sonntags gepredigt - Wolfgang Wiedenmann - E-Book

sonntags gepredigt E-Book

Wolfgang Wiedenmann

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Beschreibung

Die Bibel ist auch nach 2000 Jahren ein Bestseller, fremd und aktuell, nichts Menschliches ist ihr unbekannt. Predigen ist Herüberbringen ihrer befreienden Botschaft.

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Vorwort

Der Feigenbaum

…der Größte?

Eine Auferstehungsgeschichte

Das Leben ein Fest

Oben und Unten

Was ist gerecht?

Liebe und Furcht

Jesus Teenager

Nicht viele Große

Verklärung zur Klärung

Wer wirft den ersten Stein

Macht und Versuchung

Immer gefangen im Babylon?

Zwei Frauen

Hiroshima heute

Wort und Glaube

Adlerflüge und Vernunft

Schatz und Tonkrug

Beten

Die Ausländerin

Vorwort

Predigen am Sonntag im Gottesdienst war ein Teil meiner Arbeit als Gemeindepfarrer. Hinterher wurde ich gelegentlich um eine schriftliche Fassung gebeten, die ich meist noch am Sonntag anfertigte. Alle folgenden Predigten sind solche Schriftfassungen „von hinterher“, in Erinnerung an das Gesagte. Die mündliche Rede scheint oft noch durch, ich habe nur wenig geglättet.

Bibeltexte sind die Grundlage. Predigten wollen die uns fremd gewordenen biblischen Worte und Bilder durchsichtig und lebendig werden lassen für unser heutiges Leben. Alle Zeitalter erfuhren ihre Bibel immer wieder als hochaktuell. Sie ist ein Teil unserer Kultur, heute vielfach vergessen. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer berichtete von sich, auch er selbst habe von Zeit zu Zeit die Bibel gänzlich liegen gelassen, sei aber später immer wieder hungrig zu ihr zurückgekehrt. Vielleicht bekommen auch wir einmal wieder Hunger auf unsere Heilige Schrift?

Ohne freundliche Beratung, Ermutigung und technische Hilfe von Birgit Wiedenmann-Naujoks wäre dies Buch nicht entstanden. Ihr danke ich herzlich.

Wolfgang Wiedenmann

Der Feigenbaum

Zum Bußtag 1977 und (aktualisiert) 2018

Lukas 13, 1-9:

Zu dieser Zeit kamen einige Leute und berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und Jesus sagte zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer schwerer gesündigt haben als alle anderen Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auch so umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auch so umkommen.

Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte jemand einen Feigenbaum, der war in seinem Weinberg gepflanzt, und er suchte Frucht daran und fand keine. Da sagte er zu dem Weingärtner: Siehe, ich komme nun schon drei Jahre und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So haue ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? Er aber antwortete ihm: Herr, lass ihn dies Jahr noch stehen; ich will um ihn herum die Erde umgraben und düngen; vielleicht bringt er dann Frucht; wenn aber nicht, kannst du ihn abhauen.

Liebe Gemeinde,

in Galiläa, im Norden Israels lebten auf dem Land meist arme Leute, vor allem diejenigen, von denen die Großgrundbesitzer alles bis zum Existenzminimum nahmen. Sprichwörtlich waren das daher oft auch aufsässige, widerborstige Leute, immer gut für einen Provokationsakt oder einen Anschlag. Im reichen Jerusalem hatte man sich eher arrangiert mit der römischen Oberherrschaft. Nun hatte in Galiläa die Besatzungsmacht mit dem Überfall auf einen Opfergottesdienst ein Exempel statuiert. Es entsteht ein Sprichwort des Schreckens: „Pilatus hat das Blut der Galiläer (der Gottesdienstteilnehmer) mit dem Blut ihrer Opfertiere vermischt“. Dies Schlagwort geht wie ein Lauffeuer durchs Land. Genau das dürfte auch der politische Zweck dieser Aktion gewesen sein: Schrecken sollte sie verbreiten - lateinisch Terror. Angst soll den Aufsässigen gemacht werden.

