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Zwischen Olivenbäumen und Zypressen wartet das Glück.
Nach dem Tod ihres Onkels erbt Laura dessen Haus in der Toskana, in dem sie jeden Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. Mit dem festen Vorsatz, es so schnell wie möglich zu verkaufen, reist sie nach Castagneto Carducci. Ein wohlhabender Winzer bietet ihr viel Geld, und alles scheint entschieden.
Doch dann begegnet sie ihrem Jugendfreund Luca wieder. Mit seiner Liebe zur Landschaft und seinem Traum von einem nachhaltigen Agriturismo weckt er längst vergessene Erinnerungen in Laura. Inmitten goldener Hügel und flirrenden Lichts entdeckt sie nicht nur die Schönheit der Toskana neu, sondern auch ihr Herz ...
Der perfekte Roman zum Davonträumen nach Italien.
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Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2026
Luca liebt seine toskanische Heimat. Doch der Hof seiner Eltern wirft kaum noch genug ab, um davon leben zu können. Sein Traum ist es, daraus ein Agriturismo zu machen, um den Touristen nachhaltige Landwirtschaft nahezubringen. Dafür benötigt er allerdings mehr Platz.
Als die hübsche Deutsche Laura das angrenzende Grundstück erbt und es so schnell wie möglich verkaufen möchte, sieht Luca seine Chance. Doch er wird von einem wohlhabenden Winzer deutlich überboten. Dies ist nicht seine einzige Sorge: Sobald Laura ihr Erbe verkauft hat, wird sie wieder abreisen. Und Luca muss sich eingestehen, dass er längst mehr für sie empfindet, als er sich je hätte vorstellen können …
Karin Seemayer, geboren 1959, machte eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau und war beruflich und privat viel unterwegs. Die meisten ihrer Romanideen sind auf diesen Reisen entstanden. Allerdings musste die Umsetzung warten, bis ihre drei Kinder erwachsen waren. Heute lebt sie im Taunus.Zuletzt erschienen die drei Bände ihrer Amisch-Saga »Der Himmel über Amerika « sowie der Roman »Bergleuchten«.
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Karin Seemayer
Sommerwind in der Toskana
Roman
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36. Kapitel
37. Kapitel
Impressum
»Also, Laura, welches Ziel habt ihr euch dieses Mal für euren Urlaub ausgesucht? Bali, Sansibar oder die Karibik?«
Laura sah von der Speisekarte auf. Sie saßen zu viert im Da Francesco, Marcel und sie, Felix und Vanessa. Felix war ein alter Studienfreund von Marcel; hin und wieder trafen sie sich zum Essen. Felix hatte das Restaurant vorgeschlagen, weil das Essen fast so gut sei wie in der Toskana.
Vanessa nippte an ihrem Aperol Spritz. »Ein bisschen beneide ich euch schon, dass ihr solche Reisen machen könnt.«
Laura grinste. »Das ist das Glück, wenn man als Reiseverkehrskauffrau mit einem Airliner liiert ist. Ich kümmere mich um günstige Hotels, Marcel um die Flüge.«
Felix hob sein Glas. »Ein unschlagbares Team. Und wo geht’s dieses Jahr hin?«
»Wir sind noch unentschlossen«, sagte Laura. »Gerade gibt es ein tolles Angebot für das Friday Attitude Hotel, direkt am schönsten Strand von Mauritius.«
Vanessa seufzte verträumt. »Mauritius! Das würde mir auch gefallen. Wisst ihr schon, wann ihr fliegt?«
»Wir wissen noch gar nicht, ob wir das überhaupt machen«, warf Marcel ein.
»Ich glaube, für mich wäre das nichts«, erklärte Felix. »Pauschalurlaub für Golfspieler im Hotelghetto. Alles durchorganisiert. Von der ursprünglichen Lebensweise bekommt man doch da gar nichts mit.«
Laura zuckte mit den Schultern. »Kommt drauf an, was man daraus macht. Es gibt dort tolle Möglichkeiten zum Tauchen, Schnorcheln, Surfen …« Sie warf Marcel einen Blick zu. »Eigentlich genau deins.«
Doch er wich ihrem Blick aus und wandte sich an Vanessa und Felix. »Wisst ihr schon, was ihr essen wollt?«
Laura runzelte die Stirn. Warum lenkte er ab? Schon gestern Abend, als sie ihm von dem Angebot erzählt hatte, war er merkwürdig zurückhaltend gewesen.
»Ich nehme Carpaccio und danach Scaloppine al Limone«, sagte Felix.
Vanessa warf noch mal einen Blick auf die Karte. »Ich nehme einen Salat mit Putenbrust.«
»Sonst nichts?«, fragte Laura.
Vanessa schüttelte den Kopf. »Ich habe in der Toskana ein Kilo zugenommen, das muss wieder runter.« Sie lachte. »Ich habe ja versucht, mich zurückzuhalten. Aber das Essen dort ist einfach zu gut.«
Laura musste an sich halten, um nicht die Augen zu verdrehen. Im Gegensatz zu ihr war Vanessa groß und schlank. Ein Kilo mehr fiel bei ihr gar nicht auf, und wahrscheinlich reichte es, wenn sie zwei Mahlzeiten durch Salat ersetzte, und das Kilo war wieder unten. Dagegen nahm sie schon zu, wenn sie nur ans Essen dachte.
»Du hast eine tolle Figur«, sagte Marcel und lächelte Vanessa zu. »Da macht ein Kilo nicht viel aus.«
»Wenn man nicht aufpasst, ist es schnell mehr als eins! Wehret den Anfängen!« Vanessa ließ ihren Blick demonstrativ zu Laura wandern. Lauras Wangen wurden heiß vor Zorn, doch bevor sie etwas sagen konnte, kam der Kellner, um die Bestellungen aufzunehmen. Laura entschied sich für Crostini und Scampi alla Griglia.
»Dann erzählt doch mal von eurem Urlaub. Wo wart ihr in der Toskana?«, fragte Marcel.
Vanessa ließ sich nicht lange bitten und erzählte in aller Ausführlichkeit von dem entzückenden Agriturismo in der Nähe von San Gimignano. »Es war wunderbar. Diese Ruhe. Endlich mal Entschleunigung und sich auf das Wesentliche besinnen. Einfach nur die Landschaft genießen und gut essen. Das ist ja auch noch die ursprüngliche Toskana. Nicht so wie diese überlaufenen Orte am Meer. Zum Agriturismo gehört auch ein Restaurant, da kocht die Nonna noch selbst. Nach Geheimrezepten, nach denen schon ihre Oma gekocht hat. Und Alessandro, der Wirt, hat uns immer persönlich begrüßt und uns etwas Besonderes empfohlen.«
»Da ist alles noch ganz authentisch«, schwärmte Felix.
