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Der Roman "Skandal in Merbeck" ist ein Buch über den Mut von Kindern, geboren von einem unbändigen Willen, ein scheinbar unabänderliches Schicksal zum Guten zu wenden. Konkret: Es steht nichts weniger als die Existenz der kleinen Dorfgrundschule in Merbeck auf dem Spiel. Die könnte geschlossen werden, wenn der Plan des Schurken Leo Nunzinger aufgeht. Der hat den Hausmeister der Grundschule auf dem Kieker und zwingt ihn, bei seinen dunklen Machenschaften mitzumachen. Das Ganze weitet sich zu einem Skandal aus, wie ihn die kleine Gemeinde am Niederrhein noch nie erlebt hat. Nur die Schüler der Merbecker Lehranstalt können dem beliebten Hausmeister jetzt noch helfen. Sie riskieren dabei alles- auch das eigene Leben, weil der Schurke Nunzinger keine Limits kennt.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kurze Beine, kurze Wege. Getreu dieses Mottos sollen Kinder ihre Schule auch selbständig erreichen können. Wenigstens in der Grundschulzeit. Leider schützen Worte nicht vor Standortschließungen. Wir vom Förderverein sehen mit Sorge, dass gerade unsere Dorfgrundschule in Merbeck im Fokus steht, wenn von Schließungen die Rede ist, aber das spornt uns gleichzeitig auch an.
So kämpfen wir für den Erhalt unserer Merbecker Institution. Mal schmackhaft, in Form von Erdbeermarmelade, mal sportlich, mit Sponsorenläufen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Sie finden unsere Schule auf Facebook, der eigenen Homepage, auch auf Flyern und werden sehen, wie viel Leben darin steckt. Damit das so bleibt, müssen möglichst viele Schüler die Klassensäle bevölkern.
Am Tag der Offenen Tür kann sich jeder von der tollen Atmosphäre in unserer Schule überzeugen.
Wir freuen uns über viele Anmeldungen und über jedes Kind.
Ihr Peter Albra Brenner
Meine Homepage:
www.peteralbrabrenner.jimdo.com
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Homepage der Schule:
www.ggsmerbeck.de
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www.facebook.com/Grundschule-Merbeck
Prolog
Kapitel 1 Aufruhr
Kapitel 2 Gerüchte
Kapitel 3 Alles beim Alten?
Kapitel 4 Die Vereinigung der Gerechten
Kapitel 5 Ermittlungen in Sachen Bio
Kapitel 6 International vernetzt
Kapitel 7 Nacht über Merbeck
Kapitel 8 Die Sorgen einer Lehrerin
Kapitel 9 Konfrontationen
Kapitel 10 Schulschluss
Kapitel 11 Rache schmeckt süß
Kapitel 12 Der Tag des Grünen Wächters
Kapitel 13 Epilog
Anmerkungen des Autors
Die Nacht war kühl. Der Winter ging in diesem Jahr einfach nicht. Es war März, langsam wurde es Zeit für warme Tage und erste blühende Blumen. Stattdessen hielt sich der Schnee am Niederrhein, wenn auch nur noch als kleine Haufen auf den Feldern und Wiesen, als sei man in alpinem Gebiet. Das geschah manchmal, allerdings nicht so häufig wie auf der Schwäbischen Alb oder im Sauerland. Noch vor Wochen hatten sich vor allem die Kinder über die weißen Weihnachten gefreut, jetzt waren sie den Schnee leid.
Anton schwitzte – trotz der kühlen Luft und der fortgestrampelten Bettdecke. Schuld trug der erschreckend real wirkende Traum – als seien die Dinge darin wirklich passiert, oder als würden sie noch geschehen.
Nun kommen allen Träumern die Schlafbilder so vor, als seien sie die Wirklichkeit. Es gab jedoch einen gravierenden Unterschied, der Antons Träume zu etwas Besonderem machte – manchmal tauchte Gerhard Schmitt auf, der Vater, den Anton vor kurzem an Krebs verloren hatte. Er rückte zurecht, was in der Familie schief gelaufen war und entschuldigte sich für unschöne Dinge. Er nahm seinen Sohn regelmäßig in den Arm und beschwor ihn, gut auf die Mutter aufzupassen, die nun mit Anton und seinen beiden Schwestern genug zu tun hatte. Das alles waren Anzeichen dafür, dass Antons Träume anders waren als andere.
Ein Anzeichen jedoch machte es besonders deutlich. Eine Woche nach der Beerdigung war Gerhard Schmitt Anton zum ersten Mal eindrücklich im Traum erschienen.
„Du musst unbedingt zum Bauern Maiwald gehen und ihn warnen, dass die Heizanlage im Ferkelstall defekt ist. Du musst ihn warnen, weil sonst der Stall abbrennen wird!“
Anton würde diesen Traum garantiert nie vergessen. Nach der Umarmung des Vaters im Traum war er schweißgebadet aufgewacht und hatte stundenlang wachgelegen, bis das Morgenrot den neuen Tag angekündigt hatte.
Da war er aufgestanden und zum Erstaunen der Mutter aus dem Haus gestürmt – an einem ungewöhnlich kalten Tag im Oktober, der nach Schnee gerochen hatte, der dann in der Nacht gefallen war. Die Heizanlage im Ferkelstall des Bauern Maiwald war daher auf Hochtouren gelaufen.
