So geht evangelisch - Wolfgang Thielmann - E-Book

So geht evangelisch E-Book

Wolfgang Thielmann

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Beschreibung

Heinrich Bedford-Strohm nimmt Menschen für sich ein. Mit seiner Warmherzigkeit und seinem Humor. Wohin er kommt, hinterlässt er eine Spur von Freunden. Und er ist das neue Gesicht der evangelischen Kirche. Im November 2014 wurde er zum Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche Deutschland gewählt und damit in das höchste Amt des Protestantismus. Er macht frischen Wind: "Die Kirche muss aus der Milieuhaftigkeit heraus", sagt er. "Und sie muss den Glauben authentischer vertreten." Aber wer ist der Mensch hinter dem Kirchenführer und Theologen? Was ist sein Geheimnis? Was treibt ihn an, und aus welchen Quellen lebt er? Der Journalist Wolfgang Thielmann, der ihn lange kennt, hat ihn begleitet. Er hat mit Bedford-Strohm über die Jahre gesprochen, in denen er die Weichen für sein Leben stellte, und über Menschen, die ihn geprägt haben. Er hat Heinrich Bedford-Strohm erlebt, als Wissenschaftler, als Bischof, als Motivator und als Visionär.

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Wolfgang Thielmann

So geht evangelisch

Heinrich Bedford-Strohm im Porträt

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv:© dpa Picture-Alliance

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80538-7

ISBN (Buch) 978-3-451-34237-0

Für Birgit und Rosa

Inhalt

Vorwort

Der frisch Gewählte:Die Charme-Offensive beginnt

Der Pfarrerssohn:Freiheit schmecken

Der Student und Assistent:Mach es!

Der Pfarrer:Mit Leidenschaft und Offenheit

Der Professor:Südafrika, Ruanda und Oberfranken

Der Bischof:Als Außenseiter ins Amt

Der Ratsvorsitzende:Eine Frage der Balance

Der öffentliche Theologe:»Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen«

Der Prophet:Wacher Zeuge in der Gesellschaft

Der Gläubige:Echte Frömmigkeit und falsche Gesetzlichkeit

Der Interkonfessionelle:Ökumene der kurzen Wege

Der Brückenbauer:Zeit für mehr Brüderlichkeit

Der Gestalter:Trau dir etwas zu!

Der Fröhliche:Glaubenslust und Feierlaune

Anhang

Exklusives Interview: »Dein Name geht nicht verloren«

Biografische Daten

Auswahl an Tätigkeiten und Mitgliedschaften

Vorwort

»Bedford-Strohm, Heinrich Bedford-Strohm. Stören Sie sich nicht an dem amerikanischen Nachnamen.« Der Satz blieb bei mir haften. Hermann Barth hatte ihn gesagt. Hermann Barth war ein solider Theologe, ein Menschenkenner und ein guter Ratgeber. Und der Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ich besuchte ihn in Hannover. Ein Jahr zuvor hatte ich bei der Wochenzeitung Rheinischer Merkur die Leitung des Ressorts »Christ und Welt« übernommen. Nun war ich auf der Suche nach jüngeren Autoren und unverbrauchten Namen. Ich fragte Hermann Barth, wen er aus der neuen Theologengeneration im Auge habe. Wem er zutraue, in der Theologie und der Kirche eine Rolle zu spielen. Und wer verständlich formulieren und unterhaltsam schreiben könne. Er überlegte und ging ein paar Namen durch. »Bedford-Strohm ist ein Sozialethiker«, sagte er dann. »Er hat schon in Zeitungen geschrieben, und das hat mir alles gefallen.« Den Satz über den Namen sagte Barth, weil amerikanische Theologie in Deutschland mitunter im Verdacht gestanden hatte, etwas oberflächlich und zu sehr am Funktionieren orientiert zu sein.

Hermann Barth nannte eine Telefonnummer und eine Mailadresse. Ich rief an und wir wurden schnell einig. Ich gewann den Eindruck, Heinrich Bedford-Strohm würde gerne schreiben. Er war zu ungewöhnlichen Zeiten anrufbar. Wir konnten kurzfristig Interviewtermine vereinbaren. Das freut Journalisten. Sie sind auf Autoren angewiesen, die schnell reagieren.

