Sinnbild - Alexander Wolf - E-Book

Sinnbild E-Book

Alexander Wolf

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Beschreibung

Drei Männer. Drei Perspektiven. Eine unerträgliche Wahrheit. Michael führt ein gewöhnliches Leben Ehemann, Vater, Angestellter. Doch seine Frau Ophelia ist verschwunden. Jeden Abend um 19:00 Uhr klingelt das Telefon. Am anderen Ende: Atmen. Stille. Wahnsinn. Michael verliert sich in Alkohol, Depression und Halluzinationen. Die Realität zerfließt. Was ist echt? Was ist Einbildung? Und wo ist Ophelia? Frank sucht seit seiner Kindheit nach etwas, das er nicht benennen kann. Gedemütigt vom Vater, getrieben von dunklen Fantasien, gleitet er durch eine Welt aus Gewalt und verzweifelter Sehnsucht. Bei den Nutten am Parkplatz findet er keine Erlösung. Erst als er Ophelia begegnet, glaubt er an Liebe. Doch dann zerbricht alles in einer einzigen, verhängnisvollen Nacht. Karl sitzt in einem weißen Raum. 14 m². Eine psychiatrische Klinik. Er schreibt seine Geschichte auf. Mit winzigen Buchstaben, akribisch geordnet. Er will verstehen, was geschehen ist. Warum er hier ist. Und was er im Wald vergraben hat. Drei Erzähler berichten aus ihrer Ich-Perspektive. Ihre Geschichten überlagern sich, widersprechen sich, verschmelzen. Eine mysteriöse WIR-Stimme kommentiert, provoziert, enthüllt: Wir alle haben eine dunkle Vergangenheit. Wir alle lügen uns das Leben schön. Versteckst du dich nicht auch hinter einem Sinnbild? Durchzogen von Shakespeare-Zitaten, erforscht SINNBILD die Abgründe männlicher Psyche ohne Beschönigung: Depression als lähmende Krankheit, Gewalt als Folge von Demütigung, Wahnsinn als letzter Ausweg. Alexander Wolf erzählt schonungslos von Schuld, Verdrängung und der Unfähigkeit zu trauern. Ein Roman, der keine leichte Unterhaltung bietet, sondern Konfrontation verlangt. Für Leser, die bereit sind, in die Dunkelheit zu blicken und dort vielleicht sich selbst zu erkennen. »Sein Wahnsinn ist des armen Hamlets Feind.« William Shakespeare Hinweis: Dieser Roman enthält explizite Darstellungen von Gewalt, sexuellen Handlungen, psychischen Erkrankungen und verstörenden Inhalten. Nicht geeignet für ein Publikum, das Triggerwarnungen benötigt.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ähnliche


An alle diejenigen, die das Leben nicht zu respektieren wissen, an alle diejenigen, die ihre Gesundheit nicht schätzen & an alle diejenigen, die sich ihrer Liebe nicht bewusst machen.

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

EINS

ZWEI

WIR

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

TAGEBUCH, AUSZUG

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

3ZEHN

4ZEHN

5ZEHN

WIR

6ZEHN

7ZEHN

8ZEHN

9ZEHN

ZWANZIG

TAGEBUCH, AUSZUG

1&ZWANZIG

2&ZWANZIG

4&ZWANZIG

5&ZWANZIG

ZWISCHENSPIEL

Zweiter Teil

EINS

WIR

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

TAGEBUCH, AUSZUG

SIEBEN

ACHT

WIR

NEUN

ZEHN

WIR

ELF

ZWÖLF

3ZEHN

4ZEHN

5ZEHN

WIR

6ZEHN

WIR

7ZEHN

8ZEHN

9ZEHN

ZWANZIG

WIR

1&ZWANZIG

2&ZWANZIG

4&ZWANZIG

5&ZWANZIG

TAGEBUCH, AUSZUG

6&ZWANZIG

7&ZWANZIG

8&ZWANZIG

9&ZWANZIG

TAGEBUCH, AUSZUG

DREISSIG

1&DREISSIG

2&DREISSIG

3&DREISSIG

5&DREISSIG

6&DREISSIG

7&DREISSIG

DER LETZTE AKT

1. Szene

WIR

2. Szene

3. Szene

4. Szene

WIR

5. Szene

WIR

TAGEBUCH, AUSZUG

NACHWORT

SCHLUSSWORT

ERSTER TEIL

Herbst – Die Auflösung

Michael & Ophelia

»So ward ich schlafend und durch Bruderhand Um Leben, Krone, Weib mit eins gebracht, In meiner Sünden Blüte hingerafft, Ohn Abendmahl, ohn Beicht, ohn letzte Ölung, Die Rechnung nicht geschlossen, ins Gericht Mit aller Schuld auf meinem Haupt gesandt.« Geist des verstorbenen Königs

William Shakespeare Hamlet

1. Akt – 5. Szene

EINS

In naher Zukunft

»Ich möchte nur, dass du den Namen des Mannes kennst, der sie gevögelt hat. Du solltest auch nicht mehr auf sie warten. Sie wird nicht mehr zu dir kommen! Hast du noch Fragen?«

Seine Stimme: sachlich, kühl und distanziert. Ich verstand nicht, was er sagte. Es schien eine andere Sprache zu sein. Seine Worte hallten in meinem Kopf und suchten die richtige Öffnung, den Platz, um von meinem Verstand akzeptiert zu werden. Einzelne Puzzleteile, die nur an der richtigen Stelle ein komplettes Bild ergaben. Und ich stand im Mittelpunkt, umgeben von Bruchstücken fremder Wörter, die nicht zusammenpassten.

Die Welt um mich herum fing an sich zu drehen. Alles wirbelte und schien mich mit ins Verderben zu reißen. Ich wollte nicht verstehen. Ich konnte nicht akzeptieren. Ich weigerte mich zu glauben. Meinte er das ernst?! Welches Spiel trieb er mit mir? Warum sollte ich ihm glauben? Ich benötigte einen Beweis!

»Ich will mit meiner Frau reden! SOFORT!« Ein hämisches Lachen. Ein knarrendes Geräusch. Ein kurzes Rauschen. Stille. Ein computergenerierter Ton teilte mir mit, dass das Gespräch beendet sei.

Ich nahm das Smartphone von meinem Ohr und sah auf dem Display das Lächeln meiner Frau.

»Ich liebe dich über alles!« wisperte eine zarte Stimme in meinem Kopf. Das Display wurde schwarz und alles verschwand im Dunkeln: das Bild, meine Hoffnung, mein Verstand. Hatte das Gespräch gerade stattgefunden oder befand ich mich in einem bösen Traum? War dies Realität oder die Ausgeburt meines verstümmelten Verstandes? Halluzinierte ich, weil ich seit Wochen keinen befreienden Schlaf fand?

»Das Gespräch entsprang nicht aus deinem schizophrenen Geist«, flüsterte jemand zu mir. »Es fand statt. Akzeptiere! Dies hat nichts mit Schlafmangel zu tun!« »Ich sitze hier drin und außer mir ist hier niemand!« kicherte es. Danach Stille. Die Schwärze aus dem Display floss heraus und füllte den Raum. Sie umspülte mich. Ich vernahm nichts mehr. Eine Ruhe flutete das Zimmer. Der Wirbel verschluckte alles und zerrte mich mit. Die Finsternis verschlang mich. Schwindel. Ich fiel in eine tiefe Dunkelheit. Ein dumpfer Aufschlag. Irgendetwas traf meinen Kopf.

ZWEI

Irgendwo in Deutschland

Kennt Ihr den Begriff Depression? Oder in Neudeutsch Burnout? Und nicht zu verwechseln mit der Midlife-Crisis. Falls Ihr die Begriffe kennt: Könnt Ihr Euch darunter etwas vorstellen?

