schützen.

»Du musst alle zusammenrufen Nara. Es wird eng für uns!«

»Was ist geschehen?«

»Es kommt großes Unglück über uns. Ich fürchte, der Kaiser hat die christlichen Bischöfe geeint. Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen, aber ich muss das, was ich heute gehört habe, aufzeichnen. Es muss der Welt ein Zeugnis hinterlassen werden, sonst war alles vergebens.«

Nara legte das Tuch zur Seite. Sie blickte verzweifelt zum Fenster, das den Raum spärlich mit Licht versorgte. Es war still, nur das Prasseln des Regens war zu hören. Sie versank kurz in Gedanken, sehnte sich zurück in ihr zerstörtes Dorf. Bis sie von den Besatzern aus dem ehemaligen Königreich Noricum endgültig vertrieben wurden, lebten sie in einem Gleichgewicht mit den Jahreszeiten, der Natur und der Sicherheit, die ihnen die Druiden gaben. Reichte es nicht, dass die Römer ihre Felder und Flüsse begradigten, Wälder rodeten, die seit Jahrhunderten Kräuter und Heilmittel gespendet hatten, dem Wild seinen Lebensraum nahmen, dass sie der Natur mehr abzuringen versuchten, als sie auf Dauer bereithalten könnte, dass sie Recht sprachen, um zu strafen, statt für einen Ausgleich zu sorgen?

In den letzten Monaten waren immer mehr Druiden trotz alledem freiwillig den Christen gefolgt und hatten andere Druiden verraten. Der Druck im Reich wuchs täglich. Würden die Christen wirklich an die Macht kommen, dann würden nun auch die Frauen im ganzen Reich endgütig zu Gebärmaschinen, anstatt, wie in ihrer Kultur, als das eigentlich Göttliche geehrt zu werden.

»Bist du dir sicher, Vater? Er ist kein Christ.«

Mit einem tiefen Seufzer legte Aregetorix seine Kleider ab. Nara reichte ihm ein frisches Gewand.

»Wenn es diesem Kaiser nutzt, wird er Christ. Verlass dich drauf.«

Aregetorix trocknete seine Haare und säuberte sein Gesicht mit dem restlichen Wasser. Er dachte kurz an die warnenden Worte seines eigenen Meisters. Der Mensch muss handeln, die Entwicklung des Universums liegt in seinen Händen.

»Wir müssen die Schriften an einen anderen Ort bringen, besonders die von Porphyrius. Wir werden sehen, ob die Allmacht des Geistes siegt oder der Wahnsinn dieses Kaisers. Wir müssen die Philosophen warnen.«

Plötzlich hörten sie Gebrüll und donnernde Hufe. Die Reiterhorden kamen näher.

MAGDALENSBERG, KURZ VOR KLAGENFURT IN ÖSTERREICH – 2. MAI 1945

Ein langgezogener Schrei – erst schrill, dann dumpf. Major Sean MacClary hörte ihn, kurz bevor ein junger Soldat dem Unterstand entgegengerannt kam, in dem er auf weitere Befehle des britischen Oberkommandos wartete.

»Major, Sir, ein Rekrut ist in eine Höhle gestürzt.«

Kein erneuter Angriff, MacClary war erleichtert. »Brillant, meine Herren. Ich fürchtete, meine Männer im Kampf zu verlieren. Stattdessen fallen sie in Löcher. Wahres Heldentum.«

Es folgten schnelle, präzise Befehle für die Rettung. Die letzten deutschen Kampftruppen in dieser Region Kärntens hatten sich verstreut. Es war zu gefährlich, Licht zu nutzen, um das unbekannte Gelände zu erkunden.

MacClary nahm zwei Soldaten und Sanitäter mit auf die Suche nach der Stelle, wo der Soldat in die Tiefe gestürzt war. Sein linkes Augenlid begann zu zucken, eine Eigenart, die er schon als Kind entwickelt hatte, wenn er von seinen Lehrern unter Druck gesetzt wurde. Seit er im Krieg eingesetzt war und mehrere Verwundungen überstanden hatte, überkam ihn dieser Tic immer häufiger. Für ihn war es eine Schwäche, die er vor seinen Männern verbergen musste. Er hielt kurz inne, nahm dem Helm ab und griff sich an die verschmutzte Stirn, um sich zu beruhigen. Seine Augen suchten einen Fixpunkt im Gelände. Nur langsam wich das Zucken; mit einer Hand strich er durch seine kurzen grauen Haare, mit der anderen setzte er den Helm auf und folgte wieder seinen Soldaten.

Am Abgrund angelangt, wagte es MacClary, mit einer kleinen Taschenlampe in die Tiefe zu leuchten, und erkannte einige Meter tiefer den reglosen Mann.

»Soldat, können Sie mich hören?«

Nur ein leises Stöhnen verriet, dass da unten noch jemand am Leben war.

»Smith und Rudy, Sie seilen sich ab«, befahl MacClary den Nächststehenden.

Die beiden folgten umgehend seiner Order. Als sie ihren Kameraden erreichten, hörte MacClary ein Raunen, das kaum dem Verletzten gelten konnte.

»Was ist los? Sie sollen den Mann bergen und keine Höhlenforschung betreiben«, schrie er hinunter.

»Aber Major, das müssen Sie sich ansehen! Hier ist ein Eingang zu einem Raum voll mit altem Zeug.«

»Was? Warten Sie, ich komme runter.«

MacClary seilte sich ab und folgte dem Licht, das einer der Soldaten auf den Boden der Kammer gestellt hatte. Dort angekommen, traute er kaum seinen Augen. Im ersten Moment dachte er an einen geheimen Bunker, doch dann begriff er, dass es sich hier um Hinterlassenschaften handeln musste, die nicht nur Hunderte, sondern sogar Tausende von Jahren alt sein konnten. Er hatte vor dem Krieg als ordentlicher Professor für Archäologie gearbeitet. Beim Anblick dieser Artefakte wurde er schwach in den Knien, und die Sehnsucht nach seiner Arbeit überwältigte ihn.

»Ihr rettet jetzt den Mann«, sagte er schroff. »Ich muss mir das hier genauer ansehen.«

In dem schummerigen Licht konnte er nicht viel erkennen. Es musste sich um eine Art Bibliothek oder eine besondere Grabkammer handeln, das registrierte er sofort. Die Beschaffenheit der Steine, der Figuren und der wenigen Schriftzeichen, die er in der staubgeschwängerten Luft ausmachte, deutete auf keltische, aber auch römische Herkunft.

Das ist eigentlich nicht möglich, überlegte MacClary. Nachdem die Kelten von den römischen Eroberern zum Christentum bekehrt worden waren, hätten sie wohl kaum diese geheimnisvolle Sammlung erschaffen. Nur die Druiden hätten die Kenntnisse und Weitsicht haben können, derartige Schätze zu verstecken, aber das war auch unmöglich. Von ihnen war bekannt, dass sie ihr Wissen nur mündlich weitergegeben hatten. War diese Höhle ein Zufluchtsort? Ein Ort, um Wissen und Kultur zu bewahren? Wer aber waren dann die Baumeister? MacClary schossen Fragen wie Maschinengewehrsalven durch den Kopf, doch Antworten würde er unter diesen miserablen Umständen nicht finden.

Es gab nur wenige Menschen, die so genau wie er wussten, dass weder Römer, Griechen noch Germanen Europa als Erste prägten. Es waren die Kelten. Ihre Unabhängigkeit war ihnen zwar unter Julius Cäsar genommen worden, aber ihre Kultur und ihre Religion behielten sie noch lange, bis im vierten Jahrhundert das Christentum Rom beherrschte. MacClary wusste, dass der Verlust der keltischen Kultur viel zu wenig beachtet worden war, obwohl sie auch heute noch Bedeutung für unser Leben hatte. Könnte es eine Fügung sein, warum er gerade jetzt auf diese Artefakte gestoßen ist?

Schwer atmend, behindert von der Finsternis und dem Staub, der die Höhle füllte, musterte er die Fundstücke so sorgfältig wie möglich. Er sah Schriftrollen, die in dieser Region eigentlich keine hundert Jahre hätten überdauern können, die aber eindeutig aus der Frühzeit stammten. Die Schöpfer mussten lange nach dieser ungewöhnlich trockenen und warmen Höhle gesucht haben. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Sie hatten unbedingt sicherstellen wollen, dass die hier versammelten Zeugnisse der Vergangenheit lange überlebten, damit sie in Zukunft jemand entdeckte und der Welt zugänglich machte.