Über die Jahre ist aus dem ersten Kontakt, den Hermann Barth vermittelte, eine Reihe von Beiträgen und Interviews hervorgegangen: Über eine Gesellschaft, die ihre schwachen Mitglieder fördert, über die Theologie im Zusammenspiel der Wissenschaften, über den Bologna-Prozess, der das Hochschulstudium vereinheitlichen sollte und das Gegenteil bewirkte. 2002 haben wir uns auch persönlich kennen gelernt, als das Parlament, die Synode der Evangelischen Kirche, in Amberg in der Oberpfalz zusammentrat. Er gehörte zum Vorbereitungsausschuss für das Schwerpunktthema »Globalisierung verantwortlich gestalten«. Auch sein Vater Albert Strohm war gekommen.

2004 ist Heinrich Bedford-Strohm Professor in Bamberg geworden und 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Ende 2014 wurde er zudem ins höchste Amt des deutschen Protestantismus gewählt und amtiert als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Rheinische Merkur wurde 2010 eingestellt. Das Ressort Christ und Welt lebt bei der Wochenzeitung Die Zeit weiter. Zuletzt haben wir beide dort die theologischen Klingen gekreuzt: er für die Kirchensteuer, ich dagegen.

In diesen Jahren hat Heinrich Bedford-Strohm eine moderne Konzeption für ein Christentum in der Gegenwart weiterentwickelt, die Öffentliche Theologie. Er bezeichnet sie auch als Befreiungstheologie für eine demokratische Gesellschaft. Sein Lehrer und Freund Wolfgang Huber hat die Rolle der Kirche in der heutigen Gesellschaft neu durchdacht. Huber bewegte, dass sich die Verbindung der Kirche zum Staat gelöst hat: Die Ehe zwischen Vater Staat und Mutter Kirche ist geschieden. Die Kirche muss diese neue Position aber nicht als Verfall früherer Ordnungen betrauern. Sie braucht nicht auf die Wiederherstellung einstiger Macht zu warten und muss nicht an Vorrechten von früher kleben. Und sie braucht sich auch keine »Entweltlichung« zu verordnen, wie es Papst Benedikt XVI. seiner Kirche empfahl. Die Kirche kann ihre Position in der Postmoderne auch als neu gewonnene Freiheit begrüßen und gestalten. Sie kann sich mit ihren Überzeugungen und ihren Impulsen und Ideen an die ganze Gesellschaft wenden. Sie kann das Gewissen der Gesellschaft sein, ihr Kitt und ihre Zukunftswerkstatt und die Schatzkammer ihrer Traditionen. Und sie kann die Emanzipation der Gesellschaft von jeder Bevormundung begrüßen, auch von religiöser.

Für diese neue Architektur der Kirche hat Heinrich Bedford-Strohm originelle Sichtachsen und Zentralperspektiven entworfen. Bei seinem Vater Albert Strohm hat er eine Kirchengemeinde kennen gelernt, die den Menschen Räume anbot, vor allem Kindern und Jugendlichen. Sie konnten sich ausprobieren. Die Kirche gab ihren Wünschen ein Zuhause und ihrer Begeisterung ein Ziel. Als junger Theologe hat sich Heinrich Bedford-Strohm für die Theologie der Befreiung interessiert und für die Gerechtigkeitstheorie des amerikanischen Philosophen John Rawls. Beide Denkansätze haben seinen Sinn für eine Gesellschaft geschärft, die ihre eigenen Kräfte fördert, aber sie für die Schwachen in ihren Reihen einsetzt. Und die darauf bedacht ist, dass die Stärke der Starken die Schwachheit der Schwachen mildert. Eine solche Gesellschaft, ist Heinrich Bedford-Strohm überzeugt, braucht die Kirche. Dazu muss die Kirche lernen, ihre Überzeugungen so zu formulieren, dass man sie ohne Fachkenntnisse versteht. Sie soll den Politiker und den Wissenschaftler, den Handwerker und den Schüler fähig machen, Maßstäbe für sein Handeln zu gewinnen. Jeder soll sehen können, dass Vorschläge der Kirche vernünftig sind und den Menschen dienen, auch dann, wenn er den Glauben an Gott nicht teilt. Mit dieser Überzeugung hat Bedford-Strohm einige der wichtigsten Dokumente mitformuliert, die die evangelische Kirche in den letzten 20 Jahren veröffentlicht hat. Darunter befinden sich zwei Denkschriften zur Armut und zu einer leistungsfähigen, gerechten Wirtschaft. Denkschriften sind, grob vereinfacht, ungefähr das, was Papstenzykliken für die katholische Kirche bedeuten.

