Skandalöse Liebe - Bernadette Lang - E-Book

Skandalöse Liebe E-Book

Bernadette Lang

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Beschreibung

15. August 2022. Im Dom zu Salzburg haben sich fast tausend Menschen versammelt, um einer ungewöhnlichen Zeremonie beizuwohnen. Nicht nur Bekannte, Freunde und Familie, auch zahlreiche Journalisten warten gespannt darauf, dass Bernadette Lang, eine junge Katholikin, als wunderschöne Braut geschmückt in einem feierlichen Akt ihrem Bräutigam das Ja-Wort gibt. Doch der Bräutigam ist kein Mann aus Fleisch und Blut – es ist Jesus selbst, dem sich die junge Frau verspricht. Bereits viele Jahre zuvor hat er sie mit sanfter Stimme gefragt: Willst du mir gehören? Ihre Antwort prüft sie intensiv in ihrem Herzen. Ins Kloster will sie nicht – so viel steht fest. Doch sie spürt mehr und mehr: Ja, ich will mich an diesen Bräutigam binden. Als sie sich kurze Zeit vor ihrem öffentlichen Gelübde Hals über Kopf in einen jungen Mann verliebt, gerät ihr Entschluss ins Wanken. Ist sie am Ende doch zu Ehe und Familie berufen? Dann trifft sie eine schwerwiegende Entscheidung … Packend beschreibt Bernadette Lang ihren Weg zur Jungfrauenweihe, warum der Verzicht auf Sex nicht den Verzicht auf Intimität bedeutet und wie die skandalöse Liebe ihres Bräutigams ihr Leben verändert hat.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2024

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15.August 2022. Im Dom zu Salzburg haben sich fast tausend Menschen versammelt, um einer ungewöhnlichen Zeremonie beizuwohnen. Nicht nur Bekannte, Freunde und Familie, auch zahlreiche Journalisten warten gespannt darauf, dass Bernadette Lang, eine junge Katholikin, als wunderschöne Braut geschmückt in einem feierlichen Akt ihrem Bräutigam das Ja-Wort gibt.

Doch der Bräutigam ist kein Mann aus Fleisch und Blut – es ist Jesus selbst, dem sich die junge Frau verspricht.

Bereits viele Jahre zuvor hat er sie mit sanfter Stimme gefragt: Willst du mir gehören? Ihre Antwort prüft sie intensiv in ihrem Herzen. Ins Kloster will sie nicht – so viel steht fest. Doch sie spürt mehr und mehr: Ja, ich will mich an diesen Bräutigam binden.

Als sie sich kurze Zeit vor ihrem öffentlichen Gelübde Hals über Kopf in einen jungen Mann verliebt, gerät ihr Entschluss ins Wanken. Ist sie am Ende doch zu Ehe und Familie berufen? Dann trifft sie eine schwerwiegende Entscheidung …

Packend beschreibt Bernadette Lang ihren Weg zur Jungfrauenweihe, warum der Verzicht auf Sex nicht den Verzicht auf Intimität bedeutet und wie die skandalöse Liebe ihres Bräutigams ihr Leben verändert hat.

Ein bewegendes Buch: Ermutigung und heilsame Provokation in einem!

DR. JOHANNES HARTL,Gründer des Gebetshauses Augsburg, Bestsellerautor

„Skandalöse Liebe“ erzählt eine Liebesgeschichte, die so dermaßen gegen unsere Kultur geht, dass sie es wirklich ist: skandalös – und Perspektiven sprengend.

JANA HIGHHOLDER,Ärztin, Influencerin und Autorin

WAS ANDERE AN DIESEM BUCH BEGEISTERT

Eine Geschichte wie die von Bernadette ist selten. Mehr noch eine absolute Rarität. Wenn die geweihte Jungfrau beginnt, von dem zu erzählen, was ihr Herz bewegt, bewegt sich der ganze Raum mit, die Atmosphäre verdichtet sich und man kann kaum anders, als gespannt an ihren Lippen zu kleben – oder eben: Zeile für Zeile weiterzulesen. Bernadette schreibt und spricht über eine Intimität, die näher geht als Haut, und man glaubt ihr, dass sie ihren Liebhaber wirklich kennt. „Skandalöse Liebe“ erzählt eine Liebesgeschichte, die so dermaßen gegen unsere Zeit und Kultur geht, dass sie es wirklich ist: skandalös – und Perspektiven sprengend.

JANA HIGHHOLDER

Ärztin, Influencerin und Autorin

Eine junge, attraktive, blitzgescheite und führungsstarke Frau gibt allen anderen Männern einen Korb, um sich ganz Gott zu weihen? Man muss sie selbst erlebt haben, um zu wissen, wie authentisch Bernadette Lang lebt, wovon sie in diesem bewegenden Buch berichtet. Ermutigung und heilsame Provokation auf 256 Seiten.

DR. JOHANNES HARTL

Gründer des Gebetshauses Augsburg, Philosoph, Theologe und Bestsellerautor

Seitdem ich Bernadette kenne, gibt es eine Sache, die mich an ihr am meisten und immer wieder neu fasziniert: Ihre entschiedene, exklusive und leidenschaftliche Hingabe an Jesus! Bernadettes Leben ist für mich ein einziger Ansporn, mich selbst noch mehr in meine Beziehung zu Jesus zu investieren! Aus ihren Worten strahlt so viel Schönheit und Wahrheit!

VERONIKA LOHMER

Lobpreisleiterin, Sängerin und Sprecherin

Dieses Buch ist ein wahres Geschenk – ein einzigartiger Einblick in eine besondere Berufung. Sehr spannend und tief schreibt Bernadette, wie sie in Gott eine Antwort auf ihre Sehnsüchte gefunden hat, wie Gott ihr Klarheit und Hoffnung in ihren Lebensfragen geschenkt hat und wie ihre Unsicherheiten durch seine unendliche Liebe weggewaschen wurden.

