Beschreibung

Meine Schwester ist tot. Seit vier Monaten und fünf Tagen. Ermordet. Heute habe ich eine E-Mail erhalten. Von ihr. Als Alice eine E-Mail von ihrer toten Schwester bekommt, hält sie das zunächst für einen schlechten Scherz. Dann folgt jedoch eine Einladung in die virtuelle Welt von Soul Beach, einem idyllischen Strandparadies, wo ihre Schwester Megan seit ihrer Ermordung festsitzt. Unter www.soulbeach.org entdeckt Alice eine völlig neue Welt abseits der Realität, die sie mehr und mehr in ihren Bann zieht. Doch wer steckt hinter Soul Beach und warum herrschen hier solch strenge Regeln? Warum wird der Strand nur von Jungen und Schönen bewohnt? Und warum sind sie alle tot? Wer hat Megan umgebracht? Und könnte Alice das nächste Opfer sein? "Frostiges Paradies" ist der erste Band der Soul Beach-Trilogie. Das Jenseits ist ein Strand und soziale Netzwerke wie Facebook gibt es auch für Tote. Kate Harrison erzählt eine Geschichte von Tod und Erlösung und macht daraus einen brandaktuellen Mystery-Thriller.

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Seitenzahl: 385

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Sammlungen



Für Mum, Dad und ganz besonders Toni – denn eine Schwester hat man für immer …

Das Mädchen ist tot, definitiv.

Ihr Gesicht, das Gesicht, das im Internet eine Milliarde Mal angeklickt wurde, ist leicht gerötet, als wäre sie zu lange in der Sonne gewesen. Irgendwie hat ihre Haut noch immer dieses Leuchten – einer der Fernsehkritiker hat geschwärmt, sie wirke frisch wie ein Tautropfen –, aber das wird natürlich nicht mehr lange so bleiben. Ihr Haar war nach dem Kampf zerzaust, aber jetzt ist es wieder glatt gekämmt und liegt ausgebreitet wie ein Fächer auf dem Kissen. Sie sieht aus wie Dornröschen.

Ist sie wirklich schön oder nur hübsch? Als sie noch lebte, hat sich diese Frage nicht gestellt, denn das Gesamtpaket – ihr Gesicht, ihr Selbstbewusstsein, ihr Gang und diese einmalige Stimme – war einfach unwiderstehlich. Jetzt, als sie so still daliegt, ist es leichter, objektiv zu sein.

Ach, seien wir doch großzügig. Sagen wir, sie ist schön. Das cremeweiße Kleid liegt in unordentlichen Falten und wirkt außerdem ein bisschen nuttig, aber sie umzuziehen wäre zu viel Arbeit. Tote zu bewegen ist anstrengend.

Ihre Augen sind geschlossen. Vor ein paar Sekunden, bestimmt zehn Minuten nachdem sie aufgehört hatte, sich zu wehren, haben die Lider noch ein paarmal geflattert, als würde sie träumen. Von einem ewigen Dasein im Rampenlicht vielleicht? Doch bevor das Kissen noch einmal zum Einsatz kommen musste, hörte sie auf, sich zu bewegen. Es war nur ein letzter Reflex.

Oder vielleicht genau der Moment, in dem sie gegangen ist. Wo ist sie jetzt? Liegt sie auf einer weichen Wiese, umschwirrt von Bienen und Schmetterlingen? Oder an einem tropischen Strand, wo die Wellen sanft gegen ihren Körper schlagen?

Zeit zu gehen. Zumindest wird ihr Anblick demjenigen, der sie findet, keine Albträume bescheren. Für eine Leiche wirkt sie alles andere als leblos.

1

Die erste E-Mail von meiner Schwester kommt am Morgen ihrer Beerdigung.

Ich weiß, ich weiß. Wie krank muss man sein, vor dem Begräbnis seiner Schwester noch schnell seine E-Mails zu checken? Aber manchmal tut es einfach so weh, als flösse Säure statt Blut durch meine Adern, und dann gehe ich online.

Im Netz ist wenigstens alles normal. Keine Leichenschauen, keine Kriminalpolizisten, keine Fernsehkameras. Nur Facebook-Updates darüber, wer was mit wem hat. Und Junkmails von afrikanischen Prinzen, die mir freundlicherweise einen Anteil ihres Vermögens anbieten. Ach ja, und E-Mails von Toten. Das ist weniger normal.

