Sophienlust Extra 8 – Familienroman - Laura Martens - E-Book

Sophienlust Extra 8 – Familienroman E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Die neue Ausgabe Sophienlust extra wird alle Freunde und Sammler dieser Serie begeistern. Sämtliche Romane, die wir in dieser neuen Ausgabe veröffentlichen, sind Kelter-Erstdrucke. So haben alle Leserinnen und Leser die Möglichkeit, die Lücken in ihrer Sophienlust-Sammlung zu schließen. Jutta Walberg trat mit einem schmerzlichen Ausdruck ans Fenster. Der Blick ihrer sanften Augen huschte verloren über die Felder und Wiesen, die Gut Hoheneichen umgaben. Es war Erntezeit. Jutta konnte das Geräusch der Traktoren bis zu ihrem Platz hören. Vor kurzem hatte sie hier als Gutsfrau Einzug gehalten. Zuvor war sie Sekretärin auf dem nahe gelegenen Staatsgut gewesen. Als sie dem vierundvierzigjährigen Gutsbesitzer und Witwer Richard Walberg begegnet war, hatte sie sofort gewusst, dass sie den Mann ihres Lebens kennengelernt hatte. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass sie sich mit ihren neunundzwanzig Jahren auf den ersten Blick derart würde verlieben können. Und doch war es geschehen. Dass ihre Zuneigung auch noch Erwiderung gefunden hatte, war ihr wie ein herrlicher Traum vorgekommen. RichardWalberg hatte lange unter dem frühen Tod seiner Frau gelitten. Bettina war eine perfekte Gutsherrin, eine glänzende Gastgeberin und eine sehr charmante Frau gewesen. Aus der Ehe mit ihr stammte Mirja. Dieses jetzt schon vierzehnjährige Mädchen vermisste die Mutter sehr und konnte nicht verstehen, dass ihr Vati wieder geheiratet hatte. Die Hoffnung, dass sich das Kind an die zweite Mutter gewöhnen würde, hatte sich bis jetzt nichterfüllt. Jutta wandte sich mit einem tiefen Seufzer vom Fenster ab. Wie wunderbar könnte es hier sein, dachte sie, wenn Mirja sich nicht derart in ihren Hass verbohrt hätte, wenn meine Ehe nicht darunter leiden würde. Richard versucht zwar, das Problem durch sein heiteres Wesen zu überspielen. Doch es ist dadurch nicht gelöst. Auch der Entschluss, Mirja in das Kinderheim Sophienlust zu geben, hat die Situation nicht gebessert.

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Sophienlust Extra – 8 –

Das Mädchen Mirja

Sie fühlte sich von ihrem Vater verraten …

Laura Martens

Jutta Walberg trat mit einem schmerzlichen Ausdruck ans Fenster. Der Blick ihrer sanften Augen huschte verloren über die Felder und Wiesen, die Gut Hoheneichen umgaben. Es war Erntezeit. Jutta konnte das Geräusch der Traktoren bis zu ihrem Platz hören. Vor kurzem hatte sie hier als Gutsfrau Einzug gehalten. Zuvor war sie Sekretärin auf dem nahe gelegenen Staatsgut gewesen. Als sie dem vierundvierzigjährigen Gutsbesitzer und Witwer Richard Walberg begegnet war, hatte sie sofort gewusst, dass sie den Mann ihres Lebens kennengelernt hatte. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass sie sich mit ihren neunundzwanzig Jahren auf den ersten Blick derart würde verlieben können. Und doch war es geschehen.

Dass ihre Zuneigung auch noch Erwiderung gefunden hatte, war ihr wie ein herrlicher Traum vorgekommen. RichardWalberg hatte lange unter dem frühen Tod seiner Frau gelitten. Bettina war eine perfekte Gutsherrin, eine glänzende Gastgeberin und eine sehr charmante Frau gewesen. Aus der Ehe mit ihr stammte Mirja. Dieses jetzt schon vierzehnjährige Mädchen vermisste die Mutter sehr und konnte nicht verstehen, dass ihr Vati wieder geheiratet hatte. Die Hoffnung, dass sich das Kind an die zweite Mutter gewöhnen würde, hatte sich bis jetzt nichterfüllt.

