Sophienlust 391 – Familienroman - Aliza Korten - E-Book

Sophienlust 391 – Familienroman E-Book

Aliza Korten

5,0

Beschreibung

Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren: Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. "Die Milch ist übergekocht, Vroni!" "Das passiert doch jeden Morgen, Vati", erwiderte die Sechsjährige ungerührt. "Ich weiß nicht, woran das liegt." Dr. Ottmar von der Holste nahm einen feuchten Lappen, um die rauchende, übelriechende Platte des Elektroherdes einigermaßen zu säubern. Vroni stellte Brot und Butter auf den Küchentisch, der noch vom Abend her etwas klebrig und fleckig war. Der Kaffee allerdings, den Vroni in der Maschine sachkundig zubereitete, bedeutete immer wieder einen echten Genuß für den verwitweten Landarzt. "Du bist großartig, Vroni", lobte er sein Töchterchen. "Es gibt keinen Menschen, der so guten Kaffee kocht wie du!" "Dabei mag ich Kaffee überhaupt nicht." Vroni strahlte ihren Vater an und rührte in ihrem Kakao. Glücklicherweise war noch gegnügend Milch im Topf geblieben. "Hast du deine Schulaufgaben gemacht, Vroni?" erkundigte sich der Doktor pflichtschuldigst, jedoch ohne besonderen Nachdruck. Vroni schüttelte den Kopf. "Nöö, ich hatte überhaupt keine Zeit und auch keine Lust. Muß ich heute unbedingt in die Schule gehen, Vatichen?" Vroni rutschte vom Stuhl und umarmte ihren Vater mit fettigen Fingern.

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Sophienlust – 391–

Ein ganz besonderer Trotzkopf

Vroni tanzt allen gerne auf der Nase herum

Aliza Korten

»Die Milch ist übergekocht, Vroni!«

»Das passiert doch jeden Morgen, Vati«, erwiderte die Sechsjährige ungerührt. »Ich weiß nicht, woran das liegt.«

Dr. Ottmar von der Holste nahm einen feuchten Lappen, um die rauchende, übelriechende Platte des Elektroherdes einigermaßen zu säubern. Vroni stellte Brot und Butter auf den Küchentisch, der noch vom Abend her etwas klebrig und fleckig war. Der Kaffee allerdings, den Vroni in der Maschine sachkundig zubereitete, bedeutete immer wieder einen echten Genuß für den verwitweten Landarzt.

»Du bist großartig, Vroni«, lobte er sein Töchterchen. »Es gibt keinen Menschen, der so guten Kaffee kocht wie du!«

»Dabei mag ich Kaffee überhaupt nicht.« Vroni strahlte ihren Vater an und rührte in ihrem Kakao. Glücklicherweise war noch gegnügend Milch im Topf geblieben.

»Hast du deine Schulaufgaben gemacht, Vroni?« erkundigte sich der Doktor pflichtschuldigst, jedoch ohne besonderen Nachdruck.

Vroni schüttelte den Kopf. »Nöö, ich hatte überhaupt keine Zeit und auch keine Lust. Muß ich heute unbedingt in die Schule gehen, Vatichen?« Vroni rutschte vom Stuhl und umarmte ihren Vater mit fettigen Fingern. »Weißt du, es ist wirklich schrecklich blöd in der Schule. Fräulein Großenbach mag ich überhaupt nicht leiden – und sie mag mich auch nicht.«

Ottmar von der Holste strich über Vronis Kopf. »Sie ist vielleicht nicht besonders zufrieden mit dir, weil du im Unterricht nicht zuhörst und zu Hause nur selten lernst.«

»Ist denn das so wichtig, Vati? Ich koche und helfe dir. Was man in der Schule lernt, braucht man nicht. Ich finde es bei Fräulein Großenbach langweilig – scheußlich langweilig sogar.«

Der Vater unterdrückte einen Seufzer. Er hatte mit Beate Großenbach, der jungen Lehrerin in dem kleinen Ort Eggeweiher, schon mehrere Auseinandersetzungen gehabt. Vroni fehlte häufig, beteilige sich nicht wie die übrigen Kinder am Unterricht und bringe nur selten ordentliche Hausaufgaben mit, hatte sie erklärt. Sie hielt Vroni für ein sehr aufgewecktes Mädchen mit guter Begabung und hatte vom Vater verlangt, daß er für die Bildung seines Töchterchens mehr Interesse aufbringe.