Zuerst scrolle ich beinahe über die Nachricht hinweg, und sobald ich sie sehe, weiß ich, dass sie nicht echt sein kann. Das ist entweder ein ganz verrückter Zufall oder irgendwer hat sich in ihren Account gehackt, von dem aus sie mir sonst immer den neuesten Tratsch aus dem College und witzige Sauffotos geschickt hat.

Doch obwohl ich mir sicher bin, dass es ein blöder Scherz ist, drückt mein Finger die Maustaste und ich kann kaum atmen, während die Mail geladen wird …

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 15.September 2012

Zeit: 10:05:12

Betreff:

[DIESE E-MAIL HAT KEINEN INHALT]

Um diese Nachricht als Phishing-Versuch zu melden, klicken Sie bitte hier.

Der grellweiße Bildschirm tut mir in den Augen weh, aber ich traue mich nicht zu blinzeln, aus Angst, dass die Nachricht dann verschwindet.

»Alice, was machst du denn da oben? Der Wagen ist hier.«

Ich bringe kein Wort heraus.

Das muss ein Defekt sein. Ein Gespenst in der Maschine. Eine E-Mail-Version dieser Geschichten, in denen jemand plötzlich eine Weihnachtskarte aus dem Jahr 1952 bekommt, von seiner längst verstorbenen Oma.

Und es ist sicher nur Zufall, dass ich die verlorene E-Mail meiner Schwester gerade mal eine Stunde vor ihrem letzten … Auftritt … bekomme.

»Alice?«

Ich zucke zusammen, obwohl meine Mum draußen vor der Zimmertür steht. »Bin gleich so weit!«, rufe ich.

Aber ich rühre mich nicht vom Fleck. Ich kann einfach nicht. Ich habe das Gefühl, als wäre irgendetwas dort. Etwas, das ich nicht sehen kann.

Vielleicht habe ich sie jetzt wirklich nicht mehr alle. »Du bist nicht echt«, zische ich dem Bildschirm zu. »Nicht echt.«

Ich will aufstehen. Meine Beine sind schwer wie Blei und ich kann den Blick noch immer nicht vom Bildschirm lösen. Irgendwas muss ich übersehen, aber was?

»Alice? Nun komm aber.« Mum klingt ein bisschen angefressen. Schätze mal, das hier ist auch nicht gerade der schönste Tag ihres Lebens. Ich sollte mir mehr Mühe geben. Eine bessere Tochter sein, jetzt, da ich zum Einzelkind geworden bin.

Aufstehen. Zur Tür. Einen Fuß vor den anderen. Immer weiter gehen.

Ich drehe ich mich noch mal zum Bildschirm um und da sehe ich es. Die Zeit.

10:05:12

Kurz nach zehn Uhr morgens am Tag von Meggies Beerdigung.

Oder 10.05.12.

2

Eigentlich sind wir schon längst Nachrichten von gestern. Oder, um genauer zu sein, Nachrichten von vor vier Monaten. Der tragische Fall der Familie Forster.

Seit dem Mord an Meggie gab es noch Hunderte weitere. Menschen wurden erstochen, erschossen und überfahren. Aber der Tod meiner Schwester hätte es wohl auch dann in die Schlagzeilen geschafft, wenn sie kein Fernsehstar gewesen wäre. MrBryant, mein Lehrer für Medienwissenschaft, hat gesagt, die Zeitungen interessieren sich vor allem für Mordopfer, die weiblich, hübsch und weiß sind, dabei sind die meisten Jugendlichen, die sterben, männlich, pickelig und schwarz.

Allerdings hat er sich mit solchen Aussagen zurückgehalten, seit Meggie gestorben ist.

Als unser Wagen abfährt, sehe ich zwei Reporter von den Lokalnachrichten vor unserem Haus. Ich habe ihnen immer auf dem Minifernseher in meinem Zimmer dabei zugesehen, wie sie direkt unter meinem Fenster standen und live berichteten. Bei ausgeschaltetem Ton konnte ich ihre Stimmen durch die Scheibe hören.

Ich mache die Augen zu, um alles auszublenden. Aber es funktioniert nicht, denn jetzt sehe ich nur noch diesen Computerbildschirm vor mir, mit diesem Datum. Das kann doch kein Zufall sein, oder?

