Sommerliebe in den Dünen - Julia K. Rodeit - E-Book

Sommerliebe in den Dünen E-Book

Julia K. Rodeit

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Beschreibung

Nach einer Autopanne strandet die engagierte Rechtsanwältin Julie in einem winzigen Dorf an der Ostsee. Und dort ausgerechnet auf dem maroden Schröder-Hof, dessen Verkauf ihr Chef vorantreiben soll. Bisher erfolglos, denn der Besitzer sträubt sich und so sieht Julie die Chance, sich beruflich zu profilieren und bei ihrem Chef zu punkten. Spontan beschließt sie, als Gast getarnt an neue Informationen zu gelangen. Als sie dann die freundliche Familie und das Leben auf dem Hof näher kennenlernt, fällt Julie ihr Plan immer schwerer. Nicht ganz unschuldig daran ist der charmante Hofbesitzer David, der ihr Herz zunehmend zum Stolpern bringt. Bald steht Julie vor der Entscheidung: Herz oder Kopf? Liebe oder Karriere?

Mit leckeren Ostsee-Rezepten zum Nachkochen.

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Über das Buch

Nach einer Autopanne strandet die engagierte Rechtsanwältin Julie in einem winzigen Dorf an der Ostsee. Und dort ausgerechnet auf dem maroden Schröder-Hof, dessen Verkauf ihr Chef vorantreiben soll. Bisher erfolglos, denn der Besitzer sträubt sich und so sieht Julie die Chance, sich beruflich zu profilieren und bei ihrem Chef zu punkten. Spontan beschließt sie, als Gast getarnt an neue Informationen zu gelangen. Als sie dann die freundliche Familie und das Leben auf dem Hof näher kennenlernt, fällt Julie ihr Plan immer schwerer. Nicht ganz unschuldig daran ist der charmante Hofbesitzer David, der ihr Herz zunehmend zum Stolpern bringt. Bald steht Julie vor der Entscheidung: Herz oder Kopf? Liebe oder Karriere?

Mit leckeren Ostsee-Rezepten zum Nachkochen

Über Julia K. Rodeit

Julia K. Rodeit ist das Pseudonym der Krimi-Autorin Katrin Rodeit, die mit ihrer Familie am Rande der Schwäbischen Alb wohnt.Weil das Ermorden von Menschen auf Dauer recht anstrengend und mitunter auch langweilig wurde, hat sie beschlossen, als Julia K. Rodeit ihre romantische Seite zum Vorschein zu bringen. Dabei entführt sie ihre Leserinnen und Leser an traumhafte Orte auf dieser Welt.

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Julia K. Rodeit

Sommerliebe in den Dünen

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Rezepte

Kutterscholle mit Schwenkkartoffeln und Remoulade (für 2 Personen)

Waffeln mit roter Grütze

Helgas Krabbensalat

Helgas Grog

Impressum

Kapitel 1

Mach schon, flehte Julie Sommer stumm. Sie versuchte, ihr Gegenüber allein mit der Kraft ihrer Gedanken dazu zu bewegen, endlich die Unterschrift auf den Vertrag zu setzen.

Aufmerksam musterte sie Herrn Bühler. Der distinguiert aussehende Herr mit dem schlohweißen, vollen Haar kämpfte merklich mit sich. Seine Augen huschten über das Papier. Den teuren Füller drehte er unablässig zwischen den Fingern, während sich seine Zähne in die Unterlippe gruben.

In ihrem Inneren sah es kein bisschen besser aus, doch sie ließ sich nichts anmerken. Julie hatte viel Geld und Energie darauf verwendet, sich ein Pokerface anzutrainieren.

Verstohlen wischte sie ihre feuchten Hände am Rock ab. Zwischen ihren Brüsten hatte sich ein feines Rinnsal gebildet, das langsam hinunterlief, ehe es sich im Bauchnabel sammelte.

Endlich zuckte seine Hand und der Füller bewegte sich in Richtung der gestrichelten Linie auf dem Papier, das auf dem Tisch lag.

Sie hörte, wie ihr Mandant, Herr Schonknecht, neben ihr scharf die Luft einsog. Ohne ihren Blick von Herrn Bühler zu lösen, legte sie beruhigend ihre Hand auf Schonknechts Arm.

Als der edle Stift den Vertrag berührte, stockte auch ihr für einen Moment der Atem. Dann vernahm sie das kratzende Geräusch der Metallfeder auf dem Papier und schloss für einen winzigen Moment die Augen. Von ihrem Herzen polterte ein wahrer Felssturz. Herr Schonknecht stieß die Luft aus und seufzte tief.

Sie hätte es ihm zu gern gleichgetan. Aber das konnte sie sich nicht erlauben. Julie strich ihren Rock glatt, ehe sie möglichst lässig aufstand, um den Tisch herumging und Herrn Bühler souverän die Hand reichte. Auch jetzt gestattete sie sich keinen Moment der Schwäche und griff beherzt zu.

»Herzlichen Glückwunsch, Herr Bühler. Ich versichere Ihnen, Sie haben das Richtige getan.« Ihre Stimme zitterte kein bisschen. »Ihr Unternehmen ist bei Herrn Schonknecht in den besten Händen. Er wird alles dafür tun, um die Familientradition fortzuführen.«

Herr Bühler stand auf. Mit beinahe einem Meter neunzig und der Statur eines Kugelstoßers war er eine imposante Erscheinung. Trotz des fortgeschrittenen Alters wirkten seine Augen wach und sein Blick ruhte auf ihr. Da er sie um mehr als einen Kopf überragte, musste sie trotz ihrer hochhackigen Schuhe nach oben blicken.

»Sie sind eine harte Verhandlungspartnerin, Frau Sommer.« Er hörte sich keineswegs verärgert an. Vielmehr schwangen Respekt und Wohlwollen in seiner Stimme. »Sie werden es sicher noch weit bringen.«

»Das hoffe ich doch«, antwortete sie und erlaubte sich nun doch ein Lächeln.

Sie mochte Herrn Bühler. In den letzten Wochen und Monaten hatte sie viele Gespräche mit ihm geführt. Er war ein angenehmer Mensch.

Mit ungeheurem Willen hatte er Anfang der Siebzigerjahre aus einer Idee und ein paar Apfelbäumen einen Familienbetrieb zur Saftherstellung gemacht. Mittlerweile war das Unternehmen gewachsen und verarbeitete nicht mehr nur einheimisches Obst, sondern auch exotische Früchte aus aller Herren Länder. Dabei achtete er von Beginn an darauf, dass der Anbau nachhaltig und die Entlohnung der Arbeiter angemessen war. Das machte das Endprodukt zwar etwas teurer, aber den Unterschied schmeckte man, davon hatte Julie sich selbst überzeugt.

Sie hoffte ehrlich, mit Herrn Schonknecht einen Mann gefunden zu haben, der die Firma im Sinne des alten Herrn weiterführte.