Fühlen, was es bedeutet, unter einer Depression zu leiden? Verstehen, wie es dazu kommen kann? Begreifen, dass kein Mensch morgens aufwacht und wie bei einer Grippe plötzlich unter Depression leidet?

Und nicht vergleichbar mit einem Autounfall, bei dem innerhalb von Sekunden physikalische Kräfte auf den menschlichen Körper einwirken. Die Depression ist eine geistige Krankheit, die aus sich selbst entspringt. Schleichend. Heimlich. Unbemerkbar für die Umwelt des Betroffenen. Und wie alles im Leben gibt es eine Ursache.

Sie entsteht durch viele unterschiedliche Faktoren über lange Zeit – oft schon in der Kindheit. Einerseits eine genetische Komponente: fehlende Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin. Signale im Gehirn können nicht richtig weitergegeben werden. Andererseits soziale und psychische Einflüsse. Meist trifft beides aufeinander.

Unzufriedenheit. Fehlende Wertschätzung. Unerreichte Ziele oder private Tragödien. Der Tod eines Familienmitglieds oder eines Kindes. Unheilbare Erkrankungen. Unerfüllte Träume. Sexuelle Unzufriedenheit. Berufliche und persönliche Frustration, durch die einem die Lust geraubt wird, die schönen Dinge im Leben zu erkennen. Stellt Euch dieses Gefühl einmal vor. Versucht, Euch die Gedanken eines Depressiven mithilfe folgender Bilder vorzustellen.

Ihr besitzt ein Smartphone mit Internet und habt damit die Möglichkeit zu spielen, zu telefonieren und auf anderen Wegen persönliche Kontakte zu Freunden zu pflegen oder Euch mit Informationen zu versorgen. Aber Ihr verspürt keine Lust. Und habt keine Kraft. Der Wille fehlt, sich mit allem und jedem zu beschäftigen. Ihr seht keinen Sinn dahinter. Ihr seid unter Mitmenschen und fühlt Euch nicht verstanden. Ihr seht das Lachen und empfindet dabei nichts. Euer Mitgefühl ist verschwunden. Ihr seid schlecht gelaunt und keiner versteht Euren Missmut. Ihr habt selbst nicht verstanden, was mit Euch passiert. Ihr bemerkt nicht, dass Ihr Euch von allen und jedem mehr und mehr distanziert. Die schlecht gelaunten Tage häufen sich und werden abgestempelt als »ein schlechter Tag«.

Jeder Tag beginnt mit der Angst aufzustehen. Ihr erkennt keinen Nutzen darin, den Tag zu bewältigen. Ihr isoliert Euch von der Gesellschaft und glaubt, Ruhe zu benötigen. Aber die Ruhe ergibt keine Erholung, denn sie mündet in Einsamkeit. Ihr seid unter Menschen und fühlt Euch allein. Ihr seid einsam und fühlt Euch verlassen.

Stellt Euch eine traurige Einsamkeit vor und nicht das positive Alleinsein, welches Ihr Euch nach einem erfüllten, stressigen Arbeitstag verdient habt. Stellt Euch eine traurige und erdrückende Einsamkeit vor, durch die Ihr isoliert werdet. Ihr habt keine Kraft für Aktivitäten. Die Freude, der Spaß und das Glück sind abhandengekommen. Verloren. Irgendetwas zieht Euch nach unten und hält Euch am Boden. Traurigkeit und Verzweiflung beherrschen Euer Denken.

Stellt Euch weiter vor: Ihr seid gefangen in einem Raum und habt keine Möglichkeit, diesen zu verlassen. Eingeschlossen. Ausgegrenzt von der Welt. Allein. Ihr ruft, keiner hört Euch. Ihr betet, keiner erhört Euch. Ihr fleht, keiner erlöst Euch. Gefangen, isoliert, eingesperrt – und das, scheinbar, auf ewig.

Die Einsamkeit frisst Euch auf, bis nur noch die Hoffnungslosigkeit im Herzen wohnt. Alles hat eine Sinnlosigkeit, die keine menschliche Seele ertragen kann.

Der Raum wird dunkler. Das Licht schwindet und der letzte verzweifelte Versuch der Hoffnung wird von dem letzten Atemzug des Zweifels erstickt. Die Wärme weicht und verliert sich in der Umgebung. Ihr seid erschöpft und wünscht Euch ein Ende herbei. Den Tod.

Einige Vorstellungen unter unzähligen Möglichkeiten, diese Krankheit zu beschreiben. Unendliche Ursachen, daran zu erkranken. Unbeschreiblich viele Methoden und Einstufungen der Klassifikation.

Viele enden mit Suizid, weil die Betroffenen sich nicht helfen und von alleine nicht genesen können. Viele Erkrankte unterschätzen die negativen Kräfte, die sie auf sich selbst wirken können.

Genau dieses Gefühl und diese Vorstellung treibt sie in die Sehnsucht. In einen Wahnsinn, in dem sie glauben, dass die schwere und erdrückende Last nur durch ihren Tod beendet werden kann.

Sie wünschen sich Ruhe und Frieden, indem sie den bösen Geist aus ihren Gedanken durch ihren körperlichen Tod besänftigen.

Und nun sind genug der einleitenden Worte gefallen, weil die Geschichte beginnen möchte. Um der Erzählung zu folgen, solltet Ihr die Perspektive wechseln, denn ich führe Euch in eine unbekannte Existenz und in ein anderes Leben.

Und erlaubt mir, als Erzähler dieser Geschichte, in der ich mir selbst die Freiheit zugestehe, zum Beginn der gemeinsamen Reise einige Fragen zu stellen.

Benötigt Ihr immer ein für Euch wichtiges Ziel, um in die Zukunft zu schreiten? Habt Ihr Angst stehen zu bleiben?

Bedeutet stehen zu bleiben und das Vorhandensein von Glück, Zufriedenheit und Liebe das Ende des Weges? Das Ende der Suche und das Finden der Langeweile? Fehlt Euch die Herausforderung? Sucht Ihr Euch eine andere Beschäftigung? Ein neues Ziel, das Ihr erreichen wollt? Was braucht Ihr zu Eurem Glück?

Müsst Ihr nicht erst die Schattenseiten des Lebens kennen, um ein tiefes Glück zu empfinden? Könnt Ihr Glück schätzen, wenn Ihr keine Trauer empfunden habt? Müsst Ihr nicht den tiefen Sturz gespürt haben, um den Höhenflug zu genießen? Keine Hoffnung ohne Hoffnungslosigkeit? Keine Freude ohne Wut?

Und wollt Ihr Euch an dem Unglück anderer laben, um zu begreifen, dass es Euch besser ergeht als unserem armen Protagonisten? Wollt Ihr erkennen, dass das Leben schön ist?

Dann. Und nur dann:

»Um Himmels willen, laßt uns niedersitzen zu Trauermären von der Kön'ge Tod. Wie die entsetzt sind, die im Krieg erschlagen, Die von entthronten Geistern heimgesucht, Im Schlaf erwürgt, von ihren Frau'n vergiftet, Ermordet alle; denn im hohlen Zirkel, Der eines Königs sterblich Haupt umgibt, Hält seinen Hof der Tod: da sitzt der Schalksnarr, Höhnt seinen Staat und grinst zu seinem Pomp; Läßt ihn ein Weilchen, einen kleinen Auftritt Den Herrscher spielen, drohn, mit Blicken töten; Flößt einen eitlen Selbstbetrug ihm ein, Als wär' dies Fleisch, das unser Leben einschanzt, Unüberwindlich Er« König Richard

William Shakespeare Richard II

3. Akt, 2. Szene

WIR

Ein trüber Herbstmorgen. Eine Stadt, die irgendeinen Namen hat, jedoch für die folgende Geschichte uninteressant bleiben wird.