»Ich hoffe bloß, dass niemandem deine Manschettenknöpfe auffallen, Glen.«

Mein Vater seufzt. »Wieso das denn?«

»Die sind viel zu glänzend. Zu fröhlich. Heute kommt es auf die kleinste Kleinigkeit an.«

Mums eigenes Outfit, ein brandneues graues Seidenkleid, ist natürlich genau richtig. Bevor Meggie gestorben ist, wäre sie über die Tatsache, Größe 40 tragen zu müssen, am Boden zerstört gewesen. Die alte Mum hat Yoga und Pilates und Body-Combat gemacht. Die neue Mum geht nur noch zur Trauerhilfe. Ihr Körper mag schwabbeliger sein, aber ihre Seele ist top gepflegt. Montagabends ist Gruppensitzung, mittwochnachmittags hat sie Einzelgespräche mit ihrem Therapeuten Olav, donnerstags gibt es offene Treffen und am Wochenende ist sie die ganze Zeit online und teilt ihre Gefühle mit anderen. In den Trauerforen ist sie eine richtige Berühmtheit.

Dad hat einen komplett anderen Weg eingeschlagen. Er will partout nicht mit zur Gruppentherapie, auch wenn Mum ihn dann endlich damit in Ruhe lassen würde, und sein Beerdigungsanzug hängt so schlabbrig an ihm runter, dass er darin aussieht wie ein Stadtstreicher. Seine Ernährung beschränkt sich mehr oder weniger auf Erdnüsse und Whisky. Er ist der starke, schweigsame Typ, wie ein Cowboy aus einem alten Western. Oder, na ja, ein Cowboy im Körper eines Rechtsanwalts.

Ich bin das Schweinchen in der Mitte. Und genau so fühle ich mich heute auch, in meiner glänzenden Strumpfhose, die viel zu warm ist für die spätsommerliche Hitzewelle, einem ziemlich omamäßigen schwarzen Rock und einer cremefarbenen Bluse mit Puffärmeln, die meine Mutter für mich ausgesucht hat. Schwitzend hocke ich zwischen meinen Eltern, herausgeputzt wie eine Fünfjährige auf dem Weg zu einer Geburtstagsparty, und muss die Hände unter die Oberschenkel klemmen, um nicht die Tür aufzureißen und aus dem Auto zu springen.

Als der Wagen vor der Kirche hält, bin ich schockiert über die riesige Menschenmenge, die dort wartet.

Ob Meggies Mörder auch hier ist?

Die Erste, die mir auffällt, ist Sahara, weil sie so groß ist. Sie hebt ihren muskulösen Arm zu einem halben Winken. Sahara hatte im Studentenwohnheim das Zimmer neben Meggie und jetzt entdecke ich auch ein paar der anderen Mädchen von meinen Besuchen an der Uni. Ich mustere ihre Gesichter, suche nach einem Ausdruck von Schuld. Oder Bösartigkeit.

Hat eine von euch meine Schwester getötet?

Am liebsten würde ich ihnen die Frage entgegenschreien, um zu sehen, wie sie darauf reagieren. Aber wäre das alles leichter zu ertragen, wenn ich die Wahrheit kennen würde?

Einige der Mädchen haben offensichtlich schon geweint. Saharas Freund ist der einzige Junge in der Runde. Wie heißt er noch gleich? Andrew? Aidan? Ja, wirklich ein einprägsamer Typ.

Tim ist nicht hier, natürlich nicht. Mum wollte ihm verbieten zu kommen, aber wie Dad richtig bemerkt hat, wäre er sowieso nicht aufgetaucht. Er meinte, Tim sei der Typ Mensch, der einfach wisse, dass das nicht richtig wäre. Woraufhin Mum nur missbilligend mit der Zunge geschnalzt und etwas gemurmelt hat wie: »Und der Typ Mensch, der seine Freundin ermordet und damit davonkommt.«

Aber dass er sie getötet haben soll, glaube ich keine Sekunde lang. Und ich weiß, dass er heute an uns denken wird. An Meggie.

