Sommer der Entscheidung - Emilie Richards - E-Book

Sommer der Entscheidung E-Book

Emilie Richards

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Beschreibung

Hat die Liebe noch eine Chance? In der Ehe von Tessa und Andrew MacRae kriselt es, seit ihre kleine Tochter tödlich verunglückt ist. Um in Ruhe über ihre Beziehung nachzudenken und endlich wieder zu sich selbst zu finden, will Tessa den Sommer auf dem Land verbringen. Gemeinsam mit ihrer Mutter fährt sie zu ihrer Großmutter, die ganz allein auf einer abgelegenen Farm lebt. Dabei kommen die drei Frauen, sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich nah. Indem Tessa ihre Familiengeschichte aufarbeitet, hofft sie, die Schatten der Vergangenheit endgültig zu besiegen. Doch gerade als sie wieder Vertrauen in die Liebe fasst, droht eine andere Frau Tessas und Andrews Beziehung endgültig zu zerstören ...

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Seitenzahl: 704

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Emilie Richards

Sommer der Entscheidung

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Martha Windgassen

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Wedding Ring

Copyright © 2004 by Emilie Richards McGee erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Claudia Wuttke

Titelabbildung: Corbis GmbH, Düsseldorf

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-359-5 ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-358-8

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

1. KAPITEL

Sie gab es auf. Egal, was sie noch täte, ihre Großmutter würde doch nicht aufmachen. Tessa MacRae fand sich damit ab, den Rest des drückend schwülen Vormittags auf der Veranda vor dem Haus zu verbringen, die immerhin ein wenig Schatten versprach. Aber die Zeit, die sie tatenlos herumsaß, war nicht völlig verschwendet. Von der quietschenden alten Schaukel aus konnte sie einen Eindruck von dem Leben ihrer Großmutter gewinnen. Zwar war die Gegend als besonders prachtvoll bekannt, doch diese kleine Ecke des Shenandoah Valley konnte damit nicht gemeint sein.

Tessas Überlegungen wurden von dem Knarzen eines Fensters unterbrochen, das genau über ihrem Kopf geöffnet wurde.

„Bist du immer noch hier, Fräulein? Ich habe dich nicht eingeladen, und das hier brauche ich auch nicht!“

Tessa war siebenunddreißig Jahre alt und unterrichtete Englisch an der Highschool. Schon seit einigen Jahren war sie kein „Fräulein“ mehr, aber dies schien ihr nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, um Einwände zu erheben. Auf Helen Henrys Tirade folgte ein Rascheln, und plötzlich war die Luft nicht mit dringend benötigtem Regen, sondern mit zerknülltem Papier erfüllt, das über das Blechdach auf die Erde fiel. Tessa versuchte, die Papierknäuel zu zählen. Ein Dutzend, mindestens. Und nach einer theatralischen Pause folgte noch mal ein halbes Dutzend.

Mit einem Knall wurde das Fenster über dem Vordach wieder zugeschlagen.

Als Tessa sicher war, dass der Hagelsturm aus Papier vorbei war, stand sie auf, um eines der Blätter zu betrachten, das ihr vor die Füße gefallen waren. Sie faltete das Knäuel auseinander und glättete es. Zwei Frauen und ein Mann waren darauf abgebildet, die sie mit breitem Grinsen und unnatürlich grauen Haaren von einem Golfplatz anstarrten. „‚Green Springs – das Domizil für den Lebensabend‘“, las sie laut. „‚Weil heute der erste Tag vom Rest Ihres Lebens ist.‘“ Während sie die Broschüre in ihrer Hand wieder zerknitterte, überlegte sie, wie viele weitere Faltblätter ihre Mutter Helen in den letzten Wochen zugeschickt haben mochte. Ohne dass noch mehr vom Himmel fiel, kehrte Tessa auf die Schaukel zurück, zog die Knie an, stützte ihr Kinn darauf und fuhr mit ihrer Inspektion der Umgebung fort.

Auf dem Weg in die Kleinstadt Toms Brook war Tessa wie immer von der großartigen blaugrünen Bergkette verzaubert gewesen, von den Sommerastern und der Wilden Zichorie, die am Wegesrand blühten, und von den gemütlichen Kühen und Pferden, die in der Hitze Virginias auf den hügeligen Weiden grasten. Aber das war nur ein Panorama, ein ländliches Stillleben. Etwas völlig anderes war die Farm ihrer Großmutter, die von der unerbittlichen Sonne geröstet wurde. Die Dürre, die die ganze Region heimgesucht hatte, war hier besonders schlimm. Bis zum vierten Juli in wenigen Tagen würde der Mais nicht kniehoch stehen, wie es die Bauernregel verlangte. Vielmehr sahen die Maispflanzen, die auf einem einige Hektar großen Feld gegenüber dem Haus standen, aus wie Bonsai, die sich schief und kümmerlich unter der Sonne wanden. Nur der Löwenzahn hielt sich noch recht wacker. Falls die Gegend nicht bald mit Regen gesegnet wurde, und zwar ordentlich, würde es in diesem Jahr keine Maisernte geben.

Und dann diese Hitze. Virginia gehörte eigentlich nicht zu den bekannten Sommeroasen, aber Tessa, die hier geboren und aufgewachsen war, konnte sich nicht daran erinnern, dass es im Juli jemals so heiß gewesen war. Während sie darauf wartete, dass Helen ihre Meinung änderte, leerte Tessa mehrere Flaschen mit Quellwasser, und vermutlich hatte sie ebenso viel wieder ausgeschwitzt. Kein Lüftchen regte sich, keine Biene summte. Die Schwalben, die sich unter der Dachrinne eine Festung gebaut hatten, hatten ihre Zugbrücke hochgezogen und sich in das kühle Innere der Burg zurückgezogen. Sogar die Eichelhäher hatten sich mit den Krähen auf einen Waffenstillstand geeinigt und hielten wahrscheinlich Seite an Seite ein Mittagsschläfchen in den Ästen von Helens Ahorn.

Das Fenster knarzte erneut. „Und wenn du schon mal dabei bist, nimm das hier auch gleich mit!“, rief Helen. „Glaubst du, ich brauche deine schicken Geschenke?“

Ein Morgenmantel flog hinter einem Nachthemd her. Beides hatte Tessa ihrer Großmutter zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt.

