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Smith Wigglesworth war ein einfacher Klempner in Bradford (England), ehe er zu einem weltbekannten Evangelisten und zu einem wahren "Apostel des Glaubens" wurde. Er gehörte seit frühen Jahren der Heiligungsbewegung an und suchte, angeregt durch das Studium des Neuen Testaments, eine geistliche Erfahrung, die dem Leben der ersten Christen entsprach. - Im Oktober 1907 erlebte er eine Ausrüstung zum Dienst, die er selbst mit den Worten beschreibt: "Am Dienstagmorgen fiel das Feuer. Mein Leib wurde durchdrungen von Gottes heiliger Gegenwart. Die Erinnerung an jene Stunde übersteigt die Fähigkeit meines Ausdruckes." - Brennende Liebe trieb ihn zu einem Dienst der Barmherzigkeit, wie ihn nur wenige in unserem Jahrhundert getan haben. Unser Buch berichtet über den Weg dieses seltenen Gottesmannes, bei dem sich die Urwüchsigkeit einer unkomplizierten Gesinnung mit der völligen Hingabe an Gott verbunden hatte. Das Leben von Smith Wigglesworth leuchtet weit über seinen Tod hinaus. Wie nur wenige andere hat er gezeigt, dass ein Leben in ungeteilter Hingabe und Vertrauen heute noch die gleichen Früchte hervorbringt wie zur Zeit der ersten Apostel.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Stanley Howard Frodsham
Smith Wigglesworth Apostel des Glaubens
Übersetzt aus dem Englischen von Gerhard Krüger und Arthur Piesterick
14., überarbeitete Auflage 2018 (2. Auflage im Asaph-Verlag)
© 1951 by James Salter – mit freundlicher Genehmigung
Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf
Satz/DTP: Jens Wirth
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-940188-31-1
Best.-Nr. 147431
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Cover
Titel
Impressum
Vorwort zur ersten deutschen Auflage
Zuerst der Halm
„Ich will ihm eine Gehilfin machen“
Dann die Ähre
Angetan mit Kraft aus der Höhe
Nach Empfang der Geistestaufe
Der Dienst der Heilung
Viel Arbeit
Wunder in Australien und Neuseeland
Besuche in der Schweiz und in Schweden
Sein Geheimnis geistlicher Kraft
Der Herausforderer
Frei von Habsucht
Ein Leben der Freude
Ein großer Glaubenskampf
Auszüge aus seinen Predigten
Betreffs der geistlichen Gaben
Das Wort der Erkenntnis und des Glaubens
Gaben der Heilungen und Wunder
Die Geisterunterscheidung
Die Gabe der Weissagung
Die Gabe der Zungen
Was heißt es, voll Heiligen Geistes zu sein?
Die Kraft des Namens Jesu
Das Leben im Geist
Gerechtigkeit
Worte des Lebens
Tätiger Glaube
Weitere Bücher
Gleich John Bunyan, dem Blechschmied von Bedford und Verfasser der „Pilgerreise“, war Smith Wigglesworth, der Klempner von Bradford, eine einzigartige und originelle Persönlichkeit. Er predigte in allen Teilen der Welt, und sein Dienst war wirklich von apostolischen Merkmalen geprägt. Man kann von ihm sagen, dass der Herr mit ihm wirkte und das Wort durch die mitfolgenden Zeichen bekräftigte. Er führte kein Tagebuch – aber in den Herzen derer, welchen er ein Segen sein durfte, sind viele kostbare Erinnerungen. Dieses Buch enthält nur einen kleinen Teil davon.
Niemand vermag dieses Buch zu lesen, ohne im Glauben entzündet zu werden, denn es berichtet tatsächlich von einer einzigartigen Persönlichkeit, und dennoch – wenn Wigglesworth diese Lebensbeschreibung gesehen hätte, hätte er ausgerufen: „Nicht uns, sondern dir allein, o Gott, gebührt alle Ehre und Herrlichkeit!“ Wie viele der ersten Apostel besaß er keine Schulbildung – aber er kannte Christus und das Wort Gottes. Er war dem Wort gehorsam und wagte den Verheißungen zu glauben.
Der Lebensbericht und die anschließenden Betrachtungen sind von seinen Freunden und Zuhörern während seines Predigtdienstes und aus seinen Erzählungen aufgenommen worden. Er selbst hat kein Buch geschrieben.
Durch das freundliche Entgegenkommen seines Schwiegersohnes, James Salter, erscheint es nun auch in deutscher Sprache. Bei der Übersetzung ist versucht worden, die Eigentümlichkeiten seiner Ausdrucksweise beizubehalten. – Der treue Herr wolle mit seinem Segen diese Ausgabe begleiten.
Der Verlag
Das Jahr 1859 ist als das Jahr der großen irischen Erweckung bekannt. Zwei Jahre vorher gab es in Amerika ein mächtiges Erwachen. In jeder großen Stadt hielt man Gebetsversammlungen ab, die von Tausenden besucht wurden, und weil die Menschen den Herrn wieder anriefen, wirkte der Geist so mächtig, dass nach Schätzungen jeden Monat 50.000 Seelen vom Tode zum Leben durchdrangen. Die frohe Kunde von den beiden Erweckungen in Irland und Amerika veranlasste auch die Gläubigen in England, den Herrn im Gebet zu suchen. Bald darauf begannen auch in diesem Lande die Erweckungsfeuer zu brennen. Spurgeon predigte in London zu großen Menschenmengen, und in jeder Versammlung nahmen viele Jesus Christus als ihren Herrn und Heiland an.
Im Süden der Insel, in Wales, wurde Christmas Evans ein wunderbarer evangelistischer Dienst geschenkt. Die Bekehrten waren so überglücklich, dass sie in seinen Versammlungen vor Freude tanzten. Das war der Anlass dafür, dass Scharen von Sündern Christus suchten, um in den Besitz derselben unaussprechlichen Freude zu gelangen. Zur selben Zeit wurden die Herzen vieler Leute, die die Methodistenkirche besuchten, auf eine seltsame Art und Weise erwärmt. Einer ihrer Evangelisten, William Booth, wurde besonders von Gott gebraucht. Im Jahre 1859 brach er mit dieser Kirche, um sich ganz der evangelistischen Arbeit zu widmen. Er wurde von Gott geleitet, die Elendsviertel im östlichen Teil von London zum ersten Platz seiner Wirksamkeit zu wählen. Die ärgsten Sünder wurden in Heilige umgewandelt und zogen dann durch das Land und predigten das Evangelium. Booth gründete später die Heilsarmee.
