Soll und Haben - Gustav Freytag - E-Book

Soll und Haben E-Book

Gustav Freytag

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Beschreibung

Als lebhafte Schilderung des Bürgerlichen Realismus wurde dieser sechsbändige Roman zu einem der meistgelesenen Werke des 19. Jahrhundert. Lange Zeit als antisemitische Literatur abgetan, weiß man heute aus der Korrespondenz Freytags um seine Bemühungen zur Aussöhnung zwischen Deutschen Juden und Nicht-Juden Freytag trat dem 1890 gegründeten "Verein zur Abwehr des Antisemitismus" bei und bekämpfte offen den aufkommenden Antisemitismus. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 1428

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gustav Freytag

Soll und Haben

Vollständige Ausgabe in 6 Bänden

Gustav Freytag

Soll und Haben

Vollständige Ausgabe in 6 Bänden

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] 2. Auflage, ISBN 978-3-954181-37-7

null-papier.de/neu

Inhaltsverzeichnis

Ers­tes Buch

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

Zwei­tes Buch

1

2

3

4

5

6

7

8

9

0

Drit­tes Buch

1

2

3

4

5

6

7

8

Vier­tes Buch

1

2

3

4

5

6

Fünf­tes Buch

1

2

3

4

5

Sechs­tes Buch

1

2

3

4

5

6

7

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Ihr Jür­gen Schul­ze

99 Welt-Klas­si­ker

Der Tee der drei al­ten Da­men

Arme Leu­te und Der Dop­pel­gän­ger

Der Vam­pir

Der selt­sa­me Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Der Idi­ot

Jane Eyre

Effi Briest

Ma­da­me Bo­va­ry

Ili­as & Odys­see

Ge­schich­te des Gil Blas von San­til­la­na

und wei­te­re …

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Erstes Buch

1

Ostrau ist eine klei­ne Kreis­stadt un­weit der Oder, bis nach Po­len hin­ein be­rühmt durch ihr Gym­na­si­um und süße Pfef­fer­ku­chen, wel­che dort noch mit ei­ner Fül­le von un­ver­fälsch­tem Ho­nig ge­ba­cken wer­den. In die­sem alt­vä­te­rischen Orte leb­te vor ei­ner Rei­he von Jah­ren der kö­nig­li­che Kal­ku­la­tor Wohlf­art, der für sei­nen Kö­nig schwärm­te, sei­ne Mit­menschen -- mit Aus­nah­me von zwei Os­trau­er Spitz­bu­ben und ei­nem gro­ben Strumpf­wir­ker -- herz­lich lieb­te und in sei­ner sau­ren Amt­stä­tig­keit vie­le Ver­an­las­sung zu heim­li­cher Freu­de und zu de­mü­ti­gem Stol­ze fand. Er hat­te spät ge­hei­ra­tet, be­wohn­te mit sei­ner Frau ein klei­nes Haus und hielt den klei­nen Gar­ten ei­gen­hän­dig in Ord­nung. Lei­der blieb die­se glück­li­che Ehe durch meh­re­re Jah­re kin­der­los. End­lich be­gab es sich, daß die Frau Kal­ku­la­to­rin ihre weiß­baum­wol­le­ne Bett­gar­di­ne mit ei­ner brei­ten Krau­se und zwei großen Quas­ten ver­zier­te und un­ter der höchs­ten Bil­li­gung al­ler Freun­din­nen auf ei­ni­ge Wo­chen da­hin­ter ver­schwand, ge­ra­de nach­dem sie die letz­te Fal­te zu­recht­ge­stri­chen und sich über­zeugt hat­te, daß die Gar­di­ne von un­ta­del­haf­ter Wä­sche war. Hin­ter der wei­ßen Gar­di­ne wur­de der Held die­ser Er­zäh­lung ge­bo­ren.

An­ton war ein gu­tes Kind, das nach der An­sicht sei­ner Mut­ter vom ers­ten Tage sei­nes Le­bens die stau­nens­wer­tes­ten Ei­gen­schaf­ten zeig­te. Ab­ge­se­hen da­von, daß er sich lan­ge Zeit nicht ent­schlie­ßen konn­te, die Spei­sen mit der Höh­lung des Löf­fels zu fas­sen, son­dern hart­nä­ckig die An­sicht fest­hielt, daß der Griff dazu ge­eig­ne­ter sei, und ab­ge­se­hen da­von, daß er eine un­er­klär­li­che Vor­lie­be für die Trod­del auf dem schwar­zen Käpp­chen sei­nes Va­ters zeig­te und das Käpp­chen mit Hil­fe des Kin­der­mäd­chens alle Tage heim­lich vom Kopf des Va­ters ab­hob und ihm la­chend wie­der auf­setz­te, er­wies er sich auch bei wich­ti­ge­rer Ge­le­gen­heit als ein ein­zi­ges Kind, das noch nie da­ge­we­sen. Er war am Abend sehr schwie­rig ins Bett zu brin­gen und bat, wenn die Abend­glo­cke läu­te­te, manch­mal mit ge­fal­te­ten Hän­den, ihn noch her­um­lau­fen zu las­sen; er konn­te stun­den­lang vor sei­nem Bil­der­buch kau­ern und mit dem ro­ten Go­ckel­hahn auf der letz­ten Sei­te eine Un­ter­hal­tung füh­ren, worin er die­sen wie­der­holt sei­ner Lie­be ver­si­cher­te und drin­gend auf­for­der­te, sich nicht da­durch sei­ner klei­nen Fa­mi­lie zu ent­zie­hen, daß er sich vom Dienst­mäd­chen bra­ten lie­ße. Er lief zu­wei­len mit­ten im Kin­der­spiel aus dem Krei­se und setz­te sich ernst­haft in eine Stu­ben­e­cke, um nach­zu­den­ken. In der Re­gel war das Re­sul­tat sei­nes Den­kens, daß er für El­tern oder Ge­spie­len et­was her­vor­such­te, wo­von er an­nahm, daß es ih­nen lieb sein wür­de. Sei­ne größ­te Freu­de aber war, dem Va­ter ge­gen­über­zu­sit­zen, die Bein­chen über­ein­an­der­zu­le­gen, wie der Va­ter tat, und aus ei­nem Ho­lun­der­rohr zu rau­chen, wie sein Herr Va­ter aus ei­ner wirk­li­chen Pfei­fe zu tun pfleg­te. Dann ließ er sich al­ler­lei vom Va­ter er­zäh­len, oder er selbst er­zähl­te sei­ne Ge­schich­ten. Und das tat er, wie die Frau­en­welt von Ostrau ein­stim­mig ver­si­cher­te, mit so viel Gra­vi­tät und An­stand, daß er bis auf die blau­en Au­gen und sein blü­hen­des Kin­der­ge­sicht voll­kom­men aus­sah wie ein klei­ner Herr im Staats­dienst. Un­ar­tig war er so sel­ten, daß der Teil des weib­li­chen Ostrau, wel­cher ei­ner düs­te­ren Auf­fas­sung des Er­den­le­bens ge­neigt war, lan­ge zwei­fel­te, ob ein sol­ches Kind her­an­wach­sen kön­ne; bis An­ton end­lich ein­mal den Sohn des Lan­drats auf of­fe­ner Stra­ße durch­prü­gel­te und durch die­se Un­tat sei­ne Aus­sich­ten auf das Him­mel­reich in eine be­hag­li­che Fer­ne zu­rück­häm­mer­te. Kurz, er war ein so un­ge­wöhn­li­cher Kna­be, wie nur je das ein­zi­ge Kind warm­her­zi­ger El­tern ge­we­sen ist. Auch in der Bür­ger­schu­le und spä­ter im Gym­na­si­um wur­de er ein Mus­ter für an­de­re und ein Stolz sei­ner Fa­mi­lie. Und da der Zei­chen­leh­rer be­haup­te­te, An­ton müs­se Ma­ler wer­den, und der Or­di­na­ri­us von Ter­tia dem Va­ter riet, ihn Phi­lo­lo­gie stu­die­ren zu las­sen, so wäre der Kna­be sei­ner zahl­rei­chen An­la­gen we­gen wahr­schein­lich in die ge­wöhn­li­che Ge­fahr aus­ge­zeich­ne­ter Kin­der ge­kom­men, für kei­ne ein­zi­ge Tä­tig­keit den rech­ten Ernst zu fin­den, wenn nicht ein Zu­fall sei­nen Be­ruf be­stimmt hät­te.

An je­dem Weih­nachts­fest wur­de durch die Post eine Kis­te in das Haus des Kal­ku­la­tors be­för­dert, worin ein Hut des feins­ten Zuckers und ein großes Pa­ket Kaf­fee stan­den. Ge­wöhn­li­chen Zu­cker ließ der Haus­herr durch sei­ne Frau klein schla­gen, die­sen Zucker­hut zer­brach er selbst mit vie­lem Kraft­auf­wand in ei­ner fei­er­li­chen Hand­lung und freu­te sich über die vier­e­cki­gen Wür­fel, wel­che sei­ne Kunst her­vor­zu­brin­gen ver­moch­te. Der Kaf­fee da­ge­gen wur­de von der Frau Kal­ku­la­to­rin ei­gen­hän­dig ge­brannt, und sehr an­ge­nehm war das Selbst­ge­fühl, mit wel­chem der wür­di­ge Haus­herr die ers­te Tas­se die­ses Kaf­fees trank. Das wa­ren Stun­den, wo ein poe­ti­scher Duft, der so oft durch die See­len der Kin­der zieht, das gan­ze Haus er­füll­te. Der Va­ter er­zähl­te dann gern sei­nem Soh­ne die Ge­schich­te die­ser Sen­dun­gen. Vor vie­len Jah­ren hat­te der Kal­ku­la­tor in ei­nem be­stäub­ten Ak­ten­bün­del, das von den Ge­rich­ten und der Mensch­heit be­reits auf­ge­ge­ben war, ein Do­ku­ment ge­fun­den, worin ein großer Guts­be­sit­zer aus Po­sen er­klär­te, ei­nem be­kann­ten Han­dels­hau­se der Haupt­stadt meh­re­re tau­send Ta­ler zu schul­den. Of­fen­bar war der Schuld­schein in krie­ge­ri­scher und un­ge­setz­mä­ßi­ger Zeit in ein falsches Ak­ten­heft ver­legt wor­den. Er hat­te den Fund am ge­hö­ri­gen Orte an­ge­zeigt, und das Han­dels­haus war da­durch in den Stand ge­setzt wor­den, einen ver­zwei­fel­ten Rechtss­treit ge­gen die Er­ben des Schuld­ners zu ge­win­nen. Da­rauf hat­te der jun­ge Chef der Hand­lung sich an­ge­le­gent­lich nach dem Fin­der des Do­ku­ments er­kun­digt und dem­sel­ben einen ar­ti­gen Brief ge­schrie­ben, der Kal­ku­la­tor hat­te, wie sei­ne Art war, sehr be­stimmt al­len Dank ab­ge­lehnt, weil er nur sei­ne Amts­pflicht er­füllt habe. Von da ab er­schi­en an je­der Weih­nacht die er­wähn­te Sen­dung mit ei­nem kur­z­en herz­li­chen Begleit­schrei­ben und wur­de je­des­mal um­ge­hend durch ein kal­li­gra­phi­sches Kunst­werk des Kal­ku­la­tors er­wi­dert, worin die­ser un­er­müd­lich sei­ne Über­ra­schung über die un­er­war­te­te Sen­dung aus­drück­te und der Fir­ma zum neu­en Jahr aus vol­ler See­le Gu­tes wünsch­te. Selbst sei­ner Frau ge­gen­über be­han­del­te der Herr die Weih­nachts­sen­dung als einen Zu­fall, eine Klei­nig­keit, ein Nichts, wel­ches von der Lau­ne ei­nes Kom­mis der Fir­ma T. O. Schrö­ter ab­hän­ge, und je­des Jahr pro­tes­tier­te er eif­rig, wenn die Frau Kal­ku­la­to­rin die zu er­war­ten­de Kis­te bei ih­ren Wirt­schaftsplä­nen in Rech­nung brach­te. Aber im stil­len hing sei­ne See­le an die­sen Sen­dun­gen. Es wa­ren nicht die Pfun­de Raf­fi­na­de und Kuba, es war die Poe­sie die­ser ge­müt­li­chen Be­zie­hung zu ei­nem ganz frem­den Men­schen­le­ben, was ihn so glück­lich mach­te. Er hob alle Brie­fe der Fir­ma sorg­fäl­tig auf, wie die drei Lie­bes­brie­fe sei­ner Frau, ja er hef­te­te sie mit dem Ehr­wür­digs­ten, was er kann­te, mit schwarz und weißem Sei­den­fa­den, in ein klei­nes Ak­ten­bün­del; er wur­de ein Ken­ner von Ko­lo­ni­al­wa­ren, ein Kri­ti­ker, des­sen Ge­schmack von den Kauf­leu­ten in Ostrau höch­lich re­spek­tiert wur­de; er konn­te sich nicht ent­hal­ten, den bil­li­gen Me­lis­zu­cker und den Bra­sil­kaf­fee als un­ter­ge­ord­ne­te Er­zeug­nis­se der Schöp­fung mit ei­ner ent­schie­de­nen Ver­ach­tung zu be­han­deln; er fing an, sich für die Ge­schäf­te der großen Hand­lung zu in­ter­es­sie­ren, und stu­dier­te in den Zei­tun­gen re­gel­mä­ßig die Markt­prei­se von Zu­cker und Kaf­fee, wel­che mit merk­wür­di­gen und für Nicht­ein­ge­weih­te ganz un­ver­ständ­li­chen Be­mer­kun­gen hin­ter den po­li­ti­schen Nach­rich­ten stan­den; ja er spe­ku­lier­te in sei­ner See­le mit als As­so­cié sei­nes Freun­des, des großen Kauf­manns, er är­ger­te sich, wenn der Kaf­fee in den Zei­tun­gen flau­te, und war ver­gnügt, wenn der Zu­cker als an­ge­nehm no­tiert war.

