Situation und Konstellation - Hartmut Rosa - E-Book

Situation und Konstellation E-Book

Hartmut Rosa

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Beschreibung

»Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.«

Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. »Stimme zu« / »Stimme nicht zu« – so werden Handelnde zu Vollziehenden.

Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Augenöffner auf anschauliche Weise beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Titel

3Hartmut Rosa

Situation und Konstellation

Vom Verschwinden des Spielraums

Suhrkamp

Impressum

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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2025.

Erste Auflage 2026Originalausgabe© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

eISBN 978-3-518-78366-5

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

I Einleitung: Vom Handeln zum Vollziehen – Worum es geht

II Beim Arzt, in der Bahn, in der Schule, am Skilift und auf dem Mofa: Schauplätze der Transformation

III Und jetzt systemisch und systematisch: Situation, Konstellation und Urteilskraft

IV Transparenz, Effizienz, Gerechtigkeit: Warum konstellative Klarheit wünschenswert ist

V Macht und Ohnmacht der Gesetzgebung: Situation und Konstellation in der Politik

VI Wissenschaft und Philosophie: Quantitativ versus qualitativ, analytisch versus kontinental

VII Parametrische Optimierung: Die unmerkliche Verschiebung von Aufmerksamkeitsfokus und Willensstruktur

VIII Der Mehltau des Lebens: Warum uns die Energie ausgeht

IX

J

eitinho

und

Jugaad

: Plädoyer für die Rückeroberung der Spielräume

Dank

Literatur

Register

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Einleitung:Vom Handeln zum Vollziehen – Worum es geht

Ein elfjähriges Mädchen stürmt in die Filiale einer hippen Fast-Food-Kette. Lange schon hat sie ihr Taschengeld gespart. Heute kann sie sich endlich auch einmal einen dieser bei ihren Schulkameraden so beliebten Hyper-Burger kaufen! Erwartungsfroh gibt sie ihre Bestellung auf – und nimmt wenig später mit leuchtenden Augen das heiß ersehnte Stück entgegen. Doch wie es das Unglück will, fällt ihr der Burger beim Auswickeln, das gar nicht so einfach ist, gleich auf den Boden und wird von einem Stiefel zermatscht. Das Mädchen ist geschockt, dann beginnt es zu weinen. Der Angestellte, der sie bedient und die Szene beobachtet hat, ist betroffen. Er will etwas tun, will eingreifen, den Kummer lindern. Hier, Kleine, ich gebe dir einen neuen! Das Mädchen hört auf zu weinen, wirft dem Mann einen ungläubigen Blick zu, greift dann scheu nach dem neuen Burger, strahlt übers ganze Gesicht, lächelt ihn glücklich an und stürmt davon. In diesem Moment fühlt sich der Angestellte lebendig, wie ein handelndes Wesen. Es ist der Höhepunkt seines ansonsten gleichförmigen Tages; die Tat, an die er sich am Abend erinnern wird. Nur leider: Sie ist so gut wie verboten. So etwas gibt es kaum mehr – strikte neue Vorschrift. Und Vorschrift ist Vorschrift. Gleichbehandlung für alle. Keine Ausnahmen für niemand. Schutzrichtlinien gegen Korruption und Missbrauch. Könn8te ja jeder kommen. Alles automatisiert. Das Mädchen kann aber gerne eine E-Mail an den Kundenservice schreiben. Vielleicht erhält sie dann einen Gratisgutschein. – In dieser sozialen Realität erfährt sich der Angestellte als ebenso ohnmächtig wie das Mädchen, als handlungsunfähig: Er vollzieht nur, was sein Chef, das Recht und die digitalen Algorithmen ihm vorgeben. Er hat keinen Spielraum.

Eine ganz andere Situation: 33. Spieltag in der Fußballbundesliga der Herren, Saison 2022/2023. Der SC Freiburg trifft im letzten Heimspiel der Saison auf den VFL Wolfsburg. In der 70. Minute wird es emotional im Europa-Park-Stadion: Nils Petersen, eine Legende im Breisgau, der mit unzähligen Joker-Toren dem SC ein ums andere Mal wertvolle Spiele gerettet hat und von den Fans als Mensch und als sportliches Vorbild geradezu verehrt wird, kommt nach langer Pause zu seinem allerletzten Einsatz; er wird eingewechselt. Sprechchöre in der Fankurve. »Niemand ist größer als der Verein, aber Du warst verdammt nahe dran« haben die Fans auf ein riesiges Banner geschrieben. Und das Wunder geschieht: Petersen trifft! Fünf Minuten nach seiner Einwechslung! Kurz vor dem Spielende sogar ein zweites Mal: Ein Traumtor, per Kopf in den Winkel. Das Stadion im Freudentaumel. Sogar Christian Streich, der Trainer, hat Tränen in den Augen. Es scheint wie das perfekte, unfassbare, geradezu wundersame Märchenende einer großartigen Sportlerkarriere. Das Stadion ist dicht an einer kollektiven Ekstase. Niemand protestiert. Das Spiel ist ohnehin entschieden, für Wolfsburg geht es um nichts mehr; die Saison ist gelaufen. Da meldet sich der Kölner Videokeller: Der Video-Assistant Referee (VAR) konstatiert, dass es lange vor Petersens Tor eine kleine Berührung zwischen zwei Spielern im Mittelfeld gegeben 9hat, die nach akribischer Analyse der Bilder als Foul gewertet werden muss. Das Tor wird aberkannt. Selbst die Wolfsburger sind betroffen. Der Schiedsrichter kann nicht anders, als das Tor zurückzunehmen. Ende der Ekstase. Mit einem Schlag erfahren sich Fans, Stürmer, Spieler und Schiedsrichter als – genau: ohnmächtig. Sie haben keinen Urteils- und keinen Handlungsspielraum. Genau genommen spielen sie alle keine Rolle mehr: Sie können nur vollziehen beziehungsweise nachvollziehen, was die Regeln – oder die Gerechtigkeit? – verlangen.

