So voll Hunger nach Leben, dass ich mich umbringen könnte - Martin Auer - E-Book

So voll Hunger nach Leben, dass ich mich umbringen könnte E-Book

Martin Auer

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Beschreibung

14 Geschichten aus dem wirklichen Leben. Geschichten vom Hunger nach Liebe, vom Hunger nach Sex, vom Hunger nach Erfolg, vom Hunger nach Betäubung, vom Hunger nach Bildung, vom Hunger nach Anerkennung, vom Hunger nach Sinn, vom Hunger nach Weisheit, vom Hunger nach Erlösung und vom Hunger. 13 Geschichten über Menschen, die dem Autor einmal begegnet sind, und eine über das Geschichtenschreiben.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Martin Auer

So voll Hunger nach Leben, dass ich mich umbringen könnte

Geschichten

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Titel

Martin Auer

So voll Hunger nach Leben, dass ich mich umbringen könnte

Geschichten

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So voll Hunger nach Leben, dass ich mich umbringen könnte.

Ich kam aus dem Spital und mein Vater hatte irr geredet, so seltsam, man merkte es zuerst gar nicht, denn er redete in Tonfällen, die wir kannten von ihm, seine Familie, wir saßen alle um ihn und lachten, wenn er Volvic sagte statt Münze, Volvic, es ging ihm nicht aus dem Kopf, dieser seltsame Name für ein Mineralwasser, es tat ihm weh, sagte er, dieses Wort, meine Schwester hatte die Plastikflasche aus London mitgebracht, sie füllte sie immer an der Wasserleitung, da war kein französisches Wasser drin, aber dieser Name, Volvic, er schmerzte meinen Vater, wir saßen um ihn, im Fernsehraum der Station, sein Bettnachbar wollte schlafen, so hatte sich mein Vater aus dem Bett geschleppt, in den Fernsehraum, ach, nicht nur aus Höflichkeit, er wollte doch nicht mehr bettlägerig sein, er sollte doch morgen entlassen werden, mit dem Herzschrittmacher in seiner Brust, gerüstet nun für neue Jahre, generalüberholt sozusagen, mit geputzten Herzkranzgefäßen, und Volvic, und er müsste nun das streichen vom Internet, sagte er, was denn, vom Internet, sagte er, die Dateien, die müsste er streichen, löschen, was er angemerkt hatte, und warum, sagte er, geht es mir so schlecht, warum fühl ich mich nicht gut, ich versteh das nicht, hab ich das nötig, dieses Volvic, dass ich mich nicht gut fühl, und er sagte das in dem Ton, in dem er immer seine Witze macht, und dann hustete er, ach er hustet ja schon so lang, er hat sich die Lunge weggeraucht in seinen ersten vierzig Jahren, und die zweiten vierzig hat er gehustet, und dann die Schmerzen im Rücken, das ist eine Scheiße, sagte er, diese Schmerzen im Rücken, hab ich das nötig, der Knochenschwund ist das, die Osteoporose, zwei Wirbel sind praktisch völlig weg, zerrieben zu Sand, wenn einer vierzig Jahre nur im Auto sitzt, nicht mehr geht, weil das Knie kaputt ist, weil der Fuß lädiert ist, dann schwinden die Muskeln, dann schwinden die Knochen, ach, und man merkt es nicht, denn man fährt ja die schnellen Autos, die sechzehn, die zwanzig Liter Benzin versaufen auf 100 Kilometer, ach, und nun ist es vielleicht vorbei, nun ist man nicht mehr der älteste aktive Motorjournalist auf diesem Planeten, nur mehr alt ist man jetzt, und das will er nicht, nur mehr alt sein, nein, er weigert sich, er will raus aus diesem Spital, hat zu tun, ohne ihn wird das Blatt nicht fertig, und Volvic, und vorher, bevor die anderen gekommen waren, war ich allein mit ihm, und die Schmerzen, und ich musste ihm die wärmende Salbe auf den Rücken schmieren, er zog sich das Nachthemd hoch, dieser faltige, fette, abgemagerte Hintern, das war mein Vater, der Mächtige, der Garant, dass mir nichts passieren kann, mir, dem fünfzigjährigen Sohn, ich musste dieses faltige, fette, abgemagerte Fleisch anfassen und die wärmende Salbe einreiben, dieser riesige runde Kopf mit dem weißen Bart, dieser faltige Hals, dieser mächtige Bauch, diese dünnen Beine, diese gelben Sohlen mit der rissigen ausgetrockneten Haut, das ist mein Vater, der Große, vor dem ich mich oft geschämt habe, weil ich zu weichlich war, zu mädchenhaft zart, ja, schau mich an, mich mit dem Stiernacken, mit der Glatze, mit dem Bauch, ich war nur ein Bürschchen, ein zartes, hab mich beim Fußball vor dem Ball gefürchtet, und dann, eines Tages, habe ich ihn an mich gedrückt, im Spaß, ihn, den alten Pfadfinder, der sich mit zwei gebrochenen Beinen den Berg hinuntergeschleppt hat, ihn, den Flüchtling vor den Judenmördern, ihn, den Schiffskoch, der fünfhundert Mal Speck mit Eiern gebraten hat, ihn den Soldaten mit dem breitkrempigen Hut der australischen Armee, ihn, den rasenden Reporter auf dem Motorrad, ihn, den Reformkommunisten, der gegen die Stalinisten aufmuckte, ihn, den Taxifahrer, Fernsehreporter, Kolumnisten, habe ihn an mich gedrückt, im Spaß, und ihm fast die Rippen gebrochen, ihm den Atem genommen, dass er auf dem Boden auf alle Viere gehen musste um wieder zu Atem, zu sich zu kommen, mein Gott, wie lange ist das her, und doch war er immer für mich der Starke geblieben, der Unüberwindliche, der Patriarch, und nun erst sah ich ihn leiden, nun erst sah ich ihn schwach, unsinniges Zeug daher brabbelnd, und wir, seine Familie, saßen um ihn und lauschten und lachten und konnten gar nicht begreifen, dass er nicht scherzte.