Nun landete es auf der Kletterrose, die unkontrolliert an einem Spalier und am Verandageländer entlangrankte, und die sanften violetten und pinken Farben der Kleidungsstücke passten perfekt zu den Blüten, die die Rose seit Jahren hervorbrachte.

„Oder die Geschenke deiner Mutter!“, fügte Helen hinzu.

Tessa hoffte, ihre Mutter habe Helen nicht ein Klavier oder einen Safe geschenkt. Sie war erleichtert, als dann lediglich ein knallroter Pullover auf seinem Weg zur Stechpalme an ihr vorbeiflog, die neben der Kletterrose wuchs.

Wieder wurde das Fenster zugeknallt.

Während sie in der drückenden Hitze saß, starrte Tessa stoisch auf die Massanutten-Berge in der Ferne. Weder die Alleghenies noch die Massanutten, die den oberen Teil des Shenandoah-Tals flankierten, waren nur einfache Postkartenmotive. Man konnte sie berühren und sogar bewohnen. Seit Jahrhunderten lebten dort robuste Farmer, die die Abhänge als Herausforderung und das friedliche, blühende Tal dazwischen als die Belohnung ihrer Mühen ansahen. Das gesamte Tal war ein Beweis dafür, dass es das Landleben wirklich noch so gab, wie es von Millionen von Stadtmenschen idealisiert wurde. Nur heute schien alles wie ausgestorben zu sein auf der Fitch Crossing Road. Die ganze Zeit, die Tessa hier gesessen und darauf gewartet hatte, dass ihre Großmutter ihre Hände als Zeichen ihrer Aufgabe heben und sie ins Haus bitten würde, war kein einziges Auto vorbeigekommen. Nachdem sie von der Hauptstraße abgebogen und in Richtung Shenandoah River gefahren war, war Tessas kleiner grüner Toyota der einsame Held der Landstraße gewesen. Keine Traktoren, keine Anhänger mit Heu, keine Teenager, die den Sommernachmittag träge auf den Rücken von Pferden verbrachten.

Eigentlich hatte Helen die ganze Fitch Crossing Road für sich allein. Sollte Tessas Großmutter in diesem Haus sterben – und das hatte sie sich fest vorgenommen –, wäre ihr Leichnam sicherlich vertrocknet und mumifiziert, bevor jemand mitbekommen würde, dass sie nicht mehr da war.

Das Fenster knarzte und quietschte noch einmal. Tessa stellte sich vor, wie mittelalterliche Ritter begannen, siedendes Öl von Türmen auf die Eindringlinge zu gießen. Sie stellte die Füße wieder auf den Boden, legte ihre Hände in den Schoß und bemühte sich bewusst, die Verspannungen in ihrem Nacken zu lockern.

„Und vergiss das nicht!“, rief Helen.

Während der erste Papierangriff an einen Hagelsturm erinnert hatte, ähnelte dieser eher Schnee. Pastellfarbenen Schnee. Einer der kleinen Schnipsel segelte direkt vor Tessas Füße. Sie konnte erkennen, dass es die Ecke eines Schecks war. Wahrscheinlich einer der zahllosen, die ihre Mutter geschickt hatte – und die Helen nie eingelöst hatte. Tessa wartete darauf, dass das Fenster wieder zugeknallt wurde. Als endlich wieder Frieden herrschte, massierte sie sich den Nacken und sah sich um. Was war nur aus dem Hof geworden?

Helen kümmerte sich nicht um die Farm. Der alte Stoneburner Hof – wie er bis zum jüngsten Gericht genannt werden würde – war nie ein spektakuläres Anwesen gewesen. Es war ein Bauernhof, die Bleibe deutscher Immigranten, die heimlich Holz gefällt hatten, um daraus ihre erste Hütte zu bauen. Sie hatten die Felder mit Eseln und der Hilfe ihrer zahlreichen Söhne bestellt, und waren fröstelnd durch die von Bergen verdunkelten Nächte gezogen.

Helen, eine geborene Stoneburner, hatte die Farm fast sechzig Jahre lang so gut wie allein bewirtschaftet. Irgendwie hatte sie es geschafft, von den Erträgen zu leben und den Grund und Boden zu behalten, obwohl die Grundstückssteuern gestiegen waren. Lange hatte sie sich so durchgeschlagen, aber nun war es offensichtlich, dass diese Zeit vorbei war.

Das Land war verwahrlost. Auf dem Weg hatte Tessa auf der Auffahrt Schlaglöchern ausweichen müssen, die ungefähr so tief waren wie die Gräben, die die Straße säumten. Die Lilien und Pfingstrosen, die einst am Wegesrand blühten, wurden von Unkraut und hüfthohen Bäumchen überwuchert, und der Zaun, der den Gemüsegarten begrenzte, war kaputt und drohte umzukippen.

Auch das Haus wirkte heruntergekommen. Es gab in Virginia Tausende von Farmhäusern wie dieses: vor der Haustür eine breite, tiefe Veranda mit Blechdach, und eine weiße Holzverschalung, die eindeutig einen frischen Anstrich vertragen konnte. Eine Tür mit Fliegengitter trennte die hölzerne Haustür von der Außenwelt, um einen kühlen Luftzug und Nachbarn zu begrüßen.

Ein typisches Farmhaus, das zusehends verfiel. Die Probleme waren von außen offensichtlich und zu zahlreich, um sie aufzulisten. Und drinnen? Tessa mochte sich den Anblick kaum vorstellen. Alles, was sie wusste, war das, was aus den Erzählungen eines Nachbars alle wussten. Als Tessas Mutter Nancy Henry Whitlock ihr diese Unterhaltung geschildert hatte, war sie panisch durch die einzelnen Sätze gehetzt, als fürchte sie, niemals das Ende des Berichts zu erreichen.

