Sophienlust - Die nächste Generation Box 1 – Familienroman - Ursula Hellwig - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation Box 1 – Familienroman E-Book

Ursula Hellwig

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Beschreibung

Irene lebt seit ihrer Scheidung mit ihren beiden Kindern in einer kleinen Stuttgarter Wohnung. Mit ihrem Spielzeuggeschäft versucht sie ihre Familie über Wasser zu halten. Dann geschieht es: Irene wird von einem betrunkenen Autofahrer angefahren. Ein fremder Mann ist sofort zur Stelle, der sich als Dr. Klaus Meier vorstellt und ihr seine Hilfe anbietet. Er sorgt auch dafür, dass Luina und Lukas in Sophienlust untergebracht werden, solange Irene im Krankenhaus liegt. Warum aber fühlt sich Klaus eigentlich so stark verpflichtet?

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Seitenzahl: 616

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Inhalt

E-Book 1-5

Eine große Aufgabe für Nick

Ich will zu meiner Mutti

Fabian kehrt heim

Verwundetes kleines Herz

Das Kind aus erster Ehe

Sophienlust - Die nächste Generation – Box 1 –

E-Book 1-5

Ursula Hellwig Karina Kaiser

Eine große Aufgabe für Nick

Mit seiner Volljährigkeit übernimmt er die Leitung von Sophienlust!

Roman von Hellwig, Ursula

Prüfend warf Dominik von Wellentin-Schoenecker einen Blick auf die Einkaufsliste, die seine Mutter ihm gerade überreicht hatte.

»Es ist nett von dir, dass du nach Maibach fahren und die Einkäufe erledigen willst«, sagte Denise von Schoenecker zu ihrem Sohn. Mir fehlt heute wirklich die Zeit dafür.

In einer Stunde wird Herr Brauer vom Jugendamt hier eintreffen, und dieses Gespräch ist sehr wichtig. Schwester Regine hat einen Termin beim Zahnarzt, und Frau Rennert trägt nach ihrer Nagelbettentzündung noch einen Verband am Fuß. Damit will ich sie nicht mit dem Auto fahren lassen. Schön, dass du noch verfügbar bist, um die notwendigen Sachen einzukaufen. Das hilft mir sehr.«

»Ja, besonders wegen der Papierservietten«, meinte Nick grinsend mit einem Blick auf die Einkaufsliste. »Ohne die gäbe es beim Abendessen ganz sicher eine gewaltige Kleckerei und Flecken an den Rändern der Tischdecke. Irgendwo müssen sich die Kinder die Finger ja abwischen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich besorge alles und bin schnell wieder da, übrigens helfe ich gern. Schließlich gehört das ganz offiziell zu meinen Aufgaben. Seit ich achtzehn Jahre alt bin, habe ich ja eine Mitverantwortung für Sophienlust.«

Denise lächelte ihrem Sohn zu und ließ ihn ziehen. Aus dem Fenster schaute sie ihm nach, wie er draußen vor dem Herrenhaus in sein kleines Auto stieg, das er zum achtzehnten Geburtstag bekommen hatte, und in gemäßigtem Tempo auf das schmiedeeiserne Zufahrtstor zurollte.

Das Auto hatte das Gelände längst verlassen, als Denise noch immer am Fenster stand und ihren Gedanken nachhing.

Nick hatte vorhin betont, dass er eine Mitverantwortung für das Kinderheim hatte. So ganz stimmte das nicht. Rein juristisch gesehen trug er seit seiner Volljährigkeit die gesamte Verantwortung allein. Er hatte das schlossähnliche Herrenhaus als kleiner Junge geerbt. Testamentarisch war von seiner Urgroßmutter Sophie von Wellentin verfügt worden, dass ihr Anwesen in ein Heim für in Not geratene Kinder umgewandelt werden sollte. Denise, als Nicks Mutter, sollte dieses Heim bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes verwalten. Nun war Nick erwachsen und hätte sein Erbe komplett allein antreten können. Doch er war froh, auch weiterhin auf die Erfahrung und den Einsatz seiner Mutter zurückgreifen zu können. Nach seiner eigenen Ansicht musste er noch eine Menge lernen. Dazu gehörte auch das Studium, das er in einigen Monaten antreten wollte. Dem Studium und der Leitung von Sophienlust konnte er unmöglich gleichzeitig gerecht werden. Natürlich wollte Nick gerne mitreden und Arbeitseifer beweisen, aber ohne die Unterstützung seiner Mutter wäre er wohl verloren gewesen.

Es ging Denise durch den Sinn, dass Nick sich schon immer für Sophienlust verantwortlich gefühlt hatte und von Anfang an bestrebt war, hilflosen Kindern eine glückliche Zukunft zu ermöglichen. Er war noch im Grundschulalter gewesen, als er auf der Straße ein kleines Mädchen aufgelesen hatte, dessen Eltern gerade bei einem Zirkusbrand ums Leben gekommen waren. Angelina Dommin, die wegen ihrer zahlreichen Sommersprossen nur Pünktchen genannt wurde, war inzwischen fünfzehn Jahre alt, lebte noch immer in Sophienlust und fühlte sich mit Nick innig verbunden. Aus den beiden jungen Leuten würde eines Tages ganz sicher ein Paar werden. Daran zweifelte niemand, auch nicht die Schützlinge des Kinderheims. Angelika und Vicky Langenbach, die zwölf und vierzehn Jahre alten Schwester, die ihre Eltern bei einem Lawinenunglück verloren hatten, zogen Nick und Pünktchen hin und wieder gerne wegen ihrer Verliebtheit auf, meinten es aber nicht böse. Die sieben Jahre alte Heidi und der sechsjährige vietnamesische Waisenjunge Kim konnten es kaum erwarten, dass endlich die Hochzeit gefeiert wurde. Sie liebten große Feste, bei denen es meist ganz besondere Naschereien gab. Der zwölf Jahre alte Martin Felder und das älteste Dauerkind, die fast siebzehn Jahre alte Irmela Groote zeigten sich in Hinblick auf die Hochzeit wesentlich gelassener. Sie wussten, dass bis dahin noch einige Zeit ins Land ziehen würde.

Denise selbst hatte nicht dagegen, dass ihr Sohn eines Tages mit Pünktchen vor dem Traualtar stehen würde. Sie war davon überzeugt, dass die beiden miteinander glücklich sein würden, und familiäres Glück war für sie die Hauptsache. Schließlich war sie selbst vom Schicksal stark gebeutelt worden. Nicks Vater war schon vor der Geburt seines Sohnes gestorben, und sie hatte danach harte Zeiten erlebt. Ihr Glück hatte sie erst gefunden, als der Witwer Alexander von Schoenecker in ihr Leben getreten war. Der Gutsbesitzer brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Das war Sascha, der heute in Heidelberg studierte, und Andrea, die inzwischen mit dem Tierarzt Hans-Joachim von Lehn verheiratet und nun Mutter eines kleines Sohnes war. Die Familie lebte im benachbarten Bachenau. Dort führte Hans-Joachim seine Praxis und unterhielt mit seiner Frau ein privates Tierheim für verstoßene Tiere aller Art. Das Familienglück war vollkommen geworden, als Denise und Alexander vor elf Jahren noch einen gemeinsamen Sohn bekommen hatte, den kleinen Henrik.

Denises Gedanken wanderten von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Ja, sie konnte sich wirklich glücklich schätzen. In ihrem Leben gab es nichts, um das sie sich ernsthafte Sorgen machen musste. Ausgenommen waren natürlich die Sorgen, die sie sich immer wieder um ein Kind machte, das in Not geraten war und dringend Hilfe benötigte. Aber in all den vergangenen Jahren war es stets gelungen, all diesen bedauernswerten jungen Geschöpfen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Die meisten hatten Aufnahme in einer intakte Familie gefunden, und die anderen wuchsen in Sophienlust auf wie in einer großen, fröhlichen Familie. Sophie von Wellentins Plan, ihr Anwesen nach ihrem Tod zu einer Heimat für notleidende Kinder zu machen, war aufgegangen.

Denise betrachtete das Portrait der alten Dame, das an der Wand hing. Schade, dass sie nicht mehr erleben durfte, was für ein gutes Werk sie mit ihrem Testament getan hat, ging es Denise durch den Kopf, bevor sie sich abwandte und sich auf das Gespräch mit dem Mitarbeiter des Jugendamtes vorbereitete.

*

Nick kannte sich in Maibach gut aus und wusste genau, wo er welche Dinge auf seiner Einkaufsliste bekommen konnte. Die Einkäufe waren rasch erledigt. Trotzdem erschien ihm an diesem Tag alles etwas anders zu sein als gewöhnlich. Es waren ungewöhnlich viele Feuerwehrfahrzeuge und Polizeiwagen unterwegs. Der Achtzehnjährige blickte sich suchend um, konnte aber nirgends eine Rauchfahne entdecken. In einem Geschäft hörte er zufällig, wie sich mehrere Kunden und Angestellte unterhielten, und erfuhr, was sich ereignet hatte. Auf dem nah gelegenen Kirmesplatz war in den frühen Morgenstunden einer der Wohnwagen, in denen die Schausteller lebten, in Brand geraten. Dabei sollten auch Menschen ums Leben gekommen sein, ein Ehepaar und ein kleines Mädchen. Es wurde darüber diskutiert, ob sie alle im Schlaf am Rauch erstickt waren oder keine Chance mehr hatten, den Flammen zu entkommen und ins Freie zu flüchten.

