Sonntagmorgensingle - Matthias Kleiböhmer - E-Book
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Matthias Kleiböhmer

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Beschreibung

Gläubige beten, die anderen drücken die Daumen

Er vertraut auf Gott - sie nur auf das, was sie überprüfen kann. Kann das auf Dauer gutgehen? Oder ist eine gelingende Ehe unter diesen Voraussetzungen eher schwierig?
Der (fehlende) Glaube eines Partners kann eine Belastung sein. Es kann aber auch eine Chance sein, der Beziehung mehr Tiefe zu geben. Denn es geht weniger darum, ob man sonntags gemeinsam in die Kirche geht, sondern darum, Worte zu finden für das, was den Partnern besonders wichtig ist. Das ist eine Herausforderung, die beide weiterbringt.
Matthias Kleiböhmer ist engagierter Christ, während seine Frau nicht gläubig ist. Aus seiner eigenen Erfahrung und anhand biblischer Impulse kann er eine neue Perspektive auf die Lebenssituation vieler Christinnen und Christen geben. Klug und bescheiden berichtet er von seinem Glauben-, Familien- und Eheleben und beschreibt, warum ein gemeinsames Glaubensleben zwar schön, aber nicht das einzig Wichtige in einer Beziehung ist. Und er gibt anschauliche Hilfen, wie das Leben allein als Christ in der Familie gelingen kann.

  • Einander lieben, obwohl einer nicht glaubt
  • Eine ungewöhnliche und ermutigende Perspektive

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Gläubige beten, die anderen drücken die Daumen

Matthias Kleiböhmer ist engagierter Christ, während seine Frau nicht gläubig ist. Für ihre Ehe ist das eine Herausforderung.

Hier öffnet er auf dem Hintergrund eigener Erfahrung und anhand zahlreicher biblischer Impulse neue Perspektiven auf eine Lebenssituation, die viele Christinnen und Christen ebenfalls kennen. Klug und bescheiden erzählt der Autor, wie ein Familienleben gelingen kann, in der nicht alle das Glaubensleben teilen. Ein Buch das hilft, einander in der Verschiedenheit wahrzunehmen und gerade darin eine tiefe Gemeinsamkeit zu finden.

Matthias Kleiböhmer, geboren 1976, arbeitet als evangelischer Theologe und Fundraiser bei der Stiftung Creative Kirche und organisiert Großveranstaltungen wie den Int. Gospelkirchentag, das größte Gospelfestival Europas. Er moderiert christliche Events und hat mit dem Team des Wohnzimmergottesdienstes über 100 geistliche Videos auf Youtube produziert. Das Projekt wurde mit dem Innovationsförderpreis »TeamGeist« der Ev. Kirche von Westfalen ausgezeichnet.

Matthias Kleiböhmer ist mit einer atheistischen Naturwissenschaftlerin und Redakteurin verheiratet und hat zwei Kinder. Er wohnt mit seiner Familie am Rande des Ruhrgebiets.

Matthias Kleiböhmer

SONNTAGMORGENSINGLE

Wie es ist, der einzige Christ in der Familie zu sein

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Sofern nicht anders angegeben sind alle Bibelstellen entnommen aus:

BasisBibel. Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 2021.

Darüber hinaus wurde verwendet: Die Bibel: Nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel. Revidiert 2017. Mit Apokryphen, Stuttgart 2016.

Copyright © 2023 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © timonko – iStockphoto.com

ISBN 978-3-641-30189-7V001

www.gtvh.de

Mehr weil als obwohl.Jeden Tag.

Danke.

Inhalt

I. DER GLAUBE UND DER UNGLAUBE

Einführung: Warum tun wir uns das an?

1. Der eine glaubt, die andere nicht

2. Die Bibel als Ratgeberin?

II. WIE KÖNNEN WIR ZUSAMMEN LEBEN?

3. Heiraten mit und ohne Gott

4. Taufe und Kindersegnung

5. Mit Kindern beten

6. Was man religiöse Erziehung nennt

7. Sollen Kinder am Religionsunterricht teilnehmen?

8. Und dann entscheiden sich die Kinder dagegen

9. Weihnachten und Ostern: Familienfeste mit Nichtchristen

10. Geld für den Glauben und die Kirche

11. Die Bestattung und für wen wir sie feiern

III. DIE DISTANZ ÜBERWINDEN

12. Es geht um Dein »Warum?«

13. Wie spricht man über den Glauben?

14. Der Punkt, an dem wir uns trennen

15. Ein anderer Partner, eine andere Partnerin muss her

16. Bis in alle Ewigkeit

17. Keine fünf Schritte zum Glück

Anmerkungen

I. DER GLAUBE UND DER UNGLAUBE

Einführung: Warum tun wir uns das an?

