Skalpell, Tupfer, Liebe - Lola Keeley - E-Book

Skalpell, Tupfer, Liebe E-Book

Lola Keeley

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Beschreibung

Zwischen Skalpell und Leidenschaft: Zwei Ärztinnen, ein Geheimnis, eine Liebe. Ein lesbischer Liebesroman, in dem für zwei clevere Ärztinnen Rivalität zu Leidenschaft wird und sie erkennen müssen, was wirklich wichtig ist. Die Chirurgin Veronica leitet ihre Krankenhausabteilung mit eiserner Hand. Doch ihre Welt wird durch eine neue Unfallchirugin auf den Kopf gestellt. Cassie ist Militärchirurgin und interessiert sich wenig für Veronicas verkrampfte Bürokratie. Als Cassie in gefährliche Geldgeschäfte verstrickt wird, bringt die gemeinsame Suche nach der Wahrheit die beiden näher und entfacht leidenschaftliche Momente. Aber kann die gemeinsame Aufdeckung des Skandals ihnen auch dabei helfen, ihre Differenzen zu überwinden? Und wie werden sie mit der unerwünschten Anziehung zueinander umgehen? 

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Lola Keeley

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Widmung

Für Lande.

Für ihre großzügige Seele, und weil sie eine bessere Freundin ist, als irgendjemand verdient.

Kapitel 1

Das Messer ist eine Überraschung.

Nicht, weil sie sich in einem viel besuchten Krankenhaus im Zentrum Londons befindet. Hier stecken regelmäßig Messer jeder Größe und Klingenform in tiefen Stichwunden, oderführen dazu, dass aggressiven Patienten eine Behandlung verweigert wird.

Veronica steht im Eingangsbereich der Acute Medical Unit, dem ersten Anlaufpunkt für Patienten ohne Traumata, nachdem sie in die Notaufnahme gebracht worden sind. Die Sammelbehälter für spitze und scharfe Gegenstände quellen hier ständig über mit allen möglichen Gegenständen wie auch gebrauchten Spritzen.

Messer sind hier keine Seltenheit.

Nein, das Unerwartete an diesem Messer ist, dass es von einer schlanken, blonden Frau Ende dreißig geschwungen wird.

Während Veronicas eigene Hautfarbe in ihrem Braunton der ihres Vaters und Großvaters gleicht, ist die Dame mit dem Messer geradezu weiß wie Porzellan.

Und wer bitte trägt heute noch ein Schweizer Taschenmesser mit sich herum? Erstaunt nimmt Veronica wahr, dass die berühmte rote Kunststoffschale schon beträchtliche Abnutzungserscheinungen aufweist, die Klinge jedoch makellos ist und unter dem kränklich fluoreszierenden Krankenhauslicht glänzt.

»Sofort aufhören!«, bellt Veronica. Ein Befehl, bei dem jeder frischgebackene Assistenzarzt des Krankenhauses sofort in Deckung gehen würde. Die Blonde, die rittlings auf einem verletzten Fahrradfahrer auf einer Trage sitzt, lässt die Klinge neben den Arm des Mannes sinken. Die Ordnung ist wiederhergestellt.

Leider dauert dieser Moment nicht sehr lange an. Die Blonde nimmt das Messer wieder zur Hand.

»Legen. Sie. Das. Weg.«

Diesmal zeigt ihr Befehlston keinerlei Wirkung.

»Pauline, ruf den Sicherheitsdienst. Lea, finde heraus, ob uns Mr Wickham in nächster Zeit noch mit seiner Anwesenheit beehren will.«

Peter Wickham, Veronicas Stellvertreter, sitzt im Moment irgendwo in einem leeren Zimmer und bereitet sich auf sein internes Vorstellungsgespräch vor, das gleich stattfinden wird. Aber sie braucht ihn jetzt. Nicht nur in seiner Kapazität als Facharzt, sondern vor allem auch wegen seiner Physis. So traurig es für ihn ist, seine Vorbereitung muss warten. Sie hat ihn ausgebildet, seit er die heiligen Hallen von Oxford verlassen hat. Er gehört ihr und dem Krankenhaus. Sie braucht ihn. Jetzt.

»Der Sicherheitsdienst ist nicht nötig.«

Die Stimme der Frau ist wie Lidocain für die Ohren: sanft und beruhigend und völlig unbeeindruckt. Es ist der Tonfall, den Veronica seit mehr als fünfzehn Jahren beim Umgang mit Patienten zu erreichen versucht. »Seine Milz muss entfernt werden.«

Veronicas Verstand sagt, dass die Frau irgendeine Spinnerin ist, aber ihr Bauchgefühl erkennt die Fachkenntnis einer Kollegin.

»Als ich das letzte Mal eines in der Hand hatte, gab es an Schweizer Taschenmessern noch kein Skalpell.«

»Das Messer ist für das Lycra.« Sie packt den Kragen des hautengen Fahrradtrikots des Mannes – das Kleidungsstück hat vermutlich einen deutlich männlicheren und passenderen Namen – und schneidet es wie ein Stück Tapete direkt in der Mitte durch. Dann zieht sie den Stoff auseinander und fängt an, den Unterleib des Mannes auf der linken Seite abzutasten.

Obwohl er mehr oder weniger bewusstlos ist, gibt er bei der ersten Berührung einen gequälten Laut von sich.

»Sehen Sie? Und eben hat er noch seine Schulter umklammert.« Die Blonde triumphiert. »Wo ist der nächste Chirurg?«

»Das wäre ich, aber ich bin heute nicht im OP. Bringen wir ihn zur Radiologie – ohne Beifahrer, wenn es recht ist. Und dann sehen wir nach, wer gerade Dienst hat.«

»Dafür ist keine Zeit.«

»Sie haben keinen Röntgenblick, das können Sie unmöglich wissen!« Veronicas berüchtigt kurzer Geduldsfaden steht kurz vor dem Zerreißen. »Wenn Sie also von unserem blutigen Patienten heruntergehen könnten, Doktor …?«

»Taylor«, antwortet sie und richtet sich gerade auf. »Major Cassie Taylor, um genau zu sein. Unfallchirurgin. Aber ich würde ihn hier lieber gleich aufmachen und nachsehen, ob wir einen Teil seiner Milz retten können, anstatt ihn so lange bluten zu lassen, bis wir das kleine Scheißding ganz entfernen müssen.«

»Nein!« Veronica ist erleichtert, als sie endlich die stümperhaften Sicherheitsleute aus der Notaufnahme sieht. Die beiden treten auf wie moderne Diedeldei und Diedeldum, in groben schwarzen Wollpullovern und mit untauglichen Gummiknüppeln an ihren Gürteln hängend. Zumindest sind sie wie Schränke gebaut. Dieses schmächtige Ding wird ihnen nicht gewachsen sein, Major hin oder her. Aus welcher Einheit stammt sie überhaupt? Army? Navy? Air Force? Veronica blinzelt ein paarmal, verzweifelt bemüht, das Bild der Frau in Uniform aus dem Kopf zu bekommen.

Patient. Milz. Eine gestörte Fremde, die auf seiner Trage wie auf einem Pferd reitet. Konzentrier dich, schimpft sich Veronica selbst.