Eine dritte Situation: Auf einer Tagung im dänischen Aarhus diskutieren Sozialwissenschaftlerinnen im Jahr 2024 die massiven Probleme, vor denen obdachlose Menschen in dänischen Großstädten stehen, wenn sie Hilfe auch nur beantragen wollen. In Dänemark ist die Digitalisierung sehr weit vorangeschritten; viele Dienste sind nur noch digital abrufbar, und oftmals erfordert die Authentifizierung dafür die Eingabe von Nummern und Codes, etwa des Personalausweises, der Bankkarte, der Sozialversicherungsnummer oder der E-Mail- oder Wohnadresse. Kurzum: von Zahlen und Daten, über die auf der Straße lebende Menschen oft nicht verfügen. Nach Auswertung von Bild- und Tonmaterial, das Interaktionssituationen zwischen Hilfesuchenden und den Angestellten in den Servicecentern zeigt, wundern sich die Wissenschaftlerinnen – allerdings nicht so sehr darüber, dass Erstere oftmals abgewiesen werden mussten, obwohl sie hilfeberechtigt waren, weil die entsprechenden Daten und Nachweise fehlten. Größeres Erstaunen ruft vielmehr die Tatsache hervor, dass die Serviceleistenden sich dabei auffallend unfreundlich, ja geradezu aggressiv gegenüber denjenigen verhielten, denen sie doch helfen wollten. Meines Erachtens ist dies jedoch überhaupt nicht verwunderlich. Die 10Angestellten fühlten sich in diesen Situationen selbst hilflos – sie konnten nichts tun. Der Computer verlangte eine Nummer, die sie nicht nur nicht eingeben, sondern auch nicht besorgen konnten. Sie empfanden ihre Unfähigkeit, gerechtfertigte und gebotene Hilfe zu leisten, als extrem belastend und degradierend und agierten ihre Frustration dann gegenüber den Hilfesuchenden aus. Hier wie auch in den zwei zuvor geschilderten Fällen haben wir es mit Interaktionssituationen zu tun, die alle Beteiligten frustriert und ohnmächtig zurücklassen.

Das sind nur drei willkürlich gewählte Beispiele für ein Phänomen beziehungsweise ein Problem, dem ich in diesem Buch nachgehen will. Auf den folgenden Seiten werden wir noch auf zahlreiche andere Kontexte und Situationen stoßen, in denen es sich wiederholt. Das Grundproblem besteht darin, dass die spätmoderne Gesellschaft in immer mehr Bereichen des sozialen Lebens aus handelnden Akteuren, die komplexe Situationen auf der Grundlage ihrer Erfahrung interpretieren und nach moralischen und auch ästhetischen Maßstäben beurteilen, reine Vollziehende macht, die einem Protokoll folgen oder sich von Vorschriften und Algorithmen leiten lassen, welche gegenüber ihren Situationsdeutungen und moralischen Urteilen immun sind. Eine Kernthese des Buches lautet daher, dass wir in zunehmendem Maße von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden oder vielmehr: dass wir uns selbst dazu machen. Das gilt etwa für einen Zugschaffner, der keine Fahrkarten mehr verkaufen darf, sondern Strafgebühren im Zug erheben muss (Sie können sich aber per E-Mail an den Kundenservice wenden), für die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, für die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, und, wie wir gesehen haben, sogar für den Schiedsrichter im Profifußball, 11der nicht mehr auf »gleiche Höhe« entscheiden kann, sondern beim Abseits auf die Millimeterentscheidung des VAR warten muss. Während Handeln bedeutet, in einem komplexen und oft vieldeutigen Interaktionsgeschehen über Spielräume zu verfügen, welche den Einsatz von Urteilskraft verlangen, die wiederum auf Erfahrung beruht, meint Vollziehen das Ausführen von Regeln, das Befolgen von Vorgaben oder das Umsetzen von Entscheidungen, die andernorts (und immer öfter auf algorithmische Weise) getroffen wurden. Handelnde befinden sich gleichsam in einer Situation, sie partizipieren daran, sie prägen und definieren sie mit und verändern sie fortwährend, während Vollziehende sich als einer weitgehend fremdbestimmten Konstellation gegenübergestellt erfahren. Sie erleben sich eher wie Beobachter oder Bearbeiter eines Sachverhalts denn als wirkliche Akteure. Phänomenal nachvollziehen lässt sich diese Differenz an der subtilen Veränderung der Wahrnehmung, wenn wir an einem Ereignis (vielleicht der Schulabschlussfeier der Tochter oder der Hochzeit des Freundes) teilhaben und dabei zum Fotoapparat greifen. Schon in dem Moment, in dem uns die Kamera in den Sinn kommt, treten wir gleichsam aus der Situation heraus und betrachten die festliche Konstellation vor uns wie von außen.