In den Gesichtern der Leute, die sich über das tragische Ereignis unterhielten, war das blanke Entsetzen deutlich zu erkennen. Auch Nick hatte Probleme, das Geschehnis zu begreifen, und spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. Ebenso wie all die anderen Anwesenden kannte er die Schausteller nicht, und doch war er von dem traurigen Ereignis zutiefst betroffen. Besonders der Gedanke an das kleine Mädchen belastete ihn sehr.

Nick hatte gelernt, ein besonderes Mitgefühl mit Kindern zu entwickeln. Solange er denken konnte, hatten Kinder in seinem Leben durch Sophienlust immer eine Hauptrolle gespielt. Für ihn waren sie besonders schützenswert, weil sie sich oft nicht allein helfen konnten. Für dieses kleine Mädchen, das dem Brand zum Opfer gefallen war, war niemand zur Stelle gewesen, als es dringend Hilfe benötigte. Wahrscheinlich hatten die Kollegen der Schaustellerfamilie das Feuer erst viel zu spät bemerkt und konnten nicht mehr rechtzeitig eingreifen.

Nick fragte sich, wie alt dieses Kind wohl gewesen sein mochte, wie es ausgesehen und welche Vorlieben und Hobbys es gehabt hatte. Gleichzeitig wollte er aber auch gar nicht darüber nachdenken. Hier waren zwei Menschen und ein unschuldiges, chancenloses Kind gestorben, ein junger Mensch, dessen Leben gerade erst begonnen hatte. Diese Erkenntnis erschien Nick einfach unerträglich. Er hatte schon eine Menge Kinderleid erlebt. Aber bis jetzt war es eigentlich immer gelungen, die Dinge zum Guten zu wenden. Einen Todesfall hatte es noch nicht gegeben. Jedenfalls konnte Nick sich daran nicht erinnern. Er fühlte sich so schlecht wie kaum jemals zuvor, als er das große Geschäft verließ und zu dem nah gelegenen Parkplatz wanderte, auf dem er sein Auto abgestellt hatte. Alle Einkäufe hatte er erledigt und sich vor ein paar Minuten noch gefreut, nun nach Sophienlust fahren und dort verkünden zu können, dass er alle Dinge, die auf der Liste gestanden hatten, bekommen hatte. Das erschien ihm jetzt auf einmal überhaupt nicht mehr so wichtig. Er wünschte sich sogar, gar nicht erst nach Maibach gefahren zu sein. Das hätte zwar nichts an den Tatsachen geändert, aber er hätte von dem Unglück nicht alles so hautnah und direkt erfahren. Es wäre ein bisschen einfacher gewesen, am nächsten Tag davon in der Zeitung zu lesen. Das wäre zwar auch bedrückend gewesen, aber doch vielleicht nicht ganz so schlimm, wie er die Sache jetzt erlebt hatte.

Auf dem Weg zum Parkplatz tauchte vor seinen Augen immer wieder das Bild eines in Flammen stehenden Wohnwagens auf. Energisch wehrte sich der Achtzehnjährige dagegen, konnte diese Vision aber einfach nicht abschütteln.

*

Zur frühen Morgenstunde war die sieben Jahre alte Romina Castello aus dem Schlaf gerissen worden. Lärm und laute Stimmen hatten sie geweckt. Dazu bellte auch noch Fabio, ihr Colliemischling, unablässig. Verschlafen rieb sich das Mädchen die Augen.

»Was ist denn los, Fabio? Warum bellst du so furchtbar, und warum schreien da draußen die Leute? Es ist doch noch ganz früh? Wieso schlafen nicht alle noch?«

Kaum hatte Romina diese Fragen gestellt, als die Tür geöffnet wurde und ihre um ein Jahr ältere Freundin Vanessa erschien.

»Romina, es brennt«, erklärte die Achtjährige aufgeregt. »Ich weiß noch nicht wo, aber alle sind hingelaufen und wollen löschen. Die Feuerwehr ist auch schon unterwegs. Mein Vater hat sie gerufen.«

Romina erinnerte sich daran, dass es vor ein paar Wochen auf dem Autoscooter einen kleinen Brand gegeben hatte, der durch einen Kurzschluss entstanden war. Niemandem war dabei etwas passiert, und das Feuer konnte rasch gelöscht werden.

»Das ist bestimmt wieder so ein komisches Ding, so ein kurzer Schluss«, meinte die Siebenjährige. »Das ist nicht so schlimm. Du brauchst keine Angst zu haben. Uns kann nichts passieren. Aber ich gehe einmal nachsehen.«

Im Gegensatz zu Romina galt Vanessa als sehr zurückhaltend und manchmal auch etwas ängstlich. Sie blieb auch jetzt lieber im geschützten Wohnwagen, während ihre Freundin mit Fabio nach draußen ging, um sich näher über die Ereignisse zu informieren.

Romina eilte in die Richtung, aus der die aufgeregten Stimmen zu hören waren. Sie spürte keine Angst und war sogar relativ neugierig. Dann aber blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen und starrte auf das Bild, das sich ihr bot. Es war nicht der Autoscooter, der Probleme bereitete. Aus einem Wohnwagen schlugen lodernde Flammen, und das Mädchen hörte eine Frau entsetzt rufen: »Mein Gott, die Löschversuche helfen nicht! Da kommt niemand mehr lebend heraus. Wir haben überhaupt keine Chance.«

In der Aufregung und auf die anstrengenden Löschversuche konzentriert, achtete niemand auf das kleine Mädchen und seinen Hund.

Romina starrte in die Flammen. Der Satz, den die Frau eben gesagt hatte, hämmerte in ihrem Kopf. Sie konnte und wollte die Situation nicht begreifen. In der Ferne waren schon die Martinshörner der herbeieilenden Feuerwehr zu hören, als sich die Siebenjährige abwandte und in Panik davonlief. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie wollte. Ziellos rannte sie einfach geradeaus. Der treue Fabio hielt sich dabei immer an ihrer Seite auf.

Romina konnte nicht sagen, wie lange sie gelaufen war und wo sie sich jetzt befand. Sie kannte sich in Maibach nicht aus. Fast alle Städte waren ihr fremd, weil sie sich mit ihren Eltern stets nur für kurze Zeit dort aufhielt und anschließend an einen anderen Ort reiste. Völlig außer Atem erreichte das kleine Mädchen eine Grünanlage und ließ sich auf der schmalen Begrenzungsmauer nieder. Fabio setzte sich neben das Kind und stieß es mit seiner feuchten Nase tröstend an. Rominas Hände griffen in das weiche Fell des Hundes.

»Fabio, ich verstehe das alles nicht. Ist das alles nur ein schlimmer Traum? Dann will ich endlich aufwachen und sehen, dass ich nur geträumt habe. Es kann doch nicht einfach so alles verbrennen. Nein, das muss ein Traum sein, ein ganz furchtbarer Traum. Kannst du mich mal ein bisschen beißen, damit ich aufwache?«

Der Colliemischling dachte gar nicht daran, Romina zu beißen, auch nicht ein kleines bisschen. Die Siebenjährige schaute sich um. Sie entdeckte Autos, die auf der Straße fuhren, und sah in der Ferne Leute, die auf dem Weg zur Arbeit waren oder Einkäufe erledigen wollten. In diesem Moment wurde Romina klar, dass sie keineswegs träumte. Was sie erlebt hatte, war tatsächlich geschehen. Wieder wurde das kleine Mädchen von hilfloser Panik ergriffen. Sie kroch zwischen zwei große Gehölze der Grünanlage, vergrub Gesicht in Fabios Fell und begann hemmungslos zu weinen.

*

Nick hatte sein Fahrzeug erreicht und war eingestiegen. Im Augenblick fühlte er sich jedoch noch nicht in der Lage, den Motor zu starten. Noch immer war er viel zu ergriffen von dem Unglück, das sich an diesem Tag auf dem Maibacher Kirmesplatz ereignet hatte. Kirmes, das war für ihn stets ein Begriff von Heiterkeit und vergnügten Stunden gewesen und kein Ort, den man mit einer Katastrophe in Verbindung brachte. Doch genau so eine Katastrophe war jetzt eingetreten, und keine Macht der Welt konnte sie ungeschehen machen.

Der Blick des Achtzehnjährigen fiel auf die Grünanlage, die den Parkplatz begrenzte. Was war denn das? Hatte sich da nicht gerade etwas zwischen den Sträuchern bewegt? Ein Kaninchen konnte es nicht sein. Dazu war die Bewegung zu heftig gewesen. Nick schaute genauer hin und erkannte, dass er sich nicht getäuscht hatte.

Da war tatsächlich etwas, und dieses Etwas sah aus wie ein Kind. Außerdem schien auch noch ein Hund dort im Gebüsch zu stecken. Das war absolut nicht normal. Nick stieg aus, um sich die Sache genauer anzusehen und entdeckte auch schon bald ein weinendes kleines Mädchen und einen Hund, der stark an einen Collie erinnerte.

Ein wenig misstrauisch beobachtete der Hund den jungen Mann, als dieser sich auf der Mauer niederließ. Dieses Misstrauen verlor sich allerdings sofort, als Nick dem Hund sanft mit der Hand durch das Fell fuhr.