»Ms Mallick?« Lea kommt mit Peter Wickham im Schlepptau angerannt. Er trägt einen seiner schöneren Anzüge, zweifellos Boss oder Armani,und sein sandblondes Haar ist zerzaust. »Mr Wickham ist hier.«

»Das sehe ich, Lea. Peter, wenn diese Frau – entschuldige, dieser Major – nicht von meinem Patienten herunterkommt, möchte ich, dass du sie entfernst. Gewaltsam.«

»Das würde ich nicht versuchen«, entgegnet Cassie Taylor warnend. »Aber jemand könnte uns in den nächsten OP schieben und mir sterile Kleidung geben.«

»O nein, wirklich nicht –«, setzt Veronica an.

»Da sich keiner der Chirurgen hier für etwas anderes als Papierkram zu interessieren scheint«, Cassie schaut sie vorwurfsvoll an und deutet mit einem Nicken auf den Aktenstapel unter Veronicas Arm und die Papiere in Peters Hand. »Hören Sie, mein Ausweis befindet sich in meinem Rucksack. Wenn also jemand danach suchen möchte, bitte, dann kann ich hier weitermachen.« Und tatsächlich liegt ein unscheinbarer schwarzer Lederrucksack zu ihren Füßen.

»Hören Sie …« Peter tritt etwas näher an sie heran und versucht, seinen Charme spielen zu lassen, aber Cassie wendet sich ab.

»Sie!«, ruft sie einem vorbeigehenden Krankenpfleger zu. »Schnappen Sie sich die Trage und bringen Sie uns in den OP-Trakt. Schaffen Sie das?«

Der Krankenpfleger, über einen Meter achtzig groß und muskulös, mustert die Ansammlung an Ärzten und Schwestern, ehe er mit den Schultern zuckt. Er geht zum Kopfende des fahrbaren Gestells und schiebt es zügig davon.

»Hat sie gerade …«, Peter schaut ihnen nach, wie sie verschwinden, »einen Patienten gestohlen?«

Veronica ist für einen Moment versucht, ihnen zu folgen, aber dann entscheidet sie sich dagegen. Sollen sich die Mitarbeiter in der Chirurgie damit auseinandersetzen. Sie bedeutet den Sicherheitsmännern, der Trage zu folgen. Diese schnaufen und keuchen zwar, kommen der Anweisung aber nach.

Veronica sieht ihnen hinterher. Kurz zögert sie. Sollte sie vielleicht mitgehen und mit Gewalt einschreiten? Ihre Erfahrung sagt ihr, dass es besser ist sich nicht einzumischen, aber Veronica will verdammt sein, wenn Patienten hier aus einer Laune heraus einfach abgegriffen werden können wie ein Coffee-to-go. Andererseits … die Sicherheitsleute und die chirurgische Abteilung haben sicherlich alles im Griff. Sie wendet sich Peter zu. »Wie läuft die Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch? Bist du bereit, dich grillen zu lassen?«

»Na ja, genau das ist der Punkt: Sie ist gerade aus dem Gremium gekommen.« Er deutet in Richtung von Major Taylor, die soeben den Patienten entwendet hat. »Sie muss als erste dran gewesen sein.«

»Diese Irre bewirbt sich um die Leitung der Unfallchirurgie?« Veronica kann nicht glauben, was sie gehört hat. »Tja, ich würde sagen, dass du die Stelle dann erst recht in der Tasche hast, Peter.«

»Nimmst du das Ganze etwa persönlich, Vee?«, fragt eine vertraute Stimme hinter ihr.

Veronica dreht sich zu ihrer so frechen wie brillanten besten Freundin Edie um, deren Aufmerksamkeit ganz auf Peter gerichtet ist.

»Ich wünsche dir viel Glück, Schatz.« Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange.

»Danke. Ich sehe mal nach, ob irgendjemand Dr. Taylors Identität überprüft hat«, sagt Peter. »Ein wenig Bewegung wird mir nicht schaden, bevor ich mich dem Erschießungskommando stelle.« Mit großen, athletischen Schritten macht er sich auf den Weg über den Flur.

»Edie.« Veronica begrüßt ihre Freundin mit einer festen Umarmung. »Du suchst dir immer den furchtbarsten Montagmorgen aus, um hier vorbeizuschauen, weißt du das?«

»Ihr habt alle in der Gegend rumgestanden wie Salzsäulen, als ich gekommen bin. Was habe ich verpasst? Wer war sie, die hier eine Show abgezogen hat? Und war sie dein Typ?«

Seufzend winkt Veronica ab. Ständig versucht Edie, sie zu verkuppeln, egal an welche Frau und in welcher Situation. Gerade als sie sich sicher ist, dass der Morgen nicht noch frustrierender werden kann, kommt der stellvertretende Geschäftsführer durch den Flur auf sie zugeschossen. Sie sollte sich nicht so oft an den Knotenpunkten von Krankenhausfluren aufhalten. Diese unwillkommenen Begegnungen passieren wesentlich seltener, wenn sie sich in ihrer Besenkammer von einem Büro versteckt hält.

»O Himmel, hier kommt Travers«, stöhnt sie und tätschelt Edie die Schulter. »Du solltest weglaufen, solange du noch kannst.«

»Ms Mallick!«, ruft Wesley Travers Veronica entgegen, als würde sie seinen stürmischen Auftritt übersehen und die Wolke seines Aftershaves ignorieren können. »Haben Sie meine E-Mail über –«

»Ich habe meinen Dienst gerade erst angetreten, Dr. Travers.« Obwohl er in der Verwaltungshierarchie über ihr steht, ist Wesley kein gelernter Chirurg. An manchen Tagen hat Veronica Zweifel, ob er seine medizinische Ausbildung überhaupt abgeschlossen hat, bevor er sich voll und ganz ins Management gestürzt hat. Irgendwann möchte sie seine Position übernehmen – nur ohne das stellvertretend im Titel. »Ich antworte Ihnen, sobald ich wieder an meinem Schreibtisch sitze.«

Natürlich hätte sie sofort reagieren können. Veronica ist mit ihrem Handy verwachsen. Allerdings hat sie schon vor langer Zeit gelernt, Vorgesetzten bei deren sofortigen Anliegen Grenzen zu setzen. Niemand, weder Vorgesetzte noch direkte Untergebene, diktieren ihren Tagesablauf.

»Ich glaube nicht, dass wir uns schon kennengelernt haben.« Wesley wendet sich formvollendet Edie zu und reicht ihr seine wie immer feuchte Hand; zwei Menschen mit der genetischen Anlage zu roten Haaren – allerdings haben Wesleys eher die Farbe unreifer Erdbeeren und seine wenigen Strähnen liegen notdürftig über den Kopf gekämmt. Edie hingegen hat die feurig roten Haare, wie sie in Hollywood mit Iren assoziiert werden, und jede ihrer Locken ist perfekt frisiert.

»Oh, sie ist nur eine von Peters Liebschaften, die wir einfach nicht mehr loswerden«, sagt Veronica mit einem perfekten Pokerface.