Bernadette ist ein lebendiges Beispiel, dass das Leben erst richtig losgeht, wenn man Gottes Berufung erkennt und ihm mutig folgt. Ihre Message ist so hoffnungsvoll und diese Generation braucht sie so sehr: dass das Leben nicht erfüllter wird, je mehr man hat oder tut, sondern wenn man anfängt, (sich) zu verschenken. Mit Bernadettes Leben und diesem Buch werden wir hineingenommen in die einzigartige Liebesgeschichte, die Gott nicht nur mit Bernadette, sondern auch mit jedem einzelnen von uns hat. Bernadettes Leidenschaft und ihre Liebe für Gott und seine Wunder ist ansteckend!

CHRISTINA WALCH

Mama, Autorin, Herausgeberin des „My Vision Planners“ und Initiatorin des „Mama Kongresses“

„Skandalöse Liebe“ ist ein sehr beeindruckendes Buch, das hoffentlich viele Menschen dazu anregen wird, in ihrer Beziehung zu Gott eine tiefere Dimension anzustreben!

DAMARIS MÜLLER

Übersetzerin, Lektorin und Korrektorin

BERNADETTE LANG

Skandalöse Liebe

WARUM ICH AUF SEX VERZICHTE UND JESUS MEIN BRÄUTIGAM IST

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Der Fontis-Verlag wird von 2021 bis 2024 vom Schweizer Bundesamt für Kultur unterstützt.

Die Bibelstellen sind, wenn nicht anders angegeben, der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®, Herausgeber: Fontis-Verlag Basel.

Ansonsten:

EÜ – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.

ELB – Elberfelder Bibel, © 1985/1991/2006 SCM R.Brockhaus

in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

© 2024 by Fontis-Verlag Basel

Lektorat: Konstanze von der Pahlen

Umschlaggestaltung und Satz: Gabriel Walther Media & Design, Berlin

Umschlagfoto: Tobias Bosina

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-03848-455-4

INHALT

Cover

Titel

Impressum

PrologBereit für die Ewigkeit

1. His Story Becoming My StoryA Love Story

2. Der Kompass unseres HerzensSehnsucht nach mehr

3. Das Tor der IntimitätEine Einladung auf ein Abenteuer

4. Das Werben des BräutigamsIntensiviertes Rufen

5. Das Geheimnis des KönigsBraut Jesu – eine mystische Berufung

6. Füchse im GartenAndere Liebhaber

7. Der BrautpreisTeuer erkauft

8. Skandalöse LiebeIntim mit ihm

9. Mystische VerlobungBraut bis in die Ewigkeit

10. Der Tanz mit dem BräutigamIntimität konkret

Bildteil

Prolog

Bereit für die Ewigkeit

Als ich an diesem Morgen erwache, spüre ich die Aufregung in meinem Inneren, begleitet vom sanften Klopfen meines Herzens. Die Sonne taucht mein Schlafzimmer in ein warmes Morgenlicht, und ich kann es kaum erwarten, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, der diesen bedeutungsvollen Tag umgibt.

In der Verborgenheit des frühen Tages suche ich die Gegenwart Gottes auf, bereit, alles hinter mir zu lassen, was mich noch gehalten hat. Bereit für ein neues Morgen, das ewig hält.

Wenig später pulsiert mein Zimmer vor Erwartung, als meine Freundinnen sich um mich versammeln, um mich in das strahlende Gewand zu hüllen, das meine Träume symbolisiert. Jeder Handgriff, jede Berührung scheint eine Verbindung zu all den Hoffnungen und Wünschen zu sein, die in meinem Herzen leben.

Das Kleid, ein Kunstwerk aus Spitze und fließend fallendem Stoff, erzählt eine Geschichte von Liebe und Zukunft. Es ist das Kleid einer Braut, das ich heute tragen darf. Der eigentliche Bräutigam ist unsichtbar für die Welt, aber spürbar für mein Herz. Denn er, der auf mich wartet, ist kein Geringerer als Jesus selbst, der Prinz des Friedens.

Unsere Liebesbeziehung ist skandalös. Unerwartet, überfordernd, unfassbar. Wie kann ein Mensch jemals Jesu Braut sein? Wie kann Gott ein Bräutigam für ein sterbliches Wesen sein? Und dennoch: Er ist da, mehr, als ein Mensch je sein könnte. Die unsichtbare Verbindung zwischen uns ist stärker als jede sichtbare Realität.

Während meine Freundinnen meine äußere Erscheinung veredeln, meine Frisur gesteckt wird, fühle ich die Anwesenheit meines göttlichen Bräutigams in meinem Inneren. Seine Liebe umhüllt mich wie ein unsichtbarer Schleier, und ich weiß, dass diese Liebe tiefer geht als jedes irdische Band.

Die Hochzeitskutsche wartet vor der Tür. Als ich sie besteige, macht sich unbändige Vorfreude in mir breit. Während die Kutsche durch die Stadt rollt, spüre ich, wie sehr diese Liebe, obwohl für viele unverständlich, mein Inneres erfüllt. Die Blicke der Welt mögen „Skandal“ rufen, aber mein Herz ist fest entschlossen, dem göttlichen Bräutigam mein Ja zu geben, ungeachtet der vielen Meinungen und Urteile.

Der mächtige Dom füllt sich mit Menschen, die voller Erwartung dessen sind, was gleich geschehen wird. Die Hochzeitsgesellschaft, ein Ensemble aus Engeln und Menschen, bereitet sich darauf vor, an der Zeremonie teilzunehmen, die den Duft des Überirdischen tragen wird. Die Anwesenheit meines unsichtbaren Bräutigams, Jesus, durchdringt auch dort die Luft mit einer besonderen Atmosphäre.