Authentisch. Laura trank einen Schluck Wein, um ihr Grinsen zu verbergen. Ein umgebautes, modernisiertes Bauernhaus mit Klimaanlage in den Zimmern und Pool war total authentisch.
Marcel trank einen Schluck Wein. »Also ich finde, das hört sich toll an. Vielleicht sollten wir doch mal deinen Onkel besuchen. Das wäre mal was anderes, und ein bisschen Ruhe täte uns auch gut.«
Felix hob den Kopf. »Lauras Onkel?«
Marcel lachte. »Ja. Stellt euch vor, Lauras Onkel hat ein Haus in der Toskana.«
Laura seufzte innerlich. Außer Marcel und ihrer besten Freundin Julia hatte sie niemandem davon erzählt. Jetzt gab es wahrscheinlich für den Rest des Abends kein anderes Thema mehr.
»Warum hast du uns das nie erzählt?«, fragte Felix. »Dann kennst du dich ja hervorragend in der Toskana aus.«
»Weil es nichts zu erzählen gibt. Und nein, ich kenne mich nicht gut aus. Wir waren immer nur bei meinem Onkel. Er und seine Frau sind wie so viele in den Achtzigerjahren in die Toskana ausgewandert.«
»Stimmt«, rief Vanessa. »Ich erinnere mich. Da gab es doch auch so eine Fernsehserie. ›Ein Haus in der Toskana‹ oder so. Ich habe die als Kind mit meinen Eltern geguckt. Sie haben immer gesagt, wenn sie nur genug Geld hätten, würden sie sich dort auch ein Haus kaufen.«
Laura erinnerte sich auch an die Serie, natürlich hatten ihre Eltern keine Folge versäumt und ausgiebig kommentiert, wenn sie die Orte im Film wiedererkannten.
»Aber Laura.« Vanessa beugte sich vor. »Dein Onkel hat ein Haus in der Toskana, und ihr wart wirklich noch nie dort?«
»Marcel und ich nicht, aber als Kind war ich mit meinen Eltern jedes Jahr in den großen Ferien dort. Das reicht für ein ganzes Leben.«
Alle starrten sie an. »Wie meinst du das?«, fragte Felix.
Laura hob die Hände. »Es war einfach immer dasselbe. Es war langweilig.«
»Langweilig?« Felix zog die Augenbrauen hoch. »Die Landschaft ist doch traumhaft. Diese Hügel, die Zypressen und Pinien. Der Gesang der Zikaden und am Abend dieses sanfte rosa Toskanalicht über den Hügeln.«
»Ja, Hügel, Pinien und Zypressen sind hübsch, aber irgendwann verliert selbst die schönste Landschaft ihren Reiz, wenn man sie jedes Jahr sieht. Und was die Zikaden angeht: Die singen nicht. Die machen Krach. Laut, ununterbrochen, den ganzen Tag.«
»Wo ist das Haus eigentlich?«, fragte Felix.
»In der Maremma. Bei Castagneto Carducci.«
»Castagneto Carducci«, wiederholte Vanessa versonnen. »Da klingt ja schon der Name wie Musik.«
»Das stimmt, und es liegt wunderschön auf einem der ersten Hügel hinter der Küste.« Castagneto war wirklich hübsch, erinnerte Laura sich. Aber sie war nur selten dort gewesen. Es gab kaum Parkplätze für Besucher, deshalb waren ihre Eltern nicht gerne dorthin gefahren, und zu Fuß war es zu weit gewesen.
»Ich habe den Namen schon mal gehört«, sagte Felix. »In der Nähe soll es schöne, lange Strände geben.«
Laura nickte. »Ja. Lang und langweilig. Man kann schwimmen und in der Sonne liegen, sonst nichts.
Vanessa schüttelte ungläubig den Kopf. »Oh Mann, du lässt aber wirklich kein gutes Haar an der Toskana.«
»Ach, ich glaube, es liegt gar nicht an der Toskana selbst«, entgegnete Laura. »Eher daran, dass wir nie woanders waren. Wenn man jedes Jahr denselben Ort sieht, denselben Strand, dieselben Leute, dann sehnt man sich irgendwann einfach nach etwas anderem.«
Felix sah sie nachdenklich an. »Ich glaube, ich verstehe dich. Ich weiß noch, wie ätzend ich es fand, dass wir jahrelang nach Rimini gefahren sind, immer auf denselben Campingplatz. Als Kinder fanden wir es schön, aber als Teenager hat man andere Vorstellungen und Erwartungen. Jedenfalls ging es mir so.«
»Genau so war es«, bestätigte Laura. »Als Kind fand ich es spannend. Mein Onkel hat ein großes Grundstück mit Obst- und Olivenbäumen. Ich weiß noch, dass ich immer mit den Nachbarskindern gespielt habe. Das war wie Abenteuerurlaub, so viel gab es zu entdecken. Aber als ich dann älter wurde … na ja. Meine Freundinnen schwärmten von schicken Club-Urlauben in Griechenland oder auf den Balearen, machten Winterurlaub in den Bergen und erzählten von heißen Flirts mit Surf- oder Skilehrern und wilden Nächten in den Hoteldiskotheken. Das Highlight meiner Teenagerjahre war ein Besuch im Zattera, einer Disco in Marina di Castagneto, am Meer.«
Sie war mit dem Sohn ihrer italienischen Nachbarn dort gewesen, erinnerte sie sich. Sie war sechzehn und Luca gerade achtzehn geworden. Er hatte sie auf seiner Vespa mitgenommen. Es war ein schöner Abend gewesen.
»Bevor ich es vergesse«, wandte sich Felix an Laura, als sie mit dem Essen fertig waren. »Meine Schwester und ihr Mann erwarten ihr zweites Kind und werden umziehen. Ihre Wohnung wird in drei Monaten frei. Ihr seid doch auf Wohnungssuche?«
Laura nickte. Seit drei Jahren waren Marcel und sie ein Paar, und seit einiger Zeit überlegten sie, zusammenzuziehen. Bisher war es allerdings bei der Überlegung geblieben. Der Wohnungsmarkt in Frankfurt war schwierig, aber das war nicht der einzige Grund. Laura hatte das Gefühl, dass Marcel sich nach anfänglicher Begeisterung nur halbherzig an der Wohnungssuche beteiligte. Immer wenn sie auf einer der Vermittlungsplattformen eine bezahlbare Wohnung fand, hatte er etwas auszusetzen. Die Wohnung war ihm entweder zu groß oder zu klein oder lag in der falschen Gegend.
»Wo ist denn die Wohnung, und wie groß ist sie?«, fragte sie.