In meinem Ehering sind einige Worte eingraviert: »Mehr weil als obwohl«. Ich trage ihn jeden Tag, und ich erlebe das jeden Tag. Das muss dann wohl Liebe sein. Wenn Dich jemand mag und gerne Zeit mit Dir verbringt. Wenn jemand etwas für Dich tut, das sonst niemand tut. Wenn jemand in schönen und in schwierigen Zeiten bei Dir bleibt. Wenn er oder sie Dich aushält, wenn Du Dich selbst nicht magst. Dann muss es wohl Liebe sein. Sie macht aus einer kurzen Begegnung den Moment für die Ewigkeit. Sie sorgt dafür, dass da eine Verbindung ist, so stark wie ein Tau, auch wenn man es nicht sieht. Sie verändert die Prioritäten, und sie macht tolerant. Jemanden zu lieben bedeutet, ihn nicht aufzugeben, weil er Schwächen hat. Liebe spricht ein »ja«, das auch durch einen Fehler nicht erschüttert wird. Und nicht durch noch einen. Deswegen heißt Liebe auch immer, sich von etwas zu verabschieden. Sie wirft Pläne um und Ideale. Sie kann dem Leben eine ganz andere Richtung geben, und es fühlt sich nicht mal schwer an. Sie verändert den Menschen. Wenn Dich jemand wirklich liebt, will er nicht, dass Du bleibst, wie Du bist. Er will, dass Du etwas Neues an Dir entdeckst und mehr von dem tust, was Dich liebenswert macht.

Die Liebe ist eine merkwürdige Sache. Sie bewirkt, dass Du ein ganzes Leben nach etwas ausrichtest, das man nicht sehen, anfassen, festhalten oder machen kann – ohne dass es eine zuverlässige Sicherheit dafür gäbe, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Deswegen ist sie eine Wette auf das Leben, in dem jeder Tag unwiederbringlich vergeht und die Zeit immer schneller läuft, je älter man wird. Die Liebe kann bewirken, dass das Leben gelingt; dass es sich rund und richtig anfühlt. Die Liebe ist ein Geschenk, und das ist nicht selbstverständlich. Wer sie erleben darf, sollte sie dankbar annehmen.

Insofern habe ich offensichtlich ein Luxusproblem. Denn diese Liebe ereignet sich in meinem Leben gleich zwei Mal. Vielleicht ist es bei Dir auch so, oder bei jemandem in Deinem Umfeld. Jedenfalls habe ich beim Schreiben vor allem an diejenigen gedacht, denen es so geht wie mir. Als Christin oder als Christ allein in der Familie oder in der Beziehung erleben wir sie doppelt. »Mehr weil als obwohl« – das sagen unsere Lieben, mit denen wir den Glauben nicht teilen können. Das sagt auch Gott. Und zwar jeden Tag. Sie sprechen es nur nicht gleichzeitig, weil sie sich scheinbar selten treffen. Wir führen eine Art Dreiecksbeziehung, in der sich die beiden anderen Partner wenig zu sagen haben. Und das ist eine Belastung.

Meine Ehefrau und Deine Partnerin oder Dein Partner oder Deine Familie teilen unseren Glauben nicht. Sie haben vielleicht wenig oder kein Verständnis dafür, und manchmal hat es Diskussionen bis hin zum offenen Streit gegeben. Oder wortlose Ablehnung. Oder einen Fluchtreflex oder irgendeine andere Art der innerlichen Distanz. Das kann eine Beziehung grundsätzlich in Frage stellen. Liebt sie mich wirklich? Liebt er mich genug, um diesen Unterschied auszuhalten? Passen wir überhaupt zusammen? Können wir das schaffen? Da kann man leicht in eine ernsthafte Beziehungskrise schlittern. Das muss aber nicht sein.