Herr Bühler ließ ihre Hand los und wandte sich seinem Nachfolger zu.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte er mit sonorer Stimme. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Halten Sie mein Lebenswerk in Ehren.«

»Selbstverständlich werde ich alles dafür tun, um die Firma in Ihrem Sinne fortzuführen.« Verbindlich schüttelte Herr Schonknecht dem älteren Herrn die Hand. »Sie haben Großartiges geleistet, das verdient jeden Respekt.«

Julie brauchte einen Moment für sich. Niemand sollte mitbekommen, wie die Situation auch an ihren Nerven gezerrt hatte. Sie entschuldigte sich und suchte die Toiletten auf. Als die Tür hinter ihr zuschlug, lehnte sie sich einen Moment dagegen und schloss mit einem erleichterten Aufseufzen die Augen.

Das war die Chance gewesen, auf die sie lange gewartet hatte.

***

David Schröder nippte an seinem Kaffee. Er starrte auf die Unterlagen, die vor ihm auf dem Tisch lagen, als enthielten sie die Lösung für seine Probleme. Dort würde er sie nicht finden. Im Gegenteil. Schonungslos offenbarten die Zahlen, was er längst wusste: Wenn nicht in absehbarer Zeit ein Wunder geschah, würde er den Schröder-Hof verkaufen müssen. Der Unterhalt für die Stallungen, das große Gut und die Tiere brauchten mehr auf, als sie durch den Reitunterricht und die Pension im Moment einnahmen. Und die Gästezahl sank.

David fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. In seinem Magen hatte sich ein unangenehmer Knoten gebildet. Wie sollte er das seiner Mutter beibringen?

Seit Wochen wälzte er die Zahlen auf der Suche nach einem Ausweg. Doch die Lage verschlimmerte sich. Längst hatte er die eisernen Reserven angegriffen, um den Tierarzt zu bezahlen, weil eines der Pferde kürzlich eine Kolik gehabt hatte.

Gedankenverloren sah er zum Fenster hinaus. Für einen Augenblick musste er seine Konzentration auf etwas anderes als die Wahrheit lenken.

Die Koppel mit den Einjährigen lag direkt hinter dem Haus. Die jungen Pferde waren wilder als die älteren und ihr Tatendrang ließ sie übermütig über die grünen Wiesen springen. In der Ferne glitzerte das Wasser der Ostsee verlockend in der Sonne.

Müde stand er auf und ging zum Fenster. Abwesend trank er einen weiteren Schluck Kaffee. Wo sollten sie wohnen, wenn all das Geschichte war? Sicher bekamen sie für den Hof noch eine ordentliche Summe. Allein Grund und Boden waren einiges wert. Doch sie würden all das verlieren, was für sie Heimat bedeutete.

Er seufzte, während er seiner sechsjährigen Nichte Emily dabei zusah, wie sie in Richtung der Koppel rannte. Sie trug ein T-Shirt und kurze Hosen, ihr Haar flatterte im Wind. Wenn seine Schwester ihre Tochter so sehen könnte, würde sie den Kopf schütteln. Patricia hätte aus dem kleinen Mädchen gern eine Prinzessin mit hübschen Flechtfrisuren und niedlichen Kleidchen gemacht. Doch das Kind dachte nicht daran, mit ihren Puppen zu spielen, deren Anzahl erstaunlich hoch war. Sie lagen alle unberührt in der Ecke, während Emily lieber in den Ställen mit Kebab, dem Hofhund, und Lucky, der Katze, spielte. Oder unerschrocken auf den Rücken der größten Pferde kletterte und sich die Knie beim Fangenspielen mit dem Nachbarjungen aufschlug. Sie fiel abends lieber mit Matschflecken ins Bett und sträubte sich vehement gegen warmes Wasser.

Emily war ein kleiner Wildfang und David liebte sie abgöttisch. Er sah ihr zu, wie sie behände über den Zaun kletterte und sich den jungen Pferden langsam und mit ausgestreckter Hand näherte. Ein Glück, dass Patricia nicht hier war. Sie würde einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Doch Emily kümmerte sich nicht um das, was ihre Mutter ihr unzählige Male vorgebetet hatte. Mit ausgestreckter Hand näherte sie sich ruhig einem Fuchs und blieb ein paar Meter entfernt stehen. Es dauerte einige Augenblicke, in denen sich Kind und Tier scheinbar musterten.

Unbeweglich stand sie da, die Hand ausgestreckt, und sah den Fuchs unverwandt an. Der setzte sich zögernd in Bewegung und ging vorsichtig, wie magnetisch angezogen, auf das Mädchen zu.

David kroch ein Kribbeln den Rücken hinauf und er fühlte, wie sich die feinen Härchen auf seinem Unterarm aufrichteten. Das Pferd, das jetzt vorsichtig an Emilys Hand schnupperte, war ein im letzten Jahr geborener Hengst. Der wildeste von allen. Er ließ kaum jemanden an sich heran, scheute nervös, wenn man sich ihm näherte, und drehte um, sobald man auf ein paar Schritte an ihn herangekommen war, ehe er davongaloppierte. Ihn an das Halfter zu gewöhnen, hatte einer Sisyphusaufgabe geglichen.

Emily stand noch immer unbeweglich da und ließ den jungen Hengst schnuppern. Zögerlich trat das Pferd einen weiteren Schritt näher, dann noch einen. Jetzt fuhr sie mit den Fingern zärtlich über seine Nüstern und legte schließlich die Stirn gegen seinen Kopf. David sah, wie sich ihre Lippen bewegten. Jetzt vergrub sie die Nase in der Mähne des Tieres und streichelte mit ruhigen Bewegungen seinen Hals.

David seufzte. Wenn nicht bald etwas geschah, würden sie alle ihr Zuhause verlieren.

Es klopfte an der Tür und er sah auf.

»Hallo David.« Seine Schwester legte den Kopf in den Nacken und lächelte ihn von unten herauf an. Die blonden Haare und das eigentümlich dunkle Blau ihrer Augen, das ihn manchmal an die See erinnerte, waren ein Erbe der Vorfahren ihrer Mutter, während er sein fast schwarzes Haar und die braunen Augen von väterlicher Seite hatte.

Auch sie liebte er. Das war nicht immer so gewesen. Als Kinder hatten sie oft gestritten, wenn es darauf ankam, aber immer zusammengehalten. Als sie geheiratet hatte und ein Kind bekam, wurde er stolzer Patenonkel. Und als ihr Mann sie wegen einer anderen in der Stadt verließ, war er in eine Ersatzvaterrolle gerutscht.

»Das Essen ist fertig. Hör auf, über dem Papierkram zu brüten.« Mit einem unbekümmerten Blick streifte sie die über den Schreibtisch verteilten Unterlagen.

Sie hat keine Ahnung, wie schlimm es steht, dachte David düster.

»Was gibt es denn?« Er löste sich vom Fenster. »Ich habe einen Bärenhunger.« Er hoffte, dass der Appetit beim Essen kam, sonst merkte sie unweigerlich, dass ihn etwas bedrückte.