„Ich habe keine Ahnung, woher Ron Claiborne überhaupt meine Telefonnummer hat, aber irgendwie hat er sie rausgefunden. Und dann will es wieder keiner gewesen sein, nehme ich an. Dann sagte er“ – und Nancy hatte seine Stimme imitiert: –, „‚Ma’am, es tut mir leid, es sag’n zu müssen, aber Ihrer Mama geht’s nich’ mehr gut. Sie geht nich’ mehr raus, un’ sie lässt auch kein’ mehr rein. Aber ich hab was geseh’n, durch die Tür. Un’ da is’ mir fast das Herz steh’ngeblieb’n. Sie wa’ immer so ordentlich … na ja, sie wa’ immer so … etepetete, wie alte Frauen nu’ mal sind. Wissen Se, was ich mein?‘“

An dieser Stelle hatte Nancy eine Pause gemacht, bevor sie mit ihrer eigenen, ungläubigen Stimme weitergesprochen hatte. „Als ob er dachte, ich wüsste wirklich nicht, worüber er redet.“

Tessa war sich immer noch nicht sicher, ob ihre Mutter über die Nachricht an sich oder eher über den Boten erschrocken gewesen war. Ein Claiborne? Ein trinkfester, lebenslustiger Claiborne zieht über eine Henry her? Tessa war natürlich die Erste gewesen, die Nancy angerufen hatte, nachdem sie das Telefonat mit Ron Claiborne beendet hatte. Nicht, dass Nancy sich von dieser oder irgendeiner anderen Unterhaltung aus der Fassung bringen ließ. Nein, Nancy war einem strikten Ritual gefolgt, das solche Situationen erforderten: Händeringen und Gestikulieren, Zähneknirschen vor Publikum, Litaneien der Sorte „Ich habe es dir ja gleich gesagt, dass es Probleme geben würde“ und „Wenn nur einmal jemand auf mich hören würde …“.

Was das Problem an sich betraf, konnten weder Nancy noch ihre Tochter das ganze Ausmaß erahnen. Helen hatte sich geweigert, Nancy oder Tessas Vater Billy in das Haus zu lassen, als sie sich selbst ein Bild hatten machen wollen. Stattdessen hatte Helen sich lieber mit ihnen im Stehcafé verabredet, das zum Walton-and-Smoot-Drugstore gehörte, aber auch erst, nachdem Nancy ihr mit dem Gesundheitsamt und dem Sheriff gedroht hatte.

Nancy zufolge hatte Helen bei dem Treffen ungepflegt ausgesehen, aber das sollte nichts heißen, denn Nancy brauchte jeden Morgen mindestens eine Stunde, um sich zurechtzumachen. Für sie gab es nichts Schlimmeres als ein liebloses Make-up.

Helen sei an dem Morgen mürrisch gewesen, hatte Nancy später berichtet. Auch das war nichts Neues. Menschen, die Helen kannten, sagten über sie, sie sei an guten Tagen eine muntere, starke und klare Persönlichkeit. Doch sie hatte selten gute Tage. Häufiger war sie übel gelaunt und mürrisch. Eine Frau, die sich nichts bieten ließ.

Also war dies alles in dieser Hinsicht nichts Neues gewesen. Dann jedoch hatte die Geschichte eine überraschende Wendung genommen: Helen hatte zugegeben – und das konnte Tessa noch immer nicht glauben –, dass sie langsamer wurde. Bill hatte sich nicht davon abbringen lassen, geduldig nachzufragen, und da hatte sie zugegeben, nein, sie könne nicht mehr so wie früher, und nein, das Haus sei nicht so sauber, wie es hätte sein sollen, und ja, sie wisse jetzt auch nicht mehr so recht weiter. Helen Stoneburner Henry, die starke Superfrau im Hauskittel, hatte eingeräumt, dass sie möglicherweise, aber auch nur möglicherweise, ein wenig Hilfe gebrauchen könnte.

Natürlich hatte Tessa gleich gewusst, wie die Unterhaltung weitergegangen war, auch ohne dass sie dabei gewesen wäre. Während Billy vorsichtig versucht hatte, mehr von Helen zu erfahren, hatte Nancy sicherlich die Leute vom Gesundheitsamt zitiert, mit denen sie gesprochen hatte: Es waren kleine, unwichtige Informationen, die Nancy zusammengetragen hatte, um eine alternde Verwandte für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Dann hatte sie wahrscheinlich zum Abschluss die Vorzüge jedes Altersheimes im Umkreis von zehn Meilen aufgezählt.

„Ihr werdet mich nicht in irgendein schickes Altersheim stecken, das Hunderte von Meilen von hier weg ist. Nicht, solange ich lebe. Und ihr kommt mir nicht mehr ins Haus. Jedenfalls nicht ohne Tessa. Die hat wenigstens noch ein Quentchen Verstand!“ Mit dieser wütenden Erklärung habe die Unterhaltung geendet, hatte Tessas Vater berichtet.

Also wartete Tessa. Der Spaß würde schon noch früh genug anfangen, und Tessa war wenig erfreut über die Ironie der Angelegenheit. Sie stand zwischen zwei Frauen, die sie wirklich nicht noch besser kennenlernen wollte, und würde mit ihnen den restlichen Sommer verbringen müssen. Sie würde die Zeit damit zubringen, den beiden wie zwei tänzelnden Boxern im Ring zuzusehen, die pausenlos Täuschungsmanöver durchführten. Darüber hinaus würde sie den ganzen Juli und August damit beschäftigt sein, das Haus zu streichen und zu reparieren, sollte es drinnen genauso aussehen wie draußen.

Aber war das wirklich wichtig? Was erwartete sie andererseits zu Hause in Fairfax? Wer wartete dort auf sie?

Eine Staubwolke verkündete, dass es tatsächlich noch Leben auf der Fitch Crossing Road gab. Tessa wandte den Kopf, um die Wolke beim Näherkommen zu beobachten. Im Zentrum des Staubwirbels war eine schwarze Limousine, der neue Mercedes ihrer Mutter. Nun bedeckte ihn der Sand von Fitch Crossing. Der Wagen wurde langsamer, und die Wolke legte sich. Nancy fuhr immer noch zu schnell, als sie in die Auffahrt einbog. Knapp verfehlte sie den Graben auf der einen Seite, steuerte zu stark gegen, aber es gelang ihr, das Auto gerade noch rechtzeitig auszurichten, um nicht in den anderen Graben zu rasen, der die Auffahrt säumte.

Tessa rührte sich nicht. Sie hatte das Gefühl, der restliche Sommer ginge in diesem Moment für sie zu Ende. Ihr Leben ginge zu Ende. Sie war nicht stark genug für das, was auf sie zukam. Sie würde nie wieder stark genug sein. Dennoch saß sie hier, die gehorsame Tochter, die besorgte Enkelin, die Friedensstifterin. Tessa MacRae, Highschool-Lehrerin für Englisch, Frau eines erfolgreichen Rechtsanwaltes, Überlebende. Die schwerste Zeit ihres Lebens hatte sie schon hinter sich, und sie erinnerte sich selbst daran, dass auch nichts passieren könnte, was das in den Schatten stellen würde.