»Ja«, bestätigt Edie und schüttelt Wesley energisch die Hand. »Nur fand diese Liebschaft vor ungefähr neun Jahren, einer Hochzeit und zwei Kindern statt. Dr. Hyatt-Wickham. Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Dr. Travers.«

»Der Name sagt mir etwas«, antwortet er mit einem schmeichelnden Lächeln, während seine großen runden Augen zwischen den beiden Frauen hin und her huschen. »Aber Sie arbeiten nicht hier?«

»Nein, Gott nein! Ich bin nur zu Besuch«, bestätigt ihm Edie mit einem übertrieben falschen Lachen. Sie zieht ihre Hand zurück und wischt sie diskret an ihrem blassgrauen Burberry-Trenchcoat ab. Obwohl sie zwei Kinder unter fünf Jahren hat, ist ihr Aussehen meistens makellos. »Aber wenn Veronica hier zu viel Ärger macht, sagen Sie einfach Bescheid, und ich sorge dafür, dass sie zwangseingewiesen wird.«

»Ah, Psychiatrie«, erwidert er, offensichtlich zufrieden, weil er den Witz verstanden hat. »O nein, wir brauchen unsere Ms Mallick. Die Notaufnahme würde ohne sie nicht laufen. Ich vermute, dass sie auch andere Abteilungen vor einem Höllenchaos bewahrt. Jetzt muss ich aber weiter.«

Er wendet sich wieder Veronica zu, die bei dem unerwarteten Kompliment ein wenig Stolz verspürt hat. Es stimmt, dass sie ihren Teil dazu beiträgt, in der scheinbar gesetzlosen Notaufnahme Ordnung zu schaffen und gelegentlich auch den Babysitter bei Kollegen zu spielen. Allerdings wird das normalerweise so selten gewürdigt wie weibliche Regisseure bei den Oscars.

»Ich freue mich auf Ihre E-Mail!« Und mit diesen Worten verschwindet Wesley endlich wieder.

»Gib nicht zu viel drauf, dass er über seine Träume spricht.« Veronica führt Edie zu einem ruhigeren Platz, weit weg von der Notaufnahme. »Mach dir keine Sorgen wegen Peter, wir beide haben ihn perfekt vorbereitet. Er wird der nächste leitende Unfallchirurg hier werden. Daran besteht kein Zweifel.«

»Das hoffe ich schwer«, seufzt Edie. »Sein Notfallplan für die Möglichkeit, dass es nicht klappt, gefällt ihm viel zu gut. Er sieht sich selbst als eine Art Professor Brinkmann, der in einem Krankenhaus auf dem Land Valium verteilt und gegen Tollwut impft, während die Kinder mit Lämmern in der Gegend herumtoben und in einem Schulgebäude mit nur einem Klassenraum unterrichtet werden.«

»Da spricht nur der Stress aus ihm«, versichert Veronica ihr. »Ich lasse ihn heute Abend von einem der eifrigen Assistenzärzte zu einem Squash-Match überreden. Das wird ihn ablenken.«

»Weißt du, als ich dich kennengelernt habe, hätte ich nicht gedacht, dass du mir einmal dabei helfen würdest, meine Ehe auf Kurs zu halten.« Edie sieht beinahe wehmütig aus. »Da wir gerade bei den alten Zeiten sind, ich habe mit Angela gesprochen –«

Veronica unterbricht sie schnell. »Meine Ex ist hat mich schon bearbeitet, vielen herzlichen Dank. Ich bin absolut bereit dazu, meinen Teil der Wochenenden und Nachmittage einzuhalten. Ich werde unseren Sohn allerdings nicht dazu zwingen, Zeit mit mir zu verbringen, wenn er das nicht will.«

»Du gehst zu hart mit dir ins Gericht«, sagt Edie. »Er ist ein guter Junge. Lass uns diese Woche einmal zusammen zum Mittagessen gehen, okay? Dann kannst Du mir auch erzählen, was heute mit dieser mysteriösen Frau passiert ist.«

»Vorausgesetzt, dass sie bis dahin noch nicht verhaftet wurde. Peter hätte sich gemeldet, wenn irgendwas aus dem Ruder gelaufen wäre, richtig? Da denkt man, dass man in diesem Irrenhaus schon alles gesehen hat, und dann fangen die Leute an, auf Patienten zu springen.« Auch wenn ihre gelassene Fassade es gut verbirgt, macht sich Veronica Sorgen um den verletzten Radfahrer. Aber sie muss sich jetzt auf Peter, die Sicherheitsleute und die Mitarbeiter im OP verlassen.

»Steht sie auf Frauen?«, unterbricht Edie ihre Gedanken.

»Ich hatte keine Möglichkeit, ihre sexuellen Vorlieben in Erfahrung zu bringen, während sie versucht hat, im Flur einen Patienten zu operieren«, stellt Veronica klar. »Sie hatte tatsächlich ein Schweizer Taschenmesser. Was kommt als Nächstes? Selbstklebende Plastikfolie zum Verschließen der Wunden? Wie auch immer, ich glaube, dass ich am Mittwoch Zeit habe – aber du bezahlst.«

»Such ein Restaurant mit einer anständigen Weinkarte aus und ich bin dabei.«

Edie kann sich dank ihrer gut gehenden Praxis jeden Wein dieser Welt leisten.

Veronica verabschiedet sich und widmet sich wieder dem Montagmorgenbetrieb in ihrer Abteilung. Die Wandfarbe mag ein schreckliches Blassgelb sein und in den Ecken abblättern, das Linoleum der Flure von zu vielen rollbaren Krankentragen und unzähligen Schuhen abgenutzt sein und unter den Schritten quietschen, aber das hier ist ihr Königreich, ihr Gebiet.

Die Geräusche des Krankenhauses hüllen sie ein. Das leise Summen der Leuchtstoffröhren über ihr, das schwache Piepen tausender Monitore, das ständige Rauschen des Verkehrs rund um das Gebäude und die Vibrationen der U-Bahnen, die unter ihm hindurchfahren.

Eine weitere Woche fängt an. Es wird Zeit, mit der Show zu beginnen. Und keine mysteriöse Militärblondine kann sich ihr dabei in den Weg stellen.

Kapitel 2

Es ist nicht so, dass sich Cassie absichtlich in gewisse vertrackte Situationen begibt. Sie würde ihnen sogar sehr gerne aus dem Weg gehen. Aber sie folgen ihr wie ein treuer Hund.

Cassie ist sich durchaus bewusst, dass andere Menschen irgendwann ebenfalls das sehen, was sie sieht – sie ist ja keine Idiotin. Aber die meisten Patienten können es sich schlicht nicht leisten, darauf zu warten, dass irgendwer irgendwann erkennt, was zu tun ist.

Und ja, es gibt andere Möglichkeiten, auf die Dringlichkeit hinzuweisen, als dafür auf Menschen zu klettern. Aber dass in dieser Abteilung niemand einen Notfall erkennt, sollte der attraktiven dunkelhäutigen Ärztin mit ihrer perfekten Frisur und ihrem maßgeschneiderten Hosenanzug zu denken geben. Das wäre ein Grund zum Schreien, und nicht Cassies gut gemeinte Versuche, die Milz des Mannes zu retten.

