Der Streit um Ali - Gert Rothberg - E-Book

Der Streit um Ali E-Book

Gert Rothberg

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Sophienlust Extra Nr. Ein kleiner Junge soll entführt werden! Im ersten Stock des Kinderheims Sophienlust wurde eine Tür geöffnet. Zwei kleine Jungen steckten die Köpfe heraus und sahen den Flur entlang. Gleich darauf wurde die nächste Zimmertür geöffnet. Ein Mädchen trat im Nachthemd und mit bloßen Füßen heraus. »Da kann man ja nicht schlafen, wenn der Hund so heult«, murmelte es und rieb sich die Augen. Jetzt ging auch noch die gegenüberliegende Tür auf. Malu, eines der ältesten Mädchen von Sophienlust, sah sich erstaunt um. »Ja, sagt mal, was ist denn mit euch los? Schaut, dass ihr in die Betten kommt! Es ist gleich zehn Uhr. Oder seid ihr mondsüchtig?« »Der Hund heult ja so.« Die drei Kinder sagten es zur gleichen Zeit. »Ich habe ihn auch gehört.« Malu band ihren Bademantel zu. »Husch, husch ins Körbchen! Ich geh mal hinunter.

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Sophienlust Extra – 57 –

Der Streit um Ali

Ein kleiner Junge soll entführt werden!

Gert Rothberg

Im ersten Stock des Kinderheims Sophienlust wurde eine Tür geöffnet. Zwei kleine Jungen steckten die Köpfe heraus und sahen den Flur entlang.

Gleich darauf wurde die nächste Zimmertür geöffnet. Ein Mädchen trat im Nachthemd und mit bloßen Füßen heraus. »Da kann man ja nicht schlafen, wenn der Hund so heult«, murmelte es und rieb sich die Augen.

Jetzt ging auch noch die gegenüberliegende Tür auf. Malu, eines der ältesten Mädchen von Sophienlust, sah sich erstaunt um. »Ja, sagt mal, was ist denn mit euch los? Schaut, dass ihr in die Betten kommt! Es ist gleich zehn Uhr. Oder seid ihr mondsüchtig?«

»Der Hund heult ja so.« Die drei Kinder sagten es zur gleichen Zeit.

»Ich habe ihn auch gehört.« Malu band ihren Bademantel zu. »Husch, husch ins Körbchen! Ich geh mal hinunter. Es ist nur ein fremder Hund.«

Die drei Kinder gehorchten. Malu aber lief in das Erdgeschoss. Als sie die Tür des Herrenhauses öffnete, lag auf der Schwelle ein Schäferhund. Er sprang so schnell auf, dass Malu erschrak und einen Schritt zurückwich. Aber der Hund kam ihr nicht nach. Er setzte sich, reckte den Kopf fast senkrecht in die Luft und stimmte wieder ein jämmerliches Geheul an.

Malu hatte diesen Hund noch nie gesehen. Was wollte er hier vor dem Kinderheim? Hatte er sich verlaufen? Oder wollte er gar auf eine Gefahr aufmerksam machen? Ich werde Nick wecken, dachte Malu. Er versteht sich besser auf Hunde als ich. Ich kenne zwar meinen Murkel sehr genau, meinen Wolfsspitz. Aber einen Schäferhund hatte ich noch nie.

Malu schloss die Haustür wieder und rannte in den ersten Stock zurück zu der Tür des Zimmers, das Dominik von Wellentin-Schoenecker bewohnte, wenn er auf Sophienlust blieb. Eigentlich wohnte er mit seinen Eltern und Geschwistern ja auf Schoeneich. Aber er konnte auch in Sophienlust übernachten, wenn er Lust dazu hatte.

Im Vorbeilaufen sah Malu, dass die aufgeschreckten Kinder doch nicht in ihre Betten zurückgekehrt waren. Einige der Türen standen einen Spalt breit offen und wurden jetzt schnell zugedrückt.

Nun kam Frau Rennert, die Heimleiterin, den Flur entlang. Auch sie war durch den heulenden Hund aus dem Schlaf gerissen worden.

»Was hast du vor, Malu?«, fragte sie erstaunt, als sie sah, dass das Mädchen an die Tür von Nicks Zimmer klopfte.

