Skulduggery Pleasant 8 - Die Rückkehr der Toten Männer - Derek Landy - E-Book

Skulduggery Pleasant 8 - Die Rückkehr der Toten Männer E-Book

Derek Landy

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Beschreibung

Es herrscht Krieg! Doch diesmal stellen sich die Sanktuarien der Welt gegen das irische Sanktuarium. Denn Irland ist eine Wiege der Magie und das weckt Begehrlichkeiten. Und so kämpfen nun Zauberer gegen Zauberer in einem sinnlosen Bruderkrieg, während im Verborgenen Hexen und Warlocks nur darauf warten, die Zauberergemeinschaft an ihrer verwundbarsten Stelle zu treffen. Aber Irland hat eine Geheimwaffe - die Toten Männer. Jene unerschrockene Truppe von Helden um Skulduggery Pleasant, die schon gegen Mevolent gekämpft haben. Und mitten unter ihnen ein neues Mitglied: Walküre Unruh, Skulduggerys erwachsen gewordene Gefährtin. Niemand ahnt, dass Walküre selbst die größte Zerstörung bringen wird ... Spiegel- Bestseller-Autor Derek Landy mit einem weiteren actiongeladenen Fantasy-Abenteuer über den coolen Skelett-Detektiv Skulduggery Pleasant. Spaß und Spannung garantiert.

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Seitenzahl: 849

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Dieses Buch ist euch gewidmet. Ob ihr nun Minions seid oder ein Skuttlebugs oder – ihr wisst schon – ganz normal, nur wegen euch kann ich das machen, was ich liebe, und es auch noch Arbeit nennen.   Einige von euch kenne ich mit Namen und einige vom Sehen (und einige vom Geruch, na ja, lassen wir das), aber es gibt noch unzählige andere, die ich noch nie getroffen habe, und euch allen möchte ich Danke sagen, für eure Unterstützung, eure Leidenschaft und den ganzen Wahnsinn.  

FÜNF JAHRE ZUVOR

Im Lager der Warlocks war es dunkel und still. Die Schwarzen Hexer schliefen.

Oben auf dem Hügel stand ein Mann mit goldenen Augen und beobachtete sie. Er versuchte, die Kälte von sich abzuhalten, indem er den Kragen seiner Jacke vorn zusammenhielt, doch es nützte nichts. Seine Finger und Zehen waren bereits gefühllos, und seine Zähne klapperten. Wie viele Male hatte er schon ähnliche Situationen erlebt, hatte Unannehmlichkeiten in Kauf genommen, während er auf den richtigen Moment zum Zuschlagen wartete? Mehr als ihm in Erinnerung waren, das stand fest. Doch es hatte sich immer gelohnt.

Hinter ihm tat sich etwas, aber er drehte sich nicht um. Er kannte den Schritt. „Ich habe nicht mehr mit dir gerechnet.“

Der alte Mann blieb neben ihm stehen, formte mit seinen Händen eine Halbkugel und blies hinein, um seine Finger zu wärmen. „Ich hatte Besuch“, erwiderte er. Seine Stimme war rau. Die Worte schrammten über seinen Kehlkopf. „Der Skelett-Detektiv und ein Mädchen. In ihren Adern fließt altes Blut. Uraltes Blut, nehme ich an. Sie ist gefährlich.“

„Sie ist dreizehn. Sie ist noch ein Kind.“

„Sie wird kein Kind bleiben. Noch ein paar Jahre, und sie stellt eine Bedrohung dar, lass dir das gesagt sein.“

„Ich hab’s vernommen“, erwiderte der Mann mit den goldenen Augen. Was hatte Madam Misty über die Qual gesagt? Früher war er einmal eine Größe, er war gefährlich, doch jetzt ist er ein alter Mann, eine gute Klinge, die stumpf wurde. Vielleicht hatte sie recht.

„Was diese Pläne betrifft“, sagte die Qual, „die Pläne, die du mit den anderen Kindern der Spinne geschmiedet hast. Es sind gute Pläne. Sie werden ihren Zweck erfüllen.“

„Dann bist du also dabei? Woher der Sinneswandel?“

Das zerfurchte Gesicht der Qual war halb unter dem langen grauen Haar und dem dichten Bart verborgen, doch wie eine stumpfe Klinge sah sie nicht mehr aus. Plötzlich wirkte sie wieder sehr wach. „Meine Besucher. Ihre Arroganz hat mich aus meiner Apathie gerissen. Die Sterblichen, die unter ihrem Schutz stehen, haben diese Welt lange genug regiert. Allerhöchste Zeit, dass wir die Macht übernehmen.“

„Das höre ich gern“, erwiderte der Mann mit den goldenen Augen. „In diesem Fall sind da unten ein paar Warlocks, die dringend getötet werden müssen. Falls du in der Stimmung bist …?“

Der Mann mit den goldenen Augen und die Qual näherten sich dem Lager von Süden her, während die Söldner von allen Seiten anrückten. Sterbliche in dunkler Militärkleidung. Schwer bewaffnet. Sie bewegten sich vollkommen lautlos, und dennoch regte sich einer der Schwarzen Hexer. Setzte sich auf und blickte hinaus in die Nacht. Eine Nacht, die plötzlich von den grellen Blitzen der Mündungsfeuer erhellt war.

Die drei Warlocks sprangen auf. Aber sie überlebten den unbarmherzigen Kugelhagel nicht, obwohl sie bekanntlich schwer umzubringen sind. Aus jeder Wunde strömte Licht, als sie zuckten, taumelten und stolperten. Dann verblasste das Licht, und sie fielen.

Die nachfolgende Stille wurde nur durch das Klicken beim Austausch leerer Magazine unterbrochen.

Die Qual steckte ihr Gewehr weg. Er benutzte nur ungern Waffen der Sterblichen. Er arbeitete auch nicht gern an ihrer Seite. Doch was jetzt kam, tat er gern.

Die Söldner gingen ins Lager und vergewisserten sich, dass die Warlocks auch wirklich tot waren.

„Ihr drei nehmt den Jeep und verschwindet“, befahl der Mann mit den goldenen Augen. „Wegen der Bezahlung setze ich mich mit euch in Verbindung.“

Drei Söldner verschmolzen mit der Dunkelheit. Die anderen beiden blieben in der Nähe und warteten auf Anweisungen.

Die Qual packte den Kopf des größeren und drehte ihn, bis sein Genick brach. Der kleinere wich zurück und griff nach seiner Waffe, doch die Qual entwand sie ihm.

Während der Söldner totgeschlagen wurde, ließ der Mann mit den goldenen Augen den Blick über den Schauplatz gleiten. Die anderen Warlocks würden zurückkommen und ihre abgeschlachteten Brüder finden, zusammen mit den Leichen zweier Soldaten, die es getan hatten. Sterbliche Soldaten ohne Uniformen oder Abzeichen oder andere Möglichkeiten der Identifikation.

„Warum hast du die anderen am Leben gelassen?“, wollte die Qual wissen, als sie fertig war. „Sie können uns identifizieren.“

Das stimmte zur Hälfte. Die anderen Söldner konnten die Qual identifizieren, doch der Mann mit den goldenen Augen verblasste bereits in ihrer Erinnerung. „Damit das funktioniert, müssen sie mit ihrer Mission angeben können. Die drei, die ich gehen ließ, haben das größte Mundwerk. Ihre Prahlereien werden irgendwann auf die richtigen Ohren treffen.“

Die Qual machte ein finsteres Gesicht. „Das lässt sich auch schneller bewerkstelligen.“

„Nein“, widersprach der Mann mit den goldenen Augen. „Wir sind noch nicht so weit. Aber bald. Es wird nicht mehr lange dauern.“

DREI MONATE ZUVOR

Falls seine Prognose stimmte – und selbstverständlich stimmte sie, er lag nie daneben –, würde der Ingenieur es schaffen. Seit dem Moment, in dem das warnende Pling in seinem Kopf ertönt war, hatte er noch genau vier Wochen Zeit, um den Shutdown einzuleiten, bevor die Katastrophe so gut wie unvermeidbar wurde. Er benutzte das vorbehaltliche So-gut-wie, da natürlich nichts unvermeidbar war, nicht wirklich. Für jede Eventualität gab es versteckte Klauseln. Das hatte der Ingenieur auf seinen Reisen gelernt, auf denen er „Lebenserfahrung“, wie er es nannte, gesammelt hatte. Dass der Ingenieur technisch gesehen nicht lebendig war, spielte hierbei keine Rolle. Er existierte, besaß ein Empfindungsvermögen und somit auch Lebenserfahrung.

Aber genug davon …

Wäre er gewesen, wo er hätte sein sollen, als das Pling ertönte, hätte der vierwöchige Countdown nicht die geringste Bedeutung gehabt. Leider war der Ingenieur aber nicht, wo er sein sollte. Eine bedauerliche Abfolge von Ereignissen, klar. Der Ingenieur hatte ein sehr schlechtes Gewissen deshalb. Nicht dass den Ingenieur eine Schuld getroffen hätte. Niemand konnte dem Ingenieur die Schuld in die mechanischen Schuhe schieben. Hatte er nicht fast drei Jahrzehnte lang Wache gestanden? Hatte er nicht die meiste Zeit seine Pflicht erfüllt? War es wirklich sein Fehler, dass seine fortgeschrittene Programmierung, eine wunderbare Mischung aus Technologie und Magie, ihn befähigte, das menschliche Phänomen der Langeweile zu empfinden? War es wirklich seine Schuld, dass er beschlossen hatte, einen Spaziergang zu machen? Oder dass er, als das Pling ertönte und er endlich gebraucht wurde und in Aktion hätte treten müssen, statt auf seinem Posten zu sein, bereit, helfend einzugreifen, an einem Strand in Italien weilte und ungewöhnliche Muscheln suchte?

Nein. Der Ingenieur glaubte das nicht.

