Beschreibung

Die spannende Fantasy-Trilogie in einem eBundle! Das eBook enthält die Bände "Frostiges Paradies", "Schwarzer Sand" und "Salziger Tod". Das Jenseits ist ein Strand und soziale Netzwerke wie Facebook gibt es auch für Tote. Kate Harrison erzählt eine Geschichte von Tod und Erlösung und macht daraus einen brandaktuellen Mystery-Thriller. Als Alice eine E-Mail von ihrer toten Schwester erhält, glaubt sie zunächst an einen schlechten Scherz. Dann folgt sie jedoch einer Einladung in die virtuelle Welt von Soul Beach, einem idyllischen Strandparadies, wo ihre Schwester Megan seit ihrer Ermordung festsitzt. Hier entdeckt Alice eine völlig neue Welt abseits der Realität, die sie mehr und mehr in ihren Bann zieht. Doch wer steckt hinter Soul Beach und wer hat Megan umgebracht? Alice macht sich auf die Suche nach dem Mörder ihrer Schwester und gefährdet damit bald ihr eigenes Leben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1257


Für Mum, Dad und ganz besonders Toni – denn eine Schwester hat man für immer …

Das Mädchen ist tot, definitiv.

Ihr Gesicht, das Gesicht, das im Internet eine Milliarde Mal angeklickt wurde, ist leicht gerötet, als wäre sie zu lange in der Sonne gewesen. Irgendwie hat ihre Haut noch immer dieses Leuchten – einer der Fernsehkritiker hat geschwärmt, sie wirke frisch wie ein Tautropfen –, aber das wird natürlich nicht mehr lange so bleiben. Ihr Haar war nach dem Kampf zerzaust, aber jetzt ist es wieder glatt gekämmt und liegt ausgebreitet wie ein Fächer auf dem Kissen. Sie sieht aus wie Dornröschen.

Ist sie wirklich schön oder nur hübsch? Als sie noch lebte, hat sich diese Frage nicht gestellt, denn das Gesamtpaket – ihr Gesicht, ihr Selbstbewusstsein, ihr Gang und diese einmalige Stimme – war einfach unwiderstehlich. Jetzt, als sie so still daliegt, ist es leichter, objektiv zu sein.

Ach, seien wir doch großzügig. Sagen wir, sie ist schön. Das cremeweiße Kleid liegt in unordentlichen Falten und wirkt außerdem ein bisschen nuttig, aber sie umzuziehen wäre zu viel Arbeit. Tote zu bewegen ist anstrengend.

Ihre Augen sind geschlossen. Vor ein paar Sekunden, bestimmt zehn Minuten nachdem sie aufgehört hatte, sich zu wehren, haben die Lider noch ein paarmal geflattert, als würde sie träumen. Von einem ewigen Dasein im Rampenlicht vielleicht? Doch bevor das Kissen noch einmal zum Einsatz kommen musste, hörte sie auf, sich zu bewegen. Es war nur ein letzter Reflex.

Oder vielleicht genau der Moment, in dem sie gegangen ist. Wo ist sie jetzt? Liegt sie auf einer weichen Wiese, umschwirrt von Bienen und Schmetterlingen? Oder an einem tropischen Strand, wo die Wellen sanft gegen ihren Körper schlagen?

Zeit zu gehen. Zumindest wird ihr Anblick demjenigen, der sie findet, keine Albträume bescheren. Für eine Leiche wirkt sie alles andere als leblos.

1

Die erste E-Mail von meiner Schwester kommt am Morgen ihrer Beerdigung.

Ich weiß, ich weiß. Wie krank muss man sein, vor dem Begräbnis seiner Schwester noch schnell seine E-Mails zu checken? Aber manchmal tut es einfach so weh, als flösse Säure statt Blut durch meine Adern, und dann gehe ich online.

Im Netz ist wenigstens alles normal. Keine Leichenschauen, keine Kriminalpolizisten, keine Fernsehkameras. Nur Facebook-Updates darüber, wer was mit wem hat. Und Junkmails von afrikanischen Prinzen, die mir freundlicherweise einen Anteil ihres Vermögens anbieten. Ach ja, und E-Mails von Toten. Das ist weniger normal.