Die Kutsche hält vor dem Hintereingang des Domes. Es ist so weit. Blitzlichtgewitter empfängt mich. „Skandalöse Liebe“ werden die Journalisten schreiben. Ist sie auch. Denn welcher Bräutigam liebt so skandalös wie Jesus? Ich spüre seine Anwesenheit bei jedem Schritt. Seine Gegenwart leitet mich wie von unsichtbarer Hand. Die Welt mag sie nicht verstehen, aber für mich ist sie die Essenz meines Seins. Sie ist real und tiefgründig.

In wenigen Augenblicken gebe ich mein Ja diesem einen, dessen Liebe über alle irdischen Bande hinausgeht. Nach langer Prüfung weiß ich: Dieser Bund mit meinem göttlichen Bräutigam, so unsichtbar er auch sein mag, ist die Quelle meiner wahren Freude und Erfüllung. Sein Herz führt mich hinein in einen himmlischen Tanz, bei dem Zeit und Ewigkeit verschmelzen. Die Melodie dieses Tanzes bestimmt seither mein Leben.

Darf ich dir davon erzählen?

1.

His Story Becoming My Story

A Love Story

Ich liebe Geschichten. Tatsächlich liebe ich Geschichten, seit ich denken kann. Eine der schönsten Erinnerungen meiner Kindheit ist, dass mein Papa immer Geschichten erzählte. Nach dem Essen legte er sich auf die Couch, und meine zwei jüngeren Schwestern und ich (mein Bruder war noch nicht geboren) kuschelten uns dazu.

Eng an unseren Papa geschmiegt, verhandelten wir, welche Geschichte wir nun hören wollten. Meistens waren es Märchen der Gebrüder Grimm, denn da war alles enthalten, was wir uns als Mädchen wünschten: ein Held, der mutig und kühn war, ein Bösewicht, über den wir uns gerne lustig machten, nachdem sich der Sieg des Helden abzeichnete, ein spannendes Abenteuer – und natürlich eine Prinzessin, die erobert werden wollte.

Irgendwie stillte es tief in uns drin ein Bedürfnis, diese Geschichten immer und immer wieder zu hören. Viele kannten wir nach einer gewissen Zeit in- und auswendig – trotzdem wurde es nicht langweilig, sie ein ums andere Mal zu hören. Wir fieberten mit dem Helden mit, während er gegen das Böse kämpfte und durch seine Schlauheit siegte. Und wir wollten alle Details wissen über die Prinzessinnen und malten uns in unserer Fantasie ihre überwältigende Schönheit aus.

Manchmal begann mein Papa während des Erzählens einzudösen. Schließlich war es nach harter Arbeit auf dem Bauernhof sein Mittagsschlaf, den ihn unsere Geschichten kosteten. Sobald seine Stimme leiser wurde und er nur mehr langsam redete, wurden wir ganz aufgeregt und hörten nicht auf zu fragen: „Und was geschah dann?“ „Und wie ging es weiter?“ Half das nicht, wurde unser Betteln intensiver: „Papa, bitte erzähl jetzt weiter!“ Manchmal mussten wir ihn auch aus dem Schlaf retten, indem wir intensiv an seinem Arm rüttelten oder auf seine Brust trommelten. Und dann hörten wir die Geschichte weiter.

Als ich lesen lernte, begann ich Bücher zu verschlingen. Mich faszinierten die vielen Geschichten, die sich Menschen ausgedacht hatten. Es waren eigene Welten, die sie erschufen. Jedes Mal, wenn ich ein Buch aufschlug, poppte vor mir eine neue Welt auf. Ich kauerte mich in meine Leseecke unter dem Bücherregal und tauchte ein in das Universum des Buches. Es zog mich hinein – tiefer und tiefer. Ich versank darin und fand mich in zahllosen Abenteuern, Kämpfen, Siegen, Niederlagen, emotionalen Beziehungsgeflechten und finalen Triumphen wieder. Was für ein Erlebnis!

Auch Gott liebt Geschichten. Sein Buch, die Bibel, ist voll davon. Es sind Geschichten von Helden und Bösewichten, von Liebe, Drama und Zerbruch, von Königen, Propheten und Frauen, die das Geschick eines ganzen Volkes wendeten. Aber nicht nur dramatische Abenteuer füllen die Seiten der Bibel, nein: Es gibt ganze Bücher mit Weisheitssprüchen, tiefgreifende Briefe und Songwriting-Sessions eines bekannten Königs namens David. Auch lyrische Liebeslieder finden sich in der Geschichte Gottes, solche, bei denen so manchem von der altorientalischen Bildersprache ganz schwindelig wird.

Manche Texte verstehen wir, über manche zerbrechen sich selbst Gelehrte seit Jahrhunderten den Kopf. Sie bleiben für uns ein gewisses Geheimnis. Wie zum Beispiel das Hohelied. Ein Liebeslied im Herzen der Bibel. Hochromantisch, mit vielen Bildern, die der Mensch heute nicht mehr versteht. Zumindest aufs Erste nicht.

Als ich das Hohelied zum ersten Mal las, fand ich darin ein paar schräge Vergleiche. Da sagt ein junger Mann zum Beispiel zu seiner Geliebten, sie sei wie „die Stute an Pharaos Wagen“. Für unsere Ohren klingt das mehr nach einer Beleidigung als nach einem Lob. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Du bist wie der Autoreifen an meinem Ferrari!“ Welche Frau möchte schon mit solchen Worten umworben werden?

Wenn wir uns aber tiefer hineinbegeben in die Sprach- und Bilderwelt des alten Orients, zeigt sich, dass die Stute des Pharaos, des Königs von Ägypten, das wertvollste und schönste Tier war, das die Antike kannte. Kein Pferd genoss eine solche Behandlung wie die Stute des Pharaos! Es muss ein eindrucksvolles Pferd gewesen sein, anmutig, voller Kraft, mit glänzendem schwarzem Fell, bereit für den Kampf und bereit für den Sieg. Bei einem Triumphzug befand sich die Stute des Pharaos sicherlich schön geschmückt an höchst prominenter Position.