Ja, es war eine Art Überrumpelungstaktik, den nächstbesten Helfer zu schnappen, der körperlich in der Lage war, sie wegzurollen, aber Cassie hatte keine andere Wahl. Bei ihren zukünftigen Kollegen hat sie sowieso schon einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen. Die Chance ist gering, dass sie ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen kann – es sei denn, sie bekommt die Blutung unter Kontrolle. Trotzdem will ein störrischer kleiner Teil in ihr der anderen Ärztin von oben herab zuwinken, wie die Kapitänin eines siegreichen Fußballteams aus dem offenen Doppeldeckerbus ihren Fans. Am liebsten würde sie ihr sogar den Mittelfinger zeigen. Das wäre dann aber definitiv zu viel des Guten.

Wenigstens sind die Mitarbeiter im OP kooperativer. Vielleicht ist es die typische Montagmorgenträgheit, aber als Cassie sie ordentlich anschnauzt, treten alle einen Schritt zurück und machen Platz. Kurz darauf muss sie allerdings feststellen, dass auch hier nicht alle vollkommen unterwürfig sind. Als sie sich schnell in die angeblich geschlechtsneutrale OP-Kleidung zwängt, die weder Platz für ihre Hüften noch für ihre Brüste bietet, kommt eine nervös aussehende Frau in einem engen Rock herein, der sie wie einen Pinguin laufen lässt.

»Hören Sie«, sagt Cassie, bevor diese auch nur Luft holen und sie zurechtweisen kann, »ich bin Unfallchirurgin und habe mehr Bombensplitter aus Menschen gezogen als Sie warme Mahlzeiten zu sich genommen haben. Warum geben Sie mir also nicht einfach etwas zum Unterschreiben, damit ich vorübergehende Befugnisse habe und endlich loslegen kann?«

»Aber unsere Versicherung –«

»Ich hatte hier gerade ein Vorstellungsgespräch. Sie können mir also glauben, wenn ich sage, dass ich qualifiziert bin. Und der Mann, den das Team da gerade mit sterilen Tüchern bedeckt, wird wahrscheinlich sterben, bevor Sie jemand anderen gefunden haben. Was glauben Sie, verursacht den größeren finanziellen Ärger?«

»Das ist mehr als unüblich«, stößt die Frau unwillig hervor. »Als Leiterin der Chirurgie –«

»Oh, dann müssen Sie Jean sein.« Cassie streckt ihr die Hand zur Begrüßung hin, obwohl sie sie lieber unter einen Wasserhahn halten und sich weiter fertigmachen würde. »Ich fand es schade, dass Sie nicht im Gremium für mein Vorstellungsgespräch waren. Major Cassie Taylor.«

Sie schütteln sich die Hände, und Jean scheint erfreut darüber zu sein, dass Cassie weiß, wer sie ist. Das sind Fachbereichsleiter immer, vor allem, wenn sie nicht selbst praktizieren.

»Es gibt ein Formular für außergewöhnliche Umstände«, sagt Jean und blättert durch ihre Unterlagen. »Und da wir wegen der starken Belastung jetzt im Winter technisch gesehen unter Notfallbesetzung laufen …«

Noch während sie spricht, reißt Cassie ihr bereits das Formular aus den Händen und unterschreibt, ohne es vorher durchzulesen. Sie nickt der weiter plappernden Jean zu, geht zurück in den Vorbereitungsraum und betätigt mit dem Fuß das Pedal für den Wasserhahn. Durch das kleine Fenster in der Tür sieht sie, wie der Anästhesist im OP seinen Platz einnimmt, den Mundschutz noch nicht angelegt. Mindestens eine schlaflose Nacht steht ihm ins erschöpfte Gesicht geschrieben. Fantastisch.

Fast überraschend stellt sich das Team dann doch als zuverlässig heraus. Sobald Cassie in ihrer zu engen Krankenhauskleidung in den OP tritt, wird ihr der sterile Kittel übergelegt. Während eine Operationsschwester mittleren Alters noch die Schlaufen hinter Cassies Rücken bindet, zieht ihr ein junger Mann brandneue Latexhandschuhe bis weit über die Ärmel. Mit der Maske vor dem Gesicht tritt Cassie an den Tisch und sieht, wie sich das Gesicht ihres Patienten unter dem Einfluss der Anästhesie deutlich entspannt.

»Für diejenigen unter Ihnen, die mich nicht kennen«, sagt sie und greift auf dem Tablett mit den Instrumenten nach einem Skalpell, »und ich vermute, dass das hier für alle gilt … ich bin Major … ich meine Ms Cassie Taylor. Ich bin heute zu einem Vorstellungsgespräch für die Position als leitende Unfallchirurgin ins Haus gekommen. Zweifellos trete ich damit gegen einige Menschen an, die Sie alle mögen und respektieren. Trotzdem zählt im Moment nur das Leben dieses Patienten unter unseren Händen. Sind wir uns da einig?«

Alle nicken, wenn auch einige etwas zögerlicher als andere.

»Ich mache mich jetzt an die Arbeit«, erklärt sie und öffnet den Bauchraum gerade so weit, wie es nötig ist. »Ich fürchte, dass keine Zeit für eine Bauchspiegelung bleibt. Jede Minute Verzögerung bedeutet, dass er mehr von seiner Milz verliert. Sein Leben steht auf dem Spiel, aber selbst wenn wir ihn retten, könnte jeder Zeitverlust bedeuten, dass er vollkommen grundlos für den Rest seines Lebens immungeschwächt sein wird.«

Eine Schicht subkutanen Fetts gibt unter Cassies Messer nach – nicht viel, der Radfahrer ist offensichtlich gut in Form –, während sie weiter schnelle, tiefe Schnitte zieht, bis die Oberfläche der Milz vollständig freigelegt ist. Das Team beeilt sich, das Operationsfeld mit Klammern zu öffnen und mit dem Absaugen des Bluts zu beginnen.

»Wer macht meine … Assistenz?«, fragt Cassie, für einen Moment unsicher, welcher Begriff in diesem Krankenhaus der richtige sein würde.

Ein Mann auf der gegenüberliegenden Seite des OP-Tischs, der mit großer Sorgfalt den Saugschlauch führt, hebt kurz die Hand. »Ich schätze, das bin ich«, antwortet er. »Die F2er sind heute Morgen alle bei einer Übungsbesprechung oder so. Deshalb waren für die nächste Stunde auch keine Operationen angesetzt.«

»Ernsthaft? Ihr könnt ohne Handlanger nicht operieren? Ich nehme an, dass es das ist, was Sie mit einem F2er meinen?«, fragt Cassie mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Na ja, wir haben F1er und F2er – das sind die frischgebackenen Assistenzärzte. Also Neulinge. Sie machen die Routinearbeit – Dinge halten, stundenlang stehen. Es ist wichtig für ihre Ausbildung, dass sie mit den langweiligen, repetitiven Aufgaben beginnen und –«

»Danke für die Erklärung. Aber Sie erinnern sich doch sicher noch daran, wie all das funktioniert, oder? Außerdem leisten Sie sehr gute Arbeit mit dem Sauger.«

»Ja, natürlich, aber –«

»Unter uns und diesen sehr kompetenten OP-Schwestern würde ich sagen, dass wir eine einfache Milz in den Griff bekommen, oder?«

»Absolut, Major.«

»Ms reicht vollkommen«, antwortet sie. »Irgendwann muss ich mich ja an das Leben als Zivilistin gewöhnen. Jetzt geben Sie mir mal einen größeren Spreitzer, der hier wird nicht ausreichen.«

Letztendlich ist es eine einfache Arbeit; Sturzverletzungen ist Cassie mehr als gewohnt. Das scheinen die Anwesenden auch zu merken. Niemand stellt ihre Entscheidungen während der Operation in Frage. Stattdessen reichen alle ihr umgehend die Dinge, um die sie bittet.