Das war ein un­schein­ba­res, leich­tes Band, wel­ches den Haus­halt des Kal­ku­la­tors mit dem ge­schäft­li­chen Trei­ben der großen Welt ver­knüpf­te; und doch wur­de es für An­ton ein Leitseil, wo­durch sein gan­zes Le­ben Rich­tung er­hielt. Denn wenn der alte Herr am Abend in sei­nem Gar­ten saß, das Samt­käpp­chen in dem grau­en Haar und sei­ne Pfei­fe im Mun­de, dann ver­brei­te­te er sich gern mit lei­ser Sehn­sucht über die Vor­zü­ge ei­nes Ge­schäf­tes und frag­te dann scher­zend sei­nen Sohn, ob er auch Kauf­mann wer­den wol­le. Und in der See­le des Klei­nen schoß au­gen­blick­lich ein hüb­sches Bild zu­sam­men, wie die Strah­len bun­ter Glas­per­len im Ka­lei­do­skop, zu­sam­men­ge­setzt aus großen Zucker­hü­ten, Ro­si­nen und Man­deln und gol­de­nen Ap­fel­si­nen, aus dem freund­li­chen Lä­cheln sei­ner El­tern und all dem ge­heim­nis­vol­len Ent­zücken, wel­ches ihm selbst die an­kom­men­de Kis­te je be­rei­tet; bis er be­geis­tert aus­rief: »Ja, Va­ter, ich will!« -- Man sage nicht, daß un­ser Le­ben arm sei an poe­ti­schen Stim­mun­gen; noch be­herrscht die Zau­be­rin Poe­sie über­all das Trei­ben der Erd­ge­bo­re­nen. Aber ein je­der ach­te wohl dar­auf, wel­che Träu­me er im heim­lichs­ten Win­kel sei­ner See­le hegt, denn wenn sie erst groß ge­wach­sen sind, wer­den sie leicht sei­ne Her­ren, stren­ge Her­ren!

So leb­te die Fa­mi­lie still fort durch man­ches Jahr. An­ton wuchs her­an und lief mit sei­ner Bü­cher­map­pe durch alle Klas­sen des Gym­na­si­ums bis in die stol­ze Pri­ma. Wenn die Frau Kal­ku­la­to­rin ih­ren Mann bat, über An­tons Zu­kunft einen fes­ten Ent­schluß zu fas­sen, er­wi­der­te der Haus­herr mit ei­nem sie­ges­fro­hen Lä­cheln: »Der Ent­schluß ist ge­faßt, er will ja Kauf­mann wer­den. Erst muß er mit dem Gym­na­si­um fer­tig sein, dann steht ihm die gan­ze Welt of­fen.« Und dann tat der Kal­ku­la­tor, als ob das Abi­tu­ri­en­ten­zeug­nis ein Schlüs­sel zu al­len Ehren der Welt sei. Im ge­hei­men aber bang­te ihm ein we­nig da­vor, den Fa­mi­li­en­traum der Aus­füh­rung nä­her­zu­brin­gen.

Un­ter­des kam ein schwar­ze Tag, wo die Fens­ter­la­den des Hau­ses lan­ge ge­schlos­sen blie­ben, das Dienst­mäd­chen mit ro­ten Au­gen die Trep­pe auf und ab lief, der Arzt kam und den Kopf schüt­tel­te und der alte Herr am La­ger sei­ner Frau das Samt­käpp­chen in den ge­fal­te­ten Hän­den hielt, wäh­rend der Sohn schluch­zend vor dem Bet­te knie­te und sei­nen Lo­cken­kopf dar­auf leg­te, wel­chen die Hand der ster­ben­den Mut­ter noch zu strei­cheln ver­such­te. Drei Tage nach die­sem Mor­gen wur­de die Frau Kal­ku­la­to­rin be­gra­ben, und der alte Herr und An­ton sa­ßen am Abend nach dem Be­gräb­nis bleich und ein­sam ein­an­der ge­gen­über. An­ton schlich von Zeit zu Zeit hin­ter die Sta­chel­bee­ren, sich dort in der Stil­le aus­zu­wei­nen, und der alte Herr stand häu­fig von sei­nem Stuh­le auf und ging in die Schlaf­stu­be, wo die wei­ße Gar­di­ne mit den bei­den Quas­ten hing, und wein­te eben­falls. Der Jüng­ling er­hielt nach lan­gem Wei­nen die ro­ten Ba­cken wie­der, der alte Herr kam nicht wie­der zu Kräf­ten. Er klag­te über nichts, er rauch­te sei­ne Pfei­fe wie im­mer, er är­ger­te sich noch im­mer, wenn der Kaf­fee flau­te; aber es war kein rech­tes Rau­chen und auch kein rech­ter Är­ger mehr. Oft sah er sei­nen Sohn nach­denk­lich und trau­rig an, und der jun­ge Ge­sell konn­te nicht er­ra­ten, was den Va­ter so be­sorgt ma­che. Als der Va­ter aber an ei­nem Sonn­abend den Sohn wie­der ge­fragt hat­te, ob er noch Kauf­mann wer­den woll­te, und An­ton zum hun­derts­ten Male ver­si­chert hat­te, daß er ge­ra­de dies gern wol­le und nichts an­de­res, da stand der alte Herr ent­schlos­sen auf, rief das Dienst­mäd­chen und be­stell­te zum nächs­ten Mor­gen eine Fuh­re nach der Haupt­stadt. Er ge­stand dem fra­gen­den Sohn nicht, wes­halb er die un­er­hör­te Ex­pe­di­ti­on vor­nahm. Und er hat­te wohl Grund zum Schwei­gen, der arme alte Herr! Denn wenn er auch seit zwan­zig Jah­ren stolz ge­we­sen war auf sei­nen großen Han­dels­freund, so hat­te ihm doch im­mer der Mut ge­fehlt, selbst vor den Kauf­mann zu tre­ten und für sei­nen Sohn einen Platz im Kon­tor zu er­bit­ten. Sein Wunsch kam ihm sehr ver­we­gen vor und sei­ne An­sprü­che un­er­meß­lich ge­ring. Oft hat­te er sich’s vor­ge­nom­men, und stets hat­te er’s wie­der auf­ge­scho­ben, bis die Sor­ge um sei­nen Sohn grö­ßer wur­de als sei­ne Scheu.

Als er den Tag dar­auf sehr spät aus der Haupt­stadt zu­rück­kehr­te, war er in ganz an­de­rer Stim­mung, glück­li­cher als je nach dem Tode der Frau Kal­ku­la­to­rin. Er be­geis­ter­te sei­nen Sohn, der ihn in ah­nungs­vol­ler Span­nung er­war­te­te, durch sei­nen Be­richt von der un­glaub­li­chen An­nehm­lich­keit des großen Ge­schäf­tes und der Freund­lich­keit des großen Kauf­manns ge­gen ihn. Er war zu Mit­tag ge­la­den wor­den, er hat­te Kie­bit­zei­er ge­ges­sen, er hat­te grie­chi­schen Wein aus den Kel­lern sei­nes Freun­des ge­trun­ken, einen Wein, ge­gen wel­chen der bes­te Wein im Gast­hof zu Ostrau nichts­wür­di­ger Es­sig war; er hat­te das Ver­spre­chen er­hal­ten, daß sein Sohn nach Jah­res­frist in das Kon­tor ein­tre­ten kön­ne, und ei­ni­ge Wün­sche über die Vor­bil­dung, die da­für wün­schens­wert sei. Schon am nächs­ten Tage saß An­ton vor ei­nem großen Re­chen­buch und dis­po­nier­te mit un­be­schränk­ter Voll­macht über Hun­dert­tau­sen­de von Pfun­den Ster­ling, wel­che er bald in rhei­ni­sche Gul­den ver­wan­del­te, bald in Ham­bur­ger Mark Ban­ko um­setz­te, als bra­si­lia­ni­sche Mil­reis in die Welt flat­tern ließ und zu­letzt ru­hig in me­xi­ka­ni­schen Staats­pa­pie­ren an­leg­te, an de­nen er mit größ­ter Si­cher­heit alle mög­li­chen In­ter­es­sen bis zu zehn vom Hun­dert ab­zog. Hat­te er auf die­se Wei­se ein ko­los­sa­les Ver­mö­gen zu­sam­men­ge­scharrt, so ging er in den Gar­ten, ein klei­nes dünn­lei­bi­ges Buch in der Hand, wel­ches auf dem Ti­tel ver­sprach, ihn in vier Wo­chen zu ei­nem fer­ti­gen Eng­län­der zu ma­chen. Dort be­müh­te er sich zum Ent­set­zen der deut­schen Sper­lin­ge und Fin­ken, das A und an­de­re ehr­li­che Buch­sta­ben auf jede Wei­se aus­zu­spre­chen, wel­che dem Men­schen mög­lich ist, wenn er einen Buch­sta­ben an­ders aus­spricht, als sich mit der Na­tur und des­sen Cha­rak­ter ver­trägt.

So ging wie­der ein Jahr hin, An­ton war ge­ra­de acht­zehn Jah­re alt und hat­te sei­ne Abi­tu­ri­en­ten­prü­fung be­stan­den; da wur­den wie­der ein­mal an ei­nem Mor­gen die Fens­ter­la­den des Kal­ku­la­tors nicht zu ge­hö­ri­ger Zeit ge­öff­net, wie­der rann­te das Dienst­mäd­chen mit ver­wein­ten Au­gen durch das Haus, und wie­der schüt­tel­te die Nacht­lam­pe un­zu­frie­den und kum­mer­voll ihre feu­ri­ge Müt­ze. Dies­mal lag der alte Herr selbst im Bett, und An­ton saß vor ihm, bei­de Hän­de des Va­ters hal­tend. Der alte Herr aber ließ sich nicht fest­hal­ten, son­dern starb so ei­lig als mög­lich, nach­dem er sei­nen Sohn viel­mal ge­seg­net hat­te. Nach ei­ni­gen Ta­gen lau­ten Schmer­zes stand An­ton al­lein in der stil­len Woh­nung, eine Wai­se, im An­fang ei­nes neu­en Le­bens.

Der alte Herr war nicht um­sonst Kal­ku­la­tor ge­we­sen: sein Haus­halt war in mus­ter­haf­ter Ord­nung, sei­ne sehr ge­rin­ge Hin­ter­las­sen­schaft in der ge­hei­men Schub­la­de des Schreib­ti­sches war auf dem ge­hö­ri­gen Blatt Pa­pier zu Hel­ler und Pfen­nig auf­ge­zeich­net; al­les, was im letz­ten Jah­re durch das Dienst­mäd­chen zer­schla­gen oder ver­wüs­tet wor­den war, fand sich an der be­tref­fen­den Stel­le be­merkt und ab­ge­rech­net, über je­des war Dis­po­si­ti­on ge­trof­fen. Auch ein Brief an den Kauf­herrn fand sich vor, den der Ver­stor­be­ne noch in den letz­ten Ta­gen mit zit­tern­der Hand ge­schrie­ben hat­te: ein treu­er Haus­freund war zum Vor­mund An­tons be­stellt und mit dem Ver­kauf des Hau­ses und Gar­tens und sei­nes gan­zen In­halts be­auf­tragt, und An­ton trat, vier Wo­chen nach dem Tode des Va­ters, an ei­nem frü­hen Som­mer­mor­gen über die Schwel­le des vä­ter­li­chen Hau­ses, leg­te den Schlüs­sel des­sel­ben in die Hand des Vor­mun­des, übergab sein Ge­päck ei­nem Fuhr­mann und fuhr durch das Tor des Städt­chens auf die Haupt­stadt zu, den Brief sei­nes Va­ters an den Kauf­mann in der Ta­sche.