Es geschah in diesem Erweckungsjahr 1859, dass in dem unbedeutenden Ort namens Menston in der Grafschaft Yorkshire in England Smith Wigglesworth geboren wurde. – Eines Tages, als er in Riverside, Kalifornien, eine Versammlung hielt, baten wir ihn, uns seine Lebensgeschichte zu erzählen. Er berichtete uns Folgendes:
Mein Vater war sehr arm und arbeitete viele Stunden am Tag gegen niedrige Bezahlung, um Mutter, drei Jungen und ein Mädchen zu ernähren. Ich kann mich an einen kalten, frostigen Tag erinnern, an dem mein Vater für einen sehr geringen Lohn einen Graben auszuheben und wieder zuzufüllen hatte, ungefähr sechseinhalb Meter lang und einen Meter tief. Meine Mutter sagte, wenn er nur etwas warte, könnte es vielleicht tauen und seine Arbeit wäre leichter. Aber er brauchte das Geld für Nahrung, denn es gab nichts mehr zu essen im Haus. So setzte er seine Arbeit mit der Spitzhacke fort. Der Frost war tief in die Erde eingedrungen, aber unter dem harten Grund gab es weiche, feuchte Erde. Als er etwas von dieser Erde aufwarf, kam plötzlich ein Rotkehlchen geflogen, pickte nach einem Wurm, fraß ihn und setzte sich hoch oben auf den Zweig eines nahen Baumes, um von dort ein Lied zu schmettern wie einen Lobgesang. Bis jetzt war Vater sehr verzagt gewesen, doch nun freute er sich so über das wundervolle Danklied des Rotkehlchens, dass er neuen Mut schöpfte und mit frischer Energie zu graben begann und sich selbst sagte: „Wenn dieses Rotkehlchen für einen Wurm so schön singen kann, gewiss kann ich dann als Familienvater für meine gute Frau und für meine vier lieben Kinder arbeiten!“
Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich Arbeit auf dem Feld. Ich musste Rüben ziehen und ich kann mich gut erinnern, wie wund die Hände wurden von dieser anstrengenden, vom Morgen bis zum Abend währenden Arbeit.
Mit sieben Jahren gingen mein älterer Bruder und ich zur Arbeit in eine Wollspinnerei. Mein Vater wurde in derselben Spinnerei als Weber angenommen. Von da an wurden die Dinge in unserem Hause leichter und es gab mehr zu essen.
Mein Vater war ein großer Vogelliebhaber. Einmal hatte er 16 Singvögel im Haus. Wie mein Vater hatte auch ich eine große Liebe zu den Vögeln. Bei jeder Gelegenheit war ich draußen und schaute nach ihren Nestern. Von achtzig bis neunzig solcher Nester wusste ich immer, wo sie waren. Einmal fand ich ein Nest voller junger Vöglein, und weil ich dachte, sie seien verlassen, nahm ich mich ihrer an, indem ich ihnen in meinem Schlafzimmer einen Platz herrichtete. Irgendwie wurden sie von den Alten entdeckt und diese flogen durch das offene Fenster und fütterten die Jungen in meinem Zimmer. Meine Brüder und ich fingen Singvögel mit Vogelleim und verkauften sie später auf dem Markt.
Meine Mutter war sehr fleißig mit der Nadel und fertigte unsere Kleidung selbst an, hauptsächlich aus alten Kleidern, die man ihr gegeben hatte. Ich trug gewöhnlich einen Mantel mit viel zu langen Ärmeln, was bei kaltem Wetter sehr angenehm war. Ich kann diese langen Winternächte nicht vergessen, wenn ich um fünf Uhr morgens aus dem Bett musste, schnell eine Mahlzeit zu mir nahm und drei Kilometer ging, um dann um sechs Uhr auf der Arbeitsstelle zu sein. Wir arbeiteten jeden Tag zwölf Stunden. Oft sagte ich zu meinem Vater: „Es ist eine lange Zeit in der Spinnerei, von sechs morgens bis sechs abends.“ Ich erinnere mich der Tränen in seinen Augen, als er antwortete: „Es wird immer sechs Uhr werden.“ Manchmal schien es wie ein ganzer Monat, bis es sechs Uhr wurde.
Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo ich nicht ein Verlangen nach Gott hatte. Obwohl weder Vater noch Mutter Gott kannten, war ich immer auf der Suche nach ihm. Oft kniete ich auf dem Feld nieder und bat ihn, mir zu helfen. Im Besonderen bat ich ihn, mich Vogelnester finden zu lassen, und nachdem ich gebetet hatte, schien ich instinktiv zu wissen, wo sie waren.
Einmal geriet ich auf dem Weg zur Arbeit in ein schweres Gewitter. Es schien, als ob ich für eine halbe Stunde in Feuer eingehüllt wäre, so krachten die Donner und flammten die Blitze. Jung, wie ich war, schrie ich zu Gott um Bewahrung, und er hüllte mich in seine gnädige Gegenwart. Obgleich ich auf dem ganzen Weg von Blitzen umgeben und bis auf die Haut durchnässt war, wusste ich nichts von Furcht – ich fühlte nur, dass mich die Macht Gottes bedeckte.
Meine Großmutter gehörte zu den Methodisten. Sie nahm mich mit in die Versammlungen. Als ich acht Jahre alt war, hielt man in ihrer Gemeinde Erweckungsversammlungen. Ich kann mich an einen Sonntagmorgen besinnen, gegen sieben Uhr, als all diese einfältigen Menschen um den großen Ofen in der Mitte der Kirche herumtanzten, in die Hände klatschten und sangen:
Oh, das Lamm, das blutende Lamm,
das Lamm von Golgatha!
Es wurde geschlachtet – doch lebet für immer
und verwendet sich für mich.
Als ich in die Hände klatschte und mit ihnen sang, kam ein klares Verständnis der Wiedergeburt in meine Seele. Ich schaute empor zu dem Lamm von Golgatha. Ich glaubte, dass er mich liebte und für mich gestorben war. Leben kam in mich, ewiges Leben. Ich wusste, dass ich ein neues Leben empfangen hatte, das von Gott gekommen war. Ich war von Neuem geboren. Ich sah, dass Gott uns haben will, so wie wir sind, dass er die Bedingung so einfach gemacht hat, wie es nur möglich war. Es gilt einfach: „Glaube nur!“ Dieses Erlebnis war echt, und ich habe seit dem Tage niemals an meiner Errettung gezweifelt.