Erst als sie mit dem Schließen der Wunde beginnt, räuspert sich ihr Assistent hinter seiner weißen Chirurgenmaske.

»Normalerweise mache ich das für den Oberarzt«, erklärt er beinahe entschuldigend.

»Oh, richtig.« Cassie ist es gewohnt, von Anfang bis Ende alles selbst zu machen, ohne eine Flotte an bereitstehenden Assistenten um sich herum. In ihrem alten Leben war selbst an besonders guten Tagen jedes Paar Hände mit Reanimationen und dem Eindämmen von Blutungen beschäftigt. An dieses neue Leben wird sie sich erst gewöhnen müssen.

Vorausgesetzt, sie bekommt diesen Job überhaupt, was nach der langen Reihe von Regelbrüchen, die sie sich im Lauf der letzten Stunden geleistet hat, weitaus weniger wahrscheinlich geworden ist.

Das Ablegen der OP-Montur nimmt vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch. Alles, was nicht wieder benutzt werden darf, kommt in den Abfallbehälter. Dann geht sie in den angrenzenden Umkleideraum, um die restliche Krankenhauskleidung aus- und den Anzug, den sie sich für das Vorstellungsgespräch gekauft hatte, wieder anzuziehen. Dabei fällt ihr auf, dass nicht nur Blut auf der Jacke ist, sondern auch noch etwas Öl vom Fahrrad auf Höhe des rechten Oberschenkels. Ihre Bluse sieht auch nicht mehr frisch aus. Mit einem Seufzer bemüht sie sich, alles so gut wie möglich wiederherzurichten. Unter den gegebenen Umständen wirklich kein leichtes Unterfangen.

Cassie hat noch nie zu der Kategorie Frau gehört, die es schafft, ohne viel Aufwand geschniegelt und gestriegelt auszusehen – außer, wenn sie in Uniform ist. Noch einmal wäscht sie sich die Hände und versucht, mit nassen Fingern ihre Haare zu bändigen. Blonde Strähnen stehen in alle Richtungen ab, wie jedes Mal, wenn sie sich selbst frisiert.

Sie knöpft ihre Jacke zu und will gerade den Umkleideraum verlassen, als die Tür aufgeht.

Natürlich – es ist die Frau von vorhin. Die nicht wollte, dass Cassie mit dem Patienten verschwindet. Dieses Mal hat sie keine Akten dabei, aber trotzdem strahlt sie mühelos aus, dass sie hier das Sagen hat; so etwas kennt Cassie sonst nur von Generälen.

»Na, wenn das nicht unsere übereifrige Armeemedizinerin ist. Wie geht’s Ihrem Patienten, Major?«

Ist es ein gutes Zeichen, dass sie sich tatsächlich an ihren Rang erinnert? Cassie versucht einen Akzent herauszuhören, aber alles, was sie wahrnimmt, ist feinstes BBC-Britisch, wie es von Menschen einer gewissen sozialen Klasse so sehr geschätzt und gesprochen wird. Cassie kann sich nicht vorstellen, dass sie in einem Wortgefecht gegen diese Frau eine Chance hat, also deutet sie stattdessen mit einem Nicken auf die Tür zum OP-Saal.

»Ja. Ein sehr fähiger junger Arzt näht ihn gerade zu«, fährt die Frau fort, als Cassie weiter schweigt. »Ich gehe davon aus, dass ich die quartalsmäßige Statistik bezüglich unserer Sterblichkeitsrate nicht um eine Person erhöhen muss?«

Eine Bürokratin. Natürlich. Ergibt vollkommen Sinn, weil die immer die ersten sind, die zimperlich werden, wenn jemand tatsächlich aktiv werden will. »Er hat überlebt. Und hat circa vierzig Prozent seiner Milz behalten. Genug, um ihm ein Leben voller Medikamente und vermeidbarer Infektionen zu ersparen.«

»Nun gut. Sie sollten es sich aber nicht zur Angewohnheit machen, die Aufnahme zu überfallen, um Patienten zu finden, an denen Assistenzärzte Nähte üben können. Wir haben hier tatsächlich festgelegte Abläufe. Abläufe, die dafür sorgen, dass Patienten am Leben bleiben und Menschen ihre Jobs behalten.«

Genau in diesem Moment kommt Jean voller Eifer hereingestürmt. »Major Taylor, das war wunderbare Arbeit. Wir haben damit gerechnet, dass der OP-Saal noch für mindestens eine halbe Stunde blockiert sein würde, aber ich sehe, dass Sie schon fertig sind. Ms Mallick«, fügt sie grüßend hinzu.

»Ich habe nur ausgeholfen«, erwidert Cassie und versucht, um beide Frauen herum zur Tür zu gelangen. »Es schien so, als wären all Ihre Chirurgen beschäftigt.«

Ein missbilligender Blick von Jean zu Mallick bestätigt eine weitere von Cassies Vermutungen.

»Ms Mallick operiert montags nicht, wenn es kein absoluter Notfall ist. Es ist nicht Teil ihres Ablaufplans.«

»Na ja, ich glaube auch nicht, dass der Patient geplant hatte, vom 27er Bus überfahren zu werden. Ich dachte, das hier wäre ein Krankenhaus und kein Spa.«

»Ich muss eine ganze Abteilung leiten«, mischt sich Mallick ein. »Zeit im OP ist etwas, das eingeplant werden muss. Ich dachte, Sie wüssten das, wo Sie sich doch als leitende Unfallchirurgin beworben haben.«

»So laufen die Dinge vielleicht in … Entschuldigung, wofür waren Sie noch einmal zuständig? Die Abteilung für weniger schwere Verletzungen?«

Das saß! Wütend blitzen Mallicks dunkle Augen unter dem grellen Neonlicht auf. »Unsere Acute Medical Unit ist der erste Anlaufpunkt für alle, die in die Notaufnahme kommen. Ich nehme nicht an, dass Sie einen Blick auf das Organigramm geworfen haben?«

»So, wie ich es verstanden habe, landen die nicht dringenden Fälle aus der Notaufnahme bei Ihnen. Die richtigen Fälle gehen in die Unfallchirurgie und noch häufiger direkt in den OP.«

»Nun, wir alle spielen eine wichtige Rolle«, sagt Jean. »Ich bin sicher, falls Sie in der Unfallchirurgie eingestellt werden –«

Mallicks verächtliches Schnauben unterbricht den Satz.

Aber Cassie gönnt ihr die Genugtuung nicht. »Ich bin sicher, dass ich mich selbst disqualifiziert habe, als ich heute Morgen den Patienten an die erste Stelle gestellt habe. Aber es war schön, überhaupt in Betracht gezogen worden zu sein.«

»Wie dem auch sei, Sie werden auf die eine oder andere Art von Mr Travers hören«, erwidert Jean. »Brauchen Sie Hilfe, zurück zum Parkplatz zu finden, oder …?«

»Ich finde den Weg, danke.« Cassie hat keine Lust auf eine Fortsetzung des Gesprächs. Sie wartet, bis Jean den Raum verlassen hat, für den Fall, dass sie auf dem Weg nach draußen noch weiter mit ihr plaudern will. Überrascht stellt sie fest, dass Mallick ebenfalls zurückbleibt.