Der kühle Herbstwind wehte uns ins Gesicht. Wir standen auf dem Bürgersteig an der Kreuzung und sahen eine Ampelanlage, die den Verkehr sortierte. Als wäre alles nur ein großer Spielautomat, der die Kugel mit dem Flipper in Bewegung hält. Ein Ortsschild mit einem Gruß: »Herzlich Willkommen« und eine Straße, die über die Kreuzung in die Stadt hineinführte.

Wir blieben stehen und schauten uns die Umgebung an. Rechts erstreckte sich das brachliegende und abgeerntete Land. Vereinzelt zierten Bäume die Pfade, die die Äcker durchkreuzten. Auf den Feldern lag Frühnebel und daher konnten unsere Augen nicht tiefer blicken. Frisch umgepflügte Erde, die am Vorabend von einer großen Maschine bearbeitet worden war. Es war Zeit, die Felder für das Frühjahr und die neue Ernte vorzubereiten.

In der Nacht zuvor hatte es geregnet und nachdem die Wolken sich entleert hatten, hätten wir eine kristallklare Nacht sehen können. Doch wir schliefen. Am Morgen vernahmen wir mit unseren Nasen die frisch verregnete Erde und konnten uns beim besten Willen nicht an den nächtlichen Schauer erinnern. Wir zogen den Duft der feuchten Erde tief ein und empfanden eine innere Zufriedenheit. Wir liebten diese morgendliche Kühle, gepaart mit dieser Nuance von verregneter Natur. Das Gefühl, nachts nicht nass geworden zu sein, denn wir lagen gemütlich in unserem Bett, wohlbehütet und warm.

Ein sorgenfreier Schlaf. Wir machten uns, genau in diesem Moment als wir die Eingangstür unserer Wohnung öffneten und die verregnete Umgebung sahen, bewusst, dass wir zufrieden waren. Uns ging es gut. Diesen Luxus der Wärme und der Trockenheit machten wir uns geistig gegenwärtig, vereinigt mit einem gesunden, tiefen und erholsamen Schlaf.

Wir waren zufrieden. Zufrieden aber müde. Wir versuchten, die Müdigkeit aus unseren Knochen zu bekommen, denn wir wollten uns die Szene des heutigen Tages anschauen. Heute begann die Geschichte. Der Anfang. Wir wollten dies nicht verpassen.

Links der Ampelanlage führte die Straße um die Stadt. Könnten wir die Stadt von weiter oben betrachten, würden wir eine große Hauptstraße erkennen, die durch eine von Süden nach Norden durchzogene Straßenbeleuchtung erhellt wurde. Beflügelt durch unsere Fantasie, flogen wir in die Höhe und konnten das angrenzende Ackerland aus der Troposphäre als Karomuster mit verschiedenen Braun- und Grüntönen erkennen. Die Stadt lag ruhig unter uns. Langsam erwachte sie zum Leben.

Wir sahen schöne Vorgärten, die für den Winter vorbereitet wurden. Die herbstliche, goldene Jahreszeit tat ihr Übriges. Die vertrockneten orange-roten und braunen Blätter fielen. Vereinzelt stellten sich tapfere Pflanzen mit ihren letzten verbliebenen Blüten gegen den kühlen Herbstwind. Die sommerliche Farbenpracht der Blumen wich den ausbleichenden Tönen und dem dunklen Rot des Verfalls. Wolkenfetzen, die unsere Sicht versperrten.

Autos, die wie Ameisen durch die Pfade wanderten. Lichtkegel aus den Augen der blechernen Lebewesen, die durch die Straßen marschierten, drängten die Dunkelheit zurück und warfen für einen kurzen Moment Helligkeit in diesen tristen Morgen.

Wir erkannten im Osten Äcker. Einen Wald, der sich vom Westen über den Norden erstreckte und die Stadt einschloss. Eine Straße, die diesen Wald durchkreuzte. Zwei gepflasterte Flecken in diesem Baumbewuchs. Von Menschen in dieses Stück Wald gesetzt.

Bäume mussten herausgeschnitten werden, um eine Fläche zu erschaffen. Eine kleine Abzweigung von der Straße wurde zu diesem Platz angelegt. Ein Parkplatz für die Autofahrer oder ein Spielplatz für vernachlässigte Ehemänner.

Denn Frauen mit ihren mobilen und möblierten Unterkünften hatten sich dort angesiedelt, um ihre Dienste anzubieten. Ein Zufluchtsort für einsame Männer, ein Fleck der Schande für manch altmodische Frau, die fürchtete: »Das ist nicht gut für die Moral.« Doch wir dachten: »Die Frau hatte nur Angst, dass ihr Ehemann etwas bekommen könnte, was es zu Hause nicht gibt.«

Alles erschien uns in einem großen Gesamtbild. Unsere Ansicht auf die Umgebung ließ uns nicht jede einzelne Ameise erkennen. Wir mussten genauer hinsehen, unseren Blick fokussieren. Daher ließen wir unser Augenmerk von dem Parkplatz zurückschweifen. Wir würden später dahin zurückkehren.

Wir schwebten zurück auf die Erde und blickten auf eine blecherne Ameise, die an diesem Parkplatz vorbeifahren würde. Wir interessierten uns nur für den Insassen. Für das Innere des Insektes. Für den einzelnen Menschen. Für einen einzelnen Mann. Also bewegten wir uns wieder nach unten und ließen all unsere Fantasien dort oben im Himmel.

Ein einzelner weißer Wagen bekam unsere volle Aufmerksamkeit, denn dieses Automobil war etwas Besonderes und benötigte unser ganzes Augenmerk.

Wir fokussierten uns und blickten genauer hin. Wir schauten und beobachteten.

Wir folgten dem Auto, wie es vor der Stadt die Kreuzung nahm und nach links abbog. Wir schauten hinein. Wir verschmolzen mit dieser Person und wechselten erneut die Perspektive. ICH!

DREI

Michael

Ich fiel in ein Loch, das ich mir selbst erschuf. An den Zeitpunkt, als ich fiel und nicht mehr aufstehen konnte, kann ich mich nicht erinnern. Ein schleichender Zerfall setzte ein und zerbröckelte meinen Untergrund. Mein fester Boden, auf dem ich mit zwei gesunden Beinen stand, verlor an Haftung. Metaphorisch gesprochen ging ich einen Weg entlang und stolperte über loses Erdreich. Ich fiel und schlug auf einem kalten Boden auf. Ich hatte keine Kraft aufzustehen. Die Kälte aus dem Boden kroch in meinen Leib und setzte sich in meine Knochen fest. Ich blieb liegen. Meine Kraft floh, je länger ich lag und darüber nachdachte, warum ich stolperte und dort hilflos lag.

Die Zeit verstrich und ich verlor mich in einer Traurigkeit, weil ich nicht verstand, warum ich fiel. Eine dünne Eisschicht entstand zwischen mir und dem Erdreich und hinderte mich am Aufstehen. Es wurde zunehmend schwieriger. Ich erkannte keine sichtbaren Hindernisse auf meinem Weg. Ich bekam Angst aufzustehen, weiter zu gehen und wieder zu fallen. Mir fehlten der Mut und die Kraft, einen zweiten Sturz zu überstehen. Mein Gesicht war gerichtet auf diesen kalten und harten Untergrund, daher sah ich nichts anderes. Keine Lichtstrahlen erreichten mich, nur dieses dreckige, dunkle und farblose, Licht aufsaugende schwarze Loch, das sich unter meinem Gesicht abzeichnete. Ich krallte mich an den vermeintlich sicheren Boden mit der Gewissheit: »Hier wird mir nichts passieren!« und je länger ich lag, umso schwerer wurde mein Körper und das Aufstehen wurde zur Qual. Ich fror fest und mein ganzer Leib klebte an diesem Boden.

