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Ab September 2016 veröffentlichte der ehemalige Klinikseelsorger, Familientherapeut und zuletzt Pfarrer der Stadtkirche Bayreuth Hans-Helmut Bayer die SonntagsGedanken im Wochenblatt "Bayreuther Sonntagszeitung". Seine Kolumne, für eine große Leserschaft oft die erste Sonntagslektüre, fand als lebenspraktischer, geistlicher Impulsgeber weite Verbreitung in den Familien, in Hauskreisen, ja selbst in Seminaren theologischer Fakultäten. Mitten aus dem prallen Leben gegriffen sind die Themen, oft verknüpft mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen und spannend in Beziehung gesetzt zu Grundaussagen des christlichen Glaubens. So ist diese Auswahl der SonntagsGedanken bis Ende 2018 nicht nur ein treffendes Zeitzeugnis dieser turbulenten Jahre, sondern vor allem eine tiefgründige und trotzdem oft vergnügliche "Anleitung zum Christsein im 21. Jahrhundert" und ein Steinbruch für die Erstellung kurzer Andachten.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2019
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KREUZ
STEIN
Für
Jette
Magdalena
und Iris
Vorwort
2016
Burka-Verbot
Erntedankfest 2016
Der Herbst, die Freiheit und Janis Joplin
Wer zu spät kommt, oder Sonntag im Alltag
Vertrauen – Was für ein Geschenk!
Reformationsfest – ökumenisches Fest der Freiheit!
Wem ich der Nächste bin
Schade um den Buß- und Bettag oder die Sünde und die Sprache
Was das Leben lebendig macht
1.
Advent 2016 – Zeit für Gnade und Barmherzigkeit
2.
Advent 2016 – Endlich adventlich werden
3.
Advent 2016 – Nicht länger warten!
4.
Advent 2016 - Die Nacht ist vorgedrungen
Weihnachten 2016 und der Terror
2017
Die Losung zum Neuen Jahr
Von wegen leibfeindlich!
Wissen, was man will
Die etwas anderen Kinder
Ein evangelischer Heiliger
Fasching in Bayreuth
Fastenzeit im Kopf
Invokavit - Passionszeit?
Altwerden
Versöhnungsjubiläen
Lätare - Ostergras
Reminiscere - Glaubensprüfung?
Karfreitag - Der gekreuzigte Gott
Ostern - Auferstehung
Quasimodogeniti - Neu geboren
Umleitung
Muttertagswünsche
Leitkultur Freiheit
Pfingsten - O komm, du Geist der Wahrheit
Trinitatis - Dreifaltigkeitschlag
Was glaubt Deutschland?
Ausgeträumt
Suchen und Finden
Notfallseelsorge
Hölle
Selbstliebe und Ehe
Urlaub
Schätze
Gelassenheit
Regenbogen
Nationalismus
Alltag
Wählen - Sorgen abgeben
Erntedankfest 2017
Die Epilepsie, die Pest und „das Böse“
Sünde und Vergebung
Reformation und Freiheit
Die Triebe und der Anstand
Gotteszorn und Klimawandel
Volkstrauertag und Markgrafengruft
Ewigkeitssonntag? Totensonntag?
1.
Advent 2017 - Adventsstress
2.
Advent 2017 - Kopf hoch!
3.
Advent 2017 - Wegbereitung
Weihnachten 2017 - Angekommen
2018
Jahreslosung 2018 - Vertrauen
2018 – hoffentlich ein Traumjahr!
Einsamkeit
Stark oder schwach?
Prophet gesucht
Invokavit - Stimmung in der Passionszeit
Reminiscere - Klugheit
Okuli - Pflügen
Lätare - Theodizee?
Judika - Gerechtigkeit
Palmsonntag - Heilsbringer
Ostern 2018 - Lebenszeugen
Frieden
Miserikordias Domini - Hirtensonntag
Bleiben
Echo zum Rap
Siegeskreuz?
Muttertag und die drei „S“
Pfingsten 2018 - Die Entstörung der Kommunikation
Trinitatis 2018 - Mathematisch erklärt
Früher
Restauration
17. Juni 1953
Asyl am Johannistag
Krimi Fußball
Confiteor - Schuldbekenntnis
Woher kommt der Hass?
Salz
Fester Grund
Durst
Heilige Schönheit
Chemnitz
Freiheit
Lazarus und die Hoffnung
Unser Glaube
Kognitive Verzerrung vor der
Landtagswahl
Erntedankfest 2018 - Reich beschenkt
Landtagswahlen - Was gut ist
Nach der Wahl - Was uns ausmacht
Hallowe’en
Novemberangebot
Gottes Reich und der 9. November
Volkstrauertag 2018
Totensonntag - Das Beste zum Schluss
Weihnachten 2018 - Unser Kind
Bibelstellenverzeichnis
„Lassen Sie es jetzt Sonntag für sich werden!
Eine gesegnete, friedliche Woche!“
Mit diesem Segensgruß schlossen von September 2016 bis Dezember 2018 jede Woche die „SonntagsGedanken“ in der Bayreuther Sonntagszeitung.