»In Bonames. Drei Zimmer, achtzig Quadratmeter. Eine hübsche Wohnung, sogar mit Balkon. Eintausendzweihundert Euro Kaltmiete.«
Laura suchte Marcels Blick. »Das wäre doch was für uns. Wollen wir sie mal anschauen?«
Er zögerte. »Ja, klingt ganz gut. Wir besprechen das später, okay?«
»Also«, sagte Laura, als Marcel und sie später auf dem Weg zur U‑Bahn waren. »Was sagst du zu der Wohnung von Sandras Bruder? Ich finde das Angebot gut. Und wenn sie uns als Nachmieter vorschlagen, haben wir wohl auch gute Chancen, sie zu bekommen.«
»Erst mal müssen wir sie besichtigen. Vielleicht ist es ja ein hässliches Loch.«
Laura schüttelte den Kopf. »Felix hat gesagt, sie sei schön. Ich glaube nicht, dass er lügt.«
»Na ja, eigentlich wollte ich lieber nach Bornheim.«
»Da sind die Mieten aber sehr viel höher.«
»Wir brauchen einfach Geduld. Wenn ich schon umziehe, will ich auch eine Wohnung, in der ich mich zu hundert Prozent wohlfühle.«
»Ohne Kompromisse wird es nicht gehen, Marcel. Nicht in Frankfurt. Und wegziehen willst du ja auch nicht.«
»Ich will einfach nichts übereilen.«
»Übereilen? Wir reden seit einem halben Jahr davon, dass wir zusammenziehen wollen. Von Übereilen kann keine Rede sein.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin müde. Lass uns bei anderer Gelegenheit noch mal darüber reden.«
Lauras Unbehagen verstärkte sich. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er mit »darüber reden« nicht diese Wohnung, sondern das Zusammenziehen überhaupt meinte.
»Da kommt meine U‑Bahn«, sagte er. »Ich muss morgen früh raus. Ich melde mich bei dir.« Er küsste sie flüchtig und stieg in die Bahn.
Laura starrte dem Zug hinterher. Er musste früh raus? Da stimmte etwas nicht. Normalerweise übernachtete sie bei ihm oder er bei ihr. Und bisher hatte es ihn nie gestört, wenn er vor ihr die Wohnung verlassen hatte.
Am nächsten Tag sahen sie sich nicht. Donnerstags ging Marcel immer zum Handballtraining und danach noch mit der Mannschaft in den Apfelwein Solzer. Laura traf sich mit ihrer besten Freundin Julia.
Am Freitagmorgen rief sie ihn an. »Soll ich denn jetzt ein Zimmer im Friday Attitude für uns reservieren? Ich kann es jederzeit wieder stornieren. Aber das Kontingent für den Sonderpreis ist begrenzt.«
Schweigen in der Leitung, dann sagte Marcel: »Ja, mach mal. Aber lass uns heute noch mal darüber reden.«
Na prima. Das klang nun nicht so, als ob aus der Reise nach Mauritius noch etwas werden würde.
Sie versuchte, ihre Ungeduld zu unterdrücken. »Gut. Ich bringe ein paar Prospekte mit. Treffen wir uns bei dir oder bei mir?«
»Lass uns doch zum Griechen gehen. Dann können wir beim Essen reden.«
»Ja, gerne.« Sie mochte den kleinen Griechen an der Ecke im Sandweg, wo Marcel wohnte. Er war gemütlich, das Essen ausgesprochen gut, und die Preise waren moderat.
Marcel saß schon an ihrem Stammplatz und studierte die Karte, als Laura um kurz vor sieben ins Lokal kam. Sie begrüßte ihn mit einem Kuss und setzte sich.
»Du kennst die Karte doch auswendig. Oder hat Christos etwas Neues?«
Marcel schüttelte den Kopf und klappte die Karte zu.
Christos kam an ihren Tisch und brachte Marcel ein Bier. »Hallo Laura, geht’s gut? Wisst ihr schon, was ihr wollt?«
Marcel bestellte Souvlaki, Laura Zaziki und ein Glas Retsina. Sie hatte nicht viel Hunger. Sie wartete, bis Christos den Wein brachte, dann griff sie nach ihrer Tasche, um die Prospekte herauszuholen. »Das Hotel ist wirklich schön. Und man kann da auch Kitesurfen, das wolltest du doch schon immer probieren.«
Marcel trank einen Schluck Bier. »Also, ich wollte ja schon länger mit dir darüber reden.«
Der Unterton in seiner Stimme alarmierte Laura. »Ja?«
Marcel zögerte, räusperte sich und gab sich dann sichtlich einen Ruck. »Ich will eigentlich nicht nach Mauritius.«
Laura seufzte. »Das hattest du ja schon angedeutet.« Besser wäre es gewesen, er hätte es sich nicht so lange überlegt. »Ich kann das Zimmer stornieren. Aber jetzt noch etwas anderes zu finden, wird schwierig. Wohin würdest du denn gerne?«
»Also – ich möchte mal etwas ganz anderes machen …« Wieder griff er nach seinem Glas. Laura wartete, doch er sprach nicht weiter.
»Und was?«, fragte sie schließlich leicht genervt.
»Bergwandern.«
»Bergwandern?« Bisher hatten sie ihre Urlaube immer am Meer verbracht. Marcel war begeisterter Wassersportler. Tauchen und Surfen waren seine Hobbys, und noch Anfang des Jahres hatte er gesagt, dass er im nächsten Urlaub unbedingt Kitesurfen lernen wollte. Soweit sie wusste, hatte er auch vor ihrer Beziehung weder für die Berge noch fürs Wandern ein Faible gehabt, ebenso wenig wie sie. »Wie kommst du denn darauf?«
»Es wäre halt mal was anderes. Der Sascha macht jedes Jahr so eine Wanderung von Hütte zu Hütte. Kürzlich hat er mir Fotos gezeigt, die waren traumhaft«, ratterte er herunter, als müsse er dem Sprecher von ›Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker‹ Konkurrenz machen.
Sascha war ein Kollege von Marcel. Laura kannte ihn nur flüchtig von Veranstaltungen. Sie dachte nach. Im Grunde hatte Marcel nicht unrecht, Mauritius war eigentlich eine Notlösung gewesen, da sie beide nicht wirklich gewusst hatten, wo sie ihren Urlaub verbringen wollten. Vielleicht sollte sie sich auch mal auf etwas Neues einlassen. Bergwandern? Schneebedeckte Gipfel, saftig grüne Almwiesen, das Bimmeln von Kuhglocken, Jause und Jagertee kamen ihr in den Sinn. Warum eigentlich nicht?
»Wenn du meinst.« Sie lächelte. »Dann probieren wir es mit Bergwandern. Hast du schon eine Idee, wohin du willst? Ich kann dann mal nach Angeboten gucken.«
»Ähm, also – ich wollte keine organisierte Tour machen. Sascha hat mir angeboten, ihn auf seiner nächsten Tour zu begleiten. Er startet in zwei Wochen, und wir werden etwa zehn Tage unterwegs sein.« Er sah sie nicht an.