»Keine Angst, ich tue deiner Freundin nichts Böses«, beruhigte er das Tier und wandte sich an das kleine Mädchen: »Was ist denn passiert? Hast du dich verlaufen und findest jetzt nicht mehr nach Hause? Wenn das so ist, brauchst du nicht zu weinen. Das bekommen wir zusammen schon hin, und dann bist du ganz bald wieder zu Hause.«

»Zu Hause?« Romina starrte Nick mit einem Blick an, der alles Leid der Welt ausdrückte. »Ich habe kein Zuhause mehr. Es ist weg, einfach weg. Alles ist weg. Gestern war es noch da, aber heute nicht mehr.«

Der Achtzehnjährige wusste nicht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Aber er war längst daran gewöhnt, dass Kinder sich oft recht unverständlich ausdrückten. Das war besonders dann häufig der Fall, wenn sie sich in einer Notlage befanden, die sie selbst noch nicht begreifen konnten.

»Ich glaube, dir ist etwas ganz Schlimmes passiert. Aber ich werde dir helfen, und es wird alles wieder gut. Das verspreche ich dir. Ich lasse dich nicht allein. Darauf kannst du dich verlassen, übrigens heiße ich Dominik von Wellentin-Schoenecker. Aber alle sagen einfach Nick zu mir. Das kannst du auch tun. Verrätst du mir auch deinen Namen und den deines Hundes?«

Das Mädchen griff dankbar nach dem Taschentuch, das Nick ihm reichte, wischte ein paar Tränen fort und putzte sich die Nase.

»Ich bin Romina, Romina Castello, und das ist mein Hund Fabio. Er ist drei Jahre alt, und ich bin sieben.«

»Gut, Romina, dann weiß ich schon einmal das Wichtigste über euch beide. Kannst du mir jetzt noch erzählen, wieso dein Zuhause plötzlich weg ist? Was hast du damit gemeint? Wenn du mir das ein bisschen genauer erklärst, kann ich dir bestimmt helfen. Eigentlich verschwindet ein Zuhause nicht einfach so.«

»Ist es aber. Gestern war es noch da. Ich habe abends mit meinen Eltern gegessen und gefragt, ob ich bei meiner Freundin Vanessa übernachten darf. Das wollten meine Eltern aber nicht. Vanessas Eltern hatten Besuch und wollten feiern. Da sollte ich nicht stören. Ganz spät, als meine Eltern schon geschlafen haben, bin ich dann aber doch zu Vanessa gegangen. Der Besuch war schon weg. Ich habe an ihr Fenster geklopft. Sie hat die Tür aufgemacht und mich hereingelassen. Keiner hat davon etwas bemerkt, ihre Eltern nicht und meine auch nicht.«

»Na gut, dann werden deine Eltern jetzt vielleicht böse sein, weil du heimlich ausgerückt bist. Aber dein Zuhause verlierst du deshalb nicht. Mag sein, dass sie ein bisschen mit dir schimpfen. Aber damit ist die Sache wahrscheinlich erledigt.«

»Sie können nicht mit mir schimpfen.« Wieder kullerten Tränen über Rominas Wangen. »Das können sie nie wieder tun. Als ich heute früh aufgewacht bin, hat es gebrannt. Der Wohnwagen meiner Eltern hat gebrannt. Alle haben versucht, das Feuer zu löschen, und die Feuerwehr ist auch irgendwann gekommen. Ich habe die Sirenen gehört. Aber von dem Wohnwagen war schon nicht mehr viel da, und die Frau, der die kleine Achterbahn gehört, hat gesagt, dass aus diesem Wohnwagen keiner mehr lebend herauskommt. Sie hat zwar nicht mit mir geredet, aber ich habe genau gehört, wie sie das zu anderen Leuten gesagt hat. Unser Wohnwagen ist weg, und meine Eltern sind verbrannt. Fabio und ich sind ganz allein.«

Spontan nahm Nick das weinende Kind in den Arm. Jetzt wurde ihm alles klar. Romina war das Kind von Kirmesplatz, wo das schreckliche Unglück passiert war! Ihre Eltern waren ums Leben gekommen, und alle hielten auch das kleine Mädchen für tot. Nur durch ihren Ungehorsam, von dem niemand etwas wusste, hatte Romina überlebt.

Nick hatte das Gefühl, genau diese Situation schon einmal erlebt zu haben, auch wenn dieses Ereignis schon viele Jahre zurücklag. Damals war er selbst noch ein kleiner Junge gewesen, als er Pünktchen verzweifelt und weinend auf der Straße aufgelesen hatte. Sie hatte ihre Eltern gerade bei einem Zirkusbrand verloren und war ziellos umhergeirrt. Trotz seines geringen Alters war es Nick damals gelungen, Pünktchens Welt wieder in Ordnung zu bringen. Dasselbe würde er jetzt auch für Romina tun. Den Eltern konnte er nicht mehr helfen. Sie lebten nicht mehr. Aber dieses kleine Mädchen war den Flammen entkommen.

Trotz des tragischen Hintergrundes fühlte Nick sich erleichtert. Romina hatte überlebt und mit ihr Fabio. So hatte das Schreckliche wenigstens eine wunderbare und gute Seite.

»Ich kann den Brand nicht ungeschehen machen«, erklärte Nick. »Leider kann ich auch nichts daran ändern, dass du alles verloren hast. Das ist sehr schlimm. Aber ich werde dir trotzdem helfen. Das kann ich nämlich. Ich sorge dafür, dass du noch heute ein neues Zuhause bekommst. Das gilt natürlich auch für Fabio. Ihr beide bleibt zusammen und kommt an einen schönen Ort, an dem es noch viele andere Kinder gibt, die keine Eltern mehr haben. Ich verspreche dir, dass du wieder glücklich wirst. Du kannst mir vertrauen und dich auf mich verlassen. Da drüben steht mein Auto.« Er wies auf den kleinen Wagen. »Da steigen wir jetzt ein und fahren los. Zuerst müssen wir uns bei der Polizei melden. Die Polizei muss mir nämlich erlauben, dich nach Sophienlust zu bringen. Aber das wird kein Problem sein.«

»Sophienlust? Ist das dieser schöne Ort, von dem du gesprochen hast?« Fragend schaute Romina den Achtzehnjährigen an.

»Ja, Sophienlust ist ein schönes großes Haus, das wie ein Schloss aussieht. Es liegt mitten in einem riesigen Park. Lauter glückliche Kinder wohnen dort. Außerdem gibt es auch Tiere. Zwei Hunde sind dort, ein Papagei und sogar ein paar Pferde und Ponys.«

Rominas Gesicht wurde nachdenklich. »Bist du sicher, dass ich mit Fabio dort wohnen darf. Vielleicht will man uns da gar nicht haben und schickt uns gleich wieder weg. Die Leute, denen das Haus gehört, erlauben vielleicht nicht, dass ich dort wohne.«

»Doch, ganz sicher. Dieses Haus ist für Kinder da, die in Not geraten sind, und so ein Kind bist du jetzt auch! Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass die Besitzer dich nicht haben wollen. Dieses Haus gehört nämlich mir.« Nick lächelte. »Aber das ist eine lange Geschichte, von der dir die Kinder noch erzählen werden.«

Romina schien getröstet zu sein. Ihre Tränen versiegten, und sie setzte ihr ganzes Vertrauen in Nick. Der wusste genau, dass das kleine Mädchen den Tod seiner Eltern noch gar nicht realisiert hatte. Die Tragweite des schrecklichen Geschehens war ihr im Moment noch nicht bewusst. Romina, die in Panik fortgelaufen war, war jetzt nur froh, dass es einen Menschen gab, der sich ihrer annahm und für sie und Fabio sorgen wollte. Deshalb zögerte sie auch nicht, zu Nick in den Wagen zu steigen und sich ganz auf ihn zu verlassen.

*

Auf dem Kirmesplatz war die Polizei mit Sicherheit noch immer anwesend. Wahrscheinlich würden auch noch Einsatzkräfte der Feuerwehr vor Ort sein. Es wäre also einfach gewesen, sich dort mit Romina zu melden und zu erklären, dass das vermeintlich umgekommene kleine Mädchen noch lebte und unverletzt war. Aber Nick wollte der Siebenjährigen den Anblick des ausgebrannten Wohnwagens ersparen. Sie sollte den Schrecken aus den frühen Morgenstunden nicht noch einmal neu durchleben müssen.

Unweit des Parkplatzes gab es einen Polizeiposten. Es war davon auszugehen, dass alle Dienststellen, die sich in Maibach befanden, über den Brand informiert waren. Es reichte also völlig, wenn Nick dort erschien.

Die meisten Beamten waren unterwegs, als Nick den Polizeiposten erreichte. Nur einer war anwesend und hörte sich mit ungläubigem Staunen an, was Nick ihm zu berichten hatte.

»So ein Glück ist kaum fassbar«, meinte der Polizist schließlich. »Natürlich ist es ungeheuer tragisch, dass zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Sie sind inzwischen geborgen worden und definitiv tot. Aber es wird noch nach der kleinen Tochter gesucht. Ich werde die Einsatzkräfte umgehend darüber informieren, das sie diese Suche einstellen können. Was für ein Glück. Manchmal hat eben auch das härteste Schicksal ein gnädiges Einsehen. Es ist seltsam, dass man angesichts einer solchen Katastrophe trotzdem ein Glücksgefühl verspüren kann.«

Der Polizist betrachtete Romina, und es war ihm deutlich anzumerken, wie bewegt er war. Nick konnte den Beamten gut verstehen, weil er dasselbe empfand.