Zuerst scrolle ich beinahe über die Nachricht hinweg, und sobald ich sie sehe, weiß ich, dass sie nicht echt sein kann. Das ist entweder ein ganz verrückter Zufall oder irgendwer hat sich in ihren Account gehackt, von dem aus sie mir sonst immer den neuesten Tratsch aus dem College und witzige Sauffotos geschickt hat.

Doch obwohl ich mir sicher bin, dass es ein blöder Scherz ist, drückt mein Finger die Maustaste und ich kann kaum atmen, während die Mail geladen wird …

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 15.September 2012

Zeit: 10:05:12

Betreff:

[DIESE E-MAIL HAT KEINEN INHALT]

Um diese Nachricht als Phishing-Versuch zu melden, klicken Sie bitte hier.

Der grellweiße Bildschirm tut mir in den Augen weh, aber ich traue mich nicht zu blinzeln, aus Angst, dass die Nachricht dann verschwindet.

»Alice, was machst du denn da oben? Der Wagen ist hier.«

Ich bringe kein Wort heraus.

Das muss ein Defekt sein. Ein Gespenst in der Maschine. Eine E-Mail-Version dieser Geschichten, in denen jemand plötzlich eine Weihnachtskarte aus dem Jahr 1952 bekommt, von seiner längst verstorbenen Oma.

Und es ist sicher nur Zufall, dass ich die verlorene E-Mail meiner Schwester gerade mal eine Stunde vor ihrem letzten … Auftritt … bekomme.

»Alice?«

Ich zucke zusammen, obwohl meine Mum draußen vor der Zimmertür steht. »Bin gleich so weit!«, rufe ich.

Aber ich rühre mich nicht vom Fleck. Ich kann einfach nicht. Ich habe das Gefühl, als wäre irgendetwas dort. Etwas, das ich nicht sehen kann.

Vielleicht habe ich sie jetzt wirklich nicht mehr alle. »Du bist nicht echt«, zische ich dem Bildschirm zu. »Nicht echt.«

Ich will aufstehen. Meine Beine sind schwer wie Blei und ich kann den Blick noch immer nicht vom Bildschirm lösen. Irgendwas muss ich übersehen, aber was?

»Alice? Nun komm aber.« Mum klingt ein bisschen angefressen. Schätze mal, das hier ist auch nicht gerade der schönste Tag ihres Lebens. Ich sollte mir mehr Mühe geben. Eine bessere Tochter sein, jetzt, da ich zum Einzelkind geworden bin.

Aufstehen. Zur Tür. Einen Fuß vor den anderen. Immer weiter gehen.

Ich drehe ich mich noch mal zum Bildschirm um und da sehe ich es. Die Zeit.

10:05:12

Kurz nach zehn Uhr morgens am Tag von Meggies Beerdigung.

Oder 10.05.12.

2

Eigentlich sind wir schon längst Nachrichten von gestern. Oder, um genauer zu sein, Nachrichten von vor vier Monaten. Der tragische Fall der Familie Forster.

Seit dem Mord an Meggie gab es noch Hunderte weitere. Menschen wurden erstochen, erschossen und überfahren. Aber der Tod meiner Schwester hätte es wohl auch dann in die Schlagzeilen geschafft, wenn sie kein Fernsehstar gewesen wäre. MrBryant, mein Lehrer für Medienwissenschaft, hat gesagt, die Zeitungen interessieren sich vor allem für Mordopfer, die weiblich, hübsch und weiß sind, dabei sind die meisten Jugendlichen, die sterben, männlich, pickelig und schwarz.

Allerdings hat er sich mit solchen Aussagen zurückgehalten, seit Meggie gestorben ist.

Als unser Wagen abfährt, sehe ich zwei Reporter von den Lokalnachrichten vor unserem Haus. Ich habe ihnen immer auf dem Minifernseher in meinem Zimmer dabei zugesehen, wie sie direkt unter meinem Fenster standen und live berichteten. Bei ausgeschaltetem Ton konnte ich ihre Stimmen durch die Scheibe hören.

Ich mache die Augen zu, um alles auszublenden. Aber es funktioniert nicht, denn jetzt sehe ich nur noch diesen Computerbildschirm vor mir, mit diesem Datum. Das kann doch kein Zufall sein, oder?