»Ich werde Nick wecken. Ich weiß mir mit dem Hund keinen Rat. Ich war unten, Tante Ma. Es ist ein großer Schäferhund. Er will irgendetwas von uns.«

»Mit dem zaghaften Klopfen kriegst du doch unseren Nick niemals wach, Malu«, lachte Frau Rennert. »Er schläft noch fester als ein Murmeltier. Geh hinein und rüttle ihn ordentlich.«

Malu öffnete die Tür und knipste das Licht an. Davon hatte sie sich schon einen Erfolg versprochen. Aber Frau Rennert behielt recht. Nick war nicht leicht wach zu kriegen. Erst als Malu ihn ungeduldig rüttelte, öffnete er kurz die Augen. Aber schon schloss er sie wieder und warf sich auf die andere Seite.

Jetzt wurde Malu ärgerlich. Ihre Hände drückten das auch aus. Sie rüttelte Nick nun ohne jede Schonung. »So wach doch auf, Nick!«

Der Junge setzte sich im Bett auf und sah Malu mit zusammengekniffenen Augen an.

»Bei dir piepst’s wohl, Malu? Was willst du überhaupt in meinem Zimmer?«

»Hörst du den Hund unten nicht heulen, Nick? Steh auf, du musst mir helfen. Der Hund will etwas von uns.«

Nick streckte sich schon wieder aus. »Wegen eines Hundes weckst du mich? Sag ihm, er soll zu Waldi & Co gehen. Wir hier sind ein Kinderheim und kein Tierheim.«

Jetzt kam Frau Rennert Malu zu Hilfe. »Nick, möglicherweise versteht uns der Hund nicht, wenn wir ihm das bestellen. Los, steh auf!« Sie nahm Nicks Hände und zog den Jungen hoch. »So hilf uns doch! Die Kinder können nicht schlafen. Ich glaube, inzwischen sind alle wach.«

Nick baumelte seine langen Beine aus dem Bett und fuhr sich durch das wirre schwarze Haar. »Versteh ich nicht. Mich könnte eine ganze Meute heulender Hunde nicht wach kriegen.«

»Das wissen wir.« Frau Rennert zog Nick nun auch noch auf die Füße. »Also, komm gleich nach! Wir gehen inzwischen hinunter. Aber leg dich nicht wieder hin.«

»Nein. Aber ich werde mir gut überlegen, ob ich noch einmal in Sophienlust übernachte. Auf Schoeneich hätte ich meine Ruhe.« Obwohl Nick noch immer meckerte, holte er doch schon seinen Trenchcoat vom Haken und zog ihn über seinen Schlafanzug.

Im Flur wurde Nick endlich ganz wach. Erst jetzt traf das Heulen des Hundes auch sein Gehör, sodass er sich schneller in Bewegung setzte.

Malu wollte den Schäferhund in die Halle locken, aber dieser lief in entgegengesetzter Richtung. Er lief die Freitreppe hinunter, setzte sich unten hin und nahm sein schauerliches Konzert wieder auf.

»Das sieht doch ein Blinder, dass uns der Hund irgendwohin führen will, Malu. Verstehst du wirklich nicht mehr von Hunden?« Nicks Stimme klang noch immer angriffslustig.

»Deshalb habe ich dich ja geweckt, Nick. Ich konnte den Hund eben nicht verstehen. Außerdem …, so überzeugt bin ich auch nicht, dass du recht hast.« Malu lief die Freitreppe hinunter. »Also los, komm, Nick, wir gehen mit ihm.« Malu sah zu Frau Rennert zurück. »Ich darf doch, Tante Ma?«

Frau Rennert machte ein bedenkliches Gesicht. »Im Bademantel, Malu?«

»Wir werden wohl nicht bis ins Dorf hineinmüssen.«

Nick achtete gar nicht mehr auf das, was Malu und Frau Rennert sprachen. Er lief zum Tor und redete auf den Hund ein: »Los, wohin willst du? Ja, lauf nur zu!«

