Hexenweiber - Peter Albra Brenner - E-Book

Hexenweiber E-Book

Peter Albra Brenner

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Beschreibung

Hexenweiber Freiwild- Der Anfang der Wehen ist Band 1 einer Saga. Im Brüllenden Stier ist die Welt in bester Ordnung. Hier ist Mann noch Mann und die Verrücktheiten der gegenwärtigen Zeit bleiben draußen. Die Ordnung hat bis zum jüngsten Tag Bestand und nichts kann etwas daran ändern. Das denken die Brüder des Stammtisches, geben sich dem Biertrinken und dem Gerede echter Kerle hin. Aber dann verschwindet einer der Stammtischbrüder und es geschehen andere seltsame Dinge. Allmählich schwant den Genossen, dass sich etwas zusammenbraut. Es ist ein Sturm, so heftig, so gewaltig, dass sie nichts gegen ihn auszurichten vermögen. Er bricht mit einer Urgewalt über sie herein und reißt alle Gewissheiten mit sich fort und lässt die Brüder ratlos zurück. Wie sollen sie dieser neuen Situation begegnen?

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Im Althellenischen steht das Wort „Nymphe“ für Frau und Rose. Ein jeder weiß, dass Rosen mitunter gewaltige Stacheln haben ...

Alle Namen in diesem Buch sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit Namen lebender oder verstorbener Personen sind dem Zufall geschuldet.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Der Müller

Kapitel 2 Eduard Banzhaff macht sich Sorgen

Kapitel 3 Freakshow

Kapitel 4 Die Badeanstalt

Kapitel 5 Der Zaun

Kapitel 6 Manfred Kusch ereifert sich

Kapitel 7 Steilhänge (ein Intermezzo)

Kapitel 8 Ein weiterer Bruder verschwindet

Kapitel 9 Die Welt gerät langsam aus den Fugen

Kapitel 10 Das Maß ist überschritten

Kapitel 11 Segen der Vernetzung

Kapitel 12 Der Anfang der Wehen

Kapitel 13 Die Flut

Und so geht es weiter

Anmerkungen des Autors

DER MÜLLER

„Ich sag‘s Euch, sie sind wieder auf dem Vormarsch und da gibt es kein Vertun!“

Alle starrten den Alfred Rossenegger an, als hätte der den größten Blödsinn von sich gegeben. Wieder einmal. Eigentlich kannten sie das von ihm, keiner am Stammtisch verbreitete mehr Unsinn als er. Zumindest dachten das die anderen Stammtischbrüder. Und doch wunderten sie sich über die Mühelosigkeit, mit der er sich selbst im Dahersagen von Unsinnigkeiten überbot. Gerade waren sie noch davon ausgegangen, dass es nicht mehr möglich sei, da überzeugte er sie vom Gegenteil. Eduard Banzhaff, der nicht nur direkt neben Rossenegger wohnte, sondern auch sein engster Freund war, malte sich in Gedanken aus, wie die Dummheiten seines Nachbarn Löcher in die Erde bohrten, die endlos tief sogar bis nach China reichten. Ihm blieb es wie immer vorbehalten, die obligatorische Nachfrage zu stellen, weil sich der Rossenegger meistens mit seiner Aussage begnügte, anstatt sie zu erläutern. Banzhaff hatte auch schon einen Verdacht bezüglich der Quelle, die seinen Freund zu der Tätlichkeit, die seine Aussage zweifelsohne war, ermutigt hatte.

„Von wem hast du das? Vom Müller vielleicht?“

„Ja, der hat sie gesehen. Geschrieen haben sie wie am Spieß! Kinderwagen sind umgefallen, Mütter schreiend davon gerannt, damit ihren Kleinen nichts geschieht. Diese Weiber sind die Pest, sage ich Euch! Schmieren sich irgendwas auf ihre nackten Leiber, schwenken ihren Busen ...“

Rossenegger wusste noch mehr von dem zu berichten, was der Müller ihm gesagt hatte. Doch die anderen hörten schon gar nicht mehr richtig zu. Der Name „Müller“ bewirkte, dass sie die Schotten dicht machten. Denn der Müller wusste noch mehr Unsinn als der Rossenegger, oder, anders gesagt, der ganze Müll, den Letzterer verbreitete, kam vom feinen Herrn Müller. „Wenn das Synonym für Abfall schon in einem Namen steckt, kannst du doch nichts erwarten!“ Karl Braungart lachte auch nach dem tausendsten Mal über seine kreative Assoziation, genauso wie sein Busenfreund Siegfried „Diego“ Ruopp.