Laura schnappte nach Luft. »Er hat es dir angeboten? Du meinst, du willst es ohne mich machen?«
»Wenn du ehrlich bist, hast du doch keine Lust dazu. Und außerdem sind die Touren ziemlich anspruchsvoll, da muss man fit sein, das sind keine Spaziergänge. Wir wandern mit Gepäck.«
»Du meinst, ich bin zu unsportlich dafür.« In Lauras Magen begann es zu brodeln.
»Nun, besonders gut trainiert bist du nicht.«
»Das ist aber nett, dass du dir so viele Gedanken darum machst, worauf ich Lust habe und was ich schaffe«, antwortete sie spitz.
»Mein Gott, sei doch nicht so zickig. Du bist auch schon mit Julia in den Urlaub gefahren – ohne mich.«
»Ich bin zickig? Du lässt gerade unseren Jahresurlaub platzen. Wenn ich mit Julia weggefahren bin, war das immer nur für ein paar Tage, und ich habe das vorher mit dir abgesprochen.«
Marcel holte sichtlich genervt Luft. »Es hat sich halt so ergeben. Wir können ja auch mal getrennt Urlaub machen. Wir hängen ja sonst ständig zusammen.«
Laura verschlug es die Sprache. Sie hingen ständig zusammen? Wie lange dachte er schon so? War das der Grund, weshalb er immer Einwände gegen die Wohnungen hatte, die sie ihm vorschlug?
»Ich finde, etwas mehr Freiraum würde uns beiden guttun.«
In ihrem Kopf schrillten die Alarmglocken. Diese Sprüche kannte sie doch. Wenn jemand nach über drei Jahren Beziehung plötzlich feststellte, dass er mehr Freiraum brauchte, steckte in den meisten Fällen jemand anderes dahinter.
Sie trank einen Schluck Wein. »Machst du die Wanderung eigentlich mit Sascha alleine? Er hat doch auch eine Freundin.«
Marcels Wangen färbten sich rot. »Wir sind zu viert. Sascha, seine Freundin und eine Kollegin.«
»So, eine Kollegin«, stellte Laura sarkastisch fest. »Welche denn?«
Die Röte erreichte Marcels Ohren. »Stefanie Peters. Aber das hat nichts zu bedeuten. Katharina, Saschas Freundin, wollte nicht mit uns beiden Kerlen alleine unterwegs sein.«
Stefanie? Marcel hatte sie ab und zu erwähnt, sie arbeitete in derselben Abteilung wie er. Laura starrte ihn an. Seine Gesichtsfarbe glich mittlerweile einer reifen Tomate, er sah sie nicht an, sondern betrachtete eingehend das Foto eines weißen Hauses vor azurblauem Himmel an der Wand neben ihrem Tisch.
»Für wie dumm hältst du mich?«, fauchte sie. »Wenn Katharina nicht mit euch alleine wandern will, hättest du mich mitnehmen können.«
Marcel öffnete den Mund, schloss ihn wieder und fummelte an seiner Serviette herum. »Laura …«, begann er schließlich. »Es ist kompliziert.«
Kompliziert. Das Wort hallte in ihrem Kopf wie ein Gong. Sie ballte die Fäuste.
»Wie lange geht das schon?«
Er machte gar keinen Versuch, es zu leugnen. »Seit dem Lehrgang im April. Es war … nicht geplant. Wir haben viel zusammengearbeitet, lange Abende …«
Der Lehrgang. Zwei Wochen hatte er gedauert, und anders als bei früheren Lehrgängen, war Marcel am Wochenende nicht nach Hause gekommen. Freitagabend sei noch eine Veranstaltung, hatte er erzählt, und für eine Nacht heimzufahren lohne sich nicht.
»Wir wollten das beide nicht«, sagte er leise. »Es ist einfach so passiert.«
»Einfach so passiert.« Sie griff nach ihrem Weinglas und trank es auf einen Zug leer. »Seit sechs Wochen. Und trotzdem hast du mit mir unseren Urlaub geplant, über eine gemeinsame Wohnung geredet …«
Er hob endlich den Kopf. In seinen Augen lag ein Gemisch aus Scham und einer fremden, fast trotzig wirkenden Erleichterung. »Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll. Ich wollte dich nicht verletzen.«
Sie lachte kurz auf. »Sensationell gelungen.«
Aus dem Lautsprecher an der Theke klimperte griechische Gitarrenmusik, in der Küche klirrten Teller, das Paar am Nebentisch prostete sich zu. Normalität, während ihre Welt sich gerade verschob.
Sie holte ihren Geldbeutel aus der Tasche und warf einen Zwanzigeuroschein auf den Tisch. »Das sollte für den Wein und das Zaziki reichen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Wandern.« Hoffentlich brichst du dir ein Bein, fügte sie in Gedanken hinzu. Dann stürmte sie aus dem Lokal.
Noch in der U‑Bahn rief sie Julia an. »Hast du jetzt Zeit?«
»Ist was passiert? Du wolltest doch mit Marcel noch mal über euren Urlaub sprechen.«
»Haben wir. Können wir uns treffen?«
»Das klingt gar nicht gut. Ich bin in einer halben Stunde da.«
Atemlos rannte Laura die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Drinnen lehnte sie sich gegen die Wand. Sie wusste nicht, ob sie etwas zerschlagen oder weinen wollte, also tat sie beides. Sie holte Marcels Lieblingstasse aus dem Schrank, knallte sie mit Wucht auf den Boden und kehrte dann schluchzend die Scherben zusammen. Mehr als drei Jahre waren sie zusammen gewesen. Ja, natürlich waren sie nicht mehr so verliebt wie am Anfang, wer war das schon. Und ja, er hatte sie in der letzten Zeit oft genervt mit seiner Unentschlossenheit. Aber ein Leben ohne ihn?
Die Türklingel schrillte. Julia.
Ihre Freundin erfasste sofort die Situation. Wortlos umarmte sie Laura, dann schob sie sie ins Wohnzimmer.
»Setz dich.« Sie holte eine Flasche Rotwein aus ihrer Tasche. »Ich mache die auf, und du erzählst mir alles.«
Zwei Flaschen Rotwein später hatte sich Lauras Stimmung von Verzweiflung in Wut verwandelt. »Dem werd’ ich’s zeigen. Dann fliege ich eben allein nach Mauritius. Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Ich mache einen tollen Urlaub, suche mir einen knackigen Kerl, und der Arsch kann mit dieser langweiligen Tussi durch seine langweiligen Berge gehen.« Ihre Zunge war ein wenig schwer vom Wein, und immer wieder fielen ihr die Augen zu.