Sie versuchte sich mit diesen Gedanken zu trösten, aber es gelang ihr nicht. Sie wartete ab, bis die Wagentür ins Schloss fiel und ihre Mutter die Hälfte des zugewucherten Weges zurückgelegt hatte, bevor sie aufstand.

Nancy Whitlocks Herz schlug immer schneller, wenn sie ihre Tochter sah. Dieses Phänomen hatte seinen Anfang bei Tessas Geburt im Kreißsaal genommen. Nach schmerzhaften, scheinbar ewig dauernden Wehen hatte Nancy so viele Schmerzmittel bekommen, dass ihr Herz eigentlich hätte stillstehen müssen. Aber ein erschöpfter Blick auf das verschrumpelte und verschmierte Baby, das sie aus sich herausgepresst hatte, reichte aus, um zu verstehen, dass alles, alles, was sie durchgemacht hatte, diesen einen Moment wert war.

Über die Jahre hatte Nancy darauf gewartet, dass die Eintönigkeit des Mutterdaseins einsetzen würde. Ihre Freunde integrierten ihre Kinder in das Alltagsleben. Sie sprachen über andere Dinge, freuten sich auf die Abende, die sie einmal wieder ausgehen konnten, machten regelmäßige Termine ab, um miteinander Tennis oder Golf zu spielen. Doch diese anderen Vergnügungen hatten für Nancy nie eine große Rolle gespielt.

Als sie jetzt auf ihre Tochter zuging, bemerkte sie, wie blass Tessa war. Sie hatte abgenommen und wirkte angespannt. Ihre sonst aufrechte Haltung verriet, wie müde sie war. Tessa stand auffällig ruhig da, als halte sie alle ihre Instinkte völlig unter Kontrolle. Nie war sie nervös. Falls es sie juckte, gab sie dem Reiz nicht in der Öffentlichkeit nach. Sie war eine Marmor-Madonna, erschreckend schön und beherrscht. Zumindest war sie das in Nancys Augen einmal gewesen: eine Schönheit, ausgeglichen und voller Anmut. Jetzt allerdings sah sie erschöpft aus, gequält und älter als siebenunddreißig Jahre.

„Ich wollte schon früher da sein.“ Nancy begann zu sprechen, bevor sie die Veranda erreicht hatte. Die Worte tropften langsam hervor und wurden dann zu einem Wasserfall. „Der Verkehr in Richmond war furchtbar. Dann musste ich noch tanken. Mittlerweile wäre ich fast verhungert. Ich hätte dir ein Sandwich mitgebracht, für alle Fälle, aber ich weiß ja, dass du so etwas nicht anrührst. Überhaupt isst du nicht genug. Du bist viel zu dünn! Warum bist du immer noch hier draußen? Oder bist du auch gerade erst angekommen?“

„Gram macht die Tür nicht auf. Und nein, ich war pünktlich hier.“

Der letzte Satz sollte keine Rüge sein. Tessa war nur sachlich.

Tessa war pünktlich. Selbstverständlich war sie pünktlich. Nancy war diejenige, die sich ablenken ließ, die stets vergeblich versuchte, irgendwo entspannt rechtzeitig anzukommen. Nancy wusste, dass sie oft genug alle, die sie liebte, mit ihrer Art enttäuschte. Entsprechend überging sie auch den zweiten Satz ihrer Tochter.

„Sie macht nicht auf? Warum liegen denn ihre Sachen hier herum?“ Sie deutete auf den Rosenstrauch. „Und was ist mit dem ganzen Papier?“

Tessa zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht ist sie krank.“ Nancy rannte die Stufen hoch so schnell sie konnte. Sie riss die Tür mit dem Fliegengitter auf und drehte die Klinke. Als nichts passierte, fing sie an, mit der Faust zu hämmern: „Mutter! Mutter!“

„Ich glaube nicht, dass das etwas bringt.“

Nancy hämmerte weiter. „Vielleicht ist ihr etwas passiert.“

„Solange nichts mit ihren Ohren ist, bringt uns das gar nichts.“

Abrupt hörte Nancy auf, die Tür zu bearbeiten. „Fällt dir vielleicht etwas Besseres ein, Tessa? Anscheinend hast du ja bisher nichts unternommen und hier nur herumgesessen. Wer weiß? Vielleicht liegt sie längst tot im Flur.“

„Sie war ganz lebendig, als ich hier angekommen bin, sehr lebendig, als sie die Sachen aus dem Fenster geschmissen hat, und ebenfalls lebendig, als sie das Fenster zugeknallt und die Vorhänge geschlossen hat.“

„Meinst du wirklich, sie will uns nicht hineinlassen?“

„So viel ist klar.“

Nancy trat einen Schritt zurück und starrte die Haustür an. Wie alles andere hier brauchte auch die eine neue Lackierung. Das Dach musste repariert werden; die Veranda benötigte neue Dielen; die Fenster mussten geputzt werden; das Fliegengitter in der Tür, die sich vor der eigentlichen Haustür befand, musste geflickt werden.

Die hölzerne Haustür hatte einige Generationen von Stoneburners überlebt, und das konnte man ihr ansehen. Nancy war vor vielen Jahren durch diese Tür hinausgegangen und hatte nie zurückgeblickt. Jetzt klopfte sie noch einmal kräftig daran, nur so.

„Ich glaube, sie wird schon irgendwann herunterkommen“, sagte Tessa. „Wenn sie uns lange genug bestraft hat.“

„Bestraft?“

„Dafür, dass wir darauf bestanden haben, dass sie so lebt, wie wir es für richtig halten.“

„Ich nehme an, du glaubst, ich hätte nicht das Recht dazu.“ Nancy konnte spüren, wie sie ihre Schultern hängen ließ. Sie war sechzig, aber sie sah jünger aus. Viel jünger, wenn sie ausgeruht und einigermaßen zufrieden war. Im Moment traf nichts davon zu. Zwischen ihren Brüsten, die in einem Büstenhalter eingeklemmt waren, wie ihn auch die eiserne Jungfrau getragen hätte, bahnte sich der Schweiß seinen Weg. Nancy hätte sich gern die figurformende Fein-strumpfhose vom Körper gerissen und sich damit an einem Pfosten der Veranda aufgehängt. Seit einer Woche hatte sie keine Nacht mehr durchgeschlafen, aus Sorge, was ihr in diesen Tagen bevorstehen würde. Die Tränensäcke unter ihren Augen warfen ihren eigenen Schatten, und sie hatte das Gefühl, sie könnte das zweite Kinn förmlich spüren, das ihr gerade wuchs.

