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Der neue, packende Thriller des britischen Autors Joseph Knox und nach »Dreckiger Schnee« der zweite Fall für Detective Aidan Waits aus Manchester: Wie löst man einen Mordfall, wenn das Opfer niemals existiert hat? Ein anonymer Mann in einem verlassenen Hotel mitten in Manchester. Er lächelt. Und er ist tot. Detective Aidan Waits, der resigniert und ohne Zukunftsperspektive die Nachtschicht schiebt, sieht sich mit einem nahezu unlösbaren Fall konfrontiert. Die Identifizierung des Toten ist äußerst schwierig, denn seine Zähne wurden allesamt herausgebrochen und ersetzt und seine Fingerkuppen wurden chirurgisch verändert. Wer ist der lächelnde Tote, was wollte er in dem alten Hotel und wie ist er gestorben? Während Aidan Waits versucht, mehr über die Herkunft des Unbekannten in Erfahrung zu bringen, muss er feststellen, dass seine eigene Vergangenheit ihn einzuholen droht. Und manche Menschen daraus sind ziemlich tödlich … Der fesselnder zweite Thriller vom britischen Shooting-Star Joseph Knox. »Knallhart. Ich habe es geliebt. Ein großartiger Thriller!« Ian Rankin »Talente wie Knox gibt es nur einmal pro Generation. Ein Spannungs-Meisterwerk.« Metro Entdecken Sie auch den ersten Teil der Thriller-Reihe um Detective Aidan Waits, »Dreckiger Schnee«.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2019
Joseph Knox
Thriller
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ein anonymer Mann in einem verlassenen Hotel mitten in Manchester. Er lächelt. Und er ist tot.
Detective Aidan Waits, der resigniert und ohne Zukunftsperspektive die
Nachtschicht schiebt, sieht sich mit einem nahezu unlösbaren Fall konfrontiert. Die Identifizierung des Toten ist äußerst schwierig, denn seine Zähne wurden allesamt herausgebrochen und ersetzt, und seine Fingerkuppen wurden chirurgisch verändert. Wer ist der lächelnde Tote, was wollte er in dem alten Hotel und wie ist er gestorben?
Während Aidan Waits versucht, mehr über die Herkunft des Unbekannten in Erfahrung zu bringen, muss er feststellen, dass seine eigene Vergangenheit ihn einzuholen droht. Und manche Menschen daraus sind ziemlich tödlich …
WIDMUNG
PROLOG
MIDNIGHT CITY
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
RED EYES
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
CHINA TOWN
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
VANISHING ACT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
CAME BACK HAUNTED
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
WOLF LIKE ME
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
ULTRAVIOLENCE
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
A PAIR OF BROWN EYES
Kapitel 1
TURN ON THE LIGHT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
DEMON IN PROFILE
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
SOMETHING TO REMEMBER ME BY
Kapitel 1
Kapitel 2
KILL FOR LOVE
Kapitel 1
Für Stephen K.
Es ist, als wüßte ich etwas und wüßte es zur gleichen Zeit nicht.
Thomas Ligotti, John Does Spiele
___________________
Es begann wie so oft mit einem Klopfen an der Tür.
Was danach kommt, ist nur eine schlechte Erinnerung unter vielen. Sein Kopf ist voll davon, es braucht nur einen winzigen Funken, und sie brennen lichterloh. Die geladene Luft vor einem Gewitter oder der stechende Ozongeruch nach einem Regenschauer. Wenn etwas Unerwartetes passiert, sich eine Fremde zu ihm an den Tisch setzt oder ein neuer Kollege ins Büro kommt, gibt er diesen Erinnerungen nach, denn er weiß, dass sie auch wieder vergehen. Dann trübt sich sein Blick, und schwarze Punkte tanzen ihm vor Augen, als hätte er in grelles Licht gestarrt. Beim Gedanken daran verzieht er das Gesicht. Schließt die Augen und streicht sich über die Wangen.
»Ich glaube, da draußen ist jemand«, hatte er die alte Frau sagen hören.
Der Junge stand vor einem Haus aus der Tudorzeit, es war mittelgroß und solide gebaut, um den Elementen zu trotzen, außer, wie es schien, dem Regen, denn durch die Rauchglasscheibe in der Tür erspähte der Junge einige Eimer. Sie fingen das Wasser auf, das von oben durchs Dach drang. Das Tropfen war vermutlich so laut, dass die beiden betagten Bewohner sein Klopfen nicht gehört hatten. Also klopfte er erneut, trat dann einen Schritt zurück und sah sich das Haus genauer an. Es wirkte zu groß für die beiden Alten, aber es hatte einen eigenen Charakter.
Den brauchte es auch, hier draußen, weitab von der Stadt.
Es war Sonntagabend, schon nach zehn, und die beiden waren wahrscheinlich gerade auf dem Weg ins Bett. Die alte Frau kam zuerst an die Tür. Als sie ihn erblickte, rief sie ihren Mann. Der sah noch älter aus als sie und kam nur mühsam vorwärts. Er spähte hinter der Schulter seiner Frau hervor und rückte ungläubig seine Brille zurecht, als er auf der Schwelle einen kleinen, zitternden Jungen entdeckte. Der Kleine war mager, seine Augen blank, die Haut blass. Er trug nur T-Shirt und Hose, beides vom Regen völlig durchnässt. Die Alten sahen in den Garten hinaus, doch anscheinend war der Junge allein.
Die Frau runzelte die Stirn und ging in die Hocke. »Wo kommst du denn her, mein Kleiner?«
Der Junge stand nur da und zitterte.
Sie spähte noch einmal in die Nacht, ergriff dann schließlich sein Handgelenk und zog ihn sanft ins Haus. »Er ist völlig durchgefroren«, sagte sie zu ihrem Mann und bugsierte den Jungen an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Der Alte schob die Riegel vor und folgte den beiden, den Blick auf die Fliesen gerichtet, wo der Kleine nasse Abdrücke hinterlassen hatte.
Er war barfuß.
»Ich bin Dot«, sagte die Alte. »Und das ist Si.«
Der Junge schwieg, Dot zuckte die Achseln. Kramte eine Decke für ihn hervor und ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Si setzte sich aufs Sofa und rang die Hände. Er schätzte den Jungen auf sechs oder sieben, doch die dunklen Ringe unter seinen Augen ließen ihn älter wirken. Er starrte dumpf vor sich hin und zeigte keinerlei Interesse an seiner Umgebung. Als Dot mit dem heißen Wasser zurückkehrte, tätschelte Si seiner Frau zärtlich den Arm. Der Junge sah plötzlich neugierig auf, es schien, als wäre ihm die Geste fremd.
»Kannst du uns sagen, wie du heißt?«, fragte Dot, während sie die Decke anhob und dem Jungen eine Wärmflasche auf den Bauch legte. Er zitterte nur noch stärker, und seine Zähne klapperten wie eine Rassel. Er schloss fest die Augen und biss sie zusammen, damit es aufhörte. »Sollen wir die Polizei rufen?«, fragte Dot ihren Mann. Der nickte und war schon halb aufgestanden, offenbar froh, endlich etwas tun zu können. Dot strich dem Jungen indessen über den Kopf. Es fühlte sich an, als würde sein Blut kochen.
»Dot …«, rief Si aus dem Flur.
»Moment, ich komme«, rief sie zurück.
Kaum war sie weg, befreite sich der Junge von der Decke und betätigte den Lichtschalter neben der Tür. An, aus, an, aus. Dann lugte er in den Flur hinaus. Si und Dot standen entgeistert vor dem Telefon, die Leitung war tot. Währenddessen schlich der Junge sich hinter ihnen vorbei, schob die Riegel zurück und öffnete die Haustür.
Eine Gestalt trat aus dem Schatten und kam rasch auf ihn zu. Mittlerweile hatte sich der Regen verzogen, und über ihm funkelten jetzt Sterne, die der Junge in der Stadt noch nie gesehen hatte. Die näher kommende Gestalt zeichnete sich scharf gegen den Himmel ab und wirkte irgendwie finsterer als die Nacht.
»Guter Junge!«, sagte die Gestalt, ein Mann, dessen flaches, kantiges Gesicht an eine Messerklinge erinnerte und keinerlei Regung zeigte. Sein Körper hingegen sprach eine klare Sprache, hervortretende Muskelpakete und Adern, als staute sich darin der ganze Hass der Welt. Er hielt einen Klauenhammer in den behandschuhten Fingern der rechten Hand. Mit der linken wuschelte er dem Jungen durchs Haar.
Dann hielt er in der Bewegung inne und zog die Hand erstaunt zurück.
Er griff dem Jungen hinters Ohr und brachte eine Münze zum Vorschein, die er ihm hinhielt.
»Was sagt man da, Wally?«
»Danke, Bateman«, sagte der Junge und nahm das Geldstück feierlich entgegen.
Er setzte sich auf die Stufen vor dem Eingang, während Bateman sich an ihm vorbei ins Haus drängte.
»Hey! Was machen Sie …«, hörte er den Alten rufen.
Dann ertönte ein feuchter Schlag, und etwas Schweres schlug auf dem Boden auf.
Die Alte schrie auf. »Nein«, kreischte sie, »nein …«
Noch ein feuchter Schlag, ein weiterer Aufprall. Der Junge lauschte, hörte ein leises Stöhnen von drinnen. Ein entschlossenes Gurgeln, dann ein Wort. Vielleicht der Name ihres Mannes. Dann Schritte, ein letzter Schlag und völlige Stille.