Selbstredend hatte ihn der Bauer nicht für voll genommen, sondern nur irritiert angestarrt. Der Testsieger mit absoluten Traumnoten war nagelneu gewesen und von den Prüfern für einwandfrei erklärt worden. Alles hatte dafür gesprochen, dass er Unsinn erzählt hätte.
Anton konnte die Reaktion des Bauern gut nachvollziehen; er war Franz Maiwald nur auf den Senkel gegangen, weil Papa Gerhard ihn im Traum sehr eindringlich gebeten hatte. Nur deshalb hatte er nicht locker gelassen, bis der Bauer entnervt die Heizanlage genau unter die Lupe genommen hatte – und auf einen Kabelbruch und fliegende Funken gestoßen war.
Anton war seither Ehrengast auf dem Bauernhof, der Elektriker dagegen, der die Anlage eingebaut hatte, sah ihn schief an. Der Kabelbruch ging einher mit einem deftigen Imageschaden, der dem Unternehmen heute noch nachhing. Der verantwortliche Geselle war längst entlassen, doch das änderte nichts daran. Der Zweimeter-Hüne hatte Merbeck verlassen und war nach Schleswig Holstein gezogen, wo er an der Küste als Elektriker arbeitete. Anton brauchte ihn deshalb nicht zu fürchten, was er dankbar zur Kenntnis nahm.
Jetzt lag er erneut wach, nach einem Traum mit vielen unschönen Bildern. Die Schule war darin vorgekommen, der Hausmeister, Wilfried Beck. Und sein Vater, der auf eine glatzköpfige Person deutete, die Anton den Rücken zudrehte.
Gerhard Schmitt war stumm geblieben und hatte Anton lediglich etwas unter die Nase gehoben, das er erst im letzten Augenblick erkannt hatte. Es waren Handschellen gewesen, die im gleißenden Sonnenlicht gefunkelt hatten.
Als Anton mit dem Fahrrad die Krefelder Straße entlang fuhr, wie jedes Mal in Begleitung von Eva Brunner, die er, aus Schwaam kommend, in dem winzigen Örtchen Venheyde abgeholt hatte, hing ihm der seltsame Traum immer noch nach. Eva, die mit einer sehr guten Beobachtungsgabe ausgerüstet war, sah ihm die veränderte Stimmung an. Das hatte sie noch jedes Mal. Den Grund wusste sie nicht, weil Anton keine Antworten auf ihre Fragen gab. Auch die anderen aus der vierten Klasse bekamen nichts aus ihm heraus. Selbstredend wussten sie von seiner Heldentat, aber auch in dieser Sache gab Anton nichts von den Träumen preis, die ihn dazu geleitet hatten. Dass ihn der geliebte Vater besuchte und ihm wertvolle Tipps gab, dazu noch Wunden der Vergangenheit heilte, war ganz allein seine Sache. Das mussten und würden die anderen auch in tausend Jahren nicht wissen. Das war Antons eigener Schatz, besser gehütet als die Kronjuwelen.
„Was ist denn hier los?“ Evas Worte rissen ihn aus den Gedanken. Er hob den Kopf und hielt das Fahrrad überrascht an. Die Krefelder Straße war auf der Höhe der Grundschule Merbeck eine einzige Blechlawine. Zwischen den vielen Fahrzeugen blinkte blaues Licht, als sei eine Disko im Gange. Die Kinder dachten beide dasselbe, nämlich dass ein Feuer ausgebrochen sei. Allerdings waren keine Sirenen zu hören gewesen. Also war es vielleicht der Notarztwagen. Das würde die Aufregung erklären, dachten beide. Als sie langsam auf den Pulk zurollten, sahen sie, um was es sich wirklich handelte. „Polizei!“, rief Eva aus.
Und da kam schon Martin Leibold an. Sein Gehabe sagte alles. Der Drittklässler wusste Bescheid. Das wilde Armschwingen, der Sprint, der wohl in einem Sturz enden konnte, das erfreute Gesicht – all das waren verräterische Anzeichen. „Sie haben Herrn Beck festgenommen!“, rief er von Weitem. Anton und Eva blieben die Münder offen stehen. Sie hatten mit Vielem gerechnet, nicht aber mit dieser Neuigkeit.
„Was?“ Evas gerunzelte Stirn bedeutete nichts Gutes. Wenn sich dicke Falten auf ihrer Stirn bildeten, lag Ärger in der Luft. Anton verstand sie nur zu gut. Die Festnahme des netten Herrn Beck, Hausmeister an der Schule, war wahrlich kein Grund für ein erfreutes Lächeln.
„Sie haben Herrn Beck festgenommen. Warum weiß ich nicht recht, da sagt keiner was, aber sie haben ihn gerade abgeführt, in einen Streifenwagen, und... Da fährt er gerade. Da, in dem Wagen sitzt der Herr Beck drin!“ Martin deutete aufgeregt auf einen Polizeiwagen, der an ihnen vorbei fuhr, in Richtung Venheyde, Schwaam. Während der Drittklässler fasziniert und breit grinsend dem Wagen hinterher starrte, stellte Eva ihr Fahrrad ab und packte den Jungen am Kragen.