Ottmar von der Holste hatte Vroni stets leidenschaftlich in Schutz genommen. Fräulein Großenbach müsse begreifen, in welcher Situation er und die Kleine lebten! Seit dem unerwarteten Tod seiner geliebten Frau fehle es bei Ihnen an allem und jedem. Vroni habe den ersten bitteren Kummer dadurch überwunden, daß sie sich als Köchin und kleine Hausfrau betätigte. Obgleich sie dafür viel zu jung sei, habe ihr das geholfen. Notfalls müsse sie das erste Schuljahr wiederholen.

Beate Großenbach hatte angesichts der Halsstarrigkeit des Doktors, der sich in Eggeweiher und der ländlichen Umgebung des Ortes allgemeiner Beliebtheit erfreute, den Kopf geschüttelt. Schon vor fast zwei Jahren war seine Frau einer tückischen Infektionskrankheit erlegen. Aber noch immer hatte er nichts unternommen, um die reichlich chaotischen Zustände in seinem Haus zu ordnen. Vroni kochte, was immer man darunter verstehen mochte. Die nötigen Einkäufe erledigten Vater und Tochter gemeinsam. Nur zweimal in der Woche erschien eine Frau aus der Nachbarschaft, um die Zimmer zu säubern und den Abwasch zu bewältigen. Praxis und Wartezimmer dagegen hielt Dr. von der Holste mit Vronis Hilfe eigenhändig blitzblank. Darauf verstand er sich. Denn er legte auf Hygiene wirklich größten Wert. Doch ungemachte Betten störten ihn nicht im geringsten, wie man hörte.

Und Vroni tanzte ihrem Vater auf der Nase herum. Sie machte, was sie wollte. Ottmar von der Holste konnte ihr einfach nichts abschlagen.

So schmeichelte Vroni ihm auch an diesem Tag wieder mühelos einen schulfreien Tag ab. »Weißt du, sie schimpft bloß, weil ich den Abschnitt aus dem Lesebuch nicht abgeschrieben habe. Es ist viel besser, ich gehe gar nicht erst hin.«

Zwar entbehrte diese Argumentation der Logik, doch gab der schwache Vater nach. »Aber du mußt die Abschrift nachholen und sie morgen abliefern. Ich schreibe dir einen Entschuldigungszettel – noch einmal. Allmählich muß das aufhören, Kleines.«

Vroni küßte ihren Vater. »Ich backe mittags Eierkuchen«, versprach sie. »Frau Kirn hat uns gestern eine große Schüssel frische Eier gebracht.« Frau Kirn war die Zugehfrau.

Dr. von der Holste leerte seine Tasse. Einträchtig räumten er und Vroni das gebrauchte Geschirr in den Spülstein.

»Es sind schon zwei Patienten im Wartezimmer«, meldete Vroni, die durchs Schlüsselloch geschaut hatte. »Du kannst anfangen.«

Der Doktor schloß morgens als erstes die Haustür auf, so daß die Kranken eintreten konnten, ohne zu läuten. Früher, als seine Frau noch lebte und ihm in der Praxis zur Seite stand, hatte sie den Patienten geöffnet. Inzwischen hatte sich dieses einfache Verfahren eingebürgert. Denn Ottmar von der Holste hatte sich immer noch nicht dazu entschließen können, eine Helferin einzustellen. Er erledigte die Laborarbeiten selbst, schrieb auch die Kassenabrechnungen aus und tippte seine ärztlichen Berichte mit zwei Fingern auf der Schreibmaschine. Ihm graute entsetzlich davor, eines Tages eine wildfremde Person ständig um sich haben zu müssen. Nein, nein – lieber saß er abends stundenlang über dem Schreibkram. Er hatte ja doch nichts Besseres zu tun, denn Vroni, die meistens erst gegen zehn oder elf Uhr bereit war, sich schlafen zu legen, blieb nicht gern allein im Hause. Obendrein lag ihm nichts daran, Bekannte zu besuchen oder im Gasthof von Eggeweiher mit den Männern Bier zu trinken.