Den Sonntag in das Leben holen, in den Alltag, das war das Anliegen dieser Kolumne. Die täglichen Herausforderungen aus einem sonntäglichen, also geistlichen Blickwinkel sehen und bewerten, manche gesellschaftliche und politische Situation oder Zumutung mit einer klaren, meist fröhlichen, christlichen Grundaussage kontern, gegen die Lethargie und Müdigkeit der Woche ein frisches Sonntagswort setzen, gegen Sorge und Angst, ja manchmal sogar Todesangst die Hoffnung des Glaubens und die Kraft der Liebe proklamieren. Das war die Aufgabe und die Absicht dieser „Kurzpredigten“ in einer Wochenzeitung, die als Anzeigenblatt auf vielen tausend Frühstückstischen in der Region Bayreuth jeden Sonntag die erste Lektüre ist.
Für viele wurden die „SonntagsGedanken“ zu geistlichen Leitworten für die Woche, führten häufig zu Aha-Erlebnissen und mancher begriff sie auch als „Anleitung zum Christsein“ im 21. Jahrhundert.“
Vielfachem Wunsch folgend präsentiert dieses Buch nocheinmal eine Auswahl von mehr als 100 leicht bearbeiteten „SonntagsGedanken“. Möge ihre Lektüre allen Leserinnen und Lesern zu einem Sonntagserlebnis im Alltag werden.
Bayreuth, an Silvester 2018
Hans-Helmut Bayer
Also, das Gesicht verstecken, das geht nun gar nicht! Die Diskussionen um das sogenannte Vermummungsverbot vor gut dreißig Jahren habe ich noch gut im Gedächtnis: Jeder, der in der Öffentlichkeit, also etwa auf einer Demonstration seine Meinung kundtun will, der soll sich auch zeigen, soll dazu stehen, sich nicht verhüllen und unkenntlich machen dürfen. So weit so richtig. Soweit meine Meinung auch zum derzeit so heiß diskutierten „Burka-Verbot“. Ich möchte schon wenigstens das Gesicht meines Gegenübers sehen können. Aber braucht man dazu gleich ein Gesetz? Und wie viele Frauen tragen bei uns überhaupt eine Burka?
Vor ein paar Jahren stand mal so eine Dame in Ganzkörperverhüllung neben mir am Hähnchenstand und fragte in breitestem Fränkisch ihr Kind „Mochst du a Brezel?“ Ganz offensichtlich keine Araberin. Danach habe ich bei uns in Bayreuth nie wieder eine Burka gesehen. Und eigentlich kann es mir doch auch egal sein. Soll ich mich jetzt über ein Kopftuch aufregen? Über einen Hidschab oder Niqab? Wer von uns kennt schon den Unterschied?
Ich rege mich doch auch nicht auf über die junge Frau mit den orange gefärbten Haaren, oder über ihre gepiercten Ohren, Augenbrauen, Lippen, Zunge. Und ihren langen schwarzen Mantel. Oder über den jungen Mann, dem das grellbunte Tattoo aus dem Kragen heraus über den rasierten Schädel wächst. Oder über den Typen mit der reichdekorierten Motorradrocker-Kutte. Oder über die junge Mutti, die an einem heißen Tag im denkbar knappsten Bikini den Kinderwagen die Friedrichstraße entlang schiebt, oder, oder, oder.
Inzwischen ist es ja bei uns, Gott sei Dank, „normal verschieden zu sein.“ So hat es Bundespräsident Richard von Weizsäcker schon 1993 sehr treffend formuliert. Die Toleranz hatte seitdem meiner Beobachtung nach eher zugenommen. Was die Leute auf einmal alles tragen konnten! Aber heute ändert sich das plötzlich, leider. Auf einmal sieht man gleich das ganze Abendland bedroht durch ein Stück Tuch. In Frankreich zwingen gleich vier Polizisten eine Frau am Strand dazu einen Großteil ihrer Kleidung abzulegen. Immer diese Bedrohungen aber auch! Ich weiß noch, wie bedroht das Abendland war, als wir uns seinerzeit die Haare haben länger wachsen lassen.
Nein, weder ein Kopftuch ist eine Bedrohung für uns, noch seine Trägerin, ob sie nun Muslimin ist oder nicht, Deutsche, oder Iranerin, oder Türkin oder Syrerin oder was auch immer. Noch einmal, bei uns gilt:
ES IST NORMAL VERSCHIEDEN ZU SEIN.
Und das ist gut so, und dass das so sein kann, das garantiert bei uns das Grundgesetz.
Haben wir nicht damals im Religionsunterricht oder im Kindergottesdienst das Lied gelernt: „Schwarze, Weiße, Rote, Gelbe, - Gott hat sie alle lieb!“ So ist es! Gott macht keine Unterschiede.
Was glauben wir denn, wer wir sind, wenn wir wieder damit anfangen Unterschiede zu machen?
