Solange mein Herz schlägt - Rike Thome - E-Book

Solange mein Herz schlägt E-Book

Rike Thome

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Beschreibung

Danielle hat von Kindesbeinen an das Gefühl, nur ein halber Mensch zu sein. Den Grund sieht sie darin, ohne Vater aufgewachsen zu sein. Doch erst nach dem Tod ihrer Mutter begibt sie sich auf eine abenteuerliche Suche nach ihm. Mit gerade einmal 70 Dollar, einigen Kleidungsstücken, einem verblichenen Foto des Mannes und einem Bündel Briefe ihrer Mutter an ihn, führt der Weg sie nach Las Vegas. Anstatt jedoch ihren Vater zu finden, trifft sie dort Michael, der sie von zwei üblen Kerlen rettet. Er nimmt sie bei sich auf und lässt sie bei sich wohnen. Mit der Zeit entsteht eine besondere Nähe, die sich wie eine Vater-Tochter-Beziehung anfühlt. Doch nach seinem plötzlichen Tod hält Danielle nichts mehr zurück. Sie will endlich ihren Erzeuger finden und ihn fragen, warum er sie allein gelassen hat. Dafür geht sie sogar das Risiko ein, dass der Mann, den sie am Ende findet, gar nicht ihr Vater ist. Welche Wahrheiten sich damit auftun, erahnt sie nicht.

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Rike Thome

Solange mein Herz schlägt

Liebesroman

Lieben Dank an Kathy für die Covergestaltung!BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1. Kapitel

 

Spät abends schlich sich Danielle in das Haus, in dem sie und ihre, erst kürzlich verstorbene Mutter eine kleine Wohnung mit drei Zimmern bewohnt hatten. Vor acht Tagen war Ireen Holling beerdigt worden.

Eine nicht erkannte Lungenentzündung hatte sie viel zu jung aus dem Leben gerissen und ein vierzehn-jähriges Mädchen allein zurückgelassen.

 

Während Danielle die Wohnung nach persönlichen Gegenständen absuchte, dachte sie zurück an die Zeit vor Ireens Tod. Ihre Mutter war so sehr auf der Suche nach einem Prinzen gewesen, dass sie ihre Tochter oftmals völlig vergaß. Wie oft war sie zum Spielen geschickt worden, während Ireen einen ihrer häufig wechselnden Traummänner empfing! Die alleinerziehende Mutter war immer auf der Suche gewesen, seit Danielle denken konnte. Letztendlich war sie jedoch nur an lauter Frösche geraten. Doch nun war ihre Mutter gestorben, ohne ihr großes Glück gefunden zu haben.

 

Die vielen Männerbekanntschaften hatten Danielle immer gestört. Heute jedoch, konnte sie ihre Mutter verstehen. Ireen Holling war viel zu hübsch und jung gewesen, um alleine zu bleiben. Dennoch fragte sie sich bitter, ob ihre Mutter jemals darüber nachgedacht hatte, wie sie sich dabei gefühlt haben musste.

Danielle kannte nicht einmal ihren Vater. Unzählige Male hatte sie nach ihm gefragt, doch außer Ausflüchten hatte sie keine vernünftige Antwort von ihrer Mutter bekommen.

„Das ist lange her, Danielle. Er hat nichts getaugt, also zerbrich dir über ihn nicht den Kopf. Er wollte weder dich noch mich!“, hatte Ireen ihn beschrieben.

„Aber Mom, ich will doch nur wissen, wie er heißt“, hatte Danielle sie angefleht.

„Nein und jetzt Schluss damit! Er ist für mich gestorben und sollte es auch für dich sein“, hatte ihre Mutter das Flehen ihres Kindes schließlich in entschiedenem Tonfall abgewehrt.

