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Skarabäus, Genüssen des Lebens stets freudig ergebener Mistkäfer im Alten Ägypten, erreicht eines Tages der Ruf des Großen Einen. Skarabäus soll sein Botschafter des Lichts werden. Dieser Ehre ist sich der Herrscher einer dunklen, modernden Misthaufenwelt aber keineswegs bewusst. Schließlich jedoch nimmt er den mühsamen Weg durch die Wüste auf sich, der an seinem Ziel, der Pyrami-denspitze, mit einem einzigartigen Erlebnis gekrönt wird.
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Seitenzahl: 40
Veröffentlichungsjahr: 2017
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Vor etwa viertausend Jahren lebte in Ägypten ein prächtiger Mistkäfer. Ein Skarabäus namens ‚Cheper’. Kaum jemand seiner Mitbewohner im großen Misthaufen vor dem Dorf nannte ihn aber so. Für sie war er einfach „Skarabäus“, jederzeit erkennbar an seiner ungewöhnlichen Größe und Kraft.
Skarabäus fühlte sich sehr wohl in seiner Welt, einem dunklen, warmen, stinkenden Misthaufen in Sichtweite der für den Pharao errichteten Pyramide. Weiß strahlend schien sie die Wüste übermächtig zu beherrschen. Das Strahlen ihrer in der Sonne geheimnisvoll blitzenden Spitze war in extrem heißen Wochen sogar im Misthaufen, wenn die austrocknenden Halme und der Dung vor allem in den obersten Etagen zu harten Klumpen schrumpften, zu erkennen. Im Inneren des modrigen Haufens hielt sich dagegen die warme Feuchte. Hier war Skarabäus‘ Reich.
Für ihn war der täglich wachsende Misthaufen ein wahrhaft herrlicher Ort: Ein Platz unbeschreiblicher Genüsse zum einen, eine wunderbare Brutstätte für seine unzähligen Nachkommen zum anderen. Denn keiner der anderen Käfer im Dung war so fruchtbar wie Skarabäus, der das Leben liebte wie der Mond die Dunkelheit. Ungezählten Käfer-Generationen hatte er zum Leben verholfen! Skarabäus vergaß gern die von ihm befruchteten, emsigen Weibchen, die kräftig Eier abgelegt und ihren nicht unerheblichen Teil zum rasant wachsenden Käfernachwuchs beigetragen hatten.
Im Laufe seiner vielen Leben war unserem kleinen Angeber, man konnte ihn schon so nennen, ein immer dickerer Panzer gewachsen. Mittlerweile eilte ihm sogar der Ruf voraus, unverwundbar zu sein. Das war ganz in Skarabäus‘ Sinn: Ihm war es Recht, wenn Neider und Konkurrenten an seine übernatürliche, alles Vorstellbare übertreffende Kraft glaubten. Fast glaubte er selbst schon daran. Im Grunde war er überzeugt:
„An mir kommt keiner vorbei. Kein Kerl und schon gar kein Käferweib!“
***
Weil er im modrigdunklen Mist wenig sah und hörte, waren seine sonstigen Wahrnehmungen dafür umso besser ausgebildet. Skarabäus war in der Lage, über die Unterseite seiner hageren Füßchen allerfeinste Schwingungen aufzunehmen. Wenn weit entfernt eine Maus durch den Haufen huschte, entging ihm das nicht. Auch nicht, wenn sich auf einem Halm in der oberen Dungschicht eine dicke Schmeißfliege wie Bat, die hinterlistigste von allen im gesamten Misthaufenareal, niederließ. Skarabäus konnte die unendlich zarten Vibrationen vom Brechen und Knistern der Strohhalme noch am anderen Ende des Dunghaufens spüren. Ebenfalls außergewöhnlich entwickelt war sein Geruchssinn. Bis zur kleinsten, modrig zergehenden Pilzspore führte er ihn. Über viele Meter im Dickicht von faulendem Gras, trockenem Heu, verwelkten Pflanzen, Würmern und Maden spürte Cheper sie zielsicher auf. Darben musste er Zeit seines Lebens im Misthaufen nie.
Die Krönung seines wunderbaren Daseins waren jedoch Käferweibchen: Von ihnen fühlte er sich magisch angezogen. Nicht von einzelnen Prachtexemplaren. Nein, jedes dieser weiblichen Wesen weckte in ihm , sobald er seiner gewahr wurde, die Lust: Vom Leben gezeichnete mit mattem Panzer, in der Blüte ihrer Fruchtbarkeit stehende, oder junge, die mit den Freuden irdischen Daseins, vor allem natürlich dem Sex, erst einmal vertraut gemacht werden mussten. Ob weniger ansehnliche Exemplare oder Schönheiten mit irisierend glänzenden Flügeln und agilem Krabbelwerkzeug – Skarabäus hatte sie alle.
Wählerisch war er nicht. Das weibliche Geschlecht machte es ihm auch nicht schwer. Seine mächtige Erscheinung schien sie zu paralysieren. Aller Selbstschutz und jede ansosnsten geübte Skepsis warfen sie über den Haufen. Willenlos überließen sie Skarabäus ihr Feld und ergaben sich in seinen Fängen, beziehungsweise kräftigen Krabbelbeinen.
Weibchen auf`’s Kreuz zu legen war Cheper’s große Leidenschaft. Gar nicht genug konnte er davon bekommen. An kaum einem der grün schillernden Flügel potentieller Partnerinnen kam er vorbei. Wie genoss er es jedes Mal, wenn die Gespielinnen nach seiner wohl durchdachten, hingebungsvollen Anmache ihren Panzer lockerten und sie rücklings liegend, erwartungsfroh alle Beine von sich streckten. Dann standen alle Tore für ihn offen, und Cheper, dem Skarabäus schien das Leben nahezu vollkommen!
„Und allen habe ich gegeben, was sie brauchten“, dachte Skarabäus zufrieden mit sich selbst.
Bei diesem angenehmen Gedanken, streckte er, entspannt für eine kurze Weile, alle Sechse von sich.
Doch etwas wuchs in seinem Inneren ohne dass er sich dessen bewusst gewesen wäre. Wie eine Ahnung, unfassbar, doch im Geheimen spürbar wie ein unsichtbarer Hauch. Bei seiner fortwährenden Gier nach Genüssen aller Art und insbesondere nach Sex war ihm bisher nie Gedanken gekommen, dass womöglich ein höheres, wie auch immer sich offenbarendes Gefühl existieren könne, das dem Akt der Vereinigung einen göttlichen Sinn geben. Und schon gar nicht, dass seine außergewöhnliche körperliche Stärke Ausdruck einer göttlichen Kraft sein könnte.
Doch die Zeit einer Veränderung sollte kommen.