„Was bitte schön gibt es da zu grinsen, wenn sie den netten Herrn Beck festnehmen? Kannst du mir das mal verraten?“ Martin Leibold verging das Grinsen dermaßen schnell, dass es komisch anzusehen war. Anton hätte gelacht, wären die Umstände nicht so doof gewesen.
Die nächsten Minuten war es, als träume er alles nur. Wie er das Fahrrad durch die angestaute Menschenmenge schob, aus der ihn unzählige Gesichter ernst anstarrten, war es, als könne nichts von dem real sein. Wie denn auch! Herr Beck, abgeführt von der Staatsmacht, wie ein gewöhnlicher Krimineller, was er ganz sicher nicht war! Da war jede Nacktschnecke einer Straftat verdächtiger als der freundliche Hausmeister!
Anton brauchte die Gedanken nicht laut zu äußern. Die Klassenkameraden und Schüler der anderen Klassen dachten in genau denselben Bahnen, zusammen mit den Lehrerinnen und dem Direktor, Herr Martens. Der fand sich in einem ernsten Gespräch mit Frau Klingens wieder, die dafür bekannt war, aus Mücken Elefanten zu zaubern. Thea Klingens konnte einem nur leid tun, die auch jetzt dem Gespräch mit hängenden Schultern zuschaute und sich nicht zum ersten Mal wünschte, die Mama möchte doch bitte irgendwohin verschwinden – wenn schon nicht auf den Mars oder Mond, dann doch wenigstens weg vom Schulhof!
Das Mädchen konnte sich auf ihre Klassenkameraden verlassen, die sie umringten und Kraft gaben. Die Zweitklässler hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Überhaupt hielt die ganze Schule zusammen, als sei man eine einzige Gemeinschaft. Anton war stolz wie Hulle darauf, und er wusste, dass sie auch diese Krise meistern würden.
Die Akte Beck war beileibe nicht der erste schwere Störfaktor in der Merbeckschen Grundschulharmonie! Anton wusste nicht mit Sicherheit, wie lange schon die Schließung der kleinen, feinen Schule sozusagen wie ein Damoklesschwert über der verschworenen Gemeinschaft aus Schülern und Lehrern hing. Immer wieder war davon die Rede; eine absolute Ruhe kehrte nie ein.
Die Verhaftung des netten Hausmeisters war nun ein weiteres Steinchen in der Reihe der Aufreger. Nein. Eigentlich war es kein Steinchen, sondern eine riesige Mistkugel, die gewaltig zum Himmel stank, dachte Anton, als er das Fahrrad abstellte und auf den Pulk seiner Klassenkameraden zusteuerte. Lars Bondmann war der erste, der sprach. „Ich wette, heute ist kein richtiger Unterricht! Da kann sich doch keiner richtig konzentrieren nach so einer Sache!“ „Wir werden mit Frau Gungl besprechen, was man dagegen machen kann!“, erklärte Franzi Klein, die entgegen ihrem Namen recht groß war.
„Zuerst muss man wissen, warum er verhaftet wurde!“, sagte Eva. „Was wisst ihr darüber?“ Allgemeines Schulterzucken begrüßte die Frage. Drei sprachen gleichzeitig die Worte, die so oft kindliches Lamentieren begleiteten: „Uns sagt ja keiner was!“ „Frau Gungl wird uns ja hoffentlich aufklären!“ Helge Sand war ein kleiner, dünner Junge mit kurzgeschorenen Haaren, den alle unterschätzten. Er konnte sich dank seines Karateunterrichts wehren, wenn es darauf ankam und besaß eine Kraft, die ihm keiner zutraute.
Anton war skeptisch. Sicherlich würde sich die Klassenlehrerin zu dem Vorfall äußern, das musste sie ja! Doch ob sie alles offen legen würde? Anton glaubte es nicht. Wahrscheinlich durfte sie nicht alles erzählen. Sicherlich gab es irgendwo eine Vorschrift, die ihr das verbot. So war das doch immer bei den Erwachsenen.
Er behielt Recht. Als Angelika Gungl ihre Schäfchen in die Klasse treiben wollte, die trotz des Klingelzeichens keine Anstalten machten, ins Innere zu gehen, sah sie sich mit einem wahren Bombardement von Fragen der Schüler konfrontiert. Davon beantwortete sie auf dem Schulhof keine einzige.
Im Klassenraum erfuhren die Kinder fast nichts. Angelika Gungl wies sie darauf hin, dass es eine ernste Situation sei und sie als Lehrerkollegium nicht wüssten, weshalb man den beliebten Hausmeister dingfest gemacht hätte. Die Kinder konnten noch so viel löchern, es war nicht mehr aus der Lehrerin heraus zu bekommen.
Anton, Eva und dem Rest der Klasse schmeckte das überhaupt nicht. Die Köpfe waren zu – das wusste Frau Gungl nur zu genau. Deshalb rief sie einen spontanen Projekttag aus zum Thema „Mein Leben auf der weiterführenden Schule“. Am Ende des Unterrichttages hingen ein paar nette Plakate im Klassenraum und einige markige Sprüche in der Luft.