Die Finger des Jungen ballten sich um das Geldstück, sein Blick war leer. Sein Mund füllte sich mit Speichel, vor den Augen tanzten schwarze Flecken, zuerst nur ein paar, dann kamen immer mehr, immer schneller, wie Regentropfen. Als würde er in grelles Licht starren und nicht in tiefschwarze Finsternis.
___________________
I
Die Hitze war vernichtend. Endlose Tage krochen dahin wie Fieberträume, und am Ende fragte man sich, ob sie überhaupt geschehen waren. In jenem Jahr konnte man es fast hören, irgendwo unter dem Brummen der Klimaanlagen, dem Eisklirren in den Gläsern: das langsame Tröpfeln, wenn Menschen den Verstand verlieren. Die Stadt strahlte wie bei einer endlosen Explosion, die es irgendwie zu überleben galt, und die Nacht, wenn sie endlich kam, war eine einzige Halluzination voll knisternder Erregung. Die nackte Haut der Mädchen in leichten Kleidchen, die weißen Zähne der Jungs – überall schlug die Spannung Funken.
Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens tragen ihre Gesichter einen besonderen Ausdruck. Wenn sie aus Bars herausstolpern oder hinein, sich an Straßenecken küssen, beschwingt über die Gehsteige schlendern. Was zuvor war, liegt schon weit zurück, und ein paar Stunden lang weiß niemand, ob es ein Morgen geben wird. Die meisten sind Studenten, die an der Uni besserer Zeiten harren und die Gebühren niemals abstottern werden. Die anderen, überwiegend Minijobber, leben nur fürs Wochenende. Wenn ich sie sehe, lassen sie’s krachen, scheißen drauf, und statt der unsicheren Miene, die sie tagsüber tragen, strahlen sie nachts eine gewisse Sicherheit aus. Ich riss gerade Nachtschicht Nummer hundertzwanzig ab. Sechs Monate lebenslänglich.
Meine Art von Sicherheit.
So sah ich ihre Gesichter vorüberziehen, die der jungen Leute, in den Stunden zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Und mein Leben. Wenn sie mich grüßten, nickte ich ihnen zu, wenn sie lächelten, lächelte ich zurück und konzentrierte mich auf den Augenblick. Hielt mich bedeckt und erfreute mich am Positiven, den Funken, wann und wo ich sie kriegen konnte.
Als der Ruf kam, standen wir schon in der Wilmlow Road. Eine breite, fast zehn Kilometer lange Durchgangsstraße, die die wohlhabenden Gegenden im Süden mit der siechenden Innenstadt verband. Auf der meistbefahrenen Route Europas pulsierte das Leben: Taxis, Doppeldeckerbusse, Pendler, und alles mit viel Beleuchtung. Neuerdings gab’s sogar Fackeln – brennende Abfalltonnen am Straßenrand. Weil dieser Form der Brandstiftung keine hohe Priorität zugewiesen wurde, sie also niemanden interessierte, und die Feuer stets nach Einbruch der Dunkelheit ausgebrochen waren, überließ man sie uns, der Nachtschicht.
Nur zwei Kollegen hatten dauerhaft Nachtdienst.
Junge Detectives wurden als Teil ihrer Ausbildung abwechselnd dem Nachtdienst zugeteilt, und dann gab es noch ein paar verkrachte Existenzen, die unsere Schicht übernahmen, wenn wir freihatten, doch wer wie wir permanent im Nachtdienst arbeitete, erfüllte eines von zwei Kriterien: Er hatte kein Leben oder keine Karriere. In meinen wenigen Jahren in diesem Beruf hatte ich beides erreicht.
Bei unserem Eintreffen war das Feuer in der Abfalltonne bereits gelöscht worden. Mein Kollege und ich fanden nur noch glühende Asche vor, stellten den Feuerwehrleuten ein paar Fragen und waren schon am Einpacken, als sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Menschenmenge versammelte. Ich sah auf die Uhr und schlängelte mich durch den Verkehr.
Sie waren gekommen, um die Mahnwache für einen Jungen namens Subhi Seif abzuhalten. Seine Freunde nannten ihn Supersize. Vor ein paar Stunden war Supersize ein ganz normaler Erstsemesterstudent gewesen, der mit achtzehn in eine neue Stadt gezogen war. Doch war er Zeuge eines Überfalls auf ein Mädchen geworden und hatte dem Angreifer nachgestellt. War einfach über die Straße gerannt und dabei von einem Lastwagen erfasst worden.
Der Angreifer war entkommen.
Rund zehn Freunde des Unfallopfers hatten sich versammelt, Neonleuchtstäbe und Taschenlampen in der Hand. Aus ihren Handys schallte traurige Musik, sie tranken aus beschlagenen Bierdosen. Ich ermahnte sie, nicht aus Versehen auf die Straße zu stolpern, und kehrte dann zum Wagen zurück, wo mein Kollege auf mich wartete. Wir fuhren einen mattschwarzen BMW, der als Zivilstreife gedacht, unter Kriminellen aber leider bekannt war wie ein bunter Hund. Das lag vor allem an dem Typen, der sich auf den Beifahrersitz quetschte. Mein Vorgesetzter, Detective Inspector Peter Sutcliffe. Abgesehen von der Tatsache, dass er den Namen mit dem Yorkshire Ripper teilte, konnte man den Mann bei flüchtigem Hinsehen sowohl für einen Polizisten als auch für einen Verbrecher halten. Ich war selbst nicht ganz sicher.
Angeboren oder anerzogen? An Sutcliffe schieden sich die Geister: War dieser Mann ein geborenes Arschloch, oder hatte ihn sein vorbelasteter Name dazu gemacht? Seine Anzugjacke, aus der er wie aus einer Wurstpelle quoll, hatte vom vielen Schwitzen fast Stockflecken, und Sutty selbst glühte dermaßen, dass ich alle Türen aufreißen musste, um die Abwärme rauszulassen.
»Was kam da gerade?«, fragte ich mit einer Kopfbewegung in Richtung Funkgerät.
Sutty blätterte in der Zeitung, dann zog er demonstrativ die Nase kraus. »Owens Park. Sexuelle Belästigung oder Nötigung oder irgendwas …«
»Sexuelle Belästigung oder irgendwas?«
Sutcliffes Gesicht, Hals und Körper waren von merkwürdigen Schwellungen überzogen, die sich ständig verschoben, und seine Haut war leichenbleich. Er sah aus, als wäre er knapp dem Einbalsamierer entkommen. Niemand sprach ihn mit seinem vollen Namen an, alle nannten ihn Sutty, um die Öffentlichkeit nicht noch mehr zu verschrecken.
»Diese Hitze macht mich fertig.« Er strich sich über das feucht glänzende, schüttere Haar. »Ich komm mir vor, als hätte Freddie Mercury mir Blut gespendet.« Er blickte auf, erinnerte sich offenbar daran, dass ich neben ihm saß, und schenkte mir ein nikotingelbes Lächeln. »Du kennst mich, Aidan, wenn jemand ›sexuell‹ sagt, bin ich raus. Wir können aber gern zum Owens Park fahren, wenn du dich dran abarbeiten willst …«
Sexuelle Belästigung oder irgendwas.
Sutty verabscheute nur eines mehr als junge Frauen: mich. Immer, wenn ich ein- oder ausstieg, verteilte er zwanghaft Desinfektionsmittel im ganzen Wagen. Gerade hatte er sich die Finger eingesprüht. Jetzt sah es aus, als würde er sich erfreut die Hände reiben. Ich grinste ihn an, um ein bisschen Spannung in die Situation zu bringen. Dann setzte ich den Blinker und fuhr los.
Als wir in Owens Park eintrafen, war es fast Mitternacht. Die größte studentische Wohnanlage der Stadt beherbergte mehr als zweitausend Studenten, die meisten von ihnen Erstsemester. Die fünf Hochhäuser standen inmitten einer üppig überwachsenen Grünanlage, nur das höchste überragte die Bäume und war von der Straße aus zu sehen. Die grauen Betongebäude wirkten wie Fremdkörper in der laubgrünen Umgebung. Der feuchte Traum der Babyboomer, in den Sechzigerjahren für die Ewigkeit errichtet, aber mittlerweile schwer in die Jahre gekommen. Es gab Überlegungen, alles abzureißen und an derselben Stelle neue Gebäude zu errichten – bedauerlich, wenn sie sich irgendwann tatsächlich dazu durchringen würden. Die Stadt war bereits eine einzige Baustelle.
Ich parkte und bedachte Sutty mit einem Seitenblick.
»Kommst du?«
»Das ist eine sehr intime Frage. Du kannst mich rufen, falls wir ihre Unterwäsche durchwühlen müssen.« Mit diesen Worten wandte er sich wieder seiner Zeitung zu. »Du hast ein Händchen für die jungen Dinger …«
Ich ignorierte seinen Kommentar und war froh, ihn nicht im Schlepptau zu haben. Zwar galten Sutty und ich beide als schlechte Polizisten, aber jeder auf seine eigene Weise. Man hatte uns als Strafmaßnahme zusammengespannt, und jeder von uns bemühte sich nach Kräften, dem anderen das Leben schwer zu machen. Mehr hatten wir nicht gemeinsam.