Jetzt kam er jedoch gut voran. Die in seinen Metallkörper eingravierten magischen Symbole löschten ihn noch in dem Moment, in dem die Sterblichen ihn sahen, aus ihrer Erinnerung. Dies erlaubte dem Ingenieur, auch tagsüber zu reisen und belebte Straßen zu benutzen. Der Ingenieur lächelte (insgeheim, denn er hatte natürlich keinen Mund). Es ging ihm gut. Er war optimistisch. Wenn er sein derzeitiges Tempo beibehielt, erreichte er Irland früh genug, um alles abzuschalten, bevor eine Serie von Überlastungen und Stromschleifen unweigerlich zu einer Reihe von Ereignissen führen würde, die am Ende wiederum zu der wahrscheinlichen Zerstörung der Welt führen würden. Der Ingenieur war nicht beunruhigt.

Dann erfasste ihn der Lastwagen.

Krieg ist das Geschäft von Barbaren.

DIE HEXEN

Der Himmel war klar, die Sterne leuchteten hell, und Gracious war auf der Wiese eingeschlafen. Donegan stupste ihn an, er knurrte und kam zu sich.

„Eigentlich solltest du ein Auge auf den Ort hier haben“, rügte Donegan.

Gracious gähnte. „Hab ich doch.“

„Du hast geschlafen.“

„Ich habe meine Augen ausgeruht.“

„Du hast geschnarcht.“

„Ich habe Lungenübungen gemacht.“

„Steh auf.“

Ächzend stand Gracious auf und reckte sich. Besonders weit brauchte er sich nicht zu recken. Er war nicht sehr groß. Doch was Gracious O’Callahan an Größe fehlte, machte er durch Muskeln und eine coole Frisur wett. „Hi, Walküre“, grüßte er.

„Hi, Gracious.“

„Dann ist das also deine erste Begegnung mit einer Hexe?“

Sie nickte.

„Du machst das schon, keine Bange. Hexen haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen.“

„Ich dachte, das gilt für Bienen.“

Er blinzelte. „Du könntest recht haben. Ja, du hast recht. Bienen sind okay, Hexen sind schrecklich. Ich verwechsle die beiden immer.“ Er trug weite Jeans und ein verblichenes Star-Wars-T-Shirt. Walküre stellte sich vor, dass er bei sich zu Hause ein Extrazimmer hatte, in dem er alle seine unmöglichen Kleidungsstücke aufbewahrte, die an alte Filme erinnerten. Und sie stellte sich weiter vor, wie er stundenlang in der Mitte dieses Zimmers stand und sich mit einem verstörenden Lächeln auf der Stelle drehte. Im Gegensatz dazu bevorzugte Donegan Bane, ein großer schlanker Engländer, Sportjacketts und schmale Krawatten zu seinen hautengen Jeans.

Er blickte Gracious finster an. „Ich kann’s nicht fassen, dass du eingeschlafen bist.“

„Ich bin nicht eingeschlafen.“

„Weißt du dann, ob sie zu Hause ist oder nicht?“

„Keine Ahnung“, gab Gracious zu. „Ich bin eingeschlafen.“

Walküre hatte sie erst vor wenigen Monaten kennengelernt, glaubte jedoch, sie inzwischen gut genug zu kennen, um zu wissen, dass sie sich, wenn niemand einschritt, auf diesem Hügel stundenlang in den Haaren liegen konnten. Also drehte sie sich um und ging zum Cottage hinunter. Einen Augenblick später folgten sie ihr.

Unten angekommen, klopfte Donegan an die Haustür. Nach kurzem Warten öffnete ein Mädchen stirnrunzelnd die Tür.

„Hallo“, grüßte Donegan. Sie erwiderte sein Lächeln nicht.

„Wisst ihr, wie spät es ist?“, fragte das Mädchen. Walküre schätzte sie in ihrem Alter, ungefähr siebzehn oder achtzehn. Sie hatte helle Haut und volle Lippen, und eine üppige rote Mähne rahmte ihr Gesicht ein.

„Keineswegs“, erwiderte Donegan, als sei es ein Spiel. „Wie spät ist es denn?“

Sie machte ein finsteres Gesicht. „Was wollt ihr?“

„Ich heiße Donegan Bane, und das ist mein Kollege Gracious O’Callahan. Wir sind Monsterjäger. Wir sind mit unserer Partnerin Walküre Unruh hier und wüssten gern, ob deine Großmutter zu Hause ist.“

„Ihr seid Monsterjäger?“

„So ist es. Du hast wahrscheinlich von uns gehört. Wir sind die Autoren von Monsterjagd für Anfänger, Die ultimative Studie über Werwesen und Die Leidenschaften der Greta Grey, unser erster Liebesroman.“

„Und ihr wollt zu meiner Großmutter?“

„Wenn deine Großmutter Dubhóg Ni Broin ist, ja.“

„Werdet ihr sie umbringen?“

„Bitte? Natürlich nicht! Nichts dergleichen! Wir wollen nur mit ihr reden.“

„Dann werdet ihr sie also nicht umbringen?“

„Nein“, antwortete Donegan und lachte. „Ich versichere dir, sie hat nichts zu befürchten.“

Das Mädchen kniff die Augen zusammen. „Wer sagt mir, dass ich euch trauen kann?“

„Wir sind unbewaffnet“, erwiderte Donegan vergnügt.

Gracious schaute ihn an. „Du bist unbewaffnet?“, fragte er überrascht.

„Ja“, antwortete Donegan. „Du etwa nicht?“

„Wahrscheinlich schon. Wenn man mein Gewehr nicht mitrechnet.“

Donegan blickte ihn finster an. „Was? Warum hast du ein Gewehr dabei? Ich hab dir doch gesagt, dass du unbewaffnet kommen sollst.“

„Ich dachte, du machst einen Witz.“

„Wieso sollte ich einen Witz machen?“

„Keine Ahnung. Ich dachte, das wäre das Lustige daran.“

Donegan sah aus, als wollte er seinen Partner erwürgen, zwang dann aber wieder ein Lächeln auf sein Gesicht und wandte sich erneut dem Mädchen zu.

„Tut mir leid, aber wie war noch mal dein Name?“

Das Mädchen schaute ihn misstrauisch an. „Misery.“

„Schön, dich kennenzulernen, Misery. Mein Freund hier hat jede Menge Probleme. Auf seine Art ist er ziemlich clever, nimmt aber gern Gewehre mit an Orte, an denen sie nichts verloren haben. Ich kann dir versichern, dass wir deiner Großmutter nichts zuleide tun. Wir wollen nur mit ihr reden.“

„Weshalb?“

Walküre trat vor, ehe einer der Monsterjäger die Situation noch schlimmer machen konnte. „Wir sind auf der Suche nach einem Freund von uns. Vielleicht hast du ihn ja gesehen? Groß? Dürr? Trägt elegante Anzüge? Und ist dazu noch ein Skelett? Er heißt Skulduggery Pleasant und hat sich aus dem Staub gemacht, und wir glauben, deine Großmutter könnte wissen, wo er ist.“

„Warum sollte meine Großmutter das wissen?“

„Weil er sie besucht hat. Und das ist das Letzte, was wir von ihm gehört haben.“

„Mit Zauberern haben wir nicht viel am Hut“, erwiderte Misery. „Sie mögen uns nicht, und wir mögen sie nicht. Ich erinnere mich auch nicht, euren Freund gesehen zu haben. Was soll er noch mal sein? Ein Zombie? Eine Mumie?“

„Ein Skelett.“

„Ein Skelett, genau. So was hab ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

„Ich glaube, du lügst“, sagte Walküre.

Misery lächelte kühl. „Und wenn? Was willst du dagegen tun?“

„Was immer ich tun muss.“

„Ah, da ist sie ja, die Arroganz, von der meine Großmutter immer spricht. Welche Art Zauberer bist du eigentlich? Lass mich raten. So wie du da stehst, ganz in Schwarz … Sind deine Klamotten gepanzert? Bestimmt, oder? Und der große hässliche Ring an deinem Finger … der hat doch was mit diesem Totenmagiezeug zu tun, nicht wahr? Mit Totenbeschwörung. Aber du … du bist in meinem Alter. Du bist zu jung, du kannst das Aufwallen deiner Kräfte noch nicht hinter dir haben. Wahrscheinlich experimentierst du noch mit deinen ulkigen Zaubererdisziplinen herum, wie jedes brave Mädchen. Dann würde ich mal annehmen, du bist eine Elementezauberin. Stimmt doch, oder? Hexen kennen keine Disziplinen, weißt du. Bei echter Magie geht es nicht darum, eine Sache unter anderen auszuwählen. Bei echter Magie geht es darum, dich allem zu öffnen.“

„Klar doch“, meinte Walküre. „Das ist wirklich interessant. Ist deine Großmutter zu Hause? Können wir sie sprechen?“

„Sie ist zu Hause. Aber sie ist beschäftigt.“

„Womit?“

„Hexenangelegenheiten.“

„Können wir reinkommen?“

„Nö.“

„Wir kommen rein, ob ohne oder mit deiner Erlaubnis.“

„Das würde ich gern sehen.“

„Nein, ganz bestimmt nicht.“

„Ich glaube“, mischte sich Gracious rasch ein, „wir hatten einen schlechten Start. Misery, ich finde, du bist ein wunderbares Mädchen, und ich sehe eine Art von Sanftmut in deinen Augen, die mich an ein neugeborenes Rehkitz erinnert oder an einen edelmütigen Igel. Wir suchen jetzt schon ein paar Tage nach deiner Großmutter, und gestern war dann unser lieber Freund Skulduggery plötzlich verschwunden. Wir machen uns große Sorgen, wie du dir vorstellen kannst, und einige von uns – ich will jetzt keine Namen nennen – könnten etwas unbeherrschter reagieren als sonst.“

„Ich bin nicht unbeherrscht“, widersprach Walküre.