Aber warum?

Inmitten all der unzähligen Steintafeln, Figuren, Schriftrollen und Schmuckstücke zog eine einzelne Kiste seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie war von Staub überzogen und fast vermodert. Doch unter dem Dreck entdeckte er einen Schriftzug auf dem Deckel:

DISTURBATIO FONTIS

»Die Vernichtung der Quelle«. Konnte das möglich sein? Stand er womöglich vor Aufzeichnungen der verfolgten Heiden?

MacClary wusste, dass er die Deutschen vor sich und die Truppen Titos hinter sich hatte. Es blieb nur wenig Zeit, diese Artefakte zu bergen oder besser: verschwinden zu lassen.

Verdammt!, dachte er. Warum ausgerechnet jetzt? Was soll ich nur tun?

Trotz seiner Ratlosigkeit und seines aufflammenden Ärgers gewann seine Tatkraft die Oberhand. Für einen Augenblick hatte er den Eindruck, wieder in seinem Lehrsaal zu stehen, umgeben von Studenten, die seine Geschichten aus der Archäologie wie Märchen verschlangen.

»Major?«

MacClary erschrak. Er war so vertieft und fasziniert gewesen, dass er selbst diesen elenden Krieg vergaß. Er befahl Rudy und Smith ein paar Munitionskisten zu holen, um wenigstens die wichtigsten Stücke zu sichern, während er darüber nachdachte, wie die Schätze auf einem sicheren Weg unauffällig durch Österreich über Frankreich nach England transportiert werden konnten. Allein die Masse an einmaligen Kulturwerten stellte ihn vor eine kaum lösbare Aufgabe. Er fühlte sich wie einer seiner Sanitäter oder Ärzte, die in den letzten Jahren viel zu oft zu entscheiden hatten, wen sie retten konnten und wen sie sterben lassen mussten.

Hinzu kam, dass es unter diesen Umständen kaum möglich war, die Funde einigermaßen sicher zu transportieren. Insbesondere die Pergamentrollen, deren Erhaltungszustand ohnehin schon ein Wunder war. Wenn durch den Einsturz der Höhle mehr Sauerstoff an die Artefakte gelangte, konnte es höchstens ein paar Wochen, vielleicht sogar nur Tage dauern, bis alles in sich zusammenfiel.

Er betrachtete die Schriftrollen. Pergament war erst seit Beginn des 4. Jahrhunderts in Europa verwendet worden, seit der Zeit, als die katholische Kirche zur Weltmacht emporstieg. Wäre dieser Fund ein Zeugnis jener Epoche, sein Wert wäre unschätzbar für die Forschung. Abermals vergaß MacClary fast, unter welchen Bedingungen er sich an diesem Ort befand – Bedingungen, die es kaum sinnvoll erscheinen ließen, auch nur eine Sekunde an die Zukunft zu denken.

Es blieben wahrscheinlich nur wenige Stunden, bis ihn der Befehl zum Einmarsch nach Klagenfurt erreichen würde. Wie sollte er jetzt einen sicheren und unauffälligen Transport organisieren können?

Sean MacClary genoss den Respekt und das Vertrauen seiner Soldaten. Kein Major hatte so wenig Verluste gehabt oder falsche Entscheidungen getroffen. Vielleicht könnte er den Fundort verbergen und nach dem Krieg erforschen, wenn er wieder als Archäologe arbeiten durfte. Als Major und Freund von General Brown konnte er geheim deklariertes Gepäck, Dokumente oder Ähnliches ohne Kontrolle nach England bringen lassen. Also würde er in aller Eile einige Stücke auswählen und den Eingang zur Höhle danach so verschließen lassen, dass es niemandem auffiel. Und dann musste er hoffen, dass sich das trockene Klima wieder einstellen und der Schaden gering bleiben würde.

Er wandte sich zu Rudy und Smith, die mehrere Munitionskisten angeschleppt hatten. »Könntet ihr die Höhle mit einer sanften Sprengung versiegeln, sodass keine Luft mehr eindringt, aber die Räume und diese Schätze nicht zerstört werden?«

»Ja, Sir, aber wir brauchen nach innen mindestens zehn Meter Platz für die Druckwelle und das Geröll«, erwiderte Rudy, der schon etliche Sprengungen erfolgreich hinter sich gebracht hatte.

MacClary leuchtete den Raum aus und entdeckte weitere Höhlenabschnitte. Vielleicht würde sein Fund die Explosion wirklich überstehen, wenn man alles weiter nach hinten transportierte. Er wies die Männer an, alles vorsichtig in die hinteren Räume zu bringen. Währenddessen verpackte MacClary einige Schriftrollen und Schmuckstücke in die Kisten, um sie noch im Schutz der Dunkelheit zu verladen.

Selbst wenn die Sprengung gelang und den Höhleneingang verbergen würde, standen die Männer doch vor dem Problem, wie sie eine noch so kleine Sprengung überhaupt durchführen sollten, ohne auf sich aufmerksam zu machen.

Da kam ihnen der Zufall zu Hilfe.

Vom britischen Hauptquartier erreichte sie der Marschbefehl, der 78. Infanteriedivision zu folgen, die in den Morgenstunden Klagenfurt erreichen sollte. Bei den dann einsetzenden Gefechten würde eine gezielte Sprengung des Höhleneingangs kaum auffallen.

Und so geschah es. Nur wenige Stunden später marschierten die britischen Truppen ohne große Verluste in Klagenfurt ein. Die Nachricht von der Kapitulation der Deutschen machte MacClary neue Hoffnung, trotz seiner Verletzungen wieder an seine Arbeit gehen zu können.

Nur eine einzige Kiste der Fundstücke konnte er mit sich nehmen. Wäre er jemals in der Lage, hierher zurückzukehren, um die Schätze dieser längst vergangenen Kultur weiter zu erforschen? Sollte er die letzten Kriegstage überleben, wollte er als Erstes die restlichen Funde sicher nach Hause bringen.

Das war nur der Anfang. Wo es enden würde, stand außerhalb seiner Vorstellungskraft.

KAPITEL 2

Und wer da überwindet und hält meine Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden; und er soll sie weiden mit einem eisernen Stabe, und wie eines Töpfers Gefäß soll er sie zerschmeißen.

Die Offenbarung des Johannes 2,26 f.

NIEDERÖSTERREICH – 13. MÄRZ

Adam Shane saß schweißgebadet auf dem Bett. Seine langen blonden Haare klebten in seinem Gesicht, seine Hände suchten Halt an der Bettkante. Er rang nach Luft, als ob er kurz vor dem Ertrinken aus dem Meer auftauchte. Es war gerade sechs Uhr in der Früh. Jeden Moment müsste ihn sein Wecker in die vertraute Welt zurückholen.

Er öffnete die Augen und sah nichts.

»Oh, mein Gott, was geschieht hier?«

Bei dem Versuch, sich vom Bett zu erheben, fiel er sofort wieder zurück. Er hatte kein Gefühl mehr für sein Gleichgewicht. Als er die Augen erneut aufschlug, konnte er seine Umgebung nur in unterschiedlichen Lichtkonturen sehen. Bilder rasten durch seinen Geist, die ihm die Jahrhunderte wie eine Collage der Menschheitsgeschichte vorführten. Doch als es über die Gegenwart hinaus in die Zukunft gehen sollte, brach plötzlich alles ab. Er kam zu sich, seine Augen erfassten wieder das ihm vertraute Schlafzimmer, und sein Körper bemächtigte sich wieder seines Geistes.

Oder war es umgekehrt?

»Verdammt, was war das?«

Seine Frage war überflüssig. Er kannte den Zustand, der ihn immer wieder packte und ihn so klein machte.

Dabei war Adam Shane ein Hüne. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass der Sohn eines österreichischen Hufschmieds irischer Herkunft ein sanfter Heiler, ein Wünschelrutengänger und Kräuterexperte war. Seit Jahren wurde er von Menschen aufgesucht, die in der modernen Medizin keine Hoffnung mehr fanden. Seine Widersacher sahen in ihm natürlich einen Scharlatan, aber seine Erfolge sprachen für sich.

Entdeckt hatte er seine Gabe, als seine Frau an Krebs erkrankt war und sich weigerte, die üblichen, oft qualvollen Therapien über sich ergehen zu lassen.