Ich ging durchs Tor und folgte dem kaltweiß in die Dunkelheit strahlenden Licht. Der Duft von frisch gemähtem Gras löste bei mir ein plötzliches Glücksgefühl aus. Ich hatte nie hier gewohnt, war früher aber hergekommen, um als ungebetener Gast auf Partys zu saufen oder Freunde zu besuchen. Komische Vorstellung, dass ich diese Leute komplett aus den Augen verloren hatte und ihre Zimmer, ihre Betten, ihre Lebenswelten in der Zwischenzeit von unzähligen Fremden bevölkert worden waren. Fast kam es mir vor, als würde ich durchs Tor direkt in das Niemandsland der Vergangenheit treten.
Auf einmal ertönte schrilles Gelächter, und wenig später flitzte ein junges Mädchen an mir vorbei, sie floh vor einem Jungen mit Wasserpistole. Ich sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit verschwunden waren, immer noch lachend. Dieser Anblick bestätigte nur meine allgemeingültige Erkenntnis, dass ich selbst zwar altern, Owens Park aber auf ewig achtzehn bleiben würde.
Ich studierte den Umgebungsplan, fand den gesuchten Wohnturm, drückte auf die Klingel einer Wohnung im ersten Stock und wartete. Die latente Hitze des vergangenen Tages lauerte immer noch in der Luft, stieg vom Rasen auf wie ein Dröhnen. Auf der anderen Seite des Wegs erhob sich ein weiterer grauer Wohnklotz – die beleuchteten Fenster wie böse Augen auf mich gerichtet. Es klickte, und ich stieß die Tür auf.
Ich ging durch den Flur. Überall standen Fahrräder, eine nackte Glühbirne hing von der Decke. Auf der Treppe brach mir sofort der Schweiß aus, denn das Gebäude war schlecht belüftet, war es doch zu einer Zeit gebaut worden, als Hitzewellen in diesen Gefilden völlig undenkbar gewesen waren. Durch manche der verschlossenen Türen hindurch waren Gesprächsfetzen gelangweilter Unterhaltungen zu hören, darunter mischte sich der pubertäre Gestank von Deo, Drinks und Drogen.
Das Ganze hatte was von einem Schnellkochtopf unter Hochdruck.
Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock marschierte ein Teenager auf und ab. Er war schwarz, attraktiv, trug einen hippen dunklen Trainingsanzug und trank aus einem großen, mit Reif bedeckten Glas. Als er mich erblickte, legte er die Stirn in Falten.
»Ich dachte, die schicken eine Frau.«
Ich blieb stehen. »Welchen Service hast du denn bestellt?«
Er schnaubte, trat einen Schritt näher und senkte die Stimme. Er roch nach Minze. »Es geht um meine Freundin. Und sie weiß nicht, dass ich angerufen habe. Ich dachte, bei solchen Sachen kommt immer eine Frau …«
»Solchen Sachen?«
Er nickte. »Hab ich denen auch gesagt. Redet ihr nicht miteinander?«
»Die Einsatzzentrale ist nicht so wortgewandt wie Sie, Mister …?«
»Earl.«
»Ist das ein Vorname oder ein Nachname?«
»Das ist der einzige Name, den du wissen musst. Und was sagen sie zu dir? Ins Gesicht, mein ich.«
Ich grinste. »Waits.«
Er musterte mich kurz. Dachte nach. »Krass«, sagte er schließlich und führte mich in eine Wohnküche. »Kannst deinen Hintern hier parken. Ich hol Soph.«
Aus dem Flur drangen Hintergrundgeräusche, das monotone Wummern einer Hip-Hop-Nummer, aber die Küche war leer. Im schwarzen Fensterspiegel blinzelte mir mein Gesicht entgegen, dahinter lag die Nacht. Auf dem Tisch standen Bretter mit zerstoßenem Eis, Minze, Zucker und Limetten, daneben ein paar Marmeladengläser und eine nasse Flasche Rum.
Hinter der Tür erklang die Stimme eines Mädchens. »Was?«, rief sie.
Ich saß unter dem grellen Neonlicht und wartete. Kurze Zeit später kam er zurück in die Küche, trat an die Bretter und mixte einen starken Cocktail, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Seine Bewegungen waren flink und geschickt, offenbar hatte er sein Handwerk gelernt. Er ließ sogar die Rumflasche in der Hand kreisen.
Als er meinen neugierigen Blick bemerkte, sagte er: »Ich mixe Cocktails im Alchemist.« The Alchemist war eine gefeierte Bar in Spinningfields, in der man seinem Körper wie seinem Bankkonto dauerhaften Schaden zufügen konnte. »Hier.« Er schob mir das Glas hin. Mojito.
»Bin im Dienst«, sagte ich.
»Nicht für dich, Sherlock. Vielleicht braucht sie einen?« Er schlenderte auf den Flur, deutete auf das Zimmer, aus dem er gerade gekommen war, und verschwand. Ich nahm den Cocktail, der so kalt war, dass ich fast Gefrierbrand bekam, und klopfte an die Tür.
Keine Ahnung, was ich erwartet hatte.
»Hallo«, sagte das Mädchen mit zittriger Stimme. Sie sprach mit südenglischem Akzent und war noch sehr jung. Im Zimmer roch es nach Sonnenmilch. Sie saß in abgeschnittener Jeans und Hemd auf dem Bett. Ihre Schultern waren von der Sonne gerötet, aber die restliche Haut strahlte dank der üppigen Dosis Vitamin D der letzten Wochen. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht und Sommersprossen um die Augen, und ihr Haar war vom Windhauch des Tischventilators zerzaust. Braun mit blond gefärbten Spitzen. An den Beinen prangten einige blaue Flecke, doch sie wirkte nicht besonders traumatisiert, wie ich erleichtert feststellte. Nur ein bisschen verlegen. Und genervt. Sie klappte den Laptop zu und schob ihn zur Seite.
»Sie sind jung …«, sagte sie.
»Meine Leber ist älter.« Fast hätte sie gelächelt. Ich gab ihr das Glas mit Earls Cocktail. »Mein Name ist Aidan Waits, Detective Constable.«
»Sophie«, sagte sie.
»Wir können uns auch in der Küche unterhalten, wenn Sie wollen.«
Sie überlegte kurz. »Nein, schon gut. Aber bitte machen Sie die Tür zu.«
Das tat ich. Dann wies ich auf einen schrillpinken Schreibtischstuhl. »Darf ich?« Sie nickte, und ich setzte mich. »Anscheinend macht sich Ihr Freund Sorgen um Sie.«
»Earl ist in Ordnung.«
»Aber nicht besonders gesprächig.«
»Es überrascht mich, dass er Sie überhaupt angerufen hat. Er schiebt einen totalen Hass auf Bullen. Ich meine …«
»Keine Sorge, ich seh das eigentlich ähnlich. Manchmal sind wir aber auch ganz nützlich. Ich nehme an, dass es sich um was Ernstes handelt, denn sonst hätte er sicher nicht zum Hörer gegriffen. Warum erzählen Sie’s mir nicht von Anfang an?«
»Also, ich bin im ersten Semester …«
Sie klang, als würde das alles erklären.
»Das ist kein Verbrechen. Was studieren Sie?«
»Anglistik.«
»Davon hab ich mal was gehört.«
»Ist im praktischen Leben wahrscheinlich völlig sinnlos.«
»Auch das praktische Leben kann manchmal sinnlos sein.«
»Stimmt.« Sie hielt sich das Glas kurz an die Stirn, rollte es hin und her, trank. »Also, letzte Woche war ich in einem Club. Moment.« Sie streckte sich vor und angelte einen zerknüllten Werbeflyer vom Schreibtisch.
Incognito.
Auf dem Flyer war das Bild einer jungen Frau in Schuluniform zu sehen. Die Werbebotschaft richtete sich eindeutig an weibliche Erstsemester. Ladys kommen umsonst rein. Kondome waren offenbar auch umsonst, wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte. Die meisten Studentinnen gingen ein Mal hin, nur zum Spaß. Sie ließen sich ein paar Drinks ausgeben und ertrugen eine Weile die lüsternen Blicke der Stammgäste, dann suchten sie schleunigst das Weite. Trotzdem gab es ein paar Horrorgeschichten. Die Männer mussten zwanzig Flocken Eintritt berappen, und die meisten wollten was erleben für ihr Geld. Ich hatte die Schleimerschlangen gesehen, manchmal standen die Typen bis zur nächsten Ecke an.
»Hab ich auch schon von gehört.« Ich gab ihr den Flyer zurück.
»In der Bar hab ich einen Typen kennengelernt. Ollie. Älter, aber ganz nett, Sie wissen schon. Gut angezogen und so. War anscheinend ein wichtiger Kunde in dem Laden.« Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie jemand im Incognito zum wichtigen Kunden wurde. Sophie rieb sich selbstvergessen die Hände. »Wir sind zu ihm in die Wohnung gegangen …«
»Wir können eine Polizistin dazuholen, wenn Sie möchten.«
Sie schüttelte den Kopf. »Wir haben miteinander geschlafen, war alles okay.«
»Und die blauen Flecke?«, fragte ich und zeigte auf ihre Beine.
»Ach die. Nein, ich fahr viel Rad. Das finde ich ja so toll hier …« Sie hielt inne. »Ehrlich, die Nacht war schon okay, es ist nur so, er hat uns dabei gefilmt.« Sie unterbrach sich abrupt, senkte den Blick.