„Das ist nicht fair! Ich hab' ein Recht darauf, zu erfahren, wer mein Vater ist. Seit meiner Kindheit fühle ich mich nur als ein halber Mensch. Bitte! Nur seinen Namen. Ich will dich doch nicht verlassen, falls es das ist, was dir Sorgen macht“, hatte Danielle weiter gebettelt. Aber ihre Mutter war stur geblieben und hatte sie nur mit diesem verachtungsvollen Blick, den Danielle so gut kannte, angesehen. „Er war ein Nichtsnutz! Wir waren nur eine Nacht zusammen und das war´s. Ende der Geschichte.“

 

Auch wenn Danielle zu der Zeit erst neun Jahre alt war, hatte sie ihrer Mutter niemals geglaubt. Sie hatte den Schmerz in ihren Augen gesehen, wenn auch nur für einige Sekunden. Es war ihr aber immer klarer geworden, dass Ireen den Namen ihres Vaters niemals preisgeben würde. Also fand sie sich schweren Herzens damit ab. Das Gefühl, nicht vollkommen zu sein, jedoch blieb.

 

Am Todestag ihrer Mutter war eine Frau von der Jugendfürsorge gekommen und hatte sie mitgenommen. Danielle schauderte immer noch, wenn sie an dieses herzlose Monster dachte. „Komm Kleine! Hier kannst du nichts mehr tun. Lass den Bestatter seine Arbeit machen“, hatte die ältere Sozialarbeiterin herablassend gesagt und einen verächtlichen Blick auf den leblosen Körper ihrer Mutter geworfen. Danielle hätte sie am liebsten getreten, doch sie hatte viel zu viel Angst gehabt. Sie würde diese Frau stattdessen bis an das Ende ihres Lebens hassen.

Hilflos hatte sie sich gefragt, mit welchem Recht ihre Mutter wie ein Stück Dreck angesehen worden war. Ja, sie hatte Fehler gehabt. Dennoch konnte Danielle das nicht akzeptieren. Sie hatte ihre Mutter trotz allem geliebt, und sie wusste, dass auch sie von Ireen geliebt worden war.

Danielle atmete tief durch, als der Schmerz um den Verlust ihrer Mutter und des Vaters, den sie nie kennenlernen durfte, wieder hoch kamen. Jetzt war sie vierzehn Jahre und allein auf weiter Flur. Im Waisenhaus sollte sie sein. Glaubten die Heimleiter wirklich, dass sie es dort bis zur Volljährigkeit aushalten würde? Wie in einem Affenkäfig mit anderen Mädchen in ein Zimmer gesperrt zu werden? Danielle grinste grimmig. Nur eine Nacht hatte sie es dort ausgehalten.

 

Die Wohnung war glücklicherweise noch nicht aufgelöst worden. Danielle beglückwünschte sich selbst zu ihrem Schachzug, sich einen Nachschlüssel besorgt zu haben und untersuchte die oberen Schränke nach irgendetwas, was sie zu ihrem Vater führen würde.

Seit jener einzigen Nacht im Heim, versteckte sie sich tagsüber. Am Abend, wenn es dunkel wurde, schlich sie in die Wohnung und durchsuchte sie von oben bis unten. Ihr langes, blondes Haar hatte sie sich abschneiden lassen und braun gefärbt. Zudem trug sie eine Brille aus Fensterglas, um nicht erkannt zu werden. Ihre Freundin Lucy hatte ihr dabei geholfen, sich zu verstecken und ihr geschworen, dass sie Danielle nicht verriet. Und wenn auf jemanden Verlass war, dann war dies Lucy.

 

„Nanu, was ist denn das?“, fragte Danielle sich, als sie in der Rückwand des Kleiderschranks ein kleines Türchen entdeckte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, als sie diese öffnete. Vor sich hatte sie ein kleines Fach, aus dem sie schließlich ein Bündel Briefe hervor zog. Gespannt hielt sie den Atem an, als sie das rote Bändchen, das diese umschlang, aufzog. „Oh Mann! Das gibt’s doch nicht“, rief sie aus, als sie erkannte, dass es sich hierbei um Liebesbriefe handelte.

Schnell warf sie das Bündel in ihren Rucksack und stopfte noch einige Kleidungsstücke dazu. Dann verließ sie so geräuschlos die Wohnung, wie sie gekommen war. Danielle wusste nur zu gut, dass sie sich nicht zu lange darin aufhalten konnte. Es war zu gefährlich. Denn dort würde man die Ausreißerin am ehesten vermuten.

Sie lief zur nächsten U-Bahn-Station und fuhr einen Ort weiter. Dort würde sie die Briefe lesen und dann weiter ziehen. Nur weg von Zuhause, das nun nicht mehr länger ihre Heimat war.