Trotzdem wurde Dr. von der Holste geschätzt und anerkannt. Auf ihren Doktor ließen die Leute absolut nichts kommen. Sie fragten ihn um seinen ärztlichen Rat, holten aber auch oft genug bei familiären Problemen, bei Erziehungsfragen oder Erbangelegenheiten seine Meinung ein. Wenn der Doktor es sagt, muß es richtig sein, hieß es dann, obgleich er im allgemeinen weise genug war, nur das zu bestätigen, was im Grunde längst beschlossene Sache war.

Dieser Morgen begann also wie jeder andere. Vroni spielte mit Puppen und Teddybären ›Sprechstunde‹, ohne sich darum zu kümmern, daß in ihrem hübschen Reich eine geradezu sagenhafte Unordnung herrschte. An die Schule und Fräulein Beate Großenbach dachte sie mit keinem einzigen Gedanken – schon gar nicht mit schlechtem Gewissen. Sie verstand es meisterhaft, unangenehme Überlegungen zu verdrängen. Die Abschrift aus dem Lesebuch wurde natürlich nicht erledigt.

Dr. von der Holste betreute indessen seine Patienten in der gewohnten ruhigen Art. Stets nahm er sich genügend Zeit, um ihnen zuzuhören. Auch mit Bagatellfällen beschäftigte er sich ernsthaft, konnte aber mit offensichtlichen Drückebergern, die nur einmal eine Woche krankfeiern wollten, recht hart umspringen. Immer war es sein Wunsch gewesen, eine Landpraxis zu haben. Nun wollte er hier bis ans Ende seiner Tage tätig sein, um den Kranken zu helfen.

Und bis ans Ende seiner Tage würde er seine geliebte Frau vermissen... Er konnte diesen tragischen Verlust einfach nicht überwinden.

Mittags tischte Vroni die versprochenen Eierkuchen auf. Sie waren hart wie Holzbretter, aber trotzdem schmausten Vater und Tochter befriedigt. Sie waren nicht sonderlich verwöhnt im Essen.

Vroni streute sich Unmengen von Zucker auf ihren harten Eierkuchen, der Doktor verzehrte ihn mit etwas Salz. Anschließend bat er um Vronis erstklassigen Kaffee. Vroni genehmigte sich Sprudelwasser, ihr Lieblingsgetränk. Sie nannte es Kindersekt und lachte, wenn es in ihrer Nase kribbelte.

Am Nachmittag hatte Vroni das Pech, Beate Großenbach zu begegnen, als sie eben den Entschuldigungszettel ihres Vaters unbemerkt in den Briefkasten der Schule werfen wollte.»Du warst heute morgen nicht da, Vroni.«

»Ich... ich konnte nicht, Fräulein Großenbach. Mein Vati hat eine Entschuldigung geschrieben.«

Beate nahm ihr den Brief aus der Hand. Der Doktor hatte nur lapidar mitgeteilt, daß Vroni nicht zur Schule gehen könne. Eine Begründung gab er niemals an. Auch darüber war Beate Großenbach jedesmal ärgerlich.

»Bist du krank?« fragte sie mißtrauisch und betrachtete das rotwangige Kind.

»Nein, aber ich hatte keine Zeit. Es ist eben ziemlich viel zu tun bei uns, weil wir keine Mutti haben.« Irgendwie klang die Antwort komisch und zugleich auch unendlich traurig.

»Trotzdem mußt du zur Schule kommen, Vroni. Willst du später nicht rechnen, ein Buch lesen oder einen Brief schreiben können? Du möchtest vielleicht mal Ärztin werden wie dein Vater. Dazu gehört erst einmal eine ordentliche Schulbildung, Kleines.«

»Ich lerne es bei meinem Vati. Pflaster kann ich schon richtig aufkleben. Und den Sterilisator mit den Instrumenten darf ich auch allein einschalten.«

»Das wird für eine gute Ärztin nicht ganz ausreichen, Veronika.«

Die Lehrerin war die einzige, die Vroni hin und wieder mit ihrem klangvollen Taufnamen anredete. Sie tat es in der Hoffnung, damit etwas mehr Eindruck zu erwecken.