Leute kommen zu Jesus und berichten ihm, zitternd vor Unruhe, Angst und Empörung. Was kann Jesus nun sagen? Nicht allgemein, sondern was hieß denn nun sein so oft genanntes „Reich Gottes“ in dieser schlimmen Lage? Jesus bringt den blutigen Überfall der Besatzungsmacht zunächst in einen etwas überraschenden Zusammenhang. Da war doch auch dieses Unglück beim Bau des Turms, einer Wasserleitung am Siloah-Teich. Wo dieser Turm oder die Wasserleitung über dem Tal zusammenbrach und 18 Menschen erschlug. Eine ganz unpolitische Sache, ein Unglück, ein Arbeitsunfall. Oder wurde am Bau gepfuscht? Wir wissen es nicht. Aber dies offenbar so unpolitische Ereignis, dieser Unglücksfall gehört für Jesus zusammen mit dem hochpolitischen Überfall auf einen Gottesdienst in Galiläa. Wie kann das zusammengehören?

Wir greifen in den Textzusammenhang: Unmittelbar vor unserem Text hatte Jesus an Vernunft und Einsicht appelliert:

Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so. Ihr Heuchler, über das Aussehen von Erde und Himmel könnt ihr urteilen, über diese Zeit aber angeblich nicht?

Also um Vernunft und Urteilsfähigkeit geht es Jesus – Menschen haben diese Möglichkeit, sagt er. Wendet sie also an! Ist es euch nicht klar? Wenn Ihr weiter so unvernünftig gegen die Römer aufsteht, kommt ihr auch so um. Wenn ihr weiter unvernünftig baut und unvorsichtig seid, kommt ihr auch so um. Wenn ihr euch nicht ändert, dann kommt ihr alle auch so um. Wenn ihr euch nicht um Einsicht bemüht und die richtigen Folgerungen zieht, - so wie bei der Regenwolke und beim Südwind - dann kommt ihr alle auch so um. So wie die, die es nun getroffen hat. Diese Ereignisse gehen jeden an, jeden einzeln und alle zusammen. Die da umgekommen sind, sind nicht etwa „schuldiger“ als ihr oder wir anderen. Buße tun, umkehren: Gar nichts besonders Religiöses, um Einsicht und Vernunft geht es!

Ich versuche, das für uns nachzuvollziehen.

Also darf es nicht heißen: „Da hab ich doch nichts mit zu tun, das betrifft meinen Lebenskreis nicht, das ist ein Unglück, ist doch ganz woanders passiert.“ Oder auch nicht: „Das ist politischer Terror, ich bin unpolitisch“ - falsch, sagt Jesus.

Oder auch: „Mein Gott, was für ein Unglück.“ Oh, sensationell - dann kommt auch noch die Neugier dazu, „wie war das denn genau? Oh schrecklich“ - falsch, sagt Jesus.

Und falsch ist hier auch das „Gott sei Dank! Mich hat's ja nicht getroffen.“ Und dann wird schnell verdrängt, vergessen und weitergelebt - bis zum nächsten Ereignis - falsch, sagt Jesus.

Und eben auch nicht so: „Womit mögen denn die, die es da jetzt getroffen hat, das verdient haben. Also sicher hat das doch seinen Grund!“ Oder gar: „Die haben doch selber schuld! Wer sich in Gefahr begibt, kommt drin um. Recht geschieht ihnen“ - falsch, sagt Jesus.

Oder auch die auch nur allzu bekannte religiöse Variante, die sich dann seltsam umdreht: „Wie kann Gott das zulassen, was für eine Ungerechtigkeit!“ Und dann: „Solch einen Gott kann ich nicht glauben“ - auch falsch.

Jesus spricht hier nun doch auch noch von Sünde. Es ist Sünde, den tieferen Zusammenhang nicht erkennen zu wollen, in dem wir stecken. Es ist Sünde, die Einsicht zu verweigern, um die es hier geht. Denn wir sind auch so wie jene, die es so schlimm getroffen hat. Wir sind auch Opfer von Unglück und Verursacher von Unglück ganz vieler Art. Nicht weniger schuld, nicht besser vor Gott, wenn es uns bisher nicht so schlimm getroffen hat. Hier geht es nicht nur um Mitleid mit den Betroffenen, sondern um die Solidarität der Sünder. Um die Solidarität der Sünder, ja. Wir sind wie sie, die es betroffen hat, und um unser Umdenken, unsere Umkehr, unsere Buße geht es. Also heißt es auch, das ist möglich, das ist angeboten, diese Umkehr ist ein befreiendes Angebot!