Ein Martyrium. Ich blieb liegen und wartete auf ein Signal, eine Eingebung oder auf eine helfende Hand, keines davon erreichte mich. Alles wurde von dem schwarzen Loch verschluckt. Ich kapselte mich von meiner Umwelt ab und scheute jeden menschlichen Kontakt, es wurde mir zuwider in meiner Umgebung Menschen zu ertragen. Ich suchte Ruhe und die Einsamkeit, obwohl ich beides nicht ertrug. Der Untergrund wurde weicher und begann mich zu verschlucken. Die kurz aufkommende Euphorie, die ich empfand, als der Boden weicher wurde und meine Bauchlage sich dadurch verbesserte, schlug in eine noch größere Angst und Mutlosigkeit um, denn ich versank! Tag für Tag wurde das Loch größer und verschluckte mich, bis ich tief darin feststeckte. Jeder Versuch herauszuklettern, erweiterte den weichen, porösen Rand des Loches und ich hatte immer weniger Chancen herauszukommen. Helfende Hände, die mir von oben gereicht wurden, erkannte ich nicht oder schlug sie weg, wie ungebetene Fliegen, die einfach nur existierten, um einem den letzten Nerv zu rauben. Es schien, als könnte kein Mensch mir helfen.

»Michael?! Wo fährst du lang?« In meine Gedankengänge mischte sich eine vertraute Stimme. Sie holte mich zurück in das Hier und Jetzt. Ingo, mein Arbeitskollege, den ich jeden Tag mit zum Dienst nahm. Natürlich kostenlos!

»Ich fahre wieder meinen Umweg«, antwortete ich und verlor dabei mein Gedankenspiel. Mein roter Faden wurde zerrissen. Woran hatte ich gerade gedacht?

Ich fuhr auf die erwachende Stadt zu und bog an der Kreuzung nach links, durch den Wald und auf die Umgehungsstraße. Ein trüber Herbstmorgen an einem Montag. Nebelschwaden lagen auf den umliegenden Feldern.

Ein schwarz gekleideter Mann stand an der Fußgängerampel der Kreuzung und wartete auf sein Signal zum Überqueren. Ich hätte ihn nicht bemerkt. In dem Scheinwerferlicht meines Wagens, das ihn kurz streifte, schien er mich direkt anzuschauen. Er schien mich zu erkennen und ein freundliches Lächeln umspielte seinen Mund. Er hob die Hand zum Gruß und winkte. Grüßte er mich? Ingo brabbelte irgendetwas, ich hörte nicht weiter zu. Ich verlor mich wieder in meinen Gedanken. Ich fand keinen Grund für meine innere Zerrissenheit. Nur neue Fragen entstanden. Meine Seele wurde unglücklich. Ich wurde gefühllos. Mich suchte jeden Tag eine innere Unruhe heim. Ich fand in nichts meine Befriedigung. Ich kaufte mir materielle Dinge, um ein kurzes Glücksgefühl zu spüren. Meine innere Leere füllte sich von neuem und ich wurde wieder ausgehöhlt zurückgelassen. Ein Vakuum, das keine Gefühle enthielt. Ich schlief mit meiner Frau, aber nur aus Selbstzweck. Ich spürte nichts. War abwesend. Die kleinsten Dinge, die mir früher Spaß machten und die ich mit Regelmäßigkeit machte, erschienen nicht erfüllend. Ich wurde stumpf und empfand keine Freude. Leer, hohl, immer hungrig, gepaart mit Apathie und einer tiefen Sorge um die Zukunft und mein weiteres Leben. Ich grübelte und wurde nachdenklich. Ich aß und wurde nicht satt. Meine Umwelt machte mich krank. Ich spürte, wie mich die Flut der Außenwelt überforderte. Mir wurde alles zu viel. Ich wollte doch nur Ruhe, aber bekam sie nicht. Ich wollte in allem einen Sinn erkennen! Aber erkannte ihn nicht. Mein Gesicht zeigte Freude, aber ich spürte sie nicht. Meine Monotonie des Alltags fraß mich auf.

Ich begann, bei jeder Gelegenheit Wein zu trinken. Viel Wein, nur um meine Nerven zu beruhigen. Wein ist gut! Rotwein! Man zeigt damit Stil. Vermittelte seinen Mitmenschen einen kulturellen, intelligenten Menschen. Einen zielbewussten Mann mit Idealen. Einen Genießer. Doch innerlich krank, tot und einsam. Das Gesicht des schwarz gekleideten Mannes tauchte vor meinem inneren Auge auf. Dieser Gedankenfetzen kroch von meinem Unterbewusstsein nach oben und sprang in mein Bewusstsein. Und ich erkannte, dass das Lächeln kein freundliches war: »Es war ein teuflisches, hämisches und verachtendes Lächeln.« Warum dachte ich darüber nach? Warum hallte dieses Gesicht, von diesem Mann und seine Geste des Erkennens in meinem Kopf nach? Hatte der Mann mich überhaupt angeschaut? Oder verwechselte er mich mit jemandem? Keine Ahnung!

Und dies ist der Anfang meiner Geschichte.

VIER

Michael

Ingo behauptete schon seit Monaten, ich würde nur einen Umweg zu meiner Arbeit nehmen, weil ich »nach Nutten schauen« wollte.

»Du fährst doch nur deswegen hier lang, gib's zu!« sagte er immer wieder und machte darüber seine Späße, machte sich irgendwie lustig über mich. Ich antwortete nie darauf. Ich ertrug es mit meinem Schweigen. Denn er hatte Recht.

Mein angeblicher Umweg führte durch einen Wald, der in eine Lichtung überging. Eine typische Landstraße, auf der man 100 km/h fahren konnte. Der Übergang in den Wald wurde auf 70 km/h gedrosselt. Warum das so war, kann ich nicht erklären. Wahrscheinlich wegen der Unfallgefahr durch einen Wildwechsel. Umweltschutzbestimmungen oder einfach, um den Lärm, der durch die Autofahrer verursacht wurde, aus dem Wald zu halten. Die Straße erstreckte sich über zehn Kilometer und führte in einem großen Bogen um die Stadt. Ich rechnete nach und stoppte die Zeit, um die Wege später zu vergleichen. Ich wollte Ingo beweisen, dass es einen zeitlichen Unterschied gab.

Die Straße sollte den Durchgangsverkehr aus der Stadt in den Wald führen. Eine Umgehungsstraße. Die andere Strecke verlief geradewegs durch die Stadt, wurde aber durch fünf Ampelanlagen unterbrochen. Diese standen gefühlsmäßig immer auf Rot. Die Strecke durch die Stadt betrug nur sechs Kilometer, dauerte aber länger. Für mich war es kein Umweg, sondern die logische Konsequenz.

»Das ist der schnellere Weg«, sagte ich.

»Klar, Michael.« Ingo lachte. »Und ich bin der Papst. Du willst die Nutten sehen, stimmt's?«

Ich zeigte ihm die Ergebnisse meiner Zeitmessung. Bewies es ihm schwarz auf weiß. Es interessierte ihn nicht. Ingo war damals auch überzeugt gewesen, »er hätte nur ein Bier getrunken«, als er von der Polizei angehalten wurde. Das Alkoholmessgerät zeigte einen viel höheren Wert an, als er es sich vorstellen konnte. Trotz der Diskussion mit der Polizei und der Beteuerung, es sei wirklich nur ein Bier gewesen, ließen sich die Polizisten und später auch die Flensburger Punktejury nicht erweichen. Jeder Protest und selbst das Abstreiten der Tat führten erbarmungslos zu einem Fahrverbot von drei Monaten und einer dicken Geldprämie für den Staat.

»Die hätten mich laufen lassen müssen«, erzählte er mir immer wieder. »Wir sind doch Kollegen! Beamte! Quasi Leidensgenossen durch die Verbeamtung!«

Ingo ärgerte sich immer noch über die »ungerechte« Behandlung. Daher brachte jede Diskussion mit meinem Mitfahrer nichts. Und obwohl ich ihm einen Beweis erbrachte, interessierte es ihn nicht! Er starrte selbst die Nutten an und berichtete mir immer ausführlich, was er mit ihnen anstellen würde. Ingo wusste genau, was diese Art Frauen wollten und brauchten. Er nannte mir Preise und prahlte mit seinen früheren Besuchen.

