Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann. An einem frischen, windigen Nachmittag im April fuhr ein zitronengelber Sportwagen die kurvenreiche, sich über einen Höhenzug schlängelnde Waldstraße rasch und sicher entlang. Die Chromteile des Autos blitzten in den Strahlen einer gelblich wässerigen Sonne, die sich nach einem tüchtigen Regenguß durch die schwarzen Wolkenwände schob und die nasse Asphaltstraße in einen glatten Spie-gel verwandelte. Am Steuer des schnell dahinfliegenden Wagens saß ein junges Mädchen. le Kurven dieser gebirgsreichen Landschaft und manövrierte sich mit Geschick am entgegenkommenden Verkehr vorbei, der jedoch mehr und mehr abnahm, je weiter sie in die Berge hineinfuhr. Sonja Epstein befand sich auf dem Weg in eine unbekannte Zukunft, auf dem Weg, einen neuen Abschnitt in ihrem jungen Leben zu beginnen. Sie war voll von Neugier und Tatendrang, die selbst eine gewisse Beklemmung, die sich ihrer zu bemächtigen drohte, in den Hintergrund drängten. Zartes junges Grün bedeckte die Hügel und Wiesen, an denen Sonja vorbeieilte. Schafe grasten an Abhängen, und Bauern bestellten ihre Felder. Sie konnte sich nicht satt sehen an der friedlichen Schönheit dieser Landschaft. Nie hätte sie sich noch vor einem Jahr träumen lassen, jemals diese einsame und entlegene Bergstraße entlangzufahren, über der sich streckenweise die Wipfel der alten Buchen, jetzt in festlicher Frühlingskleidung, wie zum Gewölbe eines Domes zusammenschlossen. Sonja war in der Großstadt geboren und aufgewachsen. Als einzige Tochter eines bekannten Internisten hatte sie eine sorgenfreie und abwechslungsreiche Kindheit und Jugendzeit verbracht, in der es ihr weder an Liebe noch an materiellen Gütern jemals gefehlt hatte. Ihre Freude an Kindern und ihr Einfühlungsvermögen im Umgang mit Menschen bestimmten die Wahl ihres Berufes: Sie wollte Lehrerin werden. Ihr letztes Semester an der Hochschule hatte gerade begonnen, als ein tragisches Ereignis ihr junges Leben beinahe über Nacht aus seinen gewohnten Geleisen warf. Auf der Rückkehr von einem nächtlichen Krankenbesuch war Dr. Epsteins Wagen, den seine Frau chauffierte, von einem Betrunkenen angefahren und zertrümmert worden. Der Arzt starb noch bevor man einen Krankenwagen bestellen konnte. Frau Epstein wurde mit schweren inneren und äußeren Verletzungen ins nächste Hospital gebracht, wo sie monatelang zwischen Tod und Leben schwebte. Endlich erzwang Sonja von den sie behandelnden Ärzten die ganze erbarmungslose Wahrheit: Ihre Mutter würde nie wieder genesen. Unverzüglich unterbrach das junge Mädchen seine Studien, holte seine Mutter nach Hause und widmete sich in aufopfernder Liebe ganz ihrer Pflege.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
An einem frischen, windigen Nachmittag im April fuhr ein zitronengelber Sportwagen die kurvenreiche, sich über einen Höhenzug schlängelnde Waldstraße rasch und sicher entlang. Die Chromteile des Autos blitzten in den Strahlen einer gelblich wässerigen Sonne, die sich nach einem tüchtigen Regenguß durch die schwarzen Wolkenwände schob und die nasse Asphaltstraße in einen glatten Spie-gel verwandelte. Am Steuer des schnell dahinfliegenden Wagens saß ein junges Mädchen. Fest in ihren Sicherheitsgurt eingeschnallt nahm sie mit großer Kühnheit al- le Kurven dieser gebirgsreichen Landschaft und manövrierte sich mit Geschick am entgegenkommenden Verkehr vorbei, der jedoch mehr und mehr abnahm, je weiter sie in die Berge hineinfuhr.
Sonja Epstein befand sich auf dem Weg in eine unbekannte Zukunft, auf dem Weg, einen neuen Abschnitt in ihrem jungen Leben zu beginnen.