An dieser Stelle muss ich eine kurze Bemerkung zu dem für dieses Buch titelgebenden Begriff der Konstellation einfügen: Ich verwende ihn nicht im Sinne Walter Benjamins oder Theodor W. Adornos als eine dynamische Bewegung des Denkens, bei der aus dem Zusammentreffen von unterschiedlichen Begriffen (Adornos »Denken in Konstellationen«1) beziehungsweise von Erinnerungen, histori12schen Fragmenten und Bruchstücken einer erfahrenen Gegenwart (Benjamins Konzept von Geschichte als »Jetztzeit«2) plötzlich ein neuer Bedeutungsgehalt aufscheint, der sich aus der definitorischen Fixierung von (identifizierenden) Begriffen oder historischen Tatsachen gerade nicht gewinnen lässt.3 Eher im Kontrast dazu – und durchaus im Sinne seiner ursprünglichen Bedeutung als eines aus fixierten Einzelpunkten gebildeten Sternbildes – definiere ich Konstellation als eine Anordnung von eindeutig identifizierbaren Einzeldingen, die zueinander in einer festgelegten, messbaren und oft binär codierten Beziehung stehen. In einer solchen Konstellation sind die anzustrebenden Zwecke beziehungsweise Ziele und die verwendbaren Mittel sowie deren Relationen zueinander in der Regel immer schon exogen bestimmt. Ich werde in Kapitel III auf diese Unterscheidung von Situation und Konstellation, die maßgeblich von Hermann Schmitz geprägt wurde,4 zurückkommen.

13Die häufig erfahrene Ohnmacht der konstellativ Vollziehenden erleben wir etwa jedes Mal, wenn wir genötigt sind, ein Formular auszufüllen. Komplexe Lebenssituationen werden dabei oftmals auf binäre Optionen reduziert: Kreuzen Sie »trifft zu« oder »trifft nicht zu« an. Dies resultiert in einer geradezu physisch wahrnehmbaren Entfremdungserfahrung, wenn das Gemeinte eben nur teilweise oder nur eingeschränkt »zutrifft«, wir das aber nicht angeben können. Alle nachfolgenden Schritte geraten dann unter den Vorbehalt des Irgendwie-nicht-Richtigen, ohne dass wir handelnd eingreifen und das Unrichtige korrigieren könnten. Das liegt nicht selten an der digital-binären Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir hantieren, aber solche Reduktionen von Handlungsspielräumen scheinen oftmals auch die Maßstäbe der Gerechtigkeit, der Gleichbehandlung (für alle sollen die gleichen Regeln gelten), der Zurechenbarkeit (es muss klare Verantwortlichkeiten geben), der Nachvollziehbarkeit, der Transparenz und der Kontrolle zu erfordern.

Ich möchte in diesem Buch aufzeigen, wie umfassend und wie tiefgreifend diese Veränderung des Charakters unseres Handelns ist. Umfassend ist sie deshalb, weil sie nahezu alle Handlungsbereiche betrifft: die Art, wie wir Dinge herstellen ebenso wie die Art, wie wir sie konsumieren, die Formen, in denen wir miteinander professionell und privat interagieren ebenso wie die Weisen, in denen wir spielen oder musizieren oder versuchen, kreativ zu sein. Und ich möchte zeigen, dass die Logik der Reduktion von komplexen Situationen des Handelns auf binäre beziehungsweise konstellative Entscheidungen selbst noch in der Politik – Marschflugkörper liefern oder nicht liefern – und in der Wissenschaft beziehungsweise der Erkenntnistheorie – einer wissenschaftlichen Aussage sollte ein ein14deutiger Wahrheitswert zugeordnet werden können – von großer, manchmal sogar entscheidender Bedeutung ist. Tiefgreifend ist die Veränderung, weil sie die Art und Weise, wie wir in die Welt gestellt sind, wie wir tätig in sie eingreifen und uns als selbstwirksam erfahren, aber auch, wie sie uns entgegenkommt und uns berührt, grundlegend transformiert. Mit den Worten meines Jenaer Kollegen Lambert Wiesing gesprochen könnten wir sagen, unsere Weltbeziehung verwandelt sich von einer primär »malerischen«, in der es überall Interpretations-, Wahrnehmungs- und Handlungsspielräume – und damit auch entsprechende Uneindeutigkeiten – gibt, in eine primär »lineare«, in der es klar getrennte Optionen, vorgezeichnete Entscheidungsvollzüge und daher luzide Eindeutigkeit gibt.5 In ähnlicher Weise hat auch Thomas Bauer jüngst die Vereindeutigung der Welt und einen damit einhergehenden Verlust an Ambiguitätstoleranz und Vielfalt konstatiert.6