»Jetzt nimmst du erst mal ein Aspirin, und dann gehst du ins Bett«, erklärte Julia pragmatisch. »Wenn dir am Wochenende die Decke auf den Kopf fällt, kommst du zu uns. Svenja freut sich bestimmt, dich mal wieder zu sehen. Am Samstagabend machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich, und am Sonntag wollen wir einen Ausflug ins Rheingau machen. Du kannst gern mitkommen.«
»Danke«, nuschelte Laura. »Du bist wirklich lieb.«
Trotz des Aspirins wachte Laura am Samstagmorgen mit einem Brummschädel auf. Die zweite Flasche Wein hätte wirklich nicht sein müssen, zumal sie sich zu erinnern glaubte, dass Julia nicht viel davon getrunken hatte. Ihr Zorn von gestern Abend war einem üblen Katzenjammer gewichen. Sie angelte ihr Handy vom Nachttisch. Vielleicht hatte Marcel es sich ja anders überlegt. Es konnte doch nicht sein, dass er mit einer anderen Frau verreiste, nur weil sie sich nicht auf den Urlaubsort einigen konnten. Sie würde ja auch mit ihm wandern gehen.
Sie aktivierte das Handy und sah auf die WhatsApp-Nachrichten. Keine von Marcel, dafür eine von Julia, die fragte, wie es ihr ging. Dann entdeckte sie die Symbole für einen verpassten Anruf und eine Sprachnachricht. Ihr Herz setzte einen Schlag aus und begann dann zu hämmern. Er hatte angerufen! Doch als sie das Symbol antippte, erschien eine unbekannte Nummer. Die Nachricht war von einer Rechtsanwältin. Eine Dr. Karin Schulz teilte ihr mit, dass sie versucht hatte, sie zu erreichen, und bat um Rückruf. Eine Rechtsanwältin? Laura starrte auf den Bildschirm. Sie kannte niemanden mit diesem Namen. Was wollte die wohl von ihr? Die Nachricht war von Freitag kurz vor siebzehn Uhr. Wahrscheinlich würde sie am Samstag niemanden erreichen, aber sie probierte es trotzdem. Tatsächlich meldete sich Frau Dr. Schulz selbst.
»Guten Tag, ich bin Laura Fuhrmann. Sie hatten mich angerufen?«
»Guten Tag, Frau Fuhrmann. Schön, dass Sie zurückrufen. Es geht um das Haus von Herrn Wolfgang Haller in Italien.«
»Was ist damit?«
Die Anwältin räusperte sich. »Sie wissen es nicht? Es tut mir leid, Herr Haller ist vorletzte Woche verstorben. Ich bin spezialisiert auf Erbrecht und kümmere mich um seinen Nachlass.«
Laura musste sich aufsetzen. Onkel Wolfgang war tot? Er war doch erst siebenundsechzig Jahre alt gewesen. Sie hatte ihn das letzte Mal auf der Beerdigung seiner Frau vor zehn Jahren gesehen. Ihre Eltern hatten bis zum Tod ihrer Mutter vor sechs Jahren weiterhin ihre Urlaube dort verbracht. Der Kontakt war abgebrochen, als ihr Vater ein Jahr später wieder geheiratet hatte. Onkel Wolfgang hatte keine Lust gehabt, die Nachfolgerin seiner Schwester in sein Haus einzuladen, und das ihrem Vater auch deutlich gesagt.
»Woran ist er denn gestorben, er war doch noch gar nicht alt?«
»Es war ein Unfall. Auf der Autobahn nach Livorno hat ein LKW-Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und den Wagen Ihres Onkels gerammt.«
Die Anwältin sprach weiter, und Laura riss die Augen auf. »Er hat mir das Haus vererbt?«
»Ja, Frau Fuhrmann. Herr Haller hat keine Kinder und keine weiteren lebenden Verwandten.«
Laura schluckte. »Und was passiert jetzt? Ich meine – muss ich irgendwas tun?«
»Ich schlage vor, wir treffen uns im Laufe der nächsten Woche und besprechen das weitere Vorgehen. Wann passt es Ihnen?«
»Ich muss mir freinehmen.« Laura blinzelte. Am Montag ging es nicht, da hatte sie zwei Meetings. »Ich könnte am Dienstag oder am Mittwoch.«
Sie hörte Blätterrascheln, dann sagte die Anwältin: »Dann sehen wir uns am Dienstag um zehn Uhr. Übrigens verlangt das italienische Erbrecht eine Erbschaftsmeldung, die am Wohnsitz des Verstorbenen eingereicht werden muss.«
»Ich muss also nach Italien?«
»Irgendwann ja. Aber Sie haben ein Jahr Zeit.«
Laura bedankte sich und beendete das Gespräch. Regungslos saß sie auf dem Bett und starrte aus dem Fenster.
Ihr Onkel hatte ihr sein Haus vererbt. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Ausgerechnet sie erbte ein Haus in der Toskana.
Sie rief Julia an und sagte ihr, dass sie ihr Angebot, sie und Svenja zu besuchen, annehmen würde. »Es gibt Neuigkeiten«, sagte sie noch, bevor sie das Gespräch beendete.
Obwohl sie durch den Anruf der Anwältin abgelenkt war, konnte sie es sich nicht verkneifen, alle halbe Stunde auf ihr Handy zu starren. Doch Marcel meldete sich nicht. Schließlich wählte sie die Nummer ihres Vaters.
»Frühauf-Fuhrmann«, meldete sich seine Frau.
»Hallo Liz, hier ist Laura.«
»Laura! Wie schön, dass du dich meldest. Wie geht es dir?« Liz, die eigentlich Elisabeth hieß, überfiel sie mit einem Redeschwall. »Gerade gestern habe ich zu Mike gesagt, dass wir schon lange nichts mehr von dir gehört haben. Wir müssen unbedingt mal wieder Marcel und Laura einladen, habe ich gesagt.«
Laura verdrehte die Augen. Mike. Ihr Vater hieß Michael, aber diesen Namen fand seine Frau zu gewöhnlich, ebenso wie ihren eigenen. Und deshalb hießen sie jetzt für ihre neuen Freunde Liz und Mike. Die wenigen alten Bekannten, die ihr Vater noch hatte, nannten ihn nach wie vor Michael oder Michi.
»Mir geht es gut«, antwortete Laura. »Ich möchte meinen Vater sprechen.«
»Der ist im Garten. Es gibt ja gerade so viel zu tun. Nach dem letzten Regen wächst überall Unkraut. Und der Rasen, der wächst auch wie verrückt. Dein Vater muss jede Woche mähen. Leider haben die Rosen jetzt Mehltau. Mike meint, wir sollten spritzen, aber ich bin ja eher für biologische Mittel.«
»Klingt nach viel Arbeit.« Laura verstand nichts von Gärten, und sie hatte keine Ahnung, was Mehltau war oder wie man ihn bekämpfte.