»Und jetzt erpresst er Sie damit?«
Sie lief rot an und nickte. »Ich hatte keine Ahnung, dass es Leute gibt, die so was echt machen.« Wieder trank sie einen Schluck. »Er meinte … Er hat angedeutet, dass er den Film ins Netz stellt, wenn ich mich nicht noch mal mit ihm treffe.«
»Und das wollen Sie nicht, nehme ich an?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Kennen Sie Ollies Nachnamen?«
»Was haben Sie vor?«
»Ich werde mich mit ihm unterhalten.«
»Jetzt gleich?«
»Wozu noch warten?«
»Ist es nicht schon ein bisschen spät?«
»Je früher, desto besser. Vielleicht kapiert er dann, dass es ernst ist.«
»Ist es das denn?« Mir war klar, dass sie kurz davorstand, die Sache zu verharmlosen.
»Ihr Freund da draußen ist offenbar der Meinung. Und ich auch. Ollie erpresst Sie und zwingt Sie so zu etwas, das Sie nicht wollen. Manche Typen kennen es nicht anders.«
»Ich weiß nicht, wie er mit Nachnamen heißt.« Sie wandte den Blick ab. »Meine Güte, Sie denken jetzt bestimmt …«
»Gar nichts denke ich. Können Sie ihn beschreiben?«
»Älter als Sie, so Mitte dreißig vielleicht. Und ein bisschen dicklich. Er hatte eher rötliches Haar, blass, als würde es schon die Farbe verlieren.«
»Und er hat Sie wegen des Videos kontaktiert. Haben Sie Nummern ausgetauscht?«
Sie schüttelte den Kopf. »Am nächsten Morgen bin ich sofort abgehauen. Blöderweise habe ich meine Jacke vergessen, und da war mein Studentenausweis drin. Er hat mir heute eine Nachricht geschickt.«
»Wo war seine Wohnung?«
»The Quays. Welches Haus, weiß ich nicht. Das große, glaube ich.«
»Kann ich die Nachricht sehen?«
Sie sah mich an. »Lieber nicht.« Zum ersten Mal klang sie panisch, und ich war froh, dass Earl uns gerufen hatte.
»Es wäre eine große Hilfe, wenn wir genau wüssten, womit er Ihnen droht. Wenn wir beide auf demselben Stand sind.«
»Also ist das hier schon eine offizielle Anzeige? Es ist nur so, ich habe Sie nicht angerufen. Das war Earl.« Sie hielt inne. »Meine Eltern würden mich umbringen.«
Ich dachte kurz nach. »Wenn Sie mir die Nachricht zeigen, weiß ich so viel wie Sie. Wenn ich ihn finde, kann ich ihn verwarnen. Das ist noch nichts Offizielles.«
»Da ist ein Foto dabei.«
»Von mir erfährt niemand etwas. Ich kann schweigen wie ein Priester.«
»Wie ein Priester sehen Sie aber rein gar nicht aus – sorry, ich wollt Ihnen nicht zu nahe treten …«
Ich lehnte mich zurück, um ihr ein wenig Raum zu geben. »Das ist das Netteste, was ich seit Monaten gehört habe.«
Sie hatte sich entschieden. Klappte den Laptop wieder auf, drehte ihn zu mir hin, den Blick auf die Wand geheftet. Nettes Debüt. Du hast das Zeug zum Star. Aber ob die Welt das sehen sollte? Komm doch vorbei, und wir besprechen das noch mal. ;-) xxx
Er hatte eine .gif-Datei angehängt. Sie zeigte einen Ausschnitt aus dem Video in Endlosschleife. Sophie saß nackt auf dem Bett und lachte. Es sah aus, als wäre sie high. Ich drehte ihr den Laptop hin, erhob mich und legte meine Karte auf den Schreibtisch.
»Ich kümmere mich drum.«
Als ich wieder in den Wagen stieg, schlug mir der Gestank von Desinfektionsmittel entgegen. Sutty hatte alle Oberflächen damit abgewischt, und als ich mir das Funkgerät schnappte, glitt es mir fast aus der Hand. »Die Geschädigte will vorerst noch keine Anzeige erstatten, Ende.« Damit war die Sache für die Einsatzzentrale erledigt.
»Wie war’s?« Sutty regte sich langsam. »Lassen wir jemanden hochgehen?«
Ich kurbelte das Fenster runter, um nicht zu ersticken, und fuhr los.
»Lass mich raten. Sie hat eine Fresse wie ein gekochter Arsch und behauptet, ein Typ hätte sich erdreistet, sie zu küssen.«
Ich fuhr.
Soweit ich wusste, besaß Sutty weder Familie noch Freunde. Man munkelte, er sei einst ein vielversprechender Detective gewesen, habe sich dann aber so sehr an menschlichen Tragödien ergötzt, dass er danach süchtig geworden und schließlich den Reizen der Nachtschicht erlegen sei. Das war zehn Jahre her. Heute war die Nachtschicht sein Leben. Eigentlich fuhren wir nur Streife, hielten Ausschau, passten auf, dass alles seine Ordnung hatte. Das erweckte den Eindruck, wir würden wie die anderen Detectives echte Ermittlungsarbeit leisten und hätten die Möglichkeit, Fälle abzuschließen. Am Ende der Nacht wurde die Illusion bei der Übergabe an die Tagschicht allerdings jäh zerstört. Oft landeten dieselben Fälle in der folgenden Nacht wieder bei uns, manchmal völlig verändert, doch häufig hatten die Kollegen nicht mal die grundlegendsten Nachforschungen angestellt. Wir waren Detectives in Zivil, offiziell dem CID unterstellt, aber denen waren wir herzlich egal. Die Uniformierten zollten uns gerade so viel Respekt, dass man sie nicht abmahnen konnte. Ich war hier, weil ich es musste.
Doch Sutty fuhr total darauf ab.
Er fand Menschen faszinierend und abstoßend zugleich. Für ihn waren alle Jungs Idioten und Wichser, die Mädchen waren Matratzen oder, schlimmer, Feministinnen, aber er saß gern mit ihnen in der Zelle und hörte ihnen zu, oft die ganze Nacht, und brachte sie nach Hause, wenn sie nicht mehr weiterwussten oder zu betrunken waren oder beides. Wer ihn nicht kannte, mochte dies für Mitgefühl halten, doch in Wahrheit erfreute er sich an den Fehltritten der anderen.
In Wahrheit stellte er ihnen sogar ein Bein.
Immer wieder verriet er gewalttätigen Verbrechern die Namen unserer Informanten oder setzte Callgirls in den schlimmsten Stadtteilen ab. Einmal, bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, habe er Wodka in die Kaffeekanne gegossen, erzählte er mir, und zugesehen, wie sie alle langsam betrunken wurden. »Da war diese Schlampe mit blau gefärbten Haaren, die hab ich abgeschleppt und sie gefickt, bis ihr die Farbe übers Gesicht lief.«
Unsere Beziehung war nichts weiter als ein Zermürbungskrieg.
Unverhohlen zeigte er seine Verachtung für mich, doch immer, wenn ich darauf einstieg, hatte ich das Gefühl, etwas in ihm zu nähren. Also bemühte ich mich um Gleichmut. Er provozierte mich aufs Äußerste, doch ich lächelte, schluckte meine Wut runter und verweigerte ihm jeden kleinen Triumph.
Obwohl er kräftig gebaut war und wir oft stritten, hatte mich Suttys Körpergröße nie eingeschüchtert, und er genoss den gegenwärtigen Zustand zu sehr, um daran zu rütteln. Psychologisch ging es zwischen uns allerdings zur Sache. Einmal standen wir mit ausgeschalteten Scheinwerfern in einer Haltebucht vor einem Unfallschwerpunkt, um Raser zu erwischen. Es war drei oder vier Uhr morgens, und er plauderte aus dem Nähkästchen. Irgendwann kam er auf seine erste Nachtschicht zu sprechen. Damals hatte man ihn zu einem Tierheim gerufen.
»Da steht also diese Hexe im Eingang. Langer schwarzer Mantel, fingerlose Handschuhe, die volle Montur. Die Alte zuckt am ganzen Körper, als hätte ihr jemand einen Stromschlag verpasst, wahrscheinlich hat sie Stimmen oder so was gehört. In der Nacht haben wohl besonders fiese Typen auf sie eingeredet, Hitler im Chor mit Ho Chi Minh und Fred West.
Ich schlender also auf sie zu, mach einen auf nett. Sie fängt an, mich von Jesus zuzutexten, will wissen, ob er mich schon erlöst hat. Meint, er kommt zurück, ganz bald, bla, bla, bla. Ich so, ich glaub, der ist heut unterwegs, Süße.
Egal, wie sich rausstellte, war sie da eingebrochen. Um den Hunden die Erstkommunion zu erteilen oder so was. Warten Sie hier, sag ich und geh rein. Drinnen ein Gestank, der einen fertigmacht, unglaublich. In jedem Käfig stehen nasse Hunde. Klatschnass.« Er lachte. »Die Alte hatte ihnen doch glatt eine Benzintaufe verpasst. Ich dreh mich zu ihr um, und sie steht immer noch im Eingang, schlotternd wie Espenlaub. Da sehe ich, dass sie ein Streichholz anzündet. Die verrückte Schlampe hatte vor, uns auf Gottes Gästeliste zu setzen.«
Sutty verlor bei dem Brand seine Augenbrauen und fast alle Haare. Er konnte gerade noch rauslaufen, und während er auf dem Rasen herumrollte und sich die Lunge aus dem Leib hustete, hörte er die jaulenden, bellenden Hunde, die in ihren Käfigen bei lebendigem Leib verbrannten. Bei Tagesanbruch folgte er den Fußspuren der Frau. Sie führten in den Wald, dann war plötzlich Schluss. Niemand sah sie je wieder. In der Nachtschicht waren solche Geschichten allerdings nichts Besonderes, Horrorgestalten und ungelöste Rätsel.