„Leb' wohl, Mom!“, flüsterte sie.

 

 

 

 

2. Kapitel

  

„Warst du mit Daniel unterwegs?“

Samuel Sole kam gerade von seinem Freund, als er seinen Vater im Arbeitszimmer vorfand, dass zugleich auch als Wohnzimmer diente.

„Ja! Robert gab Daniel diese Unterlagen für dich mit. Es sind ein paar Änderungen, die er für die Green Mary von dir haben möchte.“

Don sah ihn schmunzelnd an. „So?“, fragte er. „Wenn Robert nicht so ein guter Freund von mir wäre, würde ich ihm in den Hintern treten. Er schafft es doch immer wieder, im letzten Moment noch Extrawünsche zu haben.“

Samuel lachte mit seinem Vater darüber, den er abgöttisch liebte. Don hatte ihn allein großziehen müssen, weil seine Mutter bei seiner Geburt gestorben war. Seitdem hatten sie nur noch einander. Es war nicht immer leicht, mit seinem Vater zu leben. Denn er erwartete von ihm gute Leistungen, sei es in der High-School, auf dem College oder auch in Zukunft auf der Werft. Es machte ihm aber nichts aus. Mit achtzehn hatte er schon die erste Bachelor-Stufe mit Bravour hinter sich gelassen und wollte selbst mehr.

 

Mit seinem Freund Daniel war Samuel sehr eng befreundet und hatten lange gemeinsam die High-School besucht. Doch weil Daniel vier Jahre jünger als er war, musste sein Freund noch ein bisschen warten, bis auch er aufs College konnte. Samuel war ihm aber um Einiges voraus. Sein Vater nannte ihn nicht umsonst "sein Wunderkind". Schon in der Schulzeit hatte er regen Anteil an seines Vaters Werft genommen. Der Bau von Schiffen und Yachten faszinierte ihn. Nun baute sein Vater schon die dritte Yacht für Daniels Vater Robert, die sich einander ebenso wie die Söhne, bereits seit der Schulzeit kannten. Beide stammten sie aus Ventura und konnten sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Hier waren sie einfach zuhause.

 

„Wie läuft es denn so in Roberts Hotels?“, wurde Samuel aus seinen Gedanken gerissen. Er antwortete: „Gut, glaube ich. Ich habe Daniel noch nicht klagen hören.“

Don musterte seinen Sohn von Kopf bis Fuß. „Du weißt, dass ich stolz auf dich bin, oder?“

Überrascht von dieser Frage meinte Samuel: „Natürlich, aber was soll diese Frage?“

Sein Vater grinste. „Du bist so fleißig! Glaub mir, du wirst noch keine dreißig sein, dann bist du Milliardär.“

 

Samuel verschluckte sich an seiner eigenen Spucke und musste husten. Keuchend antwortete er:

„Oh Mann, Dad! Warne mich vorher, eh' du so was vom Stapel lässt.“

Sein Vater lachte und klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn wir schon gerade dabei sind. Du bist jetzt achtzehn, das heißt…“ Nach kurzer Überlegung fuhr er fort: „…Spätestens in zwölf Jahren bist du ein gemachter Mann. Solange will ich aber nicht mehr auf eine Schwiegertochter und Enkelkinder warten müssen. Ich...“

Samuel schnappte nach Luft. Was war heute nur mir seinem Vater los?

„Nun mal langsam, Dad“, fiel er ihm ins Wort. „Jetzt sprichst du schon von Frau und Kinder. Ich bin doch noch viel zu jung für Ehe und Familie.“

Sein Vater winkte mit einer Handbewegung ab und sagte: „Ach Papperlapapp, ich war achtzehn, als du auf die Welt kamst. Und deine Großeltern haben mir geholfen, damit ich trotzdem mein Vermögen machen konnte.“

Samuel sah sich wieder gezwungen, ihn daran zu erinnern: „Ja, aber ich habe nur dich! Dass du mir hilfst, weiß ich. Aber ich möchte es aus eigener Kraft schaffen.“

„Schon gut, schon gut! Ich will damit ja auch nicht sagen, dass du dir jetzt eine Frau suchen sollst. Genieße noch deine Freiheit. Solltest du aber irgendwann bereit dazu sein, schau genau hin. Der Frau sollten nicht die Dollarzeichen im Auge stehen, sondern du, mein Sohn.“

 

Das Gespräch amüsierte Samuel. Er wusste, wie wichtig es seinem Vater war, dass er eine gute Frau fände, die ihn seinetwegen und nicht des Geldes wegen wollte.