„Die Weiber“, intervenierte Bernhard „Bernie“ Kugel, weil er das Gelaber des Rosseneggers am wenigsten aushielt von allen, „die da mitmachen, sind doch alle potthässlich! Frisuren wie schimmelige Kakteen, fette Bäuche, Gesichter, dass du schreiend davon rennst! Die kannst du nicht ernst nehmen, die sind doch nur auf Rache aus, weil die kein Mann freiwillig zweimal anschaut!“

Das war alles, was sie dazu sagten. Danach widmeten sie sich einem anderen Thema, das sich an Belanglosigkeit nicht überbieten ließ.

Rossenegger sagte nichts mehr. Das Gespräch war ihm aus den Händen genommen worden, wie üblich. Die Fäuste in Gedanken gen Himmel gereckt in einer Art wütendem Hilfeschrei, fragte er sich, warum er nicht einmal die Zügel in den Händen behielt, wo er doch das Thema auf den Tisch gebracht hatte.

Vorher, ja vorher war es wieder einmal um das Übliche gegangen. Fußball, unfähige Politiker, Luder, die die Gegend unsicher machten und um allgemeinen, das Dorf selbst betreffenden Tratsch, mit dem absoluten Kracher, der da hieß „Diedrich Wolleweins merkwürdige Art der Urlaubsgestaltung“. Sie hatten sich herzhaft darüber amüsiert, dann waren sie aber da gesessen, seine feinen Kameraden, ohne Gesprächsstoff, und er musste sie vor dem allerletzten Mittel zur Vermeidung einer öden Stille bewahren. Er allein! Von den anderen wäre niemand auf die Idee gekommen, den wiederaufflammenden Feminismus aufs Tablett zu bringen. Aber er! Denn er war der Mutige, der sich nicht scheute, auch unbequeme Themen anzuschneiden.

Gedankt hatte ihm das nie jemand; er ertrug diesen Zustand wie üblich heldenhaft, wenn auch nur für die nächsten zwanzig Minuten. Dann nahm er seinen Abschied vom Stammtisch. Es war immer das selbe Ritual. Banzhaff und die anderen taten so, als sei er nicht der Außenseiter in ihrer Runde und als sei er viel zu früh dran. In Wahrheit aber würden sie sich nun die Mäuler über ihn zerreißen und Anekdoten von sich geben, die immer nur mit einer sehr geringen Dosis Wahrheit versehen waren. Rossenegger wusste Bescheid, denn Rosie, die Bedienung, ließ ihn nicht im Dunkeln darüber. „Irgendwann“, dachte er, „werde ich es euch heimzahlen. Wartet nur ab, ihr kleingeistigen Schwätzer!“

Als er das Wirthaus verließ, fiel sein Blick auf die hübsche junge Frau, die am Tisch direkt bei der Türe saß. Ihr Lächeln, mit dem sie ihn bedachte, verfolgte ihn noch weit in die Dunkelheit hinaus. In seiner Phantasie sprach sie zu ihm, lud ihn zu einem Schäferstündchen ein, machte ihn heiß und hielt ihr Versprechen, ihn zur Ekstase bringen zu wollen.