Jutta wandte sich mit einem tiefen Seufzer vom Fenster ab. Wie wunderbar könnte es hier sein, dachte sie, wenn Mirja sich nicht derart in ihren Hass verbohrt hätte, wenn meine Ehe nicht darunter leiden würde. Richard versucht zwar, das Problem durch sein heiteres Wesen zu überspielen. Doch es ist dadurch nicht gelöst. Auch der Entschluss, Mirja in das Kinderheim Sophienlust zu geben, hat die Situation nicht gebessert. Im Gegenteil! Ohne dass darüber gesprochen wird, steht diese Tatsache trennend zwischen mir und Richard.

Jutta ging in die geräumige Gutsküche und stellte das zweite Frühstück für das Gesinde zusammen. Sorgsam legte sie alles in den großen Picknickkorb und stellte Wasser in eine Kühltasche. Richard würde gleich hier sein, um alles abzuholen. Doch als sie sein Auto vorfahren hörte, war es nicht ihr Mann, sondern dessen Schwägerin Erika Lauheim.

Über Juttas offene Züge lief ein Schatten. Ihre Lippen pressten sich voller Abwehr zusammen. Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie das Tuch über den Korb breitete. Denn sie wusste genau, dass die Schwester von Mirjas verstorbener Mutter das Kind in ihrem Hass ungünstig beeinflusste. Erika Lauheim wäre selbst gern hier die neue Gutsfrau geworden. Sie kam zwar nicht oft vorbei, doch wenn sie kam, stiftete sie Unfrieden.

So fiel die Begrüßung zwischen den beiden Frauen auch reichlich kühl aus. Erika Lauheim hielt mit dem Grund ihres Kommens nicht lange zurück.

»Was musste ich hören?«, begann sie aufgebracht. »Ihr habt Mirja aus dem Haus gejagt und in ein Heim für Waisenkinder gesteckt! Ist es denn nicht genug, dass Sie sich auf Hoheneichen breitgemacht haben? Musste nun auch noch das Kind meiner Schwester entfernt werden?«

»Sie irren sich!«, erwiderte Jutta so ruhig wie möglich, »wenn Sie annehmen, dass Sophienlust ein Waisenhaus ist. Es ist ein exklusiv geführtes Heim für reiche und arme Kinder, die der liebenden Hilfe bedürfen. Richard hat sich bestens über Sophienlust orientiert. Wir haben sogar Zeitungsberichte gelesen, die begeistert berichten, dass sich die Besitzerin des Heimes Denise von Schoenecker zusammen mit ihren Mitarbeitern in selbstloser Weise für die Kinder einsetzt.«

Erika Lauheim lachte spöttisch auf: »Ein Heim für Kinder, die der liebevollen Hilfe bedürfen! Es ist ja wirklich die Höhe, wenn Sie annehmen, dass die arme kleine Mirja die Hilfe fremder Menschen nötig hat. Sie haben das Kind seinem Vater entfremdet und meinen Schwager gegen sein eigenes Fleisch und Blut aufgehetzt. Sie allein sind schuld daran, dass Mirja ihr Elternhaus verlassen musste. Meine Schwester würde sich im Grabe herumdrehen, wenn sie das wüsste!«