„Schon klar, Dad! Wenn es soweit ist, bist du der Erste, der es erfährt“, scherzte er.

Sein Vater stand von seinem Schreibtisch auf, kam auf ihn zu und umarmte seinen Sohn. „Ich will nur, dass du glücklich bist“, meinte er.

„Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen, sobald ich die Frau meines Lebens gefunden habe. Denn auch ich möchte, dass du glücklich bist, Dad“, gab Samuel grinsend zur Antwort.

„Nichts da! Du sollst es nicht meinetwegen, sondern deinetwegen tun. Ach und noch etwas. Ich habe heute ein Date mit Maria. Also warte nicht auf mich“, ließ sein Vater ihn nun wissen und zwinkerte ihm schelmisch zu.

 

Dieser Gauner! Samuel vermutete schon seit Langem, dass zwischen seinem Vater und Maria, seiner Sekretärin, mehr lief. Warum auch nicht, dachte er mit einem leisen Schmunzeln. Sein Vater war ein gutaussehender, stattlicher Mann mittleren Alters und Maria eine süße Rothaarige. Er wünschte sich schon lange für ihn eine neue Romanze. Don hatte es sich verdient. Um allein zu bleiben, war sein Vater auch noch viel zu jung. Samuel hätte nichts dagegen, wenn sein Dad ein neues Glück finden würde. Sollte er ruhig eine neue Ehe eingehen. Er würde sich auf jeden Fall für ihn freuen. Und bis er selbst seine große Liebe fände, würde er es sich mit Daniel gutgehen lassen. Blieb also abzuwarten, wer der nächste Kandidat für den Traualtar sein würde.

 

***

 

Danielle befand sich auf dem Weg nach Las Vegas. Seit Wochen schon zog sie auf der Suche nach ihrem Vater umher. In den Briefen, die sie gefunden hatte, schrieb ihre Mutter oft: „Geliebter Robert“, oder „In Liebe, Ireen.“

Es waren Briefe an ihn, die nie abgeschickt worden. Immer wieder las sie darin Entschuldigungen für das Verhalten ihrer Mutter, und wie sehr diese ihn doch geliebt habe, niemals jedoch mit ihm hätte leben können. Doch das Warum fehlte.

 

Diese Briefe hütete sie nun wie einen Schatz. Sollte sie das Glück haben, ihren Vater zu finden, würde sie ihm diese aushändigen. Vorausgesetzt, er würde sich für die Vergangenheit interessieren. Erschöpft rieb sie sich die schmerzenden Schläfen. Meilenweit war sie getrampt oder schwarz mit allen möglichen Verkehrsmitteln gefahren, nur um hören zu müssen, dass sein Vorname nicht ausreichte, um ihn zu finden. Das Problem war, dass sie weder seinen Nachnamen noch sein Geburtsdatum kannte. Sie wusste nur, dass ihr Vater Robert hieß.

Eins machte sie auch noch stutzig. In all den Briefen wurde sie nie erwähnt. Und dies ließ den letzten Mut, ihn jemals zu finden und mit offenen Armen aufgenommen zu werden, zusätzlich sinken.

 

„Nicht aufgeben! Du hast nichts zu verlieren. Zeit hast du genug!“, ermutigte sie sich selbst.

Wie immer hielt sich Danielle auf der Zugtoilette versteckt und plante ihre nächsten Schritte. Vielleicht war ihr Vater ja ein Spieler, überlegte sie sich. Und wenn es so wäre, hätte sie in Las Vegas vielleicht mehr Glück. Noch eine halbe Stunde, dann war sie am Ziel. Schnell suchte sie ihr letztes Geld zusammen. Nur siebzig Dollar! Nicht viel, aber für ein paar Tage Essen und Trinken sollte es reichen. Schlafen würde sie irgendwo in leer stehenden Hütten oder auch mal im Freien. Hauptsache, sie musste nicht wieder ins Waisenhaus. Und so fuhr sie geistesabwesend ihrem nächsten Abenteuer entgegen.