»Wenn meine Alte daheim nicht bringt, was ich brauche, dann zahl ich halt.« Ingo lehnte sich zurück. »Aber nicht in so 'nem Wohnwagenpuff. Ich geh in einen richtigen Club. Sauber. Diskret. Willst du nicht mal mitkommen?«

»Nein danke, ich bin glücklich verheiratet.«

Er lachte. »Das sagen sie alle. Bis sie's dann doch tun.«

Mit dem ständigen Anhören des Geredes wuchs in mir ein Verlangen, das ich aber unterdrücken konnte. Bis zu dem verhängnisvollen Tag.

Der Anfang meiner Untreue und das Ende meiner Zuversicht, dass alles mit Vertrauen und Ehrlichkeit aus der Welt geräumt werden könnte. Ich, mit meinen verdammten perversen und unerfüllten sexuellen Sehnsüchten, zerstörte alles! Ich nahm Ingo jeden Tag mit. Er bedankte sich niemals und hielt es auch nicht für nötig, sich an den Benzinkosten zu beteiligen. Er sparte dadurch das Geld für den Bus und wurde direkt zu unserer Dienststelle gebracht. Im Grunde konnte es mir egal sein, weil ich den Weg sowieso fahren musste. Aber er hätte sich ja mal erkenntlich zeigen können! Den Ärger darüber, dass meine Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft ausgenutzt wurde, schluckte ich herunter. Stattdessen dankte er es mir mit seinen blöden Kommentaren. Obwohl er mit dem »Nachden-Nutten-schauen« Recht hatte, ärgerte ich mich über das blöde Gerede und fuhr, stur, jeden Tag »meine« Umgehungsstraße. Ich hatte das Bedürfnis, mir Nutten anzuschauen! Ingo ertappte mich und dafür hasste ich ihn. Denn er hatte Recht!

Auf dieser Umgehungsstraße kam auf der Hälfte der zehn Kilometer ein ausgeschilderter, abseits gelegener Parkplatz. Von der Straße aus schlecht einsehbar. Versteckt, und vor den Blicken der vorbeifahrenden Autos geschützt. Eine schlecht gepflasterte Straße, die über 20 Meter auf einen großen, mit Kies ausgelegten Platz führte. Darauf standen fünf Wohnwagen und es war reichlich Platz für die Autos der Kunden. Jeden Tag stand an dieser Einfahrt eine andere Dame, die »Besucher« begrüßte. Auf diesen Blickfang hatte ich es abgesehen. Ich fuhr diese Strecke schon Monate und daher erkannte ich eine Regelmäßigkeit. Jeden Tag der Woche stand eine andere Frau. Anscheinend hatte jede Prostituierte ihren festen Wochentag. Falls mal keine an der Einfahrt stand, vermutete ich: »Die wird es gerade besorgt bekommen.« Ich versuchte niemals zu starren oder zu gaffen. Ich ließ meinen Blick über die Frauen schweifen und versuchte ihren Blick zu erhaschen. Sie standen dort bei jedem Wetter mit tiefen Ausschnitten und kurzen Röcken. Manche rauchten dabei. Mir fiel mein Mitfahrer Ingo ein, wie er einmal sagte: »Frauen, die rauchen, schlucken auch!«

Ich schaute sie mir nur für einen kurzen Moment an und versuchte, mir hinter dieser Fassade der gespielten Lust ein »normales und bürgerliches Leben« vorzustellen. Es gelang mir nicht. Mich interessierte auch nicht, ob sie alles schluckten! Für mich waren diese Frauen, die sich für Geld benutzen ließen, menschliche Objekte. Menschen dritter Klasse, die nichts anderes im Sinn hatten, als Geld mit nichts als ihren Körpern zu verdienen. Ich verschwendete niemals einen Gedanken daran, ob die Frauen das aus einer Zwangslage heraus machen mussten. Mussten sie für die eigene Familie anschaffen, damit ihre Familie ein besseres Leben führen konnte? Wurden sie von Menschenhändlern verschleppt, die ein besseres Leben in Deutschland versprachen? Mich interessierte ebenfalls nicht, ob die Frauen sozialversicherungspflichtig arbeiteten oder ob die Dienste einer Schlampe strafbar sind. Handelten sie aus einer Notlage heraus? Egal. Ich benutzte sie als Vorlagen für meine Fantasien. Die Frauen waren in eine Abhängigkeit geraten. In Abhängigkeiten von einem Stück Papier, das wir als Zahlungsmittel benutzen. Ich konnte mir die Konturen ihrer Gesichter einprägen, ihre Blicke einsaugen, als wäre es ein Geruch. Ich konnte jede Pore ihrer prallen Brüste in meinen Händen spüren. Ich sah das Sperma in ihr Gesicht fliegen, wenn ich kam. Ich spürte die Wärme auf meiner Hand und stellte mir ihren Mund vor und ihre schmatzenden Lippen, während ich dabei alles in einem Taschentuch verteilte. Ich verspürte nie die Lust auf mehr. Nie Lust nach wirklicher körperlicher und verruchter Nähe. Mich hatte nie der Mut gepackt, für diese Frauen mein Geld auszugeben. Während ich mich selbst befriedigte hatte ich niemals ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner geliebten Frau und meinem Kind.

Das Problem der angewöhnten Regelmäßigkeit war die Routine, die mit meiner Selbstbefriedigung keine Erfüllung mehr brachte. Es wurde zur Gewohnheit. Langweilig. Langeweile wurde gefährlich für einen Mann, der pessimistisch gesehen, die Hälfte seines Lebens hinter sich hatte. So wurde meine Art der Befriedigung, genauso wie der regelmäßige Geschlechtsverkehr mit meiner Frau, langweilig. Das Neue fehlte. Ich kann nicht sagen, ob es die Sehnsucht nach einer neuen Frau war, oder einfach nur die Spontanität, die mich durchfuhr. Vielleicht auch das dauernde und anhaltende Gerede von Ingo, von seinen Schilderungen und Fantasien. Das Schlimmste an all dem Geschwätz war, dass wir fast die gleichen Vorstellungen hatten. Wir hatten beide keine Lust auf normalen, liebevollen Sex. Wir wollten vögeln. Den Partner nehmen, primitiv und lustvoll benutzen, den Kopf ausschalten und sich der Wollust hingeben. Keine Fragen und kein Gewissen zulassen. Er redete darüber und ich dachte insgeheim für mich darüber nach. Ich fühlte in diesem Augenblick eine tiefe Leere, die mich schon die ganzen Monate heimsuchte. Mir fehlte die Richtung, der Sinn. Ich hatte alles und war doch nicht zufrieden. Mir fehlte der Hochmut, mir fehlte der tiefe Abgrund. Ich suchte nach einem Ausgleich. Etwas Unbekanntem. Etwas Verbotenem, um wieder ein neues Lebensgefühl zu bekommen. Die Routine fraß sich in meine Seele. Schleichend wurde der Alltag und mir wurde langweilig. Eine Leere floss in meinen Tag und füllte meinen Geist.