Sind Sie leicht zu beschenken? Oder gehören Sie zu denen, die sich gerne lange zieren und winden? Die Bayreuther sagen ja oft als Ausdruck höchster Dankbarkeit: „Des hädds fei ned gebraucht!“ Mein Verdacht ist, dass es ihnen peinlich ist „Danke“ zu sagen, weil sie den Dank als das Abtragen einer Schuld empfinden. Wer will schon Dank schuldig sein? Gerade deshalb ist der heutige Festtag so wichtig. Das Erntedankfest bietet Gelegenheit ganz „unschuldig“ den Dank für die Lebensernte dieses letzten Jahres abzustatten. Etwa den Dank dafür, dass wir jeden Tag wieder neu die Augen aufschlagen durften. Jemand, der in diesem Jahr betroffen war durch eigene schwere Krankheit oder durch den Tod eines lieben Mitmenschen, der weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Unser Leben, immer noch in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand, es ist ja nichts anderes als ein unglaubliches Geschenk, oder? Was für ein Grund also „Danke“ zu sagen! Doch, doch, „Des hodd’s fei scho gebraucht!“
Nun kann Danken deshalb auch nie nur eine Lippenangelegenheit sein, sondern findet seinen Ausdruck immer auch im Teilen. Symbol dafür sind die Erntegaben, mit denen unsere Kirchen heute geschmückt sind. Sie bleiben dort ja nicht liegen, sondern werden an Bedürftige weiter verteilt. Man kann vieles teilen. Man kann ein Lächeln verschenken oder ein freundliches Wort. Man kann Zeit verschenken an einen Menschen, der schon lange auf meinen Besuch wartet. Man kann Geld spenden für Menschen, die nicht so viel zum Leben haben wie wir. Es heißt nicht ohne Grund: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Das gelingt uns ja auch. Ab und zu wenigstens.
Ich denke etwa an die beeindruckenden Spenden bei den Flutkatastrophen der letzten Jahre. Aber muss es denn immer erst eine richtige Katastrophe sein? Warum sind wir nicht immer so freigebig und teilen mit warmem Herzen? Manch einer hortet seine Schätze, und weiß gar nicht so genau, wozu.
Da beklagt sich ein reicher Mann bei seinem Freund: „Die Menschen mögen mich nicht, sie nennen mich geizig und habsüchtig; dabei habe ich doch in meinem Testament mein ganzes Vermögen einer wohltätigen Stiftung vermacht.“ Der Freund antwortet ihm: „Kennst du die Geschichte von der Kuh und dem Schwein?
Das Schwein kam zur Kuh und jammerte: Die Menschen sprechen immer nur über deine Freundlichkeit. Zugegeben, du gibst Milch! Doch von mir haben sie doch viel mehr: Schinken, Speck, Borsten. Und selbst meine Füße verspeisen sie. Und doch hat mich niemand gern. Für alle bin ich bloß ein Schwein. Warum?
Die Kuh dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Vielleicht ist das so, weil ich gebe, während ich noch lebe.‘“
Also: Wir sollen lieber mit warmen als mit kalten Händen geben. Freuen wir uns, dass wir leben dürfen, dass wir danken können und vergessen wir nicht, die Fülle, aus der wir leben, zu teilen. Mit den Menschen an unserer Seite, aber vielleicht auch mit denen, die uns noch fremd sind?
Dann wird der heutige Tag auf alle Fälle ein Fest!
„Freedom´s just another word for nothing left to loose“ , Freiheit ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.
Diese Zeilen aus Janis Joplins Lied „Me and Bobby McGee“ sind mir diese Woche wieder in den Sinn gekommen. Darin beschreibt sie, wie sie mit Bobby McGee durch die Lande zieht. Aber irgendwie verliert sie ihn aus den Augen, dann sehnt sich nach der Zeit zurück, als die beiden, mit nichts in den Taschen, einfach frei losziehen konnten. Aber als Janis Joplin dies sang, war sie alles andere als frei, sie war von Alkohol und Drogen abhängig. Am 4. Oktober 1970 starb sie an einer Überdosis Heroin, wenige Tage, nachdem sie dieses Lied im Studio eingesungen hatte. Janis Joplin hatte also doch noch was zu verlieren, - ihr Leben.
Im Leben geht es trotz allem Idealismus nicht nur um Freiheit, sondern auch um Besitzen, da sollten wir uns nichts vormachen. Die Kernfrage ist: Wem gehöre ich, wem gehört mein Leben? Als Christ sage ich: Wir gehören nicht unseren Eltern, nicht dem Staat, nicht unserem Arbeitgeber, auch nicht unserem Ehe- oder Lebenspartner. Wir gehören nicht einmal uns selbst, - wir gehören Gott!
Das klingt fast nach Sklaverei, - und ist doch eine ungeheure Freiheit! Kein Mensch und keine Institution haben das Recht, mich zu besitzen. Und auch umgekehrt: Ich darf niemanden besitzen und niemanden beherrschen wollen. Diese Freiheit ist übrigens auch einer dieser abendländischen Werte, von denen in diesen Tagen so oft die Rede ist.