„Woher weißt du dann, dass ich dich gemeint habe?“

„Weil du auf mich gedeutet hast.“

„Um wieder auf unser eigentliches Anliegen zurückzukommen, Misery: Wir wären dir wirklich dankbar, wenn du uns einlassen würdest. Bitte?“

Misery schaute ihn an, sagte aber nichts.

„Hm“, räusperte sich Gracious. „Hallo?“

„Still“, sagte sie. „Ich denke nach.“ Sie kaute auf ihrer vollen Unterlippe herum und seufzte dann. „Ich verstehe mich nicht wirklich gut mit meiner Großmutter. Sie ist so verbohrt und … Ich schau sie an, und sie ist total verrunzelt und so, und ich will nicht so enden. Versteht ihr? Ich will nicht für den Rest meines Lebens in einem Cottage mitten in der Pampa leben. Ich will in die Stadt. Ich will gelegentlich High Heels tragen und Dinge tun, die sich nicht immer nur ums Hexe-Sein drehen.“

Gracious nickte. „Ich verstehe dich und kann dir bei allem, was du gesagt hast, nachfühlen – die High Heels ausgenommen, damit kenne ich mich nicht aus.“

„Könnt ihr mir versprechen, dass keiner von euch ihr etwas tut?“, fragte Misery.

Walküre runzelte die Stirn. „Warum sollten wir ihr etwas tun?“

„Weil sie euren Freund im Keller eingesperrt hat.“

Walküre betrat das Haus. „Wehe, sie hat ihn auch nur angerührt!“

Misery hob die Hände. „Er ist okay, er ist okay. Soviel ich gehört habe, reden sie nur miteinander. Wenn ihr mir versprecht, ihr nichts zu tun, zeige ich euch, wie ihr zu ihnen hinunterkommt. Abgemacht?“

„Ich werde mich verteidigen“, erwiderte Walküre. „Falls sie mich angreift, werde ich mich verteidigen. Aber … wir versprechen, sie nicht zu hart ranzunehmen, falls das möglich ist.“

„Mehr kannst du wirklich nicht erwarten“, fügte Gracious fast entschuldigend hinzu.

„Okay“, meinte Misery nach kurzem Überlegen. „Kommt rein. Tretet euch die Schuhe ab.“

Das Cottage war dunkel und merkwürdig und roch seltsam, nach einem Mix aus gekochtem Kohl und nassem Hund. Walküre verstand, weshalb Misery hier nicht leben wollte. Sie sah keinen Fernseher und nicht einmal ein Radio. Statt elektrischem Licht gab es Öllampen, und in einer Ecke stand eine Kohlenpfanne. Im Winter wurde es hier wahrscheinlich ganz schön kalt.

Misery zog einen Teppich weg und öffnete eine schwere Falltür. Sie legte den Finger auf die Lippen, und Walküre nickte.

Walküre und die Monsterjäger stiegen die Steinstufen hinunter. Der Keller war größer, als sie erwartet hatten, aber ungefähr so düster. Sie schlichen einen schmalen Gang entlang auf ein flackerndes Licht zu. Dabei folgten sie Skulduggerys Stimme sowie der einer Frau. Je näher sie kamen, desto mehr konnten sie verstehen.

„… was das mit mir zu tun hat“, sagte die Frau. „Ich bin bloß eine alte Hexe, die ihre Tage mit einer undankbaren Enkelin verbringt. Was weiß ich schon über die Angelegenheiten von Warlocks?“

Walküre spähte um die Ecke. Dubhóg Ni Broin ähnelte ganz erstaunlich einer Hexe aus dem Märchen. Sie war alt und klein und bucklig, hatte verfilztes graues Haar und ein spitzes Kinn mit einer Warze darauf. Einer Warze! Sie trug einen schwarzen Schal über einem schwarzen Kleid ohne Form, aber leider keinen spitzen Hut. Doch Walküre hätte auch nicht gewollt, dass sie sich völlig zur Karikatur machte. Das wäre lächerlich gewesen.

Skulduggery Pleasant stand in einem Kreidekreis, das Gesicht Dubhóg, den Rücken Walküre zugewandt. Inzwischen kannte sie sich gut genug mit Symbolen und Sigillenmagie aus, um zu wissen, dass der Kreis seine Kräfte lähmte. Aber sie sah noch andere, ihr unbekannte Symbole. Da er nicht einfach aus dem Kreis heraustrat, nahm sie an, dass sie dazu da waren, ihn an Ort und Stelle festzuhalten.

„Hexen und Warlocks sind doch dicke Freunde“, sagte er gerade. Er trug denselben grauen Anzug, in dem sie ihn zuletzt gesehen hatte. Sein Hut lag auf dem Tisch in der Ecke, und das Licht der Lampe spiegelte sich in seinem Schädel. „Ihr kauft in denselben Läden ein, benutzt dieselben Rezepte … Falls irgendjemand gehört hat, was die Warlocks vorhaben, ist es eine Hexe.“

„Vielleicht diese anderen Hexen“, erwiderte Dubhóg leicht verbittert. „Vielleicht die Jüngferchen oder diese Bräute der Blutigen Tränen mit ihren nackten Bäuchen und Schleiern und den langen Beinen … Ist mein Bauch nackt, Knochenmann? Trage ich einen Schleier? Sind meine Beine lang und wohlgeformt?“

„Hm“, machte Skulduggery.

„Es gibt verschiedene Arten von Hexen und Warlocks“, fuhr Dubhóg fort, „so wie es auch verschiedene Arten von Zauberern gibt. Es gibt männliche und weibliche Hexen, genau wie männliche und weibliche Warlocks. Alle möglichen Arten. Aber wir bleiben unter uns. Anderer Leute Angelegenheiten interessieren uns nicht.“

„Aber mich interessieren die Angelegenheiten anderer“, sagte Skulduggery. „Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, Dubhóg. Beunruhigende Gerüchte. Ich hatte gehofft, du könntest meine Befürchtungen zerstreuen.“

„Und deshalb hast du mich angegriffen?“

„Ich habe lediglich an deine Haustür geklopft.“

„Dann hast du eben meine Haustür angegriffen.“ Dubhóg schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Ihr haltet euch für ausgesprochen clever, was? Mit euren Sanktuarien und euren Regeln. Ihr glaubt, alle sollten sein wie ihr. Aber ich bin nicht wie ihr. Hexen sind nicht wie ihr. Warlocks sind nicht wie ihr. Weshalb sollten wir auch so sein wollen? Euer Leben wird von Regeln bestimmt und eingeschränkt. Selbst eure Magie ist eingeschränkt. Zauberer gehen mit Magie um, als sei sie eine Wissenschaft. Das ist abscheulich und unnatürlich. Es verbiegt die Natur wahrer Magie.“

„Kontrolle ist wichtig.“

„Weshalb? Weshalb ist sie wichtig? Die Magie sollte sich in jeder erdenklichen Form entfalten können.“

„Das führt zu Wahnsinn.“

„Für die Willensschwachen vielleicht.“

„Sag mir, was Charivari vorhat.“

„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte Dubhóg. „Ich bin dem Mann nie begegnet. Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich irgendetwas von alldem weiß?“

„Vor etwas über einem Jahr hat man gesehen, wie du mit einem Warlock geredet hast, der daraufhin versucht hat, mich und meine Kollegin umzubringen.“

„Vor über einem Jahr? Wie kannst du erwarten, dass ich mich so weit zurückerinnere? Ich bin achthundert Jahre alt. Nebensächlichkeiten wie wer hat was gesagt oder getan, oder wer hat versucht, wen zu töten, kann ich mir nicht mehr merken. Meine Tage sind meiner Enkeltochter gewidmet, und meine Nächte verbringe ich mit häufigen Gängen zur Toilette. Ich habe keine Zeit für die hochfliegenden Pläne anderer.“

„Dann hat Charivari also hochfliegende Pläne?“

Dubhóg runzelte die Stirn. „Das hab ich nicht gesagt.“

„Irgendwie schon.“

„Ah, verstehe. Du gehörst auch zu denen, wie? Du spielst gern mit Worten und versuchst, mich so übers Ohr zu hauen. Das funktioniert nicht. Mit dem Alter kommt Weisheit. Schon mal gehört?“

„Ja, aber ich habe herausgefunden, dass Weisheit ihre Wachstumsgrenze bei ungefähr hundertzwanzig Jahren erreicht. Bist du erst mal so alt, wirst du nicht mehr weiser.“

„Ich bin weise genug, um mich nicht weiter zu der Sache zu äußern.“

„Aber du weißt mehr über die Sache?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber wieder angedeutet. Der Warlock, mit dem du gesprochen hast, war von den Totenbeschwörern angeheuert worden, um uns umzubringen. Er sagte, er schulde ihnen einen speziellen Gefallen. Wieso?“

Dubhóg zuckte mit den Schultern. „Wieso tut irgendjemand irgendetwas?“

„Was haben die Totenbeschwörer für die Warlocks getan? Haben sie ihnen etwas gegeben? Ja? Was war es – ein Hinweis, ein Gegenstand, eine Person? War es ein Ding, war es eine Information, war es …? Es war eine Information? Okay.“

Dubhóg wich entsetzt zurück. „Was machst du da? Liest du meine Gedanken? Niemand kann meine Gedanken lesen. Die Gedanken von Hexen lassen sich nicht lesen.“

„Ich lese nicht deine Gedanken“, erwiderte Skulduggery, „ich lese deine Miene. Welche Information haben die Totenbeschwörer ihnen gegeben? Eine Strategie? Einen Ort? Einen Namen?“

Dubhóg kreischte und schlug die Hände vors Gesicht.

„Also einen Namen“, sagte Skulduggery.