Eine kurze Pause entstand, dann sagte Liz: »Ich hole ihn.«
Als Nächstes hörte Laura Schritte und Elisabeths durchdringende Stimme: »Meik! Meiheik! Deine Tochter ist am Telefon.«
Laura hielt das Handy auf Armlänge, bis sie die Stimme ihres Vaters hörte. »Hallo Laura, was gibt es denn?«
Elisabeth hatte wenigstens noch gefragt, wie es ihr ging. Ihr Vater wollte gleich wissen, warum sie ihn bei der Gartenarbeit störte. Und dann wunderten die beiden sich, warum sie sich so selten meldete und sie noch seltener besuchte.
»Onkel Wolfgang ist gestorben.«
»Wolfgang? Der Bruder deiner Mutter?«
»Ja. Es war ein Autounfall.«
»Ähm …«
Wahrscheinlich überlegte er jetzt, was er sagen sollte. Oder warum sie ihm das erzählte, wo sie doch wusste, dass sie seit Jahren nicht mehr miteinander sprachen.
»Haben die Nachbarn dir das geschrieben?«, fragte er jetzt.
»Nein, eine Anwältin hat mich angerufen. Onkel Wolfgang hat mir sein Haus vererbt.«
»Dir?«
»Ich war auch überrascht. Ich bin seine einzige Verwandte. Er und Brigitte hatten keine Kinder.«
»Ja, also …« Er räusperte sich. »Das ist unerwartet. Und was willst du jetzt machen?«
»Ich werde es wohl verkaufen. Aber ich muss erst mal hinfahren und die Erbschaftsmeldung einreichen.«
»In die Toskana? Wann denn?«
»Wahrscheinlich in zwei Wochen.«
»Aha.« Eine kurze Pause. »Kommt Marcel mit?«
»Nein«, antwortete sie knapp. Sie wollte nicht über Marcel reden.
»Hm. Also, wenn du Hilfe brauchst beim Verkaufen oder so, ich kenne zwar niemanden in Italien, aber vielleicht kann ich …«
»Danke, das kriege ich schon hin.«
»Ja, gut. Du weißt ja, wo du mich findest.« Er klang erleichtert. »Sag Bescheid, wie es läuft, ja?«
»Mach ich. Viel Spaß bei der Gartenarbeit.« Sie beendete das Gespräch und starrte auf das Display ihres Handys. Was hatte sie erwartet? Mitgefühl? Einen Rat, was sie tun sollte? Immerhin hatte er seine Hilfe angeboten. Aber auch das hatte sich eher wie eine höfliche Geste unter Bekannten angefühlt. Die Kluft zwischen ihnen war zu groß geworden. Ihr Vater war ihr fremd. Nicht erst seit dem Tod ihrer Mutter, obwohl die Tatsache, dass er ein Jahr danach wieder geheiratet hatte, ihr Verhältnis nicht gerade verbessert hatte. Auch als ihre Mutter noch lebte, hatte ihr Vater bei ihren Anrufen nach einer kurzen Begrüßung und der höflichen Frage »Wie geht’s dir?« den Hörer an ihre Mutter weitergereicht.
Ach, Mama, du fehlst mir immer noch.
Stundenlang hatten sie telefoniert. Ihre Mutter war Lauras Verbindung zu ihrer Kindheit und Jugend gewesen. Als sie gestorben war, hatte Laura das Gefühl gehabt, den einzigen Menschen zu verlieren, der sie bedingungslos geliebt hatte. Für ihren Vater hatten nur Erfolge gezählt: gute Noten. Eine Zwei in der Mathearbeit? Gut, aber wenn du etwas mehr gelernt hättest, hättest du auch eine Eins geschafft. Zwölf Punkte im Englisch-Leistungskurs? Knapp an der Eins vorbei. Du musst dich halt mehr anstrengen. Ein Abi-Schnitt von zwei Komma null? Du könntest es besser. Das Gefühl, sie könnte es besser, wenn sie sich nur richtig anstrengen würde, hatte sie seit ihrem Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium begleitet. Es war der Grund, warum sie Überstunden machte, und es war auch der Grund, weshalb sie sich vor einem halben Jahr nicht auf die Stelle der Büroleiterin beworben hatte, als die vorherige Leiterin gekündigt hatte. Sie hatte es sich nicht zugetraut, geglaubt, sie sei nicht gut genug. Jetzt war ein junger Mann Büroleiter, er machte seine Sache gut, aber sie ärgerte sich darüber, dass sie es nicht gewagt hatte, sich zu bewerben. Jetzt wusste sie, dass sie der Aufgabe durchaus gewachsen gewesen wäre, ihr hatte nur der Mut gefehlt.
Am späten Nachmittag packte sie ihre Tasche und fuhr mit der S‑Bahn nach Kriftel, wo Julia und Svenja ein kleines Reihenhaus bewohnten.
»Hi, wie geht es dir heute?« Julia umarmte sie.
»Besser.«
Svenja rief ihr aus der Küche einen Gruß zu. »Schön, dich mal wieder zu sehen. Ich bin gleich fertig.«
Laura folgte Julia auf die Terrasse. Der Tisch war bereits gedeckt. »Es gibt Rehmedaillons«, sagte Julia. »Und einen tollen Rotwein aus Bolgheri dazu.«
Laura lachte. Einen Bolgheri-Wein, wie passend.
Julia trat einen Schritt zurück und musterte Laura. »Was ist das für eine Neuigkeit? Sag mir nicht, dass Marcel es sich anders überlegt hat.«
»Nein. Es hat gar nichts mit Männern zu tun.«
Svenja kam aus der Küche. »Wolltest du uns nicht einen Aperol Spritz machen, Julia?«
»Stimmt.«
Laura wartete, bis drei Gläser Aperol auf dem Tisch standen. Sie prosteten einander zu.
»Also?«, sagte Julia. »Was ist los?«
Laura stellte ihr Glas ab. »Ich habe doch mal erzählt, dass ich früher immer mit meinen Eltern nach Italien gefahren bin, zu meinem Onkel.«
Julia nickte. »Ja, ich erinnere mich. Auch dass du es total öde fandest und nie wieder dorthin wolltest.«
»Tja. Jetzt werde ich doch noch mal hinfahren und ein paar Tage bleiben.« Und dann erzählte sie von dem Anruf der Anwaltskanzlei. Svenjas Augen wurden groß. »Du erbst ein Haus in der Toskana?« Sie hob ihr Glas. »Das ist der Hammer! Darauf müssen wir anstoßen.« Laura und Julia hoben ebenfalls ihre Gläser.