»Ich bin auch glücklich darüber, dass Romina und Fabio überlebt haben und unversehrt sind. Aber jetzt muss für die beiden gesorgt werden. Ich möchte sie gerne mit nach Sophienlust nehmen. Es handelt sich dabei um das Kinderheim in Wildmoos, dessen Eigentümer ich bin. Ich glaube, das ist für Romina und Fabio der beste Platz.«

»Sophienlust? Ja, das ist mir bekannt. Deshalb erschien mir Ihr Name vorhin auch nicht so fremd. Sie sind also jener Dominik von Wellentin-Schoenecker, der das Heim zusammen mit seiner Mutter betreibt.«

»Nicht nur wir beide. Es gibt noch einige Angestellte, die uns unterstützen. Allein könnten wir die Arbeit nicht bewältigen.«

»Ich weiß. Vor etwa zwei Jahren bin ich selbst in Sophienlust gewesen. Mein bester Freund hatte seinen kleinen Sohn für ein paar Wochen dort unterbringen müssen, weil sich seine Frau einer Operation unterziehen musste und er selbst in dieser Zeit keinen Urlaub bekommen konnte. Wir haben Leon zusammen dort abgeholt. Es ist ein wunderschönes Anwesen.« Der Beamte legte eine Hand auf Nicks Schulter. »Da wird für die Kinder wirklich alles getan, was möglich ist. Von meiner Seite aus bestehen keine Bedenken, dass Sie Romina mitnehmen. Vorläufig könnte sie nicht besser untergebracht sein. Ich bin froh, dass Sie die Kleine zufällig gefunden haben. Natürlich muss das Jugendamt noch entscheiden, ob Romina in Sophienlust bleiben kann. Möglicherweise gibt es irgendwo Verwandte, die sich um sie kümmern wollen. Aber das wird sich von ganz allein zeigen.«

Der Polizist schaute sich kurz suchend um, griff in einen Schrank und holte einen Teddy hervor, der eine Polizeiuniform trug. Diesen Plüschbären drückte er der Siebenjährigen in die Hand, lächelte ihr aufmunternd zu und fuhr ihr mit der Hand liebevoll über den Haarschopf. Er wollte das kleine Mädchen, das noch gar nicht so recht begriff, was ihm passiert war, wenigstens ein bisschen trösten. Artig bedankte Romina sich für das Geschenk, drückte den Teddy an sich und verließ an Nicks Hand die Wache. Fabio folgte den beiden. Er brauchte keine Leine. Wo seine kleine Freundin war, da war auch sein Platz.

*

Schwester Regine war längst von ihrem Zahnarztbesuch nach Sophienlust zurückgekehrt und bemerkte, dass Denise von Schoenecker einen nervösen Eindruck machte.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, erkundigte sie sich besorgt. Sie scheinen beunruhigt zu sein.«

»Das ist richtig. Nick wollte in Maibach ein paar Einkäufe erledigen. Er müsste aber eigentlich schon längst wieder hier angekommen sein. Wenn er Probleme hätte, hätte er sicher angerufen. Aber ich habe nichts von ihm gehört. Nun mache ich mir natürlich Gedanken.«

»Dann rufen Sie ihn doch an und fragen Sie ihn, wodurch er aufgehalten wurde. Er hat sein Handy doch ganz sicher bei sich.«

»Das schon, aber ich will nicht den Eindruck erwecken, ihn drängen zu wollen. Ein bisschen warte ich noch ab bevor ich mich melde.«

Denise hatte kaum ausgesprochen, als die Heimleiterin Frau Rennert aufgeregt angelaufen kam. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

»Haben Sie schon von dem Unglück gehört, das sich in Maibach ereignet hat? Eben hat das Radio in den Nachrichten gemeldet, dass auf der Kirmes ein Wohnwagen ausgebrannt ist. Ein junges Elternpaar und dessen kleine Tochter sind in den Flammen umgekommen. Ist das nicht furchtbar?«

Denise war ebenso entsetzt wie Schwester Regine, als sie von dieser Katastrophe hörte. »Mein Gott, wie furchtbar!«, entfuhr es ihr. »Warum müssen so schreckliche Dinge immer wieder passieren? Die armen Eltern, und das arme Kind. Möglicherweise verspätet Nick sich deshalb. Wie ich meinen Sohn kenne, wird er versuchen, irgendwie zu helfen. Aber da wird er wohl leider nichts mehr ausrichten können.«

»Wahrscheinlich nicht«, bestätigte Schwester Regine. »Vermutlich müssen wir ihn sogar trösten und ihn wieder aufbauen. Da kommt er nämlich gerade.«

Die Kinderschwester hatte einen Blick aus dem Fenster geworfen und Nicks Wagen vorfahren sehen. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, als sie zusammen mit Nick ein kleines Mädchen und einen Hund aussteigen sah. »Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass Nick es geschafft hat, doch noch irgendwie zu helfen. Sehen Sie mal.«

Denise und Frau Rennert entdeckten nun auch das fremde Kind, das einen Teddybären an sich gedrückt hielt und sich ein wenig unsicher umschaute.

»Ich weiß noch nicht, was sich zugetragen hat«, bemerkte Denise. »Aber offensichtlich bekommen wir einen neuen Gast.«

Die drei Frauen eilten Nick und Romina entgegen und hatten nach wenigen Minuten erfahren, was sich ereignet hatte. Romina wurde liebevoll begrüßt, und alle versuchten, sich ihre Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Das kleine Mädchen sollte nicht noch weiter verunsichert werden.

»Kommst du mit mir?«, fragte Schwester Regine betont fröhlich. »Unsere größeren Kinder sind in der Schule. Aber Kim ist im Haus und wird sich freuen, wenn er dich sieht. Er malt gerade ein Bild für unsere Köchin. Die hat nämlich nächste Woche Geburtstag, und das Bild soll eine Überraschung für sie sein. Dein Fabio kann auch mitkommen. Über den freut Kim sich bestimmt auch. Kim ist ein bisschen jünger als du. Aber er ist ein netter und kluger Junge.«

Während Nick sich mit seiner Mutter unterhielt und ihr genau berichtete, was er an diesem Tag erlebt hatte, ging die Kinderschwester mit Romina in den Aufenthaltsraum. Für Kim war es nicht ungewöhnlich, dass plötzlich ein fremdes Kind auftauchte. An solche Situationen war er inzwischen gewöhnt. Er reichte Romina sofort die Hand.

»Guten Tag. Ich bin Kim, und wie heißt du? Willst du jetzt bleiben bei uns lange? Ist immer schön, wenn kommen neue Kinder, und du bist nettes Kind. Wir können sein Freunde.«

»Ich heiße Romina, und mein Hund heißt Fabio«, gab das Mädchen Auskunft. »Du bist auch nett, aber warum sprichst du so komisch?«

Kim zog die Schultern hob. »Deutsch ist noch schwer. Ich nicht kann es so gut, weil ich komme aus Vietnam. Aber ich habe schon gelernt viel und kann verstehen alles.«

»Vietnam? Das muss ganz weit weg sein. Davon habe ich noch nie etwas gehört.« Romina setzte sich neben Kim und schaute ihn fragend an. Schwester Regine hielt sich im Hintergrund. Der erste Kontakt zu einem Kind aus Sophienlust war für Romina jetzt sehr wichtig, und zu Kim schien sie auf Anhieb eine gute Verbindung aufzubauen.

»In Vietnam spricht man bestimmt eine ganz andere Sprache, die hier niemand versteht«, mutmaßte die Siebenjährige. »In Italien ist das auch so. Das sprechen alle Leute italienisch. Ich kann das auch ganz gut. Mein Papa ist nämlich Italiener. Das heißt, er …, er war … Italiener. Jetzt ist er gestorben, und meine Mama auch. Sie sind …, sie sind beide …, tot. Unser Wohnwagen hat gebrannt, und dann …«

Obwohl Kim noch sehr klein war, verstand er genau, was jetzt in Romina vorging. Tröstend nahm er ihre Hände in die seinen.

»Dann deine Eltern sind jetzt bei meinen Eltern. Sie alle sind zusammen im Himmel, und da es ist sehr schön für sie. Du nicht musst sein traurig. Meine Eltern es geht gut und deinen Eltern auch. Sie können nur nicht wieder kommen auf die Welt. Aber sie sich freuen, dass wir sind in Sophienlust und haben es gut hier.«

»Hat es bei euch auch ein Feuer gegeben?«, wollte Romina wissen. »Sind deine Eltern dabei auch gestorben?«

»Nein, sie sind mit Boot geflüchtet vor bösen Leuten. Dann ist Boot umgekippt und alle sind ertrunken, nur ich nicht. Zuerst alles war ganz schlimm. Aber dann ich bin gekommen nach Sophienlust, und hier alle waren meine Freunde. Ist hier wie eine richtige Familie, und jetzt ist auch deine Familie. Du schon bald bist wieder fröhlich. Ist nirgendwo schöner als in Sophienlust. Du kannst glauben mir. Alle Eltern die sind gestorben, wohnen zusammen auf ganz hellem Stern und gucken zu, was wir machen. Deine Eltern sind ganz bestimmt glücklich, weil du jetzt bist hier bei uns.«

»Auf welchem Stern wohnen unsere Eltern denn nun? Kann man den abends am Himmel sehen?«

»Ja, ich ihn zeige dir – wenn es ist dunkel. Es ist schöner heller Stern. Manchmal ich winke meine Eltern zu. Schwester Regine hat gesagt, dass sie das sehen können und dann sie freuen sich.«

»Ich werde meinen Eltern auch zuwinken«, entschied Romina. »Schließlich möchte ich, dass sie sich auch freuen. Vielleicht haben sie deine Eltern schon getroffen und sich mit ihnen unterhalten.«

Schwester Regine hatte schweigend zugehört und war tief gerührt. Immer wieder war es erstaunlich, wie gut Kinder einander trösten konnten. Was der kleine Kim innerhalb weniger Minuten geschafft hatte, wäre ihr in mehreren Wochen nicht gelungen. Es konnte eben kein Erwachsener den Trost spenden wie ein ebenfalls betroffenes Kind.