„Du kannst das nicht wissen!“, schrie Dubhóg. „Ich habe die Hände vor dem Gesicht!“

„Das wollte der Warlock also von den Totenbeschwörern. Aber was wollte er von dir? Es wird leichter für dich, wenn du mir einfach sagst, was ich wissen will.“

„Niemals!“

Während Dubhóg mit den Händen vor dem Gesicht theatralisch herumtorkelte, trat Walküre aus ihrem Versteck und näherte sich dem Kreis. Skulduggery winkte ihr zu. Sie hätte auf ihren Finger spucken und die Kreide verwischen können, beschloss stattdessen aber, die vielen Übungsstunden endlich einmal in die Praxis umzusetzen. Sie kauerte sich neben den Kreis, legte eine Hand flach auf den Boden und presste ihre Magie in den Zement, bis sie fast ein Teil davon war, bis sie kalt und hart war wie er. Dann zog sie die Hand weg. Der Boden bekam Risse, und einer der Risse ging durch den Kreidestrich.

Bei dem Geräusch wirbelte Dubhóg herum und starrte Walküre an. Skulduggery trat aus dem Kreis heraus. „Wie bist du hereingekommen? Hast du meiner Enkelin etwas getan?“

Walküre richtete sich auf. „Es geht ihr gut.“

„Wenn du ihr etwas angetan hast …“

„Haben wir nicht.“

Dubhóg verzog das Gesicht in ihrem Zorn. „… wirst du es büßen!“

Walküre runzelte die Stirn. „Ich hab dir doch gesagt, dass wir ihr nichts …“

Aber es war zu spät.

Dubhóg flog auf. Die Luft um sie herum knisterte vor Energie, die ihr das lange Haar zu Berge stehen ließ. Da schwebte sie und sah mit ihrem wutverzerrten Gesicht aus wie eine durch Stromschlag hingerichtete Comicfigur. Gracious machte einen Satz auf sie zu. Ein knisternder Lichtstrahl traf ihn in die Brust, und er flog nach hinten. Jetzt trat Donegan in Aktion. Seine Hände begannen zu leuchten, doch Dubhóg fing den Energiestrom, den er in ihre Richtung schickte, auf und feuerte selbst noch einmal einen ab. Die Luft um Walküre verdichtete sich, und sie schoss auf Dubhóg zu. Schatten bauschten sich um ihre Faust. Dubhóg packte sie mit festem Griff am Hals, und Walküre schnippte mit den Fingern. Sie ließ einen Feuerball in ihrer Hand entstehen und wollte ihn der Hexe ins Gesicht schleudern.

„Omi!“, rief Misery. „Omi, hör auf! Großmama. NANA!“

Dubhóg erstarrte mitten in der Bewegung und blickte sich um. „Misery? Alles in Ordnung mit dir?“

„Sie haben mir nichts getan, Nana.“ Misery schien sauer zu sein. „Lass sie runter, bevor du mich noch mehr in Verlegenheit bringst.“

Dubhóg schwebte zu Boden und ließ Walküre los. Diese trat ein paar Schritte zurück und rieb sich den Hals.

„Tut mir schrecklich leid“, entschuldigte sich Dubhóg. Ihr Haar fiel ihr wieder auf die Schultern, und diese wilde Kraft verließ sie, so schnell sie gekommen war.

Skulduggery trat vor. „Schon gut. Wir machen alle Fehler, nicht wahr? Nichts passiert.“

Gracious stöhnte in seiner Ecke.

„Sag ihnen, was sie wissen wollen“, verlangte Misery, „und dann kommt nach oben. Ich setze Teewasser auf.“

Misery drehte sich um und ging. Dubhóg räusperte sich und lächelte zu Skulduggery auf.

„Ich bringe sie ständig in Verlegenheit“, erklärte sie. „Im Grunde kann ich ihr nichts recht machen. Ich will sie doch nur vor den alltäglichen Grausamkeiten des Lebens bewahren, aber immer mache ich etwas falsch. Ich sage die falschen Dinge oder greife die falschen Leute an …“

„Kinder“, erwiderte Skulduggery mitfühlend.

„Ich werde ihr fehlen, wenn ich nicht mehr bin“, meinte Dubhóg.

„Zurück zum Warlock …“

„Ach ja, der. Ich weiß nicht, welche Information er von den Totenbeschwörern erhalten hat. Er sagte, er hätte mit einem von ihnen gesprochen. Es war ein Mann mit einem lächerlichen Namen.“

„Bison Drachenfang“, vermutete Walküre.

„Drachenfang, genau“, bestätigte Dubhóg. „So hieß er.“

„Und weshalb ist er überhaupt zu dir gekommen?“, fragte Skulduggery.

„Er dachte, ich könnte meine Schwestern dazu bringen, sich Charivari anzuschließen. Aber wir alten Hexen wenden Magie anders an, selbst anders als andere Hexen. Sie hält uns nicht so jung. Wir sind alte Frauen, weshalb ich abgelehnt habe.“

„Wobei solltet ihr euch Charivari anschließen? Was planen die Warlocks?“

„Krieg“, antwortete Dubhóg. „Sie wollen in den Krieg ziehen.“

WIEDER IN ROARHAVEN

Grässlich Schneider kehrte voll Widerwillen nach Roarhaven zurück. Er fürchtete nicht Gefahr noch Kampf, Konfrontation oder Streitereien. Er fürchtete die Sitzungen. Die endlosen, eintönigen Sitzungen.

Die letzten Tage hatte er in seinem alten Atelier in Dublin verbracht, wo er an verschiedenen Kleidungsstücken gearbeitet hatte. Flickarbeiten, Änderungen, neue Entwürfe. Dort war er zufrieden. Glücklich. Allein mit seinen Gedanken, allein mit Nadel und Faden und den Stoffen konnte sein Geist zur Ruhe kommen. Es war einfach herrlich.

Aber sein Urlaub war vorbei und jetzt saß er im Wagen und wurde zurückgefahren nach Roarhaven, in diese verkommene, trostlose Stadt. Und der ganze Frust, den er zurückgelassen hatte, stieg rasch wieder in ihm auf. Als sie durch die Hauptstraße fuhren, zogen sie die kalten Blicke einiger Einwohner auf sich. Auf dem Bürgersteig stand in einem Quadrat aus Erde ein einzelner trauriger kleiner Baum. Solange Grässlich hier war, hatte er noch kein einziges Blatt an ihm gesehen. Jetzt war August, und er war genauso dürr und skelettiert wie im Winter. Doch er war nicht tot. Es war, als halte die Stadt ihn nur deshalb am Leben, um seine Qual zu verlängern.

Sie kamen zu dem dunklen stehenden See und dem niedrigen Gebäude daneben: nichts als grauer Zement und Langeweile. Tippstaff, der Administrator, wartete schon auf ihn, als er dem Fahrer dankte und ausstieg.

„Ältester Schneider, schön, dass Sie wieder da sind. Die Sitzung fängt gleich an.“

Grässlich blickte ihn stirnrunzelnd an. „Sie ist doch erst auf zwei Uhr angesetzt. Sind sie früher gekommen?“

„Nach ihren eigenen Worten sind sie ‚erpicht aufs Verhandeln‘.“

Grässlich trat mit Tippstaff an seiner Seite aus der warmen Sonne in das eisige Sanktuarium. „Wer ist alles da?“

„Die Älteste Illori Reticent vom englischen Sanktuarium mit zwei Kollegen, einem Elementemagier und einer Energiewerferin.“

„Mehr nicht?“

„Wir haben sie nicht aus den Augen gelassen, seit sie heute Morgen eingeflogen sind, und auch sämtliche bekannten ausländischen Zauberer im Land stehen unter Beobachtung. Wie es aussieht, sind diese drei die Einzigen in der näheren Umgebung. Ältester Schneider?“

Tippstaff hielt eine Tür auf. Grässlich murmelte etwas, ging aber durch. In dem Raum wartete seine Robe. Er zog sie über und prüfte sein Aussehen im Spiegel. Sein Hemd, seine Weste, seine Krawatte, seine Hose, die ganzen Sachen, die er selbst genäht hatte, waren unter der Robe verborgen. Seine Figur, gestählt vom stundenlangen Boxen auf Säcke und Menschen, kam unter diesem formlosen Vorhang, den er jetzt trug, überhaupt nicht zur Geltung. Das Einzige, was nicht bedeckt war, war auch das Einzige, von dem er sein Leben lang hatte ablenken wollen – die vollkommen symmetrischen Narben, die seinen gesamten Schädel überzogen.

Tippstaff schnippte einen Fussel von Grässlichs Schulter und nickte dann zufrieden. „Hier entlang, Sir.“

Grässlich hätte mit verbundenen Augen zum Konferenzsaal marschieren können, doch er ließ Tippstaff vorausgehen. Es gab Grässlichs Art, Dinge zu tun, und es gab die korrekte Art, Dinge zu tun, und wenn Tippstaff etwas liebte, waren es feststehende Abläufe.

Sie kamen zu einer zweiflügeligen Tür, die von zwei Sensenträgern bewacht wurde. Auf ein Nicken von Tippstaff hin klopften die Krieger in Grau gleichzeitig mit ihren Sensenstielen auf den Boden, und die Tür ging auf. Tippstaff machte einen Schritt zur Seite, als Grässlich eintrat.

Großmagier Erskin Ravel saß am runden Tisch und kratzte sich am Hals. Die Roben konnten auf bloßer Haut extrem jucken, weshalb Grässlich seine mit Seide gefüttert hatte. Er hatte Ravel allerdings nicht angeboten, seine auch zu füttern. Insgeheim fand er es amüsant, seinen Freund leiden zu sehen.

Neben Ravel saß Madam Misty, das Gesicht wie immer hinter einem schwarzen Schleier verborgen. Er hatte sich oft gefragt, ob sie wohl so unansehnlich war wie er, es dann aber verneint. Mit dem Schleier wollten die Kinder der Spinne wahrscheinlich irgendeine Tradition fortsetzen.