»Ich wusste gar nicht, dass dein Onkel in der Toskana lebte«, sagte Julia. »Ich dachte, ihr wärt in so einem Touristenort wie Rimini oder Cattolica gewesen. Aber die Toskana ist doch voll schön. Wo steht denn das Haus deines Onkels?«
Laura grinste und zeigte auf die Weinflasche auf dem Tisch. »Dort.«
»In Bolgheri?«
»Nicht ganz. Bei Castagneto Carducci.«
Julia runzelte die Stirn. »Nie gehört. Wo ist das?«
»Zwischen Livorno und Grossetto«, sagte Laura. »Etwa acht Kilometer von der Küste entfernt.«
»Die Gegend kenne ich nicht. Wir waren in der Nähe von Siena.«
Laura nickte. Die Gegend um Siena war die Toskana, wie man sie in jedem Kalender und auf dem Titel jedes Reiseführers abgebildet fand. Sanfte Hügel, auf deren Höhen Gutshäuser standen, zu denen Zypressenalleen führten. Das Vallone Segalari, wo das Haus ihres Onkels stand, sah anders aus. Eine Ebene mit Olivenhainen, Weingärten und Äckern, dahinter dicht bewaldete Hügel, die eher an ein deutsches Mittelgebirge als an die Toskana erinnerten.
»Was wirst du mit dem Haus tun?«, fragte Svenja.
»Es verkaufen.«
Julia riss die Augen auf. »Aber warum denn? Ein Haus in der Toskana, das ist doch ein Traum!«
»Für manchen vielleicht.« Laura drehte ihr Glas zwischen den Fingern.
»Du musst ja nicht gleich auswandern«, sagte Svenja. »Aber du könntest doch ab und zu dort Urlaub machen.«
Laura schüttelte den Kopf. »Auch wenn man nicht dort lebt, muss man sich um das Land kümmern. Der Garten muss gepflegt werden, das Obst geerntet, der Rasen gemäht, die Olivenbäume müssen beschnitten werden. Das erledigt sich nicht von selbst.«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Julia, doch ihre Stimme verriet, dass sie bisher nie darüber nachgedacht hatte. Wahrscheinlich hatte sie geglaubt, in der Toskana wären die Gärten einfach von Natur aus schön und völlig frei von Gestrüpp und Unkraut.
»Aber du könntest doch jemanden beauftragen, der das für dich erledigt, solange du nicht da bist.«
»Das wäre teuer. Und ehrlich gesagt …« Laura zögerte. Wie sollte sie erklären, dass die Toskana für sie nicht Urlaub bedeutete, sondern Langeweile und endlose Nachmittage auf der Terrasse? »Ich habe da als Kind und Teenager jeden Sommer verbracht. Es hat seine schönen Seiten, aber ich brauche dort kein Haus.«
»Mach doch ein Ferienhaus daraus und vermiete es«, schlug Svenja vor. »Julia und ich wären deine ersten Gäste. Wir haben uns letztes Jahr in die Toskana verliebt.«
Julia stimmte zu. »Es war definitiv nicht unser letzter Urlaub dort.«
»Das ist lieb von euch, aber auch dann muss sich jemand um Haus und Garten kümmern. Und ich …« Laura brach ab. Die Vorstellung, sich auch noch in den nächsten Jahren mit dem Haus zu beschäftigen, war einfach zu viel. »Ehrlich, ich will damit nichts zu tun haben.«
Svenja schüttelte den Kopf. »Du bist komisch. Alle, die ich kenne, würden sonst was tun für ein Haus in der Toskana.«
»Wunderbar.« Laura hob ihr Glas. »Sag allen, die du kennst, dass sie mein Haus kaufen können.«
Nach dem Gespräch mit der Anwältin beschloss Laura, in ihrem Urlaub nach Italien zu fahren, um alles Rechtliche zu klären und den Verkauf in die Wege zu leiten. Frau Dr. Schulz hatte ihr einen Immobilienmakler aus Cecina empfohlen, der Deutsch sprach, und auch schon den Kontakt hergestellt. Bis dahin vergrub sie sich in ihrer Arbeit, machte Überstunden und zog sich abends Serien auf Netflix rein, um nicht pausenlos an Marcel zu denken. Es half nicht wirklich. Immer wieder fragte sie sich, wie es sein konnte, dass sie nicht gemerkt hatte, dass er fremdging. Sie schwankte zwischen Trauer und Zorn, schmiedete Pläne, wie sie ihn zurückerobern konnte, und schwor sich kurze Zeit später, dass sie diesen verfluchten Feigling nie wieder sehen wollte. Trotzdem sah sie immer wieder auf ihr Handy, zuckte jedes Mal zusammen, wenn es klingelte oder das WhatsApp-Symbol aufleuchtete. Doch er meldete sich nicht.
Einige Tage vor ihrer Abreise rief sie ihn schließlich an. Die vage Hoffnung, er würde sich vielleicht über ihren Anruf freuen, zerstob, als er sie gleich nach der Begrüßung fragte, was sie wolle.
»Ich wollte dir nur sagen, dass ich am Samstag in die Toskana fahre … Falls du vorher noch deine Klamotten abholen willst.«
»Du fährst in die Toskana? Wieso das denn?«
»Mein Onkel ist gestorben und hat mir sein Haus vererbt.«
»Oh, mein Beileid …«
»Wer fährt in die Toskana?«, unterbrach ihn eine weibliche Stimme im Hintergrund.
Laura biss die Zähne zusammen. Das musste diese Stefanie sein. Wohnte die inzwischen bei ihm? Eine Hitzewelle stieg von ihrem Bauch in ihr Gesicht. Sie holte tief Luft.
»Ich stelle dein Zeug in einer Kiste in den Flur. Wenn du sie abholst, wirf bitte meinen Schlüssel in den Briefkasten.«
Sie legte auf, bevor er noch etwas sagen konnte. Verdammt, irgendwo im Hinterkopf hatte sie die leise Hoffnung gehabt, dass er vielleicht seine Meinung geändert hatte. Tja, da hatte sie sich wohl getäuscht. Sie wollte wütend sein, doch stattdessen weinte sie, während sie seine Sachen einpackte.
Sie stellte den Wecker auf vier Uhr am Samstagmorgen, doch sie wachte kurz vorher von alleine auf. Hunger hatte sie keinen, also trank sie nur einen Kaffee, füllte noch einen in ihren Thermobecher für unterwegs, packte Zahnbürste und Kosmetik in ihre Last-minute-Tasche und fuhr um fünf Uhr los. Zehn bis zwölf Stunden würde sie bis nach Castagneto Carducci brauchen. An der letzten Tankstelle vor der Grenze holte sie sich ein belegtes Brötchen. Um kurz nach neun erreichte sie Basel. Sie hatte gedacht, die Strecke nach Donoratico auswendig zu kennen, so oft war sie sie mit ihren Eltern gefahren. Allerdings hatte sie immer auf der Rückbank gesessen. Tatsächlich kam ihr in der Schweiz nur wenig bekannt vor. Hatte es vor neun Jahren auch so viele Tunnel bei Luzern gegeben? Ständig musste sie die Sonnenbrille auf- und absetzen.