Aber ich konnte nicht sprechen. Je länger ich lebte, umso mehr dachte ich, aber ich hatte nur einen kleinen Wortschatz, um meine Gedanken auszudrücken. In dieser Beziehung glich ich meiner Mutter. Wenn sie eine Geschichte erzählen wollte, war das, was sie sagte, so unverständlich, dass Vater sie unterbrechen und sagen musste: „Nein, Mutter, du wirst wohl von vorne beginnen müssen.“ Sie konnte sich eben nicht ausdrücken. Mit mir war es dasselbe.
Doch ich hatte große Freude, die Versammlungen zu besuchen, besonders solche, in denen jeder Zeugnis gab. Ich stand dann auch auf, aber mir fehlte die Sprache, um mitzuteilen, was ich in der Tiefe meiner Seele fühlte. Immer wieder brach ich dann in Tränen aus. Eines denkwürdigen Tages kamen drei alte, mir sehr vertraute Männer zu mir herüber, wo ich weinte, weil ich unfähig war zu reden. Sie legten mir die Hände auf. Der Geist des Herrn kam auf mich, und ich war sogleich befreit von dieser Knechtschaft. Ich glaubte nicht nur – sondern ich konnte auch sprechen.
Von der Zeit meiner Bekehrung an wurde ich ein Seelengewinner. Die erste Person, die ich für Christus gewann, war meine eigene liebe Mutter.
Als ich dann neun Jahre alt war, wurde ich für groß gerechnet, sodass ich von da an als ein Vollbeschäftigter in der Spinnerei arbeitete. Schulbesuch war in jenen Tagen kein Zwang, und so wurde ich der Schulbildung beraubt.
Mein Vater wollte, dass wir alle die englische Hochkirche besuchen sollten. Er selbst hatte kein Verlangen hinzugehen, aber er mochte den Pfarrer, weil sie sich im selben Wirtshaus trafen und miteinander Bier tranken. Mein Bruder und ich waren im Chor derselben Gemeinde, und obwohl ich nicht lesen konnte, lernte ich schnell Melodie und Text der Gesänge. Als die meisten der Chorknaben zwölf Jahre alt wurden, konfirmierte sie der Bischof. Ich war noch nicht zwölf Jahre, sondern zwischen neun und zehn, als der Bischof mir die Hände auflegte. Ich kann mich erinnern, dass ich, als er mir die Hände auflegte, ein ähnliches Erlebnis hatte wie das, welches ich vierzig Jahre später erfuhr, als ich mit dem Heiligen Geist getauft wurde. Mein ganzer Körper war mit dem Bewusstsein göttlicher Gegenwart erfüllt, einem Bewusstsein, das mir für viele Tage verblieb. Nach dem Konfirmationsgottesdienst sah man die anderen Knaben fluchend und zankend und ich fragte mich, was den Unterschied zwischen ihnen und mir bewirkt hatte.
Als ich dreizehn Jahre alt war, siedelten wir nach Bradford über. Dort ging ich zu den Methodisten und begann in ein tieferes geistliches Leben einzudringen. Ich war sehr begierig nach Gott. Diese Gemeinde hatte besondere Missionsversammlungen. Sie wählten sieben Knaben zum Sprechen. Ich war einer der sieben Ausersehenen. Es standen mir drei Wochen zur Verfügung, um für eine viertelstündige Ansprache bereit zu sein. Drei Wochen lang lebte ich im Gebet. Ich erinnere mich der lauten Amens und Hallelujas der Zuhörer, als ich begann. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, aber ich weiß, ich war von einem mächtigen Eifer gepackt und eine brennende Sehnsucht erfüllte mich, Menschen zur Erkenntnis meines Heilands zu bringen. Zu jener Zeit suchte ich immer wieder junge Menschen auf und erzählte ihnen von der herrlichen Erlösung. Sehr oft wurde ich abgewiesen. Nichtsdestoweniger wollte ich die große Freude, die ich besaß, mit anderen teilen. Aber so viele schienen kein besonderes Interesse daran zu haben. Das war für mich ein großes Rätsel. Ich nehme an, ich war nicht genügend taktvoll. Immer trug ich ein Neues Testament mit mir herum, obwohl ich nur schlecht lesen konnte.
Ich war sechzehn Jahre alt, als die Heilsarmee in Bradford eine Arbeit eröffnete. Ich freute mich, unter diesen ernsten Menschen zu sein. In jenen Tagen wurde es mir ans Herz gelegt, um Seelen zu fasten und zu beten. Jede Woche sahen wir dann, wie Scharen von Sündern ihre Herzen Christus übergaben.
In der Spinnerei, in der ich arbeitete, war ein gottesfürchtiger Mann, von Beruf Klempner. Ich wurde ihm als Gehilfe beigegeben, und er lehrte mich die Klempnerarbeit. Dieser Mann erzählte mir auch von der Wassertaufe und wies mich auf ihre Bedeutung hin. Ich kann mich noch erinnern, wie er zu mir sagte: „Wenn du dem Herrn darin folgst, kannst du jetzt nicht wissen, was er alles mit dir vorhat.“ Voller Freude gehorchte ich dem Wort des Herrn, mit ihm begraben zu sein durch die Taufe in den Tod und aus diesem Wassergrab herauszukommen, um in einem neuen Leben zu wandeln. Zu der Zeit war ich über siebzehn.
Dieser treue Mann war es auch, der mir zuerst von der Wiederkunft des Herrn erzählte. Wieder und wieder, wenn ich empfand, Gott gegenüber gefehlt zu haben, wurde ich von dem Gedanken beunruhigt, der Herr würde kommen und ich wäre nicht bereit, ihm zu begegnen. In gewissen Zeiten war es eine Erleichterung für mich, auf der Arbeitsstelle diesen Mann zu haben, denn wenn ich ihn sah, wusste ich, der Herr ist letzte Nacht nicht gekommen und hat mich nicht zurückgelassen.
Ich blieb bei der Heilsarmee, weil es mir schien, als habe sie mehr Kraft zum Dienst als irgendeine andere Gemeinschaft. Wir pflegten ganze Nächte im Gebet zu verbringen. Viele wurden durch die Kraft des Geistes auf den Boden gelegt, manchmal für 24 Stunden. Wir nannten das in jenen Tagen die Geistestaufe. Diese ersten Heilsarmee-Soldaten hatten große Vollmacht, die sich in ihrem Zeugnis und im alltäglichen Leben offenbarte. Wir kamen überein und forderten jede Woche im Glauben fünfzig oder hundert Seelen und wussten, wir bekommen sie. Ach, wie anders ist es heute, wo sich viele gar nicht danach ausstrecken, Seelen für Jesus zu gewinnen, sondern nach fleischlichen Offenbarungen streben.