Ich wurde unzufrieden. Mir fehlte der Höhepunkt. Ein neuer Reiz. Die Herausforderung! Ein Ziel, für das es sich zu arbeiten lohnte. Ich vergaß den Wohlstand und die Zufriedenheit, die ich mir in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Ich vergaß meine Vergangenheit mit der Zufriedenheit und warf meine Zukunft für die kurze Zeit bei einer Schlampe in den Müll. Ich wollte meine sexuellen Sehnsüchte und Wünsche erfüllt wissen. Der einfache und günstige Moment, in dem die Umwelt und ich in einer perfekten Symbiose vereinigt waren, ohne Gedanken an die Zukunft, einfach nur die Dummheit, gepaart mit der Härte meines Schwanzes. Doch jeder weiß: »Der Hochmut kommt vor dem Fall.«

FÜNF

Michael

Ich war allein, fuhr den kleinen Weg entlang und parkte meinen Wagen. Die junge, zarte und »unverbrauchte« Dame, die mir von allen am besten gefiel und auf die ich Lust verspürte, stand nicht an der Straße. Ich hatte Glück! Sie saß in ihrem Wohnwagen und wartete. Sie tat so, als hätte sie nur auf mich gewartet. Ich war der Einzige auf diesem Parkplatz. Kein anderes Auto. Keine Zeugen.

Die Wohnwagen standen bereit für die Kundschaft. Fünf Uhr nachmittags. Ziemlich früh am Abend, aber für einen Beamten im gehobenen Dienst wie mich, bedeutete diese Uhrzeit: »Überstunden.« Bei einer vierzig Stunden Woche, wobei ich immer einer der Ersten frühzeitig am Arbeitsplatz war, konnte ich abends länger arbeiten, Überstunden aufbauen und danach einer der ersten Kunden sein. Der Platz war alles andere als ansehnlich. Die fünf Wohnwagen standen direkt am hinteren Waldrand nebeneinander. Die Deichsel der Anhänger zeigte immer auf die Rückseite des davor stehenden. Man konnte durch diese Anordnung bei der Auswahl der »Ware« von einer Tür zur nächsten gut vergleichen.

An diesem Tag waren nur drei Damen anwesend. Blaue Müllsäcke stapelten sich in einer Ecke des Parkplatzes. Der trübe Nachmittag wechselte langsam in den Abend. Der zunehmende Mond, der durch die Wolken verdeckt wurde und nur selten einen Blick auf die Welt bekam, tauchte die Umgebung und das Firmament in einen grauen Schleier. Hecken, die ihre Blätter schon vor einiger Zeit fallen ließen, standen wie stumme Zeugen und Beobachter. Laub wirbelte durch die Gegend. Alt. Vertrocknet. Niemand kümmerte sich um den Parkplatz. Niemand räumte auf. Altes Zeug. Müll, den niemand mehr benötigte, uninteressant. Vergessen. Ich erkannte einen Trampelpfad, der in den Wald führte. Nadelbäume verdeckten den tieferen Einblick. Zwei Wohnwagen. Jeder hatte einen Klappstuhl davor stehen. Wartezimmerflair. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich die Bewohner des Camps davor setzten und einen Plausch hielten oder Zeitung lasen, sich entspannten oder sonnten, während sie auf den nächsten Kunden warteten. Sich austauschten? War diese Sitzgelegenheit für die Wartenden?

Ich ging an einer Nutte vorbei, die sich aus der oben geöffneten Wohnwagentür lehnte. Sie stützte sich mit ihren Händen auf der Tür ab. Ihre Hängebrüste wurden von einem BH gehalten, der früher einmal weiß geleuchtet hatte. Sie wirkte alt und verbraucht; viel Schminke auf ihrem Gesicht, rot gefärbte und schnell nachgezogene Lippen sollten von dem hässlichen Äußeren ablenken. Knochiges, mageres Gesicht mit großen, Tränen triefenden Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen. Schwarze Höhlen. Die knochigen Arme, auf die sich dieses Geschöpf stützte, erinnerten mich an alte verdorrte Baumäste, die ihre Blätter schon vor Jahren verloren hatten. Der Baum trug keinen Lebenssaft mehr in sich. Ausgetrocknet, tot und windschief. Die Haare einfach irgendwie unkoordiniert zusammengesteckt. Mein Gott, wie armselig, wie eine dieser Crackhuren! Ich dachte nur: »Welcher Mann würde dieses hässliche Geschöpf benutzen wollen? Wer erbarmte sich?«

»Hey, willst du mich ficken?« Ihre Stimme klang rau und gebrochen. Die Lippen waren spröde und trocken. Ich schüttelte nur den Kopf und ging weiter. Ich verlor fast meine Lust. Ich bekam Zweifel an meinem Vorgehen. Ich steuerte weiter auf mein Objekt der Begierde zu. Jung, zart, schöne runde Formen, frisch und allem Anschein nach unverbraucht. Sie bemerkte mich und öffnete die Tür.

Der herbstlich trübe Vorabend, bei dem ein leichter, fröstelnder Wind säuselte, ließ die Liebeshöhle gemütlich erscheinen. Ich fühlte mich wohlbehütet und spürte, wie meine Hose enger wurde. Ein eigenartiger Duft schlug mir entgegen. Die Mischung aus Schweiß und Parfüm ergab einen seltsamen, penetranten Geruch. Eine Gasheizung, die den Wohnwagen mit Wärme erfüllte und dazu verschlossene Fenster. Eine tolle Kombination, die zu einem Erstickungstod führte. Sinnlose Gedanken. Ich werde keine zehn Minuten brauchen.

Der Wohnwagen wurde mit einer roten Lichterkette erhellt. Rechts der Tür war eine Sitzgruppe mit alten, verschlissenen Polstern, ein verkratzter Tisch, auf dem Makeup und Pappbecher standen. Fastfood-Müll. Zeitschriften. Durch das rote, trübe Licht wirkte die Einrichtung wohlig und behaglich. Links die Schlafgelegenheit mit rosa Kissen und mehreren Tagesdecken. Aufgeräumt und sauber. In dem Durchgang war eine Küchenzeile und gegenüber das Bad und die Toilette. Garderobenhaken. Mehrere Mäntel hingen dort.

Ich zog meine Jacke aus und hängte sie dazu. Das ganze Ambiente wirkte alt, abgenutzt und aus einer vergangenen, älteren Zeit. Die Wohnwagenmöbel bestanden aus dunklem, altem und abgegriffenem Holz. Wir standen uns gegenüber. Ein jugendliches Aussehen, ein zartes Gesicht, schöne Lippen, dralle, feste Rundungen und samtene Haut. Sie soll es sein, die meinen Schwanz lutscht. Und statt ihres Mundes bot sie mir einen Tee an! Was sollte das? Warum wollte diese Kreatur mit mir einen Tee trinken? Ich wollte keinen Tee! Ich fühlte mich durch dieses Angebot in meiner Fantasie gestört. Solche Frauen sollten keinem Mann einen Tee anbieten. Sitte, Anstand und Bürgerlichkeit waren hier nicht angebracht!

Ich lehnte dankend höflich ab. Schluckte meinen aufkommenden Ärger herunter und füllte meinen Geist mit Geilheit. Wir sprachen über den Preis. Ich bezahlte. Ich zog meine Hose runter und setzte mich auf das Bett. Sie kniete sich vor mich, holte mir einen runter, massierte mein steifes Glied mit ihren Brüsten und benutzte ihre Zunge. Ich schaute auf sie herab und genoss den Anblick ihres rhythmisch wippenden Kopfes und die Geräusche, die dabei entstanden. Genau das, was ich brauchte und das für einen lächerlichen Preis.

Nachdem meine Fantasie befriedigt war und sie meine Sauerei weggewischt hatte, zog ich die Hose hoch und verschwand, fast schon flüchtend, aus dem Wohnwagen. Mein Verstand gewann wieder die Oberhand und die Moral kroch in mein Hirn, wie zähflüssiger bitter-süßer Sirup.