»Ich habe Lasagne gemacht. Mama ist auch schon drüben. Ich hatte Emily geschickt, dich zu holen.« Sie seufzte und zuckte mit der Schulter. »Aber du weißt ja, wie das Kind ist. Vermutlich jagt sie einem Käfer hinterher, den sie unterwegs gesehen hat, und vergisst darüber, was ich ihr aufgetragen habe.«

David lachte leise. Wenn Patricia wüsste ...

»Ist nicht weiter schlimm, du hast mich ja gefunden.« Gutmütig legte er einen Arm um ihre Schultern und drehte sie in Richtung der Tür. Nicht, dass sie am Ende sah, wie Emily mit dem scheuen Hengst schmuste.

»Du bist nicht streng genug mit dem Kind«, klagte seine Schwester, während er sie zur Tür hinausschob.

»Du sagst es doch selbst: Sie ist ein Kind. Erinnerst du dich nicht mehr daran, wie wir früher ausgebüxt sind, wenn Mama Leber zum Mittagessen gemacht hat? So schnell konnte sie gar nicht schauen, wie wir weg waren.«

Patricia kicherte. »Das darfst du Emily aber nicht sagen.«

»Hatte ich nicht vor. Ich wollte dich nur daran erinnern, dass du auch mal ein Kind warst, Fräulein Naseweis.«

Patricia stupste ihn mit dem Ellbogen in die Seite. »So hast du mich ewig nicht mehr genannt. Das habe ich als Kind gehasst.«

David lachte aus vollem Hals. »Ich weiß.« Er merkte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel. Irgendeinen Ausweg würde er schon finden. Dann mussten sie den Gürtel vorübergehend ein wenig enger schnallen.

»Geh rüber zu Mama. Ich sehe zu, ob ich Emily finde, und bringe sie zum Mittagessen mit.«

»Danke, du bist ein Schatz.« Patricia seufzte. »Bevor ich es vergesse, Björn hat dich vorhin gesucht. Irgendwas mit dem Vergaser des Treckers stimmt nicht. Er meint, das Ding macht es nicht mehr lang. Kein Wunder, so alt wie der ist.«

Sie sagte das unbekümmert dahin, doch David hatte das Gefühl, eine unfreiwillige Dusche mit Eiswasser genommen zu haben.

Kapitel 2

Bis Julie sich endlich loseisen konnte, war es später, als sie beabsichtigt hatte. Herr Bühler hatte sie gebeten, auch der Mitarbeiterbesprechung beizuwohnen, die er und Herr Schonknecht abhalten wollten, um die Belegschaft von den Veränderungen zu informieren. Anschließend hatte er es sich nicht nehmen lassen, sie und seinen Nachfolger zu einem Abendessen einzuladen.

Julie brachte es nicht über das Herz, dem älteren Herrn eine Absage zu erteilen, nachdem Herr Schonknecht sich bereits entschuldigt hatte. Für sein Lebenswerk zollte sie ihm Respekt, außerdem war er ihr sympathisch.

»Was sind Ihre Pläne für den Ruhestand?«

»Oh, meine Frau hat mir dringend geraten, mir ein Hobby zu suchen.« Er kicherte. »Am besten mehrere, meinte sie. Wahrscheinlich hat sie Angst, dass ich ihr den Haushalt durcheinanderbringe.«

Julie grinste in sich hinein. Sie erinnerte sich noch gut daran, als ihr Vater nach seiner Tumorerkrankung in den Vorruhestand getreten war. Das hatte anfangs zu großen Spannungen zwischen ihren Eltern geführt.

»Bei uns war es ähnlich. Meine Mutter kam überhaupt nicht damit zurecht, als mein Vater plötzlich zu Hause war. Mittlerweile züchtet er Fische und beide haben wieder ihren Freiraum.«

Herr Bühler legte die Stirn in Falten und hob zu einer Erwiderung an, wurde aber vom Kellner unterbrochen, der die Vorspeise servierte.

Julie kostete vorsichtig von der Brunnenkressesuppe mit Krabben und war begeistert. »Das werde ich vermissen.« Sie seufzte. »Den frischen Fisch und die Krabben an der See«, ergänzte sie auf den fragenden Blick ihres Gegenübers hin.

»Sie können uns jederzeit gern besuchen.«

Herr Bühler wirkte gelöster, seit er den Vertrag unterschrieben hatte. Mittlerweile hatte er sogar das Sakko und die Krawatte abgelegt.

»Vielleicht werde ich das.« Julie aß mit Genuss ihre Suppe. »Von München ist es nur ein bisschen weit hierher.«

»Nun, da wird sich sicher eine Gelegenheit finden.«

Als der Hauptgang, Heilbutt mit Gemüse und Reis, serviert wurde, nahm Herr Bühler den Faden wieder auf.

»Ob ich unbedingt Fische züchten will, weiß ich nicht. Ich esse gern Fisch, aber gleich ein Aquarium?«

»Vermutlich liegt das daran, dass Sie ein großes Aquarium vor der Haustür haben«, scherzte Julie.

»Mag sein.« Herr Bühler schmunzelte. »Vielleicht überlege ich mir auch, was ich mit meinem Geld nun Sinnvolles anstellen kann. Da gibt es sicher jede Menge Möglichkeiten.«

»Sie werden bestimmt etwas finden.«

»Jetzt steht erst einmal eine Reise nach Florida an.«

»Den Urlaub haben Sie sich auch verdient.« Schließlich war er in den letzten Jahren hauptsächlich für sein Unternehmen da gewesen.

»Das ist nur zum Teil ein Urlaub. Natürlich wollen meine Frau und ich ausspannen. Ich weiß gar nicht, wann wir das zum letzten Mal gemacht haben.« Er seufzte auf.

»Als Unternehmer hat man vermutlich kaum Zeit für so etwas.«

»Eben deswegen. Wir waren schon öfter in den Staaten, weil unsere Tochter Marion mit ihrer Familie dort wohnt. Sie ist Konditorin. Natürlich werden wir sie besuchen.«

»Lebt sie schon länger dort?«

Herr Bühler blickte sie mit einem Hauch Wehmut an. »Sie hat ihren Mann während der Ausbildung kennen und lieben gelernt. Danach ist sie relativ schnell übergesiedelt.« Er seufzte auf.

Das war sicher nicht einfach für ihn gewesen.

»Mein Sohn wohnt dafür ganz in unserer Nähe. Wir begleiten ihn in die USA. Diese Reise unternehmen wir in erster Linie für Jana.«

Julie sah ihn aufmerksam an. Immer, wenn er von seiner behinderten Enkelin sprach, hatte er einen warmen Ton in der Stimme.

»Sie bekommt eine Delfintherapie, von der wir uns eine Verbesserung ihres Zustandes erhoffen.«

Julie hatte schon davon gehört, dass diese Therapien Kindern mit geistiger und körperlicher Behinderung weiterhelfen konnten.

»Die Tiere haben eine positive Wirkung auf die Kinder. Ihre Aufmerksamkeitsspanne erhöht sich und sie werden fröhlicher und aufgeschlossener.«

»Und das erhoffen Sie sich nun für Ihre Enkelin.« Julies Respekt vor dem älteren Herrn wuchs, sofern das möglich war, noch mehr.