Jetzt standen alle beieinander und beratschlagten, wie sie denn an Informationen hinsichtlich ihres Hausmeisters kommen könnten.
„Tja, da müssten wir schon nach Erkelenz fahren. Dort ist doch die nächste Polizeidienststelle.“ Gustav Spohr vergrub die Hände tief in den Manteltaschen. „Da kommen wir nie hin!“, erklärte Helge Sand missmutig. „Unsere Eltern fahren uns da nicht hin!“
„Hey, nicht so schnell! Wir dürfen den Herrn Beck nicht einfach so im Stich lassen!“, begehrte Eva Brunner auf.
„Wir lassen ihn nicht im Stich! Aber es ist, wie Helge sagt – unsere Eltern werden uns nicht da hin fahren, verstehst du?“, gab Anton zu bedenken.
„Dass wir etwas unternehmen müssen, ist euch allen doch klar!“, sagte Eva.
„Was denkst du denn!“, rief es da von allen Seiten. Mit der Resonanz hatte Eva nicht gerechnet, auch die Klassenkameraden der vierten Stufe nicht, die sich plötzlich umringt sahen vom Rest der Schule.
Es war eine seltsame Szene. Surreal, wie Herr Martens, Direktor an der Schule, sagen würde. Die Viertklässler kamen sich vor, als seien sie ausspioniert worden. Also so, als hätten sie Geheimes beraten und wären dabei belauscht worden. Obwohl es keinen Grund dazu gab, fühlten sie sich deshalb schlecht. Sie waren doch die Großen der Grundschule, wenn es jemandem zustand, etwas gegen die ungerechte Verhaftung des lieben Herrn Beck zu unternehmen, dann ihnen!
Die Schüler der anderen Klassen dachten da anders. Ein kleiner, schmächtiger Junge mit Seitenscheitel und übergroßer Brille trat aus den Reihen der kleineren Klassenstufen hervor. Alle nannten Klaas Schlüter „Adalbert“, in Anlehnung an den Streber aus der Zeichentrickserie „Der kleine Nick“, dem er zum Verwechseln ähnlich sah.
Eva hob eine Augenbraue – sicheres Zeichen, dass sein kühnes Vortreten nicht erwünscht war. Unter normalen Umständen hätte es den Jungen – so wie jeden an der Schule – eingeschüchtert. An diesem Tag war aber nichts normal und deshalb sprang der Junge über seinen Schatten.
„Mein Papa ist der Hausmeister bei der Polizei in Erkelenz“, erklärte der Zweitklässler. „Er wird mir sicher sagen, was mit dem Herrn Beck los ist.“
„So?“ Eva stellte die eine Augenbraue noch schiefer. Dem Jungen sollte klar werden, dass sie ihm nicht glaubte. Tatsächlich wich der eher schüchterne Junge zwei Schritte zurück. Eva hatte diesen Effekt, nicht nur auf kleinere Schüler, sondern auch auf ältere Personen, die trotz ihrer eigenen körperlichen Überlegenheit eingeschüchtert wurden.
„Hey, wir wollen alle genau dasselbe wir ihr! Wir wollen den lieben Herrn Beck zurück!“, ließ sich lautstark eine Stimme vernehmen. Sie gehörte Tanja Mai, einer dicklichen Erstklässlerin, die nicht auf den Mund gefallen war und gerne ihre Meinung kund tat. Wie um ihre Aussage zu bekräftigen, stieß sie mit ihrem rechten Fuß kräftig auf.
„Wie ein Sumoringer“, dachte Anton, der kurz zuvor eine Sendung über die japanischen Kämpfer gesehen hatte. Eva Brunner war beeindruckt. Das war ihr anzusehen. Anton sah es ihr jedenfalls an. Er kannte sie nun auch sehr gut. Kleine Anzeichen verrieten ihm Vieles. Ihm, wohlgemerkt. Die anderen waren dahingehend nicht so aufmerksam. Und Eva war nicht gewillt, die Beeindruckte zu spielen.
„Ein Hausmeister erfährt, glaube ich, nicht, was die Polizei mit einem bespricht“, erklärte sie. „Mein Papa versteht sich sehr gut mit den Polizisten!“, blieb der kleine Klaas fest bei seiner Meinung. „Er soll auf jeden Fall versuchen, etwas herauszufinden“, sagte Anton, ehe Eva etwas einwenden konnte.
Es war das vorläufige Ende der aufgeregten Gespräche. Die ersten Eltern standen schon am Rande des Schulhofes und riefen nach ihren Kindern. Nach und nach leerte sich der kleine Pausenhof, bis zuletzt Eva und Anton übrig blieben. Langsam, fast widerwillig gingen sie zu ihren Fahrrädern, lösten die Schlösser, stiegen aber nicht auf. Stattdessen schoben sie die Drahtesel nebeneinander her und unterhielten sich angeregt über die Sache „Beck“. Neues kam dabei nicht auf. Sie wussten nur sehr wenig, wie üblich hielten sich die Erwachsenen bedeckt, wenn es um deren Kram ging. Eva gab Anton nicht recht, der guter Dinge war, dass die Dinge anders würden. „Wenn wir nicht selbst schauen, wie wir zu Informationen kommen, werden wir für immer im Dunkeln tappen!“
Anton staunte wieder einmal über die Wortwahl der Freundin. Sie klangen nicht wie das, was eine Zehnjährige normalerweise sagte. Jedenfalls empfand er das so. Frau Gungl stand auch in regelmäßigen Abständen der Mund offen. Einmal prophezeite sie der kleinen Brunnertochter eine Karriere als Schriftstellerin. Die würden ebenfalls ausgefallene und wohlgeformte Sätze benutzen. Das müssten sie, weil ihre Schreiberei ansonsten ins Nichts wanderte und nichts einbrachte. Frau Gungls Worte waren in Anton Kopf wie in Stein eingemeißelt.