Ich möchte aber zugleich untersuchen, welche Ursachen dieser Wandel hat, von welchen (berechtigten) kulturellen Ansprüchen und strukturellen Imperativen er angetrieben wird, und sodann und vor allem, welche Konsequenzen er zeitigt – für unser Bestreben, die Welt zu erkennen und zu deuten, für das soziale Miteinander im Alltag und insbesondere in der Politik, und schließlich für die Möglichkeit, ein gelingendes Leben zu führen, das heißt, mit der Welt in Resonanz zu treten. Enden möchte ich dann mit einem versuchsweisen Vorschlag, Handlungsspielräume auf allen Ebenen des sozialen Lebens zurückzugewinnen, sie ein15ander zuzugestehen, ohne darüber das Projekt der Moderne aufzugeben. Kultur, so stellte einst Hans Blumenberg fest, entstehe durch das Gehen von Umwegen; die »vermeintliche Lebenskunst« der gradlinigen Verbindung zwischen zwei Punkten aber führe in die Barbarei.7 Die konstellative Handlungslogik, so werde ich zu zeigen versuchen, legt es geradezu darauf an, alle Umwege zu beseitigen.

Im Mittelpunkt meiner Analyse steht die schon angedeutete Beobachtung, dass die progressive kulturelle Transformation des vorherrschenden Tätigkeitsmodus vom Handeln zum Vollziehen damit zusammenhängt, dass wir in der Logik des Verfügbarmachens von Welt8 überall dabei sind, komplexe, holistische Situationen, die oft keine klare zeitliche, räumliche oder soziale Begrenzung haben, auf einfache, messbare, einzelteilige und oft binäre Konstellationen zu reduzieren, um sie in eindeutiger, gerechter, nachvollziehbarer Weise bearbeitbar und entscheidbar zu machen. Nehmen wir noch einmal die zuvor geschilderte 16Situation des Fußballspiels: Zu ihr gehören der Tabellenstand, der Zeitpunkt des Spiels im Saisonverlauf, der Spielstand, der Zeitpunkt des Tores im Spielverlauf sowie das tobende Stadion, die Atmosphäre auf dem Platz und auf den Tribünen, aber eben auch die ganze Geschichte des Nils Petersen und seines Wirkens, die Verehrung, die ihm in Freiburg zuteilwird, die Aura, die ihn umgibt, sowie schließlich der spezifische Zeitpunkt und die Bedeutung ebendieses Tores in dieser Geschichte. Der Schiedsrichter auf dem Platz hätte vermutlich, wenn auch nicht unbedingt auf reflektierte Weise, alle diese Faktoren in seine Entscheidung, seine Urteilsfindung einbezogen; sie hätten ihn beeinflusst. Und hier sehen wir auch schon einen wichtigen Grund dafür, wieso wir zur konstellativen Reduktion neigen: Alles das hätte ihn, so könnten wir sagen, potentiell parteiisch gemacht und dann ungerecht entscheiden lassen. Für den VAR spielen alle jene Faktoren keinerlei Rolle, sein Urteil beruht auf einer klaren konstellativen Tatsachenfeststellung. Entweder es gab eine Berührung des Freiburger Spielers auf dem Schuh des Gegners oder es gab sie nicht; entweder der Angreifer hat die kalibrierte Abseitslinie überschritten oder eben nicht. Das bedeutet aber zugleich: Alles andere wird aus der Entscheidungsfindung und dem daraus resultierenden Handlungsvollzug ausgeschlossen. Genau genommen sind im Fußball die Zuschauer Teil der Situation und des Spiels, solange der Schiedsrichter auf dem Feld entscheidet; sie sind dann handlungspraktisch ins Geschehen einbezogen. Sie bilden aber keinen Teil der Konstellation, die für den VAR relevant ist. Sie sind ausgeschlossen, spielen keine Rolle, sind gleichsam gar nicht vorhanden, wenn es zum Videoentscheid kommt. Das ändert die Erfahrung des Stadionfußballs auf fundamentale Art. Denn Fans wissen, dass ihre 17Präsenz und ihr Verhalten einen Einfluss auf das Spiel und auf den Schiedsrichter hat, ihr Pfeifen und Buhen, ihr Fordern und Jubeln legen es darauf an und zielen darauf ab, Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Die Fans sind Teil des Spiels – und sind es nicht mehr, wenn die Entscheidungen im Kölner Videokeller fallen. Dies ist ein wesentlicher, wenn auch so gut wie nie diskutierter Grund für die oft radikale Feindschaft der Fans gegenüber dem VAR.9

Die diskursive und handlungspraktische Reduktion von (komplexen) Situationen auf (messbare, einzelteilige) Konstellationen hat nun aber Konsequenzen weit über die unmittelbaren Handlungsvollzüge hinaus – etwa dort, wo eine Politikerin zurücktreten muss, weil sie das N-Wort oder das I-Wort benutzt hat, gleichgültig, in welcher Situation und in welcher Absicht dies geschah; oder wenn die Frage des angemessenen Umgangs mit Geflüchteten auf die binäre Alternative Abschieben oder Nichtabschieben, die Auseinandersetzung um den Klimaschutz auf Wärmepumpe ja oder nein, das Problem der richtigen Reaktion auf einen großen Krieg auf Marschflugkörper liefern oder nicht liefern reduziert wird.