Auch für dieses Buch hat Heinrich Bedford-Strohm freundlich und engagiert zur Verfügung gestanden. Ich danke ihm dafür. Dank gilt auch seiner Frau Deborah Bedford-Strohm und seinem Vater Albert Strohm für ihr Vertrauen und die Offenheit, mit denen sie ihre Gedanken geteilt haben, sowie Kara und Wolfgang Huber für Auskünfte, Austausch, Einschätzungen und wichtige Hinweise. In Bezug auf die Entstehung des Buches denke ich gern an viele, die das Projekt befördert haben. Zu manchen haben sich neue und engere Kontakte ergeben. Darunter sind Günther Beckstein, Friedhelm Hofmann, Thomas Silberhorn und Claudia Stamm. Michael Brinkmann und Carsten Splitt von der Evangelischen Kirche in Deutschland und Johannes Minkus von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern samt ihren Teams danke ich für die freundliche und professionelle Vermittlung von Terminen und Hintergrundinformationen. Karlies Abmeier von der Konrad-Adenauer-Stiftung hat mich schnell und verlässlich unterstützt. Ralf Meyer hat uns souverän gefahren und ungestörte Gespräche im Auto ermöglicht. Meine Lektoren Thomas Nahrmann und Simon Biallowons vom Herder Verlag haben mich mit der Buchidee gefordert und waren anregende Partner bei der Fertigstellung.

Bonn, im April 2015

Wolfgang Thielmann

Der frisch Gewählte:Die Charme-Offensive beginnt

Draußen herrscht schon Dunkelheit, aber das Dresdner Kongresszentrum ist am späten Abend des 11. November 2014 noch hell erleuchtet. Die SPD hat die Synode, das Parlament der Evangelischen Kirche in Deutschland, zum Empfang eingeladen. Vor den raumhohen Fenstern geht der Blick auf die nur schemenhaft sichtbare, ruhig fließende Elbe. Bundesjustizminister Heiko Maas hat die 200 Mitglieder und Gäste der Synode begrüßt, die sich im Foyer versammelt haben, danach Martin Dulig, der Spitzenkandidat der Landespartei. Zwei Tage später wird Dulig zum stellvertretenden sächsischen Ministerpräsidenten ernannt. Die Frauen vom Service beginnen mit Tabletts voll Wein- und Biergläsern ihren Slalom zwischen den Stehtischen, um die sich Synodale und Parteigrößen in kleinen Gruppen versammelt haben.

Dann steigt der Mann, den alle erwarten, die Freitreppe aus dem Obergeschoss hinunter. Sechs Stunden am Stück hat er Interviews gegeben. Ist hinuntergegangen in die Elbaue, hat sich fotografieren lassen. Immer noch federt sein Gang. Die Züge des freundlichen Gesichts hinter der braunen Hornbrille sind entspannt, ein Lächeln liegt auf den Lippen. Der Mann begrüßt ein paar Freunde und geht zum schmalen Podium vor der violetten Stellwand. Hinter ihm, auf Kopfhöhe, steht rot umrahmt in weißen Buchstaben »SPD«. Die Hausfarbe der Evangelischen Kirche ist ebenfalls violett. Der Mann fühlt sich unter beiden Adressen zuhause. Er ist Mitglied der SPD, aber seine Mitgliedschaft ruht seit drei Jahren. Denn Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Heute Nachmittag haben die Synodalen ihm die Führung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in die Hand gelegt und ihn zum Vorsitzenden des EKD-Rates gewählt.