Die Kinderschwester zweifelte nicht daran, dass Romina sich schnell einleben würde. Natürlich würde sie noch um den Verlust ihrer Eltern trauern. Aber die Kinder würden ihr helfen und es ihr so leicht wie möglich machen. Wie es für das kleine Mädchen weitergehen würde, konnte Schwester Regine nicht sagen. Vielleicht gab es irgendwo Verwandte, die sich jetzt um das Kind kümmern und es zu sich nehmen wollten. Sollte sich jedoch herausstellen, dass Romina mit ihrem Fabio ganz allein auf der Welt war, würde sie ein neues Dauerkind von Sophienlust sein, und selbstverständlich war auch Fabio willkommen.

*

Im Grunde genommen war es eine fröhliche kleine Gesellschaft, die sich am Kaffeetisch versammelt hatte. Thorsten Ellinger feierte seinen sechzigsten Geburtstag. Seine um zwei Jahre jüngere Frau Barbara saß neben ihm. Gegenüber hatten Linda, die gemeinsame Tochter der beiden, und deren Mann Daniel Marbach Platz genommen.

»Wie läuft es denn in eurem Hotel?«, erkundigte sich die dreiunddreißig Jahre alte Linda. »Ist die Renovierung des Schwimmbades inzwischen abgeschlossen?«

»Ist sie, und es ist wunderschön geworden«, antwortete Barbara. »Unsere Gäste sind jedenfalls begeistert und haben uns viel Lob gespendet. Wenn abends kein Betrieb mehr herrscht, schwimme ich oft auch noch eine Runde. Das macht jetzt richtig Spaß. Nur dein Vater erweist sich trotz des herrlichen Bades als Sportmuffel.«

»Das stimmt überhaupt nicht«, protestierte Thorsten Ellinger. »Schwimmen zählt nun einmal nicht zu meinen Hobbys. Dafür gehe ich gerne wandern. Das ist auch Sport, und ich nutze jede freie Stunde dazu. Aber wie sieht es bei euch aus? Laufen die Geschäfte gut?«

Daniel Marbach nickte. »Ausgezeichnet sogar. Gute Juweliergeschäfte sind so gefragt wie nie zuvor. Es war kein Fehler, dass wir im letzten Jahr einen zweiten Laden eröffnet haben. Über Mangel an solventen Kunden können wir uns jedenfalls nicht beklagen.«

»Dann könnt ihr wirklich zufrieden sein«, stellte Barbara fest. »Ihr habt keine finanziellen Sorgen und lebt hier in einem wunderschönen großen Haus, auf dem nicht einmal eine Hypothek liegt. Mehr kann man sich wohl kaum wünschen.«

Linda seufzte hörbar auf. »Doch, es gibt immer Wünsche. Bei uns ist es eigentlich nur einer, dafür ein unerfüllbarer. Dieses Haus ist riesig und der Garten auch. Wir haben mehr Platz, als wir brauchen. Es wäre so schön, wenn wir ein Kind hätten. Daniel ist fünfunddreißig Jahre alt. Ich bin auch nicht viel jünger. Es würde höchste Zeit für ein Kind. Aber seit dem Autounfall mit den schweren Bauchverletzungen vor fünf Jahren wissen wir, dass ich keine Kinder mehr bekommen kann. Das ist so ungerecht. Viele Leute, die gar keine Kinder wollen, setzen ungewollt Nachwuchs in die Welt. Wir hingegen, die wir uns nach einem Kind sehen, können keins haben.«

»Das Schicksal fragt nicht nach Gerechtigkeit«, meinte Thorsten tröstend. »Aber ihr müsst trotzdem nicht kinderlos bleiben. Habt ihr schon einmal an eine Adoption gedacht? Es gibt doch immer wieder Kinder, die ihre Eltern verloren haben und eine intakte Familie brauchen.«

»Genau darüber wollten wir mit euch heute sprechen«, gestand Daniel. »In der letzten Zeit haben wir oft an eine Adoption gedacht. Jetzt sind wir so gut wie entschlossen, demnächst einen Adoptionsantrag zu stellen. Aber wir würden gerne wissen, wie ihr dazu steht. Würde es euch wirklich nichts ausmachen, wenn ein nicht blutsverwandtes Kind zu unserer Familie gehören wird? Es wäre schlimm für uns, wenn ihr ein Adoptivkind ablehnen würdet.«

Barbara schüttelte energisch den Kopf. »Darüber braucht ihr euch keine Gedanken zu machen. Das würden wir niemals tun. Auch ein Adoptivkind würde unser Enkelkind sein. So ein kleines Wesen kann doch nichts dafür, dass es seine Eltern verloren hat, und wird euch als seine neuen Eltern anerkennen. Wir werden immer gute Großeltern sein. Darauf könnt ihr euch verlassen.«

Thorsten stimmte seiner Frau nickend zu. »Ihr solltet wirklich möglichst bald einen Adoptionsantrag stellen. Wir freuen uns auf ein Enkelkind, und es ist uns auch egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen sein wird. Bei einem leiblichen Kind kann man sich schließlich auch nicht aussuchen, was man haben möchte. Aber ihr solltet schon darauf achten, dass euer Kind aus vernünftigen Verhältnissen stammt. Die Erbanlagen sind nicht zu unterschätzen. Bei einem Kind, dessen Eltern aus der Drogenszene oder einem kriminellen Umfeld stammen, hätte ich doch gewisse Bedenken. Wer weiß, welche Eigenschaften so ein Kind geerbt hat, die ihr auch mit der besten Erziehung nicht auslöschen könnt.«

»Ich weiß gar nicht, ob man etwas über die Verhältnisse erfährt, aus der ein Adoptivkind stammt«, murmelte Linda nachdenklich. »Damit habe ich mich bisher noch nicht beschäftigt.«

»Ein paar Informationen werdet ihr sicher bekommen können«, meinte Thorsten. »Man muss euch ja nicht unbedingt Namen und die persönlichen Werdegänge der Eltern mitteilen. Aber ein paar grundlegende Dinge werdet ihr sicher erfahren können.

Manchmal muss man nur im richtigen Moment Fragen stellen, um Auskunft zu bekommen. Wir freuen uns jedenfalls über euren Entschluss. Vielleicht halten wir schon bald ein Baby in den Armen, das unser Enkelkind sein wird.«

Linda strahlte ihren Mann an. Auch sie wünschte sich nichts sehnlicher, als bald ein Kind zu haben. Es musste nicht unbedingt ein neugeborenes Baby sein. Ein Kind von ein oder zwei Jahren war ihr genauso willkommen. Endlich würde sie Mutter sein können und einem kleinen elternlosen Wesen ein Leben in einer intakten Familie bieten. Das ganze Haus würde von Kinderlachen und dem Trippeln kleiner Füße erfüllt sein. Etwas Schöneres konnte Linda sich nicht vorstellen. Ihr Mann dachte offensichtlich ebenso. Er griff nach ihrer Hand und lächelte sie an. Die Vorfreude auf ein Kind war seinem Gesicht deutlich abzulesen.

*

Von allen Kindern war Romina freundlich aufgenommen worden. Jeder tröstete auf seine Weise das kleine Mädchen, das gerade erst seine Eltern verloren hatte. Fabio benötigte weniger Trost. Er hatte sich mit dem Bernhardiner Barri und der Dogge Anglos längst angefreundet und genoss das gemeinsame Spielen im Park. Die zahlreichen Kinderhände, die ihn zwischendurch immer wieder streichelten, machten sein Leben ebenfalls äußerst angenehm.

Heidi fand es wunderbar, dass nun ein Mädchen in Sophienlust wohnte, das nur zwei Monate älter war als sie. Ihr kam es fast so vor, als hätte sie eine Zwillingsschwester bekommen. Allein schon deshalb wich sie Romina nicht von der Seite und machte ihr die Eingewöhnung dadurch besonders leicht.

Wenn es abends dunkel wurde, versammelten sich Heidi, Kim und Romina regelmäßig im Wintergarten und schauten in den klaren Himmel. Kim hatte Romina den Stern gezeigt, auf dem nach seiner kindlichen Vorstellung seine Eltern jetzt wohnten. Es war ein besonders heller Stern, der auch für kleine Kinder leicht auszumachen war.

An diesem Abend hatten sich Pünktchen und Martin Felder zu den kleineren Kindern gesellt und betrachteten gemeinsam mit ihnen den Sternenhimmel.

»Wohnen eigentlich alle Eltern die gestorben sind, auf demselben Stern?«, wollte Romina wissen.