Gegenüber von Ravel und Misty saß geduldig Illori Reticent. Sie war eine hübsche Frau mit einem wunderbaren Charakter, und ihr Lächeln wurde herzlich, als sie ihn sah.

Sie erhob sich. „Ältester Schneider, wie schön, Sie wiederzusehen.“

Grässlich schüttelte ihr die Hand. „Älteste Reticent, tut mir leid, wenn ich zu spät komme.“

„Sie kommen nicht zu spät, wir waren zu früh, was unter bestimmten Umständen doppelt so unhöflich sein kann wie das Zuspätkommen.“

Grässlich warf einen Blick auf den Mann und die Frau, die mit dem Rücken zur Wand und mit ausdrucksloser Miene hinter ihr standen. „Wie ich sehe, Sind Sie mit nur zwei Leibwächtern gekommen.“

„Sicher“, erwiderte Illori mit einem unschuldigen Lächeln. „Es besteht doch keine Gefahr für mich, oder? Ich bin doch unter Freunden, nicht wahr?“

„Oh ja“, bestätigte Grässlich, ebenfalls lächelnd. „Schön, dass Sie sich daran erinnern. Viele Ihrer Magier-Kollegen scheinen das vergessen zu haben.“

„Sie sind nicht erschienen, aber ich bin es, und so wurde mir die Ehre zuteil, für den gesamten Obersten Rat zu sprechen. Und es gibt da ein paar Dinge, die ich gern mit Ihnen besprechen würde.“

„Dann wollen wir anfangen.“ Grässlich nahm seinen Platz an Ravels Seite ein.

Illori schaute sie alle der Reihe nach an, bevor sie das Wort wieder ergriff. „Während der letzten sechshundert Jahre, seit Mevolents Aufstieg zur Macht, stand das irische Sanktuarium beim Kampf gegen Unterdrückung und Tyrannei an vorderster Front. Wir wissen das, und wir wissen es zu schätzen. Bis vor Kurzem war euer Ältestenrat seit Menschengedenken der mit dem höchsten Ansehen von allen.“

Ravel nickte. „Bis vor Kurzem.“

„Das ist kein Geheimnis. Der Tod von Eachan Meritorius war für uns alle ein großer Verlust, doch für Irland läutete er das rasche Abrutschen in die Ungewissheit ein. Dazu beigetragen hat zweifellos die Tatsache, dass Thurid Guilds kurze Amtszeit als Großmagier mit seiner Verhaftung endete. Feinde von innen wie von außen haben dem irischen Sanktuarium wieder und wieder zugesetzt.“

„Und wieder und wieder sind wir siegreich aus diesen Auseinandersetzungen hervorgegangen“, bemerkte Grässlich.

„Das sind Sie“, bestätigte Illori. „Dank der ausgezeichneten Arbeit Ihrer Agenten. Doch Ihr Sanktuarium ist geschwächt. Wenn der nächste Angriff erfolgt, können Sie ihn vielleicht nicht mehr erfolgreich abwehren. Deshalb habe ich, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, einen Lösungsvorschlag.“

„Jetzt wird’s interessant“, murmelte Ravel.

„Bevor es Sanktuarien gab, gab es magische Gemeinschaften. Jede Gemeinschaft wurde von zwölf Dorfältesten geleitet. Jeder der zwölf war für einen Aspekt des dörflichen Lebens verantwortlich, doch wenn es um wichtige Entscheidungen ging, zählten alle zwölf Stimmen gleich viel.“

„Wir kennen unsere eigene Geschichte“, unterbrach sie Ravel. „Wir wissen auch, dass bei der Einrichtung der Sanktuarien das schwerfällige Zwölfergremium auf ein praktischeres Dreiergremium verschlankt wurde. Selbst die heute noch existierenden Gemeinschaften haben die alte Verfahrensweise nicht beibehalten.“

„Dennoch kann man immer etwas dazulernen“, fuhr Illori fort. „Wir schlagen die Einrichtung eines unterstützenden Neunerrates vor – fünf Magier unserer Wahl, vier Ihrer –, der Ihnen bei der Bewältigung Ihrer Aufgaben hilft. Für Sie würde das eine Mehrheit von sieben zu fünf bedeuten. Sie hätten außerdem mehr Zauberer, mehr Sensenträger und mehr finanzielle Mittel. Ihr Sanktuarium stünde weiterhin unter Ihrer Kontrolle und würde seine frühere Stärke wiedererlangen.“

Ravel blickte sie an. „Es würde mich interessieren, wie Sie auf die Idee kommen, dass wir dem zustimmen könnten.“

„Weil es ein fairer Vorschlag ist. Sie behalten die volle Kontrolle …“

„Wir haben die volle Kontrolle“, meldete Misty sich. „Weshalb sollten wir etwas ändern?“

„Weil die aktuelle Situation nicht akzeptabel ist.“

„Für Sie“, bemerkte Ravel.

„Ja, für uns“, bestätigte Illori. „Es gibt Mitglieder im Obersten Rat, die Sie für gefährlich und rücksichtslos halten und ständig nach Sanktionen gegen Sie schreien. Jeder aufmerksame Magier rechnet damit, dass im nächsten Augenblick Krieg ausbricht. Weshalb wollen Sie Feindseligkeiten riskieren, wenn die Situation freundschaftlich geregelt werden kann?“

„Es wird keinen unterstützenden Rat geben, Älteste Reticent.“

„Weshalb nicht?“

„Weil der Oberste Rat uns nicht sagt, was wir zu tun haben.“

Illori schüttelte den Kopf. „Ist es das? Eine Frage des Stolzes? Sie akzeptieren unsere Bedingungen nicht, weil Sie sich nicht sagen lassen wollen, was Sie zu tun haben? Stolz ist verschwendeter Atem, Großmagier Ravel. Ihr Stolz stellt Ihre kleinkarierten Bedenken über das Wohl jedes einzelnen Zauberers in Ihrem Sanktuarium. Mehr noch, er stellt Ihre kleinkarierten Bedenken über das Wohl jedes einzelnen Sterblichen auf dieser Welt. Falls es zum Krieg kommt, wird es unendlich viel schwerer sein, unsere Aktivitäten aus den Nachrichtensendungen herauszuhalten. Falls es nicht gelingt, geht das auf Ihr Konto. Aber wir können das alles verhindern, wenn Sie nur Vernunft annehmen wollen.“

„Der Oberste Rat hat kein Recht, den anderen Sanktuarien vorzuschreiben, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln haben“, erwiderte Misty. „Es könnte sogar sein, dass der Oberste Rat selbst eine illegale Organisation ist.“

„Lächerlich.“

„Wir haben unsere Leute angewiesen, sich genauer damit zu befassen.“

„Die Mühe können Sie sich sparen“, meinte Illori. „Unsere eigenen Experten haben die Literatur bereits durchforstet. Es gibt keine alte Bestimmung und auch kein obskures Gesetz, nach dem Sanktuarien ihre Kräfte nicht bündeln können, um eine außerordentliche Bedrohung abzuwenden. Schließlich haben wir das in Mevolents Fall genauso gemacht.“

„Dann stellen wir also eine außerordentliche Bedrohung dar?“, fragte Ravel.

„Möglicherweise“, antwortete Illori. Dann schüttelte sie den Kopf. „Passen Sie auf, ich bin nicht hergekommen, um Ihnen zu drohen. Wir stehen am Abgrund, und der Oberste Rat wird nicht zurückweichen. Sie sind wütend, und sie haben Angst, und je mehr sie darüber nachdenken, desto größer werden ihre Wut und ihre Angst. Der Oberste Rat geht mit Riesenschritten auf einen Krieg zu, und Sie sind die Einzigen, die ihn aufhalten können.“

„Indem wir tun, was er verlangt.“

„Ja.“

„Das wird nicht passieren, Illori.“

„Wollen Sie Krieg, Erskin? Wollen Sie tatsächlich kämpfen? Wie viele von uns wollen Sie umbringen?“

„Wenn Sie Ruhe in die Sache bringen wollen, dann beruhigen Sie diejenigen, die so viel Lärm schlagen. Wir werden uns nicht einschüchtern und auch nicht herumkommandieren lassen.“

Illori lachte humorlos. „Sie stellen sich permanent als die Geschädigten hin, so als hätten Sie sich immer nur um Ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, und dann sei plötzlich der Oberste Rat gekommen und hätte versucht, Ihnen Ihr Taschengeld zu klauen. Die Schuld liegt bei Ihnen, Erskin. Ihr Sanktuarium ist schwach. Sie haben zu viele Fehler gemacht. Wir sind hier nicht die Bösen. Wir haben uns fast überschlagen, um Ihnen Respekt entgegenzubringen. Wir haben Dexter Vex und seine Diebesbande freigelassen, oder etwa nicht?“

„Was hat das mit uns zu tun?“, fragte Grässlich. „Vex’ kleine Diebesbande, wie Sie sie nennen, bestand aus drei Iren, einem Engländer, einem Amerikaner und einem Afrikaner. Es war eine internationale Truppe, die keinem bestimmten Sanktuarium nahestand und niemanden um Erlaubnis gefragt hat, bevor sie zu ihrer Mission aufbrach.“

„Eine internationale Truppe, angeführt von Dexter Vex und Saracen Rue“, erwiderte Illori, „zwei ehemalige Tote Männer wie Sie. Möglich, dass sie Ihnen nichts von ihren Plänen erzählt haben, aber wohin, wenn nicht zurück zu Ihnen, hätten sie die Göttermörder gebracht, falls es ihnen gelungen wäre, sie zu stehlen?“

„Vex wollte sie einlagern, um Darquise besiegen zu können.“

„Ein argwöhnischerer Mensch als ich könnte sich fragen, ob Darquise lediglich die Ausrede war, die er brauchte.“

„Es ist müßig, darüber zu diskutieren, da Tanith Low mit ihrer kriminellen Bande vor Vex an die Göttermörder gelangte und sie zerstören ließ.“

„Und Sie hatten sie in Ihrer Gewalt“, sagte Misty. „Kurze Zeit.“

„Was war das?“, hakte Illori nach.