»Morgen komme ich zur Schule«, erklärte Vroni gönnerhaft. »Ich habe es Vati versprochen. Muß ich wirklich noch die Abschrift aus dem Lesebuch machen?«

»Das wäre sicherlich ratsam, Veronika. Ich würde mich freuen, wenn du sauber schreiben und keine Fehler machen würdest wie neulich. Es steht doch alles richtig im Buch. Du mußt nur genau hinschauen.«

Vroni warf der Lehrerin, mit der sie ständig im Kriegszustand lebte, einen verzweifelten Blick zu. Dann schoß sie grußlos wie ein Pfeil davon.

Sorgenvoll blickte Beate ihr nach. Vroni war die schlechteste Schülerin der ersten Klasse. Dabei hätte sie den Stoff spielend leicht erlernen können – wenn sie nur gewollt hätte! Und der Doktor, auf den man in Eggeweiher so große Stücke hielt, unterstützte die Faulheit seines Töchterchens noch! Es würde nichts übrigbleiben, als Veronika von der Holste die unterste Schulklasse wiederholen zu lassen...

Beate Großenbach betrübte das, denn sie betrachtete eine Sitzenbleiberin sozusagen als persönlichen Mißerfolg. War es nicht im Grunde ein Versagen des Lehrers, wenn ein Kind nicht lernen wollte und bei jeder Gelegenheit die Schule schwänzte?

Indessen hüpfte Vroni davon und hatte die wenig erfreuliche Unterhaltung mit der Lehrerin bereits vergessen. Sie besuchte einen kleinen Freund auf dem Hof des Oberbauern. Dort gab es nämlich entzückende junge Katzen zu bewundern – was Vroni entschieden lustiger fand als eine saubere Abschrift für die Schule.

Am Abend begleitete sie ihren Vater bei seinen Hausbesuchen. Sie wartete meist im Wagen auf ihn und unterhielt sich mit den vorübergehenden Leuten. Jeder hatte Vroni gern, weil sie stets freundlich war. Oft steckte man ihr Süßigkeiten zu, denn es war allgemein bekannt, daß Dr. von der Holste selten allein unterwegs war.

Vroni nahm solche Geschenke strahlend entgegen, rechnete aber im Grunde fest damit, nicht leer auszugehen. Denn das niedliche kleine Mädchen hatte sich durch die übertriebene Verwöhnung ihres trauernden Vaters in ein recht eigennütziges Persönchen verwandelt, das ständig auf eigene Vorteile bedacht war und allenthalben eine lächelnde Tyrannei ausübte. Vielleicht war Beate Großenbach der einzige Mensch in Eggeweiher und Umgebung, der das klar erkannte.

Erst nach acht Uhr saßen Vater und Tochter in der Küche und verzehrten ihr Abendessen. Es gab frisches Landbrot mit Butter und herrlichem Schinken. Vroni futterte dazu eingemachtes Obst, ein Geschenk von der guten Frau Kirn. Einen übriggebliebenen Eierkuchen vom Mittag verschmähten Vater und Tochter einmütig, denn er war im erkalteten Zustand tatsächlich noch härter geworden, obgleich das kaum möglich schien.

»Ich bringe ihn zum Obstbauern für die Schweine«, schlug Vroni munter vor. »Sonst beißt man sich bloß einen Zahn aus.«

Der Doktor nickte.

»Hat es dir nicht geschmeckt?« rief Vroni gekränkt aus, die wohl Widerspruch erwartet hatte.

Ottmar von der Holste wagte es nicht, an Vronis Küchenerzeugnissen Kritik zu üben, auch wenn sie noch so ungenießbar waren. Vielmehr ermutigte er seine Tochter durch ständiges Loben, sich immer aufs neue zu versuchen. Auf diese Weise gab es inzwischen wirklich einige einfache Gerichte, die Vroni schmackhaft zubereitete. Und im Notfall wurden Konserven aufgewärmt.