Ich schaute auf den Herrn, und gewiss war er es, der mir in allen Dingen half. Mit achtzehn Jahren bat ich bei einem Klempner um Anstellung. Ich putzte meine Schuhe auf Hochglanz, legte einen neuen Kragen um und ging in das Haus jenes Mannes. Doch er sagte mir, er brauche keinen. Ich entgegnete: „Danke bestens, mein Herr, es tut mir leid.“ Der Mann ließ mich bis zum Tor hinuntergehen, dann rief er mich zurück und sagte: „Du unterscheidest dich irgendwie von den anderen. Ich kann dich nicht wegschicken.“
Daraufhin gab er mir den Auftrag, in einer Reihe von Häusern Wasserleitungen zu legen. Ich beendigte die Arbeit in einer Woche. Nun war der Meister so erstaunt, dass er sagte: „Das kann unmöglich geschafft sein!“ Aber als er nachsah, fand er die Arbeit zu seiner besten Zufriedenheit erledigt. Doch er meinte, einen solchen Schnellarbeiter nicht beschäftigen zu können.
Als ich zwanzig Jahre alt war, zog ich nach Liverpool. Die Kraft Gottes ruhte mächtig auf mir. Ich hatte ein großes Verlangen, der Jugend zu helfen. Jede Woche sammelte ich Scharen von barfüßigen, zerlumpten und hungrigen Jungen und Mädchen um mich. Ich verdiente schönes Geld, aber ich setzte alles in Nahrung für diese Kinder um. Sie kamen in den Schuppen der Werftanlagen zusammen. Oh, welche gesegneten Versammlungen hatten wir! Hunderte von ihnen wurden errettet. Mit einem meiner Freunde widmete ich mich der Aufgabe, Krankenhäuser und Schiffe zu besuchen. Gott gab mir ein weites Herz für die Armen. Ich arbeitete schwer und gab alles, was ich verdiente, den Armen – für mich hielt ich nichts zurück. Jeden Sonntag fastete ich den ganzen Tag und betete, und ich kann mich nicht erinnern, dass einmal weniger als fünfzig Seelen durch die Kraft Gottes in den Krankenhäusern, auf den Schiffen, in den Kinderversammlungen und in der Heilsarmee errettet wurden. Es waren Tage großer Seelenerweckung.
In den Versammlungen der Heilsarmee forderte mich der leitende Offizier (Prediger) beständig zum Sprechen auf. Ich weiß nicht, warum er mich bat, denn meine Rede war immer gebrochen. Weinend stand ich vor den Menschen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Ich hätte eine Welt für bessere Beredsamkeit hingegeben, aber ich war ähnlich wie Jeremia, ein Mann mit einer Quelle von Tränen. Doch wenn ich vor den Leuten weinte, so führte das dazu, dass ich eine Aufforderung an sie ergehen ließ, sich dem Herrn zu weihen, der sie auch Folge leisteten, indem sie nach vorne kamen. Ich danke Gott für diese Tage, weil der Herr mich in einem zerbrochenen, zerknirschten Geist hielt. Die Erinnerung an jene Tage in Liverpool ist mir sehr kostbar.
Als ich im 24. Lebensjahr stand, wurde ich innerlich geleitet, nach Bradford zurückzugehen. Ich trug mich mit dem Gedanken, ein eigenes Klempnergeschäft zu eröffnen. Mit meiner übrigen Zeit wollte ich der Heilsarmee helfen. Hier geschah es, dass ich das beste Mädchen kennenlernte, welches meine Frau werden sollte.
Wigglesworth hatte ein großes Herz voll Liebe und Treue für seinen Meister. Oft hörten wir ihn sagen: „Ist er nicht ein wunderbarer Jesus!“ Doch er besaß auch ein großes Herz für seine Mitpilger, besonders für die Armen und Bedürftigen, für die Kranken und Leidenden. – Einmal sagte er zu uns: „Alles, was ich bin, schulde ich neben Gott meiner Frau. Oh, sie war lieblich und wunderbar!“
Maria J. Featherstone, die Gott als eine Gehilfin für ihn ausersehen hatte, kam aus einer guten methodistischen Familie. Ihr Vater war Erbe eines großen Nachlasses, der durch den Verkauf von Alkohol zustande gekommen war. Doch weil er überzeugt war, dass schmutziger Gewinn, an dem verlorene Seelen klebten, ihm nicht guttun würde, weigerte er sich, auch nur einen Pfennig des befleckten Geldes anzurühren. – Seine Tochter folgte ihres Vaters Grundsätzen der Gerechtigkeit und Heiligkeit. Sie war immer furchtlos, wenn es galt, ihrer inneren Überzeugung Ausdruck zu geben.
Mit siebzehn Jahren kam Maria oder Polly, wie sie auch genannt wurde, in ein Putzwarengeschäft, um die Kunst des Hütebesetzens zu erlernen. Diese Art Arbeit schien zu gering für sie, sodass sie nach einem Monat von ihrer Geburtsstadt weglief, allen häuslichen, familiären Einschränkungen entfloh, um Ruhm und Glück in Bradford zu suchen. Doch der Herr wachte über seine Magd, um sie vor dem Bösen zu behüten. Als sie sich in Bradford eine Unterkunft suchte, geschah es, dass ein Reisender, der ihr bekannt war, gerade in der Tür des Hauses stand, in das sie hineingehen wollte. Er sagte: „Oh, Fräulein Featherstone, es schickt sich nicht für Sie, in diesem Haus zu wohnen. Es hat keinen guten Ruf. Ich weiß eine bessere Wohnung für Sie.“ Er brachte sie dann in ein sehr achtbares Haus.
In Bradford nahm Polly in einer großen Familie Dienst an. Eines Abends – als sie sich gerade mitten in der Stadt befand – wurde sie durch den Trompetenschall und Trommelschlag einer Straßenversammlung angezogen. Die Heilsarmee war eine ganz neue Sache in jenen Tagen, sodass Polly mit großem Interesse auf die Leute blickte. Als die Straßenversammlung beendet war, marschierten sie durch die Straßen von Bradford. Polly dachte bei sich selbst: „Wo mögen diese einfältigen Leute hingehen?“ Von zu Hause wusste sie, dass ein solcher Ort nicht gut war. Aber sie war neugierig. Nach rechts und links schauend, ob kein Bekannter sie sehen würde, ging sie in diesen „furchtbaren“ Ort hinein und fand einen Platz oben auf der Galerie.