Wer schon einmal einen geliebten Menschen begraben musste, der weiß, dass es so ist: Wir besitzen eigentlich nichts. Auch keine Menschen, nicht einmal die liebsten Menschen. Sie sind uns nur auf Zeit geschenkt, und diese Zeit ist kurz! Der Wechsel der Jahreszeiten, der anbrechende Herbst macht uns das jetzt wieder deutlich. Er zeigt uns die Endlichkeit von Welt und Mensch. Und wie wertvoll daher Welt und Menschen sind!
Wie wertvoll unsere Welt hier in Deutschland ist, das ist mir am Montag, am Tag der Deutschen Einheit wieder klargeworden. Die Krakeeler von Dresden, die den Festakt zur Einheitsfeier in der Semperoper störten, hätten ihr Theater mal in Moskau oder Istanbul aufführen sollen. Dann hätten sie begriffen, was sie an unserem Deutschland, an unserer Freiheit, an unserer Demokratie haben. Dazu gehört auch die Freiheit zu krakeelen, und wir halten es als Demokraten verärgert aber geduldig aus.
Unsere Zeit, unsere Lebenszeit ist kurz, - wir sollten das Beste daraus machen: Freedom ´s just another word for nothing left to lose.
Die Menschen, denen ich in meiner Lebenszeit begegne, gehören mir nicht, auch nicht die Menschen, die ich liebe - gerade deshalb kann ich sie leidenschaftlich lieben, voller Achtung vor ihrer Freiheit. Und umgekehrt kann ich die Achtung meiner Freiheit einfordern.
Wir haben viel zu verlieren.
Und viel zu gewinnen, - auf Erden und im Himmel!
Manchem ging es in dieser Woche wie mir: Er oder sie hat sich geärgert. Jetzt ist der Sommer rum und die Landesgartenschau auch und ich bin mit meiner Dauerkarte viel zu selten hingegangen. Jedes Mal, wenn ich da war, war es doch toll! Das eigentliche Geheimnis der Landesgartenschau war nämlich die Unterbrechung des Alltags. Mit ihrem Motto „Musik für die Augen“ hat sie aus jedem Besuch einen Sonntagsausflug werden lassen. Schade also, jetzt ist es vorbei und kein versäumter Besuch kann nachgeholt werden.
Das ist ja so ein Lebensgeheimnis, das die Jungen instinktiv spüren und die Alten leider oft vergessen: Die Unterbrechungen machen das Leben spannend! Die Unterschiede machen es erst lebendig. Die Pausen vom Alltagstrott. Aber die muss man auch bewusst wahrnehmen. Deshalb war es gut, dass es einen Zaun um die Landesgartenschau gab. Man betrat das große Gelände mit der „Musik für die Augen“ durch das Tor, die „Ouvertüre“ und plötzlich war man in einer anderen Welt. Der Unterschied zum Draußen war zu greifen.
Den Sonntag in den Alltag holen: Auf der Landesgartenschau wurde man daran auch erinnert durch den „Weg des Lebens“ oder durch den Besuch des „Oratoriums“. Vielen wird die „Viertelpause“, diese kurze geistliche Besinnung an den Nachmittagen jetzt fehlen.
Möglicherweise ist das ja eine Nachwirkung dieses Sommers in der Mainaue, dass wir uns in den kommenden Wintermonaten öfter an die Sonnentage, die Sonntage erinnern wollen, indem wir sie in den Alltag holen. Ein Sonntagsausflug etwa am Donnerstagnachmittag?
Doch das geht! Setzen Sie einen Unterschied zum Alltag! Besuchen Sie etwa - endlich mal wieder! - eine unserer herrlichen oberfränkischen Kirchen. Wann waren Sie zum Beispiel das letzte Mal in der Spitalkirche auf dem Bayreuther Markt? Sie ist ein Kleinod aus der Markgrafenzeit und immer geöffnet, nicht nur für Touristen! Aus dem Trubel der Maxstraße, vor oder nach dem Besuch des Rotmain-Centers in die stille Kirche, - eine Wohltat! Und dann achten Sie mal drauf, wenn Sie in einer der Bänke Platz nehmen, was mit Ihnen geschieht…
Das gleiche gilt für alle anderen Kirchen auch.
Unterschiede wahrnehmen, Achtsamkeit üben, sich selbst den Sonntag gönnen, so oft es geht. Das ist die Chance, die uns das ganze Jahr über unsere Kirchen bieten. Manchmal hat man Glück und betritt den großartigen Raum und man steht in einer Wolke herrlichster Orgel-“Musik für die Ohren“. Und wenn man wieder geht, sagt man zu sich selbst „Wie schön, dass ich das mitnehmen durfte. Das hat gutgetan!“
Aber man muss halt auch hineingehen! Immer wieder! Sonst hat man die „Dauerkarte“ (raten Sie mal, was das bei einem Christenmenschen ist) vergeblich gelöst. – Und auf einmal ist es zu spät.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Diese Geschichte ist schrecklich, aber gut erfunden: Ein Vater stellt sein Kind auf eine Mauer. Er breitet die Arme aus und lockt es: „Spring ruhig, ich fang dich auf!“ Das Kind springt und – knallt auf den Boden. Der Vater sagt: „Merk dir das: Man kann niemandem trauen!“ Dieses Kind wird später zu denen gehören, die immer erst Beweise einfordern, ob der andere, ob das Leben auch wirklich verlässlich ist. Es wird misstrauisch kontrollieren, statt zu vertrauen. Es wird eher eng sein und ängstlich, als offen und mutig.