Und am Abend ließ ich mir ein Mädchen kommen, Katalog im Internet, hundertzwanzig Euro, ach, der schlanke Leib und der runde Hintern, ach die kleinen Brüstchen, die langen Beine, das braune Haar, und ich telefonierte und das Mädchen am anderen Ende sagte, es dauert noch, sie ist grade unterwegs, aber wenn sie fertig ist, ruf ich dich an, und als sie zurückrief, sagte sie, sie fährt noch nach Hause, duschen, in vierzig Minuten ist sie bei dir, und ich sagte, Mensch, denk dir doch etwas aus, so redet man nicht, wer will denn wissen, dass ein Mädel direkt von einem anderen Job kommt, und als sie dann da war, war sie eine Polin, Carmen, wer hatte ihr den Namen gegeben, sie lachte und zitterte und sagte, sie sei erschöpft, ein schwieriger Tag, ach, das schöne Mädel, und ich fragte warum? die Mama, sagte sie, im Spital, mit Kanzer, und dann schlüpfte sie aus dem Pullover und lächelte, und dann aus der Hose, und fragte, die Strümpfe auch ausziehen? und ich sagte ja, und als wir beide nackt waren, wollte sie ihr Bild im Internet sehen, denn sie wusste noch nicht, wie es aussah, und ich ging mit ihr ins andere Zimmer und zeigte es ihr, es war noch auf dem Bildschirm, ach, der schlanke Leib und der runde Hintern, die kleinen Brüstchen, die langen Beine, nur das Gesicht sah man nicht, und sie fragte mich: warum mich? da sind so viele Schöne mit blonden Haaren und großen Busen, und ich sagte, ich mag aber lieber die kleinen, und küsste die Knospen, und dann küsste sie mich auf den Mund und wir gingen zurück ins Zimmer und legten uns auf das Bett und küssten und hielten uns, und ich dachte an ihre Mama im Spital mit Kanzer, und sagte, mein Vater ist auch im Spital, das Herz, und so redeten wir, und hielten uns und sie küsste mich, aber Französisch nur mit Gummi, willst du das jetzt? und ich nickte, aber sag mir noch, wie du wirklich heißt, aber nur, wenn du willst, und sie schüttelte den Kopf und ich sagte, gut, dann bist du Carmen und hielt sie und küsste sie, aber dann sagte sie, es fängt auch mit K an, und ich sagte Katarzyna? nein, sagte sie, und lachte, wieso kennst du polnische Namen, ich war schon öfter da, sagte ich, und wo? in Wrocław und Poznan und Kraków und Warszawa, ich bin aus Poznan, sagte sie, aber am schönsten ist Kraków, ja, sagte ich, und hielt sie und küsste sie, und: mein Name ist Kinga sagte sie, das ist ein seltener Name, auf Deutsch ist es Kunigunde, Kinga, sagte ich, Kinga und hielt sie ganz fest, und dann machte sie mir Französisch mit Gummi, und als ich sie hinlegte und zwischen ihren Schenkeln kniete und in sie eindrang, da wich sie zurück, sie lächelte und wich zurück und ich sagte, du willst mich nicht in dir und sie sagte, ich habe Schmerzen, vielleicht kommt meine Menstruation, ich weiß das nie, das ist bei mir so, und ich sagte, lass nur, ich rufe nächste Woche wieder an, dann kommst du zu mir und dann werden wir ficken, und ich hielt sie fest und dann holte ich noch eine Decke für ihre kalten Füße und wir hielten uns und sie fragte mich, ob ich auch schwarze Mädchen mochte, und ich sagte, ich hatte einmal eine Freundin, aber das ist lange her, und? sagte sie, sie war nett, sagte ich, und wir waren jung, das ist alles, ich habe auch einen schwarzen Freund, sagte sie, er ist aus Nigeria und kann gut kochen, ja, sagte ich, in Westafrika ist die Küche besser, ich war in Kenia, und dort gibt es nur Mais und Kohl, weiß dein Freund, welchen Job du machst? ja, aber nur so ungefähr, verstehe, sagte ich, und als sie mich anfasste, sagte ich, nein, du musst nichts mehr tun, wir machen es nächste Woche, gut, sagte sie, nächste Woche, und dann fahre ich zu meiner Mutter und dann läutete sowieso ihr Handy, die Agentur, die Stunde war um, und ich brachte sie zur Tür und sagte, es ist schön mit dir, und dann ging ich hinauf und rief wieder die Agentur an und ließ mir Carla schicken, die kam aus Rumänien.