Ich fing an zu rennen, stürmte in mein Auto, setzte mich hinein und knallte die Wagentür zu. Ich wollte das Böse draußen lassen. Ich dachte: »In dieser Kapsel bin ich sicher!« Ich umschloss mit beiden Händen das Lenkrad und hielt es fest im Griff. Das Weiß der Fingerknöchel trat hervor. Ich empfand einen leichten Schmerz, der mich überzeugen sollte, dass diese eben stattgefundene Szene der Wahrheit entsprach und es sich nicht um einen schlimmen Traum handelte. Mir schossen die Bilder in den Kopf und ich war entsetzt! Meine Fantasie war befriedigt. Meine Geilheit aus dem Kopf. Trotzdem fühlte ich mich schlecht. Die lang andauernde Vorstellung war interessanter und die Vorfreude größer als der Akt, bei dem mein Wunsch erfüllt wurde.

Ich war enttäuscht. War das verrückt? Ich bekam Zweifel, ich dachte: »Es hat sich ja gar nicht gelohnt!« Und der zweite Gedanke: »War dein Besuch real?« War ich wirklich gerade bei einer Schlampe gewesen? Hatte ich für 30 Euro auf ihre Titten gespritzt? Warum war die Fantasie befriedigender als die Wirklichkeit?

Der Gedanke an meiner Untreue nagte an mir, weil ich meine Frau betrogen hatte! Warum wurde ich unzufrieden trotz eines Wohlstandes, der keine Wünsche offen ließ? War das die ewige Unzufriedenheit des Menschen? Vielleicht auch der Neid, etwas im Leben verpasst zu haben? Eine tief sitzende Angst, irgendetwas in meinem Dasein nicht erlebt zu haben, bevor ich zu alt wurde? Hatte ich vor meiner Ehe genügend Partnerinnen gehabt, bei denen ich mich sexuell hatte ausleben können? Hatte ich ein Problem? Sexuell unbefriedigt? War ich pervers? Sexsüchtig? War ich alleine mit meinen Sehnsüchten? Oder war es der Hass, den jeder Mensch mit sich herum trägt? Warum kann ein Mensch nicht mit dem glücklich sein, was er hat? Warum provozierte ich den Hass und die Wut des Menschen, den ich am meisten liebte? Ich habe eine Frau, ein Haus, einen großen Garten, zwei Autos und ein Kind! Habe eine gute Anstellung, habe Geld und war zufrieden! Warum war ich der Versuchung erlegen? Der Versuch, die Vorfreude und der Akt waren die pure Geilheit, genau das, was ich wollte und brauchte! Ich habe den Kopf ausgeschaltet, den Verstand mit der Vernunft begraben und mich der Lust hingegeben. In diesem kurzen Moment war die Entscheidung richtig, doch im Nachhinein war die Entscheidung die absolut falsche!

Meine Vernunft kam zurück, nachdem mein Sperma auf ihren Brüsten gelandet war.

»Die Weiber sind hauptsächlich dazu bestimmt, die Geilheit der Männer zu befriedigen.«

Martin Luther

SECHS

Michael

Mir wurde schwindelig. Ich sah das schöne Gesicht meiner Frau, wenn sie mich morgens anlächelte. Spürte die Zuneigung, die wir füreinander empfanden. Die Liebe zu meiner Frau durchströmte mich. Ich wollte sie umarmen. Sie berühren. Ihr Haar riechen. Sie fest an mir spüren und sie um Verzeihung bitten. Ihr alles gestehen! Aber ich konnte es einfach nicht. Ich wollte einfach das Besondere, das wir uns über die Jahre der Ehe aufgebaut hatten, nicht zerstören. Ich sah die schönen Momente mit meiner Frau und erinnerte mich an ihre unendliche Treue, die ich nicht riskieren wollte. Ich wollte ihr unbekümmertes Lächeln nicht verlieren. Ich benötigte ihr hundertprozentiges Vertrauen. Ich durfte ihre Zuneigung nicht zerstören und ich tat es doch! Ich sah den Haarschopf der Prostituierten, den wippenden Kopf in meinem Schoß und mir wurde übel. Ich machte meine Wagentür auf und erbrach auf dem Boden des Parkplatzes. Und würgte und kotzte bis auf die Galle. Mir schoss der Schweiß auf die Stirn, mir wurde heiß und ein gleichzeitig auftretender Schüttelfrost durchströmte meinen Körper. Ich kotzte mir die Seele aus dem Leib, als könnte ich den ganzen Unrat aus meinem Körper werfen und meinen Dämon gleich mit.

Mein Mageninhalt verteilte sich als stinkende, dickflüssige Lache auf dem Kies des Parkplatzes. Ich zog die Wagentür zu, lehnte mich auf dem Fahrersitz zurück und schloss meine Augen. Mein Magen fühlte sich an, als wäre er nach links gedreht worden, mein Mund brannte, schmeckte nach bitterer Säure und ich spürte einen Rest Speichel an meinem Mundwinkel kleben. Ich brauchte ein Taschentuch, um diesen Dreck aus meinem Gesicht zu wischen und ein Kaugummi, um diesen fahlen, abgestandenen Geschmack zu vernichten. Ich fand beides in meinem Handschuhfach. Der süße Geschmack des Kaugummis in meinem Mund ließ mich für Sekunden meine Untreue vergessen und ich freute mich über die Erlösung, die mir durch dieses kleine Stück Glück zuteil wurde. Ich kaute darauf herum und versuchte mich zu beruhigen. Ich versprach mir, das niemals wieder zu tun und wollte das Vergehen tief in meinem Bewusstsein unterdrücken, wegschließen und auf ewig verdrängen – niemals mehr daran denken und es als »Einmal ist keinmal« abstempeln und für immer vergessen.

Aber so einfach war das nicht! Ich spürte den Blick des hässlichen Geschöpfs auf mir. Sie stand immer noch an der halb offenen Wohnwagentür und wartete auf einen Kunden. Blöde Crackhure. Sie beobachtete mich, grinste und erfreute sich an meinem Vergehen. Ich fing an zu frieren. Der Mond verschwand hinter einer Wolkendecke. Die Dunkelheit erbrach sich über mir. Der Himmel verschloss sich, es fing an zu regnen. Ich saß in meiner Rettungskapsel und sperrte meine bösen Geister aus. Ich versuchte sie im Unwetter stehen zu lassen, als wären sie ungebetene Gäste, und ich verharrte leise, um ihnen zu signalisieren: »Hier ist niemand.« Der Regen wurde stärker. Meine ausgeschlossenen Geister hämmerten auf meinem Autodach herum und begehrten Einlass. Sie hämmerten und hämmerten und wollten hinein. Jeder Schlag heftiger, jeder Schlag ein Donner, jeder Schlag deutlicher mir signalisierend: »Wir werden nicht von Dir weichen! Wir gehören zusammen! Wir bleiben bei Dir!« Der prasselnde Regen spülte mein Erbrochenes fort, als wäre niemals etwas geschehen und plötzlich, mit einer Deutlichkeit, die meine Übelkeit wieder zurückkehren ließ, fiel mir ein, dass ich meine Jacke in diesem verdammten Puff vergessen hatte!

WIR

Wir beobachten diese Szene und denken: »Recht so!« Wir hegen ebenfalls die Gedanken, uns von den Fesseln der Moral und der Ethik zu lösen! Wir wollen ebenfalls ausbrechen und unseren Trieben freien Lauf lassen! Primitiv sein. Wir sehnen uns nach mehr. Wir haben nicht den Mut, unsere selbst auferlegte gesellschaftliche Norm abzustreifen, als wäre es die alte Haut einer Schlange! Darum flüchten wir in das Internet mit den unendlichen Möglichkeiten, kostenlos und anonym Pornos anzuschauen. Wir gehören zu den 43 % der Internetnutzer, die täglich vor dem Computer wichsen.

Wir befinden uns zu Hause in unserem gemütlichen Heim. Wir sitzen in Sicherheit und können uns nicht an einer Geschlechtskrankheit anstecken. Hier sind wir sicher und fühlen uns anonym genug. Wir können so oft wir wollen unserer Befriedigung nachgehen. Druckabbau. Unsere schlechte Laune vertreiben.