Links von Sahara stehen noch mehr Leute, die Studenten sein könnten, aber ich kenne keinen von ihnen. Also was zum Teufel wollen die hier? Doch ihre glasigen Augen, schlaff herunterhängenden Kiefer und die Art, wie sie mich anstarren, verraten es mir. Das sind die Leute, die ständig im Internet rumhängen und Kommentare zu Meggies YouTube-Clips und in den Sing for your Supper-Fanforen posten, rumjammern, wie sehr sie ihnen fehlt und wie sehr sie sie geliebt haben, und behaupten, sie sei ihre beste Freundin gewesen.

Nach nur einer Staffel dieser beschissenen Castingshow glauben diese Idioten, Meggie wäre ein Teil ihres Lebens gewesen und sie hätten irgendeinen Anspruch auf sie.

Aber bedeutet das, dass einer von ihnen sie getötet hat?

Dad meint, das seien nur harmlose Irre, aber woher wussten sie dann, was heute hier in der Kirche passieren würde? Vielleicht gibt es ja eine spezielle Website für Leute, denen beim Thema Tod einer abgeht.

Oder eine Website für Leute, die sich für ihre toten Idole ausgeben?

Vielleicht sehe ich gerade der Person in die Augen, die Meggies Account gehackt und mir diese Mail geschickt hat. Mir ist schlecht.

Wir steigen aus dem Wagen und Mum wird sofort von einem Knäuel Menschen verschluckt. Ihre Trauerkameraden. Fünf Frauen und ein großer blonder Mann mit dem Schmollmund eines Supermodels und einem Gesicht wie frisch retuschiert. Mir ist sofort klar, dass das Olav sein muss, der Experte für Schmerz und Verlust.

Robbie und Cara stehen am Kircheneingang. Sie sind immer für mich da. In einem Paralleluniversum, in dem das Einzige, was ich mit dem 10.05.12 verbinde, mein sechzehnter Geburtstag ist, würde ich Robbie noch als meinen Freund bezeichnen und Cara als meine beste Freundin und wir würden alle drei zusammen planen, an welcher Uni wir uns bewerben, und spekulieren, ob unsere Eltern uns wohl zusammen in den Urlaub fahren lassen. Aber jetzt …

Sie umarmen mich, erst Cara, dann Robbie. Cara sieht aus wie immer – sie hat gerade so eine Phase, in der sie nur Schwarz trägt, sogar am Strand –, aber Robbie, der eigentlich ein absoluter Jeans-und-T-Shirt-Typ ist, sieht in seinem Anzug so viel erwachsener und ernsthafter aus und, ja, irgendwie auch ziemlich sexy. Nur leider weiß ich nicht mehr, ob ich auf diese Weise noch für ihn empfinde.

Dad wirkt verloren. Für ihn ist niemand gekommen.

Nach dem klimatisierten Auto ist es heiß draußen und dann wird es wieder kühl, als wir die dunkle Kirche betreten. Ich fühle mich, als hätte ich Fieber.

Oh Gott.

Das kann doch nicht sie sein, dort in dem Sarg vor mir. Einer nach dem anderen nehmen wir in der ersten Reihe Platz; ich starre auf meine Hände. Alles, nur nicht hinsehen. Meggie ist bei uns, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Und sie ist definitiv, mit hundertprozentiger Sicherheit nicht mehr dazu in der Lage, mir zu rätselhaft bedeutungsvollen Uhrzeiten leere E-Mails zu schicken.

Die dröhnende Stimme des Pfarrers füllt die ganze Kirche mit Worten über meine Schwester, ein Mädchen, das er nicht gekannt hat und niemals kennenlernen wird.

»Der heutige Tag ist ein Tag der Trauer, aber auch der Dankbarkeit für das Leben von Megan Sophie London Forster. Die lange Wartezeit, bis Megan zur Ruhe gebettet werden konnte, war schwer zu ertragen für diejenigen, die sie geliebt haben, ganz besonders für Beatrice, ihre Mutter, Glen, ihren Vater, und Alice, ihre Schwester …«

Um mich herum fangen die Leute an zu singen. Sahara schmettert drauflos, genau wie die meisten der Stalker. Aber Kirchenlieder haben Meggie nie etwas bedeutet. Selbst Amazing Grace, der Song, der ihre Fernsehkarriere ins Rollen gebracht hat, war nicht ihre eigene Wahl. Sie mochte im Grunde nur weibliche Solosängerinnen mit ähnlich kraftvollen Stimmen, wie ihre eigene es war. Das hier hätte sie schrecklich gefunden.