Sieh es als Chance

Unsere Erfahrung nach 15 Jahren Beziehung: Es ist eine Herausforderung, aber eine, die einen Wachstumsprozess in Gang gebracht hat – in Bezug auf meine Persönlichkeit, meinen Glauben und unsere Beziehung. Das Positive überwiegt; die Chancen sind größer als die Gefahren. Für uns. Wie das für Dich ist, wirst Du vielleicht herausfinden. Dazu möchte ich Dir mit diesem Buch helfen. Es kommen vermutlich nicht alle Deine individuellen Fragen vor; aber in vielem wirst Du Dich wiederfinden.

Es wird aber vermutlich eine Herausforderung bleiben. Mein Glaube ist in unserer Beziehung kein Kuschelthema, und das wird es auch nicht werden. Der Unglaube meiner Frau auch nicht. Es bleibt emotional, manchmal bleibt das Gefühl, innerlich zwischen den beiden »Beziehungen« zerrissen zu sein. Wir werden weiter fragen, diskutieren und innerlich den Kopf schütteln. Ich freue mich darauf. Keine Beziehung besitzt man im statischen Sinn. Nicht zu Gott, auch nicht zu Menschen, selbst wenn sie unseren Glauben teilen. Jede Beziehung muss gelebt und entwickelt werden, sonst wird sie in den permanenten Veränderungen, die wir erleben, untergehen. Mein Wunsch ist es, Dir oder Euch hiermit zu helfen, eine Perspektive dafür zu finden.

Es ist nicht ganz ohne Ironie, dass ich mich auch beruflich mit unserer Art von Beziehung befasse. Ich arbeite als Theologe und leitender Angestellter in einer evangelischen Stiftung, der Stiftung Creative Kirche. Wir sehen unseren Auftrag darin, auf eine Art mit Musik von der Liebe Gottes zu erzählen, dass Menschen es als Hilfe für ihren Alltag und Hoffnung für ihr ganzes Leben begreifen können. Man könnte also sagen, ich bin ein Missionar, der sich Arbeit mit nach Hause genommen hat. Und einer, der in den eigenen vier Wänden bisher erfolglos geblieben ist. Zum einen liegt das zum Glück nicht allein in meinen Händen. Zum anderen frage ich mich mit Blick auf die Scheidungsstatistik unserer Tage viel mehr, wie wir das ohne größere Krise geschafft haben. Was sind die Grundlagen unserer Beziehung, wenn es nicht der Glaube ist? Darauf werde ich noch zu sprechen kommen.

Wenn die Bibel eines ganz sicher ist – und da würde mir vielleicht auch Deine Partnerin oder Dein Partner zustimmen – dann ein Buch, das zeigt, wie der Glaube und das Leben gelingen können. Deswegen greife ich auf diesen Erfahrungsschatz immer wieder zurück. Ich werde dabei von »Gläubigen« und »Nichtgläubigen« sprechen, obwohl ich weiß, dass es da kein Schwarz und Weiß gibt, sondern die ganze Farbpalette in allen Schattierungen. Glaube ist Suchen, Frage, Beziehung, nichts ist in Stein gemeißelt. Ich möchte damit auch nicht über Menschen urteilen und niemandem ein Etikett verpassen. Letztlich suchen wir alle. Beim Schreiben hat sich aber gezeigt, dass es ohne begriffliche Unterscheidung nicht geht. Du wirst das für Dich sicher einordnen können.

Ich danke Andreas Malessa für den Rat und die tiefe Verbundenheit und Daniel Hobe für die kompetente und respektvolle Begleitung. Außerdem Martin Bartelworth und Ralf Rathmann, den Gründern der Creativen Kirche. Ohne sie gäbe es dieses Buch nicht, weil es mich als Theologen nicht mehr gäbe. Lukas Voß hat hart daran gearbeitet, aus dem Stückwerk der Worte ein weitgehend fehlerfreies Buch zu machen. Vielen Dank auch an Bernd Fröhlich für das Feedback und an Dr. Renate Hofmann und Marcus Beier für die kompetente Begleitung.

Das Team des Wohnzimmergottesdienstes auf YouTube – Rubin Itermann, Giulia Arnold, Johannes Ebbertz und Lena Neuhaus – hat fast alle Gedanken hier schon einmal gehört und geduldig ertragen, dass ich meine Predigten immer erst im letzten Moment fertigstelle. Vielen Dank euch! Viele Gedanken aus unseren Videos habe ich hier aufgenommen, deswegen kannst Du einiges auf dem YouTube Kanal der Creativen Kirche zur Vertiefung nachhören.