Die Versammlung begann. Ihr Interesse wurde größer, als sie dem klaren Gesang und den lebendigen Zeugnissen von Neubekehrten zuhörte. Die Evangelistin predigte Christus in großer Kraft. Das junge Mädchen auf der Galerie sehnte sich, ihn und die reinigende Kraft seines Blutes kennenzulernen, um von den Sünden reingewaschen zu werden. Als die Einladung an Sünder erging, den Heiland zu suchen, machte Polly ihren Weg von ganz oben auf der Galerie bis zur „Bußbank“. Zuerst rief sie den Herrn allein um Vergebung ihrer Sünden an. Später kniete die Evangelistin an ihrer Seite und verhalf ihr zum rettenden Glauben an den Herrn Jesus Christus. Als die Gewissheit in ihr Herz kam, dass all ihre Sünden vergeben seien, sprang sie auf ihre Füße und rief laut: „Halleluja, es ist geschehen!“
Wigglesworth, damals noch ein junger Mann, war auch anwesend. Er beobachtete die junge Frau, wie sie durchbetete, und hörte sie Halleluja rufen. Später sagte er: „Es schien, als ob die Inspiration und Salbung Gottes von Anfang an auf ihr geruht hätte.“ Sie war ein schönes Mädchen, und als er auf sie blickte in ihrer schlichten Kleidung und dem hübschen Hut, fand er sie sehr attraktiv. Von dem Augenblick an, wo er sie ihr Zeugnis geben hörte, fühlte er, dass sie zu ihm gehörte. Bald begann eine herzliche Freundschaft zwischen ihr und ihm. Die Neubekehrte war sehr verlangend und fing an, im geistlichen Leben große und schnelle Fortschritte zu machen. Durch ihre Verbindung mit Offizieren der Heilsarmee wurde sie auch mit General Booth bekannt. Dieser gab ihr die Erlaubnis, in der Heilsarmee zu wirken, ohne die sonst übliche Ausbildung genossen zu haben.
Wegen ihres ausgezeichneten Seelenretterdienstes übte die Heilsarmee auf den jungen Wigglesworth eine große Anziehungskraft aus. Mit ganzem Herzen gab er sich ihrer Sache hin. In ihr fand er eine Befriedigung seiner glühenden Retterliebe für die Unerlösten. Es war ihm eine freudige Genugtuung, das Leben vieler Männer und Frauen umgewandelt zu sehen durch die Kraft des Evangeliums. Daneben war auch Pollys Anwesenheit in den Versammlungen eine große Anziehung für ihn. Ihre Munterkeit und ihre Fähigkeiten in den Versammlungen, drinnen und draußen, machten großen Eindruck auf ihn. Bald bemerkten die Offiziere der Heilsarmee, dass sich zwischen den beiden „etwas tat“. Es war den Regeln der Heilsarmee zuwider, dass ein Offizier – zu einem solchen hatten sie Polly gemacht – sich mit einem gewöhnlichen Soldaten verbinde. Als einen solchen rechneten sie Wigglesworth, obwohl er in der Tat nie ein Mitglied der Heilsarmee wurde.
Eines Tages kam ein Major der Armee zu Polly und fragte, ob sie mit ihm nach Leith in Schottland gehen wolle, um beim Beginn einer neuen Arbeit zu helfen. Sie willigte ein, packte ihren Koffer, ging mit dem Major zum Bahnhof und in ein paar Stunden waren sie in Schottland.
In den ersten Tagen der Heilsarmee war das Publikum sehr freigebig im Beitragen von faulen Eiern und altem Gemüse. Die Heilsarmeemädchen mussten mutig und wendig sein, diesen Wurfgeschossen auszuweichen. Eines Tages erhielt Polly ein blaues Auge von einer Apfelsine, die auf diese Weise etwas plötzlich geschenkt wurde. Aber keines dieser Dinge rührte sie. Sie hatte eine schöne Stimme und sang auf der Straße und gab Zeugnis. Manche Türen und Fenster flogen auf, um die Lieder und Zeugnisse dieser furchtlosen, jungen Menschen zu hören. Und ihre Arbeiten waren nicht vergebens. Gott segnete sie wunderbar.
Während Polly in Leith war, hatte sie besonderes Interesse an dem Wohlergehen einer Jungbekehrten, die im sechsten Stock eines Miethauses wohnte. Ihr Mann gebärdete sich wie ein Stück Vieh und verwehrte ihr den Besuch der Versammlungen. Eines Tages kehrte er von der Arbeit zurück und fand Polly mit seiner Frau im Gebet. Er drohte ihr, wenn sie mit dem Beten nicht aufhöre, würde er sie gewaltsam hinauswerfen. Weil sie fortfuhr zu beten, hob er sie hoch und trug sie die Treppen hinunter. Bei jeder Stufe, die er nahm, betete sie: „Herr, rette diesen Mann – Herr, rette seine Seele.“ Der Mann fluchte wild und schäumte furchtbar, aber sie hatte die Freude, ihn um Barmherzigkeit schreien zu hören, als sie zur letzten Treppenstufe kam. Zusammen knieten sie nieder und machten aus der letzten Stufe eine „Bußbank“. Dort führte sie ihn zu dem Lamm von Golgatha, dessen Blut rein macht von jeder Sünde.
Eines Tages wurde sie von den vorgesetzten Offizieren beschuldigt, dass sie an einem der dortigen Heilsarmeesoldaten Interesse hätte. Als sie auf diesbezügliches Fragen keine zustimmende Antwort gab, kam man überein, niederzuknien. Sie sollte nun beten, und sie betete folgendermaßen: „Herr, du weißt, dass diese Menschen denken, ich sei an einem Schotten interessiert! Herr, du weißt, es ist nicht der Fall, du weißt, dass ich nicht beabsichtige, einen aus Schottland zu heiraten.“ Als sie fertig war, waren auch ihre Richter bereit, die Unterredung zu beenden. Polly wusste, dass in Bradford ein junger Mann war, der sie innig liebte, und sie liebte ihn auch.
Bald kehrte sie nach Bradford zurück und löste ihre Verbindung mit der Heilsarmee. Jetzt hielt sie sich zu einer Gemeinschaft, an deren Spitze eine sehr geistlich gesinnte Frau stand. Trotzdem blieb sie ein treuer Freund der Heilsarmee und bewirtete oft ihre Offiziere. Zu dieser Zeit wurde sie zu vielen Evangelisationen von Methodistengemeinden gerufen. Der Geist Gottes ruhte mächtig auf ihrem Dienst, und viele Seelen wurden für Christus gewonnen.