Ich denke an sie, wie sie dort unter dem Sargdeckel liegt. Ich weiß, sie trägt Stilettos und ihr zweitliebstes Kleid, das mit den großen handgemalten Mohnblumen drauf. Das seidene weiße Wickelkleid, fließend wie Quellwasser, das sie eigentlich am liebsten mochte, konnten sie ihr nicht anziehen, weil sie darin gefunden wurde. Es ist ein Beweisstück.

Ich dachte immer, Särge wären so massig wie Landrover, um ihre Passagiere sicher ins Jenseits zu bringen. Aber ihrer ist schmal und schnittig, mit Chromgriffen, die nicht robuster wirken als die Riemchen an ihren Stilettos.

In diesem Moment verlässt mich meine Tapferkeit. Und ich fange an zu weinen.

Ich kann das nicht. Ich kann nicht zusehen, wie sie begraben wird.

Es ist das Schlimmste, was ihr passieren konnte. Sie hat die Dunkelheit gehasst, genau wie enge Räume, und was die Erde angeht … meine Schwester hat früher noch nicht mal Sandburgen gebaut, weil sie keinen Dreck unter die Fingernägel bekommen wollte.

Also renne ich nach Hause – zwei Meilen durch die Seitengassen, um niemandem zu begegnen, den ich kenne. Die ganze Zeit versuche ich die Vorstellung aus meinen Gedanken zu verbannen, wie sie in ihrem Grab liegt, die Hände in das schwere Erdreich über sich krallt und nach Luft ringt, aber stattdessen immer mehr Dreck ihre Lunge füllt.

Hat es sich so angefühlt, als der Mörder ihr das Kissen aufs Gesicht drückte?

Meine Hand zittert dermaßen heftig, dass ich den Schlüssel kaum ins Schloss bekomme, und mein Atem geht laut und schmerzhaft.

In meinem Zimmer angelangt, schäle ich mich aus den verschwitzten Kleidern, aber meine Haut riecht noch immer nach Kirche, nach Weihrauch. Nach Tod.

Mit einem Mal kommt mir mein Computer bedrohlich vor. Ich fahre ihn hoch, halb in der Erwartung, mir diese E-Mail nur eingebildet zu haben. Und halb in der Hoffnung, dass ich eine weitere finde.

Aber als ich mich einlogge, ist alles unverändert. Die Mail ist noch da, aber sonst nichts.

Ich starre darauf, falls dort irgendwo ein Bild sein sollte, verborgen in den Pixeln, aber nichts ändert sich. Noch nicht mal die Zeit: 10:05:12.

Vier Monate und fünf Tage, seit sie uns verlassen hat.

Ich öffne eine neue Mail und beginne zu schreiben.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Meine liebste Schwester,

Nein. Das ist der vollkommen falsche Start. So rührselig habe ich nie mit ihr gesprochen, und obwohl sie das hier niemals lesen wird, würde sie mich wahrscheinlich auslachen oder endgültig für verrückt erklären, wenn ich jetzt damit anfinge.

Ich lösche die erste Zeile und versuche es noch mal anders.

Megster!

Schon besser. Das ist einer der ungefähr tausend Spitznamen, die ich für sie hatte.

Wo warst du, Schwesterherz? Du hast alles verpasst. Deine eigene Beerdigung. Und die Musik erst, grauenhaft. Wahrscheinlich drehst du dich gerade im Grab rum, was?

Diese Redewendung habe ich noch nie zuvor benutzt.

Ich hoffe, dir geht’s gut. In deinem Grab. Mann, klingt das komisch. Tut mir echt leid, dass ich nicht dageblieben bin, um Erde reinzuschaufeln oder was man da auch immer macht. Ich konnte einfach nicht.

Erde. Allein das Wort lässt mich schon wieder ganz flach atmen.

Schätze mal, wenn du … noch hier bist, auf irgendeine Art, dann hast du mich auch in der Kirche gesehen. Das tut mir auch leid. Ich weiß ja, du kannst Heulsusen nicht leiden.