Malu hatte Mühe, den beiden zu folgen. Sie holte sie erst auf der Straße ein, die nach Schoeneich führte. Nach Atem ringend, sagte sie zu Nick: »Siehst du, der Hund hätte dich auch in Schoeneich wecken können. Wir sind bereits auf halber Strecke. Aber wenn wir nun auf einen Stromer hereingefallen sind?«

»Das wird sich herausstellen. Was will er denn jetzt? Er läuft ja zum See … Es wird doch nicht jemand ertrunken sein?« Nick stolperte über eine Wurzel und wäre der Länge nach hingefallen, wenn Malu ihn nicht aufgefangen hätte. Durch diesen Zwischenfall war ihnen zunächst entgangen, dass der Hund seinen Lauf gebremst hatte. Während des ganzen Weges war er stumm geblieben. Jetzt heulte er wieder jämmerlich und blieb stehen.

»Ein Wagen. Ein Unfall, Malu!« Nick ging zögernd weiter. In der hellen Nacht waren die Umrisse des Wagens genau zu erkennen.

Malu schrie entsetzt auf. Der Wagen war mit dem Kühler gegen einen Baum gerammt. Das sah nun so aus, als wachse der Baum aus dem Kühler heraus. Die rechte Tür des Wagens musste beim Aufprallen aufgesprungen sein.

Und nun schrie Malu wieder. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Sie hatte ein Kind erkannt. Es lag mit dem Kopf auf dem Boden vor dem Beifahrersitz. Die Füße waren schon auf dem Erdreich vor dem Wagen.

Nick nahm sich zusammen, um seinen Schreck nicht so deutlich zu zeigen wie Malu.

Er sah in den Wagen hinein. Eine Frau liegt über dem Steuer. Nick schluckte. Er beugte sich zu dem Kind vor. Zur gleichen Zeit wie Malu.

»Es ist ein Junge, Nick. Du, er lebt, er lebt … Er hat den Kopf bewegt!« Malu hob den Jungen hoch. Hilflos sah sie sich um. »Was machen wir denn? Ist die Frau tot?«

»Bleib hier. Ich laufe nach Schoeneich und wecke meinen Vater. Es ist von hier näher nach Schoeneich als nach Sophienlust. Wir können in einer Viertelstunde zurück sein. Du musst dich zusammennehmen, Malu.«

Das Mädchen nickte. Vorsichtig bettete es das Kind ins Gras. Der Hund legte sich daneben und leckte die Hand des Jungen.

Malu liefen die Tränen über das Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper. Was sollte sie nur tun? Sie war allein mit den beiden Verunglückten. Vielleicht lebten beide noch – und sie versäumte hier etwas. Wenn sie doch nur den Hund in Sophienlust besser verstanden und jemand von den Erwachsenen mitgenommen hätte …

Eine Decke, ich muss den Jungen auf eine Decke legen, durchfuhr es Malu. Sie beugte sich in den Wagen hinein und tastete mit der Hand in den Fond. Sie bekam etwas Weiches zu fassen und zog es heraus. Es war keine Decke, aber ein Mantel. Sie breitete ihn aus, legte den Jungen darauf und strich über sein Haar.

»Mutti!«, klang es an ihr Ohr. Malu hätte vor Freude über dieses Lebenszeichen lachen können, aber sie weinte vor Erregung.

Zögernd ging sie wieder auf den Wagen zu und legte die Hand auf die Schulter der Frau. »Hallo!« Malus Stimme klang erstickt. »Hören Sie mich?« Ihre Hand tastete sich zum Kopf der Frau vor. Und nun zuckte Malus Hand zurück. Sie schrie auf. Ihre Hand war voll Blut. Das spürte sie, und die dunklen Spuren waren auch zu erkennen.

Malu konnte jetzt nicht anders, sie sank neben dem Kind ins Gras und lehnte sich an den Hund. Er saß mit gespitzten Ohren da und schien genauso wie Malu zu lauschen, ob die erwarteten Helfer kamen.

Jetzt hörte Malu Motorengeräusch aus der Richtung von Schoeneich, aber sie war nicht imstande aufzustehen. Sie hatte ihre Hand am Bademantel abgewischt und strich nun unentwegt über den Kopf des kleinen Jungen. Wenn er doch nur wieder etwas sagen wollte, damit sie wusste, dass wenigstens in ihm noch Leben war.