„Sie haben sie verhaftet. Die Frau, die Großmagier Strom ermordet hat. Sie haben sie verhaftet, in Ketten gelegt, und sie ist entkommen.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Es gibt Leute, die behaupten, Stroms Ermordung sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagte Misty. „Sein Tod war es, der uns an den Rand des Krieges gebracht hat. Sicher, er wurde hier ermordet, in diesem Gebäude. Dafür geben Sie uns die Schuld, auch wenn Tanith Low Londonerin ist. Doch als Sie Miss Low endlich verhaften konnten, als Sie die Chance hatten, die Mörderin persönlich für ihr Verbrechen zu bestrafen … entkommt sie auf mysteriöse Weise.“

„Wollen Sie damit sagen, dass wir es geschehen ließen?“

„Zumindest war es danach möglich, dass Sie sich in der Schuldfrage wieder auf uns konzentrieren konnten – oder sehe ich das falsch?“

„Etwas so Dämliches habe ich schon lange nicht mehr gehört“, erwiderte Illori, „und ich habe in letzter Zeit viele dämliche Sachen gehört. Wir wissen weder, wie sie entkommen konnte, noch, wer ihr geholfen hat. Die Untersuchungen laufen noch. Einige Mitglieder des Obersten Rates glauben übrigens, dass dieses Sanktuarium etwas damit zu tun hatte.“

„Natürlich glauben sie das“, sagte Ravel. Er klang müde.

„Sie gehen davon aus, dass sowohl die Truppe von Vex als auch Tanith Lows Bande von Ihnen Befehle entgegengenommen haben“, fuhr Illori fort. „Zwei Mannschaften, die unabhängig voneinander um dieselben Pokale kämpfen – und die Erfolgschancen somit verdoppeln.“

„Es ist eine Freude zu sehen, dass der Oberste Rat glaubt, unsere Koordination sei so schlecht, dass wir etwas derart Absurdes organisieren könnten“, bemerkte Grässlich.

„Gehen Sie nach Hause, Illori“, forderte Ravel die Älteste freundlich auf. „Sagen Sie dem Obersten Rat, Sie hätten uns seine Vorschläge unterbreitet und wir hätten höflich abgelehnt. Sagen Sie ihm auch, dass Großmagier Strom vor seinem Tod mit uns der Meinung war, dass eine Einmischung seitens des Rats unnötig sei. Er hätte keine weiteren Schritte empfohlen, wenn Tanith Low ihn nicht umgebracht hätte. Sie und Ihre Kollegen haben von uns nichts zu befürchten.“

„So ganz stimmt das ja nun nicht, oder?“, fragte Illori. „Sie haben den Beschleuniger. Wir haben gehört, was er kann. Bernard Sult hat es mit eigenen Augen gesehen. Er hat gesehen, auf welche Stufe er die Kräfte eines Zauberers heben kann. Wenn Sie es wollten, könnten Sie die Kräfte Ihrer sämtlichen Magier hochpushen und sie gegen uns ins Feld schicken. Dass wir in der Überzahl sind, wäre gegenüber solchen Kräften dann bedeutungslos.“

„Wir haben nicht die Absicht, so etwas zu tun.“

„Dann zerlegen Sie ihn. Ich bin sicher, das wäre eine enorme Beruhigung für den Obersten Rat.“

Ravel schüttelte den Kopf. „Der Beschleuniger versorgt eine extra gebaute Gefängniszelle mit Strom – die einzige Zelle auf dieser Welt, aus der jemand mit Darquises Kräften nicht ausbrechen könnte. Wir können ihn nicht abschalten.“

„Dann geben Sie ihn als Geste des guten Willens uns.“

„Als Geste der Naivität, meinen Sie wohl. Wir geben Ihnen den Beschleuniger nicht. Wir zerlegen ihn auch nicht. Wir stellen ihn nicht ab. Wir wissen nicht einmal, ob er überhaupt abgestellt werden kann. Falls dies den Obersten Rat nervös macht, tut uns das leid. Bitte sagen Sie Ihren Kollegen klar und deutlich, dass wir nicht die Absicht haben, den Beschleuniger als Teil eines Präventivschlags gegen Sie einzusetzen.“ Ravel beugte sich vor. „Falls der Oberste Rat uns oder unsere Agenten jedoch auf irgendeine Art und Weise angreift, oder falls wir uns außerordentlich bedroht fühlen, sehen wir, um Chancengleichheit herzustellen, im Einsatz des Beschleunigers jederzeit eine mögliche Option.“

„Es wird sie nicht freuen, das zu hören.“

„An diesem Punkt, Illori, schert mich das einen Dreck.“

DER GROSSE TAG

Desmond Edgley warf den Kopf in den Nacken und sang: „Happy birthday to you, happy birthday to you, you look like a monkey and you smell like one too!“, und lachte sich schlapp, während Walküre ihre Kerzen ausblies. Seit sie alt genug war, um zu wissen, was ein Affe ist, hatte er diesen Text gesungen. Jetzt war sie erwachsen geworden. Ihr Vater nicht.

Ihre Mum und die kleine Schwester klatschten in die Hände, und Walküre lächelte und setzte sich wieder. Von den achtzehn Kerzen stiegen feine Rauchfäden auf, ringelten sich und wurden von ihrer Mutter rasch weggewedelt.

„Hast du dir etwas gewünscht?“, fragte ihr Dad.

Sie nickte. „Weltfrieden.“

Er schnitt eine Grimasse. „Echt? Weltfrieden? Keinen Raketenrucksack? Ich hätte mir einen Raketenrucksack gewünscht.“

„Du wünschst dir immer einen Raketenrucksack“, bemerkte ihre Mutter, während sie den Kuchen aufschnitt. „Hast du je einen bekommen?“

„Nein“, gab er zu, „aber du musst jede Menge Wunschgelegenheiten nutzen, um etwas wie einen Raketenrucksack zu bekommen. An meinem nächsten Geburtstag werde ich ihn mir zum vierzigsten Mal wünschen. Zum vierzigsten Mal. Dann muss ich einen bekommen. Stell dir das mal vor, Steph… Ich werde der einzige Dad in der ganzen Stadt sein, der einen eigenen Raketenrucksack hat …“

„Ja, und ich werde so stolz auf dich sein“, erwiderte sie.

Ihre Mum reichte die Teller herum, erhob sich und klopfte mit der Gabel an ein Glas. „Ich würde gern einen Toast ausbringen, bevor wir anfangen.“

„Toast“, sagte Alison.

„Danke, Alison. Heute ist ein großer Tag für unsere kleine Stephanie. Eigentlich war es schon eine große Woche mit den Examensergebnissen und den Zusagen fürs College. Wir waren immer stolz auf dich. Jetzt freuen wir uns wie die Schneekönige, dass auch der Rest der Welt dich so sehen kann, wie wir dich sehen – als starke, intelligente, schöne junge Frau, der die Welt offensteht.“

„Toast“, wiederholte Alison altklug.

„Du gehörst seit achtzehn Jahren zu unserem Leben“, fuhr ihre Mum fort, „und hast uns jeden einzelnen Tag versüßt. Du hast Freude und Lachen in dieses Haus gebracht, auch in schweren Zeiten.“

Ihr Dad beugte sich vor. „Es ist nicht einfach, mit mir verheiratet zu sein.“

„Und heute ist auch der Tag, an dem Gordons Besitz auf dich übergeht. Du bist jetzt alleinige Inhaberin der Rechte an seinen Büchern, Besitzerin seines Hauses und Verfügerin über sein Vermögen. Und obwohl du wusstest, dass du damit rechnen konntest, seit du zwölf Jahre alt warst, hast du dich nie geschont. Du hast nichts für selbstverständlich genommen. Du hast die Schule zu Ende gebracht, hast ein super Examen hingelegt und dafür gesorgt, dass du deine Zukunft eigenständig gestalten kannst. Wir könnten nicht stolzer auf dich sein, Liebes.“

Bevor ihre Mum anfangen konnte zu weinen, erhob sich Walküres Dad. Er räusperte sich, überlegte kurz und begann dann: „Es ist kein Geheimnis, dass ich mir immer einen Sohn gewünscht habe.“

Walküre brach in schallendes Gelächter aus, und ihre Mum warf eine Serviette nach ihrem Mann. Der wartete, bis sich alle wieder beruhigt hatten, bevor er fortfuhr: „Ich dachte, eine Tochter zu haben, bedeutet, dass alles nur rosa ist und ich sie zum Ballettunterricht bringen muss, und dass ich, wenn sie alt genug wäre, um einen Freund zu haben, mich in seiner Gegenwart ausgesprochen merkwürdig fühlen würde. Zum Glück ist nichts davon eingetroffen.“

Walküre blinzelte. „Fletcher gegenüber warst du außerordentlich merkwürdig.“

„Nein, das hast du nicht richtig in Erinnerung. Ich war cool.“

„Du hast ständig seine Haare angefasst.“

„Daran erinnere ich mich nicht.“

„Des“, mischte seine Frau sich ein, „du hast dich diesem Jungen gegenüber wirklich sehr, sehr merkwürdig verhalten.“

„Kann ich bitte meine Rede zu Ende bringen? Ja? Danke. Also, um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Ich wollte nie Töchter haben. Doch als Stephanie geboren wurde, blickte ich in ihre großen Augen und war so überwältigt, weil sie so süß war und so gut nach Baby roch, dass ich beschloss, mich neu zu besinnen. Es war ein edler und selbstloser Akt meinerseits, doch du warst erst zwei Tage alt und kannst dich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern.“

„Wahrscheinlich“, meinte Walküre.