»Wir brauchen niemanden, denn wir schaffen es allein!« war der Kampfruf von Vater und Tochter. Daran klammerten sie sich, auch wenn sie gelegentlich angebranntes Essen hatten oder halbgare Kartoffeln.

»Du mußt ins Bett«, stellte der Doktor mit einem Blick auf die Uhr fest. »Morgen bekommst du keine Entschuldigung und gehst pünktlich zur Schule!«

»Aber ich habe die Aufgabe nicht gemacht, Vatichen.«

»Dann wirst du dich jetzt hinsetzen. Keine Ausreden mehr.«

»Es ist schon spät. Ich bin furchtbar müde.« Vroni gähnte überzeugend.

»Sonst willst du um diese Zeit durchaus nicht schlafen. Ich setze mich zu dir. Dann geht es leichter. Komm, mein Kleines. Es hilft nichts, du mußt schließlich lernen, das zu tun, was man von dir verlangt.«

Vroni ließ sich die Treppe hinaufzerren, als sei sie halb gelähmt. Im Kinderzimmer feuerte sie ihr Spielzeug mit gekonntem Schwung unters Bett, bis man wenigstens bis zu ihrem hübschen Schreibpult durchkam. Der Vater wartete geduldig, während sie das Lesebuch und ihr Schreibheft umständlich ausbreitete. Dann harrte er neben dem kleinen Unruhegeist aus, bis die drei langen Druckzeilen aus dem Lesebuch ins Schreibheft übertragen waren. Immer wieder kamen Vroni dabei andere Dinge in den Sinn, die ihr weit interessanter erschienen, als die Aufgabe. Deshalb verschrieb sie sich häufig.

Sie müßte sich besser konzentrieren können, dachte der Doktor. Ach, ihr fehlt eben die Mutter!

Damit entschuldigte Ottmar von der Holste bei Vroni alles – und verzog sie nur noch mehr, um sie für dieses Leid zu entschädigen.

Endlich lag Vroni im Bett. Sie hatte gründlich geduscht und duftete nach Seife.

»Fräulein Großenbach wird staunen, daß ich die Aufgabe tatsächlich fertig habe«, meinte sie spitzbübisch nach dem Gebet. »Bestimmt hat sie das nicht erwartet.«

»Hör mal, das ist doch eigentlich selbstverständlich. Machen die anderen Kinder ihre Aufgaben denn nicht?«

»Doch, die anderen schon – aber ich komme meistens mit leerem Heft. Das kennt sie schon.«

Leider besaß die kleine Vroni in bezug auf die Schule nicht den geringsten Ehrgeiz. Das war besorgniserregend. Sogar Dr. von der Holste begann sich nun Gedanken zu machen.

Fünf Minuten später schlief Vroni tief und fest. Ein entzückendes Lächeln erhellte das zarte Kindergesicht. Gerührt blickte der Vater darauf nieder. Dann erhob er sich vom Bettrand und verließ das unordentliche Zimmer auf den Fußspitzen.

An seinem großen Schreibtisch trug er Karteikarten nach und bereitete die Abrechnung für die Krankenkassen vor. Später würde Vroni ihm dabei helfen. Aber leider konnte sie bis jetzt noch nicht einmal drei Druckzeilen fehlerfrei abschreiben. Also würde er wohl ziemlich lange warten müssen. Immerhin nahm er sich vor, Vroni in Zukunft nicht mehr grundlos von der Schule zu beurlauben. Sie mußte ihr Pensum lernen, mußte sich endlich daran gewöhnen, daß es Pflichten gab, denen man sich nicht entziehen durfte.

Es fiel dem Doktor schwer, einen solchen Entschluß zu fassen. Er kam sich hart und grausam vor. Es war ja viel einfacher, Vroni jeden Wunsch zu erfüllen und dafür ihr strahlendes Lächeln als Dank zu erhalten.