Am meisten muss ich aber denen danken, deren Geschichten hier im Buch erscheinen, weil sie meine Geschichte kreuzen: Rüdiger Krause und einigen weiteren, die ich aus verschiedenen Gründen nicht erwähne. Am meisten haben meine Frau und meine Kinder für dieses Buch gegeben. Sie haben erlaubt, dass ich einen Einblick in unser Familienleben gebe und meine Zeit in diese Seiten investiere.

Wir alle zusammen haben an diesem Buch gearbeitet, weil wir eine Menge Leute in derselben Situation kennen. Wir hoffen, es bringt Dich weiter.

1. Der eine glaubt, die andere nicht

Ich war neun Jahre alt, und die Bergbaukrise der 80er Jahre hatte unser Familienleben auf den Kopf gestellt. Erst ging die Firma meines Vaters verloren, dann unser Haus, und dann mein Freundeskreis. Am anderen Ende der Stadt und ohne Spielkameraden wurde mein Großvater umso wichtiger. Fast jedes Wochenende war ich bei ihm und meiner Großmutter, und nie war es langweilig. Ich war auch dort, als der Anruf kam: Das Haus ist weg. Zwangsversteigerung. Wie alle Eltern hatten auch meine versucht, das Unglück, solange es ging, von den Kindern fernzuhalten. Jetzt ging es nicht mehr. Der Umzug war ein tiefer Einschnitt. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich wieder in einem Haus wirklich zuhause gefühlt habe.

Meine Eltern sind Menschen, die nicht aufgeben. Sie fanden damals ein anderes Einkommen und ein anderes Haus zur Miete. Einige Monate nach dem Umzug war ich immer noch nicht angekommen und lag abends lange wach. Jeden Abend. Ich war zutiefst verunsichert und auch überfordert. Aber das sollte niemand wissen. Natürlich hätte ich meinen Eltern davon erzählen können; wir hatten kein schlechtes Verhältnis. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt das, was man allgemein unter einer glücklichen Kindheit versteht. Aber irgendwie musste ich das alles mit mir selbst ausmachen. Schließlich hatten alle genügend eigene Probleme, und der enorme finanzielle Druck war jeden Tag spürbar. So entwickelte ich Zwangshandlungen – wie viele Menschen, die ihr entgleistes Leben wieder in die Bahn bringen wollen. Und auch die wollte ich vor meinen Eltern verbergen. Das war harte Arbeit, denn die Zwänge waren Teil meines Alltags: Ich musste mir ständig meine Fingerspitzen ablecken, was nicht nur unhygienisch, sondern auch peinlich war. Schlimmer war jedoch, dass ich mir jedes Wort, dass ich z.B. auf der Straße las, innerlich drei Mal vorsprechen musste. Jedes Werbeplakat, jeden Wegweiser. Ich kann sagen: Das erzeugt keine Sicherheit, sondern einen Heidenstress.

An einem der langen Abende bekamen meine Eltern einen Anruf. Das (einzige!) Telefon stand, wie damals üblich, im Eingangsbereich, in Hörweite meines Zimmers. Ich stand auf, öffnete die Tür einen Spalt breit – und ich ahnte: Da kommt ein neues Unglück. Ein richtiges. Meine Mutter nahm ab und wenige Augenblicke später brach sie in Tränen aus. Es ging offenbar um meinen Großvater. Später erfuhr ich, dass es ein Schlaganfall gewesen war. Für den Moment wusste ich nur: Er ist ernsthaft krank, und es sieht nicht gut aus.

Was tut ein Neunjähriger in so einer Situation? Er heult wie ein Schlosshund. Er zieht die Decke über den Kopf. Er flüchtet sich in seine Zwänge. Er verhandelt mit Gott.

Ich muss dazu sagen: Ich kannte Gott eher vom Hörensagen. In unserer Familie wurde nicht über ihn gesprochen, man ging nur an Weihnachten in die Kirche. Aber meine Mutter hatte unregelmäßig abends mit uns gebetet. »Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.« Ich mochte das Ritual, verstand aber nicht eine Silbe dieser Worte. Weder wollte ich klein sein, noch wusste ich, was ein »reines Herz« sein soll. Ich war sogar der Meinung, in meinem Herz müsste doch Platz sein für mehr als nur Jesus allein. Daneben gab es noch einem leidlichen Religionsunterricht, aber das war es das dann auch mit der religiösen Erziehung. Den evangelischen Kindergarten hatte ich jedenfalls weitestgehend – und in Komplizenschaft mit meinem Großvater – umgangen. Wir hatten jeden Morgen beide so lange traurig geguckt und gebettelt, bis ich nicht mehr hinmusste.