Sie hat aber sogar noch Konsequenzen für Fragen der Wissenschaft und der Erkenntnistheorie. Was kann beziehungsweise was darf als wissenschaftliche Erkenntnis gelten: (nur) ein konstellativer Datensatz (Arbeiter wählen oder wählen nicht überdurchschnittlich häufig rechtspopulistische Parteien) oder (auch) eine interpretierende politische, vielleicht sogar philosophische Situationsdeutung? 18Analytische Philosophie und quantitativ verfahrende empirische Wissenschaften haben es sich zum Ziel gesetzt, nur gesicherte konstellative Urteile als valide Erkenntnisse zu akzeptieren, während kontinentale Philosophie und hermeneutische Kulturwissenschaft gerade umgekehrt von der Unhintergehbarkeit komplexer Situationsanalysen und Situationsdeutungen überzeugt sind, die selbst holistischen und damit auch interpretationsoffenen Charakters sind. Diesen Fragen der Politik und der Wissenschaftstheorie werde ich mich in den Kapiteln V und VI zuwenden.

Wie die drei Eingangsgeschichten schon deutlich gemacht haben, handelt es sich bei dem beobachteten Phänomen jedoch keineswegs nur um ein philosophisches, politisches und erkenntnistheoretisches Problem, sondern um eine für unser Alltagsleben höchst folgenreiche Grundtendenz. Denn wenn an die Stelle menschlichen Urteilens und erfahrungsbasierten Handelns agentielles Vollziehen tritt, das in der Tat von Robotern und Instrumenten der KI besser, schneller, zuverlässiger und genauer als von Menschen geleistet werden kann, verschwinden die Ermessensspielräume, verkümmert die Urteilskraft und wird die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert. Wie ich in Kapitel VII zeigen möchte, ändert sich damit aber auch die Art unseres In-der-Welt-Seins, weil sich unser Aufmerksamkeitsfokus, das heißt das, was wir an der Welt und im Leben wahrnehmen, und unsere Willensstruktur, also das, was wir in der Welt und im Leben wollen und anstreben, verschieben. Ein besorgniserregender Nebenaspekt dieser Verschiebung ist die Erosion der Handlungsenergie. Menschen fühlen sich lebendig, motiviert, selbstwirksam und, ja, glücklich, wenn sie handeln können (indem sie beispielsweise einen zweiten Burger ausgeben, im Einzelfall auf die Strafgebühr im 19Zug verzichten, weil der Passagier eine plausible Erklärung für seine Ticketlosigkeit hat, usw.); unglücklich, frustriert, ohnmächtig fühlen sie sich hingegen, wenn sie keine Handlungs- und Ermessensspielräume haben. Wenn Rechtspopulisten heute rufen »Take Back Control«, »Make America Great Again« oder »Wir sind das Volk!«, dann mag dahinter unbewusst auch die Sehnsucht nach Handlungsfähigkeit stehen.10

Indessen wäre es zu einfach, die hier zur Diskussion stehende Grundtendenz einfach als kulturelle Fehlentwicklung abzutun. Denn es gibt überwältigend gute Gründe dafür, zumindest in Handlungskontexten im öffentlichen Raum auf konstellative Entscheidungen und nicht auf pure Urteilskraft zu setzen. Ich werde darauf in Kapitel II zurückkommen. Dennoch, so will ich zeigen, könnte es sein, dass der Verlust der Handlungsspielräume und damit der Handlungsfähigkeit zum individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft führt. Er könnte mitverantwortlich sein für jene Symptome, die wir als Anzeichen individuellen und kollektiven Burnouts interpretieren können. Ebendeshalb will ich am Ende des Buches, in Kapitel IX, für die Rehabilitierung menschlicher Urteilskraft und (kreativer) Handlungsfähigkeit auf allen Ebenen der sozialen Existenz plädieren. Zunächst aber gilt es, den hier zu untersuchenden Problemzusammenhang und damit das Verhältnis von Situation und Konstellation genauer zu bestimmen.

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II

Beim Arzt, in der Bahn, in der Schule, am Skilift und auf dem Mofa:Schauplätze der Transformation