Andere hingegen, die zwar in ihrem Leben ebenfalls viele Enttäuschungen hinnehmen mussten, bringen trotzdem immer wieder viel Vertrauen auf. Warum? Sie haben ein gesundes Urvertrauen mitbekommen, schon in Mutters Bauch. Ihnen ist von Anfang gezeigt worden, dass es gut ist, dass es sie gibt. Ihnen haben die Augen der Mutter, des Vaters, von Oma und Opa sehr liebevoll zugelacht: „Wie schön, dass du da bist!“ Da haben sie Vertrauen gelernt. Wenn andere sie immer wieder spüren ließen: Du bist gewollt! – So entsteht Urvertrauen. Und das ist noch gewachsen, als das Selbstvertrauen dazu kam. Ich beobachte das gerade sehr angerührt bei meiner ersten Enkeltochter. Wie oft ist sie auf die Nase gefallen, bis sie stehen und gehen gelernt hat. Und jetzt wetzt sie sehr zielbewusst durch die Gegend. Sie hat’s gepackt.
Nur so kann sie auch Gottvertrauen lernen: Dass sie von guten Mächten wunderbar geborgen ist – weil irgendwer sie in Schutz nimmt, sie über die Straße bringt, sie wieder gesundmacht und ihr immer wieder so viel Lebensmut einflößt, dass sie die Strapazen und Enttäuschungen des Lebens sicher überstehen wird.
Wir brauchen alle diesen Vorschuss an Vertrauen, diesen warmen Aufwind von Sympathie unter die Flügel – im Kindergarten, in der Schule, in der Liebe, bei der Arbeit, bei jeder Begegnung.
Die argwöhnischen Blicke der Anderen machen jeden Neuankömmling erstmal unsicher. Wir haben diese Kaltfront alle schon mal erlebt: beim Schulwechsel, beim Umzug, am neuen Arbeitsplatz. Wie wohltuend und rettend war dann der Mensch, der schließlich die Distanz überwunden hat und uns gezeigt hat, wie man am besten zurechtkommt. Dieser Vorschuss an Vertrauen hilft uns leben. Alle, die nur auf unsere Füße starren, dass wir endlich stolpern, die uns misstrauisch erstmal schlimme Dinge unterstellen, die machen nur Angst.
Es geht nur mit Vertrauen! Ob’s der Nachbar ist, der uns den Schlüssel in Verwahrung gibt, oder der Handwerker, der uns die Heizung repariert – alles nur Vertrauenssache; dass wir uns sorgsam kümmern, bzw. die gestellte Rechnung auch bezahlen. Man kann dieses kostbare Gut nicht verlangen, man kann es nur schenken und pfleglich behandeln. Ein bisschen Mut gehört freilich dazu.
Ach ja, man kann Vertrauen übrigens auch (wieder) üben und lernen!
In genau einem Jahr, am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500sten mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther, der Überlieferung nach, an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll. Wir feiern dann das 500jährige Jubiläum der Reformation. Es wird ein großes, ökumenisches Fest in globaler Gemeinschaft sein, von Feuerland bis Finnland, von Südkorea bis Nordamerika, - anders als alle Luther- und Reformationsjubiläen bisher.
Ich bin gottfroh darüber, denn das zeigt, wie sehr die christlichen Kirchen gelernt haben, in Frieden und Freiheit des Glaubens und in geschwisterlicher Gemeinschaft miteinander umzugehen. Da ist in den letzten 50 Jahren unglaublich viel geschehen.
Schaue ich auf unser lokales, ökumenisches Miteinander, dann kann ich nur dankbar feststellen, wie sehr der Respekt voreinander und die Anerkennung des jeweils anderen gewachsen ist. Kein evangelischer Pfarrer in Bayreuth käme mehr auf die Idee etwa bei der Stadtratswahl zu mahnen, doch bitteschön nur die evangelischen Kandidaten zu wählen - und umgekehrt. Ökumene wird bei uns gelebt und gepflegt, in gemeinsamen Aktionen zum Teil vorbildlich. Erwähnt sei etwa die Aktion „Suppe am Samstag“.