Kurz: Ich hatte keinen Grund, auf Gott zu vertrauen. Und ich wusste nicht, wie man betet. Schon gar nicht, wie man es mit eigenen Worten tut. Aber was hatte ich noch zu verlieren?

Und so habe ich das erste freie Gebet meines Lebens gesprochen. Es kam alles raus, was ich sonst nicht sagen wollte: Dass ich unendlich traurig war. Dass ich Angst hatte. Dass mein Großvater leben sollte. Dass alles so werden sollte, wie es vorher war. Das Gebet sprach ich – man ahnt es – drei Mal. Wenn schon zwanghaft, dann richtig.

An jenem Abend habe ich Frieden gefunden. Das meine ich nicht als Floskel. Es ist für mich der beste Ausdruck, den unsere Sprache für diese Erlebnis bietet. Es war nicht spektakulär, nicht aufregend, nicht übersinnlich in der Art, dass ich eine Macht gespürt habe, die sich der Wahrnehmung sonst entzieht. Und doch bin ich überzeugt: Diese Art Frieden kommt nicht von dieser Welt. Denn er brachte, was bei mir sonst nichts Anderes schafft: eine spürbare Ruhe, die tief im Innersten anfängt und sich dann langsam im ganzen Körper ausbreitet. So fühlt es sich an, nach Hause zu kommen und verstanden zu werden.

Eben hatte ich noch Angst, dass sich schon wieder alles ändert. Ich war entsetzt, ich war traurig. All das löste sich wie ein Krampf in einem Gefühl von Geborgenheit auf. Als ob dich der Heilige Geist persönlich in den Arm nimmt.

Im Alten Testament wird oft vom Schalom gesprochen, einem universalen Frieden, der so ziemlich jedes Gefühl von Glück und Zufriedenheit bringt, dass man sich zwar wünschen, aber nicht für Geld kaufen oder selbst machen kann.1 Diesen Frieden meine ich. Nicht einfach »Ruhe« oder »Entspannung«. Ich meine einen tiefen inneren Frieden mit der Tatsache, das Leben nicht in der Hand zu haben.

Das war kein einmaliges Erlebnis. Es ist mir danach wieder passiert. Aber es ist ein besonderes, seltenes Erlebnis. Bis heute geschieht es mir im Gebet immer wieder. Aber nur da. Bisher habe ich keinen Weg gefunden, dieses Gefühl anders zu erleben. Kein Mensch kann mir dieses Gefühl geben. Es kommt mir eher vor, als würde eine größere Wirklichkeit in mein Leben einbrechen. Ein kleines Stück Ewigkeit mitten in der Zeit. Das klingt kitschig, aber so fühlt es sich eben an.

Wurde mein Gebet erhört? Ganz sicher. Hat es die gewünschte Wirkung gehabt? Nun ja: Mein Großvater überlebte den Schlaganfall, aber er wurde nie wieder ganz gesund. Ich erhielt nicht das, was ich damals wollte. Aber ich gewann noch einige Jahre mit einem Großvater und einen ganz anderen Begleiter für das ganze Leben: Gott war da, und er ging nicht mehr weg. Richtig intensiv ist der Glaube erst später geworden. Aber das war der erste entscheidende Anstoß.

Ich habe dann weiter gebetet. Unregelmäßig, aber mit der Gewissheit, gehört zu werden. Auch die Zwangshandlungen habe ich in dieser Zeit abgelegt und nie wieder damit angefangen. Ich hatte bessere Wege gefunden, mit Krisen umzugehen. Oder besser gesagt: Ich hatte ihn gezeigt bekommen. So ist mein Glaube entstanden.

Statistik hat nichts mit Deinem Leben zu tun – Gott schon

Wer sich je damit beschäftigt hat, wie Glaube entsteht und warum die allermeisten Menschen – trotz der Abgesänge vom Ende der Religion in den aufgeklärten Gesellschaften Mittel- und Nordeuropas – religiös sind2, wird an der Schilderung einiges wiederentdecken, z.B. den Ansatz des Philosophen Hermann Lübbe. Er sieht in der Religion eine »Kontingenzbewältigungspraxis«, also ein Mittel, die Ungewissheit und Unverfügbarkeit des Lebens auszuhalten.