Cassie atmet tief durch und geht auf die Tür der Umkleide zu, als eine Hand auf ihrem Oberarm sie zurückhält. Sie hatte nicht die Absicht, Mallick so nahezukommen, aber nun kann Cassie die betörenden Nuancen des Parfums nicht ignorieren; es duftet nach Sommer und Blumen, trotz des nieselnden Herbstgraus draußen.

»Seien Sie nicht zu enttäuscht wegen des Jobs.«

»Nein?« Cassie schluckt eine sarkastischere Antwort hinunter.

»Wir haben einen wirklich starken Kandidaten aus den eigenen Reihen. Ich habe ihn selbst ausgebildet, er ist also praktisch handverlesen. Nur für den Fall, dass Sie noch Hoffnungen haben.«

»Ich bin ein großes Mädchen. Ich glaube, dass ich mit jeder Entscheidung umgehen kann, Ms Mallick.«

»Sehr gut.«

Mallick nimmt ihre Hand zurück und Cassie kommt fast ins Stolpern. Das ist genug Krankenhauspolitik für einen Tag. Eigentlich sollte dieser Ort ein Neuanfang sein, aber nach allem, was heute passiert ist, sehnt sie sich förmlich zurück nach Basra.

»Tja«, sagt Cassie, der keine geistreiche Erwiderung einfällt. »Dann auf Wiedersehen.« Zumindest muss sie nicht das obligatorische Es war schön, Sie kennenzulernen anfügen. Beide wissen, dass es das nicht war.

Sie geht hinaus in den Flur, ohne auf eine Antwort zu warten, darauf konzentriert, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Kapitel 3

Es ist ein Paradebeispiel für Veronicas größte Schwäche, in die Unfallchirurgie gegangen zu sein, um nachzusehen, was aus dem verletzten Fahrradfahrer und seiner Entführerin geworden ist. Seit Jahren versucht sie, sich ihre Neugier und die vielen unüberlegten Entscheidungen abzutrainieren. Und trotzdem fällt sie immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück.

Schlimmer noch, sie hat dieser Person das letzte Wort gelassen, was jeden in diesem Gebäude überraschen würde, mit dem sie je aneinandergeraten ist.

Hastig eilt Veronica aus dem Umkleideraum und flüchtet in die Abgeschiedenheit ihres Büros. Es ist eines der größeren in diesem Flügel – eigentlich sind es zwei Büros, die aus Versehen zu einem gemacht und nie wieder getrennt wurden. Abgesehen von ihrem langweiligen, skandinavisch-weißen Schreibtisch, der auf fünf verschiedene Arten ergonomisch geformt ist, hat sie nicht viel Platz für andere Dinge, da ein Konferenztisch und eine Handvoll Stühle die Hälfte des Raums einnehmen. Sie hat ihr Möglichstes getan, um den Raum wohnlich zu machen, indem sie Drucke von Gustav-Klimt-Gemälden und ein paar gut gefüllte Bücherregale aufgestellt hat. Ihr letzter Versuch, einen grünen Daumen zu entwickeln, wurde von den Reinigungskräften aus Mitleid getötet, sodass keine Pflanzen die Oberflächen verunzieren.

Ihr Laptop ist inzwischen startbereit. Veronica weigert sich strikt, sonntags zu arbeiten. Das ist die einzige Gelegenheit, sich kurz von dem Leben abzukoppeln, das sie sonst permanent an den Bildschirm bindet. Leider führt das dazu, dass ihr Computer montagmorgens langsamer wieder ins Leben zurückfindet als ein Ertrinkender. Schon vor einiger Zeit hat sie einen Antrag für ein neues Gerät gestellt. Vielleicht wird er noch bewilligt, bevor alle Gehirne ins Skynet hochgeladen werden und Roboter die Operationen übernehmen.

Die schlechte Laune hat sich hinter Veronicas Augenbrauen festgesetzt, wie hartnäckige Kopfschmerzen, und sie weiß, dass Stirnrunzeln das Ganze nicht verbessern wird. Das kurze Aufeinandertreffen mit dieser Fremden, die versucht, Peter die Stelle wegzunehmen und Veronicas Plan zu durchkreuzen, läuft in einer gedanklichen Dauerschleife in ihrem Kopf. Jedes Mal fällt Veronica eine geistreichere oder schärfere Erwiderung ein, und das frustriert sie bei jeder Runde erneut.

Ein Klopfen an ihrer demonstrativ geschlossenen Bürotür rettet sie aus ihrem internen Dialog. Lea, kaum einen Meter fünfzig groß und in ihre blaue Krankenschwesternkluft gekleidet, tritt ein. Es ist erst drei Jahre her, dass Lea von Manila nach London gezogen ist und die harte Umschulung zur Krankenschwester mit wehenden Fahnen gemeistert hat. Ihr glänzendes schwarzes Haar ist fest geflochten, und im Gegensatz zu vielen anderen Mitarbeitern, die ebenfalls einen Zwölf-Stunden-Tag vor sich haben, hat sie sich die Mühe gemacht, Lippenstift und Mascara aufzutragen. Sie nennt es ihre Kriegsbemalung.

Veronica ist immer froh, sie zu sehen – vor allem, wenn Lea zwei Becher Kaffee in der Hand hält.

»Es ist, als würdest du meine Gedanken lesen«, sagt Veronica. »Ich war zu beschäftigt damit, im OP herumzuschnüffeln, und hatte keine Zeit, um dann noch bei der Cafeteria vorbeizugehen.«

»Cafeteria?«, schnaubt Lea verächtlich. »So grausam bin ich nicht, nicht an einem Montag. Ich bin zum Griechen gegangen.«

»Sehr mutig von dir, die Praed Street zu dieser Tageszeit zu überqueren.«

Veronica trinkt einen Schluck, und der Milchkaffee ist noch immer heiß genug, um ein wenig an den Lippen und auf der Zunge zu brennen. »Manchmal denke ich, warum gegen die Koffeinsucht ankämpfen? Ich sollte einfach eine Vene aussuchen und mir von dir eine Infusion legen lassen.«

»Da musst du dich hinten anstellen.« Lea legt die Papiere ab, die sie unter ihren Arm geklemmt hatte, nimmt aber nicht auf dem freien Stuhl Platz. Sie wirft einen Blick zurück in Richtung Flur, als würde sie nach Spionen Ausschau halten. Dann wendet sie sich wieder Veronica zu. »Hast du nach deiner Armeeärztin gesehen?«

»Sie ist wohl kaum meine. Ich hatte nur das Pech, sie davon abhalten zu müssen, jemandem im Wartezimmer den Bauch aufzuschneiden.«

»Aber man hat sie operieren lassen? Ich hab gehört, dass Jean runtermarschiert ist, um das Ganze zu beenden, nur um festzustellen, dass die Frau schon fertig angezogen und für die OP bereit war. Hat ein paar Formulare mit dem Stift zwischen den Zähnen unterschrieben, um steril zu bleiben.«

Veronica fragt sich, wo sich die undurchdringliche Bürokratie des britischen Gesundheitssystems in Momenten wie diesen versteckt. Sie selbst kann nicht einmal Kugelschreiber bestellen, ohne ein Versicherungsproblem, eine Budget-Krise und einen politischen Skandal auszulösen. Und dann bieten sie hier jedem zufällig vorbeikommenden Chirurgen einen offenen Operationssaal an?