Vielleicht ist dies für manchen überraschend: Dass Sünde mit verweigerter Einsicht, mit fehlender Vernunft und fehlenden rationalen Folgerungen zu tun hat. Ja, es ist manchmal nicht ganz leicht, das so zu sehen und es ist manchmal schwer zu akzeptieren. Wenn wir uns aber dieser Einsicht verschließen, und das heißt dann, dass wir Zweigleisige bleiben, also hier vielleicht gute Christen und dort zugleich verschreckte, empörte, entsetzte und selbstgerechte mehr oder weniger gute Bürger, dann droht uns die Gefahr, auf die eine oder andere Weise auch so umzukommen. Schwierig, ja. Aber ich glaube, dass dies die richtige, die grundsätzlich richtige Auslegung dieses Predigttextes ist. Aber das ist zunächst ja noch abstrakt. Wie kommen wir da weiter? Was könnte denn uns Jesus heutzutage damit sagen.

Ich will nur mit einem kurzen Beispiel versuchen, zu berichten, wo diese Einsicht mich angestoßen hat.

Dazu muss ich gar nicht weit ausholen: Wir sind erschrocken über Nachrichten von Dürrekatastrophen, von Regengüssen, die Lawinen verursachen, die dann Dörfer und ganze Stadtteile verschütten und untergehen lassen. Entsetzen packt uns, wenn vom möglichen Ansteigen des Wasserspiegels der Ozeane die Rede ist, weil Gletscher aufschmelzen und zu Meerwasser werden, so dass bald Inseln im Pazifik versinken werden, vielleicht eines Tages auch unsere tiefliegenden Marschgebiete und Hafenstädte. Ja, ich rede vom leidigen Klimawandel, der mindestens zu einem guten Teil menschengemacht ist. Ein überreiches Regen-Frühjahr und ein rekordheißer Dürresommer rückt uns diesen Wandel jetzt auf einmal ganz nah auf die Haut – die einen sind getroffen von Ernteausfall, da ist unsere Ernährung plötzlich im Spiel! - aber die anderen genießen einen tollen Touristensommer an den heimischen Meeresstränden. Beides unverbunden nebeneinander, so wie es in den Fernsehnachrichten einfach nebeneinander, durcheinander berichtet wird. Aber wieder andere streiten den Anteil des Menschen an der Veränderung des Klimas und der Zunahme von CO2 in der Atmosphäre überhaupt ab. Hier sind Interessen im Spiel, die sich ungerührt austoben. Ist es so schwer zu sehen, was Sünde, Buße, Umkehr hier konkret heißen kann?

Es gilt etwas zu sehen und einzusehen, das doch gar nicht besonders geheimnisvoll ist. Es gilt zu entdecken, dass wir nicht wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren müssen, oder wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken müssen. Es gibt Möglichkeiten, etwas zu tun. Denn was an diesem Wandel unserer Lebenswelt menschengemacht ist, das kann auch von Menschen noch verhindert werden. Zu einem Teil ist der Klimawandel kein unveränderliches Schicksal. Da kann immer noch viel verhindert und vermindert werden, immer noch. Es geht darum, dass hier eine andere Phantasie, eine andere Kreativität entwickelt wird. Weiterdenken und Aktiv-werden ist notwendig, jeder für sich, aber dann auch in Gemeinschaft, vielleicht in größeren Zusammenhängen. Aber Weiterdenken und Handeln, Buße und Umkehr ist in jedem Falle nötig. Und darauf kommt es jetzt vor allem an: Das ist möglich, es ist uns angeboten!

Was hindert uns daran? Es gibt immer noch mächtige wirtschaftliche Interessen, die verhindern wollen, dass wir unser Leben ändern. An die kommt man als Einzelner kaum heran. Aber der Widerstand fängt ja viel früher an: Wenn ich an mich selbst denke in diesem Zusammenhang, dann finde ich bei mir ein seltsames inneres Widerstreben vor, eine feindliche Schwere, die sich so gar nicht gern bewegt: Trägheit, Gewohnheit, vermeintliche Überanstrengung – wie immer man das nennen mag. Ich denke, das geht nicht nur mir so. Sünde fängt bei jedem von uns an - hier nun ganz konkret. Kurt Götz hat einmal gesagt: Die Sünde, die man begeht, und bereut, und wieder begeht und wieder bereut, die ist wie ein Hund, den man straft und streichelt und wieder straft und streichelt. Er wird immer treuer.