Auch wenn wir Menschen der Postmoderne als notorische Selbstoptimierer der Idee verfallen sind, alles im Leben machen und erreichen zu können, müssen wir uns wohl eingestehen: den wirklich wichtigen Dingen im Leben sind wir mehr oder weniger ausgeliefert. Unser Schulabschluss zum Beispiel ist zwar das Produkt eigener Leistung – in Wahrheit ist aber selbst in einem Land wie Deutschland der soziale Status der Familie, in die wir hineingeboren werden, maßgeblich dafür, welchen Bildungsabschluss wir erlangen. Auch wenn es immer mal wieder Ausnahmen gibt. Oder nehmen wir die Gesundheit: Du kannst gesund leben und trotzdem mit 25 Jahren an Lungenkrebs sterben, ohne je an einer Zigarette gezogen zu haben. Statistik hat nichts mit Deinem Leben zu tun! Das Märchen, alles schaffen zu können, wenn man nur will und hart genug dafür arbeitet, glaubt man spätestens dann nicht mehr, wenn man mal mit aller Kraft versucht hat, sich zu verlieben. Der Lebensplan mag das erste Kind bis zum 32. Geburtstag vorgesehen haben, allein es fehlt die Partnerin oder der Partner dazu.

Wenn ich das Ende des Gottesdienstes einleite, sage ich oft: »Wir können uns Betten kaufen, aber keinen Schlaf. Wir können uns Häuser kaufen, aber kein Zuhause. Wir können uns Dankbarkeit kaufen, aber keine Liebe.« Das alles hat nichts mit persönlicher Leistung zu tun. Auch den Schalom können wir nicht selbst machen. Das alles und vieles mehr kann man nur dankbar in Empfang nehmen. Wir Christen haben sogar ein eigenes Wort dafür: Wir nennen es »Segen«3, wenn das Leben trotz der vielen kleinen und großen Unsicherheiten gelingt.

Mein Beispiel zeigt, dass Lübbe recht hat: Die Religion hilft tatsächlich, die eigene Machtlosigkeit auszuhalten. Und genau deshalb wird es sie auch weiterhin geben. Zweifelsohne wird der Einfluss der Religion in säkularisierten Gesellschaften weiter sinken, vor allem, was ihre Wirkung auf gesellschaftliche Konventionen, Wissenschaft oder Politik angeht. Auch der Rückzug der Institution Kirche ist wohl vorerst nicht aufzuhalten. Aber es ist eine Illusion, anzunehmen, dass wir unsere Lebensumstände jemals so vollständig in der Hand haben, dass die Religion überflüssig wird.

Natürlich ist der Glaube viel mehr als nur reine Lebenshilfe zur Kompensation von Angst, und ich möchte ihn auf keinen Fall darauf reduzieren. Worum es mir geht: Wir finden in diesem philosophischen Ansatz eine treffende Erklärung, wie der Glaube wirkt – aber noch nicht, warum er entsteht oder eben nicht entsteht. Denn dass man ein religiöses Erlebnis – eine Begegnung mit Gott – hat, ist ja ebenfalls außerhalb dessen, was wir Menschen machen können. Es wird uns geschenkt. Ich sollte daher meinen Segen am Ende des Gottesdienstes erweitern: »Wir können Kirchen bauen, aber nicht den Glauben an Gott.«

Einfache Frage – komplizierte Antwort

Also: Wie und warum entsteht Glaube in einem Menschen? Liegt es vielleicht am Willen? Wohl kaum, denn es gibt Menschen, die wollen glauben und können es nicht. Ist der Glaube eine Frage der Logik oder der Vernunft? Sicher nicht, denn es gibt Menschen, die die gesamte christliche Theologie verstanden haben, ohne zu glauben. Ist er also ein Gefühl?