Die antike Welt verstand den Vergleich einer Frau mit der Stute des Pharaos also als absolutes Kompliment, das Schönheit, Stärke, Wert und Würde zum Ausdruck brachte. Ich finde das spannend! Geschichten öffnen uns wirklich das Tor zu einer anderen Welt!

Aber warum sind wir so fasziniert davon? Woher kommt unser Hunger nach all den Geschichten, die wir ständig auf Netflix und anderswo konsumieren? Ich glaube, es liegt daran, dass sie uns etwas über uns selbst zeigen. Geschichten offenbaren Sehnsüchte und Emotionen, die sich auch tief in unserem Inneren finden. Sie erinnern uns an das, was in uns steckt, und sie zeigen ein nicht gelebtes Potenzial. Zum Guten wie zum Bösen. Wenn wir Geschichten hören, fangen wir an, uns mit einem Protagonisten zu identifizieren. Wir fühlen und fiebern mit ihm mit. Wir fangen an, uns in seine Welt zu begeben, und erleben seine Abenteuer mit.

Der Unterschied zwischen den Geschichten auf Netflix und denen in der Bibel ist, dass die Netflix-Filme weniger Entschlüsselung brauchen. Bei der Bibel ist das anders: Manche Geschichten darin sind über dreitausend Jahre alt und kommen aus einem völlig anderen Kulturkreis. Sie brauchen einen kulturellen und zeitüberbrückenden Schlüssel, damit wir sie verstehen können.

So ist auch das Hohelied erst mal wie ein verschlossener Garten. Das war es zumindest lange Zeit für mich. Ich habe es so wie viele andere Geschichten gelesen und weggelegt. Es war für mich nicht von großer Bedeutung, weil ich es nicht verstand. Es war mir unzugänglich und niemand hatte mir dazu einen Schlüssel gegeben. Ich wusste nicht, dass darin von einem geschichtsträchtigen Garten die Rede ist, in dem sich die größte Liebesgeschichte der Menschheit abspielt.

Als ich aber anfing, Gott besser kennenzulernen, erkannte ich, dass ich in seinen Geschichten etwas über sein Wesen lernen konnte. Und so fing ich an, ihn in diesem Buch zu suchen. Ich ahnte, dass sich hinter der rätselhaften Bildersprache der Antike ein Geheimnis verbarg, das mehr mit mir zu tun hatte, als mir bewusst war. Und je mehr ich hineinschnupperte, desto mehr fesselte es mich.

Auch wenn ich noch nicht alles verstand, entdeckte ich dort faszinierende Spuren: die Spuren der Liebe. Und so wurde das Hohelied für mich nach und nach zu einem geheimnisvoll blühenden Garten mit vielen verworrenen Wegen voller Abenteuerduft. Und zu meinem absoluten Lieblingsbuch in der Bibel.

Manche jüdische Gelehrte, Rabbiner genannt, sagen, das Hohelied sei selbst der Schlüssel zu allen anderen Geschichten der Bibel. Je mehr ich mich damit befasste, desto überzeugter war ich, dass es tatsächlich eine Tür mitten ins Herz Gottes öffnet. Einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. In das Drehbuch des Regisseurs. Ein Tor nicht nur hinein ins Herz Gottes, sondern auch ins Herz des Menschen, in seine Sehnsucht, in die Ewigkeit.

Aber wie kann eine Geschichte ein Schlüssel für alle anderen sein? Indem sie alles Unverständliche an all den anderen Geschichten erklärt. Weil sie etwas, das unserem Verstand nicht vollkommen zugänglich ist, dem Herzen offenbart. Das Herz versteht es. Und dieses Etwas nennt sich Liebe.

Liebe ist für unser Leben existenziell wichtig und gleichzeitig bleibt sie immer bis zu einem gewissen Grad unerklärlich. Das gilt für Gottes Liebe genauso wie für menschliche Liebe. Menschen machen Dinge, die sie allein von ihrem Verstand her nie tun würden. Der Kopf ruft: „Nein! Niemals!“ Aber auf der Ebene des Herzens ergibt es Sinn.

Nimm eine Mama zum Beispiel. Während ihr Baby klein ist, steht sie nachts drei-, vier-, oft fünfmal oder noch öfter auf, um sich um die Bedürfnisse ihres Kindes zu kümmern. Hunger. Durst. Zahnschmerzen. Volle Windeln. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie dabei ganz weit hinten an. Das ist beinahe unerklärlich. Wie weit geht mütterliche Liebe? Das Baby bezahlt sie nicht. Es gibt auch sonst nicht unbedingt sofortigen Lohn. Bezahlt wird vielleicht später mit einem Lächeln oder einem unverständlichen Brabbeln. Könnte Liebe unerklärlicher sein?

Oder nimm einen jungen Mann. Er fährt vielleicht sechs, sieben oder acht Stunden mit dem Auto oder Zug – in eine Richtung –, um eine junge Frau zu treffen. Vielleicht sieht er sie dann nur zwei, drei Stunden. David Beckham, der berühmte englische Ex-Fußballer, hat das getan. Er fuhr manchmal mehrere Stunden, um seine Victoria für nur zwanzig Minuten zu sehen. Das ist absolut verrückt und irrsinnig in den Augen der Welt! Aber die Aussicht, seine Geliebte zu sehen, reichte, um ihm für diesen Einsatz die nötige Energie zu geben. Liebe und Verliebtsein sind total unerklärlich!