Von außen betrachtet mochte sie recht haben. Anton wurde den Verdacht nicht los, dass Evas wortgewaltigen Sätzen anderes zugrunde lag. Etwas, das sie so tief in sich vergraben hatte, dass niemand daran heran kam. Anton wusste, wovon er sprach. Er hatte schon viele Bohrversuche unternommen und war ständig kläglich gescheitert. Es waren nicht ihre frühreifen Sätze allein, weswegen er es ständig neu versuchte. Evas Verhalten in manchen Situationen war der eigentliche Grund. Die Art und Weise, wie sie andere einschüchterte, die Aggressionen, die sie nonverbal und nur mit geringen Mitteln ausstrahlte, brachten Anton zu dem Glauben, dass etwas in ihr gärte, das in höchstem Maße ungesund war.
„Hallo! Jemand zuhause?“ Anton schreckte auf und schaute blöd aus der Wäsche, weil sie schon am Haus der Freundin waren. Es war, als hätte sie ihn aus dem Schlaf gerissen. Anton war es unmöglich, gleich zu antworten. Erst musste er alles in Augenschein nehmen, die ganze Szenerie in sich aufsaugen. Er sah, dass das Familienauto nicht auf seinem Platz stand und der Garten verwildert aussah. Etwas steckte im Briefkasten und erweckte den Eindruck, dass es zu groß war, so dass es dem Postverwahrer zum Halse heraushing.
„Was ist nun? Willst du irgendwann noch den Mund auftun, oder einfach nur blöd glotzen?“ Anton schüttelte sich und grinste die Freundin etwas schief an.
„Ich sage, wir warten ab. Wenn uns morgen den ganzen Tag keiner etwas gesagt hat, dann versuchen wir, selber etwas herauszufinden.“ Evas Gesicht sah aus, als hätte sie Kiloweise Sauerampfer gegessen.
„Warten!“ Sie spie das Wort beinahe aus. „Das ist doch Zeitverschwendung! Ich sage es dir, die Erwachsenen werden uns nichts sagen! Darauf verwette ich mein Zimmer!“
„Lieber nicht! Das brauchst du doch noch!“ Anton sah gleich, dass sein Versuch, Stimmung in alles einzubringen, nicht funktionierte. „Du musst keine Angst um mein Zimmer haben, Anton. Du wirst sehen, dass ich recht behalten werde!“
Anton nickte nur und verabschiedete sich dann. Auf halber Strecke hielt ihn Bauer Maiwald an. Der Junge wusste schon, ehe der Bauer den Mund auftat, dass sich die Neuigkeit herumgesprochen hatte. Auf dem Lande, wo kriminelle Schlagzeilen fast vollkommen fremd waren, sprach sich eine Verhaftung blitzschnell herum.
„Sag´ mal, Anton – was ist denn mit eurem Hausmeister?“ Anton zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Hat man uns nicht gesagt.“ Der Bauer kratzte sich am Kinn. „Ja, ja, das glaub´ ich gleich! Da müssen sich die Behörden schon eine gute Geschichte einfallen lassen. Einen wie den Wilfried verhaften! Der kann nun wirklich keiner Fliege etwas zuleide tun!“
„Ist sicherlich nur ein Missverständnis“, rief die Bäuerin aus dem Hintergrund. „Schön wär´s!“, rief der Bauer zurück.
„Ich muss weiter. Wenn ich etwas weiß, sag ich Ihnen das dann.“
„Gut.“ Bauer Maiwald schlug dem Jungen freundschaftlich auf die Schultern und drehte sich dann zum Haus um. Dort stand seine Frau mit der Deichsel des Mistwagens in der Hand. Die Felder wollten gedüngt werden.
Anton brauchte fünf Minuten, bis er daheim war. Dort fand er sich alleine wieder. Die älteren Schwestern hatten an diesem Tag lange Schule, die Mama schuftete in ihrem alten Job als Bürofachkraft, den sie glücklicherweise in der Firma erhalten hatte, in der sie gelernt hatte. Sie hatte die Stelle für die Kinder aufgegeben, jetzt war sie heilfroh, dass sie sie dank des alten Arbeitgebers versorgen konnte.
Und dann war da noch die nette Nachbarin, die gut und gerne kochte. Vera Kruse half der Familie, wo sie konnte. Sie tat es gerne, gerade auch deshalb, weil sie selbst seit zwei Jahren vereinsamt war. Der Mann, zwei Jahre zuvor verstorben, die Kinder, Maximilian und Gudrun, in alle Welt zerstreut.