Und er hatte ihr helfen können. Ihr Zustand verbesserte sich von Monat zu Monat, bis sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen konnte. Doch seine besondere Sensibilität schien zugleich auch sein Verhängnis. Seit seiner Jugend hatte er den Drang, Antworten zu finden. Während seine Schulfreunde ihre Zeit mit Sport, Motorrädern, Musik oder Strategien für die erste Liebesnacht verbrachten, sorgte er sich um die Welt und wie man sie retten könnte. Mit vierzehn Jahren hatte er Bücher gelesen, die andere bestenfalls im Studium in die Hand bekamen, und sich in seinen Fragen und Gedanken vergraben, über die er mit niemandem reden konnte. So war er in der Trostlosigkeit seines Heimatdorfes gefangen, in dem kaum jemand seine Neugier, sein Talent und seine Rastlosigkeit erkannte. Auch als Shane durch sein Studium der Enge entflohen war, hatte er ihr nie ganz entrinnen können.

Er musste mit jemandem sprechen, die düsteren Gedanken taten ihm nicht gut. Er zögerte, dann griff er nach dem Telefon und wählte Victorias Nummer.

»Adam, was in Gottes Namen willst du so früh?«

»Es tut mir leid. Aber ich hatte wieder so einen intensiven Traum …«

»Adam, du musst endlich etwas für dich tun. Ich fürchte, dass du irgendwann durchdrehst, so kann es nicht weitergehen!«

Victoria hatte gute Gründe für ihre Angst. Vor einem halben Jahr war sie mit dem gemeinsamen Sohn Jarod zu ihrer Mutter nach London gezogen, da sie Shanes Verzweiflung darüber, was er das komplette Versagen der Menschheit nannte, nicht mehr ertrug. Zwar hatte er mit vielem, was er sagte, recht, aber wie sollte sie ihrem Kind eine Zukunft schenken, wenn der Vater so an der Gegenwart verzweifelte, dass es kaum noch unbeschwerte Augenblicke gab?

»Nun erzähl schon, was war das mit dem Traum?«, fragte Victoria in einer deutlich wärmeren Tonlage.

»Ich weiß nicht, wo ich gewesen bin, aber mir war kalt, es war in einem Wald, und es war sehr windig und irrsinnig laut. Ich hatte das Gefühl, auf weichem Herbstlaub zu stehen. Dann erkannte ich alte, sehr große Bäume, die ihre Äste nach mir reckten. Wie durch eine Nebelwand sah ich auf einer entfernten Lichtung Gestalten in weiten hellen Gewändern, die sich wie in Trance oder in einer Zeremonie bewegten und immer wieder ihre Blicke zum Himmel wandten. Meiner Angst folgte plötzlich eine Ruhe, eine Verbundenheit und Wärme, als ob mich jemand beschützen würde. So habe ich mich nur als Kind gefühlt, weißt du, wenn ich allein auf einer Waldlichtung lag, umgeben von Bäumen, Gräsern und dem Himmel.«

Er hatte seinen Traum jetzt wieder ganz deutlich vor Augen: Die Gestalten wirkten tief mit der Natur verbunden. Er ging näher heran und erkannte, dass es ausschließlich Männer waren, alte Männer, die sich anscheinend berieten. Ihre Gesten waren zwar schnell, schienen aber aus großer innerer Ruhe zu kommen, und ihre im Wind wallende Kleidung beeindruckte ihn ebenso tief wie ihre Ausstrahlung. Die Lichtung schien ein bedeutender Ort zu sein. Die Bäume standen in einem Kreis und hatten die gleiche Höhe und den gleichen Abstand. Vor ihnen gab es drei Sitzreihen, wie in einem kleinen Zirkus. Es sah so friedlich aus.

Plötzlich erschien eine Reiterhorde auf der Lichtung und umzingelte die alten Männer. Die Reiter trugen römische Rüstungen. Sie sprangen von den Pferden, und obwohl die alten Männer unbewaffnet waren, rammte einer der Soldaten dem Erstbesten ein Schwert in den Magen, bis es blutverschmiert durch den Rücken wieder herauskam. Mit hasserfülltem Gesicht trat der Legionär gegen die Brust des alten Mannes und zog das Schwert langsam wieder heraus. Es sah aus, als würde er es genießen. Der alte Mann sackte zusammen und schrie etwas in einer Sprache, die Shane nicht verstand.

Shane war fassungslos, gelähmt und entsetzt. Er musste hilflos ansehen, wie auch die anderen wie in einem Blutrausch mit dem Schwert niedergestreckt wurden.

Als sie ihr Massaker beendet hatten, stiegen die Soldaten wieder auf ihre Pferde und ritten in Richtung eines kleinen Dorfs davon, das Shane in der Ferne sehen konnte. Er rannte hinterher und sah, wie die Horde Frauen und Kinder auf bestialische Art ermordete.

Einer der Legionäre hatte einen abgeschlagenen Kopf als Trophäe auf eine Lanze gesteckt und ritt in die Mitte des Dorfes, das bereits lichterloh brannte.

»Unterwerft euch, eure Götter haben euch verlassen, nur unser Gott wird euch noch schützen!«, brüllte ein herumgaloppierender Reiter und durchbohrte im selben Augenblick einen fliehenden Jungen mit seinem Speer.

Das Abschlachten ging weiter, bis alles Leben in dem einst friedvollen Dorf ausgelöscht war. Bevor die Meute verschwand, sah Shane einen Legionär mit einem Fisch, dem Zeichen der Christen, auf dem Schild an ihm vorbeireiten. Ein verächtliches Grinsen überzog sein Gesicht.

»Victoria, es war, als ob ich wirklich dabei wäre; es war viel mehr als nur ein Albtraum.«

»Adam, das kommt mir fast vor wie eine Botschaft und eine Parallele zu deinem eigenen Leben. Diese ewige Frustration über die Welt, die dir immer wieder die schönen Momente verdeckt. Aber dass du endlich davon erzählst, ist ein wichtiger Schritt für dich«, sagte Victoria, die zu seiner großen Freude Anteil und Mitgefühl zeigte; das erste Mal seit ihrer Trennung.

»Du weißt, ich bin für dich da. Wenn du magst, kann Jarod in drei Wochen zu dir kommen. Ich muss nach New York, und er sehnt sich nach dir. Ich rufe dich Freitag noch mal an.«

»Das wäre schön. Und danke für dein offenes Ohr zu dieser frühen Stunde.«

Das Telefonat hatte Shane beruhigt. Sein Traum ging ihm zwar immer noch nicht aus dem Kopf, aber er konnte ruhiger darüber nachdenken.

Ihm fiel ein, dass er das Dorf schon vor dem Angriff im Traum besucht und sich dort sehr zu Hause gefühlt hatte. Es bestand aus etwa vierzig Häusern, die von einem Wall aus Holz und Sand umgeben waren. Hinter dem schweren Holztor, das den Eingang bildete, stand ein Brunnen auf einem gut hundert Meter entfernten Platz. Kreisrund angeordnet, befanden sich dort die Häuser. In einem war die Schmiede, es gab eine Art Markthalle, und in zwei weiteren Häusern lebten der Häuptling und der Druide. Shane hatte zahlreiche Menschen gesehen, die bei schönstem Sonnenschein ihren Geschäften nachgingen. Die Bauart der Häuser und auch die unterschiedlich edle Kleidung zeigten zwar soziale Unterschiede, aber niemand wirkte unglücklich oder elend. Im Gegenteil, diese Gemeinschaft schien in ihrer Überschaubarkeit gut zu funktionieren.

Am liebsten wäre er dort geblieben, um ganz in diese Welt der Geborgenheit einzutauchen. Doch nun war sein Traumort zerstört.

KAPITEL 3

DUBLIN – 13. MÄRZ

Padre Luca Morati zog seine Stirnfalten wie eine Ziehharmonika zusammen. Seine Hände, die gerade zitternd zum Telefonhörer griffen, waren übersät von Altersflecken, jede Ader war durch seine blasse, dünne Haut zu sehen. Mit seinen vierundneunzig Jahren gehörte der Greis zu den ältesten und einflussreichsten Geistlichen mit den besten Verbindungen in den Vatikan und zur Kurie.

»Gütiger Herr, ich habe versagt«, seufzte er mit einem Ausdruck von Trauer im Gesicht, während er sich wie in Zeitlupe in seinem uralten Lederstuhl zurücklehnte und versuchte, den Blick seiner schwachen Augen irgendwo im Raum zu fixieren. Jeder Zentimeter der Wände war mit Büchern gefüllt. Am Fenster, von dem er den Eingang zum Trinity College im Blick hatte, stand ein Tisch aus der Kolonialzeit, beladen mit Papieren und Büchern, beleuchtet von einer Bibliothekslampe, die den antiken Mahagonimöbeln einen warmen Charakter verlieh.