Sie war voll von Neugier und Tatendrang, die selbst eine gewisse Beklemmung, die sich ihrer zu bemächtigen drohte, in den Hintergrund drängten. Zartes junges Grün bedeckte die Hügel und Wiesen, an denen Sonja vorbeieilte. Schafe grasten an Abhängen, und Bauern bestellten ihre Felder. Sie konnte sich nicht satt sehen an der friedlichen Schönheit dieser Landschaft. Nie hätte sie sich noch vor einem Jahr träumen lassen, jemals diese einsame und entlegene Bergstraße entlangzufahren, über der sich streckenweise die Wipfel der alten Buchen, jetzt in festlicher Frühlingskleidung, wie zum Gewölbe eines Domes zusammenschlossen.
Sonja war in der Großstadt geboren und aufgewachsen. Als einzige Tochter eines bekannten Internisten hatte sie eine sorgenfreie und abwechslungsreiche Kindheit und Jugendzeit verbracht, in der es ihr weder an Liebe noch an materiellen Gütern jemals gefehlt hatte. Ihre Freude an Kindern und ihr Einfühlungsvermögen im Umgang mit Menschen bestimmten die Wahl ihres Berufes: Sie wollte Lehrerin werden. Ihr letztes Semester an der Hochschule hatte gerade begonnen, als ein tragisches Ereignis ihr junges Leben beinahe über Nacht aus seinen gewohnten Geleisen warf. Auf der Rückkehr von einem nächtlichen Krankenbesuch war Dr. Epsteins Wagen, den seine Frau chauffierte, von einem Betrunkenen angefahren und zertrümmert worden. Der Arzt starb noch bevor man einen Krankenwagen bestellen konnte. Frau Epstein wurde mit schweren inneren und äußeren Verletzungen ins nächste Hospital gebracht, wo sie monatelang zwischen Tod und Leben schwebte. Endlich erzwang Sonja von den sie behandelnden Ärzten die ganze erbarmungslose Wahrheit: Ihre Mutter würde nie wieder genesen. Unverzüglich unterbrach das junge Mädchen seine Studien, holte seine Mutter nach Hause und widmete sich in aufopfernder Liebe ganz ihrer Pflege. In dieser Zeit, die die schwerste und trostloseste in ihrem Leben hätte sein sollen, geschah etwas ganz Wunderbares. Das Krankenzimmer der sterbenden Mutter wurde für Sonja ein Hafen des Friedens und Trostes, der von der todkranken Frau täglich auf sie überströmte.
Sie lernte mehr und mehr Dinge in ihrem Wert einzuschätzen und das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Und als nach drei Monaten diese tapfere und gläubige Frau ihre Augen schloß, hinterließ sie nicht ein gebrochenes, verlassenes Waisenkind, sondern ein junges Mädchen, das fest entschlossen war, seinem Leben Sinn und Zweck zu geben. Sonjas Trauer um die geliebten Eltern war tief und echt, doch war es ihr, als seien sie noch immer bei ihr wie ein helles stärkendes Licht, auch wenn sie ihr nicht physisch nahe sein konnten.
Bald nahm Sonja ihre Studien wieder mit großem Eifer auf. Drei Monate vor dem Examen, das auf einen Termin im März festgelegt war, traf es sich, daß sie im Lesesaal der Hochschule eine Zeitschrift in die Hand nahm, in der ihr beim Durchblättern eine Annonce ins Auge fiel, die sie aufmerksam durchlas. Ein gewisser Leopold Graf von Wettringen suchte dringend eine junge Erzieherin für seine Tochter Veronika. Ein fürstliches Gehalt, Zimmer mit Bad und vol-ler Familienanschluß (wenn erwünscht) wurden angeboten. Bewerbungen sollten noch vor Weihnachten eingeschickt werden.
Das klingt zu gut, um wahr zu sein, dachte Sonja, die bisher noch keine festen Zukunftspläne gemacht hatte, teilweise, weil sie mit gutgemeinten Angeboten von Freunden und Verwandten überschüttet wurde und nicht wußte, für wen sie sich entscheiden sollte und teilweise, weil sie sich nicht gebunden und verpflichtet fühlen wollte. Sie hatte daher schon daran gedacht, ins Ausland zu gehen, um allem und jedem zu entfliehen. In dieser Situation kam nun das Stellenangebot des Grafen von Wett-ringen wie ein Geschenk des Himmels. Sie würde auf eigenen Füßen stehen und ihre eigenen Entscheidungen treffen können und doch gleichzeitig in einer Familie eine gewisse Geborgenheit haben.
Ich werde die Stelle nur nicht bekommen, dachte Sonja ein wenig kleinmütig, als sie ein paar Tage später das dicke Briefkuvert mit ihrer Bewerbung bei der Post aufgab. Es werden sich bestimmt Hunderte von jungen Mädchen um diese Stelle bewerben. Da müßte schon ein Wunder geschehen, wenn die Wahl auf mich fiele.