Heinrich Bedford-Strohm bittet um Verständnis für die vielen Interviews. Das letzte läuft gerade in den Tagesthemen der ARD. Er sagt, dass es ihm Spaß gemacht habe. Und bedankt sich – bei seiner Frau Deborah: »Es war für die Familie nicht leicht, die Spannung vor der Wahl zu ertragen, zu wissen, dass sich nachher vielleicht viel ändern wird, aber ohne darüber reden zu können.«

Übermorgen wird der Bundestag über Sterbehilfe debattieren. Der neue Ratsvorsitzende spricht das Thema an – und erzählt von seinem 85-jährigen Vater Albert Strohm. Am Anfang des Jahres musste die Familie auf sein Sterben gefasst sein. Es stand schlimm um ihn. Die Ärzte rangen um sein Leben. Aber dann kam der Vater doch wieder zu Kräften. Heute hat er angerufen, er freut sich mit, so wie sich seine Eltern immer mitgefreut haben. Vor zehn Jahren, als der Kleinstadtpfarrer Heinrich Bedford-Strohm aus Coburg Professor in Bamberg wurde. 2011, als er zum bayerischen Landesbischof gewählt wurde. »Ich bin glücklich, dass mein Vater auch jetzt noch Anteil nimmt«, sagt Heinrich-Bedford Strohm und lächelt. Das sind seine Markenzeichen, das Lächeln wie auch die Geschichten voller Hoffnung. Könnte er freundlicher andeuten, dass er jede Art von aktiver Sterbehilfe ablehnt, als zu sagen, wie unendlich viel ihm ein alter Mann am Ende seines Lebens bedeutet, dadurch, dass er da ist und Anteil nehmen kann?

Heinrich Bedford-Strohm mit seiner geradlinigen Karriere ist das neue Gesicht der evangelischen Kirche. Ein Professor, ein Bischof, eine Charme-Offensive. Er kann kämpfen. Er kann vor allem verbinden. Er will gewinnen, Wahlen und Menschen. Die evangelische Kirche meldet sich mit Freundlichkeit auf der öffentlichen Bühne zurück.

Der Pfarrerssohn:Freiheit schmecken

Memmingen, am Südwestrand Bayerns im Regierungsbezirk Schwaben, liegt verkehrsgünstig und ist eine der aufstrebenden Städte Bayerns. Die Einwohnerzahl wächst. Seit 2008 landen die Fluggesellschaften Ryanair und Wizzair auf dem früheren Fliegerhorst der Bundeswehr, dem höchstgelegenen Verkehrsflughafen Deutschlands und dem kleinsten der drei im Freistaat.

Alle vier Jahre vergibt die Stadt einen Freiheitspreis. Denn zur Zeit der Bauernkriege, 1525, formulierten die Anführer der aufständischen Bauern hier in Memmingen zum ersten Mal ihre Forderungen nach Freiheit und Gleichheit, gegründet auf das Evangelium. Ihre zwölf Artikel sind so etwas wie eine frühe Erklärung von Menschenrechten. Heinrich Bedford-Strohm sitzt in der Jury des Freiheitspreises. 1960 wurde er in Memmingen geboren, genau gesagt im Dorf Buxach, das 1972 eingemeindet wurde. Hier ist er zuhause, regional und auch geistig. Zuletzt verlieh die Jury den Preis 2013 an die junge Pakistanerin Malala Yousafzai. Sie kämpfte im pakistanischen Swat-Tal, das von Taliban beherrscht war, dafür, dass Mädchen zur Schule gehen können. Dafür wurde sie bei einem Attentat schwer verletzt.