Das Neue Testament nutzt für »Glauben« das griechische Wort pistis. Im nichtreligiösen Umfeld bedeutet es »Vertrauen«. Nicht nur deshalb habe ich mir die Definition zu eigen gemacht, dass Glaube ein »daseinsbestimmendes Vertrauen auf ein Gegenüber«4 ist. Ich habe sie übernommen, weil sie meiner Erfahrung entspricht: Im Glauben erlebe ich, verstanden, getröstet und getragen zu sein. So deutlich, dass es ein »Jemand« sein muss. So verlässlich, dass ich darauf vertrauen kann. Es geht also zuerst um ein Gefühl, das so tief ist, wie nur ein Gefühl sein kann. So weit in die Seele, so weit in die gesamte Existenz reichen kein Wille und keine Vernunft.

Aber: ein Gefühl allein reicht nicht. Glaube bedeutet nicht nur, ein bestimmtes Hochgefühl zu erlangen oder möglichst lange zu konservieren. Seinem Anspruch nach ist er eine ganzheitliche Lebenshaltung. Die Beziehung zu Gott will so prägend sein, dass wir uns davon bestimmen und sogar verändern lassen. Deswegen ist es für Jesus das höchste Gebot, Gott von ganzem Herzen zu lieben (Mt 22,37). Deswegen ruft er dazu auf, buchstäblich alles stehen und liegen zu lassen, um ihm zu folgen. Der Anspruch des Glaubens ist gewaltig.

Und da kommen Wille und Vernunft doch wieder ins Spiel. Wir können uns entscheiden, Gott zu suchen und uns vornehmen, nach seinem Willen zu leben. Wir können uns in der Krise für einen Ausweg mit oder einen Ausweg ohne Gott entscheiden. Wir können versuchen, Gott zu verstehen. Damit werden wir zwar nie fertig sein; aber es bewahrt uns davor, den Glauben an Gott mit einer Dauereuphorie zu verwechseln. Man kann also sagen: Der Glaube ist zuerst Gefühl, dann Wille und Vernunft. Und er ist eine Beziehung, die auf Vertrauen basiert, die uns ganz einnehmen will.

Vertrauen entsteht aber nicht von allein. Wir sind darauf angewiesen, dass wir Gott als vertrauenswürdig erleben. Das tut er nicht, in dem er unsere Erwartungen erfüllt. Gott weigert sich vehement, als Projektion unserer Wünsche zu dienen. Aber er hält sein Versprechen, das er uns bei der Taufe gegeben hat: »Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jüngerinnen und Jünger zu werden, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch jeden Tag, bis zum Ende der Welt« (Mt 28,19f.). Wer das erlebt, kann glauben. Und wer es nicht erlebt, glaubt nicht. Deswegen verstehen wir Christen den Glauben als Werk Gottes5: Gott muss sich zeigen. Unser Wille und unsere Vernunft bringen uns weiter auf dem Weg mit ihm, sie bringen uns nicht zu ihm. Das ist allein Gottes Sache. So passiert es, dass der eine glaubt und die andere nicht.

Ein Politiker probiert es aus

Meine Begegnung mit dem Politiker Gregor Gysi ist ein gutes Beispiel dafür, dass es keinen automatischen Weg zu Gott gibt. In unserer Gottesdienstreihe »Himmelwärts« laden wir regelmäßig interessante Menschen ein, die etwas über den Glauben zu sagen haben und wenn möglich sogar prominent sind. Gysi gilt als einer der besten Redner im Deutschen Bundestag – und bezeichnet sich als Atheist. Eingeladen habe ich ihn trotzdem. Denn er stammt zwar aus einer atheistischen Familie und ist tatsächlich selbst nicht gläubig, hat aber großen Respekt vor dem Glauben und ebenso große Erwartungen an die Kirchen. Schon sein Vater war Kirchenbeauftragter der Regierung der DDR.

Nach Gysis Meinung haben die Kirchen nach dem Zusammenbruch der großen Ideologien am Ende des 20. Jahrhunderts als einzige Institutionen noch die Kraft, moralische Vorstellungen in der Gesellschaft zu verankern. Mit seiner außergewöhnlichen Begabung formuliert er das so: »Ich glaube nicht an Gott, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft.« Es gibt nicht viele, die der Kirche das noch zugestehen.