Sportin’ Life Blues

Bernadette war eine gute Seele. Sie war Dienstmädchen, erzählte mir Rosemarie, bei einem wohlhabenden Ehepaar. Wohlhabend genug jedenfalls, um sich ein Dienstmädchen halten zu können. Bernadette verbrachte ihren zweiwöchigen Urlaub in Arcachon, und sie hatte Claudine mitgenommen, die Tochter ihrer Dienstgeber, und teilte mit ihr das kleine Appartement. Claudine war fünfundzwanzig, groß und knochig, und sie konnte sich nicht alleine anziehen und nicht alleine essen. Bernadette musste sie füttern und ihr den Sabber vom Mund wischen. Claudine konnte auch ein paar Wörter lallen, die aber nur Bernadette verstand. Bernadette war zweiunddreißig, kleiner als Claudine, nicht besonders hübsch, doch auch nicht hässlich. Sie hätte sicher männliche Begleitung gefunden, aber wenn sie Claudine in ihrem riesigen Kinderwägelchen zum Strand schob, war das natürlich ausgeschlossen.

Bernadette war eine gute Seele. Sie ließ ihre Freundin Rosemarie, die mittellose Studentin, in der Küche, dem zweiten Raum ihres Appartements schlafen, und als Rosemarie mich mitbrachte, hatte sie auch nichts dagegen. Bernadette ging auf den Markt und kaufte ein Kilo Krevetten, die lebten noch und krochen in der Papiertüte übereinander, und sie kochte sie für uns mit Reis und Tomaten und Basilikum. Dann wusch sie Claudine und brachte sie ins Bett und legte sich zu ihr, und Rosemarie und ich saßen draußen in der Küche und tranken den Wein, den Bernadette uns gekauft hatte. Wir erzählten uns unsere Leben und küßten uns und dann legten wir uns auf die Matratze, die Bernadette uns auf dem Fußboden ausgebreitet hatte, und erkundeten unsere Körper und schliefen miteinander, unbedacht und ungehemmt.