Was Sutty als Nächstes sagte, fand ich viel erschreckender.
»Dann ging mir ein Licht auf«, sagte er. »Die ganzen Hungersnöte und Kriege und Kinder in Not. Wir sind ganz am Ende auf die Welt gekommen, Aidan, direkt in den letzten Todeszuckungen. Die ganze Menschenrasse ist auf Selbstmord programmiert, und jemand hat den Schalter umgelegt. Wir sind die letzte Generation. Nach uns ist Schluss.« Und während ich ihm lauschte, wurde mir klar, dass er es ernst meinte. Schlimmer noch, bei der Vorstellung ging ihm richtig einer ab.
Für jeden bedeutete die Nachtschicht etwas anderes. Für unsere Vorgesetzten war sie eine Abwertung und ein Mittel, uns loszuwerden, am besten gleich ganz. Für mich war sie eine feige Ausrede. Hier konnte ich mich vor meinem Leben verstecken und es einfach an mir vorüberziehen lassen. Für meinen Kollegen aber war die Nachtschicht das Leben. Er hatte im Stück vom Ende der Welt einen Platz in der ersten Reihe ergattert und war aufgesprungen, um frenetisch Beifall zu spenden.
Was hab ich dir gesagt?«, fragte Sutty, während er sich ausgiebig mit Desinfektionsmittel einsprühte. »Die Mongos haben heute Ausgang.«
Wir standen vorm Incognito, eine Loftbar in der Nähe der Piccadilly, und beobachteten die Männerhorden, die sich hinausgedrängt hatten oder bis zur nächsten Straßenecke davor anstanden. Einige hatten sich zu rauchenden, schwitzenden Rotten zusammengefunden, um sich draußen vom Neonlicht und der Hitze zu erholen. Und von den Mädchen in ihren Sommerkleidern, die sie mit Nichtachtung straften. Die meisten von ihnen trugen akkurat geschorene Bürstenfrisuren und formlose Ausgehhemden, und alle besaßen offenbar dieselbe tiefe Angeberstimme. »Jurgh«, grunzte Sutty und klappte das Handschuhfach auf. Er kramte seine Feuchttücher hervor und streckte sich zu mir rüber, um das Steuer abzuwischen, das ich gerade losgelassen hatte. »Da hat ja wohl jemand in den Genpool gefurzt.«
Obwohl seine negative Bewertung dieser Männer auch mich einschloss, musste ich ihm beim Anblick der dort Anstehenden leider beipflichten. Es war, als hätte man dieselbe Persönlichkeit hauchdünn ausgerollt und auf zwanzig Männer verteilt.
»Lust auf einen Spaziergang?«
Er knüllte das Feuchttuch zusammen und warf es aus dem Fenster.
»Ja, bisschen Bewegung kann nicht schaden. Kennst du den Typen, der den Schuppen hier betreibt?« Ich schüttelte den Kopf. »Der hätte am Schenkel seiner Mutter eintrocknen sollen. Eine echte Granate. Sieht aus wie ein Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff, das seit Jahrzehnten keinen Hafen mehr gesehen hat.«
Zwei Mädchen schlenderten Arm in Arm an der Schlange vorbei zum Eingang. Die Männer unterbrachen kurz ihre Prahlerei und ließen sich die beiden auf der Zunge zergehen. Der Türsteher zuckte zusammen, als hätte er sich gerade einen Schuss gesetzt, ließ sie vorbei und sah ihnen nach, als sie nach oben verschwanden. Sein Haar war so kurz geschoren, dass man seine auf dem Schädel hervorquellenden Adern sah. Noch kürzer, und ich hätte ihm beim Denken zuschauen können.
Er musterte Sutty. »Hinten anstellen, Süßer.«
»Versuch’s mal mit Detective Inspector.«
Der Türsteher wurde blass. »Oh, Entschuldigung. Wie kann ich Ihnen helfen, Detective Inspector?«
»Wir möchten mit dem Besitzer sprechen.«
Er rührte sich nicht vom Fleck. »Das Incognito wird von mehreren Leuten betrieben. Wenn Sie mir sagen, worum es geht, mach ich einen Termin für Sie.«
Sutty lachte. »Einen Termin mit Guy Russell? Nee, lass mal. In dem kleinen schwarzen Buch möchte ich lieber nicht stehen.« Der Türsteher bewegte sich immer noch nicht. »Jetzt tu nicht so, du kennst den Typen. Persönlichkeit wie ein Verhütungsmittel. Toupet ausm Horrorfilm. Ich weiß, dass er hier ist, genau wie ich weiß, dass du die Mädchen ohne Ausweiskontrolle reingelassen hast, also machen wir lieber keine offizielle Sache draus, oder?«
»Pat?«, rief der Türsteher seinem Kollegen zu. »Hältst du mal einen Moment die Stellung?« Er verzog die Lippen zu einem tumben Grinsen, das seine Goldzähne entblößte und die Adern auf seinem Schädel pulsieren ließ. »Folgen Sie mir, Gentlemen.«
Der Boden war klebrig wie eine Fliegenfalle. Der Türsteher bahnte uns den Weg, indem er die Leute mit einem Arm zur Seite schob. Die Mischung aus Parfüm und Alkohol verwirrte einem die Sinne, es war stickig, heiß, und wummernde Bässe brachten die Luft zum Pulsieren. Oben im Halbdunkel des Lofts drängten sich ungefähr hundert Leute. Wir landeten direkt neben der Bar.
»Warten Sie hier«, sagte der Türsteher. Sutty beglotzte die fast zu gleichen Teilen versammelten Männer und Frauen. Sie standen weitgehend getrennt, einige hatten sich zaghaft vorgewagt, nur ein paar hatten auf der Tanzfläche zusammengefunden, wo sie sich im Takt der Musik aneinander rieben. In den Separees entlang der Wand hingegen wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Hier drängten sich teilweise vier bis fünf Mädchen auf einer Bank, auf der anderen Seite saßen die Männer. Zwischen ihnen glänzten Eiskübel mit billigen Proseccoflaschen.
Der Türsteher steuerte von der Tanzfläche aus auf uns zu. »Mr Russell hat jetzt Zeit für Sie.«
»Ich warte hier«, sagte Sutty, dessen Blick von Tisch zu Tisch tanzte. »Sichere die Bar ab.« Im Scheinwerferlicht sah er mit seiner Visage aus wie ein schwitzendes, halb verfaultes Hühnchen.
Der Türsteher führte mich über die Tanzfläche zu einem Separee in der Ecke. Ein Mittvierziger saß neben einem Mädchen. Er musterte mich eingehend, während das Mädchen gelangweilt mit einem Finger durch ihr Handy scrollte. Der Mann entsprach genau Suttys Beschreibung. Penibel gekleidet, aber völlig out. Die ersten vier Knöpfe seines engen schwarzen Hemds standen offen und legten ein nacktes Hautdreieck frei. Er entblößte die gebleichten Zähne mit einstudiertem Lächeln und wies auf den Platz neben sich. Ich schob mich auf die Sitzbank. Das Mädchen, immer noch am Handy, schien ihre Kleidung passend zum Etablissement gewählt zu haben: grellbunte Farben, die das ultraviolette Licht auf verführerische Weise reflektierten. Sie trug eisgrauen Eyeliner und grellpinken Lippenstift und war locker fünfundzwanzig Jahre jünger als ihr Begleiter.
»Da hat aber jemand Durst«, rief der.
Ich schwieg.
»Alicia«, sagt er zu dem Mädchen, »ich glaube … zwei Jack und Colas.«
Eine Flasche Dom Pérignon steckte in einem Eiskübel auf dem Tisch, aber offenbar war ich den nicht wert. Alicia erhob sich, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Sie trug UV-Kontaktlinsen, wie mir jetzt auffiel. Sie verliehen ihr einen leeren Blick, tot. Der Mann sah ihr nach, wie sie scheinbar mühelos durch die Menge glitt, dann wandte er sich mir zu.
»Ich bin Guy Russell«, sagte er, »und Sie haben Zeit, bis sie wiederkommt.« Russell hatte einen direkten Blick auf die Tanzfläche, und sein Gesicht wurde von den Scheinwerfern in tiefrotes Licht getaucht. Vermutlich sein Stammplatz, weil er ihm den richtigen Look verpasste.
»Es gibt hier jemanden, mit dem ich gern mal reden würde.«
»Ja?« Er beugte sich vor und grinste ins Licht. Die Nähte von mehreren Schönheitsoperationen wurden sichtbar. »Wie heißt sie denn?«
»Er heißt Ollie oder Oliver.«
»Sagen Sie bloß nicht, es geht bei Ihrem Besuch um Ermittlungen.«
Ich nickte.
Sein Grinsen hatte was von einer Discokugel, es blitzte auf und verschwand wieder, blitzte auf, verschwand. Vermutlich hatte er sich sein Abendessen durch die Nase reingezogen. »Ollie oder Oliver, sagen Sie?«
»Mitte Dreißig, untersetzt, hellrotes Haar, das langsam ergraut.«
»Na, das ist ja nicht gerade viel …«
Aber ich war sicher, dass er nur Zeit schinden wollte, weil er den ihm bekannten Namen nicht preisgeben wollte.