»Ich hoffe bloß, dass niemandem deine Manschettenknöpfe auffallen, Glen.«

Mein Vater seufzt. »Wieso das denn?«

»Die sind viel zu glänzend. Zu fröhlich. Heute kommt es auf die kleinste Kleinigkeit an.«

Mums eigenes Outfit, ein brandneues graues Seidenkleid, ist natürlich genau richtig. Bevor Meggie gestorben ist, wäre sie über die Tatsache, Größe 40 tragen zu müssen, am Boden zerstört gewesen. Die alte Mum hat Yoga und Pilates und Body-Combat gemacht. Die neue Mum geht nur noch zur Trauerhilfe. Ihr Körper mag schwabbeliger sein, aber ihre Seele ist top gepflegt. Montagabends ist Gruppensitzung, mittwochnachmittags hat sie Einzelgespräche mit ihrem Therapeuten Olav, donnerstags gibt es offene Treffen und am Wochenende ist sie die ganze Zeit online und teilt ihre Gefühle mit anderen. In den Trauerforen ist sie eine richtige Berühmtheit.

Dad hat einen komplett anderen Weg eingeschlagen. Er will partout nicht mit zur Gruppentherapie, auch wenn Mum ihn dann endlich damit in Ruhe lassen würde, und sein Beerdigungsanzug hängt so schlabbrig an ihm runter, dass er darin aussieht wie ein Stadtstreicher. Seine Ernährung beschränkt sich mehr oder weniger auf Erdnüsse und Whisky. Er ist der starke, schweigsame Typ, wie ein Cowboy aus einem alten Western. Oder, na ja, ein Cowboy im Körper eines Rechtsanwalts.

Ich bin das Schweinchen in der Mitte. Und genau so fühle ich mich heute auch, in meiner glänzenden Strumpfhose, die viel zu warm ist für die spätsommerliche Hitzewelle, einem ziemlich omamäßigen schwarzen Rock und einer cremefarbenen Bluse mit Puffärmeln, die meine Mutter für mich ausgesucht hat. Schwitzend hocke ich zwischen meinen Eltern, herausgeputzt wie eine Fünfjährige auf dem Weg zu einer Geburtstagsparty, und muss die Hände unter die Oberschenkel klemmen, um nicht die Tür aufzureißen und aus dem Auto zu springen.

Als der Wagen vor der Kirche hält, bin ich schockiert über die riesige Menschenmenge, die dort wartet.

Ob Meggies Mörder auch hier ist?

Die Erste, die mir auffällt, ist Sahara, weil sie so groß ist. Sie hebt ihren muskulösen Arm zu einem halben Winken. Sahara hatte im Studentenwohnheim das Zimmer neben Meggie und jetzt entdecke ich auch ein paar der anderen Mädchen von meinen Besuchen an der Uni. Ich mustere ihre Gesichter, suche nach einem Ausdruck von Schuld. Oder Bösartigkeit.

Hat eine von euch meine Schwester getötet?

Am liebsten würde ich ihnen die Frage entgegenschreien, um zu sehen, wie sie darauf reagieren. Aber wäre das alles leichter zu ertragen, wenn ich die Wahrheit kennen würde?

Einige der Mädchen haben offensichtlich schon geweint. Saharas Freund ist der einzige Junge in der Runde. Wie heißt er noch gleich? Andrew? Aidan? Ja, wirklich ein einprägsamer Typ.

Tim ist nicht hier, natürlich nicht. Mum wollte ihm verbieten zu kommen, aber wie Dad richtig bemerkt hat, wäre er sowieso nicht aufgetaucht. Er meinte, Tim sei der Typ Mensch, der einfach wisse, dass das nicht richtig wäre. Woraufhin Mum nur missbilligend mit der Zunge geschnalzt und etwas gemurmelt hat wie: »Und der Typ Mensch, der seine Freundin ermordet und damit davonkommt.«

Aber dass er sie getötet haben soll, glaube ich keine Sekunde lang. Und ich weiß, dass er heute an uns denken wird. An Meggie.