»Das weiß ich nicht so genau«, erwiderte Heidi und zog die Schultern hoch. »Aber die Eltern aller Kinder von Sophienlust wohnen dort. Das ist sicher.«

»Haben die denn dort genug Platz? So sehr groß sieht dieser Stern nicht aus. Das heißt, alle Sterne sehen nur aus wie kleine Punkte. Ein paar sind wirklich schön und sehr hell, aber eben nicht groß.«

»Das scheint nur so, weil die Sterne so furchtbar weit weg sind«, erklärte Pünktchen. »Jeder dieser Sterne ist mindestens so groß wie unsere Erde. Die meisten sind noch viel größer. Ihr habt das doch bestimmt auch schon oft festgestellt. Je weiter etwas entfernt ist, umso kleiner erscheint es. Erst wenn man näher herankommt sieht man, dass diese Dinge gar nicht so klein sind, wie sie vorher ausgesehen haben. Und diese Sterne sind alle unvorstellbar weit weg.«

»Ich weiß, wie ist das«, meldete Kim sich zu Wort. »Ich mal war mit Tante Isi auf Flughafen. Wir haben abgeholt Onkel Alexander. Wenn wir hier sehen Flugzeuge am Himmel, sie sehen aus ganz klein. Sind wie kleines Spielzeug. Aber auf Flughafen ich dann habe gesehen Flugzeuge auf Boden, direkt draußen vor Fenster. Waren ganz riesig. Ich ja auch bin gekommen mit Flugzeug nach Deutschland. Aber ich nicht mehr weiß, wie war das. Ich vergessen habe, wie groß sind Flugzeuge. Erst mit Tante Isi auf Flughafen ich habe richtig gemerkt, dass die sind riesig.«

Kim versuchte, mit seinen Armen eine gewaltige Spanne anzudeuten, und Martin bestätigte ihn. »Das ist richtig. In der Luft kann man die Größe von Flugzeugen nicht einschätzen. Erst wenn sie am Boden sind, kann man das richtig erkennen. So ist es mit den Sternen auch. Das heißt, sie bleiben immer weit weg. Auf der Erde hätten sie gar keinen Platz.«

Romina machte sich große Gedanken um ihre Eltern. »Wie können sich unsere Eltern denn miteinander unterhalten? Kims Eltern kommen aus Vietnam und sprechen eine andere Sprache. Sie können doch gar nicht verstehen, wenn meine oder Heidis Eltern ihnen etwas sagen wollen.«

»Doch, das können sie«, widersprach Pünktchen. »Weißt du, auf diesem Stern ist alles anders als auf der Erde. Sprachprobleme gibt es dort nicht. Jeder versteht die Sprache des anderen automatisch. Das braucht er gar nicht erst zu lernen.«

»Ist schön auf Stern«, meinte Kim seufzend. »Als ich bin gekommen nach Deutschland, ich musste ganz viel lernen. Zuerst ich habe verstanden gar nichts und sprechen ich konnte die komische Sprache auch nicht. Schade, dass auf Erde nicht ist so einfach wie auf Stern.«

»Da sagst du ein wahres Wort«, erklärte Martin im Brustton der Überzeugung. »Wenn das hier so einfach wäre, hätten wir keine Probleme mehr mit englischen Vokabeln. Wir könnten automatisch jede Sprache und würden nur noch Einser in der Schule schreiben. Das wäre eine tolle Sache, die uns das Leben viel leichter machen würde. Wir bräuchten nie wieder Vokabeln zu büffeln und Grammatik auch nicht.«

»Dann können Kims Eltern meinen Papa sogar verstehen, wenn er Italienisch spricht«, resümierte Romina. »Deutsch kann er auch sehr gut, aber manchmal spricht er gerne Italienisch, besonders, wenn er gerade einmal aufgeregt ist oder ganz schnell etwas erklären möchte.«

»Ja, alle verstehen ihn auch, wenn er Italienisch spricht«, bestätigte Pünktchen und blickte in den Nachthimmel. Gemeinsam betrachteten die Kinder schweigend den ausgewählten Stern.

Martin und Pünktchen wussten natürlich längst, dass verstorbene Eltern nicht auf einem Stern lebten. Aber sie hüteten sich, den jüngeren Kindern diese zauberhafte Vorstellung zu nehmen, die ihnen Trost bereitete und eine Menge Kraft geben konnte.

Es schadete nicht, wenn es da ein Märchen gab, an dem sie sich festhalten konnten. Wie wichtig dieser Halt für die Kinder war, stellten Martin und Pünktchen in diesem Augenblick ganz deutlich fest. Es lag ein Lächeln auf Rominas Gesicht, als sie zaghaft die Hand hob und ihren auf dem Stern wohnenden Eltern zuwinkte.

»Hallo, Mama und Papa. Ihr könnt mich bestimmt sehen, auch wenn ich euch nicht sehen kann. Ich bin jetzt in Sophienlust. Die Eltern der anderen Kinder haben euch bestimmt schon von dem Kinderheim erzählt. Es ist schön hier. Fabio und ich dürfen für immer bleiben. Das hat Tante Isi mir versprochen. Ihr braucht euch also keine Sorgen um mich zu machen, und hoffentlich seid ihr mir nicht böse, weil ich aus dem Fenster geklettert bin und doch bei Vanessa übernachtet habe. Ich weiß, dass ich das nicht tun durfte. Aber ich weiß auch, wie lieb ihr mich habt. Ich habe ja schon oft etwas angestellt, und ihr seid mir eigentlich nie richtig böse gewesen, wenn ich mich entschuldigt habe. Also, es tut mir leid, dass ich ausgerissen und zu Vanessa gegangen bin. Damit ist alles wieder in Ordnung, nicht wahr?«

Pünktchen und Martin wechselten einen vielsagenden Blick, der von den kleineren Kindern unbemerkt blieb. Rominas Entschuldigung rührte sie ebenso wie der feste Glaube des kleinen Mädchens, dass die Eltern nun nicht mehr böse waren. Gleichzeitig mussten die beiden auch daran denken, was passiert wäre, wenn Romina sich nicht ungehorsam gezeigt hätte. Dann wäre sie jetzt wahrscheinlich nicht in Sophienlust. Dann wäre alles anders und noch weitaus schlimmer gekommen.

*

Mit der Unterstützung der Behörden war es für Denise kein Problem gewesen, Rominas Angehörige ausfindig zu machen.

Etwa zweihundert Kilometer entfernt lebten ihre Großeltern. Barbara und Thorsten Ellinger besaßen dort ein recht bekanntes Hotel. Denise erfuhr, dass die beiden Leute über den Tod ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes bereits informiert waren. Allerdings war vorläufig versäumt worden, sie davon zu unterrichten, dass Romina den Brand überlebt hatte. Diese gute Botschaft wollte Denise den Großeltern nun selbst überbringen.

Bevor sie sich auf den doch recht weiten Weg machen, entschied sie, die Ellingers zunächst telefonisch zu unterrichten. Zwar wunderte sie sich ein wenig darüber, dass Romina bisher nie von Oma und Opa gesprochen hatte, doch das führte sie auf die Schocksituation zurück, unter der das Kind noch immer stand.

Nick war anwesend, als seine Mutter die Nummer der Ellingers wählte. Er wollte gerne Zeuge des Gespräches sein und freute sich schon darauf, dass ihnen eine freudige Nachricht überbracht werden konnte.

Thorsten Ellinger, der mit seiner Frau gerade über die Neugestaltung der Hotelhalle sprach, meldete sich bereits nach dem ersten Klingeln. Verwirrt schüttelte er den Kopf, als Denise sich vorstellte und erklärte, dass sie vom Kinderheim Sophienlust aus anriefe.

»Zunächst einmal möchte ich Ihnen sagen, wie leid mir der Tod Ihrer Tochter und Ihres Schwiegersohnes tut«, erklärte sie. »Es ist ein schreckliches Unglück gewesen, das Sie sehr belasten muss. Aber ich habe auch eine gute Nachricht. Sie wissen es noch nicht, aber Ihre Enkeltochter Romina hat überlebt. Sie ist unverletzt und befindet sich mit ihrem Hund Fabio hier bei uns.«

Thorsten hatte den Lautsprecher des Telefons eingeschaltet, damit seine Frau mithören konnte. Barbaras Gesicht war nun ebenso erstaunt wie das ihres Mannes. Sie zog die Schultern hoch und schüttelte ratlos den Kopf.

»Entschuldigen Sie, Frau von Schoenecker, aber das muss ein Irrtum sein«, bemerkte Thorsten. »Die Sache mit dem Brand stimmt. Die Polizei hat uns darüber informiert. Aber es gibt keine Enkeltochter. Jedenfalls haben wir keine Ahnung von der Existenz eines Kindes.«

Jetzt war das Erstaunen auf Denises Seite, und auch Nick blickte verblüfft drein. »Das kann ich nicht ganz verstehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass Romina Castello die Tochter von Jenny und Alessandro Castello ist. Jenny Castello war doch Ihre Tochter, nicht wahr?«

»Ja, sie ist unsere Tochter gewesen. Aber das ist lange her. Jenny hat sich gegen unsere Familie entschieden, und seit dieser Zeit war sie nicht mehr unsere Tochter.«

»Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht ganz folgen«, gestand Denise.