Wer war sie? Eine Fremde, so viel stand fest. Eine Fremde, die es aus irgendeinem Grund an seinen Heimatort verschlagen hatte, der mit dem Attribut „Attraktiv“ überhaupt nichts zu tun hatte. Das war schon ungewöhnlich genug. Aber dass sie sich auch noch ins Gasthaus „Zum brüllenden Stier“ verirrt hatte, schlug dem Fass den Boden aus. „Na, da wirst du nicht lange ausharren, junges Fräulein!“, sagte er laut vor sich hin. „Mit all den Spinnern und Schwätzern wirst du deine wahre Freude haben!“

Rossenegger hatte keine Angst, diese Dinge laut auszusprechen. Auf dem Waldweg hörte ihn garantiert niemand, außer dem Wild, und dem war es herzlich egal, was er für Weisheiten von sich gab. Sobald er das Wirtshaus weit hinter sich gelassen hatte, sprach er immer laut mit sich selbst. Es war ein Ritual, das zu seinem Stammtischbesuch dazu gehörte, wie das Sitzen mit seinen Kameraden. Alles war wie immer.

Es dauerte, bis Rossenegger verstand, dass in dieser Nacht etwas außer der Reihe war.

Es gab einen Zuhörer. Der Teufel allein wusste, wie lange der ihm schon gefolgt war, ehe ihn das Geräusch seiner Fußtritte dahingegeben hatte. Rossenegger hatte sich nie in der Dunkelheit gefürchtet. Natürlich hörte man ständig etwas aus dem nächtlichen Wald. Knackende Äste, die Stimmen der nachtaktiven Tiere, Rascheln im Laub. Und immer drang das klagende „I-Ah“ der Eselin der alten Witwe Scheibenreich durch die verdunkelte Welt. In der Nacht hörte man alles so unendlich viel besser als am Tage, denn wenn die meisten lärmenden Maschinen ruhten, wurde es so still, dass auch sehr leise Geräusche hörbar wurden. Manchmal konnte man schon auf den Gedanken kommen, dass man umzingelt sei von Wesen, die an die Nacht angepasst und dadurch klar im Vorteil waren. Rossenegger verstand aber Bands wie Iron Maiden oder Within Temptation nicht, die von ihrer „Fear of the Dark“ sangen. Als könne man des Nachts aus Angst die eigenen vier Wände nicht verlassen, oder müsse zumindest für Begleitung sorgen, weil immer irgendetwas in der Dunkelheit lauere. Pfff, schön blöd, wer so dachte! Man verpasste nicht nur die besondere Stimmung, die der Wald in den Nachtstunden verbreitete, sondern auch das Schauspiel des Himmels, das sich nur dann bot, wenn die Sonne ihr Licht auf der anderen Seite der Erdkugel spendete und so den Blick auf die Unendlichkeit des Universums frei gab.

Manchmal, wenn er besonders schlecht auf seine Stammtischbrüder zu sprechen war, sah er sie im Geiste in einem schlampig zusammengeschusterten Raumschiff auf einen besonders öden Planeten zurasen, auf dem sie dann ihr jämmerliches Dasein bis ans Ende ihrer Tage verbrachten.

Trotz alledem schlug sein Herz etwas schneller. Nur kurz, wenige Sekunden lang, aber dennoch.

„Bist du das, Eduard? Wie kommt´s, dass du heute schon so zeitig Schluss machst?“

Die Stille, die seine Anrede begrüßte, brachte ihn zu dem Schluss, dass er sich getäuscht hatte. Also ging er mit der Frage weiter, warum die Schritte so real gewirkt hatten. „Hast wohl ein, zwei Biere zuviel getrunken, alter Halunke!“ Es war der Schlussstrich unter der Episode und er ging frohen Herzens weiter, denn nun stand alles wieder auf normal.

Aber dann sprach sie auf einmal und sein Herz ließ einen Takt aus. Und dieser eine Takt schien ewig anzudauern. Alles lag darin. Dickinsons Stimme, die laut die „Fear of the Dark“ sang, nur, dass Rossenegger ihn dieses eine Mal verstand, das Kindheitstrauma, das er längst abgeschüttelt glaubte, das darin bestand, dass er als kleiner Junge Zeuge einer abartig hässlichen Version des Märchens Rotkäppchen geworden war, und schließlich die Episode mit dem wilden Hund, der ihn als Jugendlichen durch den nächtlichen Wald gejagt hatte und dem er nur knapp entkommen war.