Er zuckte zusammen, als endlich eine Stimme im Hörer ertönte. »Sì?«

»Stellen Sie mich durch … es ist dringend. Hier ist Padre Morati.«

Einem kurzen Moment der Stille, in dem das Aufsetzen einer Fliege einem Erdbeben geglichen hätte, folgte die brüske Stimme des Angerufenen.

»Sie wünschen?«

»Salvoni, ich fürchte … der Fall, vor dem wir uns immer gefürchtet haben, rückt näher. Der Sohn steigt in die Fußstapfen seines Vaters.« Morati spürte ein plötzliches Unbehagen im Magen, eine Mischung aus Unsicherheit und schlechtem Gewissen. Nie hatte er den Mut besessen, dem Ursprung dieses Gefühls wirklich auf den Grund zu gehen.

»Was ist passiert?«

»Ich glaube, dass Ronald MacClary einen Hinweis gefunden hat. Er hält am kommenden Wochenende am Trinity einen Vortrag, dessen blasphemischer Inhalt sicher durch neues Wissen genährt wurde.«

»Aber Padre, nur weil er einen Vortrag hält, um unsere Kirche zu diskreditieren, bedeutet das noch lange nicht, dass er etwas entdeckt hat.«

»Aber es ist der Inhalt, Salvoni, er zieht Schlüsse, die Beweise fordern würden …«

»Wann hält er den Vortrag?«, unterbrach ihn Salvoni, der nun doch hörbar aufmerksamer war.

»Kommenden Freitag, um zwanzig Uhr in der alten Prüfungshalle.«

»Gut, Padre, wir werden sicherheitshalber jemanden schicken, der ihm genau zuhört. Danke für Ihre unerbittliche Wachsamkeit, möge der Herr es Ihnen lohnen und seine schützende Hand dafür sorgen, dass Sie noch lange unter uns weilen.«

Nach einem Klicken hörte Morati nur noch den Freiton. Er sank in seinem Sessel zusammen, seine Hände verbargen sein Gesicht. Sekunden später durchdrang ein Schluchzen den Raum.

Über vierzig Jahre lang war Morati Vizepräfekt des Vatikanischen Archivs gewesen. Einer der wenigen, die Zugang hatten zu den unschätzbaren Kulturwerten, den Überlieferungen und Zeugnissen all jener Epochen, in denen eifrige Missionare raubten, was ihnen auf ihren Feldzügen gegen alle Andersgläubigen in die Hände fiel. Darüber hinaus hatte er Zugang zu einer Bibliothek gehabt, die außerhalb des Vatikanstaats ungleich brisanteres Material hütete. Wissen und Zeugnisse, die weitaus früher zu datieren waren als Ende des 8. Jahrhunderts. Das wirkliche Geheimarchiv des Vatikans war einer der bestgehüteten Orte und nur ausgewählten Personen der römischen Kurie bekannt. Um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter, die sich mit der Konservierung und Forschung befassten, weder etwas stehlen noch zerstören konnten, mussten sie sich vor jedem Arbeitstag einer umständlichen Prozedur unterziehen. Nachdem überprüft worden war, dass weder Kameras, Tonbänder, Funkgeräte noch Messer, Feuer oder andere Dinge mitgeführt wurden, transportierten Busse mit verdunkelten Scheiben die Mitarbeiter von der Sixtinischen Kapelle an den Ort außerhalb Roms. Erst in einer dunklen Garage durften sie aussteigen und wurden zu ihren Arbeitsplätzen geführt. Dort gingen sie unter ständiger Beobachtung in vor Licht und Keimen geschützten Räumen, ihrer zuvor genau definierten Tätigkeit nach, bis sie am Abend unter Wiederholung der gesamten Prozedur zurück nach Rom gebracht wurden.

Nur einmal hatte Morati das Archiv und seine Umgebung von außen gesehen. Doch diese Geschichte musste er für sich behalten, sonst hätte er es nie mehr betreten dürfen.

Was Morati in diesem Archiv zu Gesicht bekommen hatte, war zum Teil von unglaublicher Schönheit und Weisheit. Hier lagen die Schriften der Propheten und spirituellen Führer, die eine ganz andere Lehre verbreiteten als die Kirche: eine Lehre, die der unverfälschten Lehre des Jesus von Nazareth in nichts nachstand und deren Wirkung die Macht der Kirche so bedrohte, dass man einen großen Teil bereits für immer zerstört hatte. Wenn der Menschheit diese Lehren zugänglich gemacht würden, wäre das Schicksal der Kirche besiegelt. Sie würde wegen des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte auf der Anklagebank landen.

Nachdem Morati sein halbes Leben damit verbracht hatte, die Zeugnisse der keltischen Druiden und anderer heidnischer Gelehrter zu rekonstruieren, hatte er um Versetzung nach Dublin gebeten und war inzwischen seit rund zwanzig Jahren im Ruhestand. Das hinderte ihn freilich nicht daran, die Familie MacClary, insbesondere Ronald, im Auge zu behalten. Zu viele Schwierigkeiten hatte schon der Vater bereitet, und in Rom fürchtete man, Ronald MacClary könnte etwas entdecken, das die Aufmerksamkeit der immer kritischer werdenden Christenheit weckte.

Und nun erschien MacClarys Sohn tatsächlich auf der Bildfläche. Vielleicht mit Forschungen, die die Kirche ihm niemals dulden konnte.

KAPITEL 4

DUBLIN – 13. MÄRZ

Ronald MacClary saß in seinem Arbeitszimmer und starrte hinaus in die grelle Morgensonne. Dublin im Frühling war eine Mischung aus Sonne, Wolken und Regen, die jedem Wunsch nach Berechenbarkeit einen Streich spielte. Die Sonne stach ihm in seine dunkelbraunen Augen und ließ sie wie Bernstein leuchten. Mit seinem Dreitagebart und den grau melierten Haaren sah er ebenso attraktiv aus wie einst sein Vater.

Ronald MacClary hatte es weit gebracht. Er war kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Boston geboren. Sein Vater hatte seine Mutter Anfang der Dreißigerjahre auf einer Reise in New York kennengelernt und wenig später geheiratet. Erst nach dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg waren sie nach Dublin gezogen, und Sean MacClary hatte kurze Zeit später seine Funktion als Major in der 8. britischen Armee-Einheit übernommen. Sein Sohn Ronald hatte nach einem abgebrochenen Studium der Archäologie in Rekordzeit sein Jurastudium in Boston absolviert und war dort jahrelang Richter am Bezirksgericht gewesen, bevor er an den Supreme Court berufen wurde, dessen Vorsitzender Richter er nun seit drei Jahren war. Und dennoch zog es ihn, wann immer er Zeit hatte, zurück in das ehrwürdige Elternhaus in Dublin an der Arbour Hill, direkt gegenüber dem Nationalmuseum. Dort vergrub er sich in den Forschungen seines Vaters.

Ronald stöberte gerade in einer der unzähligen Aufzeichnungen, die alle in großen Ledermappen aufbewahrt wurden, als sein Blick sich der Vitrine zuwandte, in der das Erbe seines Vaters schon so lange lagerte. Zu gern wäre er den Fußstapfen seines Vaters gefolgt, um als Archäologe sein Werk zu vollenden, obwohl er ihn kaum gekannt hatte.

Nachdem Sean mit einer schweren Verwundung aus Österreich zurückgekehrt war, hatten alle gedacht, dass er die Folgen eines Granatsplitters in der Lunge und in der Wirbelsäule überstanden hätte.

Doch als Ronald mit seiner Mutter Lisa einige Tage vor Seans Entlassung zu Besuch ins Lazarett kam, lag er im Sterben. Der junge Ronald war schockiert, wie erbärmlich sein stolzer Vater aussah. Der Raum roch nach Angst, von allen Seiten hörte er das Stöhnen der Verletzten, der Geruch wechselte zwischen Minze und Fäkalien. Die letzten Worte, die er von seinem Vater hörte, konnte er kaum verstehen, aber er würde sie nie vergessen.

»Du musst den Hinweisen meiner Funde nachgehen, mein Sohn …«

Der drängende Ausdruck im Gesicht seines Vaters brannte sich in sein Gedächtnis. »Du wirst alles in meiner Bibliothek finden. Ich hatte keine Zeit mehr, alles aufzuschreiben, aber dort liegt der Schlüssel zum Verständnis unserer Kultur, all das, was uns ausmacht. Alles hat mit einem abscheulichen Verbrechen begonnen. Schau in die …«

Sein Atem wich, nur noch ein angestrengtes Röcheln durchdrang den Raum.