Und dieses Wunder geschah! Eine Woche vor dem Schlußexamen traf der Brief ein, der Sonjas ganzes Leben bestimmen sollte. Leopold, Graf von Wettringen schickte eine kurze handgeschriebene Nachricht, um ihr mitzuteilen, daß er sie unter 54 Bewerbern ausgewählt habe und sie in der ersten Woche nach Ostern, am 6. April morgens gegen zehn Uhr auf Burg Wettringen erwarte. Sonjas Herz klopfte bis zum Hals, und Freudentränen liefen ihr aus den Augen. »Ich kann es kaum glauben, kaum fassen…«, stammelte sie glücklich.
Die Lösung ihres größten Problems, nämlich was nach dem Examen werden sollte, gab ihr solch einen Auftrieb, daß sie in ihren Prüfungen glänzend abschnitt. Die Wochen vor ihrer Abreise waren mit Vorbereitungen bis zum Rande gefüllt. Endlich, frühmorgens am 5. April, trat Sonja im ersten eigenen Wagen ihre lange, und, wie sich zeigen sollte, entscheidende Reise an.
Schon sank die Sonne hinter den Hügeln, als Sonja in eine kleine Ortschaft einfuhr. Um ausgeruht und rechtzeitig auf Burg Wettringen zu erscheinen, war sie einen Tag früher abgereist und schaute sich nun in der engen Dorfstraße nach einem Gasthaus um, in dem sie übernachten konnte. Doch vergeblich spähte Sonja nach einem Wirtshaus aus, und sie war schon beinahe am anderen Ende des Dörfchens angelangt, als ihr ein buntes Schild ins Auge fiel, das einen grauen Vogel auf blauem Hintergrund zeigte. Bald war sie nah genug, um an der weißgetünchten Hauswand in goldenen Buchstaben die Worte »Zum grauen Falken« zu lesen. »Kehren wir also im ›Grauen Falken‹ ein!« sagte sie sich und parkte ihr Auto in einer kleinen Sackgasse nebenan. Ding – dong ertönte die Türglocke, als Sonja die schwere Eichentür aufstieß. Sie betrat einen niedrigen holzgetäfelten Raum, und sobald sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erblickte sie im Hintergrund des großen Gastzimmers einen Mann hinter der Theke, der Gläser abwusch.
»Guten Abend«, sagte Sonja etwas schüchtern.
»Guten Abend, Fräulein«, erwiderte der Mann und trat auf sie zu.
»Ist es möglich, hier bei Ihnen ein Zimmer für eine Nacht zu bekommen?«
»Aber selbstverständlich, jetzt nach Ostern haben wir kaum Gäste. Ich werde sofort meine Frau rufen. Sie wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen.«
»Kann ich mein Auto in der kleinen Sackgasse stehenlassen?« fragte Sonja. »Ja, das ist ganz in Ordnung. Hier nimmt Ihnen niemand etwas weg.«
Der Mann verschwand, und Sonja holte ihr Gepäck aus dem Wagen. Als sie ins Gastzimmer zurückkehrte, kam eine junge Frau auf sie zu. Sie strich sich ihr zerzaustes Haar aus dem hochroten Gesicht und zog ihre Kittelschürze aus. Hinter ihr kroch auf allen vieren ein kleiner Junge, der nicht älter als ein Jahr sein konnte.
»Oh, Sie müssen entschuldigen, Fräulein…?«
»Epstein«, ergänzte Sonja.
»Ich komme gerade aus dem Kuhstall. Wissen Sie, wir haben so ein wenig Landwirtschaft nebenbei – wenn Sie einen Augenblick Geduld haben – ich will mich eben etwas frisch machen. Bitte setzen Sie sich doch!«
Eine halbe Stunde später stand Sonja am offenen Fenster ihrer reinlichen Stube, die mit ihren alten Bauernmöbeln so warm und gemütlich wirkte. Sie blickte in den malerischen Hof hinunter und ließ ihr Auge schweifen über Felder und grüne Hänge, bis ihr Blick endlich an der Burg haften blieb, die sie jetzt deutlich erkennen konnte. Wie wenig einladend die hohen dunklen Mauern und Zinnen wirken, dachte Sonja, und es war ihr bange ums Herz.