„Da bin ich ja richtig froh, mich nicht getäuscht zu haben!“, sagte sie. „Ich meine, klar, ich hab‘s dir zwar gleich angesehen und ich habe eine wirklich gute Menschenkenntnis, aber ein kleines Restrisiko bleibt immer, nicht wahr?“

Dem Rossenegger wurde es ganz schwummrig im Kopf, als hätte er wirklich zu viel Alkohol zu sich genommen. Tatsächlich aber lag es daran, dass er sich plötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert sah, dass eine seiner Phantasien Wirklichkeit werden könnte. Denn die der Stimme zugehörige Frau war die, die ihm beim Verlassen des Gasthauses zugelächelt hatte. „Du bist ein alter Narr!“, schalt er sich, weil so ein hübsches Ding nie im Leben etwas mit ihm anfangen würde. Nicht, wenn es nach den normalen Regeln der Welt ging!

„Die können ganz schön gemein sein, deine Kumpels!“, erklärte sie, scheinbar völlig ungestört von seiner ausbleibenden Antwort.

Rossenegger wollte etwas sagen, doch sowohl der Denk- als auch der Sprechapparat schienen temporär in Streik getreten zu sein.

„Warum gibst du dich mit denen ab? Ich meine, hey, endlich bringt mal einer ein spannendes Thema auf den Tisch- zack!- wischen sie es weg, als sei es nur Fliegendreck! Das hast du doch nicht verdient! Du nicht und dieser Müller auch nicht.“

„F-finde ich a-auch“. Rossenegger ärgerte sich einen Wolf, weil er dastand wie ein Depp. Sie musste ihn zwangsläufig dafür halten, weil er sich wie einer verhielt.

„Wenn dem so ist, solltest du dich nicht länger mit ihnen abgeben. Meiner Meinung nach jedenfalls.“

Diese Aussage provozierte zwei Antworten zugleich. „Das habe ich auch schon gedacht. Immer mal wieder jedenfalls!“ Und „Ich kenn‘ die alle seit dem Sandkasten. Sie mögen sich nicht immer fair verhalten, aber es sind eben langjährige Kumpel.“

Beide brachte er nicht auf den Tisch. Denn noch während sie sich ihren Weg durch sein Gehirn bahnten, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn mit sich. Rossenegger ließ es geschehen, denn er war nichts als ein willenloses Spielzeug. „Du kennst sie überhaupt nicht!“, dachte er. Es war der einzige, kaum nennenswerte Widerstand gegen seine „Entführung“. Ganz wohl war ihm nicht, als sie ihn fort führte vom Waldweg und er das Rascheln des Laubes und das Knacken von Ästen unter seinen Füßen vernahm.

„Hüte dich vor manchem Weibsvolk!“, hörte er im Geiste die mahnende Stimme seiner Großmutter. „Nimm dich vor allem vor denen in Acht, die dir schöne Augen machen, hörst du! Die wollen nichts anderes als deine Gutmütigkeit ausnutzen. Denk‘ nur immer daran, dass du ein rechter Einfaltspinsel bist! Lieber bleibst dein Lebtag ledig, als dass du solchem Weibsvolk hinterher rennst! Dann lebst du lange und das auch noch glücklich!“

Die Oma! Gott hab sie selig! Sie wusste so manchen Rat und meistens war er nicht schlecht gefahren, wenn er darauf gehört hatte. Der eine oder andere Rat war allerdings schon ziemlich altbacken, die Welt hielt schließlich nicht inne, die Zeit erst recht nicht und so hatte manches von dem, was sie ihm mit auf den Weg gegeben hatte, seine Berechtigung in den alten Zeiten, nicht aber in der modernen Welt.

Das gedacht, ließ er sich einfach mitschleifen, vollkommen glücklich für den Moment und so zufrieden, wie ein Mann nur sein konnte. Der einzige Wermutstropfen war der, dass ihn die anderen jetzt nicht sahen. Die würden Augen machen und für die nächsten Wochen das Lästern vollkommen vergessen. Womöglich würden sie sogar ihre eigenen Ärsche auffressen vor lauter Neid. In Gedanken sah er ihnen dabei zu und reichte dem einen oder anderen das Gefäß mit Salz, damit die eigenen vier Buchstaben nicht so öde schmeckten.