In diesem Interview kamen wir auch auf das Gebet zu sprechen. Er hatte ein ähnliches Kindheitserlebnis wie ich: Er lag abends im Bett und versuchte zu beten. Sein Anliegen war weniger, eine Lebenskrise zu überstehen. Er war vielmehr inspiriert von einem Zimmergenossen auf dem Internat, der jeden Abend betete. Wenn es einen Gott gebe, müsste er doch zu etwas nütze sein. Er sprach die Worte, die er gehört hatte. Aber er spürte nichts. Das Gespräch mit Gott kam ihm nutzlos vor, mehr wie ein Monolog. Später hat er es nie wieder versucht.

Nun kann man darüber spekulieren, wie ernsthaft sein Anliegen damals war. Aber war meins ernsthafter? War mein Gebet intensiver? Ich wage da keine Wertung. Ich kann nur feststellen: Zwei Menschen tun etwas sehr Ähnliches, sie erleben aber etwas völlig Unterschiedliches. Dem einen wird der Glaube geschenkt, dem anderen nicht. Er steht daneben und sieht zu. Von außen. Dann vor dem Glauben Respekt zu haben, ist schon viel wert. Der Schritt vom Respekt zur Begegnung mit Gott ist aber keiner, den Menschen von sich aus einfach machen können. Warum warten manche darauf, dass Gott ihn macht und manche nicht? Warum geht Gott ihn bei manchen und bei manchen nicht? Es gibt Fragezeichen, die bleiben, auch wenn man an Gott glauben kann. Leider. So ist das in einer Beziehung: Manchmal muss man aushalten, dass man den Partner oder die Partnerin nicht versteht. Vor allem, wenn der Partner in diesem Fall allwissend ist und man selbst nicht.

Unser Glaube und die anderen

Dass der Glaube nicht allen Menschen gegeben ist – vor allem nicht derselbe Glaube – macht das Leben nicht unbedingt einfacher. Natürlich muss das nicht zu Spannungen führen. Aber es kann. Und leider geschieht es viel zu oft. Sie betreffen das Zusammenleben von Eheleuten, Familien und Freundeskreisen genauso wie das Miteinander von gesellschaftlichen Gruppen und Nationen. So sehr Glaube die Gläubigen untereinander verbindet – er kann auch nach außen abgrenzen. Denn er schafft Identität und dadurch immer auch Distanz zu allen, zu deren Selbstverständnis der Glaube nicht gehört. Deswegen eignet er sich als Machtmittel, das Menschen vereint und emotionalisiert. Starke Gefühle setzen große Kräfte in Gang. Wenn man den Glauben so benutzt, und das geschieht an viel zu viel Orten auf der Welt, dann kann er Konflikte verschärfen, und zwar ungeachtet dessen, ob er Gewalt und Ausgrenzung grundsätzlich legitimiert oder nicht. Auch im Namen Jesu wurden und werden Kriege geführt, obwohl er Gewalt abgelehnt und nie ein Schwert in die Hand genommen hat. Die Mechanismen sind durch Studien nachgewiesen: Es braucht Druck von außen, durch den die Gläubigen in die Defensive geraten, damit Religion zu Konflikten führt. Und es braucht politische oder religiöse Anführerinnen und Anführer, die Konflikte in einen religiösen Rahmen einordnen. Ein Konflikt muss also zu einem religiösen Thema erklärt werden. Und ich füge noch hinzu: Es braucht vor allem Menschen, die sich davon beeindrucken und sich von der konstruierten religiösen Dimension des Konflikts instrumentalisieren lassen.

Diese Mechanismen sind für den Bereich der Politik untersucht worden, für die Familie meines Wissens nicht. Ich vermute aber, dass hier einfach das gleiche gilt. Wie alle gesellschaftlichen Trends und Konflikte bilden sich zuhause auch unterschiedliche Positionen zum Glauben ab. Und auch hier gibt es Fälle, in denen der Glaube instrumentalisiert wird, um Dinge durchzusetzen, die damit nichts zu tun haben, und zwar von christlicher wie von nichtchristlicher Seite. Früher war das an der Tagesordnung. Da konnte die ungewollte Schwiegertochter mit dem Hinweis auf die falsche Konfession ganz einfach abgelehnt werden. Das ist nicht vorbei, es ist heute nur weniger plakativ und weniger eindeutig als die Trennung von evangelisch und katholisch. Heute wird der neue Lebensgefährte als »Sektenmitglied« abgestempelt, weil er zur Freikirche gehört, oder als Heuchler oder Ketzer, wenn er zu einer Amtskirche gehört. Das passt gut, weil er nämlich auch sonst unsympathisch ist.