»Wohin soll ich schauen, Vater?«, fragte Ronald verzweifelt. Er spürte, dass er etwas ganz Besonderes anvertraut bekommen hatte und dass dies das wichtigste Gespräch seines jungen Lebens war. Aber das Gespräch war beendet, wie das Leben seines Vaters.

Als er älter wurde, durchsuchte Ronald jeden Quadratzentimeter der Archive seines Vaters. Doch er fand nichts. Auch das Pergament, geschützt und unantastbar in einer vakuumdichten Vitrine, hatte bis heute sein Geheimnis nicht preisgegeben. Es war der einzige Hinweis. Eines war klar: Der Vater musste auf etwas aus der Frühzeit gestoßen sein, denn nur dafür brannte sein archäologisches Herz. Kaum einer war in der Lage gewesen, so detailliert Auskunft über die Zeit unmittelbar nach Christus bis ins Mittelalter zu geben – die sogenannten Dark Ages, das dunkle Zeitalter, für ihn die schwärzeste Epoche der menschlichen Zivilisation. Die Inquisition, die beiden Weltkriege und all die anderen Konflikte waren für ihn nur die Folgen jener zivilisatorischen Epoche in der Frühzeit gewesen.

Das Vermächtnis seines Vaters war für Ronald mehr als ein historisches oder archäologisches Rätsel. Es war, als ob er eine Rechtfertigung dafür, einen Sinn darin suchte, dass seinVater so wenig Zeit oder Liebe für ihn übrig gehabt hatte. Wie oft hatte Ronalds Mutter unter Tränen und voller Zorn darüber geklagt, wie allein und verlassen sie sich fühlte. Schon als Junge hatte er all das als ungerecht empfunden, und obwohl er sich in den wenigen Augenblicken, die ihm mit seinem Vater blieben, für die Suche nach der Vergangenheit hatte begeistern können, war es die Frage nach der Gerechtigkeit gewesen, die ihn später das archäologische Studium abbrechen und das juristische Studium beginnen ließ. Doch die Jahre in der Bibliothek seines Vaters hatten auch ihn zu einem kritischen Gelehrten der Religionsgeschichte gemacht.

Ronald konnte seine Wurzeln nicht verleugnen. Er hütete das Haus seiner Eltern und die Bibliothek seines Vaters seit Jahrzehnten wie einen Schatz. Er scheute jede Veränderung, als würde er damit die Chance, das Rätsel doch noch zu lösen, für immer verspielen.

»Und Gott ist an allem schuld«, murmelte er mit einem ironischen Lächeln, bevor er sich wieder dem Computer zuwandte, um seinen Vortrag für das Trinity College zu beenden.

KAPITEL 5

NIEDERÖSTERREICH – 13. MÄRZ

Shane hatte keine Zeit mehr, über seinen Schlaf raubenden Albtraum nachzudenken. Er war spät dran. In einer Stunde würde wieder ein Dutzend kranker Menschen seine Praxis füllen.

Er öffnete die Tür und ging in Richtung Bad. Bevor er es erreichte, fiel ihm ein, dass sich alle seine Sachen noch im Koffer in der Praxis befanden. Er war erst spät in der Nacht von einem Seminar über alternative Heilmethoden und Kräuterkunde aus Paris zurückgekehrt. Mit einer für ihn ungewöhnlich eleganten Drehung steuerte er zielstrebig das Sprechzimmer an, öffnete die Tür und griff nach seinem Koffer neben dem Schreibtisch.

In diesem Moment stellte er erstaunt fest, dass Patricia schon da war.

»Guten Morgen, Mr. Shane«, sagte sie mit einem amüsierten Lächeln. »Ein Kaffee?«

Er starrte die junge attraktive Frau an und wusste nicht, ob er seine Nacktheit verbergen oder so tun sollte, als wäre sein Auftritt das Natürlichste von der Welt.

Patricia lieferte jeden Mittwoch Kräuter und Salben in die Praxis, die ihr Vater, ein pflanzenkundiger Bauer, sammelte, um sich neben seiner wenig einträglichen Landwirtschaft etwas hinzuzuverdienen.

Shane öffnete seinen Koffer, um sich wenigstens eine Hose anzuziehen. »So früh habe ich Sie hier nicht erwartet, Patricia.« Er deutete auf einen ziemlich großen Beutel, den sie in der Hand hielt. »Was ist denn das da?«

»Das sind die fünf Kilo Schachtelhalmkraut, die Sie bestellt haben.«

»Fünf Kilo? Damit könnte ich fünfzig Patienten gleichzeitig entgiften, außerdem habe ich noch genug Vorrat. Tut mir leid, aber da müssen Sie etwas falsch verstanden haben. Ich hoffe, Sie können das rückgängig machen.«

»Ja, sicher, der Rest sollte aber stimmen. Soll ich es wie immer am Ende des Monats abrechnen?«

»Ja, gerne – und vielen Dank!«

»In Ordnung, bis zum nächsten Mal.«

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Patricia um und ging.

Shanes Blick folgte ihr, und er erinnerte sich an ein fast vergessenes Gefühl: verliebt sein. Wann hatte er das zuletzt gespürt?

Als er sich umdrehte, entdeckte er auf seinem Tisch die Post. Zwischen den üblichen Rechnungen, Dankesbriefen und Werbesendungen stach ein Umschlag aus edlem Büttenpapier hervor wie eine einzelne Rose inmitten einer Graslandschaft. Er zupfte den Brief aus dem Stapel heraus, setzte sich hin und schaltete den Fernseher ein, um die Nachrichten zu sehen:

»… vor allem die kommenden Generationen wird der Klimawandel betreffen. Pachauri, Chef des UNO-Weltklimarates IPCC, der den schlechten Zustand der Erde in Zahlen und Statistiken auszudrücken weiß, warnte die Staatslenker nach dem Scheitern der Verhandlungen ausdrücklich davor, den Klimawandel als Zukunftsproblem abzutun: Die Auswirkungen werden sie noch in ihrer eigenen Amtszeit zu spüren bekommen, sagte er gegenüber der BBC in Kopenhagen. Nach seiner …«

Shane schaltete den Fernseher aus. Er brauchte keinen Reporter, der ihm erzählte, dass die Menschen den Bezug zur Natur verloren hatten. Er wandte sich wieder der Post zu und öffnete den Umschlag. Neben einem Flyer über ein Treffen von Heilern und Kräuterexperten fand er eine Einladung in dem Umschlag, die seine besondere Aufmerksamkeit erregte:

Die systematische Vernichtung keltischer Kultur und europäischer Naturvölker sowie deren kulturelle, politische und ökonomische Auswirkungen für die Welt – Ein Vortrag von Ronald MacClary

Thomas Ryan hatte Wort gehalten. Vor einem Jahr hatte er ihn bei einem Treffen von alternativen Heilern in Wien kennengelernt. In seinen Augen war dieser Ire ziemlich radikal. Er lebte in der Nähe von Dublin in einer Gemeinschaft, die sich komplett der Rückbesinnung auf ein Leben im Einklang mit der Natur verschrieben hatte. Ryan hatte versprochen, sich zu melden, da Shane mehr über das Projekt erfahren wollte.

Sie hatten einen ganzen Abend über die Kelten, die Ureinwohner Europas, gesprochen, und dabei war Shane besonders in Erinnerung geblieben, dass Ryan sich über die Neodruiden lustig gemacht hatte, die, wie er sagte, die wahren Botschaften der Gelehrten, der Stammesführer und der Druiden nie verstanden hätten. Bei diesem ersten Zusammentreffen war nicht genug Zeit gewesen, um mehr zu erfahren. Doch klar war: Zahlreiche aktuelle Ausgrabungen zeigten ein ganz anderes Bild von den Kelten als das der Menschen opfernden Barbaren.

Was geschieht hier?, ging es Shane durch den Kopf. Gerade hatte er den Traum von genau dieser Zeit und diesen Menschen gehabt und nun kam diese Einladung. Das konnte kein Zufall sein.

Er holte seinen Kalender hervor, entschlossen, nach Dublin zu reisen, obwohl die Veranstaltung schon am nächsten Tag stattfand.

Ohne lange zu zögern, nahm er Zettel und Stift zur Hand und notierte: »Die Praxis ist vorübergehend geschlossen«.