»Stammgast«, fügte ich hinzu. »Hat’s letzte Woche so richtig krachen lassen.«
Russell strahlte mich mit seinen lidlosen, starren Augen an. »Wie Sie sehen, haben wir eine Menge Stammgäste, Mr …«
»Detective«, sagte ich, »Aidan Waits.«
»Ich habe eine Menge Stammkunden, Detective Waits. Und die meisten von ihnen lassen es krachen. Verraten Sie mir, worum es geht?«
»Nein.«
Er rutschte auf seinem Sitz herum. »Aber Sie haben doch nicht etwa vor, den guten Ruf vom Incognito zu beschmutzen?«
»Welchen guten Ruf?«, fragte ich. Sein Grinsen verschwand wieder. Er holte tief Luft und setzte gerade zu einer Tirade an, als Alicia mit den Drinks zurückkehrte, sie auf den Tisch stellte und wieder auf ihren Platz rutschte. Sie sah aus, als wäre sie aus einer anderen Dimension gekommen.
»Sorry, Kumpel. Die Zeit ist rum.«
Ich beugte mich dicht zu ihm vor. »Die Zeile müssen wir noch mal üben, Guy. Ich weiß, wie das in echt aussieht.« Wir starrten einander an, während sich das Mädchen krampfhaft auf ihr Handy konzentrierte. »Ollie oder Oliver«, wiederholte ich.
»Was, glauben Sie, ist wohl das Wichtigste an meinem Geschäftsmodell?«
Ich hielt seinem Blick stand. »Der Kondomautomat?«
»Für mich persönlich, meinte ich.«
»Selbe Antwort.«
»Die Außenwirkung«, sagte er ungeduldig. »Und nicht nur meine. Nicht nur die von Alicia. Wir wollen unseren Kunden vermitteln, dass wir sie verstehen, diskret sind und ihre Anonymität wahren. Viele von den Jungs hier haben eine Beziehung. Sind vielleicht sogar verheiratet. Würden die wiederkommen, wenn sie herausbekämen, dass ich ihre Kontaktinfo weitergebe?«
»Der Mann, nach dem ich suche, belästigt ein junges Mädchen sexuell.« Alicia hielt inne. »Auch sie war hier Kundin.«
»Sehen Sie sich die Bar an«, sagte Russell. Durch das Gedränge auf der Tanzfläche hindurch erkannte ich einen Haufen Männer, die mit Bargeld oder ihren Karten nach der Bedienung hinter dem Tresen winkten. »Den Umsatz machen nicht die jungen Mädchen, Detective.«
»Und Sie glauben, diese Typen sind wegen der Musik hier?«
Sein Lächeln blitzte auf und erstarb dann völlig. Er musterte mich kurz, dann schüttete er meinen Drink in den Eiskübel.
»Alicia, unser Freund hier sitzt schon wieder auf dem Trockenen.« Das Mädchen reagierte sofort und verschwand. Während Russell sich den Hals verrenkte, um ihr hinterherzusehen, entdeckte ich hinter seinem Ohr eine Hautwulst von seiner Schönheits-OP. Es sah aus, als wäre ihm seine Maske verrutscht. Ich wandte mich um und sah, wie Alicia mit dem Türsteher sprach. »Hier spielt die Musik, Detective!« Russell beugte sich über den Tisch. »Ich hab letzte Nacht eine zu mir mitgenommen. Sie kniet sich vor mich hin und lutscht – ich mein, so richtig mit Schmackes – an meinem Finger. Hab gedacht, sie renkt ihn mir gleich aus. Und ich sag: ›Mädel, den Rest gibt’s erst, wenn du dein Einverständnis abgegeben hast‹ …«
»Wozu?«
»Incognito, Baby. Keine Namen. Der beste Deal der Stadt, und ich hab den Daumen drauf. Und wissen Sie was? Nur deshalb, weil hier jeder Club eine Fassade für was anderes ist, kommen Leute wie Sie nicht mehr klar, wenn mal einer ehrlich ist.«
»Sie sind ehrlich? Inwiefern?«
»Ich gebe zu, dass alte Männer gern junge Mädchen ficken. Und dass junge Mädchen es gern mit alten Männer machen, ob Sie’s glauben oder nicht. Aber für jemanden, der nach Opfern sucht, ist das schwer zu akzeptieren, nicht? Na, ich sag Ihnen mal was, bei mir finden Sie bestimmt keine Opfer. Hier drin machen die Leute, wozu sie Lust haben, mit wem und wann sie wollen. Der Typ von letzter Woche?« Russel lachte. »Vergessen Sie’s, Detective, verziehen Sie sich aus meinem Club.«
Jetzt war es an mir, ihn anzugrinsen. Ich erhob mich und zeigte ihm deutlich, wie sehr ich mich darüber freute, sein wahres Gesicht gesehen zu haben. »Sie haben mir sehr geholfen, Mr Russell. Danke schön.« Alicia kehrte mit zwei frischen Drinks zurück.
»Nur zu«, sagte Russell, »die gehen auf mich.«
Ich nahm das Glas und schüttete es ihm über den Kopf. »Ja! Da haben Sie wohl recht.« Ich drückte dem völlig überraschten Mädchen das leere Glas in die Hand, als der Türsteher mir von hinten den Arm um den Hals schlang und mich am Schopf über die Tanzfläche zerrte.
Suttys Lachen kam direkt aus der Gosse. »Hast mir wieder nicht zugehört«, sagte er. »Du bist wie ein Hund, der nicht weiß, was Scheiße ist, bis man ihn mit der Schnauze drauf stößt.« Wir hatten den Wagen fast erreicht.
»Hey!«, brüllte jemand. Ich wandte mich um und erblickte das Mädchen, Alicia. Sie lief uns hinterher. »Für wen hältst du dich, Arschloch?«
Sutty gähnte. »Sammelst du solche Bräute, oder was? Wir sehen uns in meinem Büro.«
Ich ging zurück und traf sie mitten auf der Straße. »Wie bitte?«
»Du hast mich schon verstanden. Macht dir das Spaß, Leute zu provozieren?«
»Das Einzige, was ich provoziert habe, sind seine Haarklammern. Sonst noch was?«
Sie sah mich mit ihrem undurchsichtigen Kontaktlinsenblick an. »Ja, eine Menge.«
»Komm mit«, sagte ich und zog sie auf den Gehweg. »Wie alt bist du?«
Sie dachte, ich käme ihr mit dem Jugendschutzgesetz. »Achtzehn«, sagte sie trotzig.
»Na, ich komme gerade von einem Mädchen im gleichen Alter. Sie hat hier letzte Woche ein echtes Ekelpaket getroffen. Ich brauche nur seinen Namen, damit ich ihm Bescheid stoßen kann. Deinem Freund ist das schon zu viel. Und dir?«
»Kommt drauf an, wer der Typ ist.«
»Ollie oder Oliver irgendwas.«
Sie blieb stumm.
»Wenn du weißt, von wem die Rede ist, tu mir einen Gefallen. Gib mir seinen Nachnamen, irgendwas.« Ich trat näher, um ein paar Clubbesucher vorbeizulassen.
Sie verschränkte die Hände vor der Brust. »Cartwright«, sagte sie leise.
»Oliver Cartwright?« Sie nickte ganz vorsichtig. »Und du weißt nicht zufällig, wo er wohnt?«
»Kennen Sie das Imperial Point?«
»An den Quays?«
Sie nickte. »Apartment 1003.«
»Erzähl mir von ihm.« Aber sie hatte sich schon umgedreht und war auf dem Weg zurück in den Club, die Arme fest um ihren Körper geschlungen.
»Du hast es gewusst!«, sagte ich. Sie blieb stehen. »Als ich Russell gegenüber von sexueller Belästigung gesprochen habe, hast du gewusst, um wen es geht.«
Sie wandte sich halb um. »Ich und Ollie haben nicht zueinandergepasst. Wir haben beide gern die Zügel in der Hand.«
»Wir bringen dich nach Hause.«
»Nach Hause?«
»Ja. Sag uns einfach, wo du wohnst.«
Sie lächelte. Zuerst verzog sie nur die Lippen, aber dann wurde ihr Grinsen echt. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund, als wollte sie es wegwischen. Der grellpinke Lippenstift hinterließ eine Spur auf ihrer Hand.
»Ich steh direkt davor. Was Besseres hab ich nicht.« Als ich schwieg, lachte sie laut auf. »Guy Russell ist mein Dad.«
Mit dem Auto kam man in zwanzig Minuten von der Piccadilly zu den Quays, die Ringstraße um die Innenstadt war zu dieser Zeit so gut wie leer.
»Was geht hier ab?«, fragte Sutty.
»Interessiert dich nicht.«
»Tu, was du nicht lassen kannst«, sagte er und drehte sich zum Seitenfenster. »Aber ich hab nichts damit zu tun.«
»Womit? Mit deiner Arbeit?«
»Mit dem, was du da wieder abziehst. Schon wieder so ein Ding mit irgendwelchen beschissenen Mädchen. Hast du nach der Sache letztes Jahr noch immer nicht genug?«
»Wenn jemand ein Auge zudrücken kann, dann du, Sutts. Ist doch eigentlich dein Normalzustand.« Er funkelte mich an, sagte aber nichts weiter, und den Rest der Fahrt schwiegen wir.