Mit 22 Jahren heiratete Polly unseren Wigglesworth, der damals 23 Jahre alt war. In späteren Jahren zollte er ihr nachstehende Anerkennung: „Sie wurde eine große Hilfe in meinem geistlichen Leben. Sie war immer ein Antrieb zu einem heiligen Leben. Sie sah, wie unwissend ich war, und begann sogleich, mich richtig lesen und schreiben zu lehren. Leider glückte es ihr nicht, mich einwandfrei schreiben zu lehren.“
Auch bezeugte Wigglesworth von seiner Frau: „Sie war ein großer Seelengewinner. Ich ermutigte sie, ihren evangelistischen Dienst fortzusetzen, und ich arbeitete weiter als Klempner. Ich hatte eine Last auf dem Herzen für die Stadtteile von Bradford, die keine Gemeinde hatten. So begannen wir in einem kleinen Gebäude, das ich gemietet hatte, eine Arbeit.
Für die Kinder beteten wir immer, bevor sie geboren waren, dass sie Gott gehören mochten. Ich pflegte die Kinder von klein auf mit in die Versammlung zu nehmen und sie zu hüten, während meine Frau predigte. Ich selbst war ja kein Prediger, aber ich war immer an der ‚Bußbank‘ und wies die Seelen zu Christus. Ihre Arbeit war es, das Netz auszuwerfen, meine, die Fische an Land zu bringen. Das Letzte ist ebenso wichtig wie das Erste.“
Wir haben gewiss Lebensbeschreibungen gelesen, wo die Verfasser ihre Helden sehr tief in den Honig einbalsamiert haben. Wir lesen aber in den Sprüchen Salomos 25,16: „Hast du Honig gefunden, so iss dein Genüge, damit du seiner nicht satt werdest und ihn ausspeiest.“ Bei solcher Art Lebensbeschreibungen empfindet man letzten Endes einen Ekel und legt das Buch nach etlichen Kapiteln beiseite. Wir wollen uns redlich bemühen, in diesem Buch nicht so viel Honig aufzutischen, denn der, von dem wir schreiben, war genauso menschlich wie jeder von uns.
Über Bradford kam einmal ein sehr strenger Winter, und Klempner waren sehr gefragt. Nicht nur in der Winterszeit, sondern in den zwei darauffolgenden Jahren hatten sie vollauf mit dem Reparieren von Rohrleitungen und anderen durch den Sturm angerichteten Schäden zu tun. Wigglesworth und seine zwei Gehilfen waren von morgens bis abends beschäftigt. In diesen Tagen der übermäßigen Arbeit und des zugleich zunehmenden Wohlstandes besuchte er weniger die Versammlungen. Sein Herz fing an, kalt gegen Gott zu werden. Aber je kälter er wurde, umso brennender wurde seine Frau für Gott. Ihr evangelistischer Eifer und ihr Gebetsleben ließen nie nach. Ihr stilles, festes christliches Leben und Zeugnis stellten seine Lauheit noch mehr bloß, und das reizte ihn. Eines Abends kam es zum Ausbruch. Sie kam ein wenig später als gewöhnlich von der Versammlung nach Hause, und als sie ins Haus trat, bemerkte er grimmig: „Ich bin der Herr dieses Hauses und erlaube nicht, dass du zu so später Stunde nach Hause kommst wie heute Abend!“ Polly erwiderte ruhig: „Ich weiß, dass du mein Mann bist, aber mein Herr ist Christus.“ Das verdross ihn derart, dass er sie zur Hintertür hinauswarf. Aber er hatte vergessen, die Vordertür zu schließen. Sie ging ums Haus herum und kam lachend zur Vordertür hinein. Sie lachte so sehr, dass er mit ihr lachen musste. So endete diese Begebenheit.
Wenn manche Männer im Glaubensleben nachlassen und zurückfallen, sind ihre Frauen darüber den ganzen Tag traurig und sogar verdrießlich. Das war nicht so bei Polly Wigglesworth. Sie hatte ein fröhliches Herz, und weil sie in Liebe zu dem Herrn brannte, machte sie jede Mahlzeit zu einer Zeit voller Humor und Frohsinn. Es gelang ihr, ihren Mann zum Herrn zurückzuwerben, zur ersten Liebe und zu seinem früheren Eifer für Gott zu bringen. Während dieser Monate seiner geistlichen Unbeständigkeit wurde ihre Treue besonders angefochten. Es war die Festigkeit, die der Herr Polly gnädig gegeben hatte, die ihn durch diese gefährliche Zeit brachte und ihn vor einem furchtbaren geistlichen Schiffbruch bewahrte.
Polly Wigglesworths Ruf als Seelengewinnerin erscholl weit und breit. Nicht selten schickte man sie, eine Arbeit instand zu bringen, die misslungen war, oder sie folgte in evangelistische Dienste, wo andere nichts hatten ausrichten können. Sie war ein beliebter Redner in Frauenversammlungen und ebenso beliebt in Bibelstunden für Männer. Unermüdlich im Eifer, tat sie buchstäblich alle Art von geistlicher Arbeit, dazu kam die Sorge für den großen Haushalt. Beide waren sehr gastfreundlich. Niemals klagte sie, ganz gleich, wen er wieder plötzlich zu einer Mahlzeit mitbrachte oder für ein paar Tage einlud, im Hause als Gast zu bleiben. Zu Konferenzzeiten hatten sie immer viele Gäste in ihrem Heim untergebracht, doch sie murrte nie.
Einmal wöchentlich musste Wigglesworth geschäftlich in die Stadt Leeds. In dieser Stadt fand er eine Versammlung, wo „göttliche Heilung“ verkündigt wurde. In diesen Heilungsversammlungen war die Gegenwart Gottes so spürbar und mächtig, und der Herr heilte so gnädiglich die Kranken, dass er in Bradford nach Kranken suchte, denen er die Fahrt nach Leeds bezahlte, wo man für sie betete. Zuerst sagte er seiner Frau nichts davon, weil er sicher war, dass auch sie, so wie die meisten Leute in jenen Tagen, göttliche Heilung als Fanatismus bezeichnen würde. Doch bald erfuhr sie, was er machte, und als sie selbst Heilung benötigte, begleitete sie ihn eines Tages nach Leeds. Dort betete man für sie das Gebet des Glaubens, und der Herr heilte sie. Von der Stunde an war sie ebenso überzeugt von der Wahrheit göttlicher Heilung wie er.