Doch bei Jesus heißt es: Wenn ihr nicht Buße tut, wenn ihr euch nicht ändert, dann werdet ihr auch alle so umkommen. Wenn ihr nicht Buße tut - ist das Weltverbesserei? Menschenverbesserei? Leerer Idealismus? Es bleibt doch letztlich alles so wie es ist, die Welt war doch immer so, die Menschen waren immer so, und das wird auch so bleiben. Genau hier sitzt sie, diese Art von sogenannt realistischer Einstellung, das ist unsere Sünde. Dies Resignieren. Und wenn wir uns nicht tätig und tatsächlich ändern, dann kann es ja wirklich so werden, dass wir oder unsere Kinder und Kindeskinder deshalb umkommen, weil wir da nicht gegengehalten haben, dass wir da nicht aktiv geworden sind. Die Liebe Gottes in Jesus Christus geht bis in die Verhältnisse hinein, unter denen wir leben und bis in unsere innerliche Resignation hinein - und sie will uns da herausholen.

Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg. Und er kam und suchte Frucht darauf und fand sie nicht. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang alle Jahre gekommen und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaum und finde sie nicht. Haue ihn ab! Was hindert er das Land! Der aber antwortete und sprach zu ihm Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis dass ich um ihn grabe und bedünge ihn, ob er doch noch wollte Frucht bringen; wo nicht, so haue ihn ab,

Der Feigenbaum, das sind wir, jeder Einzelne von uns und alle zusammen. Und: Wir haben noch Zeit. Aber auch: Es ist Zeit.

AMEN.

…der Größte?

Auferstehungskirche Hamburg-Lurup, 11.12.1977

Matthäus 18, 1-3:

Einmal traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist eigentlich der Größte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich, stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Liebe Gemeinde,

immer wieder geht es in den Geschichten um Jesus um das Gottesreich. Seine Jünger kennen diese Botschaft, zu Jesus wollen sie gehören, der sagt, das Reich Gottes kommt, es ist schon da, es ist mitten unter euch. Also so wie wir in der Kirche, die wir ja auch zu Jesus gehören wollen. Und da kommt nun diese erstaunliche Frage auf, wer ist der Größte - im Reich Gottes, im Himmelreich. Wirklich erstaunlich?

Also ich finde das gar nicht sehr erstaunlich, ich kenne so etwas. Man will sich doch absichern für die Zukunft: Zurückgesetzt werden, das tut weh. Und dann tut man was dagegen. Das fängt schon früh an: „Ich bin der Größte“, ein beliebtes Kinderspiel. Der Kleinere steigt dann auf einen Stuhl, und nun ist er der Größte. In der Schule gibt es Rangordnungen, die offizielle nach Zeugnisnoten und die inoffizielle, sehr viel wirksamere nach Kraft und Bizeps. „Ich bin stärker als der.“ Oder nach Kleidungsmodell und Charme. „Ich bin schöner.“ Konkurrenz ist befriedigend für die einen, schmerzhaft für die anderen. Im berühmten „unteren Drittel“ einer Leistungsskala zu leben, das bedeutet Leiden. Bei Jugendlichen ist es der lautere Feuerstuhl, oder der attraktivere Verehrer. Und später dann die bessere Stelle, das höhere Gehalt, die guten Aufstiegschancen und das Gegenteil: Unglück und Unterliegen. Ich vermute, wir sind alle doch sehr angewiesen darauf, wenigstens in irgendeinem Sinn, an irgendeiner Stelle „der Größte“ oder doch wenigstens insgeheim ein Großer zu sein.