»Das glaube ich Ihnen. Es ist eine lange und traurige Geschichte, die sich allerdings in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt. Wir haben zwei Töchter, Linda und ihre um vier Jahre jüngere Schwester Jenny. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass wir beide Kinder gleichermaßen geliebt haben. Während Linda sich sehr gut entwickelte, hat Jenny uns hingegen viele Sorgen bereitet. Sie war eigenwillig und stur. Trotzdem hat sie ihr Abitur geschafft und ein Studium begonnen. Aber sie hielt nur zwei Semester durch. Dann lernte sie bei einem Kirmesbesuch eine italienischen Schausteller kennen und hat sich in diesen Mann verliebt. Als wir ihr diese Verbindung untersagten, ist sie mit ihm praktisch durchgebrannt und von einem Kirmesplatz zum nächsten gereist. Ein halbes Jahr lang haben wir noch versucht, Jenny zur Vernunft zu bringen. Sie sollte nach Hause kommen und ihr Studium wiederaufnehmen. Das hat sie abgelehnt, und wir hatten keine andere Möglichkeit, als unsere Tochter aufzugeben. Seit mehr als acht Jahren haben wir nichts mehr von ihr gehört und auch keinen Wert mehr darauf gelegt.«

Denise fühlte Zorn in sich aufsteigen. Wie konnten Eltern ihr eigenes Kind verstoßen, nur weil sie mit der Wahl des Schwiegersohnes und der Weltanschauung nicht einverstanden waren? Doch hier ging es nicht um das Verhältnis, das die Ellingers zu ihrer Tochter Jenny gehabt hatten, und auch nicht darum, ihnen vorzuhalten, wie egoistisch und engstirnig ihre Einstellung war. Allein Romina und deren Zukunft standen im Vordergrund.

»Das Zerwürfnis zwischen Ihnen und Ihrer Tochter tut mir aufrichtig leid. Es ist immer schade, wenn eine Familie zerfällt. Aber hier gibt es ein kleines Mädchen, das seine Eltern verloren hat und trotz der ungünstigen familiären Verhältnisse Ihre Enkeltochter ist. Romina ist sieben Jahre alt und hat keinerlei Schuld auf sich geladen. Offensichtlich weiß sie bis jetzt nicht, dass sie Großeltern hat. Vielleicht wären Sie zumindest bereit …!«

»Nein, ich bin zu gar nichts bereit«, unterbrach Thorsten. »Wenn dieses Kind nicht weiß, dass es Großeltern hat, sollte das auch so bleiben. Unsere Tochter Jenny existiert für uns schon lange nicht mehr. Erst durch die Polizei haben wir jetzt erfahren, dass sie diesen Alessandro Castello wohl tatsächlich geheiratet und seinen Namen getragen hat. Mehr brauchen wir über Jenny nicht zu erfahren, und dieses Kind, dass sie mit einem italienischen Kirmesbudenbesitzer in die Welt gesetzt hat, geht uns nichts an. Mit einem Kind aus solchen Verhältnissen wollen wir nichts zu tun haben. Ich nehme an, dass sich das Jugendamt um das Waisenkind kümmern und für seine Unterbringung sorgen wird.«

»Selbstverständlich ist für Romina gesorgt«, bestätigte Denise. »Sie kann hier bei uns in Sophienlust bleiben und behütet aufwachsen. Aber der Kontakt zu Verwandten ist für Kinder, die ein so schweres Schicksal erlebt haben, trotzdem sehr wichtig. Wollen Sie ein unschuldiges kleines Mädchen wirklich für das büßen lassen, was Ihnen Ihre Tochter angetan hat? Ich kann mich gerne in ein paar Tagen noch einmal bei Ihnen melden, wenn Sie in Ruhe über die Situation nachgedacht und vielleicht auch mit Ihrer Frau darüber gesprochen haben.«

»Meine Frau und ich sind einer Meinung, daran wird sich auch nichts ändern«, erwiderte Thorsten frostig. »Ein erneuter Anruf würde zu nichts führen. Wir haben kein Enkelkind, jedenfalls keins, das wir in irgendeiner Form akzeptieren könnten. Ich bin mit den gesetzlichen Regelungen auf diesem Gebiet nicht vertraut. Möglicherweise kann man uns für den Unterhalt dieses Mädchens zur Verantwortung ziehen. Wenn das der Fall ist, können wir uns leider nicht dagegen wehren. Falls man Unterhaltszahlungen von uns verlangt, werden wir wahrscheinlich automatisch informiert. Ich denke nicht, dass wir dann einen Rechtsstreit führen werden. Das tun wir aber nur deshalb nicht, weil es uns zu lästig ist und weil wir durch Unterhaltsleistungen nicht spürbar ärmer werden. Kontakte zu dieser Tochter eines italienischen Taugenichts lehnen wir jedoch kategorisch ab. Mehr kann ich dazu nicht sagen, und ich möchte diesbezüglich auch nicht noch einmal behelligt werden.«

Denise sah ein, dass sie auf verlorenem Posten stand. Sie hätte mit Engelszungen auf Thorsten Ellinger einreden können, und doch wäre es unmöglich gewesen, etwas zu erreichen. Die Ellingers verabscheuten ihre Tochter und alles, was mit ihr zu tun hatte, abgrundtief. Das schwere Schicksal eines kleinen Mädchens berührte sie in keiner Weise. Mitgefühl war für diese Menschen ein Fremdwort. Deshalb verabschiedete Denise sich und legte auf.

»Was sind das nur für Menschen?«, fragte Nick erschüttert und schüttelte verständnislos den Kopf. »Niemand hat erwartet, dass die Ellingers Romina mit offenen Armen empfangen und augenblicklich in ihre Herzen schließen würden. Aber dieses Verhalten ist unglaublich. Derartiges habe ich noch nie erlebt.«

»Ich schon«, entgegnete Denise lächelnd. »Allerdings muss ich gestehen, dass es höchst selten vorgekommen ist, und das ist auch gut so. Wenn alle Menschen so wären, würden wir in einer Welt leben, deren Härte und Kälte niemand ertragen könnte. Zum Glück scheint Romina nichts von der Existenz ihrer Großeltern zu wissen. Deshalb kann sie unter deren Abneigung nicht noch zusätzlich leiden.«

»Das wäre wirklich schlimm. Ich glaube, wir sollten ihr gar nicht erzählen, dass es da noch Verwandte gibt. Es ist für sie besser, wenn sie es nicht erfährt. Oder sind wir etwa gesetzlich verpflichtet, sie darüber in Kenntnis zu setzen? Das kann nicht hilfreich für sie sein.«

»Die verwandtschaftlichen Verhältnisse müssen dokumentiert werden. Das ist allein schon deshalb nötig, weil Romina gegenüber ihren Großeltern einen Erbanspruch hat. Aber bis dieser Erbfall eintritt, wird noch eine Menge Zeit verstreichen.« Denise seufzte. »Vermutlich ist sie bis dahin erwachsen. Vorläufig braucht Romina nichts zu erfahren. Du hast ganz recht. Das ist besser für sie. Die Kleine hat es schwer genug, auch wenn sie sich inzwischen bei uns schon prima eingelebt hat. Sie soll nicht unnötig belastet werden. Also erwähne das Gespräch mit den Großeltern auch den anderen Kindern gegenüber nicht. Sie könnten sich unbeabsichtigt verplappern.«

»Kein Wort kommt über meine Lippen«, versprach Nick. »Darauf kannst du dich verlassen.«

Noch immer war Nick völlig fassungslos. Thorsten Ellingers harte Worte klangen noch in ihm nach. Dieser Mann hatte es nicht einmal für nötig befunden, auch nur einmal den Namen seiner Enkeltochter zu erwähnen. Durch die Abneigung gegenüber seiner Tochter schien er auch die Enkelin regelrecht zu hassen, obwohl er sie überhaupt nicht kannte.

Nick fragte sich, wie seine Eltern wohl reagieren würden, wenn er eine Beziehung mit einer italienischen Schaustellerin eingehen würde. Natürlich plante er nichts dergleichen. Es war nur diese interessante Frage, die ihm durch den Kopf ging. Vermutlich würden sie nicht sofort begeistert sein, aber doch eingehend prüfen, ob er mit dieser Frau glücklich werden könnte. Wenn ihnen dann klar wurde, dass aufrichtige Liebe von beiden Seiten im Spiel war, würden sie seine Entscheidung akzeptieren. Statt ihn aus der Familie zu verbannen, würden sie ihm und seiner großen Liebe alles Glück dieser Welt wünschen, und ein Enkelkind wäre ihnen jederzeit willkommen.

Arme kleine Romina, dachte Nick. Das Schicksal hatte ihr die Eltern genommen. Trotzdem hatte sie noch Familienangehörige.

Doch von denen durfte sie nicht erfahren. Vielleicht war das in jeder Hinsicht besser so. In Nick kochte der Zorn. Eine so nette Enkeltochter wie Romina hatten die Ellingers überhaupt nicht verdient!

*

Thorsten und Barbara Ellinger hatten ihre Tochter Linda und ihren Schwiegersohn über den Tod von Jenny und Alessandro Castello informiert. Die beiden jungen Leute waren erschüttert und machten sich gleich auf den Weg zu den Ellingers. Sie wohnten etwa sechzig Kilometer weit entfernt. Nach ihrer Meinung war der Tod zweier Menschen Anlass genug, noch einmal in Ruhe über alles zu sprechen. Linda und Daniel machten sich Vorwürfe, weil sie in den vergangenen Jahren nie versucht hatten, Kontakt zu Jenny aufzunehmen. Das schlechte Verhältnis zu den Eltern hätten sie zwar nicht in Ordnung bringen können. Aber möglicherweise wäre es ihnen gelungen, wenigstens eine lockere Verbindung zu halten. Stattdessen hatten sie beiden ihr Leben gelebt und nicht weiter über die familiären Verhältnisse nachgedacht. Jetzt fühlten sie sich schuldig und wollten in Erfahrung bringen, ob es den Eltern vielleicht ähnlich erging.