In der Jury des Freiheitspreises sitzt auch der frühere Landtagsabgeordnete Herbert Müller. 1960 war er in der evangelischen Jugendarbeit engagiert. Er erinnert sich an den damaligen Pfarrer Albert Strohm, Heinrich Bedford-Strohms Vater. »Pfarrer Strohm hat uns Gruppenleiter als Bezirksjugendpfarrer geistlich begleitet und gefördert. Er war ein ganz engagierter Mann«, sagt Müller.

1960 wird Barbara und Albert Strohms viertes Kind geboren. Sie nennen den Sohn Hans-Heinrich. Vor ihm sind Dietrich, Frederike und Christoph geboren. Fünf Jahre lang ist Heinrich der Jüngste. Dann kommt die Tochter Renate nach. Es gibt ein Bild des vierjährigen Heinrich: Er steht im Dachstuhl eines Bauernhauses, das zum Gemeindezentrum umgebaut werden soll. Mit dem Vater und den Geschwistern deckt er die alten Dachziegel ab.

Das Bild erzählt viel über Heinrichs Kindheit, denn Kirche und Theologie prägen das Leben der Familie. Schon Albert Strohm ist Pfarrerssohn. Er stammt aus Bayreuth. Sein Bruder Theodor Strohm promoviert gerade; er wird später Theologieprofessor in Berlin und Zürich und lehrt in Heidelberg Theologie und Diakoniewissenschaften. Damit gehört er zu den Vordenkern der Diakonie, des evangelischen Wohlfahrtsverbandes. Der ist heute mit fast einer halben Million Beschäftigten und ebenso vielen ehrenamtlich Engagierten einer der größten Arbeitgeber nach dem Staat und der katholischen Caritas.

Die Mutter, Barbara Strohm, hatte Theologie fürs Lehramt und Germanistik belegt. Ein Angebot, über den Dichter Jeremias Gotthelf zu promovieren, lehnt sie zwar ab. Doch die Literatur begleitet ihr Leben, vor allem die Gedichte von Rainer Maria Rilke. »Sie ist ein ganz anderer Typ als mein Vater«, sagt Heinrich. Sie ist Mutter von fünf Kindern und Pfarrfrau, die sich in der Gemeinde engagiert. Viele Jahrzehnte arbeitet sie auch bei Amnesty International mit und übernimmt für Niederbayern die Auslösung von »Urgent Actions«, Sofortmaßnahmen, wenn Menschen von einer Hinrichtung oder von grausamen Strafen bedroht sind. Außerdem betätigt sie sich als Künstlerin, leitet Batikkurse und fertigt Batiken für Kirchen. Und gestaltet legendäre Schaukästen, das Einladungsmedium der Zeit. Trotzdem bewahrt sie sich eine Distanz zu den etablierten kirchlichen Welten. »Sie hatte immer einen Affekt gegen alles zu Amtliche«, erinnert sich Heinrich Bedford-Strohm. Aber die Verantwortung für das Gemeinwesen hat auch sie kennen gelernt. »Schon die Familie, aus der sie kam, hat ihre Warmherzigkeit geschätzt«, berichtet ihr Mann.

So gestaltet sich die Konstellation zuhause: eine Mutter, die neben allem Engagement für die Familie da ist, und ein Vater, der Gemeindearbeit als Beitrag zum Gemeinwesen versteht. Am Tisch diskutiert die Familie über Politik und Privates. Eine geschützte, Gedanken anregende Atmosphäre.

Zu den protestantischen Frömmigkeitsformen der Familie Strohm gehört das Tischgebet vor und das Dankgebet nach dem Essen – jedenfalls dann, wenn es warm auf den Tisch kommt, so wie das bei Protestanten und Katholiken damals üblich ist. Die Mutter betet auch abends mit den Kindern. Das hat der Sohn bei seinen eigenen Kindern übernommen, sagt er. »Ansonsten ist die Frömmigkeit, die ich zuhause erlebt habe, nicht die gleiche, die ich jetzt selbst praktiziere. Die zuhause war zurückhaltender, nüchtern, alles andere als etwa evangelikal und weitab vom Enthusiastischen, zu dem ich eher neige.« Der Vater zeigt sich auch skeptisch gegenüber der Taizé-Spiritualität, die dem Sohn wichtig wird. Doch Heinrich Bedford-Strohm hat die Frömmigkeit der Eltern als glaubwürdig in Erinnerung. Nach einem Weihnachtsfest, erinnert er sich, gab es in der Gemeinde heftigen Protest. Albert Strohm hatte in der Christvesper Bilder von hungernden afrikanischen Kindern gezeigt. »Mein Vater hat immer ein bisschen quer zur bürgerlichen Religiosität die ethisch geprägte kritische Stimme hereingebracht«, sagt Heinrich Bedford-Strohm. Sein älterer Bruder Christoph ist heute Professor für Kirchengeschichte in Heidelberg.