Links von Sahara stehen noch mehr Leute, die Studenten sein könnten, aber ich kenne keinen von ihnen. Also was zum Teufel wollen die hier? Doch ihre glasigen Augen, schlaff herunterhängenden Kiefer und die Art, wie sie mich anstarren, verraten es mir. Das sind die Leute, die ständig im Internet rumhängen und Kommentare zu Meggies YouTube-Clips und in den Sing for your Supper-Fanforen posten, rumjammern, wie sehr sie ihnen fehlt und wie sehr sie sie geliebt haben, und behaupten, sie sei ihre beste Freundin gewesen.

Nach nur einer Staffel dieser beschissenen Castingshow glauben diese Idioten, Meggie wäre ein Teil ihres Lebens gewesen und sie hätten irgendeinen Anspruch auf sie.

Aber bedeutet das, dass einer von ihnen sie getötet hat?

Dad meint, das seien nur harmlose Irre, aber woher wussten sie dann, was heute hier in der Kirche passieren würde? Vielleicht gibt es ja eine spezielle Website für Leute, denen beim Thema Tod einer abgeht.

Oder eine Website für Leute, die sich für ihre toten Idole ausgeben?

Vielleicht sehe ich gerade der Person in die Augen, die Meggies Account gehackt und mir diese Mail geschickt hat. Mir ist schlecht.

Wir steigen aus dem Wagen und Mum wird sofort von einem Knäuel Menschen verschluckt. Ihre Trauerkameraden. Fünf Frauen und ein großer blonder Mann mit dem Schmollmund eines Supermodels und einem Gesicht wie frisch retuschiert. Mir ist sofort klar, dass das Olav sein muss, der Experte für Schmerz und Verlust.

Robbie und Cara stehen am Kircheneingang. Sie sind immer für mich da. In einem Paralleluniversum, in dem das Einzige, was ich mit dem 10.05.12 verbinde, mein sechzehnter Geburtstag ist, würde ich Robbie noch als meinen Freund bezeichnen und Cara als meine beste Freundin und wir würden alle drei zusammen planen, an welcher Uni wir uns bewerben, und spekulieren, ob unsere Eltern uns wohl zusammen in den Urlaub fahren lassen. Aber jetzt …

Sie umarmen mich, erst Cara, dann Robbie. Cara sieht aus wie immer – sie hat gerade so eine Phase, in der sie nur Schwarz trägt, sogar am Strand –, aber Robbie, der eigentlich ein absoluter Jeans-und-T-Shirt-Typ ist, sieht in seinem Anzug so viel erwachsener und ernsthafter aus und, ja, irgendwie auch ziemlich sexy. Nur leider weiß ich nicht mehr, ob ich auf diese Weise noch für ihn empfinde.

Dad wirkt verloren. Für ihn ist niemand gekommen.

Nach dem klimatisierten Auto ist es heiß draußen und dann wird es wieder kühl, als wir die dunkle Kirche betreten. Ich fühle mich, als hätte ich Fieber.

Oh Gott.

Das kann doch nicht sie sein, dort in dem Sarg vor mir. Einer nach dem anderen nehmen wir in der ersten Reihe Platz; ich starre auf meine Hände. Alles, nur nicht hinsehen. Meggie ist bei uns, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Und sie ist definitiv, mit hundertprozentiger Sicherheit nicht mehr dazu in der Lage, mir zu rätselhaft bedeutungsvollen Uhrzeiten leere E-Mails zu schicken.

Die dröhnende Stimme des Pfarrers füllt die ganze Kirche mit Worten über meine Schwester, ein Mädchen, das er nicht gekannt hat und niemals kennenlernen wird.

»Der heutige Tag ist ein Tag der Trauer, aber auch der Dankbarkeit für das Leben von Megan Sophie London Forster. Die lange Wartezeit, bis Megan zur Ruhe gebettet werden konnte, war schwer zu ertragen für diejenigen, die sie geliebt haben, ganz besonders für Beatrice, ihre Mutter, Glen, ihren Vater, und Alice, ihre Schwester …«

Um mich herum fangen die Leute an zu singen. Sahara schmettert drauflos, genau wie die meisten der Stalker. Aber Kirchenlieder haben Meggie nie etwas bedeutet. Selbst Amazing Grace, der Song, der ihre Fernsehkarriere ins Rollen gebracht hat, war nicht ihre eigene Wahl. Sie mochte im Grunde nur weibliche Solosängerinnen mit ähnlich kraftvollen Stimmen, wie ihre eigene es war. Das hier hätte sie schrecklich gefunden.