2

Schon welk­te das frisch­ge­mäh­te Wie­sen­gras in der Mit­tags­son­ne, als An­ton dem Nach­bar aus Ostrau, der ihn bis zur letz­ten Sta­ti­on vor der Haupt­stadt mit­ge­nom­men hat­te, die Hand schüt­tel­te und dann rüs­tig auf der Land­stra­ße vor­wärts schritt. Es war ein la­chen­der Som­mer­tag, auf den Wie­sen klirr­te die Sen­se des Schnit­ters am Wetz­stein, und oben in der Luft sang die un­er­müd­li­che Ler­che. Vor dem Wan­de­rer strich die Land­schaft in hü­gel­lo­ser Ebe­ne fort, am Ho­ri­zont hin­ter ihm er­hob sich der blaue Zug des Ge­bir­ges. Klei­ne Bä­che, von Er­len und Wei­den­grup­pen ein­ge­faßt, durch­ran­nen lus­tig die Land­schaft, je­der Bach bil­de­te ein Wie­sen­tal, das auf bei­den Sei­ten von üp­pi­gen Ge­trei­de­fel­dern be­grenzt wur­de. Von al­len Sei­ten stie­gen die hel­len Glock­en­tür­me der Kir­chen aus dem Bo­den auf, je­der als Mit­tel­punkt ei­ner Grup­pe von brau­nen und ro­ten Dä­chern, die mit ei­nem Kranz von Ge­hölz um­ge­ben wa­ren. Bei vie­len Dör­fern konn­te man an der statt­li­chen Bau­mal­lee und dem Dach ei­nes großen Ge­bäu­des den Rit­ter­sitz er­ken­nen, wel­cher ne­ben den Dorf­häu­sern lag, wie der Schä­fer­hund ne­ben der wol­li­gen Her­de.

An­ton eil­te vor­wärts, wie auf Sprung­fe­dern fort­ge­schnellt. Vor ihm lag die Zu­kunft, son­nig gleich der Flur, ein Le­ben voll strah­len­der Träu­me und grü­ner Hoff­nun­gen. Nach lan­ger Trau­er in der en­gen Stu­be poch­te heut sein Herz zum ers­ten­mal wie­der in kräf­ti­gen Schlä­gen; in der Fül­le der Ju­gend­kraft strahl­te sein Auge und lach­te sein Mund. Al­les um ihn glänz­te, duf­te­te, wog­te wie in elek­tri­schem Feu­er, in lan­gen Zü­gen trank er den be­rau­schen­den Wohl­ge­ruch, der aus der blü­hen­den Erde auf­stieg. Wo er einen Schnit­ter im Fel­de traf, rief er ihm zu, daß heut ein gu­ter Tag sei, und einen gu­ten Tag rief je­der Mund dem schmu­cken Jüng­ling zu­rück. Im Ge­trei­de­fel­de neig­ten sich die Ähren am schwan­ken Stiel auf ihn zu, sie nick­ten und grüß­ten, und in ih­rem Schat­ten schwirr­ten un­zäh­li­ge Gril­len ih­ren Ge­sang: »Lus­tig, lus­tig im Son­nen­schein!« Auf der Wei­de saß ein Volk Sper­lin­ge, die klei­nen Baro­ne des Fel­des flüch­te­ten nicht, als er vor dem Stamm ste­hen­blieb, ja sie beug­ten die Häl­se her­un­ter und schri­en ihn an: »Gu­ten Tag, Wan­ders­mann, wo­hin, wo­hin?« Und An­ton sag­te lei­se: »Nach der großen Stadt, in das Le­ben.«

»Gu­tes Glück«, schri­en die Sper­lin­ge, »frisch vor­wärts!«

An­ton durch­schnitt auf dem Fuß­pfad einen Wie­sen­grund, ging über eine Brücke und sah sich in ei­nem Wäld­chen mit gu­ter­hal­te­nen Kies­we­gen. Im­mer mehr nahm das Ge­büsch den Cha­rak­ter ei­nes ge­pfleg­ten Gar­tens an, der Wan­de­rer bog um ei­ni­ge alte Bäu­me und stand vor ei­nem großen Ra­sen­platz. Hin­ter die­sem er­hob sich ein Her­ren­haus mit zwei Türm­chen in den Ecken und ei­nem Bal­kon. Wer auf dem Bal­kon stand, konn­te über den Gras­p­latz hin­über durch eine Öff­nung in den Baum­grup­pen die schöns­ten Um­ris­se des fer­nen Ge­bir­ges se­hen. An den Türm­chen lie­fen Klet­ter­ro­sen und wil­der Wein in die Höhe, und un­ter dem Bal­kon öff­ne­te sich gast­lich eine Hal­le, wel­che mit blü­hen­den Sträu­chern aus­ge­schmückt war. Es war kein prun­ken­der Land­sitz, und es gab vie­le grö­ße­re und schö­ne­re in der Um­ge­gend; aber es war doch ein statt­li­cher An­blick, sehr im­po­nie­rend für An­ton, der, in ei­ner klei­nen Stadt auf­ge­wach­sen, nur sel­ten den be­hag­li­chen Wohl­stand ei­nes Guts­be­sit­zers in der Nähe ge­se­hen hat­te. Al­les er­schi­en ihm sehr präch­tig und groß­ar­tig! Die zier­lich ge­form­ten Blu­men­bee­te in dem ge­scho­re­nen Samt des Ra­sens, die bun­ten Grup­pen der Glas­haus­pflan­zen, der fröh­li­che Schmuck, den die Hand des Gärt­ners um das Her­ren­haus her­um an­ge­bracht hat­te, das al­les sah ihm in dem rei­nen Lich­te und der Ruhe des Son­nen­ta­ges aus wie ein Bild aus fer­nem Lan­de. Der glück­li­che Jüng­ling ge­riet in ein so träu­me­ri­sches Ent­zücken, daß er sich in den Schat­ten ei­nes großen Flie­der­strau­ches am Wege setz­te und hin­ter dem Busch ver­bor­gen lan­ge Zeit auf das an­mu­ti­ge Bild hin­starr­te. Wie glück­lich muß­ten die Men­schen sein, wel­che hier wohn­ten, wie vor­nehm und wie edel! Auf die­ser Sei­te schö­ne Blü­ten und große Bäu­me, auf der an­dern Sei­te wahr­schein­lich ein wei­ter Ho­fraum mit Scheu­ern und Stäl­len, vie­le Pfer­de dar­in, große Rin­der und un­zäh­li­ge fein­wol­li­ge Scha­fe. Denn schon vor dem Ein­tritt in den Park hat­te An­ton auf ein­ge­heg­tem Wie­sen­raum eine An­zahl Fül­len ge­se­hen und ihre lus­ti­gen Sprün­ge be­ob­ach­tet. Der Re­spekt vor al­lem, was statt­lich, si­cher und mit Selbst­ge­fühl in der Welt auf­tritt, war ihm, dem ar­men Sohn des Kal­ku­la­tors, an­ge­bo­ren, und wenn er jetzt in der rei­nen Freu­de über die Pracht, wel­che ihn um­gab, an sich selbst dach­te, er­schi­en er sich als höchst un­be­deu­tend, als gar nicht der Rede wert, als eine Art ge­sell­schaft­li­cher Däum­ling, win­zig, kaum sicht­bar im Gra­se. Un­will­kür­lich fuhr er in die Rock­ta­sche, sei­ne Hand­schu­he her­aus­zu­ho­len. Sie wa­ren von gel­bem Zwirn, und noch sei­ne gute Mut­ter hat­te ge­sagt, sie sä­hen ganz aus wie sei­de­ne, und sei­de­ne Hand­schu­he gal­ten in Ostrau für den höchs­ten Lu­xus. Der arme Jun­ge zog mit ih­nen die Über­zeu­gung an, daß er durch sie sei­ner jet­zi­gen Um­ge­bung doch um ei­ni­ge Gran wür­di­ger wer­de.

Lan­ge saß er in der Ein­sam­keit; end­lich kam Be­we­gung in das stil­le Bild. Auf den Bal­kon des Hau­ses trat durch die ge­öff­ne­te Tür eine zier­li­che Frau­en­ge­stalt im hel­len Som­mer­klei­de mit wei­ten Spit­zen­är­meln und ei­ner lie­bens­wür­di­gen Fri­sur, wie sie An­ton von al­ten Ro­ko­ko­bil­dern her kann­te; er konn­te deut­lich die fei­nen Züge ih­res Ge­sichts er­ken­nen und den kla­ren Blick des Au­ges, wel­ches auf dem Ra­sen­platz un­ter ih­ren Fü­ßen ruh­te. Die Dame stand auf das Ge­län­der ge­stützt, be­we­gungs­los wie eine Sta­tue, und An­ton sah ehr­er­bie­tig zu ihr auf. End­lich flog aus der of­fe­nen Tür hin­ter der Dame ein bun­ter Pa­pa­gei, setz­te sich auf ihre Hand und ließ sich von ihr lieb­ko­sen. Dies glän­zen­de Tier stei­ger­te An­tons Be­wun­de­rung. Und als dem Pa­pa­gei ein fast er­wach­se­nes Mäd­chen folg­te, wel­ches schmei­chelnd den Hals der schö­nen Frau um­schlang, und als die Dame zärt­lich die Wan­ge des Mäd­chens an die ihre drück­te und als der Pa­pa­gei auf die Köp­fe der bei­den Da­men flog und laut schrei­end von ei­ner Schul­ter zur an­dern sprang, da wur­de das Ge­fühl der Ver­eh­rung in An­ton so leb­haft, daß er vor in­ne­rer Auf­re­gung er­rö­te­te und sich tiefer in den Schat­ten des Ge­bü­sches zu­rück­zog.

Er dach­te an die bei­den schö­nen Frau­en­ge­stal­ten auf dem Bal­kon und ging mit elas­ti­schem Schritt wie ei­ner, dem et­was Fröh­li­ches be­geg­net ist, den brei­ten Weg zu­rück, um einen Aus­gang aus dem Gar­ten zu fin­den. Da hör­te er hin­ter sich das Schnau­ben ei­nes Pfer­des. Auf ei­nem schwar­zen Pony kam die jün­ge­re der bei­den Da­men in sei­nem Wege ge­rit­ten, die schlan­ke Ge­stalt saß si­cher auf dem Pfer­de und ge­brauch­te einen Son­nen­schirm als Reit­ger­te. Die Da­men­welt von Ostrau hat­te nicht die Ge­wohn­heit, auf klei­nen Pfer­den um­her­zu­rei­ten. Nur ein­mal hat­te An­ton eine Kun­strei­te­rin ge­se­hen mit sehr ro­ten Wan­gen und ei­nem lan­gen ro­ten Klei­de, wel­che, be­glei­tet von ei­nem großen schwarz­bär­ti­gen Herrn, hin­ter dem lus­ti­gen Ba­jaz­zo durch die Stra­ßen ritt und an je­der Stra­ßen­e­cke an­hielt, wo ihr Pferd einen Sprung mach­te und Ba­jaz­zo un­er­hört lä­cher­li­che Wor­te zu der ver­sam­mel­ten Ju­gend sprach. Schon da­mals hat­te er mit un­säg­li­cher Be­wun­de­rung die schö­ne Rei­te­rin be­trach­tet, und jetzt war er ganz der Mann, das­sel­be Ge­fühl wo­mög­lich in stär­ke­rem Gra­de zu emp­fin­den. Er blieb ste­hen und mach­te der Rei­te­rin eine ehr­furchts­vol­le Ver­beu­gung. Die­se er­wi­der­te die Hul­di­gung mit gra­zi­ösem Kopf­ni­cken, wor­auf sie plötz­lich ihr Pferd an­hielt und freund­lich frag­te: »Su­chen Sie je­mand hier? Vi­el­leicht wün­schen Sie mei­nen Va­ter zu spre­chen?«

»Ich bit­te um Ver­zei­hung«, sag­te An­ton mit tiefs­ter Ehr­er­bie­tung. »Wahr­schein­lich bin ich auf ei­nem Wege, der Frem­den nicht er­laubt ist. Ich kam den Fuß­steig über die Wie­sen und sah kein Tor und kei­nen Zaun.«

»Das Tor ist auf der Brücke, es steht am Tage of­fen«, be­lehr­te das Fräu­lein, gnä­dig auf An­ton se­hend; denn da Ehr­furcht nicht ge­ra­de das ge­wöhn­li­che Ge­fühl ist, wel­ches vier­zehn­jäh­ri­ge Fräu­lein ein­flö­ßen, so war ihr die mas­sen­haf­te An­häu­fung die­ser Emp­fin­dung au­ßer­or­dent­lich wohl­tu­end.