Sie begrüßte den Jungen an der Tür, aus der es verführerisch nach Kartoffelgratin roch.
„Hallo Anton. Kommst gerade rechtzeitig. Das Gericht ist im Moment fertig geworden.“ Anton lächelte sie dankbar an. Er hatte einen Bärenhunger. Und er freute sich darüber, dass sie ihn nicht mit neugierigen Fragen bombardierte. Sicherlich hatte sie auch schon von der Verhaftung gehört. Doch sie dachte nicht daran, ihn damit belästigen zu wollen. Darum mochte er sie auch so. Sie verstand, dass er nichts zu der Verhaftung sagen konnte, weil die Polizei in solchen Angelegenheiten keine näheren Angaben machte.
Anton merkte nicht, dass er seiner Freundin Eva darin recht gab, dass Warten überflüssig sei. Dennoch hielt er sich an die eigene Zeitvorgabe, in der Hoffnung, dass die Lehrer am nächsten Tag mehr preisgeben würden. Wenn nicht sie – dann vielleicht der geliebte Vater im Traum. So oder so – sie würden der Sache auf die Schliche kommen.
Wenn nichts Konkretes auf dem Tisch liegt, fliegen Gerüchte wie die Funken eines Lagerfeuers. Das lernten die Kinder der Grundschule Merbeck nur zu gründlich. Aus allen Ecken und Enden kamen wilde Theorien angeflogen, manche so lächerlich, dass selbst die Erstklässler darüber lachten. Von illegalen Hahnenkämpfen war die Rede, die Wilfried Beck veranstaltet hätte. Den Schauplatz des Verbrechens blieben die Gerüchteschleuderer schuldig. Der feine Hausmeister hätte auf einer riesigen Plantage Marihuana angebaut und halb Deutschland damit versorgt. Wo die mysteriöse Plantage liegen sollte, wusste man nicht zu sagen. Seniore Beck sei der Kopf einer Bande, die Naziraubgut vertickt hätte, auf der ganzen Welt sei er bekannt und gesucht und nun endlich dingfest gemacht.
Klaas Schlüter konnte nichts zur Bekämpfung der Gerüchte beitragen. Nichts drang von dem nach außen, was Wilfried Beck vorgeworfen wurde – Papa Schlüter spitzte die Ohren vergeblich wie ein Luchs. Auf Nachfragen ließ man ihn auflaufen. Das war er von den Polizisten nicht gewöhnt, die doch wussten, dass er kein Schwätzer war. Also reimte er sich zusammen, dass es etwas sehr Ernsthaftes sein musste, das dem Hausmeister vorgeworfen wurde – was nicht im Sinne der Kinder und des Lehrerkollegiums war.
„Hab´ ich es dir doch gleich gesagt!“ Eva rieb es Klaas unermüdlich ein, dass sie ihm vorhergesagt hatte, dass es so kommen würde. Sie brachte es andauernd aufs Tablett, so dass der Zweitklässler immer kleiner wurde. Den anderen tat der Junge unendlich leid. Sie wagten es aber nicht, Eva zurechtzuweisen. Das blieb Anton überlassen. Auf ihr ständiges Meckern antwortete er barsch: „Er hat es versucht. Und denk dran – er ist auf unserer Seite! Kein Grund, ihn dauernd zu nerven!“
Anton wusste nicht, dass ihn die anderen für die Eigenschaft bewunderten, Eva in die Schranken weisen zu können. Er empfand es nicht so, dass sie sich wirklich von ihm zurechtweisen ließe. Für ihn war Eva ein wildes Mysterium, das sich nicht zurechtbiegen ließ. Sie hörte nur dann auf jemanden, wenn sie sich selbst dazu entschied. Tat sie das nicht, konnte sich der andere noch so sehr ins Zeug legen, es war alles für die Katz.
Jetzt konnte er sie stoppen. Sie ließ ihre Aufzieherei sein, so wie sie in der Vergangenheit meistens aufgehört hatte, nachdem Anton ein Machtwort gesprochen hatte. Sie behielt dahingehend recht, dass es von Seiten der Schule keine Neuigkeiten gab. Zumindest nicht für die Kinder. Frau Gungl beteuerte zwar, dass auch sie im Dunkeln tappe, Eva und ein paar andere nahmen es ihr jedoch nicht ab.
Herr Martens ließ sich den ganzen Tag nicht an der Schule blicken. Er wusste nur zu genau, dass man ihn dauerhaft belagern würde, weil er als Direktor über die Anschuldigungen, die man Herrn Beck machte, Bescheid wusste.
Eva berief eine Sitzung aller Schüler ein. Niemand sollte ausgeschlossen sein und als kleine Schule sollten alle zusammenhalten, gerade in einem schweren Fall wie diesem. Die OGS Kinder waren sowieso da, die Aufpasser in Personen von Frau Kindler und Frau Naumann ließen sie gewähren und verschoben das Mittagessen nach hinten.
Einige gingen dennoch. Manche wurden von ihren Müttern nach Hause gedrängt, andere dachten nicht daran, an der spontanen Sitzung teilzunehmen.