Tessa seufzte nicht. Sie war ein ruhiger, dunkler See, und was immer unter der Oberfläche verborgen war, blieb unsichtbar. „Jetzt sind wir hier“, sagte Tessa. „Zum Umkehren ist es zu spät. Ich habe mir den Rest des Sommers freigehalten, genau wie du. Wir können eigentlich nur sitzen bleiben und erst einmal abwarten.“

„Worauf sollen wir warten? Sie hat sich eingeschlossen wie in einem Gefängnis.“

„Hast du keinen Schlüssel?“

„Wozu brauche ich einen Schlüssel? Sie schließt die Tür nie ab. Das habe ich ihr hundert Mal gesagt, dass sie die Tür abschließen soll …“

„Nun gut, es sieht so aus, als habe sie dieses eine Mal auf dich gehört.“

Nancy guckte ihre Tochter kurz an und sah den Schatten eines Lächelns um ihren Mund. Die beiden Frauen waren sich überhaupt nicht ähnlich. Tessa war groß und hatte schmale Hüften und kleine Brüste. Sie hatte leicht schräge grüne Augen und glatte braune Haare.

Nancy war zwar schon älter, aber sie sah sich immer noch als Teenager und Cheerleader. Stämmig, blond und so forsch, wie man mit Arthritis und Bluthochdruck eben forsch sein konnte. Ihre Haare kräuselten sich je nach Wetterlage; sie bekam Hitzepusteln in der Sonne. Sie machte regelmäßig Sport, um die ewig drohenden Pfunde loszuwerden, und ließ ihr Haar von dem besten Friseur in Richmond bändigen. Sie trug ein teures Sonnenschutzmittel unter einer noch exklusiveren Tagescreme und Rouge, mit dem sie versuchte, ihr eckiges Gesicht optisch ein wenig abzurunden.

„Ich glaube, sie will uns nur zeigen, wer hier der Boss ist“, sagte Tessa. „Wenn Gram sicher ist, dass wir verstanden haben, worum es ihr geht, wird sie uns bestimmt reinlassen. Bis dahin sollten wir es uns bequem machen.“

Nancy brauchte noch nicht einmal über diesen Vorschlag nachzudenken: „Nein.“

„Nein?“

„Hast du hinten geguckt, ob da die Tür offen ist?“

„Es wird abgeschlossen sein.“

„Also hast du sie nicht kontrolliert.“

„Ich hatte ein komisches Gefühl, einfach hineinzustürmen, wenn es ihr so offensichtlich wichtig ist, mich nicht hineinzulassen.“

„Also gut, dieses Problem habe ich nicht. Es gehören zwei dazu, dieses Spiel zu spielen. Sie ist nicht die einzige Henry, die dickköpfig ist. Ich habe eine lange Reise hinter mir, und ich werde die Nacht nicht hier auf der Veranda verbringen. Die Mücken werden uns auf…“

„Für Mücken ist es noch viel zu früh“, unterbrach Tessa sie. „Kannst du nicht einfach noch ein bisschen warten, ob sie uns nicht hineinlässt, jetzt, wo wir zu zweit sind?“

Nancy war kurz davor zu explodieren. Für diese Reise hatte sie ihr ganzes Leben, ihre ganzen Termine umorganisiert. Sie hätte die Chance gehabt, nächste Woche die Gastgeberin eines Brunchs des Gartenclubs zu sein. Auf diese Ehre hatte sie schon lange gewartet, und vielleicht würde sie diese Gelegenheit nie wieder bekommen. Sie hatte ihren Mann in Richmond gelassen und fürchtete nun, er habe zu viel Zeit, darüber nachzugrübeln, was alles in ihrer Ehe fehlte, jetzt, da sie nicht wie sonst immer bei ihm war. „Und wofür das alles?“ Nancy sprach es laut aus, als könne Tessa ihre Gedanken lesen. „Bestimmt nicht, um hier draußen zu stehen und darum zu betteln, in das innere Heiligtum des Hauses meiner Mutter eingelassen zu werden.“

Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging die Stufen hinunter. Nancy drehte sich nur einmal um, um zu sehen, ob ihre Tochter ihr folgte. Tessa kam nach, aber sie sah nicht glücklich aus.

„Gut“, sagte Nancy. „Wir finden es schon raus. Vom Obstkeller führt noch eine Tür in die anderen Kellerräume.“

Tessa antwortete nicht.

Die rückwärtige Haustür war ebenfalls abgeschlossen, und der Obstschuppen war verriegelt. Die meisten Fenster im Erdgeschoss waren geschlossen und wahrscheinlich auch fest abgeriegelt. Alle, bis auf eines. Nancy stand unter diesem Fenster, das in das Zimmer führte, das ihre Mutter den Salon nannte. Sie sah hinauf. Der Garten war an dieser Stelle etwas abschüssig, daher war das Fenster zu hoch und Nancy konnte nicht hineinsehen. Aber es stand offen. Weit offen, und es war groß genug, damit Nancy hineinklettern konnte.

„Bist du damals als Teenager immer so rausgeschlichen?“, fragte Tessa.