Juttas sanfte Augen wurden um einen Schein dunkler. Es lag ihr ein rasches Wort auf den Lippen, doch sie überwand ihren aufsteigenden Zorn und entgegnete besonnen: »Richard und ich sind der Überzeugung, richtig entschieden zu haben. Eines Tages wird Mirja mich nicht mehr ablehnen. Sie wird fühlen, dass ich sie liebhabe und dass ich ihr die Mutter ersetzen möchte, die sie so schmerzlich vermisst. Oh, bitte, ich möchte noch etwas hinzufügen. Sophienlust ist gerade für Kinderprobleme der richtige Ort. Frau von Schoenecker hat vor allem mit Problemkindern großen Erfolg. Sophienlust ist kein Heim im üblichen Sinne, das müssen Sie mir glauben. Es ist ein alter Familienbesitz.«

Mit einer abfälligen Handbewegung und harten Worten wurden Juttas Argumente hinweggefegt. »Wie dem auch sei«, meinte Erika Lauheim schließlich, »Mirja ist erst durch Sie ein schwieriges Kind geworden. Nach dem Tod meiner Schwester hat sie durch ihren Vater und durch mich Trost in ihrem Kummer gefunden. Erst als Sie auf Hoheneichen Einzug hielten, entstanden diese unerfreulichen Probleme.«

Jutta nickte leicht hilflos, als sie gestand: »Das kann ich nicht abstreiten. Aber weder ich noch Richard konnten dies vorausahnen. Sie müssen doch verstehen, dass Hoheneichen wieder eine Gutsfrau brauchte, dass Mirja wieder eine sorgende Mutter haben sollte und Richard eine Frau.«

Erika Lauheim lachte schallend auf. »Von Ihrer Warte aus gesehen, ja. Sie haben meinem Schwager eingeredet, dass er Sie auf Hoheneichen braucht. Sie mögen als Gutssekretärin unentbehrlich gewesen sein, doch hier werden Sie auf die Dauer gesehen auf verlorenem Posten stehen, denn Richard hängt an Mirja. Wenn er Sie und Ihre spekulativen Absichten erst durchschaut haben wird …«

»Aber Erika!« Richard Walberg stand groß und stattlich in der Tür. Mit einem liebevollen Lächeln ging er nun auf seine Frau zu und legte ihr den Arm um die Schulter. »Erika meint es gut«, sagte er schlichtend. »Sie vergreift sich nur manchmal im Ton.«

»Ich vergreife mich im Ton, weil das Recht auf meiner Seite ist!«, warf Erika Lauheim beißend ein. »Mirja ist das Kind meiner verstorbenen Schwester. Ich lasse nicht zu, dass sie freudlos in einem Heim aufwachsen soll. Dagegen werde ich mit allen Mitteln einschreiten, umso mehr, als in Gut Hoheneichen auch das Vermögen meiner Schwester steckt, das Mirja zusteht und sonst niemandem.«

Richard erblasste. Seine Hand drückte sich fest auf Juttas Arm. Es sollte eine schützende Geste sein. In seinen Augen blitzte Zorn auf, als er antwortete: »Jutta und ich haben aus Liebe geheiratet. Unsere Liebe zueinander wird stark genug sein, Mirjas Vertrauen und Zuneigung zurückzugewinnen. Wir haben Mirja nicht nach Sophienlust gegeben, um sie von uns zu entfernen, um sie loszuwerden, sondern um ihr zu helfen.«

»Ich weiß, was du damit sagen willst!« Erika Lauheim hob empört den Kopf. »Du wolltest Mirja meinem Einfluss entziehen. Aber ist es gerecht, das Kind zwingen zu wollen, die geliebte Mutter zu vergessen? Dir ist es leichtgefallen, deine Frau aus deinem Gedächtnis zu streichen. Aber bei Mirja wirst du kein Glück haben! Ein vierzehnjähriges Mädchen ist kein kleines Kind mehr. Mirja ist klug. Sie fühlt, dass dir deine Frau etwas vorgaukelt, um sich hier breitmachen zu können.« Erika Lauheim eilte zur Tür. Sie wollte keine Gegenrede mehr hören. Mit einer energischen Bewegung presste sie ihre Krokohandtasche an sich. »Du bist auf eine schöne Fassade hereingefallen, weiter nichts!«