»Fräulein Epstein!« rief eine Stimme von unten. »Das Abendbrot ist serviert!«
Sonja schloß das Fenster und stieg vorsichtig die dunkle steile Treppe herunter. Frau Margret stellte einen großen Teller Gemüsesuppe vor das hungrige Mädchen, setzte sich neben sie und nahm ihren Buben auf den Schoß. Ihre weibliche Neugier ließ ihr keine Ruhe. Sie hätte zu gern erfahren, wer denn dieses fremde schöne Fräulein war, und wo es so allein hinfuhr.
»Haben Sie es noch weit?« erkundigte sie sich.
»Nein, ich bin eigentlich am Ziel meiner Reise angekommen«, erwiderte Sonja. »Morgen fahre ich zur Burg Wettringen hinauf.«
»Ach so, dahin gehören Sie!« stieß die Gastwirtin hervor. »Ich dachte mir doch gleich so etwas.«
Sonja war es nun ihrerseits auch daran gelegen, von den Dörflern ein wenig über die Burg und ihre Bewohner zu erfahren.
»Sind Sie schon einmal dort oben gewesen?« fragte sie vorsichtig, und blickte in das rotwangige volle Gesicht der jungen Frau, deren Augen sich sichtlich erweitert hatten.
»Ich? Aber nein! Gewöhnliche Sterbliche kommen doch da nicht herauf. Der Graf lebt dort oben wie in einem Gefängnis. Seitdem das mit seiner Frau passiert ist, wissen Sie, da ist er nicht mehr fortgewesen. Besuch bekommen die da, soweit wir das beobachten können, auch nicht viel. Der Sohn kommt, glaube ich, einmal im Jahr. Und dann die kleine Veronika! Ach, das ist ja ein großer Jammer!«
Sonja spürte, wie sich in ihr bei Margrets Worten alles zusammenkrampfte. Wo würde sie nur hingeraten! Was war da mit der Gräfin »passiert«? Und warum sagte sie, es sei »ein Jammer mit der kleinen Veronika«? Offensichtlich setzte Margret voraus, daß Sonja wußte, worum es sich handelte. Während die Gastwirtin in der Küche den nächsten Gang vorbereitete, überlegte Sonja, ob es ratsam sei, ihre Unwissenheit zu enthüllen und so viel wie möglich aus Margret herauszubringen, oder so zu tun, als wisse sie mehr oder weniger Bescheid. Sie beschloß, ihrer Natur gemäß zurückhaltend zu sein und war daher froh, als Margret, nachdem sie eine hübsch garnierte Platte vor sie hingesetzt hatte, sich entschuldigte, um ihren Buben ins Bett zu bringen.
Sonja ging früh auf ihr Zimmer. Doch lag sie noch lange wach und dachte über die mysteriösen Worte der Gastwirtin nach. Vater hätte mich sicherlich sofort gewarnt. Er hätte vorgeschlagen, mit mir zusammen nach Burg Wettringen zu fahren, um den Grafen und seine Familie kennenzulernen, bevor ich mich endgültig für die Stelle entschied. Ja, Vater – er hätte mich immer beraten und beschützt! Sie atmete tief ein, um die aufsteigenden Tränen niederzukämpfen und redete sich tapfer zu, daß sie doch jederzeit kündigen könne, wenn sie sich dort nicht wohl fühlte. Endlich übermannte sie ein tiefer Schlaf.
Um sechs Uhr morgens wachte sie durch allerlei Geräusche im Haus auf. Der Hahn krähte laut unten im Hof, Milchkannen klapperten, Kühe muhten, und Schweine grunzten. Sonja sprang aus dem Bett, zog die bunten Gardinen auf und öffnete das Fenster. Noch lag dichter Nebel über den Feldern und Wiesen, doch der Tag versprach sonnig und warm zu werden. Sie nahm ein Bad und verwandte große Sorgfalt auf ihre Toilette. Sie wollte auf der Burg einen guten, gepflegten Eindruck machen.
Der Gastwirt und seine Frau warfen dem eleganten Mädchen merkwürdige Blicke zu, als sie sehr würdevoll ihren Morgengruß erwiderte und erklärte, sie wolle nur eine Tasse Kaffee zum Frühstück, weiter nichts. Außerdem würde sie gern ihre Rechnung sofort bezahlen, da sie in Kürze aufbrechen müsse. Es war erst acht Uhr.
Der Gastwirt brachte Sonjas zahlreiche Koffer und Taschen zum Wagen und verpackte sie im Kofferraum. Dann ging er zurück zum Gasthaus, wo sich das junge Mädchen gerade von seiner Frau verabschiedete.