»Genau. Wenn es nur nicht so unglaublich weit und teuer wäre.« Herr Bühler seufzte auf. »Aber vielleicht kann man mit diesem Aufenthalt schon etwas Positives bewirken. Wir sind guter Dinge. Und meinem Sohn wird es auch guttun, wenn er ein wenig ausspannen kann. Außerdem sieht er Marion genauso selten wie ich.«

»Das glaube ich.« Julie nickte.

»Aber nun erzählen Sie doch mal«, forderte Herr Bühler sie auf. »Wie wird man zu so einer charmanten und zielstrebigen Verhandlungspartnerin?«

Nun erzählte Julie von ihrem Werdegang, der Erkrankung ihres Vaters und ihrem innigsten Wunsch, als Juniorpartnerin den Namen Sommer wieder in den Schriftzug der Kanzlei Träumel & Temmering zu bringen.

Der Abend schritt fort und ehe sie sich versah, war es halb zehn.

»Ich sollte nun wirklich los. Ich muss heute noch zurück.«

Herr Bühler sah sie entrüstet an. »Da sind Sie die ganze Nacht unterwegs. Möchten Sie Ihren Aufenthalt nicht lieber um einen Tag verlängern und morgen frisch und erholt starten?«

Julie schüttelte den Kopf. »Das geht leider nicht. In der Kanzlei wartet Arbeit auf mich.«

»Die wird doch sicher nicht weglaufen, solange Sie nicht da sind«, scherzte Herr Bühler. »Wenn Sie Ihr Zimmer schon aufgegeben haben, lasse ich Ihnen gern das Bett in unserem Gästezimmer herrichten.«

Doch Julie blieb hartnäckig. »Das ist überaus freundlich von Ihnen. Aber ich habe die Arbeit sogar dabei.« Sie seufzte. »Außerdem hat mir mein Chef seinen Wagen geliehen.«

»Haben Sie kein Auto?«

»Nein. Stellen Sie sich vor, ich war noch keinen Kilometer von zu Hause entfernt, da ist mir an einer Ampel ein anderer Fahrer in den Kofferraum gerauscht. Er hat wohl nicht bemerkt, dass ich gebremst hatte. Weil es schnell gehen musste, hat mir mein Chef sein Schätzchen geliehen. Er möchte es schnellstmöglich wieder haben.«

Sie traten auf die Straße und Julie betätigte die Fernbedienung am Schlüssel.

»Das glaube ich gern«, murmelte Herrn Bühler neben ihr, als er bemerkte, welches Auto sich mit leuchtenden Blinklichtern geöffnet hatte. »Ist das ein McLaren?«

Julie verdrehte die Augen, nickte aber. Sie verstand nicht, was Männer solchen Karren abgewinnen konnten, dass sie mit solcher Bewunderung davon sprachen. Es war ein fahrbarer Untersatz, der einen Menschen von A nach B brachte. Und dabei war er nicht einmal besonders komfortabel. Trotz der Sportsitze und der technischen Ausrüstung fühlte sie sich in ihrem Wagen wohler. Der brachte zwar nicht die Höchstgeschwindigkeit, aber wo konnte man die schon ausfahren? Außerdem stresste sie das ständige Beschleunigen und Abbremsen. Deswegen hatte sie auch nur zögernd zugestimmt, als ihr Chef ihr sein Auto angeboten hatte.

»Dass du mir keinen Kratzer reinfährst«, hatte er gescherzt, dabei aber mahnend den Zeigefinger gehoben, dass Julie geahnt hatte, dass es mit dem Spaß nicht allzu weit her war.

»Kann ich verstehen, dass er seinen Wagen zurückhaben möchte«, unterbrach Herr Bühler ihre Gedanken. Er reichte ihr die Hand. »Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen.«

Julie spürte instinktiv, dass das mehr war als eine dahergesagte Floskel.

»Von Ihnen wird man noch viel hören. Sie haben das, was in dieser Branche von Seltenheit, dafür aber umso wertvoller ist.«

Unsicher sah sie ihn an.

»Einfühlungsvermögen.« Er nickte versonnen. »Sie haben das Herz am rechten Fleck, bewahren Sie sich das. Das geht schneller verloren, als man glaubt.« Er seufzte.

»Danke. Ich versuche, mir das zu erhalten.«

»Ihr Vater ist sicher stolz auf Sie, da habe ich gar keine Zweifel. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute. Und wenn Sie einmal Urlaub machen möchten oder ein bisschen Erholung brauchen, sind Sie jederzeit willkommen. Ich mag Sie. Und das soll nicht von oben herab klingen.«

Nun hatte Julie doch einen Kloß im Hals. Solche Worte war sie nicht gewöhnt.

Sie schluckte hastig ein paarmal.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, herzlichen Dank. Wer weiß, vielleicht komme ich ja eines Tages darauf zurück.«

***

Nun brauste Julie über die Landstraße und dachte über das Gespräch mit Herrn Bühler nach. Er hatte recht, auf ihren Erfolg konnte sie stolz sein. Sie hoffte inständig, dass Herr Schonknecht das Unternehmen im Sinne des Firmengründers fortführen würde. Vielleicht würde sie Herrn Bühler wirklich einmal besuchen, um zu sehen, wie es ihm ging. Und was er mit seinem Geld Gutes getan hatte.

Mittlerweile dämmerte es, was ihr einen tiefen Seufzer entlockte. Sie hätte früher losfahren sollen. Es war unvernünftig, nachts eine solche Strecke hinter sich zu bringen. Aber das Gespräch war angenehm gewesen und sie hatte die normale Unterhaltung fernab der Verhandlungen genossen.

Sie würde einfach so weit fahren, wie es ging, und zur Not in einem Motel auf der Autobahn einchecken. Dann war die Strecke, die sie morgen zurücklegen musste, nicht mehr ganz so weit.

Eine Weile kämpfte sie mit der Freisprecheinrichtung des Wagens, dann hatte sie eine Verbindung zu Markus Temmering, ihrem Chef, hergestellt.

»Ist was mit dem Wagen?«, begrüßte der sie mit Entsetzen in der Stimme.

»Dem Wagen geht es ausgezeichnet, er schnurrt wie ein Kätzchen«, gab Julie verschnupft zurück. »Es hat etwas länger gedauert. Ich bin eben erst losgefahren und komme morgen später ins Büro.«

Markus atmete hörbar auf. Nur um gleich darauf fortzufahren: »Hier stapelt sich die Arbeit. Ich bin voll mit der Übernahme dieses Schröder-Hofes beschäftigt. Der Besitzer benimmt sich wie ein bockiges kleines Kind.«

Dieser Kauf zog sich seit Längerem hin. Soweit sie wusste, wollte die Hotelkette Sunshine-Dreams einen Pferdehof übernehmen.

»Kommst du nicht weiter?«

»Wir sind bisher nicht in Erscheinung getreten. Sunshine-Dreams auch nicht.«

»Wieso das denn?« Julie hatte mit den Verkaufsverhandlungen von Getränke Bühler selbst so viel zu tun gehabt, dass sie nicht bis ins letzte Detail informiert war.