Aber das nun auch im Jüngerkreis, in der ersten christlichen Gemeinschaft, die es gegeben hat? Was heißt das denn? Ach, ich denke, das heißt nur, diese lieben Menschen damals haben die selben Erfahrungen und Schwierigkeiten mit Groß und Klein, Stärker und Schwächer, das gleiche Leiden am Unterdrücktsein und das Streben stärker zu sein und aufzusteigen, wie wir auch. Die Jünger sind wie wir. Und ganz so wie sie eben sind, geht es ihnen nun um das Gottesreich. Sie sind ja Jünger Jesu, sie wollen ins Gottesreich hinein, es soll mitten unter ihnen sein, dahin wollen sie, da wollen sie bleiben. Und so fragen sie ihre Frage – aber nun doch nicht so: Wie kann ich Jünger sein, wie erlange ich das Gottesreich? Wie kann ich da mitmachen? Sondern sie fragen, wer ist da der Größte. Sie übertragen also, was sie sonst vom Leben kennen, auf das Gottesreich. Vor allem: Sie setzen offenbar voraus, wir sind da schon drin, nun kommt es noch auf die Rangordnung an.

Jesu Antwort ist hart und genau: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so kommt Ihr gar nicht ins Gottesreich. Noch schockierender: Jesus stellt ein Kind unter sie, ein unmündiges, unvernünftiges Kind, das soll ihr Vorbild sein, ein Vorbild für sie Erwachsene. Das arme Kind weiß sicher gar nicht, was da mit ihm geschieht. Jesus will seinen Leuten drastisch klar machen: Merkt ihr gar nicht, wie schief ihr mit Eurer Frage liegt? Ihr habt offenbar noch gar nichts begriffen. Mit Gottes Reich hat eine Rangordnung doch überhaupt nichts zu tun! Und Rangordnung nichts mit dem Gottesreich. Wie Kinder sollt ihr werden, sonst kommt ihr gar nicht erst hinein! Eine für viele damals sicher schier unmögliche Aussage.

Werden wie die Kinder – ich finde das auch schwierig. Wer Kinder kennt, weiß doch, dass die gar nicht so rein sind, gar nicht immer lieb und naiv, sie können raffiniert und grausam, boshaft, raschsüchtig und lügenhaft sein. Auch Kinder können wilde Rangstreitigkeiten ausfechten. Darin unterscheiden sie sich also nicht von uns Erwachsenen. Man nur: woher sie das wohl haben? Also was kann Jesus da meinen, werden wie die Kinder?

Vielleicht kommt man dem näher, wenn man sich einen Moment ans eigene Kindsein erinnert. Ich glaube, es gibt da etwas ganz grundlegend Anderes bei Kindern als bei uns Erwachsenen: Kinder können noch mehr vertrauen. Wenn sie nicht schon früh schlimme Erfahrungen machen mussten, sind sie jedenfalls eher dazu bereit als wir Erwachsenen. Vielleicht weil sie noch heiler sind? Vielleicht vor allem, weil sie auf Vertrauen mehr angewiesen sind als wir Erwachsenen. Aber sind wir sogenannte Erwachsene das eigentlich nicht? Oder verbergen wir das nur, haben es verschütten lassen, um nicht gefährdet zu werden? Aber das bricht doch in jeder Lebenskrise wieder hervor, als Schmerz, zum Beispiel, wenn ein Mensch einen betrügt oder verletzt. Werden wie die Kinder – könnte das also heißen, Schwäche zugeben lernen, Sehnsucht und Schmerz anmelden lernen? Auf die „Stärke“ der Resignation verzichten lernen?

Daran schließt sich, glaube ich, ein zweites: Kinder können unglaublich lieben, noch mehr als wir Erwachsenen. Vielleicht weil sie noch heiler sind? Eher vielleicht, weil sie auf Liebe noch mehr angewiesen sind als wir Großen. Aber sind wir Erwachsenen das eigentlich nicht? Wie geht doch uns selbst das Herz auf, wenn ein Kind oder ein begnadeter Erwachsener das wärmende Licht der Liebe, die intensiv fröhliche Selbstverständlichkeit der Liebe in eine Familie, eine Gemeinschaft, in einen Theater- oder Fernsehabend hineinbringt. Da lebt man gleich ganz anders auf. „Werden wie die Kinder“, das heißt dann, die Härte der Skepsis gegenüber der Liebe aufgeben, die Angst vor vermeintlicher Verletzung durch Liebe. Ich denke, Paulus hat nicht zufällig unter Glaube, Liebe und Hoffnung die Liebe als „die größte unter ihnen“ genannt. Solidarisch sein ist ein modernes Wort dafür – aber das ist ein altes christliches Wort aus dem lateinischen Mittelalter: solidaritas Christi. Wie liebevoll sie miteinander sind, hieß es von der ersten Christengemeinde. Das ist mehr und wirklich was anderes als das oberflächliche „Seid nett zueinander“ - doch das ist immerhin auch schon mal was..