Ich denke an sie, wie sie dort unter dem Sargdeckel liegt. Ich weiß, sie trägt Stilettos und ihr zweitliebstes Kleid, das mit den großen handgemalten Mohnblumen drauf. Das seidene weiße Wickelkleid, fließend wie Quellwasser, das sie eigentlich am liebsten mochte, konnten sie ihr nicht anziehen, weil sie darin gefunden wurde. Es ist ein Beweisstück.

Ich dachte immer, Särge wären so massig wie Landrover, um ihre Passagiere sicher ins Jenseits zu bringen. Aber ihrer ist schmal und schnittig, mit Chromgriffen, die nicht robuster wirken als die Riemchen an ihren Stilettos.

In diesem Moment verlässt mich meine Tapferkeit. Und ich fange an zu weinen.

Ich kann das nicht. Ich kann nicht zusehen, wie sie begraben wird.

Es ist das Schlimmste, was ihr passieren konnte. Sie hat die Dunkelheit gehasst, genau wie enge Räume, und was die Erde angeht … meine Schwester hat früher noch nicht mal Sandburgen gebaut, weil sie keinen Dreck unter die Fingernägel bekommen wollte.

Also renne ich nach Hause – zwei Meilen durch die Seitengassen, um niemandem zu begegnen, den ich kenne. Die ganze Zeit versuche ich die Vorstellung aus meinen Gedanken zu verbannen, wie sie in ihrem Grab liegt, die Hände in das schwere Erdreich über sich krallt und nach Luft ringt, aber stattdessen immer mehr Dreck ihre Lunge füllt.

Hat es sich so angefühlt, als der Mörder ihr das Kissen aufs Gesicht drückte?

Meine Hand zittert dermaßen heftig, dass ich den Schlüssel kaum ins Schloss bekomme, und mein Atem geht laut und schmerzhaft.

In meinem Zimmer angelangt, schäle ich mich aus den verschwitzten Kleidern, aber meine Haut riecht noch immer nach Kirche, nach Weihrauch. Nach Tod.

Mit einem Mal kommt mir mein Computer bedrohlich vor. Ich fahre ihn hoch, halb in der Erwartung, mir diese E-Mail nur eingebildet zu haben. Und halb in der Hoffnung, dass ich eine weitere finde.

Aber als ich mich einlogge, ist alles unverändert. Die Mail ist noch da, aber sonst nichts.

Ich starre darauf, falls dort irgendwo ein Bild sein sollte, verborgen in den Pixeln, aber nichts ändert sich. Noch nicht mal die Zeit: 10:05:12.

Vier Monate und fünf Tage, seit sie uns verlassen hat.

Ich öffne eine neue Mail und beginne zu schreiben.

Von: [email protected]

An: [email protected]

Meine liebste Schwester,

Nein. Das ist der vollkommen falsche Start. So rührselig habe ich nie mit ihr gesprochen, und obwohl sie das hier niemals lesen wird, würde sie mich wahrscheinlich auslachen oder endgültig für verrückt erklären, wenn ich jetzt damit anfinge.

Ich lösche die erste Zeile und versuche es noch mal anders.

Megster!

Schon besser. Das ist einer der ungefähr tausend Spitznamen, die ich für sie hatte.

Wo warst du, Schwesterherz? Du hast alles verpasst. Deine eigene Beerdigung. Und die Musik erst, grauenhaft. Wahrscheinlich drehst du dich gerade im Grab rum, was?

Diese Redewendung habe ich noch nie zuvor benutzt.

Ich hoffe, dir geht’s gut. In deinem Grab. Mann, klingt das komisch. Tut mir echt leid, dass ich nicht dageblieben bin, um Erde reinzuschaufeln oder was man da auch immer macht. Ich konnte einfach nicht.

Erde. Allein das Wort lässt mich schon wieder ganz flach atmen.