»Das ist eine lange Geschichte.« Markus seufzte. »Der Besitzer weigert sich auf jeden Fall hartnäckig und wir hielten es für besser, subtiler vorzugehen. Was nicht heißt, dass ich nicht im Hintergrund die Strippen ziehe.«

Julie wusste, dass der Fall höchste Priorität hatte, da Markus an einer langfristigen Zusammenarbeit mit der Hotelkette interessiert war.

»Das tut mir leid«, sagte sie und schaltete einen Gang höher. »Ich konnte mich nicht früher loseisen.«

Markus seufzte. »Es ist, wie es ist«, sagte er, hörte sich aber wenig begeistert an. »Sieh nur zu, dass du keinen Unfall baust.«

»Hatte ich nicht vor.« Julie biss die Zähne zusammen. Ging es ihm um sie oder sein Schätzchen?

Darüber wollte sie sich den Kopf jetzt nicht zerbrechen. Schon am Nachmittag hatte sie ihren Chef informiert, dass die Übernahme von Getränke Bühler unter Dach und Fach war, und er hatte ihr für seine Verhältnisse fast überschwänglich gratuliert. Zeit also, die Gunst der Stunde zu nutzen und anzusprechen, was ihr auf der Seele brannte.

»Markus, wegen der Übernahme von Getränke Bühler ...« Sie ließ den Satz im Raum stehen und beeilte sich, einen neuen Ansatz zu suchen. Er hasste es, wenn sie keine klaren Aussagen machte. Doch so zielstrebig sie in ihren Verhandlungen war, so sehr war ihr das Gebettel ein Gräuel.

»Ja?«

Sie hörte bereits an seiner Stimme, wie ungeduldig er war, also fasste sie sich ein Herz. »Wir haben Anfang des Jahres über meine Teilhaberschaft gesprochen. Und ich glaube, dass ich in den vergangenen Wochen bewiesen habe, dass ich es kann.«

Nun war es heraus. In der Leitung herrschte Stille, während der Wagen über die Landstraße durch die Nacht glitt.

»Hallo?«, fragte Julie sicherheitshalber, weil sie vermutete, in einem Funkloch zu stecken.

»Ich bin noch da«, drang seine genuschelte Antwort aus dem Hörer. »Darüber reden wir, wenn du wieder hier bist.«

Das war nicht das, was Julie hatte hören wollen. Schon gar nicht in diesem abweisenden Tonfall. Dabei hatte er ihr bei der Silvesterparty zum Jahreswechsel versprochen, dass es bald so weit sein würde.

»Aber Markus ...«, setzte sie an.

»Ich denke darüber nach«, erwiderte er kurz angebunden. »Aber du weißt, dass Stefan auch ein Wörtchen mitzureden hat. Erst kürzlich haben wir uns darüber unterhalten, dass wir uns nicht sicher sind, ob du schon so weit bist.«

»Was soll ich denn noch alles machen?«, brauste Julie auf.

»Schön langsam. Du hast gute Arbeit geleistet. Wir reden darüber, wenn du wieder hier bist, okay?«

Julie biss trotzig die Zähne zusammen. Was wollte Markus denn noch?

Nun schlug er einen versöhnlichen Tonfall an. »Komm erst einmal sicher nach Hause, dann sehen wir weiter.«

Julie verabschiedete sich und hoffte, dass er die Kränkung aus ihrer Stimme nicht herausgehört hatte.

Oder war sie nun ungerecht? Lag es an ihrem Problem, dass er ihr die Partnerschaft nicht zutraute? So schwer schlug es nun auch nicht zu Buche. Es war ein Fehler gewesen, ihm davon zu erzählen, davon war sie mittlerweile fest überzeugt. Doch ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie das tat. Er war von Beginn an für Offenheit und Ehrlichkeit. Im Prinzip gab sie ihm recht. Aber da hatte sie sich nicht nur selbst Steine in den Weg gelegt, das war ein ganzer Erdrutsch, der sie am Weiterkommen hinderte. Dabei war das unnötig, denn im Laufe der Jahre hatte sie gezeigt, dass sie das erstens geschickt kaschieren konnte und es im Zeitalter von Computern zweitens irrelevant war. Sie hatte einen sehr guten Abschluss gemacht und im Berufsleben Fuß gefasst.

Julie seufzte, während sie mit dem teuren Sportwagen durch die Nacht glitt. Nachdenklich lauschte sie der Musik aus dem Radio. Anfangs hatte sie sich durch die Playlists von Markus’ SD-Karten gequält, dieses Vorhaben aber schnell aufgegeben. Sie hörte viel Musik und beinahe jede Stilrichtung. Aber das Metal-Geplärre, das mit ohrenbetäubender Lautstärke aus den Boxen gedrungen war, hatte sie schnell abgeschaltet. Nun dudelte die Pop-Musik des regionalen Radiosenders vor sich hin. Nur hin und wieder unterbrochen von einem gut gelaunten Moderator, der eine unglaubliche Nacht versprach.

Was immer das heißen mag, dachte Julie ironisch.

Tatsächlich machte es Spaß, mit dem Wagen zu fahren, auch wenn sie sich niemals ein solches Auto angeschafft hätte. Wollen doch mal sehen, was die Kiste so hergibt, dachte sie mit einem Anflug von Boshaftigkeit und trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der Wagen machte einen Satz und schoss vorwärts, dass Julie, erschrocken über die Beschleunigung, den Fuß vom Gas nahm.

Puh, das musste man einem ja auch sagen, dass das Auto so zickig war! Vielleicht war es besser, sie fuhr vorsichtiger. Nicht, dass sie am Ende wirklich einen Unfall baute.

***

David saß mit Patricia am Tisch und sie unterhielten sich mit Emily, während ihre Mutter Helga in der Küche hantierte und das Geschirr vom Abendessen in die Spülmaschine räumte. Die Geschwister waren mit dem freundlichen, aber bestimmten Hinweis der Mutter zurückgeschickt worden, dass es in dem Raum viel zu eng für alle wäre und dass sie ihr Geschirr lieber selbst verstaute. »Dann finde ich wenigstens alles wieder«, hatte sie vor sich hin gebrummt und ihre Kinder der Küche verwiesen, als der Tisch abgeräumt war.

Emily forderte vehement das zu Weihnachten versprochene Pony ein.

»Das passt doch gar nicht in den Sack vom Weihnachtsmann«, versuchte David, seine Nichte zu beschwichtigen.

Die stemmte die kleinen Fäuste in die Hüften und blitzte ihn aus haselnussbraunen Augen an. »Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Den gibt es überhaupt nicht. Das war Mama.«

Erstaunt sah David zu seiner Schwester hinüber, die resigniert mit der Schulter zuckte.

Okay, jetzt musste er sich eine neue Taktik überlegen. Bisher hatte der Hinweis auf den Weihnachtsmann funktioniert und Emily hatte murrend, aber anstandslos akzeptiert, dass sie kein eigenes Pony haben konnte.