Als wir die Quays erreichten, war es fast Mitternacht. Früher befanden sich hier Docks, der Hafen des Schiffskanals von Manchester, aber mit der Abwanderung der Industrie waren auch die Docks verfallen. Während des Booms in den Achtzigern hatte man wie wild investiert und an dieser Stelle diverse glänzende, ultramoderne Hochhäuser und Penthäuser gebaut, deren Spiegelbilder nun auf dem Wasser glitzerten. Die Gebäude waren allesamt aus Stahl und Glas und ragten in den abenteuerlichsten Winkeln aus dem Boden wie riesige Scherben auf einem Sperrzaun. Die Architektur dieser Häuser passte ebenso wenig zum ärmlichen Stadtbild wie die wirtschaftliche Situation ihrer Bewohner.
Ich stieg aus und ging auf den Eingang des Hochhauses zu. Als ich mich umwandte, sah ich, dass Sutty bereits das Steuer desinfizierte.
Imperial Point war eines der ersten Gebäude seiner Art an den Quays gewesen und überragte seine Nachfolger auch jetzt noch. Der Turm hatte eine geometrische Architektur, die an einen fallenden Börsenkurs erinnerte. Im Gegensatz zu Owens Park herrschte hier Stille, und mir stiegen keinerlei nostalgische Erinnerungen auf. In der Vergangenheit hatte ich lediglich wegen häuslicher Auseinandersetzungen herkommen müssen. Entweder waren die Wände hier besonders dünn oder die Bewohner besonders unglücklich.
Ich betrat das Foyer und erklärte dem schlaftrunkenen Portier mein Anliegen. Er saß hinter den Empfangsschalter gequetscht und vermittelte mir den starken Eindruck, dass ich ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.
»Ich kann Sie hochbringen«, sagte er, während er sich das Hemd in die Hose stopfte.
»Schon gut, ich finde es allein«, sagte ich schnell und marschierte auf den Lift zu.
Der Flur im zehnten Stock war mit flauschigem Teppich ausgelegt. Über mir summte eine Klimaanlage, und die Wände fühlten sich an wie Eisblöcke. Das Licht wurde über einen Bewegungsmelder eingeschaltet und hinter mir wieder heruntergedimmt. Alle Gänge waren identisch, und überall herrschte Stille. Ich verlief mich ein paarmal, doch schließlich stand ich doch vor Apartment 1003. Die Tür hatte einen Spion, und mich beschlich das ungute Gefühl, beobachtet zu werden. Bevor ich klopfen konnte, öffnete jemand einen Spaltbreit, die Kette war vorgelegt. Ein Mann spähte heraus.
»Ollie Cartwright?«
Er musterte mich ausgiebig. »Und Sie sind?«
»Detective Constable Aidan Waits.«
»Es ist mitten in der Nacht, Detective Constable. Worum geht es denn?«
»Dürfte ich kurz reinkommen? Dann hört nicht jeder mit.«
Wieder musterte er mich.
Ich hielt seinen Blick.
Schließlich schloss er die Tür, entriegelte die Kette und öffnete mir.
»Hier lang«, stieß er grimmig hervor.
Im Flur fiel mir als Erstes die unter lauter Blazern mit Schulterpolstern aufgehängte Jeansjacke ins Auge. Die gehörte offensichtlich nicht hierher. Das Wohnzimmer war in Beige und Grau gehalten. Nagelneue Möbel, an der Wand ein überdimensionierter Fernseher. Daneben stand ein kleiner Hartschalenkoffer fürs Handgepäck. Im eiskalten Hauch der Klimaanlage war ich fast schockgefrostet. Als ich mich aufs Sofa setzte, meinte ich, auf der spiegelnden Oberfläche des Sofatisches Pulverreste zu erkennen.
Oh Happy Day!
Cartwright beobachtete mich vom Türrahmen aus. Posierte in seinem Bademantel mit Monogramm und machte einen auf wichtiger Geschäftsmann. Er war groß, älter als ich, Mitte, Ende dreißig, wie Sophie gesagt hatte. Sein Haar war schütter, und die Wangen hingen ihm wie zwei Fleischsäcke vom roten Säufergesicht. Bei dem Gedanken, dass das Mädchen, dem ich gerade begegnet war, tatsächlich eine Nacht mit so einem Typen verbracht hatte, spürte ich einen Stich und beschloss, meine Eifersucht an ihm auszulassen.
»Setzen Sie sich doch«, forderte ich ihn auf. Erst als er durchs Zimmer watschelte, fiel mir auf, dass er Flipflops trug. Ich schloss kurz die Augen, um das Bild zu vertreiben.
Cartwright ließ sich auf den Sessel gegenüber fallen. »Was ist hier los?«
»Erklären Sie’s mir.«
Er sah mich finster an, sein Ärger war deutlich zu sehen.
»Ich habe Zeit.« Während ich das sagte, vibrierte mein Handy in der Tasche. Ich ignorierte es. »Erzählen Sie mir von sich.«
»Was zum Beispiel?«
»Name, Beruf …«
»Sie gucken nicht viel fern, oder?«
»Ärgern Sie sich, weil ich Sie geweckt habe oder weil ich Sie nicht kenne?«
»Ich will Ihre Marke sehen«, erwiderte er verächtlich. Ich hielt sie ihm unter die Nase. Er machte ein großes Getue darum, dass er sich meinen Namen merkte. Dann bedachte er mich mit einem bedeutungslosen Einheitsgrinsen. Kam mir bekannt vor.
»Ich heiße Oliver Cartwright. Ich arbeite als Moderator bei Lolitics.« Am Ende hob er die Stimme, als stellte er eine Frage. Eine Sendung für besorgte Bürger und rechtspopulistischen Journalismus. Wenn einer von dieser Meute im Fernsehen auftrat, war es Zeit umzuschalten.
»Ich werde drauf achten. Wozu der Koffer?«
»Ich reise am Dienstag nach Dubai.«
»Geschäftlich?«
»Junggesellenabschied.«
»Sind Sie Single?«
»Ja, aber mir reicht’s jetzt. Das ist Belästigung.«
»Belästigung. Schön, dass Sie das Thema anschneiden.«
Er setzte zu einer Replik an, besann sich dann aber eines Besseren.
»Wie läuft’s denn so im Privatleben? Haben Sie eine Stammkneipe?«
»Nein, ich trinke überall, wo man ausschenkt. Haben Sie ein Problem damit?«
»Waren Sie schon mal im Incognito?« Er wich zurück, plötzlich nervös.
»Fake News gehören vielleicht zu Ihrem Beruf, aber ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie einem Polizisten Lügen auftischen.«
Er grinste. Sah aus wie einer, der sich vergewissert, dass ihm keine Essensreste zwischen den Zähnen hängen. »Ich habe nicht gelogen, Detective.«
»Sie wissen genau, warum ich hier bin. In Ihrem Flur hängt eine Frauenjacke. Mit Ihren Schultern passen Sie da nicht rein.«
»Ah, der Klassiker«, sagte er, die Augen halb geschlossen. »Eine Nacht der Leidenschaft, und eine Woche später war es Vergewaltigung.«
»Wie kommen Sie denn da drauf?«
»Solche Mädchen gibt es wie Sand am Meer, und sie alle leiden unter Realitätsverlust. Sie handeln impulsiv, und am nächsten Tag bereuen sie’s. Und die, um die es hier geht, war voll dabei, falls Sie mich das fragen wollten.«
»Schwer zu beweisen«, sagte ich. »Und wir müssen solche Dinge ernst nehmen.«
Wieder grinste er, fast, als würde er mich befragen und nicht umgekehrt. »Ob Sie’s glauben oder nicht, beweisen kann ich das durchaus.«
Irgendwie überraschte es mich, als er die Achseln zuckte, sein Handy aus der Bademanteltasche zog und es durchsuchte. Ich hätte nicht gedacht, dass er dumm genug wäre, mir die Aufzeichnung freiwillig zu zeigen. Grinsend öffnete er die gewünschte Datei und hielt mir das Handy hin. Das kleine Icon zeigte ein Bild von Sophie. Ich klickte auf Wiedergabe, und sofort füllte das Geräusch von lautem Atmen den Raum. Das Video zeigte das Mädchen rücklings auf dem Bett, während sich Oliver über ihr abarbeitete. Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Er konnte sein Glück kaum fassen.
»Sehen doch alle recht zufrieden aus, oder?« Ein lüsternes Lächeln kroch ihm über die Lippen. Am liebsten hätte ich ihm die Fresse poliert. Ich stoppte das Video, löschte es und leerte auch gleich den Papierkorb. Er grapschte nach dem Handy, aber ich zog es rechtzeitig weg.
»Ist das die einzige Version?«
»Ja, Sie …«
»Hinsetzen, Ollie.«
»Was?«
»Hinsetzen.«
Zögernd folgte er meiner Anweisung.
»Okay, hier ist eine Nachricht für Sie.«
Er verdrehte die Augen.
»Ich glaube nicht, dass dies die einzige Version ist.«
»Ist mir doch scheißegal, was Sie glauben«, sagte er, die Arme verschränkt.
Ich behielt ihn im Blick, als ich über die Tischplatte strich und ihm das Pulver an meinem Mittelfinger unter die Nase hielt. »Wollen Sie mir weismachen, das hier wären Schuppen?«
Er lief rot an.