Und ich denke, noch etwas zeichnet Kinder aus: Neugier, Wissbegier, das Interesse, die Wahrheit zu erfahren - und zu sagen, und damit verbunden ein Sinn für Gerechtigkeit, das ist bei Kindern, so glaube ich, dichter unter der Haut. Bei uns Erwachsenen ist das mit allerlei Vorsicht, mit List, aber auch mit Rücksichten und mit Angst beladen. Und mit viel Resignation. Warum ist das bei Kindern anders? Vielleicht weil sie noch heiler sind? Oder eher, weil sie auf Neugier, Wissbegier und Wahrheit für ihr Aufwachsen ins Leben noch mehr angewiesen sind als wir Erwachsenen? Vielleicht hat das darum bei Kindern einen so viel ernsteren, existentiellen Hintergrund als bei uns Erwachsenen. Sie brauchen das! „Kinder und Narren sagen die Wahrheit“, heißt es wohl nicht umsonst. Auch wenn unbedingte Wahrheitssucher bei uns ja oft eher als verschrobene Heilige gelten.

Was all das für uns heißen könnte, ist in einem bekannten Märchen wunderbar genau festgehalten. Wir erinnern uns: Zu einem erfolgreichen Herrscher kommt ein berühmter Modemacher, der angeblich unglaublich feine Gespinste zu Festgewändern verarbeitet. Er wird angestellt, diesem Kaiser ganz neue, herrliche Festkleider zu fertigen. Die Gespinste existieren aber gar nicht, alles wird gespielt, keiner der Hofschranzen wagt, den Kaiser aufzuklären. So kommt es zur öffentlichen Vorstellung von „des Kaisers neuen Kleidern“ vor dem Volk der Hauptstadt. Stille, nur ein Geraune zieht durch die Stadt – bis ein Kind laut ruft, „aber er hat ja gar nichts an“! Entsetzen, vielleicht „psst!“ der Erwachsenen – aber im Märchen folgt lautes Gelächter und ein großes Volksfest hebt an. Und – im Märchen! - der Kaiser, die Macht und die Herrschaft in Person, feiert mit. Ein Fest der Wahrheit und der Befreiung!

„Aber er hat ja gar nichts an“ - ach ja, werden wie die Kinder, dies Wort Jesu ist eine befreiende Verheißung an uns, die sogenannten Erwachsenen, die vernünftigen und sorgenvollen. Eine Verheißung, auf die wir selbst angewiesen sind. Wir sind darauf angewiesen. Noch unsere Sprache verrät uns, wenn wir „Aus der Jugendzeit“ singen, voller Sehnsucht und zugleich überzeugter Resignation. Oder vom „Kind im Manne“ reden, oder wenn der Mann (früher?) zur Frau „Kind“ sagt, weil sie ihm Unmittelbarkeit, Kindlichkeit und Wärme entgegenbringen soll, er selbst kommt ja oft gar nicht mehr daran. Und Kinder brauchen unseren Schutz – tief in Sitten und Gebräuchen verankert ist das, und so leicht und schlimm verletzt.

Werden wie die Kinder – jeder von uns war Kind. Aber das Leben ist nicht zu Ende, Vertrauen können, lieben können und den Mut zur Wahrheit haben, die uns frei macht, das befreit zum Leben. Und darauf zu setzen ist möglich. Das kann man wieder lernen. Das Fest der Wahrheit und der Befreiung, das ist Jesu Verheißung. Das Gottesreich bedeutet schon hier Freude und gutes Leben unter den Menschen. Davor haben wir oft eine tiefe Scheu. Es gibt das aber. Es ist da. In uns selbst und unter uns ist es da, gut aufgehoben und viel zu oft da auch versteckt. „Das Reich Gottes ist inwendig in euch und mitten unter uns“, sagt Jesus. Öffnen wir doch unsere inneren Augen, Gott selbst war sich nicht zu gut, ein Kind zu werden.