»Da Sie im Gar­ten sind, wol­len Sie sich nicht dar­in um­se­hen? Es wird uns freu­en, wenn er Ih­nen ge­fällt«, füg­te sie mit Wür­de hin­zu.

»Ich habe mir die Frei­heit ge­nom­men«, er­wi­der­te An­ton wie­der mit ei­ner Ver­beu­gung, »ich war bis dort oben am Ra­sen­platz vor dem Schloß. Er ist präch­tig!« rief der ehr­li­che Jun­ge be­geis­tert aus.

»Ja«, sag­te die Dame, im­mer noch den Pony an­hal­tend, »Mama hat selbst dem Gärt­ner al­les an­ge­ge­ben.«

»Also die gnä­di­ge Frau, wel­che vor­hin auf dem Bal­kon stand, ist Ihre Frau Mut­ter?« frag­te An­ton schüch­tern.

»Ah! Sie ha­ben uns be­lauscht«, rief die Klei­ne und sah ihn vor­nehm an. »Wis­sen Sie, daß das nicht hübsch war?«

»Sei­en Sie mir des­halb nicht böse«, bat An­ton de­mü­tig. »Ich trat so­gleich zu­rück, aber es sah wun­der­schön aus. Die bei­den Da­men ne­ben­ein­an­der, die Bü­schel blü­hen­der Ro­sen und das za­cki­ge Wein­laub um Sie her­um. Ich wer­de das nicht ver­ges­sen«, füg­te er ernst­haft hin­zu.

›Er ist al­ler­liebst!‹ dach­te das Fräu­lein. »Da Sie so viel von un­serm Gar­ten ge­se­hen ha­ben«, sag­te sie her­ab­las­send, »so müs­sen Sie auch auf die Punk­te ge­hen, wo Aus­sich­ten sind. Ich rei­te da­hin -- wenn Sie mir fol­gen wol­len.«

An­ton folg­te in der glück­lichs­ten Stim­mung. Das Fräu­lein re­de­te ih­rem Pfer­de zu, im Schritt zu ge­hen, und mach­te den Er­klä­rer. Sie zeig­te ihm große Baum­grup­pen und freund­li­che Aus­sich­ten auf die Land­schaft, leg­te da­bei einen Teil ih­rer Ma­je­stät ab und wur­de ge­sprä­chig. Bald plau­der­ten bei­de so un­ge­zwun­gen wie alte Be­kann­te. End­lich stieg das Fräu­lein ab, als ihr ei­ni­ge Stu­fen eine schick­li­che Ver­an­las­sung ga­ben, und führ­te das Pferd am Zü­gel; dar­auf wag­te An­ton den Hals des Schwar­zen zu strei­cheln, was der Pony wohl­wol­lend auf­nahm und sei­ner­seits dem Fremd­ling die Rock­ta­schen beroch.

»Er hat Zu­trau­en zu Ih­nen«, sag­te das Fräu­lein, »er ist ein klu­ges Tier.« Sie warf ihm die Zü­gel über den Kopf und gab ihm einen Schlag, wor­auf der Pony in kur­z­en Sprün­gen da­von­rann­te. »Wir kom­men in den Blu­men­gar­ten, da darf er nicht hin­ein; er läuft zum Stall zu­rück; er ist’s ge­wöhnt.«

»Die­ser Pony ist ein Wun­der von ei­nem Pfer­de«, rief ihm An­ton nach.

»Ich bin sein Lieb­ling«, sag­te das Fräu­lein bei­stim­mend, »er folgt mir aufs Wort.« An­ton fand die An­häng­lich­keit des Pony na­tür­lich, setz­te die­sel­be Emp­fin­dung beim Pa­pa­gei vor­aus und war ge­neigt zu be­haup­ten, daß alle üb­ri­ge Krea­tur der Erde eine ähn­li­che Stim­mung ge­gen sei­ne Füh­re­rin ha­ben müs­se.

»Ich den­ke, Sie sind von Fa­mi­lie«, frag­te die jun­ge Dame plötz­lich, stemm­te ih­ren Schirm ge­gen einen Bau­mast und sah An­ton mit alt­klu­gem Blick an.

»Nein«, sag­te der Sohn des Kal­ku­la­tors trau­rig, »mein Va­ter starb vor vier Wo­chen, es ist ein Jahr, daß mei­ne gute Mut­ter tot ist, ich bin al­lein, ich gehe nach der Haupt­stadt.« Sei­ne Lip­pen zuck­ten bei der Erin­ne­rung an den jüngs­ten Ver­lust.

Er­schro­cken sah das Fräu­lein den Schmerz im Ge­sicht des Frem­den. »Sie ar­mer, ar­mer Herr!« rief sie ge­rührt und ver­le­gen. »Kom­men Sie schnell, ich will Ih­nen noch et­was zei­gen. Hier sind die Früh­bee­te; hier ist das Beet mit Erd­bee­ren, es sind noch ei­ni­ge dar­in. -- Franz, brin­gen Sie den Tel­ler mit Bee­ren«, rief sie dem Gärt­ner zu. Franz eil­te da­mit her­bei. Eif­rig er­griff das Fräu­lein den Tel­ler und bot die Bee­ren un­serm Hel­den mit gü­ti­gem Lä­cheln: »Hier, mein Herr! Ha­ben Sie die Güte, dies von mir an­zu­neh­men. Vom Hau­se mei­nes Va­ters darf kein Gast schei­den, ohne von dem Bes­ten zu kos­ten, das uns die Jah­res­zeit gibt. Bit­te, neh­men Sie«, bat sie drin­gend.

An­ton hielt den Tel­ler in der Hand und sah aus feuch­ten Au­gen herz­lich nach der jun­gen Dame.

»Ich esse mit Ih­nen«, sag­te das Fräu­lein und faß­te zwei Bee­ren. Da­rauf leer­te An­ton ge­hor­sam den Tel­ler.

»Jetzt füh­re ich Sie noch aus dem Gar­ten«, sprach die Dame. Der Gärt­ner öff­ne­te re­spekt­voll eine klei­ne Sei­ten­tür, und das Fräu­lein ge­lei­te­te den Rei­sen­den bis an einen Teich, auf dem alte und jun­ge Schwä­ne schwam­men.

»Sie kom­men her­an«, rief An­ton freu­dig.

»Sie wis­sen, daß ich et­was für sie in der Ta­sche habe«, sag­te sei­ne Beglei­te­rin und lös­te die Ket­te ei­nes Kahns. »Stei­gen Sie ein, mein Herr, ich fah­re Sie hin­über, dort drü­ben ist Ihr Weg.«

»Ich darf Sie nicht so be­mü­hen«, sag­te An­ton und zau­der­te ein­zu­tre­ten.

»Ohne Wi­der­spruch«, be­fahl das Fräu­lein, »es ge­schieht gern.« Sie setz­te sich auf die Steu­er­bank und drück­te das Was­ser mit dem leich­ten Ru­der ge­schickt hin­ter den Kahn. So fuhr sie lang­sam über den Teich, die Schwä­ne zo­gen ihr nach, sie hielt von Zeit zu Zeit an und warf ih­nen Bis­sen zu.

An­ton saß ihr se­lig ge­gen­über. Er war wie ver­zau­bert. Im Hin­ter­grund das dunkle Grün der Bäu­me, um ihn die kla­re Flut, wel­che lei­se an dem Schna­bel des Kahns rausch­te, ihm ge­gen­über die schlan­ke Ge­stalt der Schif­fe­rin, ge­rötet durch ein lieb­li­ches Lä­cheln, und hin­ter ih­nen her das Volk der Schwä­ne, das wei­ße Ge­fol­ge der Her­rin die­ser Flut. Es war ein Traum, so lieb­lich, wie ihn nur die Ju­gend träumt.

Der Kahn stieß an das Ufer, An­ton stieg her­aus und rief: »Le­ben Sie wohl!«, und un­will­kür­lich streck­te er ihr die Hand ent­ge­gen. »Le­ben Sie wohl«, sag­te die Klei­ne und be­rühr­te sei­ne Hand mit den Fin­ger­spit­zen. Sie wand­te den Kahn und fuhr lang­sam zu­rück. An­ton sprang über den Ra­sen bis auf den er­höh­ten Weg und sah von dort auf das Was­ser. Der Kahn lan­de­te an ei­ner Baum­grup­pe, das Fräu­lein wand­te sich noch ein­mal nach ihm um, dann ver­schwand sie hin­ter den Bäu­men. Durch eine Öff­nung des Par­kes sah An­ton das Schloß vor sich lie­gen, hoch und vor­nehm rag­te es über die Ebe­ne. Lus­tig flat­ter­te die Fah­ne auf dem Türm­chen, und kräf­tig glänz­te im Son­nen­schein das Grün der Sch­ling­pflan­zen, wel­che den brau­nen Stein der Mau­ern über­zo­gen.

»So fest, so edel!« sag­te An­ton vor sich hin.

»Wenn du die­sem Baron auf­zählst hun­dert­tau­send Ta­ler­stücke, wird er dir doch nicht ge­ben sein Gut, was er ge­erbt von sei­nem Va­ter«, sprach eine schar­fe Stim­me hin­ter An­tons Rücken. Die­ser wand­te sich zor­nig um, das Zau­ber­bild ver­schwand, er stand in dem Stau­be der großen Land­stra­ße. Ne­ben ihm lehn­te an ei­nem Wei­den­stamm ein jun­ger Bur­sche in ärm­li­chem Auf­zu­ge, wel­cher ein klei­nes Bün­del un­ter dem Arme hielt und mit ru­hi­ger Un­ver­schämt­heit un­sern Hel­den an­starr­te.

»Bist du’s, Vei­tel It­zig!« rief An­ton, ohne große Freu­de über die Zu­sam­men­kunft zu ver­ra­ten. Jun­ker It­zig war kei­ne auf­fal­lend schö­ne Er­schei­nung; ha­ger, bleich, mit röt­li­chem krau­sem Haar, in ei­ner al­ten Ja­cke und de­fek­ten Bein­klei­dern sah er so aus, daß er ei­nem Gen­darmen un­gleich in­ter­essan­ter sein muß­te als an­dern Rei­sen­den. Er war aus Ostrau, ein Ka­me­rad An­tons von der Bür­ger­schu­le her. An­ton hat­te in frü­he­rer Zeit Ge­le­gen­heit ge­habt, durch tap­fern Ge­brauch sei­ner Zun­ge und sei­ner klei­nen Fäus­te den Ju­den­kna­ben vor Miß­hand­lun­gen mut­wil­li­ger Schü­ler zu be­wah­ren und sich das Selbst­ge­fühl ei­nes Be­schüt­zers der un­ter­drück­ten Un­schuld zu ver­schaf­fen. Na­ment­lich ein­mal in ei­ner düs­tern Schul­sze­ne, in wel­cher ein Knack­würst­chen be­nutzt wur­de, um ver­zwei­fel­te Emp­fin­dun­gen in It­zig her­vor­zu­ru­fen, hat­te An­ton so wa­cker für It­zig plä­diert, daß er selbst ein Loch im Kop­fe da­von­trug, wäh­rend sei­ne Geg­ner wei­nend und blut­rüns­tig hin­ter die Kir­che rann­ten und selbst die Knack­wurst aufa­ßen. Seit die­sem Tage hat­te It­zig eine ge­wis­se An­häng­lich­keit an An­ton ge­zeigt, wel­che er da­durch be­wies, daß er sich bei schwe­ren Auf­ga­ben von sei­nem Be­schüt­zer hel­fen ließ und ge­le­gent­lich ein Stück von An­tons But­ter­sem­mel zu er­obern wuß­te; An­ton aber hat­te den un­lie­bens­wür­di­gen Bur­schen gern ge­dul­det, weil ihm wohl­tat, einen Schütz­ling zu ha­ben, wenn die­ser auch im Ver­dacht stand, Schreib­fe­dern zu mau­sen und spä­ter an Be­gü­ter­te wie­der zu ver­kau­fen. In den letz­ten Jah­ren hat­ten die jun­gen Leu­te ein­an­der we­nig ge­se­hen, ge­ra­de so oft, daß It­zig Ge­le­gen­heit er­hielt, die ver­trau­li­chen For­men des Schul­ver­kehrs durch ge­le­gent­li­che An­re­den und klei­ne Spöt­te­rei­en auf­zu­fri­schen.