»Ich glaube nicht, dass es nur eine Version gibt.« Wieder vibrierte mein Handy in der Tasche. »Also müssen wir uns wohl Ihren Computer vornehmen. Und wenn wir es dort gelöscht haben, verschwinde ich, und Sie hören nie wieder was von mir.« Ich sah ihn an. »Und Sophie hört nie wieder was von Ihnen. Nicht wahr?«
»Nein«, sagte er, hielt meinem Blick aber stand. Dann führte er mich in sein Arbeitszimmer und zeigte mir die Dateien auf seinem Computer, aber keine war in der letzten Woche geöffnet oder gespeichert worden. Als mein Handy erneut vibrierte, blickte ich aufs Display. Sutty.
»Moment mal«, sagte ich und verschwand ins Nebenzimmer.
»Willst du da Wurzeln schlagen, oder was?«
»Gib mir fünf …«
»Wir haben einen Auftrag. Wenn du nicht in einer Minute am Ausgang bist, kannst du zu Fuß gehen …«
Er beendete das Gespräch, und ich kehrte zurück ins Arbeitszimmer.
Cartwright glotzte mich an. »Ich hab Ihnen doch gesagt, dass es nur eine Version gab.«
Ich glaubte ihm zwar nicht, aber seine Furcht schien echt zu sein.
»Gut«, sagte ich und ging zur Tür. »Aber wenn Sie mich anlügen, spielt Ihr nächstes Sexfilmchen im Gefängnis.« Im Flur schnappte ich mir Sophies Jacke. »Und die nehm ich mit.«
»Nur zu. Bin froh, wenn ich sie los bin.«
»Sie sind noch mal glimpflich davongekommen, Ollie. Auf Nimmerwiedersehen.«
Erst als ich zum Wagen zurückkehrte, merkte ich, dass mir das Herz bis zum Hals schlug. Sutty hatte sich ans Dach gelehnt und wartete bereits. Er spähte auf sein Display und versuchte, mit dem Fingerknöchel eine Nachricht zu tippen.
Als er mich bemerkte, blickte er auf. »Na endlich.«
»Alles im grünen Bereich?«
»Einbruch. Palace Hotel.«
Ich stieg ein, und wir fuhren los. Das Steuer war rutschig. Sutty hatte wieder desinfiziert. »Wieso schicken sie keine Streife?«
»Weil’s unser Job ist«, sagte er mit Blick auf die Jeansjacke, die ich auf die Rückbank geworfen hatte. »Ich will gar nicht wissen, was es damit auf sich hat.«
The Palace ist ein riesiger viktorianischer Backsteinklotz an der Ecke Oxford Road und Whitworth. Er steht gegenüber vom Grand Central und dem Thirsty Scholar, und der Black Dog Ball Room befindet sich direkt um die Ecke. Zweihundert Meter über uns ragte die Turmuhr in den Himmel, unübersehbar. In manchen Nächten war ich so besoffen gewesen, dass ich nur dank der Uhr nach Hause gefunden hatte. Mein Leuchtturm. Zu meinen schlimmsten Zeiten hatte ich sogar ein paarmal im Palace Hotel übernachtet, manchmal mit Zufallsbekanntschaften oder wenn es zu spät geworden war, um nach Hause zu fahren. Ich bedauerte, dass das Hotel geschlossen war. Renovierungsarbeiten bedeuteten immer auch Veränderung, und das Palace Hotel gehörte zum historischen Erbe der Stadt. Es war schon eine Weile her, seit das Haus dichtgemacht hatte, und mir war nichts darüber zu Ohren gekommen, dass es so bald wieder öffnen würde. Als wir näher dran waren, sah ich, dass selbst die Turmuhr, auf die ich mich immer verlassen hatte, die falsche Zeit anzeigte.
Es war ein Uhr morgens.
Der Eingang war pompös, ein architektonisches Statement. In der roten Backsteinfassade prangte ein meterhoher Marmorbogen, vor dem eine junge Frau wartete. Ich wunderte mich, dass ich ihren Atem sehen konnte, doch dann entdeckte ich die E-Zigarette in ihren Fingern. Sie war geschmackvoll gekleidet und strahlte dadurch ein kühles Selbstbewusstsein aus, das sie deutlich vom abgeranzten, erhitzten und verschwitzten Nachtpublikum abhob. Als wir auf sie zukamen, blickte sie ins Leere und dampfte erst zu Ende, bevor sie uns ihre Aufmerksamkeit schenkte.
»Polizei?«, fragte sie und verstaute die E-Zigarette in der Handtasche.
»Ich bin Detective Constable Waits, das hier ist Detective Inspector Sutcliffe.«
Sutty unterbrach mich. »Wie wir hören, haben Sie einen ungebetenen Gast, Mrs …«
»Ms«, korrigierte sie.
»Aha.« Er grinste. »Danke für den Hinweis, Ms …?«
»Aneesa Khan.«
»Und in welcher Verbindung stehen Sie zum Palace Hotel, Ms Khan?«
»Ich arbeite für die Kanzlei Anthony Blick. Wir verhandeln gerade über den Verkauf des Hotels.«
»Ich wusste gar nicht, dass es zum Verkauf steht«, sagte Sutty. »Sonst hätte ich Ihnen ein Angebot gemacht …«
Sie schenkte ihm ein Lächeln, das allerdings sofort wieder verschwunden war, als hätte sie lediglich mit dem Gesicht gezuckt. »Irreführung, Inspector. Renovierung klingt besser als die Wahrheit.«
»Und die wäre?«
»Das Hotel wurde geschlossen, weil die Eigentümer sich bis aufs Messer bekriegen.«
»Also steht es leer?«
»So sollte es sein.« Sie legte die Stirn in Falten. »Am besten gehen wir gleich mal nachsehen.«
Die riesige Eingangshalle wurde allein durch eine Lampe am Empfangstresen schwach beleuchtet. Das Innere des Hotels war imposant, und trotz der Hitze herrschten hier angenehme Temperaturen. Viele Möbelstücke waren antik, sie stammten aus dem 19. Jahrhundert, als das Haus gebaut wurde, und zwar als Hauptsitz einer Versicherung. Das Innere zeugte von ungewöhnlichem Stilgefühl und Eleganz. Über einem glänzenden Steinboden wölbte sich ein wohl neun Meter hoher Lichthof mit einer Kuppel aus Buntglas, das Dach ruhte auf riesigen Säulen. Es war wie eine Befreiung, von der überfüllten Straße in diese offene Weite zu treten.
»Der Alarm wurde vor einer Stunde ausgelöst«, sagte sie leise, doch ihre Stimme hallte trotzdem durchs Foyer. »Und weil niemand ihn abgeschaltet hat, wurde ich gerufen.«
»Kommt schon mal vor, dass in so einem Riesenklotz was umkippt.«
»Aber wir haben einen Nachtwächter, Ali. Und der meldet sich nicht.« Wir wandten uns gleichzeitig der leeren Rezeption zu. Die Lampe war so hingedreht, dass sie den Eingang erleuchtete und uns direkt in die Augen schien. Der Raum dahinter lag im Schatten.
»Ist das sein Arbeitsplatz?«, fragte ich. Khan nickte, den Blick immer noch auf den Empfang gerichtet.
»Ich seh mal nach. Sie können hier warten, wenn Sie wollen.«
Ich wandte mich ab und trat auf das Licht zu. Kurz danach hörte ich ihre Absätze über den Steinboden klackern. Ein Seufzer ertönte, danach das Quietschen von Suttys billigen Plastiklatschen.
Ich drehte die Lampe weg. Sie war heiß, wahrscheinlich hatte sie die ganze Nacht gebrannt. Hinter dem Tresen war kein Mensch, und auf dem Tisch befanden sich nur ein Handy, eine Schlüsselkarte und ein Becher. Sutty quietschte auf mich zu und befingerte den Becher.
»Eiskalt«, sagte er.
Ich trat hinter den Tresen, schnappte mir das Handy. »Könnte das ihm gehören?« Khan nickte. Ich aktivierte das Display. Fünf verpasste Anrufe.
»Alle von mir«, erklärte sie.
»Macht er vielleicht gerade einen Rundgang?«
»Ohne sein Handy?«
Sutty gähnte in seine Achsel. »Wahrscheinlich schläft er sich in irgendeinem Zimmer aus.«
»Ausschlafen? Warum?«, fragte sie.
»Darum«, sagte Sutty.
»Dafür ist er nicht der Typ.«
»Huch, mein Glaube an das Gute im Menschen hat wohl wieder einen Wackelkontakt«, bemerkte Sutty.
Khan sah von ihm zu mir. »Man hat mich gerufen, weil der Alarm ausgelöst wurde und niemand ihn ausgeschaltet hat. Ali ist nicht am Platz – also wo ist er dann?«
»Na gut«, Sutty schlurfte zu den Aufzügen und drückte den Knopf. »Dann sehen wir uns mal hier um.«
»Die Fahrstühle sind noch nicht freigegeben.« Er sah sie entgeistert an. »Außer Betrieb, Inspector.«
»Passt ja zu Ihrem Nachtwächter.« Kopfschüttelnd blickte er die mächtige, berühmte Treppe hinauf. »Über Normalnull krieg ich sowieso Nasenbluten. Also, hoch da, Aidan. Wir suchen hier unten.«
Khan und ich tauschten Blicke, dann ging ich zur Treppe.
»Ich komm mit«, rief sie plötzlich. Sutty schnaubte, verkniff sich aber jegliche Bemerkung.
Sobald wir außer Hörweite waren, wandte sie sich zu mir um. »Ist der Typ wirklich Ihr Boss?«
»Ist er. Wenn man ihn kennt, kann er ganz nett sein.«
»Echt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich hatte ich gehofft, dass er die Treppe nimmt und im dritten Stock tot umfällt.«