Die Arbeit in Bradford wuchs, sodass sie in immer größere Räumlichkeiten übersiedeln mussten, bis sie sich in einem großen Gebäude in der Bowlandstraße niederließen. Hier hatten sie ein sehr großes Plakat mit dem Bibelwort: „Ich bin der Herr, der dich heilt“ an der Rückwand hinter der Kanzel angebracht, das jeder sehen konnte. Im Laufe der Jahre bezeugten viele, dass sie durch dieses Schriftwort geheilt worden seien. Zu dieser Mission kam ein Bruder, den der Herr wunderbar mit dem Dienst der Heilung ausgerüstet hatte. Nach dem Gottesdienst am Sonntagnachmittag wurde er von Wigglesworth zum Tee eingeladen. Während des einfachen Mahles richtete Frau Wigglesworth an diesen Prediger die Frage: „Was würden Sie von einem Mann denken, der anderen Heilung predigt, aber selbst jeden Tag seines Lebens Medizin nimmt?“
„Ich würde sagen, dass so ein Mann nicht völlig dem Herrn vertraut“, war die Antwort.
Nach dem Essen sagte Wigglesworth zu diesem Bruder: „Als meine Frau von dem Mann sagte, der anderen göttliche Heilung predigt, aber selbst von der Medizin abhängig ist, bezog sie sich auf mich. Seit meiner Kindheit leide ich unter Hämorrhoiden, sodass ich es für nötig fand, täglich ein heilendes Salz zu nehmen. Ich habe das als ein harmloses natürliches Mittel betrachtet, denn ich wusste, dass ich sonst täglich Blutungen haben würde. Das hätte eine Infektion zur Folge haben können. Aber wenn du mit mir glauben willst, will ich das Salz aufgeben und in dieser Sache Gott vertrauen. Mein Körper hat sich durch die jahrelang genommene Dosis Salz so daran gewöhnt, dass er von nun an bis Mittwoch nicht natürlich funktionieren wird. Willst du an diesem Tag mit mir im Glauben stehen? Ich werde sonst durch das Weglassen der Salzanwendung große Schmerzen und Blutungen haben.“
Der Bruder stimmte zu. Von Sonntag an nahm Wigglesworth seine tägliche Dosis Salz nicht mehr. Am Mittwoch kam die Krise. Zu einer gewissen Stunde ging er in sein Badezimmer. Dort salbte er sich nach Jakobus 5 mit Öl. „Gott griff ein“, so hörten wir ihn oft in der Öffentlichkeit bezeugen, denn er war kein Mann von ungesunder Sittsamkeit, wenn es galt, über ganz natürliche Dinge zu sprechen. „Meine Eingeweide arbeiteten an dem Tag wie die eines Babys. Gott hatte mich vollkommen geheilt. Von dem Tage an funktionierte alles richtig, ohne den Gebrauch irgendwelcher Mittel. Ich habe den Gott erprobt, der allein genügt.“
Polly Wigglesworth liebte ihren Mann ausreichend, um ihn zu tadeln, wenn er unrecht hatte. Das war oft der Fall. Die meisten Männer grollen bekanntlich über irgendwelche Kritik ihrer Frauen, doch Wigglesworth nahm ihr Tadeln immer mit einem Lächeln auf. Seine Einstellung war die von David. Der sagt im Psalm 141,5: „Der Gerechte schlage mich in Güte und strafe mich, es ist Öl des Hauptes.“ Obwohl er manchmal ihren Berichtigungen keine volle Aufmerksamkeit schenkte, kann doch kein Zweifel bestehen, dass ihre Vermahnungen beim Formen seines Charakters eine große Wirkung hatten.
Einen beträchtlichen Teil Arbeit verschafften Wigglesworth die Schankwirte. Bei ihnen reparierte er die Pumpen, mit denen sie das Bier aus dem Keller pumpten. Das war ein Gräuel für Polly, die in jenen Tagen die Buchhaltung machte. Sie wusste, dass den Arbeitern Freibier verabreicht wurde, und sie wusste auch, was für eine verderbliche Wirkung das hatte. Durch ihre Einsprüche gewann sie die Oberhand, und nach einer Zeit entschloss sich ihr Mann mit Rücksicht auf seine Arbeiter, die Arbeit bei den Schankwirten nicht mehr auszuführen. Das brachte große finanzielle Verluste für ihn mit sich, doch er hielt fest am gefassten Entschluss.
In Psalm 127 lesen wir: „Kinder sind eine Gabe Gottes.“ Der Herr gab ihnen fünf Kinder, ein Mädchen und vier Knaben. 1915 ging ein Sohn heim zum Herrn. Sein liebender Vater vermisste ihn sehr.
„Meine Seele hanget dir an“ (Psalm 63,8) ist die innere Verfassung eines Mannes nach Gottes Herzen. Dieses war von den ersten Tagen seines Glaubenslebens die Einstellung von Smith Wigglesworth. Kein Wunder, dass der Feind der Seelen in den zwei im letzten Kapitel genannten Jahren durch die Sorgen dieses Lebens und den Betrug des Reichtums das Wort in seinem Herzen so sehr zu ersticken suchte.
Im Buch „Die Pilgerreise“ wird geschildert, dass der Pilger viele Lektionen im Hause des Auslegers lernte. Er sah, wie ein Feuer gegen die Mauer brannte, und einen, der Wasser hineinschüttete, um es auszulöschen, doch das Feuer brannte umso mehr. Der Ausleger sagte ihm die Bedeutung: „Dieses Feuer ist das im Herzen gewirkte Werk der Gnade. Der, der Wasser hineinschüttet, um es auszulöschen, ist der Teufel. Den Grund dafür, dass das Feuer aber nur umso höher und heißer brennt, sollst du sehen.“ So nahm er den Christ mit sich an die andere Seite der Wand, und dort war Christus und goss unablässig das Öl seiner Gnade hinein.