 

„Schnapp sie dir! Die bringt uns viel Geld ein!“

Dieser Ausruf kam von einem schmierigen Kerl, der gemeinsam mit einem nicht minder gemeinen Typen auf der Jagd nach ihr war. Worauf hatte Danielle sich da nur eingelassen? Noch keine drei Stunden in Las Vegas, schon steckte sie in Schwierigkeiten.

Sie rannte so schnell wie ihre Beine sie tragen konnten. Ihr Herz raste vor Angst. Nur weg! Weg von diesen zwielichtigen Männern. Dabei war sie doch nur in irgendeinen Club geraten, wo sie den Gästen ein Foto hatte zeigen wollen.

 

Sie hatte es zwischen den Briefen ihrer Mutter gefunden. Ein gutaussehender Mann mit dunklem Haar und braunen Augen war darauf zu erkennen gewesen, und Danielle vermutete, dass dies ihr Vater sein könnte. Sie hatte sich sofort zu ihm hingezogen gefühlt.

Wie der Nichtsnutz, so wie von ihrer Mutter immer wieder geschildert, sah dieser nicht aus. Und irgendwie passte das auch gar nicht mit dem Kontext ihrer Briefe zusammen. Danielle wünschte sich nur, auf der richtigen Fährte zu sein - und den Mistkerlen hinter ihr zu entkommen! Diese waren noch immer hinter ihr her.

Sie hetzte durch die umliegenden Gassen und suchte nach einem Versteck. Ihre Schritte verlangsamten sich allmählich, und sie fühlte, wie ihr die Puste ausging. Ihr wollte das Herz stehenbleiben, als ein starker Arm sie umfasste.

Ein dumpfes "Hmpppfff" kam zwischen ihren Lippen hervor. Eine Männerhand hatte sich auf ihren Mund gelegt, um sie am Schreien zu hindern.

Verängstigt wollte sie sich losreißen, doch der Fremde hielt sie wie mit Eisenklammern umschlungen. Verzweifelt versuchte sie noch einmal, zu schreien.

„Pst! Keine Angst, Mädchen", flüsterte ihr eine Männerstimme beruhigend zu. „Ich will dir nichts Böses. Komm, wir müssen hier weg, eh' diese Kerle kommen!“

 

Der Fremde zog sie in einen offenen Hauseingang und schloss die Tür. Noch immer fühlte Danielle seine starken Finger auf ihrem Mund, und der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn. Im Hausflur sagte der Fremde zu ihr: „Hör zu, Mädchen! Versprich mir, nicht zu schreien. Dann lass' ich dich los. Ich bin keiner von denen, wirklich nicht! Diese Männer, die dich verfolgten, sind Zuhälter. Immer auf der Suche nach Frischfleisch. Ich will dir nur helfen. Also… wirst du ruhig sein?“

Er hatte eine freundliche Stimme, daher nickte Danielle. Und wie versprochen ließ er sie sofort los. Was er da gesagt hatte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Nicht auszudenken, was diese Männer mit ihr angestellt hätten. Dank ihrer Mutter und dem Leben auf der Straße war sie reifer und aufgeklärter, als so manch anderes Mädchen in ihrem Alter.

 

Als Danielle sich zu ihm umwandte, sah sie einen älteren, gut gekleideten Mann vor sich, der sie freundlich anlächelte. „Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe, Kleines! Aber wenn du geschrien hättest, wären diese Typen gekommen, und wir hätten beide nichts zu lachen gehabt.“

Dann führte er sie zu einer Wohnungstür, schloss auf und machte Licht. Danielle fasste Vertrauen, trat auf seine einladende Geste hinein und atmete erschöpft durch. „Danke! So wie es aussieht, haben Sie mich ja gerade noch rechtzeitig gerettet. Ich heiße Danielle.“

Dankbar streckte sie ihm ihre Hand entgegen, die dieser lächelnd ergriff. „Freut mich, dich kennen zu lernen, Danielle! Ich bin Michael! Michael Vollang, dreiundfünfzig Jahre alt, alleinstehend und wohne hier mit meiner Katze Molly.“

 

Es war eine gemütliche Wohnung. Sie wirkte freundlich und bunt. Nun sah sie auch die graue Katze, die auf der Couch lag und sie neugierig anstarrte. Als Danielle zu ihr ging, um sie am Köpfchen zu kraulen, blieb Molly ruhig liegen und ließ es sich schnurrend gefallen.