Wir hatten beide noch nicht viel Erfahrung im Miteinander-Schlafen, doch wir kamen über kleine Unbeholfenheiten hinweg und genossen unsere einfachen Zärtlichkeiten, ohne in peinliche Verlegenheiten zu geraten.

Ich war zwanzig und es war das Jahr Eins nach Woodstock. Ich war es gewohnt, ohne Geld in die Ferien zu fahren. Um weiterzukommen musste man sich nur an einer Ausfallstraße hinstellen und den Daumen hinausstrecken. Und um essen zu können spielte ich Gitarre und stellte meinen Hut vor mich hin. In diesem Sommer freilich war ich mit einem Moped unterwegs. Ich hatte „Easy Rider“ gesehen, aber ich hatte trotzdem nicht den Wunsch nach einer Harley. Das Moped brauchte nicht viel Benzin und schaukelte mich beschaulich durch die Landschaft. Ich kam an einem Abend in Arcachon an. Eine Gruppe junger Leute saß am Strand um eine Weinflasche herum. Ich nahm meinen Rucksack und meine Gitarre vom Gepäckträger und setzte mich zu ihnen. „Hello, I’m Martin!“ Es war das Jahr Eins nach Woodstock und wir gehörten alle zusammen. „Hi, I’m Fabio. I’m from Italy!” “I’m Trudy from Ireland!” und so weiter. „Yeah, I’m from Austria!“ Fabio spielte Mundharmonika und ich klampfte auf meiner Gitarre und sang. Ich konnte „Sportin’ Life Blues“ in der Art von Brownie McGhee spielen, das hatte ich nach einem Lehrbuch von Happy Traum geübt. „Morgen ist ein Musikwettbewerb von Sud Radio“ sagte Fabio, „machen wir mit?“

Wir machten mit und gewannen den ersten Preis, eine Flasche Wein und den Aufstieg in die nächste Runde, die einen Monat später irgendwo an der Riviera stattfinden sollte. Wir kauften noch ein paar Flaschen zu der einen dazu und setzten uns an den Strand um zu feiern. Rosemarie, die auf dem vierten oder fünften Platz gelandet war, kam zu uns und fragte, ob sie mitfeiern durfte. Als ich den Arm um sie legte, roch sie an meinem Hemd, das ich schon zwei Wochen trug und nur zwischendurch an der Sonne bleichte, und sagte, ich dürfe es nie mehr waschen. Dann küssten wir uns.

Alles war einfach. Am Morgen tranken wir Kaffee und aßen die Croissants, die Bernadette geholt hatte. Dann gingen wir zum Strand, während Bernadette der maulenden Claudine ihren Strandanzug und ihre Sandalen anzog und ihr half, die paar Schritte zu ihrem Wägelchen zu machen. Wir hüpften in den Wellen herum oder lagen im Sand und erzählten uns weiter unsere Leben. Rosemarie kam von La Réunion, das liegt im Indischen Ozean, östlich von Madagaskar, und gehört zu Frankreich. Ihre Vorfahren waren Inder, Afrikaner und Madegassen. Meine Vorfahren waren tschechische Juden und mährische Tschechen und, wenn man einem Großonkel glauben durfte, serbische Grafen und dazu noch, wenn man den Unterstellungen der mit meiner Urgroßmutter konkurrierenden Marktstandler glauben durfte, auch Zigeuner. Rosemarie und ich würden heiraten und indisch-jüdisch-böhmisch-madegassisch-afrikanisch-serbische Zigeunerkinder zeugen, die wir mit Vietnamesen und Inuit verheiraten würden. Am Abend zog Rosemarie ein hübsches Kleidchen an, zog ihre Perücke mit den langen kastanienbraunen Haaren, die sie auf der Bühne getragen hatte, über ihren madegassisch-indisch-afrikanischen Krauskopf und wir gingen auf der Promenade spazieren. Sie nannte mich Barberousse, denn mein Haar, das ich damals schulterlang trug, war zwar dunkelbraun und gewellt, aber der Bart, den ich mir stehenließ, war rötlich und kraus. Rosemarie brachte mir das Lied bei, das sie auf der Bühne gesungen hatte: „Ba moi en ti bo, deux ti bo, trois ti bo doudou!“ Das ist kreolisch. Auf Französisch heißt es: „Donne moi une petite bise!“, „Gib mir einen kleinen Kuss!“ Und „Doudou!“ heißt Herzi, Schatzi, Schnuckilein. „Ich habe sechs Tage die Woche gearbeitet, drei Tage für mich und drei Tage für mein Schatzi. Kommt der Samstag, und der Patron zahlt mich nicht aus! Ach Schatzi, aus Mitleid, aus Menschlichkeit mach mir die Tür auf!“ Ich zeigte Rosemarie die paar Gitarrenakkorde, die ich mehr wusste als sie, und nannte sie Doudou.