Mit Genugtuung sah sie, dass ihr Schwager unter der tiefbraunen Haut grau wie Asche geworden war. Es war ihr unerträglich, ihn so nahe bei dieser Frau stehen zu sehen, den Arm fest um sie gelegt. Das hätte ihr Platz sein sollen. Aber sie war nicht so jung und nicht so raffiniert wie diese Person. Ihr Mund verzerrte sich, als sie bösartig zischte: »Ich bin es meiner Schwester schuldig, mich um Mirja zu kümmern. Du hast sie aus deinem Herzen und aus Hoheneichen verstoßen. Das soll dir schlecht bekommen, lieber Schwager!«

Der heiße Sommertag trieb die Kinder von Sophienlust in ihrer Freizeit an den Forellenbach oder an den See, der in der Nähe lag und ein geliebtes Badeziel war. Dominik von Wellentin-Schoen­ecker, der künftige Besitzer von Sophienlust, ließ es sich nicht entgehen, möglichst oft von Gut Schoeneich nach Sophienlust herüberzukommen. Dominik, auch zärtlich Nick genannt, stammte aus der ersten Ehe seiner Mutter, Denise von Schoenecker. Er war noch sehr klein gewesen, als seine Mutter den alten Familienbesitz der Grafen von Wellentin in ein Heim für solche Kinder verwandelt hatte, die vom Schicksal schwer geprüft waren. Damit hatte sie das Vermächtnis der Gräfin Sophie von Wellentin erfüllt, die ihren Urenkel Dominik als Erben eingesetzt hatte. Denise, die laut Testament das Gut Sophienlust und ein recht beträchtliches Vermögen bis zu Dominiks einundzwanzigstem Lebensjahr verwaltete, hatte es nicht versäumt, ihren Sohn von klein auf mit seinen künftigen Aufgaben vertraut zu machen. So fühlte sich Dominik mit den Kindern von Sophienlust verbunden und hielt ganz besonders jenen Jungen und Mädchen die Treue, die keine Eltern mehr hatten und auf Sophienlust eine neue Heimat gefunden hatten. Das waren die Schwestern Angelika und Vicky Langenbach, die schon viele Jahre hier waren, der zehnjährige Fabian, mit dem sich Nick sehr gut verstand, und Angelina Dommin, genannt Pünktchen, der er besonders zugetan war. Das nahm niemand übel, denn jeder wusste, dass Dominik das Mädchen vor Jahren auf einer Bank sitzend entdeckt und nach Sophienlust mitgenommen hatte. Pünktchens Eltern waren bei einem Zirkusbrand umgekommen, und da es ihr bei den Verwandten sehr schlecht ging, war sie einfach davongelaufen. Doch die Jahre der Geborgenheit auf Sophienlust hatten die Erinnerungen an diese schwere Zeit längst verwischt. Niemals aber würde Pünktchen vergessen, dass sie durch Dominik auf Sophienlust eine neue Heimat gefunden hatte. Seine Mutter, die die Kinder Tante Isi nannten, war ihr so lieb und teuer wie eine leibliche Mutter geworden. Ihre große Liebe gehörte jedoch schon immer ihm selbst, der fünf Jahre älter war als sie. Deshalb störte es sie auch, dass er sich der Neuen, die seit kurzem unter ihnen weilte, so intensiv annahm. Mirja Walberg war zu Pünktchens Leidwesen außerdem ein ganz besonders hübsches Mädchen. Sie hatte volles langes Haar, das wie reifer Weizen schimmerte und das sie meistens kokett mit einer weißen Schleife zusammenband, aber so, dass links und rechts zwei helle Strähnen ihr aufregend hübsches Gesichtchen einrahmten. Sie wäre noch viel hübscher gewesen, wenn sie lachen würde. Aber niemand hatte Mirja bisher auch nur einmal lächeln gesehen. Stets lag ein trotziger und auch verbitterter Zug um ihre fein geschwungenen Lippen, und ihre blauen Augen sahen gleichgültig über alles hinweg. Nur weil Dominik ihr eindringlich zugeredet hatte, war sie heute mit an den See gekommen. In sich gekehrt saß sie nun abseits der anderen. Es war ihr anzusehen, dass sie Probleme wälzte, von denen niemand etwas ahnte.