Es gäbe noch viele weitere Beispiele, aber eins ist klar: Das Herz hat einen Zugang zu einer anderen Welt, die das Narrativ der Liebe trägt. Dieses Buch ist eine Einladung, in dieses Narrativ der Liebe einzusteigen. Denn auch mir hat Gott eine Geschichte anvertraut, die dem Verstand allein unerklärlich ist. Für viele, die meine Geschichte in der Zeitung gelesen oder davon auf YouTube erfahren haben, bleibt sie unverständlich und unzugänglich. Für jene aber, die sich auf das Narrativ der Liebe einlassen, kann es sein, dass sich ein Vorhang lichtet zu einer tieferen Dimension unserer menschlichen Existenz.

Die eine Geschichte: Gottes Abenteuer mit der Menschheit

Eins muss ich sagen: Gott ist mein Geschichtenschreiber. Ich erzähle seine Geschichte, indem ich meine Geschichte erzähle. So lernst du ihn kennen, ihn, der Geschichte um Geschichte webt. Auf diese Weise bekommst du einen Schlüssel, mit dem du womöglich auch deine Geschichte entschlüsseln kannst. Oder eben die vielen anderen Geschichten, die uns umfangen und in die wir im Laufe unserer irdischen Existenz hineingewoben werden. Ich bin mir jedenfalls sicher: Dieser Schlüssel kann auch die bisher verschlossenen Schatztruhen in deinem Leben öffnen.

Die Geschichten, die Gott schreibt, haben immer mit unserem Leben zu tun. Manche sind ganz unspektakulär, manche an Dramatik und Tragik nicht zu überbieten. Doch im Letzten sind es immer Liebesgeschichten. Manche klingen wie die sachte gezupften Saiten einer Harfe, manche werden mit Pauken und Streichern orchestriert.

Die einzig relevante Frage darin ist, wie sich der Protagonist zur Einladung des Autors verhält, mit ihm Geschichte zu machen. Das wesentlichste Merkmal der Geschichten, die Gott schreibt, ist, dass es Co-Kreationen sind. So bestimmt der Protagonist die Geschichte mit. Denn der Stoff der Geschichten Gottes heißt Freiheit.

Über alle Geschichten Gottes spannt sich die eine Geschichte schlechthin: das Abenteuer Gottes mit der gesamten Menschheit.

Es beginnt mit einer Erzählung, in der Gott den Menschen aus dem Erdboden formt. Gott nimmt etwas Lehm und gestaltet ihn zu einem Körper. Der Körper allein ist aber noch leblos. So haucht er, der Gott des Universums, seinem Geschöpf als Nächstes seinen Atem ein.

Natürlich können wir das einfach als altorientalischen Mythos sehen. Ich glaube aber, dass es etwas ganz Wichtiges über uns selbst aussagt: Gott hat uns als Menschen lebendig gemacht. Er ist der Autor und Urheber der menschlichen Existenz. Auch meiner Existenz. Er ist die Trägersubstanz meines Atems. Er bestimmt den Augenblick meines Lebens und auch den Augenblick meines Sterbens.

Ich bin, weil ich atme. Ich atme den ganzen Tag und bemerke es nicht. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit geworden. Manchmal zu selbstverständlich. Denn es gibt jemanden, dessen Atem ich atme. Das ist sehr intim, oder? Jemand haucht mir unentwegt seinen Atem ein. Und es ist kein Geringerer als der Erfinder von Intimität selbst. Die Sehnsucht nach ihm ist tief in meine Identität hineingewoben. Von der Suche und dem Entdecken erzählt meine Geschichte, und – wie könnte es anders sein – sie trägt natürlich auch die Handschrift ihres Erfinders.

2.

Der Kompass unseres Herzens

Sehnsucht nach mehr

Es ist vollkommen dunkel. Langsam taste ich um mich herum.

Ich höre die langen Atemzüge meiner Schwester. Sie schläft. Tief und fest. Daneben liegt meine neue Freundin. Ihr schönes langes blondes Haar ist mir sofort aufgefallen, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Und das war erst vor zwei Tagen. Ich muss vorsichtig sein, denn ich will die beiden nicht wecken. Das ist gar nicht so einfach. Langsam erhebe ich mich von der Isomatte.

Mit dem Kopf stoße ich gegen etwas. Hui, habe ich mich erschrocken! Zum Glück ist es nur die Zeltwand, die mein Kopf gerade unsanft berührt hat! Allerdings hat das das ganze Gehäuse zum Wackeln gebracht. Hastig werfe ich einen Blick auf meine Schwester und meine Freundin. Offenbar habe ich sie nicht geweckt.

Ich öffne den Reißverschluss unseres Nachtlagers und schlüpfe noch schlaftrunken in meine Schuhe. Jetzt bloß aufpassen, dass ich nicht über die Zeltschnüre stolpere. Das würde vermutlich nicht nur die Mädels in meinem Zelt wecken, sondern auch die anderen Kinder und Jugendlichen unseres Feriencamps, die in den vielen Zelten um uns herum schlafen.

Während ich die nächtliche Kühle auf meiner Haut spüre, wage ich einen Blick nach oben. Wow! Wie beeindruckend! Der ganze Himmel ist übersät von funkelnden Sternen. Eine unbeschreibliche Sehnsucht erfasst mich. Ein seltsames Verlangen nach einem Ort, den ich nicht kenne, der mir aber vertraut vorkommt. Wie ein Heimweh nach einer unbändigen Freiheit und danach, für jemanden unglaublich bedeutend zu sein. Jemanden, der mich erträumt.

Wer wohl die Sterne, die ich gerade bestaune, schon alles betrachtet hat?

Die alten Griechen mit all ihren philosophischen Überlegungen. Cäsar und Napoleon. Sicherlich auch Asterix auf seinen Abenteuern. Und Pippi Langstrumpf. Meine kindliche Fantasie geht mit mir durch.