Das, was damals von Wittenberg im 16. Jahrhundert ausgegangen ist, hat Deutschland, Europa und die Welt verändert. Es hat z.B. den Gedanken der Freiheit erst richtig groß gemacht. Der ist uns mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass wir sehr darauf achten müssen, ihn nicht unter der Hand wieder zu verspielen. Eine der wichtigsten reformatorischen Schriften heißt „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Martin Luther charakterisiert diese Freiheit so:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. –
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Evangelische Freiheit ist Freiheit von der Welt und Freiheit für die Welt.
Mit der Wiederentdeckung der Freiheit des Einzelnen, das Kennzeichen mündigen Christseins, konnte damals der beklemmenden Furcht des Mittelalters vor Dämonen und Mächten begegnet werden. Im globalen Zeitalter 500 Jahre später sind andere Ängste die alltäglichen Anfechtungen der Freiheit: Die oft völlig irrationale Furcht vor Wohlstandsverlust, vor „Überfremdung“, vor Terror und Krieg, - das bedrängt die Freiheit. Aus diesen Ängsten auszuziehen und ein Leben in der Freiheit eines Christenmenschen zu führen, im Dienst am Nächsten und in der Verantwortung für die Welt, das bleibt unsere Aufgabe als freie Menschen. Wer sich vor ihr drücken will, ist schon wieder auf dem Weg in die Unfreiheit der unbegründeten Ängste und der Unmündigkeit.
Als auch der zweite über ihn hinweg gestiegen war und die Schritte sich entfernten, dachte er noch „Das war es also…“, dann schwanden ihm die Sinne. Er kam wieder zu sich, als ihm jemand den Kopf anhob und Wasser über die aufgesprungenen Lippen goss. Es lief ihm am Hals hinunter, weil er nicht so schnell schlucken konnte. Das nächste Mal wurde er wach, als der schaukelnde Gang des Esels plötzlich stockte. Er hing quer über dessen Rücken, wie ein schlapper Sack. „Wir sind gleich da“ sagte eine freundliche Stimme. „Dir geht es bald wieder besser!“ Da wusste er, alles wird gut…
So gut wie dem Mann aus dem Gleichnis Jesu, der unter die Räuber geraten war und der dann vom Samariter gerettet wurde, ging es dem 82-jährigen Rentner neulich nicht. Nicht der dritte erbarmte sich, sondern erst der fünfte holte schließlich Hilfe. Der alte Herr war laut Polizei am Geldterminal einer Bank in Essen in eine „medizinische Notfallsituation“ geraten, fiel zu Boden und blieb im Vorraum der Bank liegen. Vier Kunden seien auf dem Weg zum Geldautomaten über ihn hinweg gestiegen, hätten einen großen Bogen um ihn gemacht oder seien nahe an ihm vorbeigegangen. Sie hätten nacheinander den Raum betreten, zwei Kunden seien fast gleichzeitig wieder gegangen. Der vierte ging 19 Minuten nach dem Zusammenbruch. Alles aufgenommen von der Überwachungskamera. Erst der fünfte erbarmte sich. Zu spät. Ein Einzelfall? Mitnichten. Leider.
Vor 500 Jahren wurde von Martin Luther das Wort „Nächstenliebe“ in die deutsche Sprache eingebracht. Es sollte uns eigentlich längst in Fleisch und Blut übergegangen sein. Es ist unabdingbar auf einem der vordersten Plätze in unserem Wertekatalog. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ lautet die Regel dazu, die wir ja alle kennen.
Ein spitzfindiger Vogel fragte Jesus damals etwas scheinheilig-provozierend: „Wer ist denn nun mein Nächster?“ Und dem erzählte Jesus zur Illustration die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-36).
Interessant ist die Frage, die Jesus dann anschließt:
„Was glaubst du? Wer von den dreien ist dem, der unter die Räuber gefallenen war, zum Nächsten geworden?“
Die Antwort ist klar.
„Der, der ihm die Barmherzigkeit erwiesen hat!“
Jesus dreht also die Sichtweise um. Die Frage ist nicht “Wer ist mein Nächster?“, sondern „Wem bin ich der Nächste?“.
Und schon sieht die Welt ganz anders aus. Eine unbequeme Sichtweise, zugegeben. Denn sie ruft mich sehr deutlich zur Verantwortung – und wer übernimmt heute noch gerne Verantwortung? Dabei ist das oft genug überhaupt nicht schwer. Hätte schon der erste den Notruf abgesetzt, vielleicht wäre der alte Herr heute noch am Leben.
Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass das Geld und ein störungsfreier Alltag wichtiger sein sollen als etwas so Selbstverständliches wie Nächstenliebe.
Wir sind da natürlich ganz anders, oder?
Der Buß- und Bettag ist schon lange als gesetzlicher Feiertag abgeschafft. Schade, denn er gab den angemessenen Raum für ehrliche Fragen an uns selbst: Wo wir versagen, uns schuldig machen, unsere eigenen Erwartungen und Maßstäbe nicht erfüllen. Wo wir uns gerade befinden auf unserer Lebensstrecke, von der wir ja nicht einmal wissen, wie lang sie noch für uns sein wird. Es geht an diesem Tag um das inzwischen leider exotische Thema „Sünde“.