Was die drei zu Beginn der Einleitung geschilderten Geschichten – das Kind und der Burger, Nils Petersen und der VAR, die dänischen Sozialamtsangestellten und ihre hilfesuchenden Klienten – gemeinsam haben, ist das Verschwinden des Ermessens- und Handlungsspielraums. In allen diesen Fällen stehen nominell verantwortliche Akteure im Zentrum, die letztlich handlungsunfähig sind, weil sie keinen Spielraum haben, weil ihre Urteilskraft geradezu systematisch ausgeschaltet wird. Könnte der Angestellte in der Fast-Food-Filiale handeln, würde er dem Mädchen einen Burger spendieren. Die Selbstwirksamkeitserfahrung, die er dabei machte, würde ihm das Gefühl verleihen, mit der Welt (mit dem Mädchen, den Kunden überhaupt, seinem Chef, seiner Arbeit) verantwortlich und selbstwirksam verbunden zu sein. Er würde zum moralischen Akteur, er vermöchte sich zu rechtfertigen, wenn er kritisiert würde. Zugleich könnte er seine Arbeit als sinnvoll und wertvoll in dem Sinne erfahren, dass er durch sein Handeln zu einer besseren Welt beiträgt. Dasselbe trifft offensichtlich auch auf die Angestellten an den Servicestellen für wohnsitzlose Menschen in Aarhus zu: Sie hätten das Gefühl, am richtigen Platz zu sein, durch ihr Handeln in 22der Welt einen Unterschied zum Besseren zu machen, wenn die Software, mit der sie hantieren, und die Vorschriften, denen sie folgen, ihnen moralische Freiräume gewährten, wenn sie Ermessensspielräume hätten und ihre Urteilskraft einsetzen könnten, um denen zu helfen, die nach ihrer Einschätzung Hilfe wirklich brauchen und verdienen. Da sie jedoch an die Vorgaben und Entscheidungsmöglichkeiten des digitalen Systems gekettet sind, könnte man ihre Arbeit auch an eine KI delegieren, die sie wahrscheinlich effizienter erledigen würde – und die Servicemitarbeiter müssten den Hilfesuchenden nicht in die Augen blicken und sie ohnmächtig abweisen. Und wenn den Schiedsrichter nach der Entscheidung, das Tor abzuerkennen, die kollektive Wut und die Enttäuschung sämtlicher Spieler, Trainer und Zuschauer trifft, kann dieser nur ohnmächtig eingestehen: Ich hatte keinerlei Spielraum.

In allen drei Fällen spielt es keine Rolle, wie die nominell »verantwortlichen« Akteure die Situation einschätzen oder beurteilen. Die Entscheidungs- und Handlungsroutinen, denen sie folgen, sind teils technisch, teils formal und rechtlich gegen ihre Urteilskraft immunisiert. Es ist nicht zuletzt solche Immunisierung, welche vielen Beschäftigten in Betrieben und Behörden das Gefühl gibt, im Grunde einen Bullshit Job zu machen.11 Denn es ist irrelevant, was sie bei der Erledigung ihrer Aufgabe denken, fühlen und wollen, im Gegenteil: Die Handlungsimpulse, die sich aus diesem Denken, Fühlen und Wollen ergeben, erweisen sich als reine Störquellen im Vollzug ihrer Arbeit. Eben23deshalb werden die Angestellten in Aarhus gegenüber ihren Klienten aggressiv.

Kürzlich war ich mit einem meiner Patenkinder Skifahren. Wir hatten uns online Tageskarten für den Lift gekauft. Allein, das Drehkreuz ließ uns nicht durch, die Ampel zeigte Rot. Verwirrt klopften wir an das kaum mehr in Anspruch genommene Kassenhäuschen. Wie sich herausstellte, trugen die Skipässe das falsche Datum: Sie waren für den Folgetag ausgestellt, und vermutlich war das mein Fehler. Sehr gerne wollte uns die Kassenfrau helfen, doch leider konnte sie nichts machen: »Ich kann das Datum nicht ändern, ich kann die Karten auch nicht stornieren.« Man sah ihr an, dass sie das liebend gerne getan hätte, denn es war offensichtlich, dass wir nur an diesem Tag fahren konnten. »Okay, dann müssen wir halt zwei neue Liftkarten kaufen«, räumten wir, schon etwas säuerlich, ein. Zu unserem Erstaunen war der Preis nun aber deutlich höher als der unserer im Internet erworbenen Karten: »Tut mir leid, ich kann sie am Häuschen nicht zu den Netzpreisen verkaufen, das geht schon technisch nicht!« Jetzt war es ihr geradezu peinlich. – Ich erzähle diese kleine Geschichte hier nicht, weil sie besonders relevant oder tragisch wäre, sondern, weil sie zeigt, wie sehr Menschen durch das Zusammenspiel technischer und administrativer Vorgaben entmachtet werden; genau dadurch wurde der Job der Kassiererin zum Bullshit Job, den jede Maschine ebenso gut oder besser (und billiger) hätte ausführen können.