Ich habe versucht, sie davon zu überzeugen, dich nicht zu begraben. Ich fand, wir sollten deine Asche an einem Ort verstreuen, an dem du gerne warst, zum Beispiel auf Korfu am Strand, aber die Polizei meinte, du müsstest beerdigt werden, für den Fall, dass …

Ich halte inne. Interessiert sich eine Tote überhaupt für das Schicksal ihres Körpers oder lässt sie ihn einfach hinter sich, wie ein Primark-Top aus der letzten Kollektion?

Na ja, lassen wir das. Jedenfalls war das ein ganz schöner Aufmarsch vor der Kirche, Meggie. So viele Leute haben dich lieb gehabt, auch wenn ich dich noch viel lieber hatte als die alle zusammen. Das wusstest du doch, oder? Auch wenn wir es uns nicht oft genug gesagt haben.

Tja, dann sage ich es eben jetzt. Ich hab dich lieb,

deine kleine Schwester xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Ich lese mir die E-Mail noch mal durch. Vielleicht sollte ich ihr alles erzählen, was passiert ist, seit sie nicht mehr da ist: von dem Schweigen zu Hause, dem ihr gewidmeten Song, dem Besser-als-erwartet-unter-den-Umständen-Ergebnis meines Abschlusstests, meinem Rückfall beim Nägelkauen.

Aber wenn sie aus dem Himmel auf uns runtersieht, weiß sie das sowieso alles. Vielmehr muss sie erfahren, was wirklich wichtig ist, und jetzt, nachdem ich es ihr gesagt habe, fühle ich mich schon viel besser. Okay, wenn diese leere Mail tatsächlich von so einem bescheuerten, kranken Fan war, der ihren Account gehackt hat, dann habe ich ihm wohl mehr Drama geliefert, als er sich je erträumt hätte. Aber wen interessiert’s? Wenn es auch nur die geringste Chance gibt, dass Meggie mich hört – selbst wenn die Chance winziger ist als die, Außerirdische auf dem Mars oder ein Heilmittel für Krebs zu finden –, dann ist es das Risiko wert, dass irgend so ein armseliger Loser, der auf tote Mädchen steht, erfährt, was in mir vorgeht.

Ich klicke auf Senden.

3

Unten streiten sich mal wieder meine Eltern. Es ist immer dasselbe. Ich dachte, nach der Beerdigung wird vielleicht alles besser, aber eine Woche danach ist immer noch kein Ende in Sicht. Früher habe ich mich immer so überlegen gefühlt, wenn meine Freunde darüber gejammert haben, wie ihre Eltern sich zankten. Jetzt nicht mehr.

»Ist dir das alles denn egal?«

»Bea, fang nicht so an, bitte.«

»Nein. Ich will wissen, ob es dir überhaupt wichtig ist.«

Ich drehe die Musik lauter, aber ihre Stimmen sind trotzdem nicht zu überhören.

»Okay, nein. Nein, es ist mir nicht wichtig, kein bisschen.«

»Glen, das kann jetzt nicht dein Ernst sein. Megan muss doch den richtigen Baum bekommen. Einen, der schön und grazil ist, aber trotzdem stark. Vielleicht wäre ein Obstbaum am besten. Aber wäre es dann nicht seltsam, die Früchte zu essen? Oh Gott, siehst du, du musst mir helfen …«

»Megan konnte eine Eiche nicht von einer Kiefer unterscheiden. Sie war neunzehn, Bea. Gärtnern war ihr absolut schnurz.«

»Es geht doch nicht ums Gärtnern. Sondern um ein Symbol für ihr Leben.«

»Tu, was du für richtig hältst. Gieß deinen Baum mit Champagner und düng ihn mit Kaviar, aber das ändert auch nichts. Wir können Megan nicht durch einen Baum ersetzen und auch nicht durch einen Rosenstrauch oder eine verdammte Blumenampel.«

Vielleicht schafft es ja eine Talksendung im Radio, sie zu übertönen. Ich stöpsele meine Kopfhörer in den Laptop.

Was jetzt? Ich könnte Robbie anrufen, aber der will dann sicher nur über die Beerdigung reden, weil er meint, das gehört sich so. Cara würde versuchen, mich mit Geschichten über ihren neuesten Schwarm abzulenken, und das kann ich jetzt auch nicht ertragen.

Bleiben immer noch die Hausaufgaben für Medienwissenschaft, wenn ich ganz verzweifelt sein sollte. Ich nehme mir das Arbeitsblatt vor: Ein globalisiertes, zentralisiertes Medienwesen führt unweigerlich zu einem eingeschränkten Blick auf die Welt. Belege diese These mit relevanten Beispielen.