»Ich wünsche Ihnen alles Gute«, sagte Frau Margret mit aufrichtiger Herzlichkeit. »Und schauen Sie doch ruhig wieder herein, ich meine, wenn Sie Rat oder Hilfe brauchen sollten. Wie lange werden Sie denn bleiben?« Die etwas plumpe Vertraulichkeit der Gastwirtin empfand Sonja als höchst unangenehm und gerade, als sie nach einer passenden Antwort suchte, fiel ihr auf, wie der Gastwirt seiner Frau einen ärgerlichen Blick zuwarf.
»Noch einmal gute Wünsche!« sagte sie schnell, »und Gott befohlen!«
Sonja nickte dem Ehepaar freundlich zu und ging erleichtert auf ihr Auto zu. Bald kletterte ihr Wagen die steile Anhöhe hinauf. Sie fuhr durch dichten Wald. Die Frühlingssonne brach durch das junge Grün der schlanken Buchenstämme. Noch glänzte Tau auf dem frischen Moos und Sauerklee; Anemonen blühten überall und bildeten weiße Kissen rechts und links von der Straße, die sich bald teilte. Links hieß es auf einem Straßenschild: »Nach Untergraustein« und rechts warnte eine Tafel: »Burg Wettringen, Privat, Durchfahrt verboten.«
Sonja wurde immer nervöser. Es war kaum 9 Uhr. Noch blieb ihr eine ganze Stunde Zeit. Sie beschloß, ihren Wagen in einer Waldschneise zu parken und zu Fuß zur Burg hinaufzusteigen, um sich ein wenig umzusehen. Sie zog ein paar bequeme Laufschuhe an, hängte ihre Windjacke um und stieg kreuz und quer durch den Wald auf die hohe fensterlose, beinahe wie ein Gefängnis wirkende Burgmauer zu. Bald konnte sie durch die Bäume und Büsche hindurch ein mächtiges, eisenbeschlagenes Tor erkennen. Darüber befand sich ein Steinbau mit zwei kleinen Türmchen und engen Fenstern. Hier mußte der Pförtner wohnen. Plötzlich schrak sie zusammen. Sie vernahm Schritte und Hundegebell. Geschwind duckte sie sich hinter eine kleine Tanne und schaute gespannt in die Richtung, aus der sie die Schritte kommen hörte. Den schmalen Weg herunter, der an der Mauer vorbei zum Tor führte, sprangen zwei mächtige braun- weiß-gefleckte Hunde, denen ein großer schlanker Mann in Lodenmantel und Filzhut folgte.
Sonja konnte ein scharfgeschnittenes Profil erkennen, seine Gesichtsfarbe war blaß und – wie das gebannt starrende Mädchen zugeben mußte – sein Ausdruck düster. Kaum hatte er das große Tor erreicht, an dem die Hunde heraufsprangen, als es sich bereits, wie von unsichtbarer Hand bewegt, öffnete. Sekunden später waren alle im Innern verschwunden, und das Tor schloß sich mit einem lauten, hohlen Schlag.
Kurz darauf schlug eine zweite Tür dröhnend zu, dann war alles wieder still. Sonja lief ein Schauer den Rücken herunter. Das muß der Graf von Wettringen gewesen sein, dachte sie. Vor dem kann man wirklich Angst bekommen. Ihre Neugier ließ ihr jedoch keine Ruhe. Sie wollte noch mehr über diese geheimnisvolle Burg herausfinden. Bald war sie soweit geklettert, daß sie von einer waldigen Höhe aus auf die Burganlage herunterblicken konnte. Wieviel einladender die Burg von hier aus wirkte! Nur die Nordseite schien einer Gefängniswand zu gleichen. Die Südseite dagegen hatte große weite Glasfenster und Türen, die auf eine Terrasse führten. Im Park grünte und blühte es wie in einem botanischen Garten. Erleichtert atmete Sonja auf. Sie weidete sich gerade an dem herrlichen Blick über grüne Anlagen, Felder und Wiesen, die anscheinend alle zum Besitz des Grafen gehörten, als sich an der Südseite eine große Verandatür öffnete. Sie hörte Stimmen und ein lautes, schrilles Schreien. Dann sah sie etwas, das ihr Herz stillstehen ließ: Eine ältere Dame schob vorsichtig einen Rollstuhl auf die Terrasse, und in dem Rollstuhl saß – ein kleines Mädchen, das ungebärdig seinen Kopf nach allen Seiten warf.