Manchmal verbrachten wir die letzten halben Stunden des Tages, wenn Claudine schon schlief, mit Bernadette. Wir spielten und sangen für sie und sie machte für uns noch irgend ein Dessert oder richtete ein bisschen Käse mit Oliven an. Dann ging auch sie schlafen und wir aßen den Käse und tranken Wein und erzählten uns unsere Leben und dann liebten wir uns auf der Matratze, die Bernadette für uns auf dem Küchenboden aufgebreitet hatte.

„Seid nicht zu laut“, sagte Bernadette noch, bevor sie ins Schlafzimmer ging. „Ich glaube, Claudine ist eifersüchtig.“

„Meinst du, dass sie uns hört?“ fragte Rosemarie.

„Sie kriegt alles mit. Was willst du, sie ist fünfundzwanzig. Sie braucht es, wie jede andere Frau auch.“ Bernadette seufzte. „Aber macht euch nichts draus, Kinder, so ist es halt, was soll man denn tun. Nur passt halt ein bisschen auf, dass ihr nicht so viel Lärm macht. Gute Nacht!“

Wir sagten Bernadette gute Nacht und redeten noch ein bisschen über sie und Claudine und wie gemein das Leben doch sein konnte und wie wenige Menschen wie Bernadette es gab. Dann liebten wir uns. Leise.

Von der Schwierigkeit, heute noch Geschichten zu erzählen

Herr Wilhelm S. ist Werkmeister in einem Zweigbetrieb eines internationalen Automobilbedarfs-Konzerns. Um seinen Lebensabend zu sichern und seinen Kindern etwas vererben zu können, schließt Herr S. eine Ab- und Erlebensversicherung ab. Natürlich entscheidet er sich für den Versicherungsvertrag, der ihm die höchste Rendite verspricht. Die Versicherungsgesellschaft legt das Geld des Herrn S., soweit sie es nicht in festverzinslichen Papieren binden muss, in Wertpapierfonds an. Natürlich wählt sie die Fonds, die ihr die höchste Rendite bieten. Die Fondsverwalter legen das Geld der Versicherungen in Aktien an. Natürlich wählen sie die Aktien, die den höchsten Wertzuwachs versprechen. Ein Konkurrenzunternehmen des Konzerns, für den Herr S. arbeitet, erzielt mit einer neuen Produktionsmethode Kosteneinsparungen. Darauf steigt der Kurs seiner Aktien. Entsprechend sinkt der Kurs der Aktien des Konzerns, für den Herr S. arbeitet. Dadurch wird es für den Konzern schwieriger, zu günstigen Bankkrediten zu kommen. Um den Kurs seiner Aktien wieder zu steigern, beschließt die Konzernleitung, ein Zeichen zu setzen. An mehreren Produktionsstandorten wird die Produktion gestrafft und Personal eingespart. Zusammen mit 500 anderen Kollegen erhält Herr S. die Kündigung. Der Aktienkurs steigt wie erwartet. Die Fondsverwalter legen das Geld ihrer Kunden wieder in Aktien dieses Konzerns an. Am Jahresende erhält Herr S. einen Brief seiner Versicherung, in dem ihm stolz die Höhe seiner diesjährigen Gewinnbeteiligung mitgeteilt wird.