»Die Leu­te sa­gen, daß du gehst nach der großen Stadt, um zu ler­nen das Ge­schäft«, fuhr Vei­tel fort. »Du wirst ler­nen, wie man Tü­ten dreht und Sirup ver­kauft an die al­ten Wei­ber; ich gehe auch nach der Stadt, ich will ma­chen mein Glück.«

An­ton ant­wor­te­te, un­wil­lig über die fre­che Rede und über das ver­trau­li­che Du, das der Ka­me­rad aus der Ele­men­tar­schu­le im­mer noch ge­gen ihn wag­te: »So gehe dei­nem Glück nach und hal­te dich nicht bei mir auf.«

»Es hat kei­ne Eil’«, ent­geg­ne­te Vei­tel nach­läs­sig, »ich will war­ten, bis auch du gehst, wenn dir mei­ne Klei­der nicht sind zu schlecht.« Die­se Be­ru­fung auf An­tons Hu­ma­ni­tät hat­te die Fol­ge, daß An­ton sich schwei­gend die Ge­gen­wart des un­will­kom­me­nen Ge­fähr­ten ge­fal­len ließ. Er warf noch einen Blick nach dem Schlos­se und schritt dann stumm auf der Land­stra­ße fort, It­zig im­mer einen hal­b­en Schritt hin­ter ihm. End­lich wand­te sich An­ton um und frag­te nach dem Ei­gen­tü­mer des Schlos­ses.

Wenn Vei­tel It­zig nicht ein Haus­freund des Guts­be­sit­zers war, so muß­te er doch zum we­nigs­ten ein ver­trau­ter Freund sei­nes Pfer­de­jun­gen sein; denn er war be­kannt mit vie­len Ver­hält­nis­sen des Frei­herrn, der in dem Schlos­se wohn­te. Er be­rich­te­te, daß der Baron nur zwei Kin­der habe, da­ge­gen eine aus­ge­zeich­ne­te Schaf­her­de auf ei­nem großen schul­den­frei­en Gut. Der Sohn sei aus­wärts auf ei­ner Schu­le. Als An­ton mit leb­haf­tem In­ter­es­se zu­hör­te und dies durch sei­ne Fra­gen ver­riet, sag­te It­zig end­lich: »Wenn du willst ha­ben das Gut von die­sem Baron, ich will dir’s kau­fen.«

»Ich dan­ke«, ant­wor­te­te An­ton kalt. »Er wür­de es nicht ver­kau­fen, hast du mir eben ge­sagt.«

»Wenn ei­ner nicht will ver­kau­fen, muß man ihn dazu zwin­gen«, rief It­zig.

»Du bist der Mann dazu«, sprach An­ton.

»Ob ich bin der Mann oder ob es ist ein an­de­rer: es ist doch zu ma­chen, daß man kauft von je­dem Men­schen, was er hat. Es gibt ein Re­zept, durch das man kann zwin­gen einen je­den, von dem man et­was will, auch wenn er nicht will.«

»Muß man ihm einen Trank ein­ge­ben«, frag­te An­ton mit Ver­ach­tung, »oder ein Zau­ber­kraut?«

»Tau­send­gül­den­kraut heißt das Kraut, wo­mit man vie­les kann ma­chen in der Welt«, er­wi­der­te Vei­tel, »aber wie man es muß ma­chen, daß man auch als klei­ner Mann krie­gen kann so ein Gut wie des Barons Gut, das ist ein Ge­heim­nis, wel­ches nur we­ni­ge ha­ben. Wer das Ge­heim­nis hat, wird ein großer Mann wie der Roth­schild, wenn er lan­ge ge­nug am Le­ben bleibt.«

»Wenn er nicht vor­her fest­ge­setzt wird«, warf An­ton ein.

»Nichts ein­ge­steckt!« ant­wor­te­te Vei­tel. »Wenn ich nach der Stadt gehe zu ler­nen, so gehe ich zu su­chen die Wis­sen­schaft, sie steht auf Pa­pie­ren ge­schrie­ben. Wer die Pa­pie­re fin­den kann, der wird ein mäch­ti­ger Mann: ich will su­chen die Pa­pie­re, bis ich sie fin­de.«

An­ton sah sei­nen Rei­se­ge­fähr­ten von der Sei­te an, wie man einen Men­schen an­sieht, des­sen Ver­stand in der Irre lust­wan­delt, und sag­te end­lich mit­lei­dig: »Du wirst sie nir­gend fin­den, ar­mer Vei­tel.«

It­zig aber fuhr fort, sich ver­trau­lich an An­ton drän­gend: »Was ich dir sage, das er­zäh­le kei­nem wei­ter. Die Pa­pie­re sind ge­we­sen in uns­rer Stadt, ei­ner hat sie ge­kriegt von ei­nem al­ten ster­ben­den Bett­ler und ist ge­wor­den ein mäch­ti­ger Mann; der alte Schnor­rer hat sie ihm ge­ge­ben in ei­ner Nacht, wo der an­de­re hat ge­be­tet an sei­nem La­ger, ihm zu ver­trei­ben den To­de­sen­gel.«

»Und kennst du den Mann, der die Pa­pie­re hat?« frag­te An­ton neu­gie­rig.

»Wenn ich ihn weiß, so wer­de ich es doch nicht sa­gen«, ant­wor­te­te Vei­tel schlau, »aber ich wer­de fin­den das Re­zept. Und wenn du ha­ben willst das Gut des Barons und sei­ne Pfer­de und Kühe und sei­nen bun­ten Vo­gel und den Back­fisch, sei­ne Toch­ter, so will ich dir’s schaf­fen aus al­ter Freund­schaft und weil du aus­ge­hau­en hast die Bo­cher in der Schu­le für mich.«

An­ton war ent­rüs­tet über die Frech­heit sei­nes Ge­fähr­ten. »Hüte dich nur, daß du kein Schuft wirst, du scheinst mir auf gu­tem Wege zu sein«, sag­te er zor­nig und ging auf die an­de­re Sei­te der Stra­ße.

It­zig ließ sich durch die­sen gu­ten Rat nicht an­fech­ten, son­dern pfiff ru­hig vor sich hin. So schrit­ten die bei­den Rei­sen­den in lan­gem Schwei­gen, wel­ches It­zig un­be­fan­gen beim nächs­ten Dor­fe un­ter­brach, in­dem er sei­nem Beglei­ter wie­der Na­men und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Rit­ter­gu­tes an­gab. Und die­se be­leh­ren­de Un­ter­hal­tung wie­der­hol­te sich bei je­dem Dorf, bis An­ton ganz be­trof­fen wur­de über die aus­ge­brei­te­ten sta­tis­ti­schen Kennt­nis­se sei­nes Ge­fähr­ten. End­lich ver­stumm­ten bei­de und leg­ten die letz­te Mei­le, ohne ein Wort zu spre­chen, ne­ben­ein­an­der zu­rück.

3

Der Frei­herr von Roth­sat­tel ge­hör­te zu den we­ni­gen Men­schen, wel­che nicht nur von al­ler Welt glück­lich ge­prie­sen wer­den, son­dern auch sich selbst für glück­lich hal­ten. Er stamm­te aus ei­nem sehr al­ten Hau­se. Ein Roth­sat­tel war schon in den Kreuz­zü­gen nach dem Mor­gen­lan­de ge­rit­ten. We­nigs­tens wur­de in der Fa­mi­lie ein Ro­ko­ko-Fla­kon von bun­tem Glas als ori­en­ta­li­sches Fläsch­chen auf­be­wahrt, zum Be­weis für die Exis­tenz des Ahn­herrn und zur Erin­ne­rung an die from­me Zeit der Kreuz­zü­ge. Ein an­de­rer Roth­sat­tel hat­te einen Hau­fen Berg­leu­te ge­gen die Hus­si­ten ge­führt und war mit dem gan­zen Hau­fen zu sei­ner und des Herrn Ehre er­schla­gen wor­den. Wie­der ei­ner war Fähn­rich in dem Hee­re des Mo­ritz von Sach­sen ge­we­sen, er galt für den Stif­ter der Li­nie Roth­sat­tel-Steig­bü­gel, und sein krie­ge­ri­sches Bild­nis hing noch im Turm­zim­mer des Schlos­ses. Ein an­de­rer hat­te sich im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ge bei ver­schie­de­nen Ar­meen und auf ei­ge­ne Faust ge­rührt; die Fa­mi­li­en­sa­ge mel­de­te von ihm, er sei ein sehr di­cker Herr und ein großer Trin­ker ge­we­sen, von kräf­ti­ger Sua­de und et­was frei­en Sit­ten. Er war als ers­ter des Ge­schlech­tes in die Ge­gend ge­kom­men, in wel­cher die­se Er­zäh­lung ver­lau­fen soll, und hat­te eine An­zahl Land­gü­ter auf ir­gend­ei­ne Wei­se in Be­sitz ge­nom­men. Un­ter den Kin­der­frau­en der Fa­mi­lie be­stand seit al­ter Zeit die düs­te­re Über­zeu­gung, daß die­ser di­cke Herr zu­wei­len im Kel­ler auf ei­ner großen Kraut­ton­ne zu se­hen sei, wo er als ru­he­lo­ser Geist sit­ze und äch­ze, zur Stra­fe für schau­der­haf­te Ver­ge­hun­gen ge­gen die Tu­gend sei­ner weib­li­chen Zeit­ge­nos­sen. Wie­der ein an­de­rer Vor­fah­re war kai­ser­li­cher Rat zu Wien ge­we­sen; der Ur­groß­va­ter des ge­gen­wär­ti­gen Be­sit­zers war von dem großen Kö­nig der Preu­ßen starr an­ge­se­hen und dar­auf mit Wohl­wol­len an­ge­re­det wor­den. Auch der Groß­va­ter war zu sei­ner Zeit ein un­ter­neh­men­der und viel­be­spro­che­ner Ka­va­lier ge­we­sen, der in der Ar­mee kei­ne Lor­bee­ren ge­fun­den und sich re­si­gniert hat­te, die­se im Bou­doir ga­lan­ter Da­men und am grü­nen Tisch zu su­chen. Lei­der wa­ren ihm da­bei sei­ne Gü­ter läs­tig ge­wor­den und aus den Hän­den ge­glit­ten. Sein Sohn end­lich, der Va­ter des ge­gen­wär­ti­gen Be­sit­zers, war ein ein­fa­cher Lan­de­del­mann von mä­ßi­gem Geis­te, der nach lan­gen Pro­zes­sen das eine statt­li­che Gut aus den Trüm­mern des Fa­mi­li­en­ver­mö­gens ret­te­te und sein Le­ben da­mit zu­brach­te, das­sel­be für sei­ne Nach­kom­men schul­den­frei zu ma­chen. Die Roth­sat­tel ha­ben von je in dem Rufe ge­stan­den, star­ke Nach­kom­men­schaft zu hin­ter­las­sen, und alle äl­te­ren Da­men aus der Fa­mi­lie er­klär­ten die­se Ei­gen­heit -- so höchst ach­tungs­wert sie auch sonst sei -- doch für den ein­zi­gen Grund, daß das be­rühm­te Haus nicht dazu ge­kom­men war, die neun­zin­ki­ge Gra­fen­kro­ne oder gar den ge­schlos­se­nen Reif ei­nes Ti­tu­lar­fürs­ten­tums auf dem Wap­pen­helm sei­nes Se­niors zu se­hen. Ge­gen­über dem al­ten Brauch sei­nes Hau­ses er­wies der Va­ter auch da­durch sei­nen be­schei­de­nen Sinn, daß er nur einen Sohn hin­ter­ließ.