„Süße Katze!", wandte sie sich an ihren Retter. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll? Wissen Sie, ich bin auf der Suche nach meinem Dad. Nochmals vielen Dank!“

Schließlich erhob sie sich und wollte sich wieder auf den Weg machen. Doch Michael riet ihr davon ab. „Danielle, sie werden immer noch nach dir suchen!“, mahnte er besorgt. „Wenn du willst, kannst du hierbleiben. Ich könnte mir nicht verzeihen, wenn dir etwas zustieße. Ich habe auch etwas zu essen und zu trinken im Haus."

 

Er könnte die Wahrheit sagen, ging es ihr durch den Kopf. Außerdem war sie hundemüde und wusste zudem nicht einmal, wohin sie sonst gehen könnte. Weil dieser Michael anständig zu sein schien, gab sie nach und antwortete: „Ich habe wirklich Hunger und Durst. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bleibe ich gern.“

„Ganz und gar nicht. Ich freue mich auf Besuch. Davon bekomme ich zu wenig. Bitte setz' dich doch und nenne mich Michael. Wenn du willst, versuche ich dir zu helfen.“

 

Dies war der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft. Michael war nett und hilfsbereit, und es dauerte nicht lange, da hatte Danielle in ihm einen väterlichen Freund gefunden. Er nahm sie bei sich auf und bemühte sich rührend um sie. Sogar ein eigenes Zimmer stellte er ihr zur Verfügung und kümmerte sich darum, dass sie ihre Zukunft wieder in die Hand nehmen konnte.

Und damit fing ihr nächster Lebensabschnitt an. Sie ging wieder zur Schule, und sie wurde auch nicht mehr gesucht. Michael hatte alles für sie erledigt, sodass sie ganz legal bei ihm bleiben konnte. Als Gegenleistung hielt sie seine Wohnung sauber, kochte und wusch die Wäsche, während er zur Arbeit ging. Michael arbeitete an der Bar im 'Casino Royal'. Er war schon über fünfzig, somit sah er keine Verbesserungschancen mehr. Nicht in Las Vegas, wie er oft in resigniertem Tonfall zu ihr sagte.

 

Danielle liebte ihn wie den Vater, den sie nie hatte und blieb bei ihm, bis er irgendwann einfach einschlief und nicht mehr aufwachte. Der Arzt diagnostizierte einen Infarkt. Dieser Verlust schmerzte sie sehr. Auch seine Katze war schon lange gestorben, und Danielle war wieder allein. Doch Michael hatte glücklicherweise beizeiten vorgesorgt, sodass sie unbesorgt ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnte. Er hatte ihr seine Ersparnisse von viertausend Dollar hinterlassen und die kleine Eigentumswohnung auf sie überschrieben. Danielle sorgte dafür, dass er ein schönes Begräbnis bekam. Mehr als sechs Jahre hatte sie bei ihrem Gönner gelebt, doch ihren leiblichen Vater konnte sie nicht vergessen. Die Suche nach ihm war allerdings trotz Michaels Hilfe, im Sande verlaufen.

 

Danielle selbst arbeitete nun seit zwei Jahren im 'Casino Royal' in der Kasse. Michael hatte an ihrem achtzehnten Geburtstag seine Beziehungen spielen lassen, sodass sie von seinem Chef eingestellt worden war. Ihre Aufgabe war der Austausch von Bargeld gegen Jetons.

Mittlerweile war sie zu voller Schönheit erblüht, als wessen Michael sie oft bezeichnet hatte. Blonde Locken umrahmten ihr schmales Gesicht, aus dem blaue Augen hellwach ihre Umgebung betrachteten. Sie kleidete sich chic und elegant, jedoch nicht allzu teuer.