Und Rossenegger kicherte wie ein kleines Schulmädchen, das mit etwas Anzüglichem in Berührung gekommen war.

Ja, er war guter Dinge und aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem wahren Höhepunkt unterwegs. Von denen gab‘s erbärmlich wenige in seinem Leben. Um so mehr genoss er die Aussicht auf eine Anekdote, die die Anderen bei ihrem Leben nicht toppen konnten. Die Anderen, die jetzt noch da saßen und die Bäuche mit Bier füllten, bis auch der letzte Verstand flöten ging.

Rossenegger konnte den nächsten Stammtisch nicht abwarten. Natürlich freute er sich auch auf das unmittelbar Kommende, doch das wahre Gute daran war, dass er den anderen die Mäuler mit dem Erlebten stopfen konnte. „Ihr erinnert Euch vielleicht noch an das junge hübsche Ding, das neulich im „Stier“ saß? Nun gut, ich hatte SEX mit ihr. Schaut nicht so ungläubig drein, hier der Beweis.“ Sie alle starren wie gebannt auf das Höschen der adretten jungen Dame. Natürlich glauben sie ihm kein Wort und fordern weitere Beweise. Rossenegger produziert Fotos, legt sie ihnen Stück für Stück vor, sie auf ihm, er auf ihr, er hinter ihr, sie voller Ekstase. Wie die Kamele starren die Deppen auf die bildlichen Beweise, ihre Farbe wechselt von Rot zu Weiß und dann zu Grün - die Farbe puren Neids.

Irgendwann unterbrach ein Gedanke das wohlige Gefühl, das ihn vollkommen umfangen hatte. „Woher kennt die sich eigentlich so gut in unserem Wald aus?“

Sie war eine Fremde, jedenfalls hatte er sie vorher niemals zu Gesicht bekommen. Sie gebar sich aber wie jemand, der sich bestens in den Gefilden auskannte. Ihre Schritte, ihr Griff, mit dem sie ihn festhielt ließen vermuten, dass sie keine Zweifel kannte. „Die ist mir haushoch überlegen!“, dachte er noch, als er sich plötzlich der Veränderung bewusst wurde und sich ernsthaft die Frage stellte, ob es an diesem Abend nicht vielleicht doch ausnahmsweise mal besser gewesen wäre, auf seinen Freund und Nachbarn Eduard Banzhaff zu warten. Und ob die Oma nicht vielleicht doch immer Recht hatte mit ihren mahnenden Warnungen. Und überhaupt glaubte er nicht mehr daran, dass er seine Anekdote im „Stier“ zum Besten geben würde. Genau genommen glaubte er im Moment gar nichts mehr und fragte sich, ob die „Furcht vor der Dunkelheit“, von Maiden und Temptation propagiert, nicht vielleicht doch ganz gesund sei, weil sie das Leben des Fürchtenden eventuell verlängern half.

Eigentlich wollte er sich einen Narren schelten. Doch der Kloß in seinem Hals versperrte alles – erst recht, als sie endlich anhielt und ihn im fahlen Mondlicht anlächelte.

EDUARD BANZHAFF MACHT SICH SORGEN

Eduard Banzhaff war ein ganz normaler Mensch, der sich nicht mehr und auch nicht weniger Sorgen machte als andere. Er ging seiner Arbeit nach, tat was am Haus, mähte den Rasen, sah nach den Tieren, der Frau, den Kindern. Sechs Abende der Woche widmete er ihnen und dem, was sein Eigen war.

Ein Abend jedoch, der gehörte ihm. Ihm und seinen Stammtischbrüdern. Und die einzige Frau, die sie in ihrer Nähe duldeten, war Rosie, weil die ihnen die Getränke und die obligatorische Schlachtplatte brachte und sich gleich wieder verzog.