„Verräter!“, spie ihnen Franzi Klein hinterher.
„Lass´ sie“, mahnte Anton, „wir werden sie überzeugen. Morgen, übermorgen, nächste Woche. Egal wann. Wir werden sie auf unsere Seite ziehen.“
„Was macht dich da so sicher?“ Tanja Mai stellte die Frage, die alle bewegte. Anton zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es einfach“, erklärte er. Die anderen würden nicht verstehen können, dass ihm Papa Gerhard prophezeit hatte, dass die gesamte Schule geschlossen beieinander stehen und so das Unheil abwenden würde. Anton fragte sich immer noch, was denn das Unheil sei, aber das war erst einmal sekundär. Die Hauptsache war, dass sie herausfanden, was dem guten Herrn Beck vorgeworfen wurde, um dementsprechend reagieren zu können. Wie sie das bewerkstelligen sollten, war die große Frage, die sich stellte.
Pia Huthmacher hatte wieder einmal einen besonderen Vorschlag. „Wir fahren alle mit dem Fahrrad zur Polizei und sagen laut, was wir wollen. Dann werden sie schon hören.“
Einige lachten, andere zogen Grimassen hinter ihrem Rücken. Anton lachte nicht, aus Höflichkeit und Anerkennung. Pias Vorschlag mochte naiv sein, aber sie hatte versucht, zur Lösung des Problems beizutragen. Eva lachte ebenfalls nicht, aus einem anderen Grund.
„Das ist gut, Pia!“, erklärte sie und stoppte das Lachen und Grimassen schneiden. Die Kinder starrten sie mit offenen Mündern an.
„Die Erwachsenen werden staunen und die Polizisten auch. Was denkt ihr, wie die gucken, wenn wir angerückt kommen und nach unserem Hausmeister fragen? Die rechnen nicht damit, dass Kinder so was machen. Und sie rechnen nicht damit, dass wir sie so lange nerven werden, bis sie uns sagen, warum sie den armen Herrn Beck weggeführt haben wie einen doofen Verbrecher!“
Für einige Augenblicke herrschte Stille auf dem Schulhof. Es arbeitete in den Köpfen der Kinder. Mit dem Fahrrad nach Erkelenz? Das war etwas völlig Neues, also nicht der Trip an sich.
Den hatte der eine oder andere zusammen mit den Eltern schon unternommen. Aber als Gruppe, nur die Kinder unter sich, das war nie zuvor da gewesen. Das hatte was, das wäre eine Aktion! So dachten die einen. Der andere, weitaus größere Teil, blieb realistisch. Deren Sprachrohr war Gustav Spohr.
„Die Erwachsenen werden uns das nicht erlauben. Nicht ohne Begleitung, jedenfalls. Und wahrscheinlich werden sie es den jüngeren Kindern gleich ganz verbieten. Die hatten noch kein Verkehrssicherheitstraining.“
„Und die Polizei wird sich nicht beeindrucken lassen“, fügte Anton, sehr zum Unwillen von Eva, hinzu. Der traten dicke Runzeln auf die Stirn, die den Grad ihrer Verärgerung verrieten. „Ach Papperlapapp!“, rief sie. „Die Erwachsenen! Freuen die sich nicht, wenn wir uns draußen aufhalten und spielen? Die wollen doch nicht, dass wir drinnen verfaulen! Was ist nur los mit euch? Gebt doch nicht so einfach auf!“
Es war wieder einer dieser Momente, die Anton zu dem Gedanken brachte, dass Evas Eifer weit über das Normalmaß hinausging. „Warum bist du so?“ Mit jedem Mal wollte er sie dringender fragen, was sie denn so antrieb. Mit Neugierde hatte das nichts zu tun, sondern mit einer Sorge, die stetig größer wurde. Im gleichen Maße, wie die Sorge wuchs, wuchs auch das Verlangen, hinter Evas Geheimnis zu kommen.
Erst recht nach den Worten, die sie der Ansprache folgen ließ. „In wie vielen Kinderbüchern habt ihr gelesen, dass die Kinder – egal, wie alt sie auch sind – immer etwas Außergewöhnliches unternommen haben, um einen Fall zu lösen? Da werden die Erwachsenen einfach umgangen, weil die der Falllösung nur im Weg stehen, weil sie mit ihren dusseligen Erwachsenenköpfen nicht verstehen, was es braucht, um einen Fall zu lösen! Genau das müssen wir auch machen, sonst wird das nie was mit der Rettung von Herrn Beck!“
Einige Kinder sperrten die Münder auf, um ihren Widerspruch anzubringen, doch da drang ein Husten durch die Luft und unterbrach die Diskussion. Die Kinder standen wir erstarrt, beim Anblick des Neuankömmlings, dessen Augen zwar immer noch den Humor verrieten, der dem Mann zu eigen war, was aber nicht über den Ernst, der ihn nun umklammert hielt, hinwegtäuschen konnte.
„Es ist toll, dass ihr mich retten wollt, Kinder. Doch das ist nicht nötig. Wie ihr seht, bin ich zurück. Kein Grund, mit dem Fahrrad nach Erkelenz zu fahren.“
Mit den Worten stapfte er davon, hin zu seiner Frau, die am Eingang des kleinen Häuschens auf ihn wartete. Zurück blieben sprachlose Kinder, die sich erst nach vielen Minuten voneinander trennen konnten.