»Das geht also? Einfach reinkommen und schneiden, solange du dich nur mit dem Werkzeug auskennst?«, fragt Veronica. »Hört sich für mich eher nach einem Friseursalon als nach einem Krankenhaus an.«

Lea zuckt mit den Schultern, als hätte sie schon Schlimmeres gesehen. »Wie war das Meeting mit den Chirurgen? Die Leute regen sich immer noch auf, weil alles außer Notfalloperationen abgesagt wurde. Der Rückstau wird immer schwerer zu bewältigen.«

»Elektive Operationen wurden gestrichen, weil wir überlastet sind«, erinnert Veronica sie. »Und wir können die Leute nicht operieren, wenn wir sie danach nirgendwo unterbringen können.«

»Das weiß ich«, erwidert Lea sanft. »Aber es ist gibt viel ungenutzten Platz im Haus. Du kommst nicht oft aus der Abteilung raus, aber wir Schwestern sehen das überall.«

»Tja, ich habe meine Vorschläge gemacht.« Veronica hat endlich Zugriff auf ihre E-Mails, und zwischen hundert unwichtigen Rundmails findet sie auch das Schreiben, von dem Wesley Travers vorhin gesprochen hat. Mit einem Grinsen entscheidet sie sich, nicht darauf zu klicken, denn sie weiß, dass er sich sofort auf den Weg machen würde, sobald er die Lesebestätigung erhalten hat.

Lea lächelt jemanden im Flur an, ehe sie einen Schluck von ihrem Kaffee nimmt. »Mr Wickham«, sagt sie. »Ich sollte gehen.« Und mit diesen Worten verschwindet sie aus Veronicas Büro.

Peter kommt herein, um seinen gewohnten Platz auf dem Besucherstuhl einzunehmen. Er streckt die langen Beine aus, während er seine Aktentasche theatralischer als gewöhnlich auf den Boden fallen lässt.

»Tut mir leid, dass ich dich vorhin stören musste«, sagt Veronica, und er ist einer der wenigen im Krankenhaus, der jemals eine Entschuldigung von ihr bekommt. »Ich dachte, dass ich deine starken Muskeln brauchen werde. Und du weißt, wie sehr ich das hasse, dich deswegen zu belästigen.«

»Nun, dadurch habe ich eine Ausrede, mehr Zeit auf dem Tennisplatz zu verbringen.« Sie wissen beide, dass er in letzter Zeit deutlich mehr Golf als Tennis spielt. »Wurde dieser blonde Hitzkopf verhaftet? Was sie getan hat, grenzt ja schon an Körperverletzung.«

»Nein, in ihrer unendlichen Weisheit hat die Leitung sie irgendwelche Papiere unterschreiben lassen, damit sie im OP weitermachen kann. Ich nehme an, dass irgendwer irgendwo ihre Referenzen überprüft hat. Aber mach dir keine Sorgen, ich hab ihr gesagt, dass sie keine Chance hat, diesen Job zu bekommen, weil du im Rennen bist.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Er fährt sich mit seinen großen Händen übers Gesicht, zerzaust seine perfekte Frisur und verursacht auf seinem designten Dreitagebart ein kratzendes Geräusch. »Ich hatte Einläufe, die angenehmer waren als diese Fragerunde.«

»Danke für das deutliche Bild. Trotzdem bestehe ich darauf, dass ich die erste Flasche Champagner spendiere, sobald du befördert wirst.«

»Jetzt komm schon, Veronica. Es hat keinen Sinn, den Karren vor das Pferd zu spannen.« Er beugt sich vor und blättert träge durch die Akten auf ihrem Tisch.

»Ich habe dich selbst ausgebildet, Peter. Es gibt keine bessere Empfehlung, schon vergessen?«

»Ist Edie gut zur Arbeit gekommen?«

Er wechselt das Thema. Das ist nicht gut. Veronica unterdrückt einen sorgenvollen Blick, als ihr der Gedanke kommt, dass er im Bewerbungsgespräch etwas Dummes gesagt haben könnte. Leider wäre das nicht das erste Mal. »Ist sie. Wir gehen diese Woche zusammen Mittag essen, wenn du mitkommen möchtest.«

»Damit ich dabei sein kann, wenn ihr über mich redet?«, fragt Peter mit einem trägen Grinsen. »Wohl kaum, Boss.«

»Nicht mehr lange.« Erneut fragt sich Veronica, ob er seine große Chance verspielt hat. »Wir werden offiziell gleichgestellt sein, wenn du den Job bekommst.«

»Weißt du, manchmal frage ich mich, ob das alles nicht Teil deines großen Plans ist, Leute in bestimmten strategischen Positionen zu haben, damit du später die Weltherrschaft übernehmen kannst.«

»Das fragst du dich?«, neckt ihn Veronica, ohne zu verraten, wie nah er gerade ihrer Strategie gekommen ist. »Dann wirst du wohl den verdammten Job bekommen müssen, um herauszufinden, ob du recht hattest, Peter.«

»Yes, Sir.« Er steht auf. »Wenn du mich bitte entschuldigen würdest, auf mich wartet ein Haufen frischgebackener Assistenzärzte, die ich ein wenig traumatisieren muss, damit sie bessere Mediziner werden.«

»Okay, bis später.«

Als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr werfen will, stellt sie seufzend fest, dass die Uhr an ihrem Handgelenk schon wieder verrutscht und das Ziffernblatt schon wieder nicht zu sehen ist. Dauernd passiert das. Und es nervt. Sie richtet das dünne goldene Armband, bis sie die Zeit ablesen kann, und wendet sich dann ihren E-Mails zu. Eines ist klar. Um zu erreichen, dass das Krankenhaus nächste Woche wieder voll einsatzfähig sein wird, muss sie sich einiges einfallen lassen. Aber sie wird das hinbekommen. Keine Frage.

Dieser plötzliche Ausbruch an Optimismus kommt so unerwartet, dass sie kurz darüber nachdenkt, ob Lea etwas in ihren Kaffee gemischt hat.

»Sehen wir mal nach, was Travers will«, sagt sie mit einem Stöhnen. Nach kaum mehr als fünf Wörtern der E-Mail wird klar, dass ihr Boss Arbeit bei ihr abladen will. Typisch. Allerdings weiß sie auch, dass es für ihre zukünftige Karriere gut wäre, wie von ihm vorgeschlagen den Platz in einem weiteren Komitee anzunehmen.

Und wie sie es vorausgesehen hat, taucht er in ihrer Tür auf, bevor sie auch nur auf den Antworten-Button klicken konnte. Er muss irgendwo in der Nähe auf der Lauer gelegen haben, weil sie ihn noch nie rennen gesehen hat. Der Krankenhauscampus ist riesig und der Verwaltungsbau, in dem Travis sitzt, ist ein ganzes Stück entfernt.