Krankheit, Urlaub und Geburtstage, die unbequemerweise dazwischenfunkten. Nur diese drei Elemente unterbrachen die wunderbare Routine. Den Urlaub legten sie alle so, dass er mit der dreiwöchigen Ferienschließung des Stiers zusammenfiel, Geburtstage ließen sich auch abkürzen und krank war man, wenn der Sensenmann schon einen Fuß ins Zimmer gestellt hatte.

Es war lange her, dass einer der Brüder ein Treffen versäumt hatte. Der vom Gerüst gefallene Bernhard Kugel, genannt Bernie, war der Unglücksrabe, der auf dem OP-Tisch gelegen hatte, während seine Kumpels auf ihn getrunken hatten. Die Woche danach war er dann wieder da gesessen, die komplette linke Schulter in Gips und seiner Frau hinterher winkend, die ihn kopfschüttelnd abgesetzt hatte.

Nun saßen sie wieder einträchtig beieinander - minus Alfred Rossenegger, der durch seine Abwesenheit glänzte.

Eduard Banzhaff fand sich in der Rolle desjenigen wieder, der als Nachbar und bester Freund Auskunft über den Verbleib des Stammtischbruders geben sollte.

Aber er musste passen. Und das fuchste ihn ganz gewaltig!

„Ja wie, du weißt nicht, was mit ihm los ist?“ Auch wenn sie als Stammtischbrüder ein eingeschworener Haufen waren, wollte er manchem von ihnen hin und wieder an den Kragen gehen. Karl Braungart hatte so eine Art, die ihn manchmal auf die Palme trieb. Eduard wünschte sich eine größere Schlagfertigkeit, um lose Mundwerke schneller stopfen zu können. Die guten Antworten fielen ihm immer erst dann ein, wenn er des Nachts im Bette lag und vom Schnarchen seiner lieben Frau vom Schlaf abgehalten wurde. Dann, wenn es zu spät war und andererseits zu früh, weil er die rechten, galligen Widerworte bis zum nächsten Stammtisch längst vergessen hatte.

„Die ganze Woche hat er sich nicht blicken lassen“, erklärte er der Runde. „Ich hab‘ bei ihm geklingelt, ihn angerufen, aber er meldet sich nicht. Keine Ahnung, was den gefressen hat!“ „So ist das, wenn du keine Frau hast!“, erklärte Siegfried „Diego“ Ruopp. „Wenn dann mal was ist, kann der Umwelt keiner erklären, was mit dir geschehen ist. Das ist doch ganz schön blöd!“

„Was wird schon sein? Beleidigt ist er, sonst ist da gar nix! Er schmollt vor sich hin in seinem Bau! Sieht ihm ähnlich, diesem Dackel!“ Manfred Kusch wusste mal wieder, wie der Hase lief. „Genau! Darauf kannst du einen fahren lassen!“ Dick Laforce echote wie immer das, was sein innigster Spezi von sich gab.

„Er ist aber nicht tot, oder?“, fragte Bernie Kugel auf einmal. „Ich meine, man liest doch immer wieder von solchen Einzelgängern, die monatelang tot in ihren Häusern liegen und der Gasmann, der wegen der unbezahlten Rechnung nachhaken will, findet sie dann.“

„Nein, Bernie, er ist nicht tot!“ Banzhaffs Antwort kam so schnell und auch so laut, dass der ganze Wirtsraum zum Stammtisch blickte.

„Was macht dich da so sicher?“, hakte Ruopp nach. „Ich meine, er ist Frührentner, muss also nicht zur Arbeit, und wenn ...“

„Weißt du was?“, unterbrach ihn Banzhaff, das Gesicht in ein leichtes Rot getaucht. „Wir gehen jetzt alle zu seinem Haus und schauen nach! Damit da ein für allemal Ruhe herrscht!“

Sie schauten ihn alle blöde an, doch Banzhaff kannte keine Gnade. Er ließ jeden sein Bier austrinken, ehe er sie aus dem „Stier“ scheuchte. Rosie und der Wirt schauten schon etwas seltsam, weil sie so ungewöhnlich früh dran waren. „Wir kommen wieder“, versprach Manfred Kusch, dem das Ganze etwas peinlich war.