Vorsichtig taste ich mich durch die Dunkelheit hin zum Haus. Meine ausgestreckten Arme finden im schwachen Licht der Gestirne das Geländer der Treppe. Die Tür öffnet sich mit einem leichten Knarren; ich hoffe, es hat niemand gehört. Noch mal eine Tür, und endlich finde ich die Toilette und somit auch Licht. Puh. Nicht einfach auf so einem Zeltlager …

Okay, nun aber wieder ab in die Federn. Oder besser: in den Schlafsack. Warm genug ist es ja. Also, Licht aus und –

Oh! Am Ende des Ganges entdecke ich eine weitere Tür. Leicht geöffnet. Durch den Spalt schimmert ein rötliches Licht. Wie geheimnisvoll! Was sich wohl dahinter verbirgt?

Die Tür zum Unbekannten

Ich liebe Geschichten, die so beginnen – unspektakulär –, und dann tut sich eine andere Welt auf. Narnia. Ein Wandschrank. Und plötzlich ein ganz anderer Kosmos dahinter.

Ich kann meine Neugierde nicht bezwingen, ich muss da reinschauen. Also trete ich näher und schiebe sanft die Tür etwas weiter auf. Da ist noch mehr Licht. Ein einfacher Tisch, bedeckt mit einem weißen Tuch. Ich sehe nicht allzu viel, schließlich ist der Raum nur durch den Schein einer flackernden Kerze erleuchtet, die in einem roten Glas steht.

Auf dem Tisch befindet sich ein goldenes Kästchen, wunderschön verziert. Auf unerklärliche Weise zieht es mich magisch an, als wäre etwas Unglaubliches drin. Etwas, das mich an die Sterne erinnert. An die Sehnsucht nach Weite und Freiheit und nach jemandem, für den ich signifikant bin. Während ich auf das goldene Kästchen starre, fällt mir ein, dass sich so eines auch in unserer Dorfkirche befindet. Aber ich habe ihm nie Beachtung geschenkt.

Überhaupt finde ich die Kirche im Ort extrem langweilig. Den sonntäglichen Gottesdienst durchzustehen, ist für mich sehr mühsam. Schon oft haben meine Geschwister und ich am Sonntagmorgen versucht, plausible Gründe zu finden, um nicht in die Kirche gehen zu müssen. Aber meine Eltern sind da recht kompromisslos. Wir müssen schon sehr krank sein, um eine Ausnahme zu bekommen.

Wenn ich die Menschen in der Kirche so beobachte, fällt mir auf, dass auch sie im Allgemeinen recht langweilig wirken. Viele bekommen starre Gesichter und scheinen in eine Art Stand-by-Modus zu verfallen, sobald sie das alte Gebäude betreten. Man muss Andacht bewahren und konzentriert auf einen alten Herrn in wallenden Gewändern blicken, der meistens über etwas redet, wovon ich keine Ahnung habe. Und dann gibt es zwischendurch viele formelhafte Antworten. „Amen“ ist dann die Erlösung. Schockstarre beendet, und man darf sich wieder normal bewegen.

Aber hier ist es anders. Es ist irgendwie aufregend. Während ich auf das goldene Kästchen und die flackernde Kerze starre, kommt es mir plötzlich vor, als würde jemand sanft einen Mantel von Liebe um mich herumlegen. Wow. Es fühlt sich an, als sei jemand neben mir. Eine Person. Eine unbekannte, aber gleichwohl vertraute Wärme umfängt mich. Es ist wunderschön und unheimlich zugleich!

Ich kann es nicht wirklich erklären, aber ich fühle mich seltsam geborgen. So viel Wohlwollen ist in diesem Raum, und ich weiß, es gilt mir! Ich merke, wie sich eine Gänsehaut über meinen ganzen Körper zieht. Das unbeschreibliche Gefühl, gewollt und geliebt zu sein, für jemanden unendlich bedeutend zu sein, überwältigt mich. Eine Welle von Wärme schwappt durch meinen ganzen Körper. So etwas habe ich nicht erwartet!

Ich muss mich hinknien. Ich kann da nicht einfach nur stehen, das fühlt sich nicht richtig an.

Auf intuitive Weise ahne ich, dass das, was hier geschieht, irgendwie übernatürlich ist. Und dass es etwas mit Gott zu tun hat. Kann es sein, dass es diesen Gott, der mir immer so fern und langweilig schien, wirklich gibt? Und dass er sich so anfühlt? Ist dieser Gott vielleicht sogar an mir interessiert? Oder was ist es, was ich da wahrnehme?

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange ich in diesem kleinen Raum verweilte. Vielleicht nur ein paar Augenblicke, vielleicht eine halbe Stunde. Ich hatte kein Gefühl mehr für die Zeit. Hier erfuhr ich die Anwesenheit von jemandem, der es mit der Ewigkeit zu tun hat. Und das sollte erst der Beginn eines unglaublichen Abenteuers sein, das er für mich geplant hatte.

Damals war ich zehn. Heute weiß ich: Es war meine erste bewusste Begegnung mit Gott. Auf eine unbeschreibliche Weise war ich in seine Gegenwart gezogen worden. So, als sei dort ein Schatz verborgen, dessen Existenz ich in der Tiefe meines Herzens bereits in diesem jungen Alter erahnte. Eine Antwort auf tiefe Sehnsüchte, die schon damals in meiner Seele schlummerten, die ich mit Worten aber nicht beschreiben konnte.

Sehnsucht nach mehr

Ich war schon immer auf der Suche gewesen. Ich wollte mehr vom Leben. Gleichzeitig empfand ich mich als sehr mittelmäßiges Mädchen. Als Teenager bemühte ich mich sehr, möglichst mainstream zu sein. Mein Motto hieß: Bloß nicht auffallen. Zu viel Aufmerksamkeit ließ meine Schüchternheit nämlich noch mehr zum Vorschein kommen.