„Und jetzt sieh mich an!“, rief ihr Dad. „Achtzehn Jahre später habe ich zwei Töchter, und die kleinere kann kaum geradeaus laufen, vom Balletttanzen ganz zu schweigen. Wie alt bist du, Alison? Vier? Fünf?“

„Achtzehn Monate“, antwortete Walküres Mutter.

„Achtzehn Monate, und was hast du vorzuweisen? Hast du überhaupt einen Job? Hast du einen? Du bist eine Last für die Familie. Eine Last, sage ich.“

„Toast“, erwiderte Alison und kreischte vor Vergnügen, als ihr Dad sie hochnahm und in der Küche seinen Facehugger-Tanz mit ihr vollführte.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es um dich ging, als er seine Rede begann“, meinte Walküres Mum. „Doch dann hat ihn irgendetwas abgelenkt. Des? Desmond, glaubst du nicht, dass es an der Zeit ist, Steph ihr Geburtstagsgeschenk zu überreichen?“

„Geschenk!“, brüllte Alison, als ihr Dad sie an einem Knöchel über seine Schulter baumeln ließ.

„Du hast recht, meine Gutste. Wir können es wahrscheinlich nicht länger hinauszögern. Steph, jetzt, da du haufenweise Geld hast, kannst du dir natürlich ein nagelneues kaufen, wenn dir der Sinn danach steht. Aber ich stelle mir gern vor, dass so ein gebrauchtes, eines, das deine Eltern dir gekauft haben, einen emotionalen Wert darstellt, den dir so ein neues einfach nicht …“

Walküre straffte die Schultern. „Ihr habt mir ein Auto gekauft?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

Sie erhob sich. „Oh mein Gott! Ihr habt mir ein Auto gekauft?“

„Noch einmal: Das habe ich nicht gesagt. Es muss kein Auto sein. Vielleicht ist es ein Schlagzeug.“

„Ist es ein Schlagzeug?“

„Nein, es ist ein Auto.“

„Toast!“, kreischte Alison.

„Oh ja. Sorry.“ Walküres Dad stellte seine jüngste Tochter auf den Boden. Sie schwankte, kippte um und lachte.

„Du bist so tapsig“, murmelte ihr Dad.

Walküre lief zur Haustür, riss sie auf und erstarrte. In der Auffahrt stand ein glänzender Ford Fiesta. Und er war orange.

Sie hatte schon einmal in einem orangefarbenen Auto gesessen. Einer von Skulduggerys Ersatzwagen war orange. Aber der hier … der …

Sie konnte es sich nicht verkneifen. „Er sieht aus wie ein Oompa Loompa“, sprudelte es aus ihr heraus.

„Gefällt er dir nicht?“, fragte ihre Mum neben ihr.

„Ich habe speziell nach dieser Farbe gefragt“, erklärte ihr Dad. „Der Verkäufer hielt es für keine gute Idee, aber ich dachte, sie ist vielleicht besonders sicher, und es bestand die Möglichkeit, dass sie bei Dunkelheit sogar leuchtet. Tut sie aber nicht.“ Er klang zutiefst enttäuscht. „Wenn du eine andere Farbe möchtest, können wir den Wagen zurückgeben. Der Verkäufer wird mich wahrscheinlich auslachen, aber das ist okay. Er hat schon genug gelacht, als ich damit vom Hof gefahren bin.“

Walküre ging zu dem Wagen und strich mit den Fingerspitzen über die Seite. Die Innenausstattung war dunkelgrün. Genau wie die Haare eines Oompa Loompa. Sie drehte sich zu ihren Eltern um.

„Ihr habt mir ein Auto gekauft. Ihr habt mir ein Auto gekauft!“

Ihre Mum klimperte mit den Schlüsseln. „Gefällt es dir?“

„Es ist der Wahnsinn!“

Walküre fing die Schlüssel auf und setzte sich hinters Lenkrad. Ihr Wagen hatte ein sehr hübsches Armaturenbrett und einen sehr angenehmen Geruch, und ihr Wagen war sehr sauber. Sie stellte ihren Rückspiegel in ihrem Wagen ein und rutschte mit ihrem Sitz in ihrem Wagen ein Stück weit nach hinten, und es war ihr Wagen. Es war nicht der Bentley, und abgesehen von der Farbe war er auch nicht besonders auffällig, aber es war ihr Wagen. Sie tätschelte das Armaturenbrett. „Du bist der Oompa Loompa, und ich liebe dich.“

Sie legte Pixie Lott auf, als sie sich fertig machte, sang mit, als sie in ihrem Zimmer herumtanzte, und wenn der Refrain einsetzte, machte sie vor dem Spiegel den Hüftschlenker. Das weiße Kleid wäre für den Abend das richtige, entschied sie und legte es aufs Bett. Eng, weiß und trägerlos – ihr Dad würde ausflippen, wenn er es sah. Aber das war ihr Abend, und sie ging mit ihren Freundinnen aus, und sie würde tragen, was immer sie wollte. Basta. Sie war schließlich achtzehn.

Während sie in ihre Haarbürste sang, merkte sie, dass sie sich auf die Stunden mit Hannah und den anderen richtig freute. Ein Abend nur unter Mädchen – der erste Mädchenabend, seit sie mit der Schule fertig waren. Sie würden viel Spaß haben. Dass sie Schmetterlinge im Bauch hatte, kam ihr allerdings seltsam vor, bis sie sich zu erinnern versuchte, ob sie allen ihren Freundinnen tatsächlich begegnet war oder ob einige davon Freundinnen waren, die das Spiegelbild kennengelernt hatte und von denen sie nur wusste, weil es seine Erinnerungen auf Walküres Gedächtnis übertragen hatte. Sie lachte über ihr sonderbares Leben. Dann klingelte ihr Telefon, und sie stellte die Musik ab.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Skulduggery.

Sie grinste. „Danke. Rate mal, was meine Eltern mir geschenkt haben.“

„Ein orangefarbenes Auto.“

Ihr Grinsen erlosch. „Woher weißt du?“

„Ich schaue es gerade an.“

„Du bist draußen?“

„Wir bekamen einen Anruf. Du hast doch nichts vor, oder?“

Sie blickte auf ihr Kleid, auf ihre Schuhe und spürte, wie die Schmetterlinge langsam aufhörten zu flattern. „Nein“, antwortete sie, „ich hab nichts vor. Bin in einer Minute bei dir.“

Sie legte auf und seufzte. Dann tippte sie auf den Spiegel an ihrer Schranktür, und das Spiegelbild trat heraus.

„Ich weiß“, sagte Walküre. „Du brauchst es nicht auszusprechen. Ich weiß.“

„Du hast auch mal eine andere Art Spaß verdient“, meinte ihr Spiegelbild.

Walküre zog ihre schwarze Hose an, suchte nach einem Paar Socken und schnappte sich ihre Stiefel. „Ist schon in Ordnung. Die meisten sind ohnehin deine Freundinnen. Ich habe noch nie mit ihnen geredet. Was hätte ich überhaupt sagen sollen?“

„Du willst das tatsächlich als Ausrede benutzen?“

„Ich benutze die Ausreden, die ich benutzen muss. Wo ist mein schwarzes Top?“

„Ich hab’s in die Wäsche getan.“

„Es war sauber.“

„Es waren Blutflecken drauf.“

„Ja, aber nicht von meinem Blut.“

Das Spiegelbild zog ein Top mit Spaghettiträgern aus dem Schrank und hielt es hoch.

„Das ist pink.“

Das Spiegelbild zog es an. „Es sieht süß aus an dir.“

Walküre hob eine Augenbraue. „Es sieht tatsächlich gut an mir aus. Wow. Richtig sexy. Woher habe ich es?“

„Ich habe es letzte Woche gekauft“, antwortete das Spiegelbild und drehte sich einmal um die eigene Achse.

„Okay, du hast mich überzeugt.“

Das Spiegelbild warf es ihr zu, Walküre zog es an und schloss dann den Reißverschluss ihrer Jacke.

„Tu mir einen Gefallen, ja?“, sagte Walküre. „Amüsier dich gut heute Abend.“

Das Spiegelbild lächelte. „Ich werde mein Bestes tun. Du versuchst das bitte auch.“

Walküre öffnete das Fenster. „Ich bin bei Skulduggery. Ein Versuch liegt da nicht drin.“

Sie kletterte hinaus, als Pixie Lott wieder zu spielen begann, und sprang.

Kurz bevor sie das Hotel erreichten, drückte Skulduggery mit seinen behandschuhten Fingern auf die Symbole an seinem Schlüsselbein, und ein Gesicht überzog seinen Schädel.

Walküre hob eine Augenbraue. „Nicht schlecht.“

„Gefällt es dir?“

„Es steht dir. Kannst du es speichern oder so?“

Er lächelte. „Wenn ich meine Fassade aktiviere, ist das Ergebnis immer reiner Zufall, das weißt du doch.“

„Klar, aber du hast die Fassade jetzt schon seit ein paar Jahren. Vielleicht wird es Zeit, sich zu überlegen, ob nicht bald mal etwas Dauerhafteres angesagt wäre.“

„Versuchst du, mich normal zu machen?“

„Himmel, nein!“ Sie riss in gespieltem Entsetzen die Augen auf. Er öffnete die Tür für sie und trat hinter ihr ein. Sie gingen durch die Lobby, an der Rezeption vorbei und direkt zu den Aufzügen. Skulduggery steckte eine schwarze Karte in den Schlitz und drückte auf den Knopf für das Penthouse. Die Türen schlossen sich hinter ihnen.

„Na dann …“, sagte Walküre.