Woran sie sich aber erinnerte, war der Stau vor dem Gotthardtunnel, den ihr Vater gerne umging, indem er über den Pass fuhr. Als sie im Radio hörte, dass am Gotthard mit einer Wartezeit von einer Stunde zu rechnen sei, beschloss sie, seinem Beispiel zu folgen, auch wenn ihr bei dem Gedanken an die kurvenreiche Strecke mulmig wurde. Sie verließ bei Wassen die Autobahn. Doch die Passstraße war einfacher zu fahren, als sie gedacht hatte, und auf der Südseite wurde sie für ihren Mut mit spektakulären Ausblicken belohnt. Sie hielt an einem Aussichtspunkt und machte Fotos. Komisch, dass sie sich gar nicht daran erinnerte, wie schön die Strecke über den Gotthard war. Umso besser hatte sie die Flüche ihres Vaters im Gedächtnis, wenn sie die Umgehungsautobahn von Mailand, die Tangentiale Ovest, gefahren waren.
Jetzt, wo sie die Strecke selbst fuhr, verstand sie ihn. Um die Mittagszeit herrschte reger Verkehr, und sie musste sich zwischen LKWs und deren waghalsigen Spurwechseln hindurchschlängeln. Als sie Mailand hinter sich gelassen hatte und sich endlich auf der A1 nach Parma befand, war sie schweißgebadet.
»Jetzt dauert es nur noch etwas mehr als drei Stunden«, hatte ihr Vater immer gesagt, nachdem sie die Mautstelle passiert hatten. »Eine Stunde bis Parma, eine bis La Spezia und eine bis Livorno.« Sie sah auf die Uhr. Wenn das stimmte, sollte sie um siebzehn Uhr in Livorno sein und eine halbe Stunde später in Donoratico.
Auf der Autobahn nach Parma fühlte Laura sich in die USA versetzt. Wie in den Staaten war die Autobahn dreispurig und schnurgerade. Die Landschaft war ebenso langweilig wie die Fahrt: braune, abgeerntete Felder, dazwischen ab und zu Wiesen und Büsche. In der Ferne einige Bauernhöfe oder Ruinen alter Häuser. Die Klimaanlage blies den strengen Geruch nach Dung ins Fahrzeug und erinnerte Laura daran, dass in dieser Gegend Schweine für den Parmaschinken gemästet wurden.
Bei Parma bog Laura in Richtung La Spezia ab, und schon ging es bergauf. Dichte Wolken hingen zwischen den Bergen, immer wieder regnete es. Auch daran erinnerte sie sich. Fast immer hatte es in den Bergen geregnet, auch wenn sie bei strahlendem Sonnenschein losgefahren waren. Die Autobahn durch die Apuanischen Alpen war besser ausgebaut als früher und ließ sich gut fahren. Laura erinnerte sich, dass früher an manchen Parkplätzen dunkel gekleidete Frauen getrocknete Schweineblasen an langen Stangen geschwenkt hatten, um darauf aufmerksam zu machen, dass hier Parmaschinken, Salami und auch Käse verkauft wurden. Doch sie entdeckte keine Schweineblasen und Verkaufsstände mehr. Sie passierte Carrara, wo die Marmorsteinbrüche in den Bergen wie Schnee schimmerten. Bei Viareggio winkte immer noch der hässliche Clown vom Rand der Autobahn den Reisenden zu. Schon als Kind hatte sie das Schild gruselig gefunden. Mittlerweile hatte sie Stephen Kings »Es« gelesen und fragte sich, warum man einen Horrorclown als Wahrzeichen für Viareggio ausgewählt hatte.
Als die Abfahrt Donoratico/Castagneto Carducci/Sassetta angezeigt wurde, war sie tatsächlich ein wenig aufgeregt. Wie früher als Kind. Sie verließ die Schnellstraße und ließ automatisch die Scheiben herunter, wie ihr Vater es immer getan hatte. »Riecht ihr das? So duftet die Toskana! Jetzt sind wir da«, hörte sie seine Stimme, als säße er neben ihr. Jedes Jahr derselbe Spruch, wie nervig sie das gefunden hatte. Und was sollte dieser besondere Toskana-Duft auch gewesen sein? Doch als sie die alte Via Aurelia, die von den Römern erbaut worden war, kreuzte, roch sie es. Der würzige Duft der Pinien zusammen mit dem salzigen Wind vom Meer und dem heißen Asphalt der Straße ergab eine unverkennbare Mischung. Und sie erinnerte sich an eine Zeit, als das auch ihr »Willkommensduft« gewesen war. Das Zeichen, dass die lange Autofahrt vorbei war und die Ferien jetzt endlich begannen. Ihr Herz schlug schneller, ein Echo der Vorfreude von damals.
Da sie nicht sicher war, ob sie den Weg zum Haus ihres Onkels wirklich finden würde, ließ sie sich vom Navi leiten.
An der Straße nach Castagneto stand tatsächlich noch die kleine Tankstelle, an der ihr Vater früher immer getankt hatte. Einige hundert Meter weiter war der Laden von Gloria gewesen. Ein kleiner Tante-Emma-Laden, in dem es alles gegeben hatte. Lebensmittel, Süßigkeiten, Haushaltswaren, Getränke. Das Gebäude gab es noch, doch die Läden waren geschlossen, und es sah verlassen aus. Wahrscheinlich hatte sich der Laden nach der Eröffnung des riesigen Conad in Donoratico, den sie von der Schnellstraße aus gesehen hatte, nicht mehr gelohnt. Schade eigentlich.
Vor dem Hotel Casa Marino hielt sie kurz an. Es war unverändert. In den Ferien war es ein Ritual gewesen: Jeden Donnerstagabend gingen alle, Onkel, Tante, Lauras Eltern und Laura dorthin essen. Warum gerade dahin und nicht mal nach Donoratico oder Castagneto, hatte Laura nie begriffen. Ja, das Essen war wohl gut gewesen, aber es gab wirklich schönere Restaurants.
Laura fuhr weiter. In der schmalen Straße, die zum Haus ihres Onkels führte, hatte sich fast gar nichts verändert. Links wuchs Schilf aus dem Graben neben der Straße, dahinter befanden sich Olivenhaine. Rechts verbargen Hecken aus Zypressen oder Oleander die Grundstücke. Immer noch hingen die Stromleitungen knapp über den Olivenbäumen an Holzmasten, von denen einige nicht sehr vertrauenswürdig aussahen. Hier erkannte sie alles wieder. Das Haus von Carlo Sari, wo sie früher Olivenöl gekauft hatten. Er hatte sein Öl nur an seine Nachbarn verkauft. Einmal hatte er ihr seine Ölmühle gezeigt. Ob er noch lebte? Sicher nicht, er war schon vor zwanzig Jahren alt gewesen.