Alexander von Schoenecker legte seine Hand beruhigend auf Malus Schulter. »Arme Malu«, sagte er leise. »Beruhige dich, der Krankenwagen und die Polizei werden gleich hier sein. Wir allein können nicht viel tun. Zu leicht macht man in einem solchen Fall etwas Falsches.« Er ging zu dem Wagen und beugte sich hinein. Dabei leuchtete er mit einer Taschenlampe auf die Frau.

Er griff nach ihrer Hand und fühlte den Puls. »Sie lebt!«, rief er. »Die Windschutzscheibe ist zertrümmert. Vielleicht sind es nur Schnittwunden und ein Schock.«

Malu und Nick starrten im Schein der Taschenlampe auf den Frauenkopf.

Hellblondes Haar fiel auf einer Seite herunter, als sei es vorher hochgesteckt gewesen.

Die Polizei und der Krankenwagen trafen zur gleichen Zeit ein. Die beiden Schwerverletzten wurden nach Maibach ins Krankenhaus gebracht. Der etwa fünf Jahre alte Junge hatte immer wieder die Augen geöffnet und sich fragend umgesehen. Seine Mutter aber hatte kein Lebenszeichen gegeben. Entsetzt hatten die Helfer die vielen Schnittwunden im Gesicht der Frau gesehen.

»Ich werde den Hund mit nach Schoeneich nehmen«, erbot sich Alexander von Schoenecker. Er sah Malu und Nick an. »Und euch bringe ich jetzt nach Sophienlust zurück. Mutti wird inzwischen Frau Rennert angerufen haben, damit sie sich keine allzu große Sorgen um euer Ausbleiben macht. Hier ist für uns nichts mehr zu tun.« Er nahm den Schäferhund am Halsband und hielt ihn fest. Nur mit Mühe gelang es ihm. Denn als der Krankenwagen anfuhr, gebärdete sich der Hund wie wild.

Nick und Malu redeten auf ihn ein und bemühten sich mit Alexander von Schoenecker, ihn in den Wagen zu bringen.

»Am besten, du schaffst ihn noch heute zu Andrea, Vati«, meinte Nick. »Auf Schoeneich wird er dir nur Kummer machen. Es ist doch nicht schlimm, wenn Andrea und Hans-Joachim vielleicht schon zu Bett gegangen sind. Du kannst sie ja wecken.«

Malu saß zusammengekauert im Wagen. »Der Junge hatte ganz dunkles Haar und die Mutter hellblondes«, sagte sie, als spreche sie nur zu sich selbst. »Es war eine Stuttgarter Autonummer.«

»Morgen werden wir wissen, wer die Verunglückten waren. Kinder, versucht euch zu beruhigen. Es tut mir sehr leid, dass ihr etwas so Schreckliches sehen musstet, aber so schwere Unfälle passieren täglich. Ich verstehe nur nicht, wieso die Frau von der Straße abgekommen ist. Sie muss in vollem Tempo zum See hinunter und an den Baum gefahren sein. Ob sie übermüdet war oder ob ihr übel geworden ist?«

Diese Überlegungen sprach Alexander von Schoenecker aus, obwohl er doch wollte, dass Malu und Nick das furchtbare Erlebnis dieser Nacht vergessen sollten. Sein Verhalten zeigte, wie angegriffen auch er selbst war.

Malu streichelte den Schäferhund. »Vielleicht hat er den beiden das Leben gerettet, der Frau und dem Jungen.«

»Dasselbe kann man von dir und Nick sagen, Malu. Wenn ihr den Hund nicht verstanden hättet, hätte man den Unfall erst morgen früh entdeckt. Dann wäre es wohl mit Sicherheit für die beiden armen Menschen zu spät gewesen.«

»Nick hat ihn verstanden. Ich konnte mir nicht erklären, was der Hund wollte«, gab Malu zu.

Nick versuchte zu lachen. »Dafür hattest du die Plage mit mir, mich wach zu kriegen, Malu. Hoffentlich hat sich das gelohnt.«

*

Am nächsten Tag gab es in Sophienlust, in Schoeneich und in der ganzen Umgebung nur ein Gesprächsthema – der schwere Unfall am See.