David lehnte sich aufseufzend zurück. Es war unmöglich, ernst zu bleiben, wenn einen das Mädchen so böse anschaute. Ihr Blick wirkte niedlich, aber keineswegs beängstigend.

Doch er wusste, dass er sich zusammenreißen musste. Das bestätigten ihm ein Tritt gegen das Schienbein und ein strenger Blick von Patricia. Wenn er jetzt lachte, provozierte er damit einen Wutanfall seiner Nichte.

»Okay.« Er nickte und versuchte, Emilys Blick mit dem gebotenen Ernst zu erwidern. »Seit wann glaubst du nicht mehr an den Weihnachtsmann?«

Überheblich musterte sie ihn. »Das ist doch nur was für Babys«, beschied sie ihm. »Wie der Osterhase auch. Und die Zahnfee.«

»Und der Klapperstorch.« David murmelte vor sich hin, doch das war eine Steilvorlage für Emily.

Für einen Augenblick vergaß sie ihren Wunsch und strich sich das hellbraune Haar aus dem Gesicht. Ihre Stirn hatte sich in ernste Falten gelegt und sie dachte angestrengt nach. »Was ist das?«

»Kind, wie sehen denn deine Hände aus!« Patricia seufzte. »Ich habe dir doch gesagt, dass du sie waschen sollst, bevor wir essen.«

»Habe ich doch. Ich kann auch nichts dafür, dass das nicht weggeht. Ich und Leo haben Löwenzahnsuppe gekocht.«

»Das heißt ›Leo und ich‹«, verbesserte Patricia automatisch und versuchte, die Finger mit einem Tuch zu säubern. Doch Emily entzog ihr sofort die Hand.

»Was ist jetzt mit dem Pony?«

In dem Moment war David froh, dass sie den Klapperstorch vergessen hatte. Eine abendliche Diskussion darüber, wo die Babys herkamen, wollte er um jeden Preis vermeiden. Stattdessen ließ er sich lieber auf ein Wortgefecht über ein Pony ein, das er im Moment nicht anschaffen konnte, selbst wenn er es gewollt hätte.

Er seufzte. Wie gern hätte er seiner Nichte diesen Wunsch erfüllt. Aber er musste warten. So lange, bis ihm eingefallen war, wie er den Hof retten konnte.

Noch traute er sich nicht, seiner Schwester oder seiner Mutter zu sagen, wie ernst die Lage war und dass sie darüber hinaus ein Kaufangebot vorliegen hatten. Wozu sie unnötig beunruhigen, wenn noch keine Tatsachen geschaffen waren? Über ungelegte Eier spricht man nicht, wie seine Mutter immer zu sagen pflegte. Daran wollte er sich halten.

»Emily, wir haben im Moment gar keinen Platz dafür.«

»Haben wir wohl.« Jetzt funkelte sie ihn wieder an. »Hinten bei Peppi steht eine Box leer, da haben wir viel Platz.«

»Aber da steht doch allerlei Krimskrams drin.«

»Ja und? Dann räumen wir halt auf. Das ist sowieso nur Zeug, das keiner mehr braucht.«

Da allerdings hatte sie recht. Die Box war mit der Zeit zu einer Rumpelkammer verkommen und David war sich sicher, dass mehr als die Hälfte davon auf den Recyclinghof gehörte.

»Du und aufräumen.«

»Für ein Pony würde ich das sofort machen«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück.

»Ziemlich dunkel, dahinten«, meinte er lahm, weil ihm die Argumente ausgingen.

»Das macht nichts. Das ist ja nur zum Schlafen. Außerdem könnten wir eine Lampe einbauen.«

»Ich weiß nicht.« David fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

Seine Nichte witterte die Anzeichen einer Schwäche und hieb unerbittlich weiter in diese Kerbe. »Bitte«, verlegte sie sich aufs Betteln und rutschte näher an ihn heran. »Ich passe gut darauf auf. Ich führe es jeden Tag auf den Hof. Dann ist die Box nur zum Schlafen. Ich bin ja auch nur zum Schlafen in meinem Zimmer und sonst draußen.«

»Das sieht man, du kleiner Dreckspatz.« Patricia versuchte noch immer verzweifelt, der Hände ihrer Tochter habhaft zu werden, um sie gründlich mit einem feuchten Tuch zu reinigen. Ein beinahe aussichtsloses Unterfangen, denn die entzog sich ihrer Mutter immer wieder. »Du gehst heute Abend in die Badewanne.«

»Nein!«

»Oh doch, mein Fräulein.« Ein mahnender Blick seiner Schwester traf David, der sich augenblicklich genötigt fühlte, Patricia zu unterstützen.

»Doch, du solltest schon ein bisschen Wasser abbekommen. Sonst denkt man am Ende, dass deine Hände eine Krankheit haben, die nur die Finger betrifft. Und die sie schwarz und runzlig werden lassen.«

»Ih, nein! Aber dann nur die Hände.«

»Vielleicht auch die Haare.« Helga war unbemerkt an den Tisch getreten und zupfte eine Klette aus Emilys Haar.

Erleichtert musterte David seine Mutter. Den beiden Frauen würde es ohne seine Hilfe gelingen, Emily in die Badewanne zu stecken. Das hatte zwei Vorteile: Erstens geriet er nicht zwischen die Fronten und war noch immer der gute Onkel. Zweitens konnte er in Ruhe in die Dorfkneipe fahren und dort ein Holsten mit seinem Kumpel Lennart trinken.

Helga seufzte und gab die Bemühungen auf, ihre Enkelin von einer weiteren Klette zu befreien.

Sie sieht müde aus, dachte David. Er verspürte einen Stich. Ahnte sie am Ende etwas? Sie hatte untrügliche Antennen und ihn schon oft mit ihrer Intuition überrascht.

Verstohlen musterte er seine Mutter. Sie hatte sich kaum verändert in den letzten Jahren. Solange er sich zurückerinnern konnte, hatte sie schon immer diese gemütliche Figur und kämpfte mit den paar Pfunden zu viel, von denen sie meinte, dass sie ohne attraktiver wäre. Da hatte es schon nichts genutzt, wenn er als Kind vehement bekräftigt hatte, dass sie die beste Mutter sei, die seine Schwester und er sich aussuchen konnten. Und die schönste überhaupt. Meist war sie rot geworden, hatte sich verlegen durch das Haar gestrichen – und sich mit den nächsten Diättipps aus diversen Frauenzeitschriften beschäftigt.

Dabei liebte er sie so, wie sie war. Auch als sie die ersten grauen Strähnen bekommen hatte, hatte das nichts geändert. Jetzt färbte sie das Haar in einem hellen Braunton und sagte scherzhaft, dass das der Partnerlook zu Emily war. Wenn ihre Frisur, im Gegensatz zu der ihrer Enkelin, auch nur kinnlang war. Dafür war ihr Haar von Natur aus kraus und bildete Locken, die ihr stets perfektes Volumen bescherten.

Doch unter ihren Augen lagen Schatten. Waren sie dunkler geworden oder täuschte er sich?