Er hatte noch eine halbe Stunde Zeit, bevor die ersten Patienten vor seiner Tür stehen würden. Sie abweisen zu müssen war ihm unangenehm. Er wollte vor ihrem Erscheinen sein Haus verlassen. Er holte seinen Koffer und packte ein paar frische Sachen ein, nahm seinen Ausweis, seine Geldbörse und zog sich an. Während er noch auf einem Bein stehend seine Hose hochzog und gleichzeitig mit dem Handy versuchte, den Flughafen zu erreichen, kehrte plötzlich doch wieder so etwas wie Ruhe ein. Er legte das Handy beiseite und setzte sich, noch immer mit nur halb hochgezogener Hose.

»Langsam, langsam. Du solltest erst mal deinem Verstand folgen und nicht irgendwelchen Hirngespinsten.«

Konnte es sein? Hatte der Untergang der Kelten bisher unbekannte Konsequenzen? Ryan hatte ihm das noch nicht plausibel machen können, was an der Kultur, den Gesetzen und dem Lebensentwurf der Druiden besser gewesen sein sollte, aber er hatte ihm auch bei Weitem nicht alles erzählt. Shane erinnerte sich an ein Detail aus dem Gespräch mit Ryan. Er hatte davon gesprochen, dass die fragwürdige Kultur der westlichen Welt, die nur auf Kosten der Natur oder anderer Völker und Menschen funktionierte, nicht zwingend notwendig sei. Vielleicht war nur ein kleiner, aber wirkmächtiger Zufall – oder ein Ereignis – der Grund, der Europa auf den bis heute beschrittenen Weg gebracht hatte. Wenn man diesen Punkt fand und die Alternative, die Gegenrichtung aufzeigen konnte, dann wäre es der Menschheit möglich, einen neuen Weg einzuschlagen. Ziemlich waghalsige These, dachte Shane, schließlich waren Gier und Missgunst auch unter den Kelten keine Seltenheit, ebenso wie Stammesfehden und Machthunger. Aber Ryan war sich erstaunlich sicher gewesen, dass die Menschheit einen neuen Weg beschreiten könnte, wenn sie nur endlich verstehen würde, das es ein größeres Ziel gäbe als die ewige Wiederholung des Wachstums, der Konkurrenz und eines Wohlstands, der den folgenden Generationen ein gesundes Leben, wahrscheinlich sogar ein Überleben unmöglich machte.

Warum komme ich immer wieder an diesen frustrierenden Punkt, wenn ich über unser Leben nachdenke?, dachte Shane. Ryan hatte ihm versprochen, dass er mehr über das Geheimnis der Druiden und Kelten erfahren würde, sobald sie sich wiedersehen würden. Vielleicht war sein Traum wirklich kein Zufall gewesen und Victoria hatte recht. Vielleicht würde er irgendwann eine Antwort auf seine Frage bekommen. Jetzt aber musste er den Rest seiner Sachen zusammenpacken und sich auf den Weg zum Wiener Flughafen machen.

KAPITEL 6

Doch auch euch, allerheiligste Kaiser, wird der Zwang zu züchtigen und zu strafen aufgenötigt, und es wird euch durch das Gesetz des höchsten Gottes geboten, dass eure Strenge die Untat des Götzendienstes in jeder Weise verfolge.

Kirchenvater Firmicus Maternus

ROM, VATIKANSTADT – 13. MÄRZ, FRÜHER ABEND

Thomas Lamberts Büro lag nicht weit entfernt von den Privatgemächern des Papstes im vatikanischen Regierungsgebäude, dem wahren Machtzentrum des kleinen Staats mit seinem äußerst ungewöhnlichen Status in der Völkergemeinschaft. Nahezu bescheiden wirkte das viergeschossige Bauwerk im Vergleich zum Prunk des Vatikans.

Lambert legte den Hörer auf das Telefon. Es war ein langer Arbeitstag gewesen. Er blickte aus dem Regierungsgebäude in den Hof. Auch außerhalb des Vatikans war er stets in Schwarz gekleidet und hetzte von einem Termin zum anderen, um die weltweiten Angelegenheiten der Kirche zu lenken. Fast zwei Meter groß, hinterließ der Brite in Italien immer einen ziemlichen Eindruck. Er flößte seinem Umfeld Respekt und zuweilen Angst ein, auch durch sein kantiges Gesicht, seine stahlblauen Augen und seine blasse Haut. Kaum einer hatte so viel Einfluss und Handlungsgewalt im Staate Gottes wie Lambert. Doch nach sechzehn Stunden war auch dieser christliche Hüne des Opus Dei reif für etwas Ruhe.

Der Kardinalstaatssekretär war seit seinem sechzehnten Lebensjahr im Vatikanstaat zu Hause und konnte dank seiner diplomatischen Fähigkeiten auf eine der längsten und einflussreichsten Karrieren in der katholischen Kirche zurückblicken. Schon unter Monsignore Giovanni Montini, dem späteren Papst Paul VI., der ursprünglich keine kirchliche, sondern eine politische Karriere im Sinn gehabt hatte, war Lambert ungehindert zum mächtigsten Mann im Vatikan aufgestiegen. Montini hatte einen interessanten Werdegang gehabt, hatte für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet und war nebenbei Mitglied einer Freimaurerloge gewesen. Für Lambert war er ein bequemer Vorgesetzter gewesen, der es ihm möglich gemacht hatte, das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende zu führen, um die Modernisten innerhalb der Kirche und die Öffentlichkeit erst einmal zufriedenzustellen.

Inzwischen führte Lambert sein Werk in aller Ruhe weiter. Es war ihm zwar nicht mehr möglich, die Ketzer auf den Scheiterhaufen zu schicken, aber es gab auch andere Methoden, die reine Lehre durchzusetzen. Eines der dazu eingesetzten Mittel war ein über Jahrhunderte aufgebautes Netz von Agenten und Spitzeln, mit dem Zweck, die Modernisten innerhalb der Kirche aufzuspüren und wenigstens mundtot zu machen. Lambert beherrschte sein Handwerk so gut, dass selbst der derzeitige Papst seine Position kaum mehr hatte antasten können.

Und wieder klingelte das Telefon.

»Lambert!«, bellte er in den Hörer.

»Hier ist Salvoni, wir müssen uns zusammensetzen.«

»Kann das nicht bis morgen warten? Ich bin lange genug im Dienst.«

»Es gibt Dinge unter Gottes Sonne, die können nicht warten. Wir haben beunruhigende Nachrichten aus Dublin von einem gewissen Ronald MacClary.«

»Bitte verschonen Sie mich mit den Sorgen von Padre Morati, das habe ich schon persönlich von ihm vernommen. Wir haben weiß Gott andere Probleme in Dublin als diesen Mann, der einer untergegangenen Kultur auf Kosten der Kirche wieder zur Bedeutung verhelfen will. Wäre er nicht in solch exponierter Position, hätten wir ihn längst der Lächerlichkeit preisgegeben«, präzisierte Lambert seinen Wunsch nach Ruhe.

»Ich respektiere selbstverständlich Ihre Auffassung, aber in diesem Fall bin ich mir nicht sicher, ob Morati Ihnen alles erzählt hat.«

»In Gottes Namen, dann kommen Sie hoch.«

Lambert ließ sich gerade erschöpft in seinen Sessel fallen, als sich die Tür zu seinem bescheidenen Büro öffnete und eine aufgerieben wirkende Gestalt den Raum betrat.

»Also, Salvoni, was kann ich für Sie tun?«

Salvoni kümmerte sich seit gut zehn Jahren als Leiter des ältesten Geheimdienstes der Welt um jene Belange, die nie das Ohr der Öffentlichkeit erreichen sollten. Er war klein, schmächtig, sportlich, und sein Schnauzbärtchen verlieh ihm mit seiner braun gebrannten und von Akne gezeichneten Haut ein wenig die Ausstrahlung einer Schlange. Genau diese Ausstrahlung hatte ihm in den vergangenen Jahren seinen Posten garantiert, und selbst Lambert war sich seiner nie ganz sicher, sosehr er seine Qualitäten schätzte.