Malu und Nick hatten in das Gymnasium fahren müssen, ohne erfahren zu haben, wie es den beiden Verletzten ging und wer sie waren. Doch beim Mittagessen konnte ihnen Denise schon etwas erzählen. Sie war selbst in Maibach gewesen.

»Die Mutter habe ich nicht besuchen dürfen, sie ist operiert worden. Sie hat sehr schwere innere Verletzungen außer den furchtbaren Schnitten im Gesicht. Aber bei dem Jungen war ich.« In Denises Augen lagen Wärme und jenes Mitgefühl, das sie immer ausstrahlte, sobald ein Kind in Not war. »Es ist ein liebes Kerlchen. Er ist schon auf dem Transport ins Krankenhaus ganz zu Bewusstsein gekommen. Und stellt euch das Wunder vor, er hat keine schweren Verletzungen außer einem Armbruch und zwei Beulen am Kopf. Wahrscheinlich ist er mit dem Kopf aufgeschlagen und hat dadurch das Bewusstsein verloren. Die Ärzte meinen, er hätte nur eine leichte Gehirnerschütterung. Er machte auch schon einen recht munteren Eindruck. Aber er wollte zu seiner Mutti. Doch das darf er nicht.«

»Wie heißt der arme Junge denn?«, fragte eines der Kinder.

Denise von Schoenecker lächelte. »Der Junge heißt Ali.« Sie sah Nick an. »Ich vermute, dass er einen persischen Vater und eine deutsche Mutter hat. Das geht nämlich aus dem Pass der Frau hervor. Sie heißt Ruth Mossadin und ist eine geborene Berger. Als Wohnort ist Teheran angegeben. Ali hat gesagt, dass er mit seiner Mutter nach Stuttgart fahren wollte zu seiner Großmutter. Ihre Adresse weiß er aber nicht. Ich verstehe das alles noch nicht recht, denn der Wagen hatte doch eine Stuttgarter Nummer. Aber Ali ist erst fünf Jahre alt. Er wirft vielleicht alles ein bisschen durcheinander. Die Polizei versucht nun die Mutter von Frau Mossadin in Stuttgart zu finden.«

»Und wie hat sich der Schäferhund im Tierheim eingewöhnt?«, fragte Malu.

»Andrea ist ganz verzweifelt. Sie muss sich doch auch um Peterle kümmern, und der Hund macht ihr sehr viel Mühe. Man hat ihn in einen Zwinger sperren müssen, sonst wäre er schon durchgebrannt. Übrigens heißt er Hasso. Das hat Ali gesagt.«

»Ich werde den Hund nachher mal besuchen«, sagte Nick. »Vielleicht ist er zu mir etwas zutraulicher.«

»Und ich werde den kleinen Ali besuchen.« Malu sah Denise fragend an. »Darf ich, Tante Isi?«

»Natürlich darfst du, Malu. Wer weiß, wie lange Ali im Krankenhaus bleibt. Wenn man seine Großmutter findet, wird sie ihn sicher zu sich nehmen.«

Denise von Schoenecker ahnte zu dieser Stunde nicht, dass sie Alis Großmutter noch an diesem Tag kennenlernen sollte. Malu brachte die alte Frau nach ihrem Besuch im Krankenhaus von Maibach mit nach Sophienlust.

Rosa Berger war eine ältere schwerfällige Frau. Sie schleppte sich mühsam an Krücken dahin. Malu übernahm es, den Grund ihres Gebrechens an Denise weiterzugeben: »Tante Isi, Frau Berger hat vor einem Jahr einen Schlaganfall gehabt und ist jetzt rechtsseitig gelähmt.«

»Ja, und deshalb bin ich auch mitgekommen, Frau von Schoenecker. So gern ich meinen Enkel aufnehmen würde, ich kann ihn nicht versorgen. Ich habe gerade mit mir selbst Mühe genug. Die kleine Dame hier«, sie zeigte auf Malu, »hat mir von Ihrem Kinderheim erzählt. Sie würden mir einen großen Stein vom Herzen nehmen, wenn Ali zunächst bei Ihnen bleiben könnte. Vielleicht brauche ich mir dann um ihn nicht so viel Sorgen zu machen. Noch kann mir ja niemand sagen, was aus meiner Tochter wird.« Die alte Frau trocknete sich die Tränen ab. »So ein Unglück!«