1967 zieht die Familie an eine neue Pfarrstelle in Coburg. Die Stadt gilt als schwieriges Pflaster für die Kirche. Im Herzen Frankens und vor allem in München, erzählt Albert Strohm, heißt die Region »das Galiläa der Heiden«. Ihn ficht das nicht an. Schon 1968 baut er ein Gemeindezentrum am Ketschendorfer Hang, das heutige Zentrum St. Lukas. Es vereint Kirche, Pfarrhaus und die Gemeinderäume. Weißer Kalksandstein im halben Versatz lässt die gegliederte Front unter tief heruntergezogenen Dächern ebenmäßig wirken. Drinnen ebenfalls sichtbares Kalksandstein-Mauerwerk, aber lebendiger im Viertelversatz mit Köpfen. Ein ausgetiefter Betonquader als Taufstein. Der Blick geht frei ins Gebälk aus mächtigen Leimbindern. Der Bau ist schlicht und auf das Wesentliche reduziert, so wie gute Architektur in diesen Jahren aussieht. »Das Vorbild dafür hatte ich in Amsterdam gesehen«, verrät Albert Strohm. Für den Bau hat er den bekannten Architekten Hans-Busso von Busse gewonnen. Das Granitpflaster am Altar setzt sich fort durch den Gang und vor der Tür weiter bis auf den Bürgersteig. Alles aus demselben Material und in derselben Ausführung. Der durchgehende Weg soll zum Ausdruck bringen, dass Kirche und Welt zusammenhängen und keine gegeneinander abgeschotteten Räume darstellen. Im Gemeindezentrum am Ketschendorfer Hang bekommt Heinrich die Impulse, durch die er später das Programm der Öffentlichen Theologie mitformulieren wird. Schon in den Sechzigerjahren ist dem Vater Gemeinwesenarbeit wichtig, die heute wieder als »Sozialraumorientierung« entdeckt wird.

Die Glocke, die an einer Trägerkonstruktion vor der Frontmauer hängen soll, lässt Albert Strohm im thüringischen Apolda gießen, also in der DDR. Die fertige Glocke holt er mit seinem Opel Rekord Caravan ab. Das kommt im Fernsehen. Heinrich sieht die Reifen fast aus den Radhäusern quellen, die Federung drückt auf den Anschlag. Die Glockeninschrift gibt einen Satz aus der Offenbarung des Johannes wieder: »Siehe, ich mache alles neu.« Das steht auch auf dem Grabstein des Großvaters. Die Gewissheit, dass Gott die Welt erneuert und den Menschen damit Mut gibt, auch selbst an der Erneuerung mitzuarbeiten, gehört sozusagen zu den Grundlagen des Familienglaubens.

Deborah Bedford-Strohm ist überzeugt, dass Heinrich dort, im Gemeindezentrum am Ketschendorfer Hang, die Impulse bekommen hat, durch die er später das Programm der Öffentlichen Theologie mitformulierte: »Da hat er eine Theologie kennen gelernt, die für ihre Umgebung Bedeutung gewann.«