»Wir müssen sofort nach Dublin, um den Nachrichtenfluss und das Ausmaß dieser ominösen Veranstaltung kontrollieren zu können. Wir sollten uns den Vortrag und vielleicht auch das Drumherum genauer ansehen.«

»Was versprechen Sie sich davon?«

»Gewissheit, nur Gewissheit.«

»Nein, ich brauche Sie an anderer Stelle, schicken Sie Caloni, er soll ausschließlich MacClary beobachten, und zwar, indem er sich auf den Vortrag konzentriert und nichts weiter. Ich will keinen Zwischenfall mit einem Mann, der zu den wichtigsten Richtern in Amerika gehört. Offen gestanden kann ich Ihre Sorge nicht teilen, wiewohl ich Ihre Vorsicht zu schätzen weiß. Haben wir uns verstanden?«

Mit einem kalten Lächeln nickte Victor Salvoni und verneigte sich vor Lambert.

»Bruder Morati hat die MacClarys schon lange im Visier. Wenn der Junior den Niedergang der Heiden gegen heutige Ereignisse ausspielt, könnte das für uns gefährlich werden.«

Lamberts Augen verengten sich. Er beherrschte sich mühsam, Salvoni nicht schärfer anzugehen.

»Wenn Ihnen ein Fehler unterläuft, könnte die derzeitige Haltung der Kirche gegenüber noch negativer werden. Glauben Sie im Ernst, dass es das wert ist?«

»Nun, nach meiner bescheidenen Erfahrung, ja.«

»Schon gut, ich weiß, dass der Herrgott Ihre Ambitionen immer geschützt hat. Und da ich nicht damit rechne, dass Sie irgendetwas in Sachen MacClary unternehmen müssen, was nicht auch unsere Presseabteilung erledigen kann, erwarte ich bis Montag Vorschläge, wie wir die verlorenen Brüder in Irland auffangen können.«

»Wie Sie wünschen.«

Salvoni drehte sich um und verließ das Arbeitszimmer.

KAPITEL 7

DUBLIN – 13. MÄRZ, ABEND

Shane war es gewohnt, dass es in Irland nur selten einen wolkenfreien und sommerlichen Tag gab, aber heute ließ der Himmel über Dublin so viel Wasser niederprasseln, dass die Landung sicher kein Vergnügen werden würde. Für ihn war das der pure Horror. Er hasste es, zu fliegen, da er vor gut zwanzig Jahren fast mit einem kleinem Flugzeug abgestürzt war; nur die Künste des begnadeten Piloten hatten ihm und den anderen Passagieren das Leben gerettet. Seither war jeder Flug eine Qual für ihn.

Als ob seine Angst sich materialisiert hätte, schlingerte das Flugzeug unkontrolliert über die Landebahn und kam erst kurz vor dem Ende des Rollfelds zum Stehen.

»Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Geduld und hoffe, dass Ihnen die leichten Turbulenzen nicht allzu sehr zugesetzt haben«, war aus dem Lautsprecher zu hören.

Mit blassem Gesicht und wackeligen Beinen stand Shane auf.

»Geht es Ihnen nicht gut?«

Shane drehte sich um und sah in die Augen eines alten Mannes, sicher über siebzig, der, wie ein Jüngling sein Handgepäck über die Schulter schwang und dabei lächelte, als wüsste er genau, was in Shane vorging. Shane hatte den gesamten Flug neben ihm gesessen, aber er war so sehr mit seiner Angst und den Gedanken an das Treffen der Heiler und den Vortrag beschäftigt gewesen, dass er nichts um sich herum wahrgenommen hatte.

»Danke, es geht gleich wieder, ich fliege einfach nicht besonders gern«, erwiderte er verkrampft.

»Guter Mann, wenn Gott es will, holt er Sie, ob nun durch einen Absturz des Flugzeugs oder mit einer Bananenschale. Also wozu sich Sorgen machen?«

»Ich weiß nicht, ob ich einem Gott mein Schicksal überlassen möchte«, entgegnete Shane sichtlich entspannter. »Aber wahrscheinlich haben Sie recht – wobei sich die Frage stellt, von welchem Gott Sie eigentlich sprechen. Etwa von dem ergrauten Schöpfer, der vom Himmel herabschauend wohlwollend die Geschicke seiner Schäfchen lenkt?«

Mit einem vergnügten Lächeln stellte sich der agile Senior vor: »Eric Fink, ich bin vom ›Standard‹ in Wien, und ich werde sicher nicht mit einem Flugangstpatienten eine theologische Grundsatzdebatte anfangen. Es sei denn, es hilft Ihnen, sich aus diesem jämmerlichen Zustand zu befreien.«

»Wahrscheinlich wäre das schon eine hilfreiche Ablenkung. Und was treibt Sie nach Dublin?«

»Ich schreibe eine Reportage über den Segen, den das katholische Bistum über Dublins Schäfchen gebracht hat. Womit auch geklärt wäre, was ich von Ihrem Gottesbild halte.«

Shane hob abwehrend die Hände. »Das ist sicher nicht mein Bild.« Er zog die Einladung aus der Jackentasche und deutete auf das Vortragsthema. »Deshalb bin ich hier. Und wenn Sie darüber mehr erfahren wollen, nur zu.«

Der Österreicher warf einen skeptischen Blick auf die Einladung, sah dann aber genauer hin. »Das sollte sich machen lassen.«

Nachdem sie das Flugzeug verlassen hatten, verabschiedeten sich die beiden voneinander. Er dachte an die Worte des alten Mannes über die Unwägbarkeiten des Todes. Aber warum verband der Journalist die alten Missbrauchsskandale mit der Frage nach Gott?

DUBLINER INNENSTADT

Thomas Ryan saß – oder besser gesagt lag – mit ausgebreiteten Armen auf einem Tisch im Porterhouse, einem der größten Pubs mit eigener Brauerei im Herzen Dublins, in der Nassau Street, ganz nahe dem Trinity College. Als er seinen Kopf hob, waren seine dichten halblangen Haare völlig zerzaust und seine Augen glänzten im gelben Licht wie das volle Glas Guinness, das er unsicher ansetzte.

»Du siehst nicht so aus, als ob du heute Abend noch was zustande bringst«, sagte Deborah Walker, die in weitaus besserer Verfassung neben ihm saß. »Menschenskind, Thomas, du hast in zwei Stunden deine Diskussion mit Ellison und bist breit wie der letzte Kelte.«

Ryan prustete los und stieß dabei eine Ladung Guinness über den Tisch. »Ja, genau, wie der letzte Kelte, du hast völlig recht, meine Liebe. Mir ist klar geworden, was für ein Narrenfest das hier jedes Jahr ist, und es ist mir scheißegal, ob Ellison mich versucht zu verarschen. Ob ich dabei bin oder nicht, wo ist der Unterschied? Ich sag dir, wo der Unterschied ist: Vor dreihundert Jahren hätte ich diesem Möchtegern-Druiden einfach den Kopf abgeschlagen.«

So betrunken und hart hatte ihn Deborah noch nie erlebt, obwohl sie ein vertrautes Gespann waren. Nach einer wilden Zeit im Kampf gegen die IRA, die er für den Tod seines Bruders verantwortlich machte, hatte sich Ryan in den letzten Jahren, mithilfe der Aufzeichnungen seiner Großmutter, immer mehr vom Landwirt zum Kräuterexperten gewandelt. Seine Patienten behandelte er in den Hinterstuben einiger Pubs.

Deborah schlug sich in Dublin als Lektorin für irische Literatur durchs Leben. Mit ihren mahagoniroten Locken und der altmodischen Nickelbrille wirkte sie immer noch wie eine Studentin oder Stipendiatin aus Oxford. Doch die kleine kräftige Frau hatte es eigentlich faustdick hinter den Ohren, wie Ryan immer sagte, zumindest wenn es um die Deutung der alten Sprachen ging. Ärgerlich nur, dass sich kaum noch jemand für Walisisch oder/und andere urkeltische Dialekte interessierte.

»Warte hier, ich hol mir einen Kaffee.« Ryan erhob sich schwerfällig und steuerte den Tresen an. Am Eingang stieß er mit einem Gast zusammen, der gerade eintrat, und geriet schwer ins Wanken.

»Langsam, junger Mann«, lallte Ryan. »Oder wollen Sie die nächste Runde zahlen?« Er stutzte. »Das ist doch – Shane, mein suchender Freund aus Österreich. Großartig! Wie ich sehe, bist du meiner Einladung gefolgt.«

»Ja, gerne sogar.«

Dröhnend lachend deutete Ryan auf einen der hinteren Tische.

»Komm, setzen wir uns. Da hinten, zu der Hexe mit dem runden Sehglas und dem bösen Blick.«

»Sag, sehe ich das richtig, hier findet ein Treffen von Druiden statt?«, fragte Shane.