„Wohin hätte ich wohl schleichen sollen? Sieh dich doch um. Das hier ist Niemandsland. Wahrscheinlich gibt es sogar ein Straßenschild, das darauf hinweist, dass hier nichts ist. Ich bin sicher, dass ich am Anfang der Straße daran vorbeigekommen bin.“

„Du hattest doch sicherlich Freunde, die einen Wagen hatten.“

„Ich hatte keine Zeit für Freunde. Wenn ich mit allen Aufgaben fertig war, die mir deine Großmutter auftrug, war es zu spät, um Spaß zu haben.“

„Auch wenn es vielleicht eine gute Idee ist, durch ein Fenster hineinzuklettern, würde ich nicht vorschlagen, damit hier und jetzt anzufangen. Es ist zu hoch.“

Nancy registrierte den vernünftigen Ton in Tessas Stimme. Sie hörte sich eher an wie eine Mutter, die sich Mühe gibt, geduldig mit einem widerspenstigen Vorschulkind umzugehen. Ein Diplomat, der Kriegsparteien bittet, einzulenken. In dieser Hitze war das eine fatale Mischung. Nancy richtete sich zu ihren ganzen ein Meter vierundsechzig auf. „In der Garage steht eine Leiter. Früher jedenfalls stand dort eine.“

Tessa legte ihre Hand auf Nancys Arm. „Lass uns warten.“

Nancy schüttelte sie ab. „Also, wir müssen von vornherein die Regeln klären. Deine Großmutter darf nicht bestimmen, wie es hier diesen Sommer ablaufen wird. Wenn sie jedes Mal, wenn wir ihr helfen wollen, Barrikaden aufstellt, wird sich hier im Haus nichts verändern.“ Sie ging auf die freistehende Garage zu, die genauso verfallen war wie das Haus.

„Du zeigst ihr also, wer hier der Boss ist?“

„So würde ich das nicht ausdrücken.“

„Es ist egal, wie du es ausdrückst.“

Nancy wurde in ihrer Hast gebremst und wandte sich um: „Ich habe mit ihr zweiundzwanzig Jahre lang gelebt. Was auch immer du glaubst, über deine Großmutter zu wissen, ich weiß es besser.“

Tessa stand ruhig da, aber ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Sie verstand nicht, was ihre Mutter trieb – und würde es nie verstehen. Es war egal, wie sehr Nancy versuchte, an ihre Tochter heranzukommen und ihre Unterstützung zu gewinnen, Tessa würde ihre Mutter nie als etwas anderes als eine leichtgewichtige, hübsch verpackte Last empfinden. Genau wie ihr Vater.

„Es wird ein langer, heißer Sommer werden“, sagte Nancy. „Und er wird dir noch länger vorkommen, wenn du den Rest der Zeit damit verbringst, mich falsch einzuschätzen, Tessa.“

Ohne Tessas Reaktion abzuwarten, ging sie wieder zur Garage hinüber. Erst als sie ein lautes Klappen hörte, hielt sie inne und drehte sich um. Tessa zuckte mit den Schultern und trat ein wenig zurück, um das Fenster über ihrem Kopf sehen zu können.

Das Fenster, das gerade noch offen gewesen war, wurde nun fest geschlossen. Nancy sah zu, wie die alte Frau drinnen die Vorhänge zuzog und sich gegen die Welt draußen abschottete.

Panik war für Helen Henry ein alter Feind, den sie gewöhnlich überwältigen konnte, so wie sie mit ihren zweiundachtzig Jahren die meisten ihrer Feinde überwältigt hatte. Nun krallte er sich in ihre Eingeweide und legte seine Hände um ihren Hals, so dass sie kaum noch atmen konnte. Das lag zum Teil daran, dass im Haus mittlerweile kein einziges Fenster mehr offen war und die Innentemperatur langsam auf die 40 °C zuging. Aber eben nur zum Teil.

Sie stand mit ihrem Rücken an dem schmalen Streifen Wand neben dem Salonfenster und rang nach Atem. Als das Fenster noch offen war, hatte sie von dort mit anhören müssen, wie ihre einzigen lebenden Verwandten das Für und Wider diskutierten, ihr Haus zu stürmen. Erst dann unterlag sie der Angst, die schon seit einer Woche nur eine Handbreit entfernt war.

Jetzt waren sie hier. Früher oder später würden sie hereinkommen. Dann würden sie alles sehen.

Verzweifelt ließ sie den Kopf sinken. Sie bemerkte, dass ihr an ihrem blauen Hauskleid zwei Knöpfe fehlten, so dass es über ihren hängenden Brüsten auseinanderklaffte. Sie hatte Tausende Knöpfe, die sie hätte annähen können, aber es fehlte ihr die Energie dazu. Ihre Figur war birnenförmig, und sie trug dieses Kleid und andere, die ähnlich geschnitten waren, um ihre breiten Hüften zu verbergen. Gebärfreudiges Becken, hatte ihre Mutter ihr damals gesagt. Leider nur zu wahr, dachte Helen grimmig.

„Mutter!“

Auf Nancys Ruf knirschte Helen mit den Zähnen, die größtenteils noch ihre eigenen waren. Es war allgemein bekannt, dass die Zähne eines Stoneburners ihre Besitzer häufig überlebten. Sie überlegte kurz, ob sie dafür beten solle, dass auch sie im Vollbesitz ihrer Zähne sterben möge, und zwar auf der Stelle. Aber sie bezweifelte, dass sie der Herr nur auf Grund solch eines fadenscheinigen Vorwands zu sich nehmen würde. Sie musste sich das Beten aufsparen, für den Fall, dass es richtig ernst werden würde.

In dieser Situation musste sie entweder einlenken oder zum Angriff übergehen. Ängstlich war sie nicht. Sie hatte es in ihrem Leben nicht leicht gehabt, aber sie war durchgekommen. Sie hielt die Panik mit einer Hand in Schach, während sie mit einer Machete in der anderen einen Pfad durch ihren persönlichen Dschungel schlug. Die Hand, die das Messer hielt, war das Einzige, was sie nach außen preisgab. So hielt sie es seit dem Tod ihres Mannes, und diese Seite musste sie auch jetzt zeigen.

Wenn sie diese Hand jetzt nicht ins Spiel brachte, würden ihre Tochter und ihre Enkelin ihre anderen, verletzlichen Seiten sehen. Sie würden sich auf sie stürzen, und durch ihre Schwäche wäre sie eine leichte Beute. Vor ihrem inneren Auge sah sie Nancy und Tessa mit Wolfskörpern, und sie war darüber nur wenig beschämt.

„Mutter!“

Sie dachte, gehört zu haben, wie Tessa versuchte, ihre Mutter zum Schweigen zu bringen. Sie hätte ihrer Enkelin sagen können, dass alle Versuche in diese Richtung vergebens waren. Allerdings war sie sich sicher, dass Tessa das selbst wusste, aber nicht anders konnte. Nach außen erschien Nancy vielleicht flatterhaft, manchmal sogar töricht, aber Helen kannte die eiserne Entschlossenheit, die ihre Tochter auch auszeichnete. Was sie wollte, bekam sie normalerweise. Und so und nicht anders war sie es auch gewöhnt.