Der ge­gen­wär­ti­ge Be­sit­zer des Gu­tes hat­te in ei­nem Gar­de­re­gi­ment ge­dient, wie dem Sproß ei­nes so krie­ge­ri­schen Hau­ses ziem­te. Er hat­te dort den Ruf ei­nes vollen­de­ten Edel­manns er­wor­ben. Er war brauch­bar im Dienst und ein vor­treff­li­cher Ka­me­rad ge­we­sen, wohl­be­wan­dert in al­len rit­ter­li­chen Übun­gen, zu­ver­läs­sig in Ehren­sa­chen. Er hat­te bei Hof­bäl­len stets schick­lich da­ge­stan­den und, so­oft er von ei­ner Prin­zeß be­foh­len wur­de, mit gu­ter Hal­tung ge­tanzt. Auch als Mann von Cha­rak­ter hat­te er sich ge­zeigt, da er aus wirk­li­cher Nei­gung ein ar­mes Hoffräu­lein hei­ra­te­te, eine lie­bens­wür­di­ge jun­ge Dame, de­ren Ab­gang aus den Qua­dril­len des Ho­fes leb­haf­te Be­trüb­nis in al­len Män­ner­her­zen her­vor­rief. Mit sei­ner Ge­mah­lin hat­te sich der Frei­herr als ver­stän­di­ger Mann in die Pro­vinz zu­rück­ge­zo­gen, hat­te durch eine Rei­he von Jah­ren fast aus­schließ­lich für sei­ne Fa­mi­lie ge­lebt und da­durch den Vor­teil er­run­gen, daß sei­ne Re­gi­ments­schul­den sämt­lich be­zahlt und sei­ne Aus­ga­ben nicht grö­ßer wa­ren als sei­ne Ein­nah­men. Sein Haus war vor­treff­lich ein­ge­rich­tet; die ge­rin­ge Aus­s­teu­er sei­ner Frau war dazu be­nützt wor­den, ihr durch Ein­rich­tung des Parks eine große Freu­de zu ma­chen. Der Frei­herr hielt einen gu­ten Wein­kel­ler von gu­ten Tischwei­nen, hat­te zwei präch­ti­ge Wa­gen­pfer­de und zwei ele­gan­te Reit­pfer­de, ging je­den Mor­gen durch die Wirt­schaft und ritt je­den Nach­mit­tag aufs Feld, hielt viel auf sei­ne Schaf­her­de und setz­te einen Stolz dar­ein, sei­ne fei­ne Wol­le gut wa­schen zu las­sen. Er war ein durch­aus ehr­li­cher Mann, noch jetzt eine im­po­nie­rend schö­ne Ge­stalt, ver­stand wür­dig zu re­prä­sen­tie­ren und einen gast­frei­en Wirt zu ma­chen und lieb­te sei­ne Frau wo­mög­lich noch mehr als in den ers­ten Mo­na­ten nach der Ver­mäh­lung. Kurz, er war das Mus­ter­bild ei­nes ad­li­gen Rit­ter­guts­be­sit­zers. Er war kein über­mä­ßig rei­cher Herr, un­ge­fähr das, was man einen Fünf­tau­send­ta­ler­mann nennt, und hät­te sein schö­nes Gut in güns­ti­gen Zei­ten wohl um vie­les hö­her ver­kau­fen kön­nen, als der scharf­sin­ni­ge It­zig an­nahm. Er hät­te das aber mit Recht für eine große Tor­heit ge­hal­ten. Zwei ge­sun­de und fä­hi­ge Kin­der vollen­de­ten das Glück sei­nes Haus­hal­tes, der Sohn war im Be­griff, als Mi­li­tär die Fa­mi­li­en­kar­rie­re zu be­gin­nen, die Toch­ter soll­te noch ei­ni­ge Jah­re un­ter den Flü­geln der Mut­ter le­ben, be­vor sie in die große Welt trat.

Wie alle Men­schen, wel­chen das Schick­sal Fa­mi­li­e­nerin­ne­run­gen aus al­ter Zeit auf einen Schild ge­malt und an die Wie­ge ge­bun­den hat, war auch un­ser Frei­herr ge­neigt, viel an die Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft sei­ner Fa­mi­lie zu den­ken. An sei­nem Groß­va­ter war die trü­be Er­fah­rung ge­macht wor­den, daß ein ein­zi­ger un­ge­ord­ne­ter Geist hin­reicht, das aus­ein­an­der­zu­streu­en, was em­si­ge Vor­fah­ren an Gold­kör­nern und Ehren für ihre Nach­kom­men ge­sam­melt ha­ben. Er hät­te des­halb gern sein Haus für alle Zu­kunft vor dem Her­un­ter­kom­men ge­si­chert, hät­te gern sein schö­nes Gut in ein Ma­jo­rat ver­wan­delt und da­durch leicht­sin­ni­gen En­keln er­schwert, zwar nicht Schul­den zu ma­chen, aber die­sel­ben zu be­zah­len. Doch die Rück­sicht auf sei­ne Toch­ter hielt ihn von die­sem Schrit­te ab, es kam sei­nem ehr­li­chen Ge­fühl un­ge­recht vor, dies ge­lieb­te Kind we­gen künf­ti­ger un­ge­wis­ser Roth­sat­tel zu enter­ben. Und er emp­fand mit Schmerz, daß sein al­tes Ge­schlecht in der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on in die­sel­be Lage kom­men wer­de, in der die Kin­der ei­nes Be­am­ten oder ei­nes Krä­mers sind, in die un­be­que­me Lage, sich durch ei­ge­ne An­stren­gung eine mä­ßi­ge Exis­tenz schaf­fen zu müs­sen. Er hat­te oft ver­sucht, von sei­nen Er­trä­gen zu­rück­zu­le­gen, in­des die Ge­gen­wart war dazu wirk­lich nicht ge­eig­net; über­all fing man an, mit ei­ner ge­wis­sen Reich­lich­keit zu le­ben, mehr auf ele­gan­te Ein­rich­tung und den zahl­lo­sen klei­nen Schmuck des Da­seins zu hal­ten. Und was er in güns­ti­gen Jah­ren etwa ge­spart hat­te, das war auf klei­nen Ba­de­rei­sen, wel­che die zar­te Ge­sund­heit sei­ner Frau nach der Be­haup­tung des Arz­tes not­wen­dig mach­te, im­mer wie­der aus­ge­ge­ben wor­den. Der Ge­dan­ke an die Zu­kunft sei­ner Fa­mi­lie be­schäf­tig­te den Frei­herrn auch heut, als er auf sei­nem Halb­blut durch die große Kas­ta­ni­en­al­lee dem Schlos­se zu­spreng­te. Es war eine sehr klei­ne Wol­ke, wel­che un­ter dem Son­nen­schein sei­ner See­le da­hin­fuhr, sie ver­schwand im Nu, als er Ge­wän­der vor sich flat­tern sah und sei­ne Ge­mah­lin er­kann­te, wel­che mit der Toch­ter ihm ent­ge­ge­neil­te. Er sprang vom Pfer­de, küß­te sein Lieb­lings­kind auf die Stirn und sag­te ver­gnügt zu sei­ner Frau: »Wir ha­ben vor­treff­li­ches Wet­ter zur Heu­ern­te, es wird nach Kräf­ten ein­ge­fah­ren, der Amt­mann be­haup­tet, wir hät­ten noch nie so viel Fut­ter ge­macht.«

»Du hast Glück, Os­kar«, sag­te die Baro­nin, zärt­lich zu ihm auf­bli­ckend.

»Wie im­mer seit sieb­zehn Jah­ren, seit ich dich heim­ge­führt habe«, ant­wor­te­te der Ge­mahl mit ei­ner Ar­tig­keit, die vom Her­zen kam.

»Heut sind es sieb­zehn Jah­re«, rief die Baro­nin, »sie sind ver­gan­gen wie ein Som­mer­tag. Wir sind sehr glück­lich ge­we­sen, Os­kar.« Sie schmieg­te sich an sei­nen Arm und sah dan­kend zu ihm auf.

»Ge­we­sen?« frag­te der Frei­herr. »Ich den­ke, wir sin­d’s noch. Und ich sehe nicht ein, wes­halb es nicht wei­ter so fort­ge­hen soll.«

»Be­ru­fe es nicht«, bat die Baro­nin. »Mir ist manch­mal, als könn­te so viel Son­nen­schein nicht ewig wäh­ren; ich möch­te de­mü­tig ent­beh­ren und fas­ten, um den Neid des Schick­sals zu ver­söh­nen.«

»Nun«, sag­te der Frei­herr gut­mü­tig, »das Schick­sal läßt uns auch nicht un­ge­zaust. Die Don­ner­wet­ter feh­len uns nicht, aber die­se klei­ne Hand er­hebt sich zur Be­schwö­rung, und sie ziehn vor­über. Hast du nicht Är­ger ge­nug mit dem Haus­halt, den Toll­hei­ten der Kin­der und zu­wei­len mit dei­nem Ty­ran­nen, daß du dir mehr er­sehnst?«

»Du lie­ber Ty­rann!« rief die Baro­nin. »Dir dan­ke ich dies Glück. Und wie füh­le ich es! Nach sieb­zehn Jah­ren bin ich im­mer noch stolz dar­auf, einen so statt­li­chen Haus­herrn zu ha­ben, ein so schö­nes Schloß und ein so großes Gut, wo je­der Fuß­tritt des Bo­dens auch mir ge­hört. Als du mich, das arme Fräu­lein mit mei­nem Fähn­chen und dem Schmuck­käst­chen, das ich der Gna­de der Herr­schaf­ten ver­dan­ke, in dein Haus führ­test, da erst lern­te ich er­ken­nen, wel­che Se­lig­keit es ist, im ei­ge­nen Hau­se als Her­rin zu re­gie­ren und dem Wil­len kei­nes an­dern zu ge­hor­chen als dem des ge­lieb­ten Man­nes.«

»Du hast doch vie­les auf­ge­ge­ben um mei­net­wil­len«, sag­te der Frei­herr. »Oft habe ich ge­fürch­tet, daß un­ser Land­le­ben dir, dem Günst­ling der ver­stor­be­nen Prin­zeß, zu ein­sam und klein er­schei­nen wür­de.«

»Dort war ich Die­ne­rin, hier bin ich Her­rin«, sag­te die Baro­nin la­chend. »Au­ßer mei­ner Toi­let­te hat­te ich nichts, was mir selbst ge­hör­te. Im­mer in den lang­wei­li­gen Stu­ben der Hoffräu­lein her­um­zie­hen, an al­len Aben­den zu der letz­ten Rol­le ver­ur­teilt sein und da­bei die Angst ha­ben, daß das im­mer so fort­ge­hen soll, bis man alt wird in ewi­gen Zer­streu­un­gen, ohne ei­ge­nes Le­ben! Du weißt, daß mich das oft trau­rig ge­macht hat. Hier sind die Über­zü­ge un­se­rer Mö­bel nicht von schwe­rem Sei­den­stoff, und in un­serm Saal steht kei­ne Ta­fel aus Mala­chit, aber was im Hau­se ist, ge­hört mir.« Sie schlang ih­ren Arm um den Frei­herrn: »Du ge­hörst mir, die Kin­der, das Schloß, un­se­re sil­ber­nen Arm­leuch­ter.«

»Die neu­en sind nur Kom­po­si­ti­on«, warf der Frei­herr ein.

»Das sieht nie­mand«, er­wi­der­te sei­ne Ge­mah­lin fröh­lich. »Und wenn ich das Por­zel­lan an­se­he und am Ran­de dein und mein Wap­pen er­bli­cke, so schme­cken mir un­se­re zwei Schüs­seln zehn­mal so gut als die vie­len Gän­ge der Hof­kü­che. Und vollends die großen Hof­ta­ge und un­se­re Mar­schalls­ta­fel, wo je­der den an­dern zum Verzwei­feln ge­nau kann­te und je­der dem an­dern zum Verzwei­feln gleich­gül­tig war.«

»Du bist ein glän­zen­des Bei­spiel von Ge­nüg­sam­keit«, sag­te der Frei­herr. »Um dei­net­wil­len und we­gen der Kin­der woll­te ich, dies Gut wäre zehn­mal so groß und un­se­re Ein­nah­me so, daß ich dir einen Pa­gen hal­ten könn­te, Frau Mar­qui­se, und au­ßer der Wirt­schaf­te­rin ein paar Hoffräu­lein.«

»Nur kein Fräu­lein«, bat die Baro­nin, »und was den Pa­gen be­trifft, so braucht man kei­nen, wenn man einen Ka­va­lier hat, der so auf­merk­sam ist wie du.«

So schritt der Frei­herr be­hag­lich zwi­schen den bei­den Frau­en dem Schlos­se zu. Le­no­re hat­te sich un­ter­des der Zü­gel sei­nes Reit­pfer­des be­mäch­tigt und re­de­te dem Pfer­de freund­lich zu, so we­nig Staub als mög­lich zu ma­chen.

»Dort hält ein frem­der Wa­gen, ist Be­such ge­kom­men?« frag­te der Frei­herr, als sie sich dem Hofe nä­her­ten.