David lächelte in sich hinein, als er sie scherzen sah. Schon begann das Kind zu kichern. Was ihm nie gelang und auch Patricia oft in den Wahnsinn trieb. Für seine Mutter war es ein Kinderspiel, das Mädchen wieder einzufangen.

Wehmütig dachte er an früher, als er und Patricia ein eigenes Pferd gehabt hatten. Wie gern hätte er seiner Nichte diesen Wunsch erfüllt. Aber er konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Solange er überlegen musste, wie er die nächste Tierarztrechnung begleichen wollte, war ein Pony eine utopische Vorstellung.

Gerade vergrub Emily den Kopf lachend in der Schürze seiner Mutter und David versetzte es den nächsten Stich. Wenn es ihm nicht gelang, bald einen Plan auf die Beine zu stellen, würde er all das, was er liebte, und was für sie die Heimat bedeutete, auseinanderreißen müssen.

»Komm Schatz, du darfst heute Abend Meerjungfrau spielen«, sagte Helga jetzt.

Gespannt beobachtete er Emilys Reaktion auf die erneute Ankündigung. Deren Gesicht verzog sich jedoch nur kurz, bevor sich seine Mutter zu ihrer Enkelin hinab beugte und mit verschwörerischer Stimme laut zu flüstern begann.

»Weißt du, ich habe noch ein bisschen Pudding vom Mittagessen übrig. Frisch gewaschenen Mädchen schmeckt er am besten. Wenn du dich beeilst, kannst du Meerjungfrau sein und einen Pudding haben.«

Emily focht sichtlich einen inneren Kampf mit sich und biss sich ernst auf die Unterlippe. »Und Mama und Onkel David bekommen bestimmt nichts?«

»Nein! Wo denkst du hin? Sie sind weder frisch gebadet, noch können sie Meerjungfrauen sein.«

»Okay, dann abgemacht.« Diebische Freude breitete sich auf Emilys Gesicht aus und sie streckte ihrem Onkel die Zunge heraus. »Und ihr bekommt nichts. Selbst schuld.«

Patricia und David sahen den beiden lachend hinterher.

»Oma, was ist ein Klapperstorch?«, fragte Emily genau in dem Moment, als sie den Raum verließen.

»Wo hast du das denn her?«

»Von Onkel David.«

»Na, dann wundert mich nichts.«

Die Tür fiel ins Schloss. Die Geschwister wurden in wohltuende Stille gehüllt, ehe David seufzend aufstand.

»Ich gehe auf ein Bier in den Teich mit Lennart.«

Patricia nickte und erhob sich ebenfalls. »Und ich werde für morgen einen Kuchen backen.«

David nickte und verließ den Raum. Vielleicht fiel seinem Kumpel etwas ein, wie der Schröder-Hof zu retten war.

***

Als das Telefon erneut klingelte, dachte Julie zuerst, dass Markus es sich anders überlegt hatte. Dann jedoch wurde ein Anruf ihrer Eltern angezeigt. Wie jedes Mal zuckte sie kurz zusammen, bevor sie sich besann. Was soll schon los sein?, ermahnte sie sich.

»Julie, mein Schatz, wie geht es dir?« Ihre Mutter klang wie gewohnt fröhlich und Julie entspannte sich sofort.

Seit ihr Vater den Gehirntumor gehabt hatte, rechnete sie bei jedem Anruf mit einer erneuten Hiobsbotschaft, obwohl das nun schon fünf Jahre zurücklag. Zwar galt man erst nach zehn Jahren als wirklich geheilt, dennoch ging es ihm gut. Seitdem er nicht mehr arbeitete, war er bester Dinge.

»Alles wunderbar. Ich war an der Ostsee, ganz in der Nähe von Kiel.«

Na ja, fast an der Ostsee. Aus der Ferne hatte sie das Meer immerhin gesehen. Für einen Abstecher hatte es leider nicht mehr gereicht, nachdem das Abendessen mit Herrn Bühler sich in die Länge gezogen hatte. Schade eigentlich, die würzige Seeluft hätte sie gern noch ein wenig genossen. Es musste herrlich sein, die Füße in das kalte Nass zu tauchen und den Sand zwischen den Zehen zu spüren. Für sie, der die Alpen näher waren, eine willkommene Abwechslung. Ohnehin übte das Meer eine faszinierende Anziehung auf sie aus.

»Wie kommst du denn dahin?«

»Mit dem Auto.« Julie gluckste.

»Das meine ich nicht, das weißt du auch.« Ihre Mutter klang weniger empört als scherzhaft. »Bist du die ganze Strecke mit dem Auto gefahren?«

»Ja. Und stell dir vor, Markus hat mir seinen Wagen geliehen!«

»Was?«, hörte sie den genuschelten Einwurf ihres Vaters. »Den gibt er doch sonst nie her.«

»Andreas, du weißt genau, dass ich das nicht mag, wenn du dich in meine Gespräche einmischst.«

Julie rollte mit den Augen und schwieg. Manchmal kamen ihr ihre Eltern vor wie kleine Kinder. Und tatsächlich kabbelten sich die beiden am anderen Ende der Leitung.

Julie ließ den Blick schweifen und dachte angestrengt nach. Hätte nicht längst die Abfahrt auf die Schnellstraße kommen müssen? So weit hatte es vorhin gar nicht ausgesehen. Das fehlte gerade noch, wenn sie auf der falschen Route unterwegs wäre. Ausgerechnet heute Nacht wäre es ärgerlich bei dem weiten Weg, den sie noch vor sich hatte.

»Möchtest du mit Papa telefonieren?« Ihre Mutter klang mittlerweile reichlich genervt.

»Nein, ist schon okay«, beeilte sich Julie zu sagen. Das hätte bedeutet, ihm beichten zu müssen, dass es vorläufig nichts mit der Partnerschaft wurde. Sicher war er ebenso enttäuscht wie sie.

»Siehst du, Andreas, Julie möchte mit mir sprechen. Ich gehe nach nebenan.«

Gemurmel drang aus dem Hörer, dann wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Julie lauschte dem Atem ihrer Mutter. Nun musste sie in der Küche angelangt sein, denn es drang leise Musik aus dem Hörer. Dann wurde das Radio abgeschaltet.

»Du bist in die Küche geflüchtet.«

»Hier habe ich wenigstens meine Ruhe.« Ihre Mutter klang zufrieden. »Dahin folgt Andreas mir nicht, keine Sorge.«

Jetzt lachte Julie. Wenn ihre Mutter Ruhe haben wollte, ging sie in die Küche, während ihr Vater im Keller verschwand.

»Jetzt erzähl aber mal, wie kommt es, dass du mit dem teuren Wagen an die Ostsee gefahren bist?«

»Als ich losfahren wollte, ist mir jemand in den Kofferraum gefahren. Nichts Schlimmes, nur Blech«, fügte sie eilig hinzu, um die Sorgen ihrer Mutter gleich zu zerstreuen. »Weil ich dringend losmusste, haben Markus und ich getauscht. Er hat meinen Wagen in die Werkstatt gebracht.«

»Dann bin ich aber erleichtert.«

Julie erzählte ihrer Mutter, was sich in den vergangenen Tagen zugetragen hatte, und auch, dass sie den Coup gelandet hatte.