Denise legte ihre Hand beruhigend auf den Arm Rosa Bergers. »Regen Sie sich bitte nicht unnötig auf. Danken Sie dem Herrgott, dass Ihrem Enkel nichts Schlimmeres passiert ist. Ihrer Tochter wird man sicher helfen können. Und was die nächsten Wochen betrifft, die Ihre Tochter sicher im Krankenhaus bleiben muss, so können Sie wegen Ali wirklich unbesorgt sein. Wir nehmen ihn gern in Sophienlust auf. Dann ist er in der Nähe seiner Mutter und kann sie besuchen. Und sein Hasso ist auch nicht weit entfernt. Wissen Sie schon, dass der Hund Ihre Tochter und Ali gerettet hat?«

Rosa Berger nickte. »Ja, die junge Frau hier.«

Malu lachte. »Sie sollen doch Malu zu mir sagen, Frau Berger. Der Name kommt Ihnen vielleicht etwas merkwürdig vor, aber er ist nur eine Abkürzung von Marie-Luise. Und wenn Sie es ganz genau wissen wollen, ich heiße mit dem Familiennamen Kollberg.« Malus grüne Augen lachten. Sie wollte ein bisschen frischen Wind in das Gespräch bekommen, um Frau Berger wenigstens für einige Minuten aus ihrer Verzweiflung zu reißen.

Doch das gelang Malu ebenso wenig wie Denise.

Rosa Berger sagte jetzt: »Ich lebe nur von einer kleinen Rente, aber etwas werde ich davon schon für die Kosten hier im Kinderheim wegbringen können.«

Denise hob abwehrend die Hände. »Alis Aufenthalt hier kostet Sie nichts, Frau Berger. Bitte, schieben Sie diese Gedanken ganz beiseite. Dann haben Sie schon eine Sorge weniger.«

»Wie ist denn so etwas möglich?«, fragte die Frau fassungslos. »Heutzutage kostet doch alles Geld. Und meistens mehr, als unsereiner aufbringen kann.«

Denise erklärte ihr kurz die Bestimmungen im Testament Sophie von Wellentins, wie sie es schon so oft getan hatte. Auch diesmal war sie glücklich darüber, dass sie die große Hinterlassenschaft zum Wohl so armer Kinder, wie es der kleine Ali war, nutzen durfte.

»Ihr Enkel spricht akzentfrei Deutsch, Frau Berger. Aber anscheinend ist er doch in Teheran aufgewachsen.«

»Ja, Ali ist in Teheran geboren, aber meine Tochter hat nur deutsch mit ihm gesprochen. Das hat ja seinen Vater so aufgebracht.« Rosa Berger schwieg einige Sekunden. Ihr Gesicht wirkte jetzt noch vergrämter. Ihre Blicke irrten unsicher durch das Zimmer. Endlich fuhr sie fort: »Frau von Schoenecker, wenn Ali bei Ihnen bleiben darf, muss ich Ihnen wohl die volle Wahrheit sagen. Meine Tochter ist mit Ali aus Teheran geflüchtet. Sie ist sehr unglücklich verheiratet. Schon vor zehn Tagen habe ich einen Brief von ihr bekommen, in dem sie mir schrieb, dass ich sie erwarten könne. Seither war ich in Todesangst um sie und das Kind. Es dauerte mir zu lange. Die beiden müssen auch schon früher in Deutschland gewesen sein, sogar in der Nähe Stuttgarts. Das hat mir Ali erzählt. Mir ist nur nicht ganz klar geworden, was er wirklich sagen wollte. Er ist eben doch erst fünf Jahre alt. Und meine Tochter wird ihn nicht in alles eingeweiht haben. Er hat genug schlimme Dinge erleben müssen. Jedenfalls sagte er heute, dass er mit Ruth schon mehrere Tage in einem kleinen Gasthof gelebt habe und dass der Wagen geliehen sei.«

»Ja«, warf Denise ein, »das habe ich heute Vormittag auch gehört, dass es sich um einen Leihwagen aus einem kleinen Ort bei Stuttgart handeln soll.«