Und jetzt stehen wir am Rand des Waldes, in der Nähe des Wohnwagens, und verfolgen das Geschehen. Wir wollen keine Aufmerksamkeit: »Wir sind Beobachter.« Wir wollen nicht urteilen: »Wir sind keine Richter.« Wir denken und kommentieren. Wir sehen die Prostituierte und fragen uns, warum dieser arme Teufel es nicht schon früher getan hat. Er sucht nur Glück und Zufriedenheit. Spaß am Leben.

Selbstbestätigung. Entspannung und ein Mittel gegen die Langeweile. Wir können verstehen, warum er sich ausgerechnet dieses leichte Mädchen ausgesucht hat: »Jung, zart, attraktiv, unschuldig, unverbraucht, gesund und frisch.« Wir reden uns ein, dass sie es aus freien Stücken macht und Spaß daran hat. Wir reden uns ein, dass sie es nur für uns macht! Wir sehen den armen Teufel Michael und haben Mitleid. Wir kennen das Gefühl und die Gedanken der Untreue!

SIEBEN

Michael

Der Abend, am selben Tag

Ich fuhr eine Stunde ziellos durch die Gegend. Kreuz und quer. Ich fuhr und sah immer abwechselnd das hübsche, zarte und liebevolle Gesicht meiner Frau und die verschmierten Brüste der Hure. Der Zweifel und das schlechte Gewissen nagten an meiner Seele und trotzdem fand ich die Situation unglaublich befriedigend. Das Dunkel in meiner Seele wurde auf eine verbotene Weise besänftigt. Ein böser Trieb, den ich lange unterdrückt hatte. Ich fühlte mich gut und verwegen. Ich fühlte mich frei und befriedigt! Ich kostete von der verbotenen Frucht der Wollust. Der Verrat an meiner Frau wurde mit der Befriedigung meiner Geilheit bezahlt.

Mir war nie zuvor bewusst, dass mir etwas in meinem alten Leben fehlte. Ich unterdrückte in den letzten Jahren meine sexuellen Fantasien und dachte, ich könnte damit leben. Ich hatte immer Spaß mit meiner Frau. Wir liebten uns und es fühlte sich gut und richtig an. In dem Wohnwagen war dies eine komplett andere Situation: »Ich bekam auf Wunsch etwas gegen Geld ohne Fragen. Ohne Verpflichtung.« Mein unterdrückter Trieb wurde losgelassen und ich genoss die Einfachheit, die willenlose Seite an mir. Animalisch. Gedankenlos.

Sie machte das, was ich wollte. Genau das, was ich brauchte. Ist die Ehe ein vergleichbares Konstrukt, vergleichbar mit dem Dienst einer Nutte? Der Ehepartner bekam ein Zuhause, Geld, Rückhalt, Wohlstand und ich dafür Sex? So einfach? Ein Tauschhandel?

Ich fuhr nach Hause und stieg unter die Dusche. Ich duschte und dachte immer noch darüber nach, was das Richtige sein würde, meine Gedanken hüpften immer zwischen meiner Frau und dem Wohnwagen. Hüpften zwischen Geilheit und Tugend. Ich wusch mich und versuchte meine schlechten Gedanken und die letzten Stunden einfach abzuschrubben.

Es gelang mir nicht. Ich spürte selbst nach Stunden ihre Lippen. Ihre Geräusche. Ihre Berührungen. Ich weiß nicht, wie lange ich unter der Dusche stand. Gedankenverloren und apathisch.

Plötzlich hörte ich meine Frau ins Bad kommen. Ich konnte hören, wie sie ihre Kleidung auszog und in die Dusche kam. Sie umarmte mich von hinten und drückte sich mit ihrem nackten Körper an meinen. Ich spürte die zarten Brüste auf meinem Rücken, ich fühlte das Becken an meinem Hinterteil. Sie hielt mich fest und küsste meinen Hals. Verdammte Scheiße, stinken meine Klamotten nach dem Wohnwagenpuff? Verseuchten sie mit dem Gestank unser Bad? Hatte meine Frau etwas gerochen? Ich wurde schlagartig hellwach. Ich wollte fliehen. Wollte aus der Dusche hüpfen und meine Dreckwäsche unter den Arm nehmen, einfach aus meinem Haus und aus meinem Leben rennen. Meine Kleidung verbrennen und gleichzeitig meinen Beelzebub. Gestank, der sich in meinen Gedanken und in meinen Nasenflügeln festgesetzt hatte. Die Vorstellung des süßlichen Geruchs aus dem Wohnwagen hing immer noch an und in mir! Ich wollte schreien vor Dummheit. Ich hatte Panik und konnte nicht fliehen. Ich konnte die Schandtat nicht ungesühnt machen. Ich durfte meiner Frau keine verdächtigen Spuren hinterlassen. Keinen Verdacht aufkommen lassen. Ich zerbarst innerlich und mein Magen verkrampfte sich.

»Was ist los?« Ihre Lippen waren an meinem Ohr. »Nichts, langer Tag«, erwiderte ich, so normal wie möglich.

»Das kann ich mir denken. Aber warum schleichst du dich ins Haus ohne deine liebe, wartende Ehefrau zu begrüßen?«

Ich spürte ihren Atem und das heiße Wasser, das über unsere Körper floss. Es rauschte in meinen Ohren.

»Tut mir leid.«

Ich spürte, wie ihre Hand an mir nach unten wanderte. Was machte diese Frau? Sie bemerkte, dass es mir schlecht ging. Wie der Zweifel an mir nagte, bemerkte sie anscheinend nicht!

Darum wollte sie meine schlechte Laune mit Sex vertreiben!? Warum? Warum dachte sie, dass es mir danach besser gehen würde? Sie wollte meine Stimmung heben! Sie wollte mich glücklich machen?! War das wichtig für eine sorgende Ehefrau?

Sollte ich zum Abschluss des Tages mit meiner Frau schlafen? War das verlogen von mir? War das verlogen von meiner Frau? Wollte sie denn gar nicht wissen, was mit mir los war? Warum ich schlechte Laune hatte? Hatte sie sich jemals für meine Arbeit interessiert? Was mich geistig beschäftigte? Warum ich nachts unruhig schlief? Ich hinterfragte alles. Ich hatte keine Ahnung! Ich wusste nur, ich musste mitspielen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Ich musste ihr wiedereinmal etwas vorspielen. Die Wahrheit war zu brutal.

Ich sah das zu mir aufblickende Gesicht der Nutte. Die wackelnden Brüste. Sperma. Dann liebten wir uns unter der Dusche. Es war wie immer.

Der Zweifel brachte mich um meinen Schlaf! Ich lag abends im Bett und meine Gedanken kreisten. Was sollte ich machen? Alles vergessen und ein »normales«, verlogenes Leben mit ihr weiterführen? Mit meinem Leben, das nicht mehr das Gleiche sein wird. Mit diesen Gedanken und den Erinnerungen an einen bezahlten Blow-Job?

Mein Dilemma bestand in meiner Tat und meinen moralischen Prinzipien. Ich durfte nicht fremd gehen, hatte aber Lust bekommen an dem Verbotenen und der Einfachheit der Tat. Einfach Sex gegen Bezahlung. Irgendeiner Prostituierten meinen Schwanz in den Mund schieben, die es für Geld macht. Ich hätte mir einen wichsen sollen, aber das wäre nicht dasselbe gewesen! Bin ich überhaupt fremd gegangen? War ein bezahlter Blow-Job dasselbe, als hätte ich sie gefickt? Was war dann der Unterschied zur Selbstbefriedigung? Betrog ich meine Frau, wenn ich Pornos schaute und »mitmachte«? Die Fragen und die fehlenden Antworten brachten mich um den Verstand. Ich fing an zu grübeln und fand keine Lösung. Ich wurde wütend über den fehlenden Schlaf und den Druck, morgen wieder für die Arbeit früh aufstehen zu müssen.