*

Des Doktors nächtliche Überlegungen wurden diesmal in die Tat umgesetzt. Vroni mußte täglich in die Schule marschieren und sogar ihre Aufgaben erledigen, sofern der Vater Zeit fand, sie dabei zu beaufsichtigen. Natürlich gelang es Vroni häufig, sich zu drücken, doch erschien sie wenigstens regelmäßig in Beate Großenbachs Unterrichtsstunden.

Allerdings war der Erfolg gering, denn nach wie vor kam Vroni abends zu spät ins Bett. Infolgedessen träumte sie im Unterricht und erschrak, wenn man sie anredete. Deshalb mußte sich die enttäuschte Lehrerin eingestehen, daß ihre Schülerin vorerst wenig hinzulernte. Vroni war und blieb das Schlußlicht der Klasse.

Mehrmals nahm Beate sich vor, mit dem Doktor zu reden. Doch sie schob die Sache immer wieder auf, weil solche Unterhaltungen niemals angenehm waren. Auch konnte sie die Antworten des Doktors inzwischen auswendig hersagen. Seine Argumente blieben stets die gleichen. Daß die Wiederholung der ersten Schulklasse sich auf Vroni ungünstig auswirken könne, weil sie viel zu intelligent sei, um noch einmal von vorn zu beginnen, ließ er nicht gelten. Für seine Vroni mußten besondere Maßstäbe angewendet werden!

Und wieder kam ein Morgen, an dem Vroni durch Abwesenheit glänzte. Jetzt war es soweit. Beate Großenbach riß der Geduldsfaden. Sie beendete den Unterricht pünktlich und schwang sich anschließend auf ihr Fahrrad, um den Doktor noch vor dem Ende seiner Sprechstunde zu Hause anzutreffen. Richtig wütend war sie. Diesmal wollte sie Vronis Vater endlich gründlich ihre Meinung sagen. Er mußte doch einsehen, daß es um das Wohl des Kindes ging!

Beate erreichte ihr Ziel, lehnte das Rad an den Holzzaun und schritt auf die Haustür zu. Eben trat eine ältere Frau heraus und sah sie achselzuckend an.

»Es hat keinen Zweck, Fräulein Großenbach. Heute ist keine Sprechstunde. Der Doktor soll krank sein.«

Beate bedankte sich und ging dennoch ins Haus. Das Wartezimmer war leer. Im Sprechzimmer herrschte mustergültige Ordnung, doch der Schreibtisch stand verwaist. Tatsächlich – der Arzt schien keinen einzigen Patienten empfangen zu haben.

Die junge Lehrerin beschloß, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Flur antwortete niemand auf ihren Ruf. Nach einigem Zögern stieg sie langsam die Treppe empor.

Oben kam ihr Vroni entgegen, den Finger über die Lippen gelegt. »Pst, er schläft.«

Beates Zorn verrauchte. »Was ist passiert, Vroni?« erkundigte sie sich flüsternd und bestürzt.

Das Kind forderte sie auf, ihm zu folgen. Gleich darauf sah Beate den Doktor in tiefer Bewußtlosigkeit auf seinem Bett liegen. Mit ernster Miene erneuerte Vroni den kühlen Umschlag auf seiner Stirn.

»Bestimmt wird es bald besser«, behauptete sie mit unsicherem Stimmchen.

Beate prüfte den Puls des Ohnmächtigen, der nur schwer zu ertasten war. Sie führte Vroni behutsam aus dem Zimmer, um mit dem Kind reden zu können.

»Ist dein Vati schon seit dem Morgen so krank, Veronika?«

Vroni schluckte einmal. »Er... er ist gefallen – in der Küche. Dabei ist er mit dem Kopf ziemlich doll auf die Fliesen geschlagen. Ich bin furchtbar erschrocken. Aber er stand gleich wieder auf und sagte, es sei nicht schlimm.« Nun füllten sich Vronis Augen mit Tränen.

Beate strich ihr übers Haar. »Nicht weinen. Erzähle bitte, wie es weiterging.«

»Er... er mußte sich auf einmal hinlegen, weil ihm schlecht wurde. Kopfweh hatte er und konnte nicht mehr richtig sprechen. Deshalb habe ich ihm Umschläge gemacht. Dann ist Vati eingeschlafen.«