Draußen bereuten es alle, Banzhaff nicht entschiedener entgegengetreten zu sein. Die Luft war angenehm, der Herbst war noch weit entfernt, doch es war eben auch weit bis zu Rosseneggers Haus. Sie keuchten und ächzten, als hätten sie die Siebzig schon längst überschritten, dabei hatte nur einer die Vierzig hinter sich gelassen und ausgerechnet der ging mit viel Dampf vorne weg.

„Eduard, Mensch, jetzt mach doch mal langsam!“, rief „Diego“ Ruopp, nachdem nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft war. „Wir glauben dir ja! Komm, lass uns umkehren! Morgen ist auch noch ein Tag.“

Banzhaff aber dachte nicht daran. „Jetzt wird nicht der Schwanz eingezogen! Wir schauen nach, was mit dem Kerl los ist und dann kehren wir zum Stier zurück. Basta!“

„Und wenn er vor dem Fernseher sitzt, ziehen wir ihn raus und er muss uns allen ein Bier ausgeben!“, erklärte Bernie Kugel.

„Eines? Drei, mindestens!“, konterte Laforce.

Bei Rosseneggers Haus angekommen waren sie schon bei acht Bier pro Nase. Laforce, Kugel und Kusch sahen sich in Gedanken schon in einem wonnigen Rauschzustand und machten sich ernsthafte Gedanken, mit welcher Ausrede sie der Arbeit des nächsten Tages fernbleiben könnten. Kugel und Kusch holte aber schnell die Realität ein. Deren Weiber würden ihnen das Schwänzen nie im Leben durchgehen lassen, schon gar nicht wegen eines Katers, der das Resultat eines Stammtischgelages war. „Wer saufen kann, kann auch aufstehen!“, lautete ihr Credo, das sie wohl eins zu eins von ihren Vätern übernommen hatten. Laforce kannte den ehelichen Zustand nicht. Darin glich er Rossenegger, dem eisernen Junggesellen. Wobei Letzterer freiwillig auf die Freuden einer Partnerschaft verzichtete. Laforce hatte die wenigen Beziehungen, die es in seinem Leben gegeben hatte, entweder weggesoffen oder aber durch seine natürliche Dusseligkeit vertrieben.

Rosseneggers Haus lag in völliger Dunkelheit, ganz im Gegensatz zu dem Banzhaffschen Anwesen. „Deine Alte wartet mal wieder auf dich, was?“ Das fanden alle lustig, bis auf Banzhaff natürlich. Der stand kurz davor, Diego Ruopp eine mitzugeben. Der dachte zwar, unter Stammtischbrüdern sei vieles erlaubt, aber da täuschte er sich gewaltig. Es gab Grenzen, die auch Saufkumpane nicht überschreiten durften. Natürlich brachten alle, die in einer Beziehung lebten, Anekdoten von diversen Auseinandersetzungen mit in den Stier, Banzhaff bildete da keine Ausnahme. Doch während Ruopp, Kugel, Kusch und Braungart immer mal wieder von kleineren Scharmützeln berichteten, wobei der eine schon mal eine Nacht im Garten zubrachte, hatte seine eigene Ehe ziemlich auf der Kippe gestanden. Zwei Jahre war das nun her und obwohl die Dinge in der Zwischenzeit klar abgesprochen und geregelt waren, entstand bei Kommentaren wie dem von Ruopp ein Kloß in seinem Hals, weil die alte Sicherheit fort war - und das unwiederbringlich. Es war, als sei er Tarzan, der nach Jahren das Vertrauen in die Lianen verloren hatte, weil eines Tages eine gerissen war. Der Tarzan des Vergleiches misstraute fortan den Lianen so, wie Banzhaff dem ehelichen Frieden und der ehelichen Solidität.

„Wir sind wegen Alfred gekommen!“, erklärte er barsch. Die anderen kannten den Ton und flüsterten nun die Kommentare, die das Banzhaffsche Verhältnis betrafen, nur noch so einander zu, dass der Eduard sie nicht hören konnte.