„Na dann.“

„Es ist mein achtzehnter.“

„Genau.“

„Der große Eins-Achter. Ich bin jetzt erwachsen. Technisch gesehen.“

„Technisch gesehen.“

„Es ist ein wichtiger Geburtstag.“

„Bis jetzt schlägst du dich ganz tapfer.“

Sie lachte. „Hast du … also, hast du ein Geschenk für mich?“

Skulduggery schaute sie an. „Hätte ich dir ein Geschenk besorgen sollen?“

Ihr Lächeln erlosch. „Klar.“

Der Aufzug hielt mit einem Pling, und die Türen glitten auf. Sie war als Erste draußen und ging rasch voraus.

Er folgte ihr. „Verstehe. Hast du einen Vorschlag?“

„Ich glaube, du kennst mich inzwischen gut genug, um dir selbst etwas einfallen zu lassen.“

„Du bist sauer auf mich.“

„Nein, bin ich nicht.“

„Trotz meines schönen Gesichts bist du sauer.“

Vor der Tür zum Penthouse blieb sie stehen und drehte sich um. „Ja, ich bin sauer auf dich. Man kauft Geschenke für Leute, die einem etwas bedeuten. Nach der langen Zeit hätte ich nicht gedacht, dass ich dich daran erinnern muss, mir ein Geschenk zu kaufen.“

„Und ich hätte nicht gedacht, dass ich dir ein Geschenk kaufen muss, um zu beweisen, dass du mir etwas bedeutest.“

„Also … du musst nicht, aber … aber darum geht es nicht. Es geht nicht ums Beweisen, sondern ums Zeigen.“

„Und ein Geschenk ist ein exakter Maßstab? Deine Eltern haben dir ein Auto geschenkt. Heißt das, du bedeutest ihnen so viel, wie ein Auto wert ist? Lieben sie dich im Wert eines Autos?“

„Natürlich nicht. Ein Geburtstagsgeschenk ist eine symbolische Gabe.“

„Eine symbolische Gabe ist wie eine leere Geste – sie besitzt keinerlei Wert.“

„Aber es ist etwas Schönes!“

„Oh“, sagte Skulduggery. „Okay. Verstehe. Dann besorge ich dir ein Geschenk.“

„Danke.“ Sie drehte sich um und klopfte an die Tür. „Wen besuchen wir hier eigentlich?“

„Einen alten Freund von dir“, antwortete Skulduggery, und erst jetzt fiel ihr sein scharfer Unterton auf.

Sie hatte keine Zeit, ihn weiter auszufragen. Die beiden Türflügel öffneten sich gleichzeitig, und Solomon Kranz lächelte sie an.

„Hallo, Walküre.“

Bevor sie wusste, was sie tat, umarmte sie ihn. „Solomon! Was machst du hier? Ich dachte, du seist unterwegs und erlebst jede Menge Abenteuer.“

„Kann ich nicht auch in meinem Heimatland ab und zu Abenteuer erleben? Die echte Action spielt sich schließlich hier ab. Komm rein, komm rein. Skulduggery, ich nehme an, du kannst auch kommen.“

„Zu freundlich“, murmelte Skulduggery, folgte ihnen in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

Die Penthouse-Wohnung war groß und extravagant. Walküre war oft, als sie mit Fletcher ging, in noch größeren und extravaganteren Apartments gewesen. Damals hatte Fletcher die Nächte in Penthouse-Suiten auf der ganzen Welt verbracht, wo gerade eine frei war, und immer kostenlos. Das waren wohl die Vorteile, die man als Teleporter genoss. Inzwischen war aber alles ganz anders. Jetzt hatte er eine nette, normale Freundin und lebte in seinem eigenen Apartment in Australien. Er war fast schon spießig. Es war irgendwie zum Fürchten.

Sie drehte sich zu Skulduggery um, der sein falsches Gesicht bereits wieder wegschmelzen ließ. Er nahm seinen Hut ab und sagte nichts, als Kranz mit einer kleinen Schachtel mit Schleife zurückkam.

„Herzlichen Glückwunsch.“

Walküre bekam große Augen. „Du hast ein Geschenk für mich?“

„Selbstverständlich.“ Kranz musste fast lachen, weil sie so überrascht war. „In all meinen Jahren im Tempel der Totenbeschwörer warst du meine beste Schülerin. Niemand war so begabt wie du, und auch wenn es auf unserem Weg vielleicht ein paar Hürden gab …“

„Wie dein Versuch, Milliarden von Menschen zu töten“, warf Skulduggery ein.

„… warst du immer mein Liebling“, beendete Kranz seinen Satz, ohne sich von dem Einwand ablenken zu lassen. „Öffne es. Ich glaube, es wird dir gefallen.“

Walküre zog die Schleife auf, und die Verpackung öffnete sich wie eine erblühende Knospe. Zum Vorschein kam ein Holzkästchen. Sie hob den Deckel und zog eine Augenbraue in die Höhe. „Es ist, äh, eine originalgetreue Kopie meines Rings.“

„Nicht ganz. Innen drin ist er völlig anders. Wenn Schüler ihr Training beginnen, gibt man ihnen Gegenstände wie den Ring, den du hast – gute, starke, robuste Dinge, die Beeindruckendes zustande bringen können. Doch nach dem Aufwallen der Kräfte brauchen sie etwas Stärkeres, etwas, das mit wesentlich mehr Macht umgehen kann.“

„Aber ich hab das Aufwallen der Kräfte noch vor mir.“

Kranz lächelte. „Ich weiß. Dennoch brauchst du jetzt schon ein Upgrade. In dieser Hinsicht bist du wie in vielem anderen eine Ausnahmeerscheinung, Walküre. Deinen Ring, bitte?“

Er streckte die Hand aus. Sie schaute Skulduggery an, zog den Ring vom Finger und gab ihn Kranz. Als er kurz aus dem Zimmer ging, nahm sie den neuen aus dem Kästchen und steckte ihn an.

Kranz kam mit einem Hammer zurück. „Und jetzt kommt der Unterhaltungsteil“, verkündete er, legte Walküres Ring auf den Tisch und zertrümmerte ihn. Aus den herumfliegenden Teilen schoss eine Schattenwelle. Sie drehte sich in der Luft und steuerte direkt auf den Ring an ihrem Finger zu. Der Ring saugte sie gierig auf, wurde kalt, und Walküre keuchte.

„Spürst du sie?“, fragte Kranz. „Spürst du die Kraft?“

„Wow.“ Langsam bekam sie sich wieder in die Gewalt. „Und ob. Wow. Das ist … das ist …“

„Das ist Nekromantie. Schwarze Magie.“

Es war aufregend. Es war verstörend. Es war der helle Wahnsinn. „Danke“, sagte sie.

Kranz zuckte mit den Schultern. „Der achtzehnte Geburtstag ist für jeden ein großer Tag. Aber ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ihr nicht wegen Umarmungen und Geschenken hergekommen seid.“

„Oh, stimmt.“ Sie brachte ihre Gedanken wieder in die Spur. „Warum sind wir hier? Was war noch mal der Grund?“

„Dein ungewöhnlich stiller Partner hier hat Kontakt mit mir aufgenommen. Anscheinend habt ihr Nachforschungen angestellt in Zusammenhang mit dem Warlock, der euch letztes Jahr umbringen wollte.“

„Er hat uns gesagt, dass er euch Totenbeschwörern damit einen Gefallen tat“, meldete sich Skulduggery. „Es geschah im Tausch für eine Information. Einen Namen.“

„Damit das gleich klar ist“, erwiderte Kranz, „in diese spezielle Sache hat man mich nicht eingeweiht. Es war nicht meine Idee, die Warlocks in irgendeinen unserer hinterhältigen Pläne einzuweihen, da ich weder blöd noch geistig verwirrt bin. Das war alles Craven mithilfe von diesem Idioten Drachenfang.“

„Und was hat Drachenfang dem Warlock gesagt?“, fragte Walküre.

„Bitte nehmt Platz“, forderte Kranz seine Besucher auf. „Was wisst ihr über die Warlocks?“

Walküre machte es sich auf der Couch bequem. Der Ring ließ feine Empfindungen ihren Arm hinauf- und hinuntertanzen. „Lediglich … na ja, das Übliche eben. Sie sind nicht … wow, der Ring ist so cool … sie sind anders als wir. Sie haben ihre eigene Kultur, ihre eigenen Traditionen, ihre eigene Art von Magie …“

Kranz nickte. „Eine Art von Magie, die wir, offen gestanden, nicht verstehen. Und das alles ist okay, weil sie nicht sehr viele sind und unter sich bleiben. So war es zumindest bis jetzt.“

„Und warum ist es jetzt anders?“

„Sie wurden angegriffen. Die Warlocks zu provozieren, ist schon im günstigsten Fall kein weiser Schachzug, aber es scheint da eine Gruppe von Leuten zu geben, die genau dazu entschlossen sind. In den letzten fünf Jahren wurden Dutzende Warlocks getötet. Man hat sie von den anderen isoliert, gejagt und umgebracht. Jetzt ist nur noch eine Handvoll übrig.“

Walküre runzelte die Stirn. „Der uns angegriffen hat, behauptete, sie würden mit jedem Tag stärker.“

Kranz lächelte. „Warlocks sind dafür bekannt, nie eine Schwäche zu zeigen. Das ist es, was ich an ihnen mag.“

„Und welchen Namen wollte er von Drachenfang hören?“

„Ein Kollege von mir, Baritone, einer der Totenbeschwörer, die in der Schlacht bei Aranmore fielen, war ein Jahr oder so vor seinem Tod in Frankreich unterwegs. In einer Bar traf er zufällig ein paar Sterbliche, die sich brüsteten, einen Auftrag sauber ausgeführt zu haben. Natürlich gab er vor, ein Sterblicher wie sie zu sein. Nach dem, was er so hörte, waren sie Exmitglieder einer Spezialeinheit, finanziert über geheime Regierungsgelder und unter dem Befehl von …“

„Moment“, unterbrach ihn Skulduggery, „sprichst du von der Sondereinheit X?“

„Wer oder was ist das?“, fragte Walküre.