Anton und Eva verließen als Letzte den Schulhof. Eva sprach kein Wort, und ihre zusammengekniffenen Lippen verrieten, dass sie Anton nichts erklären würde. Wenn sie diesen Blick an den Tag legte, war sie wütend. Anton wusste nicht, weshalb und auf wen. Der nette Hausmeister war zurück, sie hatten ihr Ziel erreicht – auch ohne Trip zur Polizei. Da gab es doch keinen Grund, wütend zu sein?
Sie würdigte ihn keines Blickes, als sie zu ihrem Grundstück abbog und verabschiedete sich auch nicht. Anton wurde das Gefühl nicht los, dass sie auch auf ihn wütend war. Vielleicht nur zu einem kleinen Teil, aber dennoch.
Auf halbem Weg hielt ihn erneut Bauer Maiwald an.
„Hab´ ich das richtig gehört – ist der Wilfried wieder da?“
„Ja. Gerade kam er zurück.“
Der Bauer nickte. „Das ist gut. Sehr gut. War ja aber auch so was von absurd, ausgerechnet den Wilfried festzunehmen. Aus Gründen, die einem keiner verrät. Weil wahrscheinlich die Polizei und der Staatsanwalt dazu rote Ohren bekommen, weil alles so lächerlich ist.“
„Ja.“ Anton nickte freundlich und fuhr weiter. Zuhause dann die Überraschung. Anstelle von Vera Kruse stand Lisa, Antons älteste Schwester, in der Tür des Hauses, aus dem der köstliche Geruch von Pizza kroch.
„Was is´n los?“
„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Brüderchen.“ Lisa grinste über alle vier Backen. „Du kannst dich gleich an den Tisch setzen. Die Pizza ist gerade fertig geworden.“
Anton fiel über sein Stück her, als hätte er seit Wochen nichts gegessen. Lisa grinste nur und aß bedächtig ihren Teil der Pizza. Irgendwann sagte sie, beiläufig, als sei es nichts: „Du wolltest wissen, warum ich schon hier bin. Nun, ich glaube, das habe ich dem werten Herrn Beck zu verdanken.“
Anton war froh, dass er seine Pizza auf hatte. Hätte Lisa so etwas gesagt, während er noch beim Schlingen war ... gut möglich, dass er Teile in alle Winde zerstreut hätte.
„Du hast richtig gehört, Brüderchen. Offiziell wurde uns nichts gesagt. Nur, dass mein Lehrer einen dringenden Termin hätte, der sich nicht verschieben ließe. Ergo hatten wir früher Schulschluss. Man hörte jedoch an manchen Ecken des Maximilian Kolbe Gymnasiums, dass er zu einer Ratssitzung einberufen wurde. Wegen der Sache mit Herrn Beck.“
„Das geht ja rasend schnell!“
Lisa nickte. „Finde ich auch.“
„Und es bedeutet nichts Gutes!“
„Das fürchte ich auch.“ Wären die Umstände nicht so furchtbar gewesen, die beiden hätten sich herzhaft amüsiert. Sie waren kaum einmal einer Meinung. Mama Gudrun hätte es erfreut zur Kenntnis genommen. Aber die schuftete im Büro, um die Familie über Wasser zu halten. Eine Weile saßen beide stumm beieinander; nur das Geräusch von kauenden Zähnen unterbrach die Stille. Das ging so, bis Anton sprach.
„Das geht doch viel zu schnell, oder?“ Lisas krause Stirn verriet, dass sie angestrengt nachdachte. „Vielleicht. Ich hab´ keine Ahnung, was er angestellt hat und ob die bei der Stadt dann immer so schnell sind.“
„Was er angestellt haben soll!“, korrigierte Anton.
„Hm, ja. Was er angestellt haben soll. Trotzdem weiß ich nicht, ob das unnatürlich ist, wie schnell die vorgehen.“
„Ich weiß es auch nicht. In dem Fall verlasse ich mich auf mein Gefühl. Und das sagt mir, dass alles zu schnell geht.“
„Und, weiter?“
„Die werden ihn womöglich rausschmeißen!“
„Quatsch! So lange, wie der Herr Beck schon Hausmeister ist! Das wäre ja noch schöner!“
„Stimmt. Hm. Wir müssen unbedingt herausfinden, was ihm vorgeworfen wird. Und ob das jetzt aus der Welt ist.“
„Tja. Dann musst du ihn danach fragen.“
„Das werde ich.“
Anton dachte noch Stunden später an das Versprechen. Er war sich schon Minuten danach nicht mehr sicher gewesen, ob es Sinn machte, Herrn Beck direkt zu befragen. Eva, die er gleich nach dem Essen angerufen hatte, war aus allen Wolken gefallen und hatte selbstredend dazu gedrängt, den Hausmeister wegen der Festnahme zu befragen. Es würde sicherlich helfen, wenn er sich dazu bereit erklärte. Und sei es nur, um die doofen Gerüchte endlich aus der Welt zu schaffen, die Merbeck überschwemmten und dabei geradezu ertränkten.