„Da habe ich wieder einmal gesündigt“, sagen manche, wenn dem Schäufele und den Klößen auch noch das Eis und die Torte hinterher geschoben wurde. So wird das Wort „Sünde“ aber unschädlich gemacht. Buße ist dann nicht der Blick in die Bibel, sondern der Blick auf die Waage.
Sünde ist jedoch, wenn unser Leben und unser Verhalten nicht mehr von den guten Möglichkeiten gesteuert werden, die uns mit Gott verbinden, sondern von einem anderen, von einem schlimmen Geist. Von dem Geist, der nicht nur Gott verleugnet, sondern der dem Anderen böswillig schadet und damit schließlich uns selbst.
Jesus nennt ein Beispiel, an dem man das testen kann. Es geht um die Sprache, die wir so draufhaben. Jesus entlarvt seine Zuhörer, die sich ja gerne für untadelig und fromm halten, indem er auf ihr Reden achtet. Er sagt (Lukas 6,45):
Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus dem bösen Schatz seines Herzens. Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Da hat also jeder einen Schatz zur Verfügung, den er nutzen kann. Das kann ein Schatz guter, hilfreicher, lieber Worte sein, - oder ein Schatz an bösen, verletzenden, beschädigenden Worten. Sie verraten dann, wie es insgesamt um das Herz bestellt ist. Der Begriff Wortschatz kommt wahrscheinlich von dieser Bibelstelle. Jesus tadelt die „unnützen, nichtsnutzigen“, die leeren, die phrasenhaften Worte. Deshalb mag ich z.B. keine Wahlkampfreden, wie wir sie jetzt in Amerika erleben mussten. Nichtsnutzige Worte, Worte, die wirklich nichts nützen, das sind z.B. unsere schnellen Urteile über jemanden, den wir nicht besonders mögen; schnelle Urteile, die sich bei genauem Hinsehen dann doch als Vorurteile, als falsch erweisen. Dabei ist es doch oft so, dass man andere gerne dort kritisiert, wo man selber so seine Schwachstellen hat…
Ja, es gibt viel zu viele abfällige Bemerkungen über andere Menschen. Abfälliges Gerede ist der Anfang von Überheblichkeit und Hass, führt zu Gewalt und letztlich zu Faschismus und Rassenwahn. Und wo das endet bekommen wir auf schaurige Weise täglich präsentiert.
Buß- und Bettag: Ein Tag, an dem man innehalten könnte bei der Frage, wie solcher Wahnsinn entstehen kann, warum wir uns viel zu wenig gegen die überhandnehmende Verrohung und die zunehmende Entmenschlichung wehren. Sie beginnt schon bei der Sprache, bei den Worten und beherrscht dann das Denken.
Nicht zuletzt deshalb täte die Wiedereinführung dieses Feiertages unserem ganzen Volk besonders gut.
Der heutige Toten- oder Ewigkeitssonntag ist für die Evangelischen das, was Allerseelen für die Katholiken ist: Man gedenkt der Verstorbenen, mit denen man verbunden war, besucht ihre Gräber, zündet vielleicht sogar ein Licht für sie an, spricht ein Gebet, erinnert sich an gemeinsame Lebenszeit, hält Zwiesprache...
Nein, das ist kein Ahnenkult, sondern Bewusstwerdung der eigenen Wurzeln am Grab der Eltern und Großeltern. Das ist dankbares Erinnern an das, was gutgetan hat und weitergebracht hat. Es ist das Gewahrwerden der Liebe, die einmal war und die nie vergehen wird, - vor allem am Grab des Partners oder des Kindes.
Es ist gut, dass es diese Gedenktage gibt. Sie führen uns vor Augen, wie kurz unser Leben ist, wie kostbar und gar nicht selbstverständlich unsere Tage und Stunden sind, vor allem die gemeinsam gelebten, die uns geschenkt werden. Ich denke heute auch an die vielen hundert Menschen, für deren Angehörige ich als Pfarrer den letzten Abschied auf dem Friedhof zu gestalten hatte. Das war nie leicht, aber auch nie trostlos.
Frau Christa D. war völlig alleinstehend, als ich sie kennenlernte. Sie hatte sich sehr früh scheiden lassen und es gab keine Kinder oder Verwandten. Eine Kollegin gab es, die war aber schon viele Jahre vor ihr verstorben. Frau D. hatte die anonyme Beisetzung ihrer Urne testamentarisch verfügt, weil ja niemand da war, der sich um die Grabpflege hätte kümmern können.
Wie viele Urnen mögen wohl neben ihren „auf der grünen Wiese“ bestattet sein? Gräber ohne Namen. Dabei gibt es die viel achtsamere Lösung mit dem Namensstein, bei der es ebenfalls keiner Pflege bedarf. Wie wichtig aber, dass am Ende jemand da ist, der sich an uns erinnert und uns hinterherruft: „Gut, dass du da warst! Gut, dass es dich gegeben hat!“, und dass wir mit unserem Namen unsere Würde behalten. So habe ich es Christa D. nachgerufen zusammen mit ihrem Namen, bevor ihr Sarg eingeäschert wurde. Und hoffentlich wurde das auch all den anderen hinterhergerufen, deren Asche jetzt neben Frau D. ruht.