Um zu verstehen, wie vielschichtig, umfassend und tiefgreifend das Phänomen des verschwindenden Spielraums in unserem Leben ist, möchte ich noch ein paar weitere Beispiele aus den unterschiedlichsten Handlungskontexten anfügen. Starten wir mit meiner eigenen Arbeit als Professor an einer deutschen Universität und schauen zu24nächst auf die universitäre Lehre.12 Bis vor wenigen Jahren hatte ich als Dozent die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie streng ich die Fristen für die Abgabe von Hausarbeiten handhabe. Kam eine Studentin in meine Sprechstunde und erklärte mir, dass sie aus guten Gründen (zum Beispiel, weil sie sich völlig in einen Autor vertieft hatte oder plötzlich auf ein ganz neues Thema gestoßen war) eine zwei- oder dreiwöchige Fristverlängerung bräuchte, stand es mir frei, diese zu gewähren (oder auch nicht). Meine Entscheidung in diesem Fall war abhängig von meiner Situationsbeurteilung: Vielleicht kannte ich die Studentin und wusste, dass sie in der Tat ebenso klug wie fleißig war, vielleicht fand ich die Änderung des Themas selbst spannend und plausibel – oder eben nicht; vielleicht beurteilte ich die »guten Gründe« als faule Ausreden oder dachte, die Verlängerung würde eher schaden als nützen, weil das neue Semester vor der Tür stand und sie dann mit alten und neuen Themen zugleich beschäftigt sein würde. Kurz: Ich hatte Spielraum, den ich zu ihren Gunsten nutzen konnte – aber den ich natürlich auch willkürlich oder irrtümlich einseitig oder ungerecht gegenüber anderen auslegen konnte. Inzwischen läuft es anders, denn die Noten müssen fristgerecht in ein elektronisches System eingetragen werden. Nach Ablauf der Frist können wir Lehrkräfte nichts mehr tun – die Studierenden müs25sen einen Härtefallantrag an das Prüfungsamt stellen. Diesem fehlen aber zwangsläufig viele Grundlagen für eine adäquate Situationsbeurteilung. Das Amt muss fast notgedrungen konstellativ vorgehen, indem es einen Kriterienkatalog für Verlängerungen festlegt.

Eine ähnliche Tendenz hat sich unterdessen auch bei der Bewertung der Hausarbeiten breitgemacht, denn diese soll, so sehen es immer mehr der didaktischen Richtlinien und Empfehlungen vor, ebenfalls nach einem festgelegten und gewichteten Kriterienkatalog erfolgen. Die Kriterien der Bewertung lauten dann etwa wie folgt: Wurde die Fragestellung klar formuliert (ja/nein/teilweise)? Ist die Fragestellung plausibel und relevant (j/n/t)? Ist die Arbeit plausibel und zielführend strukturiert (j/n/t)? Wurden ausreichende und adäquate Sekundärquellen benutzt (j/n/t)? Ist die Argumentationsstruktur klar erkennbar und plausibel? Wurde richtig zitiert? Mit anderen Worten: Die komplexe, holistische Leistung namens Hausarbeit wird in ihre konstellativen Einzelteile zerlegt. Deren Bewertung lässt sich weitgehend objektiv, binär und präzise vornehmen. Der Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, dass die Studierenden hinterher sehr klar sehen und nachvollziehen können, warum sie wie benotet wurden und was sie vielleicht falsch gemacht haben. Sein Nachteil ist, dass es auf diese Weise zu Bewertungen kommen kann (und kommt!), die ich für Fehlbewertungen halte: Ich habe Arbeiten schon mit »sehr gut« bewertet, die den meisten oder sogar allen der oben genannten Kriterien nicht oder bestenfalls teilweise genügten. Da ist jemand mitten hinein in ein Thema gesprungen, hat zwischendurch den Faden verloren, hat sich vielleicht einfach auch übernommen – und doch war klar zu erkennen, dass der Student oder die Studentin Feuer gefangen hatte, auf einen schwie26rigen, bisher vielleicht sogar in der Literatur übersehenen, Aspekt gestoßen war, großartige Überlegungen angestellt hatte, vielleicht sogar zu einer geradezu bahnbrechenden Erkenntnis gelangt war, auch wenn diese nicht klar formuliert war, sondern sich nur erst vage abzeichnete. Umgekehrt habe ich Hausarbeiten auch schon mit »befriedigend« bewertet, obwohl die obigen Kriterien allesamt perfekt erfüllt waren. Damit wollte ich signalisieren, dass ich keinerlei Inspiration, kein genuines Interesse, kein tiefer gehendes Bemühen erkennen konnte; dass es sich zwar um Pflichterfüllung, aber noch nicht einmal um den Beginn wirklichen wissenschaftlichen Arbeitens handelte. Auch hier ist klar zu sehen: Den Vorteilen der Klarheit, Nachvollziehbarkeit, Verallgemeinerbarkeit, vielleicht auch der Einklagbarkeit und Verbesserungsfähigkeit, steht der Nachteil des verschwundenen Spielraumes gegenüber – den ein Professor natürlich auf ungerechte Weise, selbstherrlich oder sogar korrupt nutzen kann, der aus meiner Sicht aber unverzichtbar bleibt, wenn wir in der Lehre das vermitteln wollen, worauf es im Studium und in der Wissenschaft letztlich ankommt. Erneut gilt: Eine Bewertung nach Kriterienkatalog kann eine KI ohne Zweifel besser und schneller vollziehen. Das Musterbeispiel eines solchen Verfahrens sind übrigens die weitverbreiteten Multiple-Choice-Tests. Natürlich können Computer diese auswerten, und eine KI kann für solche Tests sogar auch die perfekten Fragen stellen. Sie sind nämlich reines Vollziehen.