Schätze mal, wenn du … noch hier bist, auf irgendeine Art, dann hast du mich auch in der Kirche gesehen. Das tut mir auch leid. Ich weiß ja, du kannst Heulsusen nicht leiden.

Ich habe versucht, sie davon zu überzeugen, dich nicht zu begraben. Ich fand, wir sollten deine Asche an einem Ort verstreuen, an dem du gerne warst, zum Beispiel auf Korfu am Strand, aber die Polizei meinte, du müsstest beerdigt werden, für den Fall, dass …

Ich halte inne. Interessiert sich eine Tote überhaupt für das Schicksal ihres Körpers oder lässt sie ihn einfach hinter sich, wie ein Primark-Top aus der letzten Kollektion?

Na ja, lassen wir das. Jedenfalls war das ein ganz schöner Aufmarsch vor der Kirche, Meggie. So viele Leute haben dich lieb gehabt, auch wenn ich dich noch viel lieber hatte als die alle zusammen. Das wusstest du doch, oder? Auch wenn wir es uns nicht oft genug gesagt haben.

Tja, dann sage ich es eben jetzt. Ich hab dich lieb,

deine kleine Schwester xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Ich lese mir die E-Mail noch mal durch. Vielleicht sollte ich ihr alles erzählen, was passiert ist, seit sie nicht mehr da ist: von dem Schweigen zu Hause, dem ihr gewidmeten Song, dem Besser-als-erwartet-unter-den-Umständen-Ergebnis meines Abschlusstests, meinem Rückfall beim Nägelkauen.

Aber wenn sie aus dem Himmel auf uns runtersieht, weiß sie das sowieso alles. Vielmehr muss sie erfahren, was wirklich wichtig ist, und jetzt, nachdem ich es ihr gesagt habe, fühle ich mich schon viel besser. Okay, wenn diese leere Mail tatsächlich von so einem bescheuerten, kranken Fan war, der ihren Account gehackt hat, dann habe ich ihm wohl mehr Drama geliefert, als er sich je erträumt hätte. Aber wen interessiert’s? Wenn es auch nur die geringste Chance gibt, dass Meggie mich hört – selbst wenn die Chance winziger ist als die, Außerirdische auf dem Mars oder ein Heilmittel für Krebs zu finden –, dann ist es das Risiko wert, dass irgend so ein armseliger Loser, der auf tote Mädchen steht, erfährt, was in mir vorgeht.

Ich klicke auf Senden.

3

Unten streiten sich mal wieder meine Eltern. Es ist immer dasselbe. Ich dachte, nach der Beerdigung wird vielleicht alles besser, aber eine Woche danach ist immer noch kein Ende in Sicht. Früher habe ich mich immer so überlegen gefühlt, wenn meine Freunde darüber gejammert haben, wie ihre Eltern sich zankten. Jetzt nicht mehr.

»Ist dir das alles denn egal?«

»Bea, fang nicht so an, bitte.«

»Nein. Ich will wissen, ob es dir überhaupt wichtig ist.«

Ich drehe die Musik lauter, aber ihre Stimmen sind trotzdem nicht zu überhören.

»Okay, nein. Nein, es ist mir nicht wichtig, kein bisschen.«

»Glen, das kann jetzt nicht dein Ernst sein. Megan muss doch den richtigen Baum bekommen. Einen, der schön und grazil ist, aber trotzdem stark. Vielleicht wäre ein Obstbaum am besten. Aber wäre es dann nicht seltsam, die Früchte zu essen? Oh Gott, siehst du, du musst mir helfen …«

»Megan konnte eine Eiche nicht von einer Kiefer unterscheiden. Sie war neunzehn, Bea. Gärtnern war ihr absolut schnurz.«

»Es geht doch nicht ums Gärtnern. Sondern um ein Symbol für ihr Leben.«

»Tu, was du für richtig hältst. Gieß deinen Baum mit Champagner und düng ihn mit Kaviar, aber das ändert auch nichts. Wir können Megan nicht durch einen Baum ersetzen und auch nicht durch einen Rosenstrauch oder eine verdammte Blumenampel.«

Vielleicht schafft es ja eine Talksendung im Radio, sie zu übertönen. Ich stöpsele meine Kopfhörer in den Laptop.