»Es ist nur Ehr­en­thal«, ant­wor­te­te die Baro­nin, »er war­tet auf dich und hat be­reits sei­nen gan­zen Vor­rat von schö­nen Re­dens­ar­ten an uns ver­schwen­det; Le­no­re ließ ih­rem Über­mut die Zü­gel schie­ßen, und es war hohe Zeit, daß ich sie weg­führ­te; dem drol­li­gen Man­ne wur­de angst bei der Ko­ket­te­rie des un­ar­ti­gen Kin­des.«

Der Frei­herr lä­chel­te. »Mir ist er im­mer noch der liebs­te aus die­ser Klas­se von Ge­schäfts­leu­ten«, sag­te er, »sein Be­neh­men ist we­nig­tens nicht ab­sto­ßend, und ich habe ihn in dem lan­gen Ver­kehr stets zu­ver­läs­sig ge­fun­den. -- Gu­ten Tag, Herr Ehr­en­thal, was führt Sie zu mir?«

Herr Ehr­en­thal war ein wohl­ge­nähr­ter Herr in sei­nen bes­ten Jah­ren, mit ei­nem Ge­sicht, wel­ches zu rund war, zu gelb­lich und zu schlau, um schön zu sein; er trug Ga­ma­schen an den Fü­ßen, eine dia­man­te­ne Bu­sen­na­del auf dem Hemd und schritt mit großen Bück­lin­gen und tie­fen Be­we­gun­gen des Hu­tes durch die Al­lee dem Baron ent­ge­gen.

»Ihr Die­ner, gnä­di­ger Herr«, ant­wor­te­te er mit ehr­er­bie­ti­gem Lä­cheln. »Wenn mich auch nichts her­führt von Ge­schäf­ten, so wer­de ich Sie doch bit­ten, Herr Baron, daß Sie mir manch­mal er­lau­ben, her­um­zu­ge­hen in Ih­rer Wirt­schaft, da­mit ich in mei­nem Her­zen eine Freu­de habe. Es ist mir eine Er­ho­lung von der Ar­beit, wenn ich kom­me in Ihren Hof. Al­les so glatt und wohl­ge­nährt und al­les so reich­lich und gut ein­ge­rich­tet in den Stäl­len und in den Scheu­nen. Die Sper­lin­ge auf dem Dach se­hen bei Ih­nen lus­ti­ger aus als die Sper­lin­ge von an­dern Leu­ten. Wenn man als Ge­schäfts­mann so vie­les er­bli­cken muß, was einen nicht er­freut, wo die Men­schen durch ihr Ver­schul­den in Un­ord­nung kom­men und Ver­fall, da tut’s ei­nem wohl, wenn man ein Le­ben sieht wie das Ihre; kei­ne Sor­gen, kei­ne großen Sor­gen zum we­nigs­ten, und so vie­les, was das Herz er­freut.«

»Sie sind so ar­tig, Herr Ehr­en­thal, daß ich glau­ben muß, et­was recht Wich­ti­ges führt Sie her. Wol­len Sie ein Ge­schäft mit mir ma­chen?« frag­te der Frei­herr gut­mü­tig.

Mit ei­nem Kopf­schüt­teln, wie es dem bie­dern Mann an­steht, wenn er einen un­ge­rech­ten Ver­dacht von sich ab­wei­sen will, ant­wor­te­te Herr Ehr­en­thal: »Nichts vom Ge­schäft, Herr Baron! Die Ge­schäf­te, die ich mit Ih­nen ma­che, sind sol­che, wo man sagt kei­ne Ar­tig­kei­ten. Gute Ware und gu­tes Geld, so ha­ben wir es im­mer ge­hal­ten, und so wol­len wir’s mit Got­tes Hil­fe auch fer­ner hal­ten. Ich kam nur her­ein im Vor­bei­fah­ren« -- da­bei be­weg­te er nach­läs­sig die Hand, um pan­to­mi­misch zu be­kräf­ti­gen, daß er nur im Vor­bei­fah­ren sei --, »ich woll­te fra­gen we­gen des Pfer­des, das der Herr Baron zu ver­kau­fen ha­ben. Es ist ei­ner im Dor­fe da­ne­ben, dem ich habe ver­spro­chen, zu fra­gen nach dem Preis. Ich kann’s eben­so­gut mit dem Amt­mann ab­ma­chen, wenn der Herr Baron kei­ne Zeit ha­ben für mich.«

»Kom­men Sie mit, Ehr­en­thal«, sag­te der Frei­herr, »ich füh­re mein Pferd selbst in den Stall.«

Herr Ehr­en­thal mach­te den Frau­en vie­le Bück­lin­ge, wel­che von Le­no­re durch eben­so vie­le Knick­se er­wi­dert wur­den, und folg­te dem Frei­herrn zur Stall­tür. Dort blieb er re­spekt­voll ste­hen und be­stand dar­auf, daß das Pferd des Barons und der Baron selbst vor ihm ein­tra­ten. Nach kur­z­er Be­sich­ti­gung und dem üb­li­chen Re­den und Ge­gen­re­den führ­te der Frei­herr Herrn Ehr­en­thal auch in den Kuh­stall, wor­auf Herr Ehr­en­thal den lei­den­schaft­li­chen Wunsch aus­sprach, auch die Käl­ber zu se­hen, und end­lich die Bit­te zu­füg­te, auch bei den Zucht­bö­cken zur Au­di­enz zu­ge­las­sen zu wer­den. Er war ein er­fah­re­ner Ge­schäfts­mann, und wenn das Ent­zücken, wel­ches er aus­sprach, auch et­was hand­werks­mä­ßig und über­schweng­lich klang, so war das, was er lob­te, doch wirk­lich lo­bens­wert, und der Frei­herr hör­te das Lob mit Wohl­ge­fal­len an.

Nach Be­sich­ti­gung der Scha­fe muß­te eine Pau­se ge­macht wer­den, denn Ehr­en­thal war zu sehr er­grif­fen von der Fein­heit und Dich­tig­keit ih­res Pel­zes. »Nein, die­ser Sta­pel!« seufz­te er in träu­me­ri­scher Be­geis­te­rung. »Schon jetzt kann man se­hen, was er sein wird im nächs­ten Früh­jahr.« Er wieg­te den Kopf hin und her und zwin­ker­te mit den klei­nen Au­gen nach der Son­ne. »Wis­sen Sie, Herr Baron, daß Sie sind ein glück­li­cher Mann! Ha­ben Sie gute Nach­rich­ten von Ihrem Herrn Sohn?«

»Dan­ke, lie­ber Ehr­en­thal, er hat ges­tern ge­schrie­ben und sei­ne Zeug­nis­se ge­schickt«, ant­wor­te­te der Frei­herr.

»Er wird wer­den wie sein Herr Va­ter«, rief Herr Ehr­en­thal aus, »ein Ka­va­lier von ers­ter Qua­li­tät und ein rei­cher Mann, der Herr Baron weiß zu sor­gen für sei­ne Kin­der.«

»Ich er­spa­re nichts, lie­ber Ehr­en­thal«, er­wi­der­te der Baron nach­läs­sig.

»Was er­spa­ren!« rief der Händ­ler mit Ver­ach­tung ge­gen eine so ple­be­ji­sche Tä­tig­keit. »Was wol­len Sie spa­ren? Wenn ich mir er­lau­ben darf, das zu be­mer­ken als ein Ge­schäfts­mann, der schon lan­ge die Ehre hat, Sie zu ken­nen. Was brau­chen Sie zu spa­ren? Sie wer­den doch der­einst, wenn der alte Ehr­en­thal nicht mehr sein wird, auch ohne Spa­ren hin­ter­las­sen dem jun­gen Herrn das Gut, wel­ches un­ter Brü­dern wert ist ein und ein hal­b­es Hun­dert­tau­send, und dem gnä­di­gen Fräu­lein Toch­ter au­ßer­dem eine Aus­s­teu­er von -- was soll ich sa­gen --, von fünf­zig­tau­send Ta­ler bar.«

»Sie ir­ren«, sag­te der Frei­herr ernst, »ich bin nicht so reich.«

»Nicht so reich?« rief Herr Ehr­en­thal mit sitt­li­cher Ent­rüs­tung ge­gen je­den Men­schen­sohn (den Baron aus­ge­nom­men), der so et­was be­haup­ten könn­te. »Es hängt doch nur von Ih­nen ab, je­den Au­gen­blick so reich zu sein. Wer ein Ver­mö­gen hat wie der Herr Baron, der kann in zehn Jah­ren ver­dop­peln sein Ka­pi­tal ohne Ge­fahr. -- Wa­rum wol­len Sie nicht Pfand­brie­fe der Land­schaft auf Ihr Gut neh­men?«

Die ›Land­schaft‹ der Pro­vinz war da­mals ein großes Kre­dit­in­sti­tut der Rit­ter­guts­be­sit­zer, wel­ches Ka­pi­ta­li­en zur ers­ten Hy­po­thek auf Rit­ter­gü­ter aus­lieh. Die Zah­lung er­folg­te in Pfand­brie­fen, wel­che auf den In­ha­ber lau­te­ten und über­all im Lan­de für das si­chers­te Wert­pa­pier gal­ten. Das In­sti­tut selbst zahl­te die In­ter­es­sen an die Be­sit­zer der Ob­li­ga­tio­nen und er­hob von sei­nen Schuld­nern au­ßer den Zin­sen noch einen ge­rin­gen Zu­schlag für Ver­wal­tungs­kos­ten und zu all­mäh­li­cher Til­gung der auf­ge­nom­me­nen Schuld.

»Ich ma­che kei­ne Geld­ge­schäf­te«, ant­wor­te­te der Frei­herr stolz, aber in sei­ner Brust klang die Sai­te fort, wel­che der Händ­ler an­ge­schla­gen hat­te.

»Die Ge­schäf­te, wel­che ich mei­ne, sind so, wie sie heut­zu­ta­ge macht je­der Fürst«, fuhr Herr Ehr­en­thal mit Feu­er fort. »Wenn der gnä­di­ge Herr Pfand­brie­fe der Land­schaft auf­nimmt auf sein Gut, so kann er jede Stun­de er­hal­ten fünf­zig­tau­send Ta­ler in gu­tem Per­ga­ment. Sie zah­len da­für der Land­schaft vier vom Hun­dert, und wenn Sie die Pfand­brie­fe lie­gen las­sen in Ih­rer Kas­se, so er­hal­ten Sie da­von Zin­sen drei­ein­halb vom Hun­dert. Dann zah­len Sie ein hal­b­es Pro­zent zu an die Land­schaft, und durch das hal­be Pro­zent wird noch amor­ti­siert das Ka­pi­tal.«

»Das heißt Schul­den ma­chen, um reich zu wer­den«, warf der Guts­herr ach­sel­zu­ckend ein.

»Ver­zei­hen Sie, Herr Baron, wenn ein Herr wie Sie fünf­zig­tau­send Ta­ler lie­gen hat, wel­che ihn jähr­lich kos­ten ein hal­b­es Pro­zent, so kann er da­mit kau­fen die hal­be Welt. Im­mer gibt es Ge­le­gen­heit, Gü­ter zu er­wer­ben zu ei­nem Spott­prei­se, wenn man bar Geld oder Pfand­brie­fe hat zu rech­ter Zeit. Da sind Rit­ter­gü­ter, da sind Wal­dun­gen, die man kau­fen kann, oder An­tei­le von Berg­wer­ken oder Ak­ti­en von ei­ner so­li­den So­zie­tät. Oder der Herr Baron kön­nen selbst an­le­gen ein Eta­blis­se­ment auf Ihrem Gut, wenn Sie wol­len schaf­fen Zu­cker aus Rü­ben wie der Herr von Ber­gen am Ge­bir­ge oder ame­ri­ka­ni­sches Mehl wie der Her­zog von Lö­bau oder bay­ri­sches Bier wie Ihr Nach­bar, der Graf Horn. Was ist da­bei für eine Ge­fahr? Sie wer­den ein­neh­men zehn, zwan­zig, ja fünf­zig Ta­ler vom Hun­dert des Ka­pi­tals, das Sie ge­lie­hen ha­ben von der Land­schaft zu vier vom Hun­dert.«