Als die anderen fröhlich im See schwammen oder plätscherten, setzte sich Nick zu dem stillen Mädchen, das sich an einen Baumstamm gelehnt hatte und unverwandt über den See starrte.

»Gefällt es dir denn gar nicht bei uns?«, begann Dominik das Gespräch. Mirjas Blick kehrte langsam zurück und huschte flüchtig über den hübschen Jungen. Sie zuckte die Schultern und sagte zurückhaltend: »Es könnte hier sehr schön sein.«

»Was hast du zu bemängeln?«

»Nichts!«

»Es scheint dir aber doch etwas nicht zu gefallen. Du sonderst dich ab und sprichst kaum ein Wort mit den anderen.«

Mirja krauste leicht die Stirn.

»Ich bin Kinder nicht gewöhnt. Zu Hause ist es weit bis zum nächsten Dorf. Hoheneichen ist ein Einödhof, nicht weniger schön gelegen als Sophienlust. Kinder sehe ich nur in der Schule. Mittags fahre ich mit dem Zug ein paar Stationen und gehe zu Fuß über die Felder heim. Wenn es regnet, werde ich mit dem Auto abgeholt.«

»Wer holt dich ab?«

»Mein Vati.« Mirjas Stimme schwankte bei dieser Antwort ein wenig. Ihre Mundwinkel zogen sich bekümmert herab.

Dominik tat, als merkte er nichts. Da er das Gespräch nicht abreißen lassen wollte, fragte er rasch: »Warum bist du hier?«

Das Mädchen zögerte lange. Es sah einen Augenblick aus, als wollte Mirja aufspringen und weglaufen. Dann aber sagte sie überraschend offen: »Mein Vater hat wieder geheiratet. Ich mag die neue Frau nicht.«

»Ach, weißt du«, entgegnete Dominik leichthin. »Meine Mutter hat auch wieder geheiratet, nachdem mein Vater tödlich verunglückt war. Ich habe anfangs gedacht, ich würde mich nie an den neuen Vater gewöhnen können. Ebenso wollten seine Kinder, die er als Witwer mit in die Ehe gebracht hatte, zunächst von meiner Mutter nichts wissen. Ich kann sehr gut verstehen, wie dir zumute ist, Mirja.«

Auf dem Gesicht des Mädchens lag ein nachdenklicher Zug. »Und?«, fragte Mirja mit einem raschen Blick. »Vertragt ihr euch jetzt, oder nicht?«

»Hast du eine Ahnung!«, sagte Dominik im Brustton der Überzeugung. »Wir denken kaum noch daran, dass wir nicht unsere richtigen Eltern haben. Und dann ist da noch Henrik. Er stammt aus der jetzigen Ehe unserer Eltern. Aber wir fühlen uns alle wie richtige Geschwister mit den richtigen Eltern!« Dominik brach misstrauisch ab, denn Mirja sah plötzlich so entsetzt aus. »Oh, mein Gott!«, flüsterte sie. »Sie wird sicher auch Kinder von ihm bekommen!«

»Das wäre doch wunderschön, Mirja! Dann wärest du nicht mehr so allein auf Hoheneichen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schön es ist, wenn man Geschwister hat. Glaube mir, eines Tages wirst du ganz vergessen, dass deine zweite Mutter nicht immer bei euch war.«

Mirja nahm eine Haarsträhne und wickelte sie um ihren Finger. Dabei traten ihr Tränen in die Augen. Sie konnte sie nicht unterdrücken. »Ich will nicht!«, stieß sie verzweifelt hervor, sprang auf und lief davon.