Helen zog den Vorhang ein kleines Stück zur Seite und linste aus dem Fenster. Die beiden Frauen standen immer noch da, während die Sonne auf sie niederbrannte. Nancy verblühte wie eine Nelke im Sonnenlicht. Helen verspürte einen Hauch von Sympathie zu ihrer Tochter. Der Schweiß rann ihr den eigenen Rücken herab, und das Kleid war auch unter ihren Armen nass. Unglücklicherweise war sie selbst diejenige, die alle diesen Qualen aussetzte.

Helen ließ den Vorhang zurückfallen und richtete sich auf. Es war so weit. Wenn sie noch länger wartete, hätte sie dazu nicht mehr die Kraft. Sie hatte keine andere Wahl, und ihre einzige Chance bestand darin, so zu tun, als hätte sie alles im Griff, auch wenn das nicht der Wahrheit entsprach.

Sie bahnte sich ihren Weg zur Haustür und versuchte, nicht allzu genau den Zustand der Zimmer auf dem Weg dorthin wahrzunehmen. Der schwere Riegel quietschte, als sie ihn zurückschob, als sei er nicht häufig benutzt worden – was zutraf. Die Luft, die hereinströmte, war zwar heiß, aber immerhin war es ein Luftzug. Sie atmete tief ein; dann schloss sie hinter sich die Tür, trat unsicher auf die Veranda hinaus und ging zur Brüstung.

Der Morgenmantel und das Nachthemd, die sie aus dem Fenster geworfen hatte, lagen ganz in der Nähe, sie hätte danach greifen können. Erneut überkam sie ein Gefühl der Scham. Bislang hatte sie keins der beiden Kleidungsstücke je getragen. Sie hatte noch genug alte, die sie auftragen konnte. Aber manchmal hatte sie sie aus dem Schrank genommen, um sie anzuschauen und den seidigen Stoff mit ihren schwieligen Fingerspitzen zu berühren. Sie nahm das Hemd und den Morgenmantel vom Boden und legte sie über den Arm. Dann streckte sie die Hand nach einem Pullover aus, den Nancy ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Die Zweige der Stechpalme pieksten ihr in die Finger.

Die beiden waren noch nicht wieder nach vorne gekommen. Aber sie war sich sicher, dass sie schon unterwegs waren. Welcher Dummkopf würde lange in der prallen Sonne stehen, wenn es nicht unbedingt sein musste? Sie überlegte, was eine gute Begrüßung wäre, wenn sie die beiden sah.

Aber sie hatte keine Zeit mehr, sich Worte zurechtzulegen.

Zuerst tauchte Tessa auf, was nicht weiter verwunderlich war, denn Nancy war wahrscheinlich noch damit beschäftigt, einen Plan auszuhecken und sich unnötigerweise aufzuregen. Tessa hielt inne, als sie ihre Großmutter auf der Veranda sah, aber sie sagte nichts. Dafür bekam sie von Helen Pluspunkte. Sie konnte sich darauf verlassen, dass Tessa kein Theater veranstalten würde. Ihre Enkelin war in Krisenzeiten so souverän wie Jackie Kennedy.

„Dann kommt halt rein.“ Helen machte einen Schritt auf die Tür zu. „Es hat nicht den Anschein, als würdet ihr meine Andeutungen verstehen und endlich nach Hause fahren.“

„Ich hatte Angst, du würdest anfangen, die ganzen Möbel aus dem Fenster zu schmeißen.“ Tessa ging die Treppe hinauf und hielt auf der obersten Stufe an. „Wie geht es dir, Grandma?“

„Genauso, wie es mir ging, als du mich das letzte Mal gefragt hast. Und da damit deine Frage beantwortet ist, kannst du jetzt auch wieder gehen.“

Nancy bog um die Ecke und starrte ihre Mutter an. „Ich nehme an, du findest das witzig, Mutter? Steht nicht in der Bibel, man soll Gäste willkommen heißen?“

„Vielleicht halten einige Leute eine Klapperschlange, die sich die Stufen hinaufwindet, für einen Gast, aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir, mich nicht blind auf Bibelverse zu verlassen.“

Nancy ging auf sie zu. „Redet eine Christin so über ihre Lieben, die ihr helfen wollen?“

Helen wich nicht von der Stelle. „Ich habe euch nicht darum gebeten.“ Nancy wollte gerade etwas erwidern, als Tessa einen Schritt vorwärts machte und sich mit entschiedener Miene zwischen die beiden Frauen stellte.

„Hört zu“, sagte Tessa. „Wenn ihr beiden nicht aufhört euch anzuzicken, wird dieser Sommer für uns alle furchtbar. Grandma, es wäre nett gewesen, wenn du mich gleich hineingelassen hättest, als ich angekommen bin. Aber ich nehme an, es ist dein Recht, mich warten zu lassen. Es ist schließlich dein Haus.“

„Da hast du verdammt recht.“

„Und du hattest auch das Recht, dir um Gram Sorgen zu machen“, wandte sich Tessa an ihre Mutter.

„Wir brauchen keinen Schiedsrichter, Tessa, und natürlich habe ich mir Sorgen gemacht.“

Tessa ging ein Stück zurück, um beide ansehen zu können. „Lasst uns einfach hineingehen und den Rest vergessen.“

Helen wusste, dass dies der Augenblick war, um noch ein letztes Mal pathetisch zu werden. „Ich will euch hier nicht haben. Ich kann sehr gut für mich alleine sorgen. Das tue ich schließlich schon seit Jahren.“

Nancy wollte anfangen, all die Anzeichen aufzulisten, nach denen Helen offensichtlich für niemanden sorgen konnte, aber Tessa unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Lass uns dir helfen“, sagte sie zu ihrer Großmutter.

Helen atmete tief ein und wurde still. Hilfe. Dieses Wort hatte für sie nur eine vage Bedeutung. Andere mochten sich etwas darunter vorstellen, sie nicht. Doch sie bemerkte den Gesichtsausdruck ihrer Enkelin. Tessa war wie Helen, selten zeigte sie ihre Gefühle. Aber jetzt, in diesem Moment, war Besorgnis in ihren Augen zu lesen. Es war die Sorge eines Menschen um einen anderen, nicht die Angst eines Verwandten, die tief aus dem Herzen kommt und auf schönen, gemeinsamen Erinnerungen beruht. Helen besann sich wieder. Sie hatte keine andere Wahl.