Tief in meinem Inneren verglich ich mich ständig mit meinen Mitschülerinnen. Ich fand so viele Gründe, die mich schlechter machten als alle anderen: „Vielleicht liegt es daran, dass ich von einem Bauernhof komme. Alle anderen, die aufs Gymnasium gehen, sind aus der Stadt. Ich bin anders als sie. Ich gehe nicht auf dieselben Partys. Und ich kann bei ihren Themen nicht mitreden.“

Was ich bei all dem Vergleichen völlig aus dem Blick verlor, war, dass ich viele Privilegien hatte. Immerhin besuchte ich – anders als die meisten meiner alten Kameraden – das Gymnasium in der nächstgrößeren Stadt, auch wenn das einen viel weiteren Schulweg bedeutete. Außerdem hatte ich noch einen Freundeskreis außerhalb der Schule, mit dem ich auf anderen Veranstaltungen unterwegs war. Und ich machte im österreichischen Leistungsturnen bei Wettbewerben mit.

Doch das alles zählte für mich als Teenager wenig und änderte nichts an meinem Minderwertigkeitsgefühl.

Da das Dorf, in dem ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern auf einem Bauernhof lebte, recht abgelegen war, war der Schulweg nicht nur weit, sondern auch etwas kompliziert. Jeden Morgen musste ich in aller Frühe einige Kilometer in der Dunkelheit durch den Wald laufen, um zum Bus zu kommen, mit dem ich dann fast eine Stunde in die Schule fuhr. Den langen Fußmarsch musste ich bei so gut wie jedem Wetter zurücklegen. Ausnahmen gab es sehr selten.

Gott sei Dank hatte ich gute Schuhe und eine kleine Taschenlampe. Doch meistens entschied ich mich, die Taschenlampe möglichst nicht zu benutzen. Nur wenn es zu dunkel war und mir der Wald zu gruselig erschien, schaltete ich sie ein. Viel lieber aber wollte ich die Sterne sehen. Sie weckten in mir etwas Tiefes, etwas Unerklärliches, eine Sehnsucht nach einem Ort, der mir vertraut schien, den ich aber nicht beschreiben konnte.

Wenn ich die Sterne anschaute, oft auch abends aus meinem Fenster – unser Dorf war so abgelegen, dass man die Milchstraße meistens sehr gut sehen konnte –, begann ich zu träumen. Ich träumte, dass ich für irgendjemanden da draußen unglaublich wichtig und bedeutsam sei. Dass es jemanden gäbe, mit dem ich ein Abenteuer bestehen würde. Dass jemand um mich kämpfen, um mich werben würde. Dass jemand meine wahre Identität entdeckte, die größer war, als ich zu vermuten wagte. Ich träumte davon, dass ich für jemanden etwas Besonderes sein würde, für jemanden, der mich in der Tiefe meines Herzens verstand. Ich wollte gesehen und geliebt werden – in einer Dimension, die mir weder meine Eltern noch meine Freunde geben konnten.

Tief in mir drin wusste ich: Eigentlich wollte ich gar nicht mainstream sein. Ich wollte ein Mädchen mit einem Geheimnis sein.

Und so fing ich an, mir Geschichten auszudenken. Geschichten, in denen ich von Bedeutung war. Und viele Bücher zu lesen. Mich mit den Hauptfiguren zu identifizieren. Am liebsten verschlang ich Fantasy-Romane. Da waren Helden, die zuerst ganz normal schienen. Harry Potter zum Beispiel. Oder ein kleiner Hobbit, recht unscheinbar, im Auenland. Oder vier Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs zu einem Professor geschickt wurden. Dann aber kam in diesen Geschichten immer etwas Außergewöhnliches vor. Eine Narbe. Ein Ring. Ein Wandschrank. Eine Verbindung zu einer anderen Welt, die plötzlich schier übermächtig hereinbrach.

Und es gab jede Menge Abenteuer. Durch den Sturm ihrer Geschichte hindurch mussten die Helden eine Herausforderung bestehen. So beeinflussten sie den Lauf der Erzählung, und sie begannen zu leuchten, klar und hell. Durch die geschlagenen Schlachten gewannen sie eine Autorität und Signifikanz, die sie ohne ihren schwierigen Weg nicht erhalten hätten. Manchmal entwickelten sie außergewöhnliche Fähigkeiten. Meistens aber waren es ihr besonderer Charakter, ihre Integrität, ihre Demut und ihre Kühnheit, die sie auszeichneten. Diese wurden erst durch die Krisen, Verluste und Niederlagen hindurch sichtbar. Dazu kam, dass sie immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.

Ich wollte so gerne ebenfalls zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um ein Abenteuer zu erleben. Ich wollte so gerne signifikant sein. Einen Unterschied machen. Nicht nur einen kleinen, der womöglich nur von mir oder wenigen um mich herum bemerkt werden würde. Nein, ich wollte mit meinem Leben einen gravierenden Unterschied machen.

In meinem Kopf hatte ich viele Ideen. Ich könnte Lehrerin werden. Germanistik interessierte mich. Ich wollte jungen Menschen etwas mitgeben. Oder Historikerin sein. Lernen aus der Geschichte der Menschheit, aus den Kriegen, Wirren, Entwicklungen, Erfindungen. Oder ich könnte Sprachen lernen. Latein, Englisch, Französisch. Vielleicht mal in Afrika leben. Als Entwicklungshelferin. Armut lindern. Oder nach Australien gehen. Abenteuer im Land der Kängurus erleben. Großbritannien klang auch spannend. Außerdem wollte ich meine Kreativität einsetzen. Mit Menschen zu tun haben. Oder Schriftstellerin werden. Das war lange mein Traum.