Dominik folgte ihr nicht. Von seiner Mutter wusste er, dass man einem unglücklichen Kind viel Zeit lassen musste. Auch Mirja würde auf Sophienlust anders werden. Dominik war fest davon überzeugt, dass seine Mutter auch bei diesem Mädchen Erfolg haben würde. Sie hatte schon viel schwerere Schicksale gemeistert.

Außerdem war ja auch noch Frau Rennert da – Tante Ma, wie die Kinder sie liebevoll nannten. Sie leitete das Heim, denn seine Mutter lebte ja auf Gut Schoeneich und konnte nicht die ganze Zeit auf Sophienlust sein.

»Nick!«, rief Pünktchen und winkte dem Jungen lebhaft zu. Sie kam aus dem Wasser und lief ihm entgegen. »Wo bleibst du denn? Du scheinst dich ja maßlos für diese Transuse zu interessieren!«

Dominik machte große Augen. »Wie redest du denn? Was ist eigentlich in dich gefahren? Seitdem Mirja hier ist, bist du reichlich komisch.«

Er betrachtete Pünktchen aufmerksam. Sie ist bestimmt nicht weniger hübsch als Mirja, dachte er. Süß sieht sie in ihrem bunten Bikini aus! Die lustigen Sommersprossen, die ihr den Namen Pünktchen eingetragen haben, geben ihrem süßen Gesicht einen ganz besonderen Reiz.

Pünktchen strich sich das nasse Haar aus der Stirn und sagte beleidigt: »Und ich finde dich komisch, Dominik!«

*

Wenn Pünktchen Dominik statt Nick sagte, war Feuer unter dem Dach. Da dies selten vorkam, fiel es Dominik doppelt auf. Er sah jedoch nicht ein, dass er mit Mirja nicht sprechen sollte, nur weil Pünktchen eifersüchtig war. Er fand ihr Verhalten kindisch und ungerecht. Mirja brauchte jetzt jemand, dem sie vertraute. Sie musste sich alles von der Seele reden können, um Erleichterung zu finden.

»Du, hör’ mal«, sagte Nick am nächsten Tag zu Pünktchen, »wenn du nicht verstehen kannst, dass man Mirja helfen muss, dann tust du mir leid. Ich habe das Gefühl, dass sie allmählich Vertrauen zu mir hat. Auch meine Mutter hat mich ermuntert, Mirjas Vertrauen zu gewinnen. Warum soll ich eigentlich nicht auf sie eingehen? Kannst du mir das erklären?«

Pünktchen wusste keine Erklärung. Sie schmollte und zog sich von Dominik zurück. Gleichzeitig beobachtete sie mit flinken Augen, wie der Freund wieder mit Mirja in ein Gespräch kam.

Die beiden saßen auf der Bank im Park und schienen nur noch für sich Interesse zu haben. Angelika und Vicky versuchten die neue Freundin zu trösten, doch Pünktchen sagte außer sich: »Sie stellt sich wie eine Diva an, die sich selbst unerhört wichtig findet, Wenn sie wüsste, dass wir keine Eltern mehr haben und was wir durchgemacht haben, bevor wir nach Sophienlust kamen, müsste sie ihre Probleme doch geradezu lächerlich finden.«

»Das kannst du nicht sagen!«, widersprach Angelika. »Mirja ist ganz einfach sehr traurig. Und wenn man traurig ist, findet man immer, dass niemand trauriger sein könne, als man selbst es ist.«

Vicky, mit ihren neun Jahren das jüngste der drei Mädchen, legte die Hand vor den Mund und gähnte demonstrativ: »Ihr langweilt mich wirklich! Den ganzen Tag wird nur noch von Mirja gesprochen. Dabei haben wir schon oft erlebt, dass ein neues Kind sich so anstellte wie sie. Nach einiger Zeit ändert sich das alles ganz von selbst.«