„Ich will kein Wort hören, versteht ihr? Ich will kein Wort davon hören, dass ich den Hof vernachlässigt habe. Glaubt ihr, ich wüsste das nicht?“

Tessa antwortete nicht. Nancy seufzte. „Lasst uns einfach hineingehen.“

„Es ist mir egal, was ihr denkt“, sagte Helen. „Ich gehe hier nicht weg. Es sei denn, der Herr nimmt mich zu sich.“ Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern drehte sich um und humpelte steif zum Haus.

Sie hörte, wie hinter ihr Tessa ihrer Mutter zuflüsterte: „Du hast gehört, was sie gesagt hat, oder?“

„Mein Gehör ist ausgezeichnet.“

Helen wies die beiden nicht darauf hin, dass auch sie ausgezeichnet hören konnte. Sie schob die Tür auf und ging dann ein Stück zur Seite. Sie sah die beiden anderen an.

Auf der Schwelle machte Tessa einen Schritt aus dem Weg, um ihre Mutter zuerst hineingehen zu lassen. Helen sah Nancy an, deren Augen einen Moment brauchten, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Tessa kam nach ihr in den Flur und pfiff leise durch die Zähne. Und nach dieser Warnung sprach sie als Erste.

„Mein Gott“, sagte sie leise zu sich selber.

Ohne hinzusehen wusste Helen genau, was ihre Tochter und ihre Enkelin sahen. Stapel, Stapel und noch mehr Stapel, die an den Wänden standen, die nichts als schmale Gänge in der Mitte des Raumes freiließen und die sich zu Festungen auftürmten, die sich bis knapp unter die Decke erstreckten. Müslipackungen zu dünnen Paketen zusammengelegt, leere Marmeladengläser, die vor den Fenstern standen und im Sonnenlicht glitzerten, Zeitschriften und Bücher, die sie aus den Mülleimern in Toms Brook, Mauertown und Woodstock gerettet hatte und die ignorante Mitbürger wegwerfen wollten. Decken und Handtücher waren sorgsam zusammengelegt und formten einen eigenen Stapel. Defekte Küchengeräte, die sie irgendwann einmal reparieren würde, sobald sie die rechten Ersatzteile gefunden hätte, Plastiktüten, die mit Plastiktüten gefüllt waren – war es nicht Verschwendung, sie wegzuwerfen, wenn man sie noch einmal benutzen konnte? Kataloge aus dem Gartencenter, deren Abbildungen zu schön waren, um sie sich nicht noch einmal anzuschauen, Plastikblumentöpfe, die darauf warteten, neu bepflanzt zu werden.

Und noch mehr Dinge, viel mehr.

„Nun guckt nicht so. Es sind nur meine Sachen“, bemerkte Helen. „Ich benutze das alles noch. Einige lernen es eben nie, klarzukommen, zu sparen und mit ihren Dingen sorgsam umzugehen oder Altes noch einmal zu benutzen, anstatt alles wegzuschmeißen und immer neu zu kaufen. Ich jedenfalls bin stolz darauf, dass ich es anders mache. Es gibt nichts, was ich brauche und nicht hier habe. Überhaupt nichts! Und wer kann das schon von sich behaupten?“

Weil sie den Schock und das Mitleid in den Gesichtern der beiden einzigen Menschen, die sie auch nur ein wenig liebten, nicht mehr ertragen konnte, drehte Helen sich um. Sie ging die vollgestellte Treppe hinauf, den Flur entlang und in ihr Schlafzimmer. Dort schloss sie die Tür hinter sich.

2. KAPITEL

Tessa wurde plötzlich klar, dass Nancy sich hinsetzen musste, um sich von diesem Anblick zu erholen. Aber natürlich gab es keinen freien Stuhl, alle Sitzgelegenheiten dienten als Unterlagen für einen Stapel „Zeug“, wie Helen es ausdrückte. Also half Tessa ihrer Mutter, dicke Musterbücher mit Tapeten und Polsterstoffen von einem Sessel zu heben, der in der Ecke stand. Sie mussten einige Male gehen, um die Bücher auf die Veranda zu bringen, weil sonst nirgendwo Platz für den Kram war oder er einen der Pfade in die restlichen Räume vollgestellt hätte.

Nachdem Tessa den letzten Rest nach draußen bugsiert hatte, fand sie Nancy in der Ecke. Sie hatte den Kopf auf die Hände gestützt.

„Nun gut“, räumte Tessa ein. „Es ist schlimmer, als wir es uns vorgestellt haben.“

„Ich warte nur darauf, dass mir eine Ratte über die Füße läuft.“

Zum ersten Mal übertrieb Nancy hier nicht. Das Haus sah wirklich danach aus. Wenn man einen Stapel aus der bisherigen Ordnung brachte, würde man bestimmt ein Dutzend Kakerlaken aufschrecken. Vielleicht hatte Helen auch angefangen, Nagetiere zu sammeln, in der Hoffnung darauf, die Tierchen seien irgendwann zu irgendetwas nütze.

„Was glaubst du, hatte sie mit den Tapeten- und Bezugsmustern vor?“, fragte Nancy. „Vielleicht wollte sie diese ganzen Stapel übertapezieren, damit wir sie nicht mehr sehen können?“

„Es klebt ein Etikett darauf. Sie stammen von einem Inneneinrichter aus Strasburg. Ich nehme an, sie sah sie in einem Müllhaufen liegen, als sie in der Stadt war. Sie hat sie mitgenommen.“

Nancy stöhnte.

„Du hattest recht.“ Tessa konnte einem anderen Menschen recht geben, wenn es angemessen war, obwohl sie sich dabei seltsam fühlte. „Ich nehme an, ich dachte …“ Sie wusste nicht, wie sie ihre Gedanken ausdrücken sollte.

„Du dachtest, ich würde hier ein Problem erfinden, weil ich sonst nichts Besseres zu tun habe.“ Nancy sah sie an. „Denkst du, ich wüsste das nicht?“

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um in die Mysterien unserer Beziehung abzutauchen. Ich wollte dir nur sagen, dass es mir leidtut, dass ich das Ausmaß des Problems falsch eingeschätzt habe.“

„Es ist ernst.“ Nancy deutete mit einer Handbewegung in den Raum. „Ein Streichholz, Tessa, ein Funken würde reichen, um das alles in Flammen zu setzen.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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