Der Frei­herr sah nach­denk­lich vor sich hin. Was ihm der Händ­ler sag­te, war durch­aus nichts Neu­es und Un­er­hör­tes, er selbst hat­te oft ähn­li­ches ge­dacht. Es war ge­ra­de die Zeit, wo eine Men­ge von neu­en in­dus­tri­el­len Un­ter­neh­mun­gen aus dem Acker­bo­den auf­schoß, wo durch die ho­hen Schorn­stei­ne der Dampf­ma­schi­nen, durch neu­ent­deck­te Koh­len- und Erz­la­ger, durch neue land­wirt­schaft­li­che Kul­tu­ren große Sum­men er­wor­ben und noch grö­ße­re Reich­tü­mer er­hofft wur­den. Die vor­nehms­ten Grund­be­sit­zer der Land­schaft stan­den an der Spit­ze aus­ge­dehn­ter Ak­ti­en­un­ter­neh­mun­gen, wel­che auf ei­ner Ver­bin­dung mo­der­ner In­dus­trie und des al­ten Acker­bau­es be­ruh­ten. Es war nichts Neu­es und Auf­fal­len­des in den Wor­ten des Händ­lers, und doch schlu­gen sie als zün­den­der Blitz in die See­le des Frei­herrn. Sie ka­men im rech­ten Au­gen­blick. Herr Ehr­en­thal be­merk­te die Wir­kung, wel­che er her­vor­ge­bracht hat­te, und schloß mit der Ge­müt­lich­keit, wel­che sei­ne Lieb­lings­stim­mung war: »Wo habe ich das Recht, ei­nem Herrn, wie Sie sind, einen Rat zu ge­ben? Aber je­der Guts­be­sit­zer muß sa­gen das­sel­be, daß ein sol­ches Ge­schäft mit Pfand­brie­fen in un­se­rer Zeit die so­li­des­te Art ist, wie ein vor­neh­mer Herr kann sor­gen für sei­ne Kin­der. Wenn einst das Gras wach­sen wird über dem Gra­be des al­ten Ehr­en­thal, dann wer­den Sie an mich den­ken und bei sich sa­gen: Der alte Ehr­en­thal war nur ein ein­fa­cher Mann, aber er hat mir ge­ra­ten, was gut war und ein Se­gen für die Fa­mi­lie.«

Der Frei­herr sah im­mer noch vor sich hin. Was er lan­ge in sich her­um­ge­tra­gen hat­te, das war auf ein­mal zum fes­ten Ent­schluß ge­wor­den. Dem Händ­ler sag­te er mit ei­ner Leich­tig­keit, die ihm nicht vom Her­zen kam: »Ich will mir’s über­le­gen.« Ehr­en­thal war da­mit zu­frie­den und bat um die Er­laub­nis, sich den Da­men emp­feh­len zu dür­fen, was er als Mann von Welt und Ge­müt sel­ten un­ter­ließ.

Es war scha­de, daß der Frei­herr nicht das Ge­sicht des Ge­schäfts­man­nes sah, als die­ser in sei­nen Wa­gen stieg und me­cha­nisch die Bour­bon­ro­se ins Knopf­loch steck­te, wel­che ihm Le­no­re beim Ab­schie­de mit schalk­haf­ter Ar­tig­keit über­reicht hat­te. Auch Herr Ehr­en­thal mach­te ein lus­ti­ges Ge­sicht, aber nicht aus Freu­de über die vol­le Rose. Er ließ den Kut­scher lang­sam durch die Feld­mark fah­ren und sah wohl­ge­fäl­lig auf die Acker­stücke, wel­che mit rei­fen­der Frucht zu bei­den Sei­ten des We­ges la­gen. In lan­gem Zuge ka­men die Heu­wa­gen des Gu­tes ihm ent­ge­gen. Sooft er still­hielt, um einen Rie­sen­wa­gen vor­bei­zu­las­sen, be­rupf­ten sei­ne Pfer­de das Heu, und sein Kut­scher dreh­te sich um und rief schnal­zend: »Schö­nes Fut­ter!«

»Ein schö­nes Gut«, sag­te dann Ehr­en­thal in tie­fem Nach­den­ken.

Un­ter­des saß die Baro­nin in ei­ner Gar­ten­lau­be und blät­ter­te in den neu­en Jour­na­len, wel­che der Buch­händ­ler aus der nächs­ten Kreis­stadt zu­ge­schickt hat­te. Sie be­trach­te­te prü­fend die Mo­de­kup­fer und ge­noß die klei­nen Nip­pes der Ta­ges­li­te­ra­tur: Ge­schich­ten von Men­schen, wel­che auf au­ßer­or­dent­li­che Wei­se reich ge­wor­den, und von an­dern, wel­che auf schau­der­haf­te Wei­se er­mor­det sind, Ti­ger­jag­den aus Ost­in­di­en, aus­ge­gra­be­ne Mo­sa­ik­bö­den, rüh­ren­de Schil­de­run­gen von der Treue ei­nes Hun­des, hoff­nungs­rei­che Be­trach­tun­gen über die Uns­terb­lich­keit der See­le, und was sonst das flüch­ti­ge Auge ele­gan­ter Da­men zu fes­seln ver­mag. Die schö­ne Ge­mah­lin des Frei­herrn schau­kel­te wäh­rend des Le­sens die ge­stick­te Fuß­bank, ihre See­le war nur halb in den Blät­tern, sie sah oft über den Ra­sen­platz nach ih­rer Toch­ter, wel­che, wie­der mit dem Pony be­schäf­tigt, die­sem aus Blu­men und Zei­tungs­pa­pier eine gro­tes­ke Hals­krau­se und eine ge­hörn­te Müt­ze zu­recht­mach­te, was der Pony ver­ge­bens da­durch zu ver­ei­teln such­te, daß er so viel Blü­ten und Zei­tungs­pa­pier weg­fraß, als er mit dem Maul er­rei­chen konn­te. Als die jun­ge Dame, stolz auf ihr Werk, den Kopf nach der Lau­be wand­te und das Auge der Mut­ter auf sich ge­rich­tet sah, über­ließ sie das Pferd dem her­zu­ei­len­den Be­dien­ten und flog wie eine Li­bel­le zu den Fü­ßen der Mut­ter. Sie setz­te sich auf die Fuß­bank, zog die Jour­na­le auf das Knie der Baro­nin und fing an, sich pos­sen­haft mit den Her­ren und Da­men der Mo­de­kup­fer zu un­ter­hal­ten. Da die Ge­sich­ter die­ser Idea­le, wie be­kannt, den Vor­zug ha­ben, al­len Men­schen ähn­lich zu se­hen, von de­nen sie sich durch ein­zel­ne cha­rak­te­ris­ti­sche Ei­gen­hei­ten, durch merk­wür­dig klei­ne Lip­pen und zu­wei­len durch ein auf der Stirn oder den Wan­gen sit­zen­des Auge un­ter­schei­den, so wur­de der jun­gen Dame nicht schwer, zahl­rei­che Ähn­lich­kei­ten mit Be­kann­ten des Hau­ses auf­zu­fin­den und die Bil­der da­nach zu be­han­deln. Die Mut­ter lä­chel­te über die kin­di­schen Scher­ze der Toch­ter und sag­te end­lich, ihre Ge­dan­ken laut fort­set­zend: »Le­no­re, du wirst jetzt ein großes Mäd­chen und bist noch so sehr Kind. Wir ha­ben dich auf­wach­sen las­sen bei dem Un­ter­richt der Bon­ne und des Kan­di­da­ten; es wird Zeit, dar­an zu den­ken, daß du et­was Or­dent­li­ches lernst, mein ar­mes Kind.«

»Ich dach­te, das Ler­nen soll­te jetzt auf­hö­ren«, ant­wor­te­te Le­no­re schmol­lend.

»Dei­ne fran­zö­si­sche Auss­pra­che ist noch schlecht, und dein Va­ter will, daß du dich im Zeich­nen übst, du hast An­la­ge dazu.«

»Ich zeich­ne nur Ka­ri­ka­tu­ren«, rief Le­no­re, »die sind am leich­tes­ten, man macht eine lan­ge Nase oder kur­ze Bei­ne, und das Kerl­chen sieht lä­cher­lich aus.«

»Du sollst nicht Ka­ri­ka­tu­ren zeich­nen«, sprach die Mut­ter, »das verdirbt dei­nen Ge­schmack und macht dich spöt­tisch.« Le­no­re ließ das Köpf­chen hän­gen. »Und wer war der jun­ge Mann, mit dem du vor­hin durch den Gar­ten gingst?« fuhr die Mut­ter stra­fend fort. »Du hast ihm die Erd­bee­ren des Va­ters ge­ge­ben.«

»Schilt nur nicht im­mer, lie­be Mut­ter«, rief die Toch­ter er­rö­tend. »Der Frem­de war ein hüb­scher, ar­ti­ger Jun­ge, er geht nach der Haupt­stadt; er hat we­der Va­ter noch Mut­ter, das tat mir leid. Und so be­schei­den war er! Sei mir nicht böse«, schmei­chel­te sie und flog an den Hals der Mut­ter, in de­ren Au­gen mehr Lie­be als Zorn zu le­sen war.

Die Mut­ter küß­te das Kind auf den Mund und sag­te gü­tig: »Du bist mein gu­tes, wil­des Mäd­chen, su­che mir jetzt den Va­ter, sein Kaf­fee wird kalt.«

Als der Frei­herr in die Lau­be trat, noch voll von sei­ner Un­ter­re­dung mit Ehr­en­thal, leg­te die Baro­nin ihre Hän­de in die sei­nen: »Os­kar, ich habe Sor­gen um Le­no­re!«

»Ist sie krank?« frag­te der Va­ter be­trof­fen.

»Sie ist ge­sund und von Her­zen gut, aber sie ist ke­cker und un­ge­bun­de­ner, als sich für ihre Jah­re paßt.«

»Sie ist auf dem Lan­de auf­ge­wach­sen und eine tüch­ti­ge Dirn ge­wor­den«, er­wi­der­te der Frei­herr be­ru­hi­gend.

»Es fehlt ihr aber an Form und an Zart­ge­fühl im Um­gan­ge mit Frem­den«, fuhr die Mut­ter fort. »Ich fürch­te, sie ist in Ge­fahr, ein Ori­gi­nal zu wer­den.«

»Nun, das Un­glück wäre nicht so groß«, sag­te der Frei­herr la­chend.

»Es gibt kein grö­ße­res für ein Mäd­chen aus un­serm Krei­se. Was in der Ge­sell­schaft auf­fällt, wird auch lä­cher­lich; ein klei­ner Zug von bi­zar­rem We­sen kann ihre gan­ze Zu­kunft ver­der­ben. Sie muß ge­nö­tigt wer­den, mehr auf sich zu ach­ten, und ich fürch­te, hier auf dem Lan­de wird sie das nicht ler­nen.«

»Wir sol­len das Kind von uns tun, viel­leicht auf Jah­re, und un­ter frem­den Men­schen auf blü­hen las­sen?« frag­te der Frei­herr un­wil­lig.

»Und doch muß es sein«, sag­te die Baro­nin ernst, »und es kos­tet mich viel, dir das zu sa­gen. Sie ist un­ar­tig ge­gen Mäd­chen ih­res Al­ters, rück­sichts­los ge­gen Frau­en und Män­nern ge­gen­über viel zu dreist. -- Kannst du dir ein Mäd­chen von Le­no­rens We­sen am Hofe den­ken?« frag­te die Baro­nin nach ei­ner Pau­se.

Der Ge­mahl konn­te sich das nicht den­ken, viel­leicht des­halb nicht, weil ein Fürs­ten­hof über­haupt nicht der Ort ist, wo schnell auf­ge­schos­se­ne Fräu­lein die Schul­bü­cher um­her­tra­gen und Kat­ze und Maus spie­len.

»Sie wird sich än­dern«, warf er end­lich ein.

»Sie wird sich nicht än­dern«, ent­geg­ne­te die Baro­nin sanft, die Hand auf sei­ne Schul­ter le­gend, »so­lan­ge der Lieb­ling mit sei­nem Va­ter zu Pfer­de über Grä­ben setzt und ihn so­gar auf dem Pirsch­gang be­glei­tet.«

»Ich kann mich nicht dar­ein fin­den, bei­de Kin­der zu ent­beh­ren«, sprach der Va­ter gut­mü­tig. »Das wäre sehr hart für uns, am schwers­ten für dich, du stren­ge Haus­frau.«

»Vi­el­leicht!« sag­te die Baro­nin lei­se, und ihre Au­gen wur­den feucht. »Aber wir dür­fen nicht an uns den­ken, nur an die Zu­kunft der Kin­der.«

Der Frei­herr sah die Be­we­gung der ge­lieb­ten Frau, er zog sie an sich und sprach ent­schlos­sen: »Höre, Els­beth, wenn wir in frü­he­ren Jah­ren von die­ser Zeit spra­chen, da dach­ten wir uns Le­no­rens Er­zie­hung an­ders. Wir woll­ten die Win­ter über selbst in der Stadt le­ben, un­ter dei­nen Au­gen soll­te das Kind den letz­ten Un­ter­richt er­hal­ten und in die Ge­sell­schaft tre­ten. Du sollst dich nicht von ihr tren­nen. Wir zie­hen schon in die­sem Win­ter nach der Haupt­stadt.«