Was jetzt? Ich könnte Robbie anrufen, aber der will dann sicher nur über die Beerdigung reden, weil er meint, das gehört sich so. Cara würde versuchen, mich mit Geschichten über ihren neuesten Schwarm abzulenken, und das kann ich jetzt auch nicht ertragen.

Bleiben immer noch die Hausaufgaben für Medienwissenschaft, wenn ich ganz verzweifelt sein sollte. Ich nehme mir das Arbeitsblatt vor: Ein globalisiertes, zentralisiertes Medienwesen führt unweigerlich zu einem eingeschränkten Blick auf die Welt. Belege diese These mit relevanten Beispielen.

Na, so verzweifelt bin ich dann doch nicht.

Ich weiß, was ich machen will. Es ist bestimmt zehn Minuten her, seit ich das letzte Mal meine E-Mails gecheckt habe, also wäre jetzt doch ein guter Zeitpunkt, um noch mal nachzusehen. Seit der Beerdigung ist nichts mehr von Meggies Account angekommen. Vielleicht spukt das Gespenst in der Maschine schon längst bei jemand anderem rum. Die ganze Zeit muss ich gegen den Drang ankämpfen, ihr noch eine Mail zu schicken. Klar ist das verrückt, aber nach der ersten habe ich mich immerhin ein winziges bisschen besser gefühlt.

Im Spamordner sind drei Mails, aber keine mit Meggies Adresse.

Ich will die Nachrichten gerade löschen, da sehe ich die Betreffzeile der untersten …

4

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 22.September 2012

Betreff: Meggie Forster hat dir eine Einladung für den Strand geschickt

Liebe ALICE,

MEGGIE FORSTER lädt dich ein, sie am Soul Beach zu besuchen, dem weltexklusivsten sozialen Netzwerk im Urlaubsstil. Die Mitgliedschaft kann allein durch eine Einladung erworben werden, und um deine Anmeldung zu aktivieren, musst du in jedem Fall dem unten stehenden Link folgen.

Wir sehen uns am Strand,

die Geschäftsleitung, Soul Beach

Wo jeder Tag so schön ist wie der vorige.

Wie bitte? Soul Beach?

Ich gehe sofort zu Google, aber da finde ich nichts. Dann versuche ich, die Website soulbeach.org direkt aufzurufen. Meine Hände zittern so stark, dass ich mich ständig vertippe, aber als ich es endlich hinkriege und Enter drücke, friert das Bild ein. Nichts passiert. Gar nichts. Am liebsten würde ich den Computer anschreien, aber dann hört mich Mum. Also flüstere ich nur.

»Was soll das, Meggie? Wo zum Teufel bist du? Bist du überhaupt da?«

Aber natürlich kommt keine Antwort. Wie auch? Ich würde mal sagen, zwei zu null für dieses Schwein, das sich wahrscheinlich ein Loch in den Bauch gefreut hat, weil ich blöd genug war, überhaupt auf die erste Mail zu antworten.

In meinen Ohren rauscht das Blut, so wütend bin ich. Ich muss hier raus. Wohin, weiß ich noch nicht. Irgendwohin, wo ich nicht vor diesem verdammten Bildschirm sitze. Ich schließe Firefox und dann …

Oh Gott.

Ich starre auf den Desktop, der seit Ewigkeiten denselben Hintergrund hat – schon lange bevor das alles passierte. Eine Fotocollage der schönsten Erlebnisse mit meinen Freunden, meinen Eltern und, natürlich, meiner Schwester. In der Mitte ist ein Bild von uns beiden beim Campingurlaub in Frankreich zu sehen, als wir gerade den Kostümwettbewerb als Alice und der verrückte Hutmacher gewonnen hatten. (Natürlich durfte Meggie Alice spielen, auch wenn das mein Name ist. Sie war einfach perfekt für die Rolle.)

Nur dass sie nicht mehr da ist. Wir anderen auch nicht. Die Collage ist verschwunden und an ihrer Stelle ist ein neues Foto aufgetaucht.

Ein Foto des schönsten Strandes, den ich je gesehen habe.

5

Cara liest sich den Ausdruck der E-Mail ungefähr fünfzig Mal durch, bevor sie etwas sagt.