»Herzlichen Glückwunsch! Das freut mich für dich.«

»Danke.«

»Zufrieden hörst du dich aber nicht an. Ist etwas?«

»Nein, nichts.« Julie suchte mit ihrem Blick den Straßenrand ab. Irgendwo hier musste links eine Abzweigung sein, die sie hoffentlich auf die Schnellstraße brachte. »Ich bin nur müde, es waren anstrengende Tage. Außerdem weiß ich nicht, wo ich bin. Ich glaube, ich habe mich verfahren.«

»Dann pass nur auf, dass du nicht einschläfst.« Es sollte scherzhaft klingen, das wusste Julie. Aber die Besorgnis schwang deutlich in der Stimme ihrer Mutter mit.

»Keine Sorge, es wird nichts passieren. Im Moment unterhalte ich mich mit dir. Wenn ich wirklich müde werde, halte ich an und nehme mir ein Hotelzimmer.«

»Dann soll ich dich jetzt also unterhalten. Mal sehen, was mir einfällt. Der Dackel von Frau Proska ist gestorben.«

»Mama!«

»Was?«

»Das ist doch jetzt wirklich nichts Weltbewegendes. Der Dackel hat alles angenagt, was er erwischt hat. Außerdem hat mich Frau Proska gehasst, seit ich auf der Welt war.«

Wo war nur die verflixte Abfahrt? Ah, da war die Straße. Erleichtert setzte Julie den Blinker und bog ab.

»Hm ... Ach, jetzt fällt mir noch etwas ein: Beate hat ein Kind bekommen. Einen Sohn. Sam heißt er. Von Samuel.«

Ihre Mutter redete nicht weiter und auch Julie schwieg. Beate war in der Schule ihre beste Freundin gewesen. Die einzige. Auch nach dem Abitur hatten sie sich noch regelmäßig gesehen. Die Treffen waren jedoch seltener geworden, je weiter Julies Studium fortgeschritten war. Ihr hatte einfach die Zeit gefehlt. Schließlich verloren sie sich irgendwie aus den Augen.

»Ich habe Dagmar neulich beim Einkaufen getroffen. Sie erzählte mir, dass sie Oma geworden ist.«

Julie fühlte sich in die Ecke gedrängt. Zwar beabsichtigte ihre Mutter das vermutlich nicht, aber insgeheim wünschte sie sich Enkelkinder, das wusste Julie. Dabei lag das in weiter Ferne. Schon allein, weil ein Mann fehlte. In Julies Leben war weder Platz für einen Mann noch für ein Kind. Dafür arbeitete sie zu hart und zu viel. Außerdem hatte sie nicht vor, den Stand, den sie sich mühsam erarbeitet hatte, für eine Familie wieder aufzugeben. Die vergangenen Jahre waren zu beschwerlich gewesen.

Auch wenn sie sich manchmal danach sehnte, am Abend nicht in eine leere Wohnung zurückzukehren, sondern mit einem Glas Wein und einer liebevollen Umarmung empfangen zu werden. Auch ein Kino- oder Restaurantbesuch zu zweit wäre schön und abwechslungsreich. Aber im Moment mangels Mann eine Seltenheit.

»So«, sagte sie daher unbestimmt.

Die Straße, auf der sie fuhr, wurde immer schmaler. Mittlerweile fehlte sogar der Mittelstreifen. Das konnte unmöglich stimmen. Oder doch? Laut Navi war sie immer noch auf dem richtigen Weg. In zwei Kilometern sollte sie erneut abbiegen und dann war es nicht mehr weit. Auf dem Display wurde die Schnellstraße bereits angezeigt.

»Mama, sei mir nicht böse, aber ich habe keine Ahnung, wo ich bin.« Das war nicht einmal gelogen. Netter Nebeneffekt war aber, dass sie das Gespräch über Beate nicht fortführen musste. Warum auch immer fühlte sie sich plötzlich unwohl. Nicht ihrer Mutter wegen. Sie konnte das selbst nicht benennen. Aber an Freundinnen erinnert zu werden, die ihrem Leben einen gänzlich unterschiedlichen Weg gegeben hatten, empfand sie als irritierend.

Ich kann stolz auf das sein, was ich erreicht habe, dachte sie trotzig. Wenn sie sich an die Nachmittage zurückerinnerte, die sie mit Tränen in den Augen über den Mathehausaufgaben gebrütet hatte, weil die Zahlen für sie nicht greifbar gewesen waren, hatte damit niemand rechnen können.

»Du solltest sie vielleicht mal anrufen, wenn du zurück bist«, meinte ihre Mutter jetzt.

»Werde ich, Mama, werde ich. Und falls du Dagmar wieder siehst, richte bitte schöne Grüße von mir aus.«

Julie wusste jetzt schon, dass sie Beate nicht anrufen würde. Und hatte augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Welches sie nicht zu haben brauchte, sagte sie sich. Beate hätte sich schließlich auch bei ihr melden können.

»Fahr vorsichtig.«

»Mach ich. Und grüß Papa von mir!«

Nicht nur wegen Beate war es Julie ganz recht, dass das Gespräch beendet war. Sie zweifelte immer stärker daran, auf der richtigen Straße zu sein, auch wenn das Navi eisern darauf beharrte. Die Alternative wäre umzukehren. Das aber traute sie sich nicht. Wer konnte schon ahnen, ob sie damit nicht noch mehr Zeit vertrödelte.

Wenn sie die Schnellstraße nicht schleunigst erreichte, würde sie anhalten und nach dem Weg fragen. Falls sie jemanden fand. Denn die Gegend schien verlassen zu sein. Linker Hand erstreckten sich Wiesen und Felder, auf der rechten war ein dichter Wald. Aus dem Radio erklangen die letzten Takte des neuen Liedes von Franzi Marino und Julie summte mit.

»Ein wunderbarer Song, wie ich finde«, verkündete der Radiomoderator gut gelaunt. »Und seit sie sich rar gemacht hat, umso wertvoller. Aber der Abend ist noch jung. Vielleicht seid ihr irgendwo da draußen mit dem Auto unterwegs und habt noch eine längere Fahrt vor euch.«

War der Mann ein Hellseher?

»Wo auch immer ihr uns zuhört, ich verspreche euch eine unvergessliche Nacht. Also bleibt dran!«

Eine unvergessliche Nacht mitten im Nirgendwo. Julie strich sich das Haar aus der Stirn und seufzte erleichtert auf. Endlich tauchte die Einfahrt auf, nach der sie gesucht hatte. Wenn sie das Navi richtig interpretierte, musste sie ein kurzes Stück durch den Wald fahren und erreichte auf der anderen Seite die lang ersehnte Schnellstraße. Wo auch immer sie entlang gefahren war, dieser Weg konnte unmöglich der kürzeste sein und sie hatte viel Zeit verloren. Hatte sie vorhin noch geglaubt, bis München durchfahren zu können, so verspürte sie mittlerweile erste Anzeichen von Müdigkeit.