»Vicky hat recht!«, lobte ihre Schwester sie. »Ich kenne keinen, der Sophienlust nicht so gesund und munter wie ein Fisch verlassen hätte. Herrjeh, was haben wir schon für schwierige Kinder hier gehabt … Da ist Mirja gar nichts dagegen!«

Pünktchen hob hochmütig ihre kecke, kleine Nase. »Aber um Mirja kümmert sich Nick ganz besonders intensiv. Schaut nur, wie wichtig er es mit ihr hat!«

Im selben Augenblick sagte Dominik zu Mirja: »Du solltest froh sein, dass du nicht, wie die drei dort vorn, keine Eltern mehr hast. Denkst du übrigens auch mal über deinen Vater nach? Mensch, ich kann mir vorstellen, dass er ganz schön leidet, weil du ihn nicht mehr liebhast!«

»Da bist du auf dem Holzweg!«, platzte Mirja heraus. »Es ist genau umgekehrt. Die andere Frau hat mir meinen Vati gestohlen. Ich hasse sie! Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich sie hasse!«

Plötzlich war das ganze zierliche Persönchen in Bewegung geraten. Was sich in ihr angestaut hatte, drängte nun aus ihr heraus.

»Bei dir ist es sicher anders gewesen«, sprudelte Mirja erregt hervor. »Deine Mutter ist ja ganz anders als die jetzige Frau meines Vaters. Deine Mutter muss man liebhaben, und deine Stiefgeschwister sind sicher sehr, sehr glücklich, dass deine Mutter nach Schoeneich gekommen ist, um auch ihre Mutter zu sein. Aber bei mir? Hach, ich werde sie nie mögen, die Neue, die sich nur ins warme Nest setzen wollte. Gutssekretärin ist sie gewesen. Aber jetzt tut sie so, als würde sie auf Hoheneichen mehr als alle anderen verstehen. Es ist direkt lächerlich, wie mein Vater auf sie hört und sich mit ihr bespricht, Tante Erika sagt auch, es sei eine Schande, dass Vati meine Mutter vergessen hat.«

Mirjas Lippen zitterten. Dann rollten zwei Tränen über ihre rosigen Wangen, die sie hastig abwischte.

Dominik legte dem Mädchen mitfühlend den Arm um die Schulter. »Wer ist denn Tante Erika?«, erkundigte er sich und sah Mirja ruhig an.

»Das ist die Schwester meiner Mutter«, antwortete das Mädchen. »Sie wohnt in Lindau und besucht uns manchmal. Jetzt kommt sie aber kaum noch. Sie kann die Neue auch nicht leiden. Sie hat zu mir gesagt, dass noch nicht aller Tage Abend sei und dass es möglich sein würde, die fremde Frau hinauszuekeln. Ich dürfe nur nicht aufgeben.«

Dominik nickte gewichtig: »Ach, so ist das!«

»Ja«, stieß Mirja heftig hervor, »ich werde sie hinausekeln! Sie hat bei uns nichts zu suchen. Ich gönne ihr nicht, dass sie dort lebt, wo meine Mutter zu Hause war! Sie hat die Möbel umgestellt und Änderungen eingeführt, damit mein Vati möglichst wenig an seine frühere Frau erinnert wird. Mich aber kommandiert sie herum. Neulich, als ein Gewitter aufzog, hat sie mich sogar aufs Feld hinausgeschickt. Eine unserer Maschinen war kaputtgegangen, und ich musste hinter dem Wagen das Heu nachrechen. Sie triumphierte förmlich, dass das Heu noch vor dem Regen in die Scheune kam.« Mirjas Gesicht verzerrte sich, als sie fortfuhr: »Sie hat alles getan, um mich fortzuekeln. Mein Vati ist von ihr verhext. Sie ist nur darauf aus, ihn ganz allein für sich zu haben. Oh, ich könnte sie in der Luft zerreißen, diese raffinierte, gemeine Person, diese Mitgiftjägerin …«