So war es mit unserem Wigglesworth. Obgleich es dem Teufel gelungen war, seinen Eifer für eine kurze Zeit abzukühlen, wurde durch die Gebete seiner Frau das Öl des Herrn auf die fast erloschene Flamme gegossen, sodass er aus der Prüfung als eine Feuerflamme hervorkam, die für die nächsten sechzig Jahre jeden Tag heller und stärker wurde. Aber wir wollen ihn seine eigene Geschichte fortsetzen lassen:
Gott gab mir einen großen Eifer zum Seelengewinnen. Jeden Tag versuchte ich eine Seele zu Christus zu führen. Ich war willig, jeden Tag eine Stunde zu warten, um mit irgendeinem über das Heil seiner Seele ein Gespräch haben zu können. Einmal wartete ich anderthalb Stunden. Ich hatte Gott gebeten, mich zu dem zu führen, den er gerade erwählt hätte. Die Straße war mit Menschen gefüllt, aber ich blieb stehen und sagte zu dem Herrn: „Ich möchte den Richtigen haben.“ Nach einer Weile wurde ich etwas ungeduldig und sagte: „Herr, ich habe keine Zeit zu vergeuden.“ Aber Gott nannte es nicht vergeudete Zeit. Nach anderthalb Stunden kam ein Mann mit einem Pferd und Wagen vorbei. Der Herr sprach zu mir, geradeso wie er zu Philippus geredet hatte, als er ihm sagte, er solle sich zu dem Wagen des Kämmerers halten. Ich setzte mich neben den Mann auf den Wagen und bald redete ich mit ihm über die Not seiner Errettung. Er brummte: „Warum gehst du nicht deiner eigenen Arbeit nach? Warum hast du gerade mich ausgesucht, um zu mir zu reden?“ Ich war nicht sicher, ob ich nicht einen Fehler gemacht hatte, schaute auf zum Herrn und fragte: „Ist das der richtige Mann, Herr?“ Er sagte zu mir: „Ja, der ist der richtige Mann.“ Und so fuhr ich fort, mit ihm zu reden, und bat ihn, sein Leben an Christus auszuliefern. Nach und nach sah ich, wie er Tränen vergoss, und ich wusste, dass Gott sein Herz erweicht hatte und dass der Same des Wortes eindrang. Nachdem ich sicher war, dass ein wahres Werk der Gnade gewirkt war, sprang ich vom Wagen herunter und er fuhr seines Weges.
Drei Wochen später sagte meine Frau zu mir: „Smith, hast du zu irgendeinem über die Seligkeit geredet?“
„Das tue ich immer, Mutter.“
„Gut, ich habe gestern Abend einen Mann besucht. Er lag im Sterben, nachdem er drei Wochen lang zu Bett gelegen hatte. Ich fragte, ob er möchte, dass jemand kommt und mit ihm betet. Er sagte: ‚Als ich das letzte Mal draußen war, kam ein junger Mann auf meinen Wagen und sprach zu mir. Ich war sehr rau zu ihm, aber er war sehr herzlich und beharrlich. Gott überführte mich meiner Sünden und rettete mich.‘“
Meine Frau fuhr fort: „Das war das letzte Mal, dass dieser Mann draußen war. Er verschied in der Nacht. Er beschrieb den jungen Mann, der zu ihm geredet hatte, und seiner Beschreibung konnte ich entnehmen, dass du es warst.“
Wenn ich auf der Straße ging, pflegte ich immer nach jemand Ausschau zu halten, mit dem ich über den Herrn reden konnte. Einmal machte ich mit meinem Bruder eine Fahrradtour. An jedem der zehn Tage erlebten wir durchschnittlich drei Fälle, wo wir mit Menschen eingehend über ihr Seelenheil sprachen. Meine berufliche Tätigkeit brachte mich zu einer großen Anzahl von Leuten, mit denen ich als Prediger nicht in Berührung gekommen wäre. Mein ganzes Berufsleben verbrachte ich in Gemeinschaft mit Gott. Überall, wo ich hinging, suchte ich sein Zeuge zu sein.
Ein nach Bradford verzogener Mann fragte einen Geschäftsmann, ob er ihm einen guten Klempner empfehlen könne. „Ja, das kann ich, wenn Sie vor seiner Religion bestehen können. Wenn Sie ihn als Klempner haben, werden Sie auch seine Religion haben. Er tut nie eine Arbeit anders, als dass er die ganze Zeit – während er arbeitet – predigt.“
„Gut“, meinte dieser Mann, „ich will es wagen.“
Nachher gab er seiner Freude Ausdruck darüber, dass ich mit ihm über den Herrn geredet hätte.
Ich war sehr erfolgreich in meiner Klempnerarbeit, aber sehr schlecht geeignet, das mir schuldige Geld einzusammeln. Doch jeden Samstag musste ich meine Leute auszahlen. Eines Tages war ich in schwerer Geldverlegenheit. Ich habe immer geglaubt, dass es Gottes Plan für mich war, in Not zu sein. In der Stunde der Not tat Gott die Tür für mich auf, und das stärkte meinen Glauben. Ich ging zum Herrn und betete: „Herr, ich habe keine Zeit, Geld zu suchen. Bitte, sage mir, wo ich Geld bekommen kann.“
Er sagte: „Geh zu Bischof.“
Ich hatte gehört, dass der ein sehr schlechter Zahler war. Mit ihm musste jeder, der sein Geld bekommen wollte, vor Gericht. Aber weil der Herr mich geheißen hatte, zu ihm zu gehen, wusste ich, dass er mit ihm verhandeln konnte. So ging ich im Glauben. Als ich zur Tür hineinkam, sah ich Frau Bischof, wie sie mit einer anderen Frau hinausging. Ich hatte gehofft, sie zu sprechen und dass sie mich bezahlen würde. So sagte ich zu mir selbst, es bleibt mir nur übrig, zu Bischof persönlich zu gehen. Doch ich zögerte noch einen Moment, weil ich wusste, dass er niemand bezahlte. Sollte ich weggehen? Ich wusste, Gott hatte zu mir geredet. So ging ich durch die Hintertür. Ich fragte das Dienstmädchen, ob Herr Bischof zu Hause sei.
„Nein, er wird erst in drei Wochen daheim sein“, bekam ich zur Antwort.
„Das verstehe ich nicht“, sagte ich.
„Warum verstehen Sie das nicht? Sie scheinen beunruhigt zu sein.“
„Ja, ich bin sehr beunruhigt. Morgen muss ich meinen Leuten Geld auszahlen. Als ich betete, schickte mich der Herr hierher. Es beunruhigt mich wirklich zu wissen, dass Herr Bischof fort ist und erst in drei Wochen zurück sein wird.“
Die Magd fragte: „Wie viel schuldet er Ihnen?“
Ich sagte zu ihr: „Etwas über 300 Mark.“
Sie sagte: „Kommen Sie herein.“
Sie ging hinauf und brachte das Geld. Ich sagte zu ihr: „Tun Sie das öfters in dieser Weise?“
Sie antwortete: „Nein.“