»Klar, und ich bin Thomas Ryan, Großmeister des letzten Ordens der wahren Druiden.« Er brüllte so laut, dass Deborah die Hände über dem Kopf zusammenschlug und in ihrem Pullover versank.

»Klingt, als ob du nicht sonderlich begeistert wärst, dabei zu sein.«

Ryan wirkte plötzlich wieder klar und schaute Shane tief in die Augen. »Richtig, und es war auch sicher das letzte Mal.«

Dann setzte er seinen Weg zum Tresen fort.

Shane verharrte ratlos im Raum und fühlte sich unbehaglich, als er merkte, dass ihn einige Gäste nach Ryans Auftritt skeptisch musterten. Er gab sich einen Ruck, nahm seine Tasche und ging hinüber zu Deborah Walker.

»Ich muss mich für Thomas’ Auftritt entschuldigen, das ist heute nicht sein Tag«, begrüßte sie ihn. »Setz dich. Was trinkst du?«

»Ein Guinness natürlich.«

»Du kommst aus Deutschland?«

»Nein, aus Österreich. Mein Vater stammt allerdings aus Dublin. Er ist nach dem Krieg mit meinen Großeltern nach Österreich ausgewandert.«

»Und was treibt dich hierher?«

»Ein merkwürdiger Traum und diese Einladung.«

Shane zeigte ihr die Einladung und sah in Deborahs grinsendes Gesicht.

»Du hättest dir besser die Daten angesehen. Das Treffen ist eigentlich vorbei, abgesehen vom morgigen Vortrag. Heute gibt es nur noch eine Diskussion – sofern …«

»… sofern ich in zwei Stunden wieder nüchtern bin, sagt mein Kindermädchen«, mischte sich Ryan ein und setzte sich mit seinem Kaffee neben Shane.

Shane schaute frustriert auf die Einladung. In der Tat hatte er sich wieder einmal durch seine innere Unruhe selbst ein Bein gestellt und nur ein Datum registriert. Er stöhnte leise auf.

»Keine Sorge, mein Alter, das Wichtigste kommt ja erst. Morgen gibt es den Vortrag von Ronald MacClary.«

»Das ist doch der einzige Grund, warum ich hier bin. Auf die Verkündigungen von Neo-Kelten, Wikingern und sonstigen Romantik-Druiden kann ich durchaus verzichten.«

An der Bar drehte sich ein bulliger Typ mit Bart und Baumfällerjacke um und starrte Shane an.

»Ich würde dir raten, etwas leiser zu sprechen, es gibt einige hier, die diesem Urteil nicht besonders freundlich gegenüberstehen. Und ehrlich gesagt, tue ich es auch nicht«, konterte Ryan.

Deborah drehte sich um und prüfte, ob Shane für noch mehr ungewollte Aufmerksamkeit gesorgt hatte. »Wie wäre es mit einem erfrischenden Spaziergang durch die feuchten Gassen unserer schönen Stadt?«

Shane atmete tief durch, um seine Anspannung loszuwerden, die sich durch die Reise nicht verringert hatte. »Großartige Idee!«

Ryan stand auf, zahlte und verließ ohne ein weiteres Wort den Pub.

»Sag mir eines, Shane. Wenn du dem Druidentum so skeptisch gegenüberstehst, warum bist du dann gekommen? Ich hatte in Wien einen anderen Eindruck von dir«, fragte er, sobald sie draußen waren.

Shane blickte Ryan verunsichert an, er hatte ihn nicht brüskieren wollen. »Nennen wir es Zufall. Ich habe geträumt. Einen Traum von einer solchen Intensität, dass er für mich wie eine Offenbarung war. Danach hatte ich die Wahl, mich selbst für verrückt zu erklären oder der Sache auf den Grund zu gehen. Dann fand ich am gleichen Morgen deine Einladung. Und ob du es glaubst oder nicht: Ich bin hier, weil sich der Traum im Thema des Vortrags widerspiegelt.«

»Das muss aber ein Traum gewesen sein …«

»Das kannst du mir glauben. Ich konnte am Morgen die Erde riechen, die ich im Traum berührt hatte. Der Dreck unter meinen Fingernägeln schien Jahrhunderte alt. Kurz nach dem Erwachen verlor ich das Augenlicht und das Gleichgewicht und erkannte nur noch Lichterscheinungen. Dann sah ich eine Reise durch die Geschichte, rasend schnell, durchzogen von Zerstörung und Lügen. Die ganze Zeit konnte ich Heerscharen beobachten, die unter dem Banner des Christentums wüteten.«

Plötzlich beschlich Shane die Angst, sich zu weit geöffnet zu haben, schließlich konnte man in Irland nicht sicher sein, ob man nicht gerade mit einem kirchentreuen Katholiken durch die Gassen zog.

Ryan blieb stehen. »Adam, ich glaube nicht, dass wir uns zufällig begegnet sind. Vertrau mir. Für das, was du erlebt hast, gibt es wahrscheinlich eine ganz einfache Erklärung. Du bist beileibe nicht der Einzige, dem so etwas passiert.« Ryan, der zunehmend nüchtern wirkte, legte beide Hände auf Shanes Schultern. »Du erinnerst dich einfach nur«, sagte er und wechselte plötzlich ins Deutsche.

»Erinnern? Wie kann ich mich an etwas erinnern, ohne daran teilgenommen zu haben?«

»Woher willst du das wissen? Hast du schon mal daran gedacht, dass das Bewusstsein Zeit und Raum beherrschen kann? Adam, das war in der Tat mehr als ein Traum. Du hast vielleicht eine Gabe, die du trainieren kannst. Und glaub mir, das geschieht zurzeit weltweit immer mehr Menschen.«

Die Intensität in Ryans Blick verunsicherte Shane noch mehr. Mit solch esoterischen Theorien hätte er den schroffen Iren nie in Verbindung gebracht.

»Nun dann die Gegenfrage. Warum verachtest du diese sogenannten Neodruiden, und was war an den alten Druiden der Frühzeit so besonders?«

»Ich verachte die Neodruiden nicht, Adam. Aber die bessere Frage ist: Warum verschwanden die alten Druiden plötzlich? Ich glaube fest daran, dass sie einen anderen Lebensentwurf für uns hatten. Aber lassen wir uns Zeit. Ich mach dir einen Vorschlag. Ruh dich erst mal aus, und wir treffen uns morgen Abend vor dem Trinity College. Dann halte ich mein Versprechen und stelle dich Ronald MacClary vor. Er ist offen für die Fragen, die dich quälen. Ich denke, für heute ist es genug. Hab ein bisschen Geduld, mein Freund.«

Shane sah ihn verwirrt an. »Aber …«

»Eins sag ich dir noch, Adam. Wenn ich durch einen Wald gehe, über eine blühende Wiese, dem Summen der Bienen zuhöre, an einen Platz mit weiß schimmernden Champignons komme, den Frühlingsruf einer Meise höre, dann sehe ich Götter vor mir und nicht einen Wald, den ich verwerte und ausbeute. Die Natur ist für mich Gotteserfahrung. Sie ist der Ort, an dem ich die wahre Mutter, den wahren Vater erkenne. Ich habe keinen Gott im Himmel, aber Götter hier auf der Erde.«

Shane erinnerte sich daran, was Ryan ihm schon in Wien über seine Gemeinschaft erzählt hatte und wie konsequent er sich aus der Moderne aufs Land in eine natürliche Umgebung zurückgezogen hatte.

»Unsere einstige Kultur wird nicht wieder auferstehen, wenn wir, wie so viele hier, am Wochenende Druide spielen und am Montag wieder ins Büro fahren. Nur wenn wir wirkliche Entscheidungen treffen, wird sich etwas ändern. Aber wenn wir an dieser Stelle weitersprechen wollen, musst du erst mehr über den Untergang der einstigen Herrscher Europas erfahren. Und dazu gibt es morgen Abend reichlich Gelegenheit.«

Shane wollte ihm widersprechen, wollte das Gespräch fortführen, aber plötzlich dachte er daran, dass er noch nicht einmal ein Hotelzimmer hatte. Es war wirklich an der Zeit, ein wenig zur Ruhe zu kommen und sich ein Bleibe zu suchen.

»Alles klar, ich werde morgen pünktlich zur Stelle sein.«

Ryan klopfte ihm auf die Schulter. »Bis dann. Gute Nacht, Adam Shane.«

IRLAND, CORK, LANDHAUS DER RYANS – 18. JULI 1978