Thorsten und Barbara freuten sich, als Tochter und Schwiegersohn unerwartet erschienen. Sie baten die beiden sofort in ihre Wohnung, die im Seitenflügel des Hotels lag, und ließen sich aus der Küche Kaffee und Torte bringen. Linda liebte die geräumige Wohnung ihrer Eltern. Besonders das riesig anmutende Wohnzimmer, dessen bodentiefe Fenster den Blick in den Hotelpark freigaben, gefiel ihr. Einen Moment lang genoss sie diesen herrlichen Blick, bevor sie zum Thema kam: »Wir finden es schrecklich, dass Jenny und ihr Mann ums Leben gekommen sind. Obwohl ich seit Jahren keine Verbindung mehr zu ihr hatte, kann ich es noch immer nicht so recht begreifen, dass Jenny nicht mehr da ist.«

Barbara nickte. »Ich kann dich gut verstehen. Für uns Eltern ist das auch schwer zu begreifen. Aber wir haben von Anfang an gespürt, dass die Verbindung mit Alessandro Castello unter keinem guten Stern stand. So eine Katastrophe war eigentlich abzusehen. Wer sein Leben lang in einem billigen Wohnwagen unter unwürdigen Verhältnissen haust, muss damit rechnen, dass irgendwann einmal alles in Flammen aufgeht.«

»Das sind Vorstellungen aus längst vergangenen Zeiten«, bemerkte Daniel. »Die Wohnmobile der Schausteller sind heute nicht mehr billig und bieten allen nur denkbaren Komfort. Oft sind es bewegliche Einfamilienhäuser, die keine Wünsche offen lassen. Unwürdig sind die Verhältnisse jedenfalls nicht.«

»Mag schon sein«, gab Thorsten zu. »Aber das ganze Milieu ist indiskutabel. Wer will schon ständig mit seinem Haus herumreisen und es irgendwo auf schlammigen Plätzen und versumpften Wiesen stehen haben? Das ist doch kein Leben. Und in diese Verhältnisse werden dann auch noch Kinder hineingeboren, deren Heimat ungepflegte Kirmesplätze sind. Was soll aus so einem Kind denn werden? Sie können noch nicht einmal eine vernünftige Schule besuchen und lernen nichts. Am Ende gehen sie denselben Weg wie ihre Eltern und werden verkrachte Existenzen, die sich mit einem Fahrgeschäft gerade so über Wasser halten können. Vielleicht hat die Tochter von Jenny und diesem Italiener jetzt mehr Glück. Im Kinderheim wird man schon dafür sorgen, dass sie etwas lernt und vernünftig erzogen wird.«

Linda und Daniel saßen da wie vom Donner gerührt. Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Sprache wiederfanden.

»Jenny und Alessandro hatten ein Kind?«, fragte Linda fassungslos. »Und dieses kleine Mädchen ist bei dem Feuer nicht ums Leben gekommen? Davon habt ihr uns noch gar nichts erzählt! Warum habt ihr uns das bisher verschwiegen? Das verstehe ich nicht.«

»Wir haben es selbst gestern erst erfahren. Die Leiterin eines Kinderheims aus Wildmoos hat uns angerufen und uns mitgeteilt, dass sich das Mädchen in ihrer Obhut befindet. Ich glaube, das Kinderheim heißt Sophienlust oder so ähnlich. Aber das spielt keine Rolle. Es ist auch völlig egal, ob Jenny und ihr Partner ein Kind miteinander hatten. Warum sollten wir euch unwichtige Dinge mitteilen?«

»Also, ich finde das überhaupt nicht unwichtig«, ließ Daniel sich vernehmen. »Dieses kleine Mädchen tut mir unendlich leid. Ich darf gar nicht daran denken, was es durchmachen musste und wie traurig und verzweifelt es jetzt sein muss. Wie heißt die Kleine denn, und wie alt ist sie?«

»Ich glaube, Frau von Schoenecker hat erwähnt, dass das Kind sieben Jahre alt ist. Es heißt Ramona, Rabea oder so ähnlich.«

»Romina«, berichtigte Barbara ihren Mann. »Das ist der Name des Mädchens. Ich war bei dem Telefonat anwesend und habe es verfolgen können.«

»Und was wird jetzt aus der armen kleinen Romina?«, wollte Linda wissen. »Wollen wir nicht in dieses Kinderheim fahren und sie besuchen?«

»Auf keinen Fall!«, erwiderte Thorsten barsch. »Ich glaube, das ist auch das Ansinnen der Heimleiterin gewesen. Deshalb hat sie mich angerufen. Aber ich habe ihr sofort deutlich erklärt, dass wir mit diesem Kind nichts zu tun haben wollen. Im Kinderheim ist es bestens aufgehoben, und dort soll es auch bleiben. Der Nachwuchs von Jenny und diesem Alessandro interessiert uns in keiner Weise. Vermutlich spricht das Mädchen ohnehin nur italienisch und würde uns gar nicht verstehen. Bisher haben wir nichts von diesem Kind gewusst.« Er hob die Stimme. »Wir verlieren also nichts, wenn es auch in Zukunft keinen Platz in unserem Leben hat. Es gibt für uns kein Enkelkind und damit basta. Wenn ihr euren Adoptionsantrag gestellt und ein Kind bekommen habt, dann werden wir ein richtiges Enkelkind haben. Das soll uns genügen.«

»Papa, das kannst du doch nicht machen, und du auch nicht, Mama«, meinte Linda entsetzt. »Was kann dieses bedauernswerte kleine Geschöpf denn dafür, dass ihr mit Jenny gebrochen habt? Romina ist ein Kind, ein hilfloses und unschuldiges kleines Kind. Es braucht Menschen, die ihm zur Seite stehen. Das Leben in einem Kinderheim ist bestimmt kein Zuckerschlecken. Wir müssen etwas für Romina tun. Das ist unsere Pflicht.«

Barbara seufzte hörbar auf. »Pflicht hin oder her. Wir müssen auch an uns denken. Romina ist sieben Jahre alt. Bis jetzt ist sie zwischen Wohnwagen und Kirmesbuden aufgewachsen. Positiv kann sie sich dabei wohl kaum entwickelt haben. Wir wollen uns aber nicht um ein Problemkind kümmern müssen. Kinderheime und Waisenhäuser sind nicht so schlimm, wie man es immer wieder in Märchenbüchern liest. Den Kindern geht es dort gut. Sie benötigen keine Hilfe von außen.«

»So ist es«, bestätigte Thorsten. »Nichts auf der Welt kann mich dazu bringen, Kontakt zu diesem Kind aufzunehmen. Ihr solltet das auch auf jeden Fall bleiben lassen. Euer Mitgefühl in Ehren, aber ihr tätet euch damit nichts Gutes. Vergesst einfach, dass Jenny ein Kind hatte. So halten wir es auch. Denkt lieber an das kleine Wesen, das ihr demnächst in die Familie aufnehmen werdet.«

Im Augenblick waren weder Daniel noch Linda in der Lage, an die geplante Adoption zu denken. Dazu waren sie über die Nachricht, dass Jenny und Alessandro ein Kind hinterlassen hatten, viel zu berührt. Gleichzeitig konnten sie nicht begreifen, dass Thorsten und Barbara jeglichen Kontakt zu dem kleinen Mädchen ablehnten. Es interessierte sie nicht einmal, ob Romina gut untergebracht war. Nicht einmal das wollten sie nachprüfen. Das Enkelkind existierte für sie einfach nicht! Ein solches Maß an Kälte und Hartherzigkeit konnten Linda und Daniel nicht begreifen.

Was sie selbst unternehmen wollten, konnten sie beide noch nicht sagen. Was sie eben erfahren hatten, mussten sie erst einmal verarbeiten. Auf jeden Fall versprachen sie aber nicht, keinen Kontakt zu Romina aufzunehmen.

*

Die meisten Kinder, die nach dem Tod ihrer Eltern nach Sophienlust kamen, litten viele Wochen oder Monate sehr stark unter dem erlittenen Verlust. Auch Romina trauerte um ihre Eltern. Aber es gab zwei Dinge, die sie unglaublich aufbauten: Da war Fabio, den Romina aus ihrem alten Leben mitgebracht hatte und der sich als treuer Freund erwies. Wenn das kleine Mädchen traurig wurde, wich er nicht von ihrer Seite, schleppte Spielzeug herbei und versuchte, Frohsinn zu verbreiten. Fast immer gelang ihm das auch. Außerdem war da dieser helle Stern, auf dem Romina ihre und auch die verstorbenen Eltern der anderen Kinder vermutete. Sie konnte ihre Eltern zwar nicht mehr sehen und ihre Nähe nicht erleben. Aber sie musste auch nicht endgültig Abschied nehmen. Es verging kein Tag, an dem Romina nicht nach draußen oder in den Wintergarten ging, den Stern betrachtete und ihren Eltern erzählte, was sie an diesem Tag in Sophienlust so alles erlebt hatte. Diese Monologe halfen ihr ungeheuer, ihr schweres Schicksal zu verarbeiten.

Kein Psychologe hätte mehr erreichen können.

Pünktchen hatte Romina an diesem Tag mit zu den Pferden genommen. Die großen Pferde waren noch etwas zu mächtig für die kleine Romina. Auch wenn sie fast alle schon etwas älter und ohnehin sehr gutmütig waren, reichte die Kraft einer Siebenjährigen noch nicht aus, diese Tiere zu beherrschen.