Das Krankenhaus gehört zu derselben Stiftung wie eine andere kleine Klinik, die weiter westlich gelegen ist, und wie die furchtbar beeindruckende Universität. Selbst Veronica hat manchmal noch Probleme mit der Organisationsstruktur der Stiftung. Sie kann sich gar nicht vorstellen, wie undurchschaubar das alles für einen Außenstehenden sein muss. Abgesehen von so jemandem wie Major Taylor, die überhaupt nicht erst auf Regeln achtet, bevor sie sie munter bricht.

Wieso schleicht sich diese Frau immer wieder in Veronicas Gedanken? Sie will Edies Sticheleien nicht zu viel Bedeutung beimessen, aber Veronica muss sich selbst eingestehen, dass es eine Weile her ist, dass sie mit jemandem mehr als einmal ausgegangen ist. Es kommt leider immer wieder … na gut, regelmäßig vor, dass sie Verabredungen zum Abendessen absagen muss, weil irgendetwas im Krankenhaus dazwischenkommt. Die wenigsten Menschen haben Verständnis für so etwas. Eigentlich niemand.

»Veronica?«

Sie hat die Gegenwart ihres Chefs völlig ausgeblendet und kein Wort von dem gehört, was er gesagt hat. »Ja, Wesley.« Sie kann nur hoffen, dass dies die richtige Antwort ist.

In Anbetracht der Tatsache, wie er sie anstrahlt, scheint es so zu sein. Zumindest für ihn.

Nachdem er sich die Nase mit einem schmucklosen Baumwolltaschentuch geputzt hat, spricht er weiter: »Also, das Komitee wird keine einschneidenden – oh, das ist gut, einschneidenden – Veränderungen bezüglich deiner OP-Zeiten vornehmen. Ich sorge dafür, dass nur die langweilige Verwaltungsarbeit betroffen sein wird. Pfadfinderehrenwort und so. Versprochen.«

Veronica lächelt angespannt und ist froh, dass ihr Tacker nicht griffbereit liegt, weil sie sonst versucht wäre, ihm seine knallbunte Krawatte mit dem Emblem irgendeiner Schule an die Stirn zu heften.

»Sagen Sie einfach Marjorie Bescheid, wenn es Termine gibt – sie verwaltet meinen Kalender.«

»Natürlich. Ich habe gehört, dass es heute ein wenig Aufregung mit einem der Patienten aus der Notaufnahme gegeben hat?« Er will sie ködern, und weiß seiner selbstgefälligen Miene nach zu urteilen offensichtlich bereits ganz genau, was passiert ist.

»Alles unter Kontrolle. Obwohl es mehr Jeans Bereich ist als meiner, falls Sie etwas für die Versicherung brauchen.«

»Oh, wir haben miteinander gesprochen. Wie es aussieht, hat Major Taylor heute das Gremium und die Mitarbeiter beeindruckt.«

Veronica atmet laut aus. Sie ist eine Mitarbeiterin und ganz sicher nicht beeindruckt.

»Ich glaube, dass wir verlässlichere Leute als Anwärter auf den Posten haben, Wesley. Meinen Sie nicht auch?«

»Nun, theoretisch … ja.« Erneut wischt er sich über die Nase und grummelt leise etwas vor sich hin, bevor er sagt: »Lassen wir den Dingen einfach ihren Lauf, et cetera.«

Travers ist der einzige Mensch, den Veronica kennt, der die lateinische Redewendung tatsächlich auch als zwei getrennte Worte ausspricht.

»Ja, tun wir das.« Sie wendet sich wieder ihrem Kaffee und ihrem Bildschirm zu. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss hier wirklich weitermachen.«

Kapitel 4

Als ihr Zug auf dem Bahnsteig in Paddington hält, kann Cassie sich nur mit Mühe zurückhalten, nicht den Notfallhammer zu packen und ein Fenster zu zerschlagen. In dem Moment, in dem die Türen aufgehen, staut sich alles in den Gängen. Die anderen Passagiere machen sie wahnsinnig; sie drehen und wenden sich, brauchen ewig, um ihre Taschen und Mäntel zu sortieren, starren auf ihre Handys, richten ihre Krawatten und verlassen dann erst irgendwann den Zug. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bevor Cassie endlich die relativ frische Luft des Bahnhofs einatmen kann. Zumindest ist es hier draußen ungefähr zehn Grad kühler, und ihre überhitzten Wangen sind dankbar dafür.

Sie tritt aus dem Fluss der Pendler heraus und täuscht Interesse an einem Fahrplan vor, der etwas abseits an einer Infowand hängt. Mit einer Hand schiebt sie den Kragen ihres Mantels zur Seite, bis sie die vertrauten kreisförmigen Erkennungsmarken ertastet, die an einer Kette um ihren Hals hängen. Immer wieder lässt sie sie durch ihre Finger gleiten und wartet darauf, dass sich die Menschenmenge auflöst.

Als es endlich ruhiger geworden ist, geht Cassie in Richtung Ausgang. Sie will ihre Fahrkarte aus der Manteltasche nehmen und stellt fest, dass sie nicht da ist. Seufzend beginnt sie das Ritual, alle Taschen und ihre Handtasche zu durchkämmen, findet aber nur Münzen, Fäden, drei Büroklammern und eine Eintrittskarte für einen Film, an den sie sich nicht mehr erinnern kann.

Ach, verdammt. Ihr ist bewusst, dass sie bei der Kontrolleurin am Ende des Bahnsteigs gleich noch einmal den vollen Preis für die Fahrt wird bezahlen müssen, sozusagen als Strafe dafür, dass sie so zerstreut ist. Eine Tatsache, die sie schon seit ihrer Schulzeit verfolgt, und bei der es egal ist, ob sie das Ticket verloren oder erst gar nicht gekauft hat.

Letztlich ist ihr alles recht, solange sie dadurch nicht zu spät zu ihrem verfluchten ersten Arbeitstag kommt. Cassie kann immer noch nicht glauben, dass das Krankenhaus ihr trotz allem den Job angeboten hat. Ja, ihre Referenzen waren tadellos und ihr Auftreten im Bewerbungsgespräch extrem professionell. Aber dass weder der Widerstand von Mallick noch die Patientenentführung Cassies Chancen zunichte gemacht haben … wer hätte das gedacht? Ein Teil von ihr ist ganz aufgeregt bei der Vorstellung, ein beeindruckendes Traumazentrum aufzubauen, das für jede Eventualität ausgestattet ist. Nach den Jahren des Arbeitens mit dem Allernötigsten im Feld wird das ein Segen sein.

»Kann ich bitte eine Rückfahrkarte von Swindon bekommen?«, fragt sie die junge Frau am Schalter und mustert deren ausrasierten Undercut und die Piercings. Beim Anblick dieser Freiheiten verspürt Cassie einen neidischen Stich. Selbst wenn sie in der Army den Mut gehabt hätte, sich zu piercen, hätten fast alle ihre Vorgesetzten versucht, das Metall persönlich mit einem Küchenmagneten wieder zu entfernen.

»Die Fahrkarte sollten Sie vor der Abfahrt am Bahnhof kaufen«, kommt die Standartantwort. »Eigentlich ist eine Strafe fällig, wenn Sie ohne Fahrkarte unterwegs sind.«