Worauf es mir hierbei vor allem ankommt, ist die (gar nicht so) subtile Art und Weise, in der sich der Charakter der Interaktion zwischen Dozentinnen und Studierenden ändert, und zwar von beiden Seiten: Wenn ich die Freiheit habe, eine Fristverlängerung zu gewährleisten, begegnen sich in der Sprechstunde zwei Menschen in ihrer ganzen 27personalen Komplexität; zwei Charaktere treffen aufeinander. Der Student muss, natürlich, über seine Situation Rechenschaft ablegen, und die Dozentin muss ihre Reaktion erklären (oder sollte das zumindest tun). Gelten dagegen »objektivierte« und technisch implementierte Fristen, findet im Grunde gar keine relevante Begegnung statt – vermutlich auch nicht im Prüfungsamt, denn dort wird selten persönliche Anhörung gewährt. Entscheidung nach Rechtslage. Auch bei der Bewertung der Arbeit stoßen komplexe, individuelle Erwartungen, Wahrnehmungen und Beurteilungen aufeinander. Die Begründung der Bewertung erfordert eigentlich eine fallspezifische Darlegung. Erfolgt sie jedoch auf der Basis des Kriterienkatalogs, ist sie gewissermaßen auf beiden Seiten entindividualisiert, denn es ist hier im Grunde gleichgültig, wer die Arbeit geschrieben und wer sie bewertet hat. Die Kriterien beanspruchen allgemeine, fallunabhängige, situationsimmune Anwendung, auch wenn sich in der Praxis der subjektive Faktor nie ganz ausschließen lässt, solange Menschen involviert sind.

Einmal mehr gilt es festzuhalten: Es gibt durchaus gute Gründe für diese neuen Prozeduren und Regelungen, aber sie ändern eben den Charakter dessen, was ein Hochschullehrer ist und tut – und darüber hinaus auch den Charakter dessen, was Studieren bedeutet. In kulturkonservativer Diktion würde man vielleicht sagen: Die Persönlichkeit bleibt auf der Strecke. Begründet die Professorin ihre Bewertung individuell, muss sie für ihr Urteil auch einstehen: Sie wird von den Studierenden als Verantwortliche, als moralisch und evaluativ Handelnde wahrgenommen, und umgekehrt fühlen sich die Studierenden vermutlich auch als Person (mit)bewertet und (mit)gesehen. Geht sie hingegen »nach Kriterienkatalog« vor, kann die Hoch28schullehrerin sagen: Die Note, die Bewertung hat mit mir gar nichts zu tun. Sie ergibt sich aus der Bewertungslogik des Faches. Ich vollziehe nur. Und die Studierenden fühlen sich gleichsam auf einen Sachverhalt oder eine Fallnummer reduziert.

Darauf, wie sich das Verschwinden des Spielraums auf die Forschung auswirkt, möchte ich hier lieber nicht näher eingehen. Aber auch hier zeichnet sich eine analoge Entwicklung ab: Nicht nur müssen Anträge nach immer strengeren, katalogartigen Vorgaben geschrieben werden, sondern auch die Gutachten, die dann über die Bewilligung der Anträge entscheiden, folgen einem immer feiner ziselierten Protokoll und Kriterienkatalog. Gutachtende werden zu Vollziehenden, das sichert Neutralität, Nachvollziehbarkeit, Rechtssicherheit und Objektivität. Die Kehrseite davon ist, dass sich Antragstellen und Begutachten immer mehr wie »tote Arbeit« anfühlt, weil die eigentlich wichtigen Fragen, um die es bei der Forschung gehen sollte, dabei auf eigentümliche Weise ungreifbar werden.

Aber die Sorgen und Nöte des professoralen Daseins sind vermutlich nicht das, was die Mehrheit der Menschen in spätmodernen Gesellschaften bewegt. Betrachten wir daher anstelle der Hochschulen die Schulen im Primar- und Sekundarbereich. Auch im Klassenzimmer wird die Differenz zwischen Handeln und Vollziehen unmittelbar augenfällig. Lehrkräfte erfahren sich als selbstwirksam Handelnde, sobald sie als ganze Person gefordert sind. Zu Vollziehenden werden sie hingegen überall dort, wo sie schablonenhaft Lehrpläne befolgen, Leistungen bewerten, Berichte schreiben und Vorgaben ausführen müssen. Und beim Ausfüllen von Aufgabenblättern und Lückentests sind auch die Schüler reine Vollziehende. Das, was ich andernorts als Resonanzmomente bezeichnet habe, entsteht in der 29Schule immer dann, wenn sich Personen begegnen: Wenn eine Schülerfrage den Plan durchbricht, wenn eine Lehrkraft eine Geschichte erzählt, die sie selbst berührt, oder wenn sie eine Note nicht (allein) nach objektiv-neutralen Kriterien vergibt, sondern damit einer (besonderen) Situation Rechnung trägt, etwa einen Ansporn oder eine Belohnung geben möchte.13 In solchen Momenten handelt sie. Wo immer Lehrerinnen den Lehrplan und die Vorgaben durchbrechen, wird das Geschehen ihnen individuell zurechenbar, übernehmen sie Verantwortung, stehen sie auf dem Spiel, müssen sie sich auch moralisch rechtfertigen können. Erst da kommen sie im Schulalltag wirklich vor, können sie sich spüren, machen sie einen Unterschied. Wenn die Burnout-Raten unter Lehrkräften besonders hoch sind,14