Albert Strohm pflegt auch regelmäßig Kontakte in die nahe DDR. Eine Patengemeinde liegt in Mecklenburg-Vorpommern. Und Coburg gehört wegen des nahen Übergangs in Hof zur Region des kleinen Grenzverkehrs. Dort ist es leichter, Visa für Tagesreisen in die DDR zu bekommen. Albert Strohm nutzt das für Gemeindeausflüge. Dabei lernt auch Heinrich die Orte jenseits des Grenzzauns kennen: »Ich bin als Junge in die DDR gekommen, sah die Dörfer dort und habe noch den Geruch der Braunkohlefeuerung in der Nase.« Während des Winters ist die Luft in der DDR vom stickigen Qualm der Braunkohle durchsetzt. Denn der Arbeiter- und Bauernstaat muss mit der heimischen Energiequelle heizen. Das teure Öl aus der Sowjetunion dient vor allem der Produktion.

Heinrich fühlt sich im Gemeindezentrum am Ketschendorfer Hang zuhause. Er erlebt hier die Kirche als einen Treffpunkt von Glauben und Welt. Im Gemeindezentrum initiiert sein Vater eine offene Jugendarbeit. Mit Tischtennis, mit Räumen zum Treffen, aber ohne ständige Aufsicht oder Programm. »Da wurden die ersten Erfahrungen zwischen Mädchen und Jungs gemacht«, sagt der heutige Ratsvorsitzende, »aber das alles hat mir nicht geschadet.« Die ersten Zigaretten rauchen sie hinter dem Gemeindezentrum. Natürlich haben sich die Nachbarn beim Vater, dem Pfarrer, beschwert. Und der Vater hat die Freiheit der Jugendlichen verteidigt. Nicht das Rauchen. Aber er warb dafür, den jungen Leuten ihren Raum zu lassen. Die Jungen fühlen sich ernst genommen, auch darin, sich auszuprobieren. »Mir haben die heimlichen Zigaretten im Jugendalter gereicht; ich habe nie wieder in meinem Leben das Bedürfnis danach gehabt«, sagt Heinrich.

So hat er die Kirche seines Vaters als einen Raum der Freiheit erlebt: »Wir wussten: Da sind wir gewollt, da dürfen wir hin, da steht keine Bekenntnis- und Glaubenskontrolle an der Tür, sondern da dürfen wir einfach sein.«

Schon Albert Strohm war von der Theologie des NS-Märtyrers Dietrich Bonhoeffer geprägt. Und der Sohn hat die Theologie Bonhoeffers über die offene Jugendarbeit und den Raum der Freiheit kennen gelernt. Deswegen fasst Heinrich Bedford-Strohm Bonhoeffer heute so zusammen: »Ich kann mich auf die Gotteswirklichkeit nur einlassen, wenn ich mich ganz auf die Weltwirklichkeit einlasse.« Säkularität und Frömmigkeit, Kirche und Welt, sind daher für ihn kein Gegensatz. In einem Bischofsbericht vor der Synode seiner bayerischen Landeskirche hat er sich eine Erweckungsbewegung gewünscht, die Frömmigkeit mit der Liebe zur Welt verbindet.

»Diesen Grundimpuls Bonhoeffers habe ich in meiner Kindheit erlebt, und er hat mein Bild von Kirche geprägt. Ich glaube nicht, dass ich sonst die Theologie studiert hätte«, sagt Heinrich Bedford-Strohm.

In Coburg besucht er von 1966 bis 1979 das Gymnasium Caisimirianum, eine traditionsreiche Schule, benannt nach ihrem Stifter Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg. 1601 wurde der Grundstein gelegt. Heinrich wird Schülersprecher. Bis heute hat er auch daran intensive Erinnerungen, sagt er. »Auch deshalb, weil mein Terminkalender damals ähnlich gefüllt war wie jetzt: Ich habe Geige im städtischen Kammerorchester gespielt. Als Schülersprecher habe ich ziemlich viele Dinge auf den Weg zu bringen versucht.« Manche Ergebnisse sind heute noch sichtbar, vermerkt er zufrieden: »Die Parkzone für Mofas und Motorräder direkt vor der Schule ging auf meine Verhandlungen mit der Stadt zurück. Immer wenn ich heute dort vorbeikomme, denke ich gerne daran.«