Sie verstummten allerdings, als sie vor der Haustüre standen. Laforce, Kugel und Ruopp, die nach außen gerne so taten, als könne sie nichts schrecken, wünschten sich insgeheim, dass der Rossenegger sie dieses eine Mal verschlossen hätte. Weit draußen wohnend war es ihm zur Gewohnheit geworden, die Türe immer unverschlossen zu lassen. Kein Dieb kam auf den Gedanken eines Einbruchs - jedes fremde Auto wurde Meilen vorher gesehen und, bei Verdacht, gegebenenfalls an die Polizei gemeldet. Zu Fuß schleppte man sich mit der Beute zu Tode. Rossenegger und die Banzhaff-Familie lebten sehr sicher und ginge es nach Eduard, würde der die Türe ebenfalls unverschlossen lassen. Doch da sich die Frau nur sicher fühlte, wenn die Türe des Nachts zu war, fügte er sich in sein Schicksal.

Die Eingangstür zu Rosseneggers Haus ging federleicht auf. Sie knarrte, wie es die Türen alter Horrorfilme mit schöner Regelmäßigkeit taten. Plötzlich standen sie wie die Sieben Schwaben vor dem Hasen. Selbst Banzhaff verlor seinen Mut. Auf einmal wollte er die Türe einfach verschließen und auf dem schnellsten Wege zurück in den Stier gehen. Solange sie außerhalb des Hauses standen, herrschte eine selige Unwissenheit. Gingen sie rein und fanden das Haus verlassen vor, würden sie auf dem Rückweg lange über den Verbleib Rosseneggers rätseln.

Wenn er jedoch darin lag ...

„Sei nicht tot! Sei bitte, bitte nicht tot, hörst du!“, flehte Banzhaff in Gedanken. Denn wenn sie auf seine Leiche stießen, musste er sich der unangenehmen Frage stellen, weshalb er nicht längst schon nach dem Einzelgänger geschaut hatte. Mal abgesehen davon, dass niemand gerne Leichen fand.

Eduard Banzhaff hielt die Nase in das Innere und schnüffelte. Tote Leiber stanken, das wusste jedes Kind.

Einen Gestank machte er nicht aus. Es roch nach zu viel Staub und etwas modrig - so wie immer. Banzhaff trat ein. Die anderen blieben vorerst stehen. Hinterher würden sie die etwas unangenehm riechenden Unterhosen verschweigen und einem Anthropologen der Zukunft feuchte Augen bescheren, weil der überall alte, verschimmelte Unterhosen ausbuddeln würde. Banzhaff jedoch hatte eines im Sinn. Er kannte das Rossenegger Anwesen besser als jeder andere. Deshalb wusste er auch um die Stelle, an der es zum ersten Mal nach altem Kaffee roch. Dieser eine Geruch würde alle Zweifel beseitigen. Von ihm aus konnten sie dann auch wieder umdrehen und den Alfred in Ruhe vor sich hinschlummern lassen. Wenn er nur diesen bestimmten Geruch in der Nase haben würde ...

Banzhaff hoffte vergeblich. In der Küche ließ sich ein ganz feiner Kaffeegeruch ausmachen. Der entströmte dem Behälter, in dem der Rossenegger das Pulver aufbewahrte. Die Kaffeemaschine war so trocken wie ein Wadi jenseits der Regenzeit.

Jetzt roch auch die Unterhose des Eduard Banzhaff etwas. Wie ein Berserker rannte er durch das untere Stockwerk, immer mit dem blöden Gefühl, gleich über den Leichnam seines Nachbarn zu stolpern. Stattdessen kollidierte er mit Karl Braungart, der die Spitze der Zaudernden bildete. Banzhaff sagte nichts, stattdessen stürmte er die Treppe nach oben und untersuchte das dortige Stockwerk in Windeseile. Als auch das sich als verwaist erwies, wusste er nicht, ob er sich erleichtert oder verängstigt fühlen sollte.