Na, so verzweifelt bin ich dann doch nicht.

Ich weiß, was ich machen will. Es ist bestimmt zehn Minuten her, seit ich das letzte Mal meine E-Mails gecheckt habe, also wäre jetzt doch ein guter Zeitpunkt, um noch mal nachzusehen. Seit der Beerdigung ist nichts mehr von Meggies Account angekommen. Vielleicht spukt das Gespenst in der Maschine schon längst bei jemand anderem rum. Die ganze Zeit muss ich gegen den Drang ankämpfen, ihr noch eine Mail zu schicken. Klar ist das verrückt, aber nach der ersten habe ich mich immerhin ein winziges bisschen besser gefühlt.

Im Spamordner sind drei Mails, aber keine mit Meggies Adresse.

Ich will die Nachrichten gerade löschen, da sehe ich die Betreffzeile der untersten …

4

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 22.September 2012

Betreff: Meggie Forster hat dir eine Einladung für den Strand geschickt

Liebe ALICE,

MEGGIE FORSTER lädt dich ein, sie am Soul Beach zu besuchen, dem weltexklusivsten sozialen Netzwerk im Urlaubsstil. Die Mitgliedschaft kann allein durch eine Einladung erworben werden, und um deine Anmeldung zu aktivieren, musst du in jedem Fall dem unten stehenden Link folgen.

Wir sehen uns am Strand,

die Geschäftsleitung, Soul Beach

Wo jeder Tag so schön ist wie der vorige.

Wie bitte? Soul Beach?

Ich gehe sofort zu Google, aber da finde ich nichts. Dann versuche ich, die Website soulbeach.org direkt aufzurufen. Meine Hände zittern so stark, dass ich mich ständig vertippe, aber als ich es endlich hinkriege und Enter drücke, friert das Bild ein. Nichts passiert. Gar nichts. Am liebsten würde ich den Computer anschreien, aber dann hört mich Mum. Also flüstere ich nur.

»Was soll das, Meggie? Wo zum Teufel bist du? Bist du überhaupt da?«

Aber natürlich kommt keine Antwort. Wie auch? Ich würde mal sagen, zwei zu null für dieses Schwein, das sich wahrscheinlich ein Loch in den Bauch gefreut hat, weil ich blöd genug war, überhaupt auf die erste Mail zu antworten.

In meinen Ohren rauscht das Blut, so wütend bin ich. Ich muss hier raus. Wohin, weiß ich noch nicht. Irgendwohin, wo ich nicht vor diesem verdammten Bildschirm sitze. Ich schließe Firefox und dann …

Oh Gott.

Ich starre auf den Desktop, der seit Ewigkeiten denselben Hintergrund hat – schon lange bevor das alles passierte. Eine Fotocollage der schönsten Erlebnisse mit meinen Freunden, meinen Eltern und, natürlich, meiner Schwester. In der Mitte ist ein Bild von uns beiden beim Campingurlaub in Frankreich zu sehen, als wir gerade den Kostümwettbewerb als Alice und der verrückte Hutmacher gewonnen hatten. (Natürlich durfte Meggie Alice spielen, auch wenn das mein Name ist. Sie war einfach perfekt für die Rolle.)

Nur dass sie nicht mehr da ist. Wir anderen auch nicht. Die Collage ist verschwunden und an ihrer Stelle ist ein neues Foto aufgetaucht.

Ein Foto des schönsten Strandes, den ich je gesehen habe.

5

Cara liest sich den Ausdruck der E-Mail ungefähr fünfzig Mal durch, bevor sie etwas sagt.

»Die sind doch alle krank, diese Penner.«

Sie steckt sich einen neuen Nikotin-Kaugummi in den Mund. Ihre Mum ist Ärztin und gibt ihr davon eine Packung pro Woche, seit die Schule sie informiert hat, dass Cara hinter der Sporthalle geraucht hat. Was Mummy aber nicht weiß, ist, dass ihre Tochter a) ihre erste Schachtel Zigaretten bereits an ihrem dreizehnten Geburtstag gekauft hat und b) trotz der Kaugummis keineswegs aufgehört hat zu rauchen, sondern sich so lediglich über die großen Pausen rettet, da sie, wenn sie sich noch mal irgendwo auf dem Schulgelände erwischen ließe, sofort von der Schule fliegen würde. Wer sich zwei Fehler leistet, ist raus aus der Redview Mädchenschule.