Eines ist mir dabei sehr tröstlich: Auch, wenn wir einmal vielleicht sehr schnell in Vergessenheit geraten werden - unsere Namen sind aufgeschrieben im Himmel, sagt Jesus (Lukas 10,20).
Das mag in den Ohren von Spöttern sehr naiv klingen. Aber für Frau D. war das ein unglaublich wichtiger Halt, dass sie sich in ihrem oft sehr einsamen Leben trotzdem geborgen und angenommen wusste - von dem Gott, der sie aus Liebe ins Leben hineingerufen hatte und der sie nach diesem Leben wieder in seine Arme schließen würde.
Genau darum geht es heute, wenn wir an den Gräbern unserer Angehörigen stehen, dass wir nicht traurig sein müssen, „wie die anderen, die keine Hoffnung haben“ (1. Thess. 4,13). Christlicher Glaube ist in erster Linie Osterglauben, Auferstehungsglaube, Ausdruck fester Hoffnung.
Ich persönlich glaube lieber an das Licht des ewigen Lebens, als an die Schwärze des ewigen Todes. Und ich habe festgestellt, diese Perspektive macht das Leben hier und heute viel heller, bunter und lebendiger.
Am vergangenen Sonntag, dem letzten des Kirchenjahres, endete für die Katholiken das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus überraschend vergangenes Jahr ankündigt hatte. Die „Heilige Pforte“ am Petersdom wurde wieder geschlossen. Das neue Kirchenjahr, das heute, am ersten Advent beginnt, wird für die evangelischen Christen als Reformationsgedächtnisjahr vor allem ein „Jahr der Gnade“ sein zur Erinnerung an das Postulat Martin Luthers: „Allein aus Gnade wird der Mensch vor Gott gerecht“.
Barmherzigkeit und Gnade, das sind zwei Begriffe, die passen anscheinend so gar nicht in unsere Zeit: Die Kriege in Syrien und sonst wo hören ja nicht auf, genauso wenig wie das Flüchtlingssterben im Mittelmeer oder der weltweite Terrorismus. Und überall sind die Autokraten an der Macht, deren Regierungsprogramm die Unbarmherzigkeit ist, ob sie Putin heißen oder Erdogan oder sonst wie. Und sie werden von ihren Völkern nicht etwa davongejagt, sondern sogar bewundert. Auch bei Donald Trump kommen Gnade, Reue oder Vergebung nicht vor. Und allzu viele, leider auch bei uns, applaudieren. Es ist die Zeit des Feinddenkens und der Abschottung, der irrationalen Ängste und der überheblichen Nationalismen und damit eine schlechte Zeit für Barmherzigkeit und Gnade, - ganz egal, wie viele Menschen durch Heilige Pforten gehen oder das Reformationsgedächtnis feiern.
Gnade und Barmherzigkeit, das klingt zwar nach arrogant herablassender Güte, aber in Wahrheit sind diese Grundbegriffe christlichen Denkens viel stärker, als es eiskalte Realität und gnadenlose Machtansprüche ahnen lassen. Und deshalb fürchten sich die Autokraten so davor.
Die Gnade ist Gottes Geschenk an die Welt: Das Geschenk leben zu dürfen, auch an Recht und Gesetz und allen Verdiensten vorbei, - trotz allem Versagen. Die Gnade hebt das Gesetz nicht auf, aber sie lässt jedes Überlegenheitsgefühl der angeblich Rechtgläubigen und Machthaber platzen.
Die Barmherzigkeit Gottes ist subversiv. Sie durchbricht alle menschengemachten Absolutheitsansprüche der „allein selig machenden“ Religionen, Lehren und Wahrheitsdefinitionen. Sind sie unbarmherzig, dann taugen sie nichts. Dann sind sie im Gegenteil entlarvt als Instrumente der Unmenschlichkeit und Intoleranz.
Gnade und Barmherzigkeit, die Tugenden der Nächstenliebe und radikalen Menschlichkeit sehen jeden einzelnen Menschen mit seiner unteilbaren Würde. Sie sagen den Machthabern, wem sie eigentlich zu dienen haben.
Gnade und Barmherzigkeit entlarven die unzähligen Selbstgewissheiten, die durch unsere Welt geistern, all die gemästeten großen und kleinen Egos im Kreml, im Weißen Haus, in den Partei- und Wirtschaftszentralen oder in der Facebook-Blase.
Wir müssen dranbleiben am Thema Gnade und Barmherzigkeit. Jeder einzelne. Dann gehen nicht nur die Adventstürchen auf, sondern auch die Herzen. Dann kann Weihnachten kommen. Schauen wir mal, ob er dann bei uns einzieht, der Gottessohn, den wir als die Verkörperung von Gnade und Barmherzigkeit und Liebe kennen!