Es gab tausend Möglichkeiten. Das Problem war nur: Ich konnte mich nicht für eine entscheiden und wusste auch nicht, wofür ich wirklich leben wollte. Dazu kam, dass ich mich überhaupt nicht frei fühlte. Vielmehr war ich eine Gefangene meiner eigenen limitierenden Gedanken. Und diese Gedanken waren: Ich bin nicht frei. Ich bin Sklave des Systems. Sklave dessen, wie mich andere definieren und was andere von mir erwarten.

Eleanor Powell, eine amerikanische Tänzerin und Schauspielerin, hat ein Zitat geprägt, das mich einige Jahre später sehr zum Nachdenken gebracht hat. Es heißt: „Was wir sind, ist Gottes Geschenk an uns. Was wir aus unserem Leben machen, ist unser Geschenk an ihn.“

Ich habe mich als Teenager nie als Geschenk gesehen. Und schon gar nicht erwartet, dass ich mit meinem Leben etwas zurückschenken könnte! Ich war viel zu beschäftigt mit der Unzufriedenheit mit mir selbst.

Heute weiß ich: Wir sind wirklich dafür gemacht, ein Geschenk zu sein. Das ist aber nicht so einfach. Als Grundvoraussetzung müssen wir uns erst einmal selbst annehmen und lieben können. Wir müssen uns erst bewusst werden, dass wir überhaupt einen Selbstwert, einen Wert in uns haben. Man verschenkt kein Stück Müll. Wie können wir uns als Geschenk verstehen, wenn wir uns als völlig wertlos betrachten?

Außerdem grundlegend: Schenken passiert nur im Kontext der Freiheit. Aber ich war nicht frei. Tief in mir drin fand ich zahlreiche Paradigmen, die dem widersprachen, was ich eigentlich leben wollte. Ich hatte sie mir mühsam antrainiert und jahrelang verinnerlicht. Man könnte sie auch als Lebenslügen bezeichnen. Dinge, die ich mir selbst erklärte, die aber nicht der Wahrheit entsprachen. Sie funktionierten wie innere Sklaventreiber. Sie trieben mich an, aber nicht, indem sie mir eine positive, lebensfördernde Motivation schenkten, sondern indem sie meine Ängste schürten.

Eine meiner Hauptlebenslügen hieß lange: „Ich muss etwas leisten, dann erst bin ich angenommen.“ Deshalb nutzte ich meine Sportlichkeit und strengte mich beim Turnen besonders an. Deshalb versuchte ich, eine gute Schülerin zu sein. Deshalb war ich allen gegenüber hilfsbereit. „Ich muss etwas leisten, dann werde ich geliebt. Ich muss mir Liebe verdienen. Wer nichts tut, ist nichts wert.“ Diese Sätze hatten sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Sie bestimmten mein Verhalten. Über Jahre hatte ich sie mir in meiner Kindheit antrainiert.

Einer der Gründe dafür war sicherlich auch, dass meine Eltern viel gearbeitet haben. Ich weiß, dass sie mich sehr liebten (und heute mehr denn je). Aber die Arbeit stand nach meinem Empfinden oft über den Beziehungen. Heute verstehe ich, dass der landwirtschaftliche Betrieb nicht genug für uns alle abgeworfen hätte, hätten meine Eltern nicht so viel gearbeitet. Durch ihre harte Arbeit haben sie die Familie ernährt. Das haben sie wiederum von ihren Eltern gelernt, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter großen Opfern ihre Existenz sichern mussten. So etwas prägt natürlich. Über Generationen hinweg. Und deshalb findet sich dieses Paradigma sehr stark in unserer Gesellschaft. Viele tragen es in sich. So wie ich.

Außerdem bekam ich hauptsächlich dann Lob, wenn ich etwas geleistet hatte. Das war keine böse Absicht meiner Eltern oder Lehrerinnen, ganz im Gegenteil, sie wollten mich ermutigen. Aber ich lernte, dass Arbeit und Leistung mit Anerkennung einhergingen. Auch der Umkehrschluss galt: Ohne Leistung weniger Anerkennung, das heißt: weniger Liebe.

Weil ich mich so sehr nach Liebe und Anerkennung sehnte, versuchte ich immer, durch gute Leistung hervorzustechen. Doch obwohl ich aufgrund meiner sportlichen und schulischen Leistungen Anerkennung von anderen bekam, war ich nie zufrieden mit mir. Oft ergatterte ich bei der Leichtathletik oder im Turnen nur eine Bronzemedaille. Das frustrierte mich. Stets verglich ich mich mit den Sportlerinnen, die noch besser waren als ich.

Sehr lange habe ich meinen eigenen Antreibern gedient, ohne es zu merken. Damals war das sogar einfacher, als wenn ich zwischen dem Sklaventreiber und der Option der Freiheit hätte wählen müssen. Das ist anstrengend. Das ist ein Kampf der Gedanken und Emotionen, den ich erst später erfahren sollte, als ich mich von meinen eigenen Gedankenmustern freizustrampeln begann.

Bei all den Lebenslügen spürte ich immer diese unbändige Sehnsucht nach mehr. Natürlich bekam ich Anerkennung, Liebe und Wertschätzung für einzelne Leistungen. Aber es war eben niemals genug. Und das merkte ich in meinem Leben so stark. Mein Hunger war eigentlich nie gestillt. Ich wollte immer noch mehr geliebt werden. Noch mehr gesehen werden als die, die ich wirklich war. Und ich wollte schön sein und wünschte mir, dass es jemand bemerkte.

An meinem Äußeren hatte ich allerdings auch sehr vieles auszusetzen. Obwohl ich einen sportlichen und schlanken Körper habe, nahm ich ihn damals nur als Problem wahr. Meine Knie, meine Hautirritationen und meine leise und unsichere Stimme störten mich besonders.

Die Wiederentdeckung der Schönheit