»Ich meine«, sagt sie jetzt und wickelt sich eine frisch gefärbte blauschwarze Haarsträhne um den Finger, »was für ein Psycho macht denn so was?«

»Du würdest dich wundern, wie viele Spinner in den Internetforen was über Meggie geschrieben haben, als sie gestorben ist.«

»Du hast sie gegoogelt?«

Ich werde rot. »Ja. Macht mich das auch zu einer Spinnerin?«

Sie denkt darüber nach; immer wieder taucht der Kaugummi grau wie ein Grabstein zwischen ihren vor Kurzem erst gebleichten Zähnen auf. »Nö. Hätte ich auch gemacht, wenn sie meine Schwester wäre.«

Cara ist ein Einzelkind. Wir haben immer gesagt, wir wären Seelenschwestern, bis Meggie gestorben ist und mir, viel zu spät, klar geworden ist, dass sich mit einer echten Schwester nichts vergleichen lässt.

»Was auf Facebook abgelaufen ist, war ja noch verhältnismäßig normal – na ja, wenn man es als normal bezeichnen kann, wenn Leute jemandem, den sie gar nicht kennen, tonnenweise virtuelle Blumensträuße schicken. Aber es gab auch ganze Foren, in denen es nur um ihre Stimme und ihr Gesicht ging oder irgendwelche erfundenen Geschichten über ihr Leben. Jeder da hatte seine ganz eigene Theorie darüber, wer sie getötet hat, und warum.«

Cara schenkt mir einen mitfühlenden Blick. »Als wäre das nicht offensichtlich.«

Ich runzele die Stirn. »Er ist nicht angeklagt worden. Wenn es wirklich so offensichtlich wäre, dann würde er jetzt im Gefängnis sitzen, Cara, das weißt du genau. Egal, was die Zeitungen behaupten.«

Tim hat sie nicht umgebracht. Mittlerweile bin ich mir über so ziemlich gar nichts auf der Welt mehr sicher, aber ich weiß einfach, dass ein Typ, der Spinnen aus der Gemeinschaftsküche im Studentenwohnheim rettet, kein Mörder sein kann.

Aber wenn er es nicht war, wer dann?

Sie wirft mir diesen typischen Blick zu, der besagt: Tja, wir wissen ja alle, wie toll du Tim findest, seit Meggie ihn das erste Mal von der Uni mit nach Hause gebracht hat, also können wir von dir wohl kaum erwarten, dass du das Ganze rational siehst.

Dabei stimmt das noch nicht mal. Ja, ich mochte ihn, weil er der erste von Meggies Freunden war, der mich wie einen eigenständigen, interessanten Menschen behandelt hat, aber Cara hat mir natürlich nie geglaubt, dass es so einfach ist, und mich die ganze Zeit mit ihm aufgezogen – obwohl sie mich mehr oder weniger damit in Ruhe gelassen hat, seit meine Schwester tot ist.

Sie liest die E-Mail noch einmal. »Und, wie sieht sie aus?«

»Häh?«

»Die Seite, du Trottel. Wie sieht Soul Beach aus? Ist wirklich jeder Tag so schön wie der vorige?«

Jetzt werfe ich ihr einen vielsagenden Blick zu. »Ich habe nicht auf den Link geklickt. Ist wahrscheinlich eh nur ein mieser Trick. Aber ich hab ›Soul Beach‹ gegoogelt und so eine Seite scheint es gar nicht zu geben.«

Cara starrt mich an, als hätte ich komplett den Verstand verloren. Dann klingelt es zur nächsten Stunde und ich gehe zu Englisch und sie zu Rechtswissenschaft, und ich kriege kein Wort von dem mit, was der Lehrer sagt, weil ich viel zu beschäftigt damit bin, in Gedanken meine Antwort an den Soul-Beach-Psycho zu formulieren.

6

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 23.September 2012

Betreff: Re: Meggie Forster hat dir eine Einladung für den Strand geschickt

An den jämmerlichsten Typen, der je gelebt hat:

Wie kann man nur so krank sein?

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