»Die sind doch alle krank, diese Penner.«

Sie steckt sich einen neuen Nikotin-Kaugummi in den Mund. Ihre Mum ist Ärztin und gibt ihr davon eine Packung pro Woche, seit die Schule sie informiert hat, dass Cara hinter der Sporthalle geraucht hat. Was Mummy aber nicht weiß, ist, dass ihre Tochter a) ihre erste Schachtel Zigaretten bereits an ihrem dreizehnten Geburtstag gekauft hat und b) trotz der Kaugummis keineswegs aufgehört hat zu rauchen, sondern sich so lediglich über die großen Pausen rettet, da sie, wenn sie sich noch mal irgendwo auf dem Schulgelände erwischen ließe, sofort von der Schule fliegen würde. Wer sich zwei Fehler leistet, ist raus aus der Redview Mädchenschule.

»Ich meine«, sagt sie jetzt und wickelt sich eine frisch gefärbte blauschwarze Haarsträhne um den Finger, »was für ein Psycho macht denn so was?«

»Du würdest dich wundern, wie viele Spinner in den Internetforen was über Meggie geschrieben haben, als sie gestorben ist.«

»Du hast sie gegoogelt?«

Ich werde rot. »Ja. Macht mich das auch zu einer Spinnerin?«

Sie denkt darüber nach; immer wieder taucht der Kaugummi grau wie ein Grabstein zwischen ihren vor Kurzem erst gebleichten Zähnen auf. »Nö. Hätte ich auch gemacht, wenn sie meine Schwester wäre.«

Cara ist ein Einzelkind. Wir haben immer gesagt, wir wären Seelenschwestern, bis Meggie gestorben ist und mir, viel zu spät, klar geworden ist, dass sich mit einer echten Schwester nichts vergleichen lässt.

»Was auf Facebook abgelaufen ist, war ja noch verhältnismäßig normal – na ja, wenn man es als normal bezeichnen kann, wenn Leute jemandem, den sie gar nicht kennen, tonnenweise virtuelle Blumensträuße schicken. Aber es gab auch ganze Foren, in denen es nur um ihre Stimme und ihr Gesicht ging oder irgendwelche erfundenen Geschichten über ihr Leben. Jeder da hatte seine ganz eigene Theorie darüber, wer sie getötet hat, und warum.«

Cara schenkt mir einen mitfühlenden Blick. »Als wäre das nicht offensichtlich.«

Ich runzele die Stirn. »Er ist nicht angeklagt worden. Wenn es wirklich so offensichtlich wäre, dann würde er jetzt im Gefängnis sitzen, Cara, das weißt du genau. Egal, was die Zeitungen behaupten.«

Tim hat sie nicht umgebracht. Mittlerweile bin ich mir über so ziemlich gar nichts auf der Welt mehr sicher, aber ich weiß einfach, dass ein Typ, der Spinnen aus der Gemeinschaftsküche im Studentenwohnheim rettet, kein Mörder sein kann.

Aber wenn er es nicht war, wer dann?

Sie wirft mir diesen typischen Blick zu, der besagt: Tja, wir wissen ja alle, wie toll du Tim findest, seit Meggie ihn das erste Mal von der Uni mit nach Hause gebracht hat, also können wir von dir wohl kaum erwarten, dass du das Ganze rational siehst.

Dabei stimmt das noch nicht mal. Ja, ich mochte ihn, weil er der erste von Meggies Freunden war, der mich wie einen eigenständigen, interessanten Menschen behandelt hat, aber Cara hat mir natürlich nie geglaubt, dass es so einfach ist, und mich die ganze Zeit mit ihm aufgezogen – obwohl sie mich mehr oder weniger damit in Ruhe gelassen hat, seit meine Schwester tot ist.

Sie liest die E-Mail noch einmal. »Und, wie sieht sie aus?«

»Häh?«

»Die Seite, du Trottel. Wie sieht Soul Beach aus? Ist wirklich jeder Tag so schön wie der vorige?«

Jetzt werfe ich ihr einen vielsagenden Blick zu. »Ich habe nicht auf den Link geklickt. Ist wahrscheinlich eh nur ein mieser Trick. Aber ich hab ›Soul Beach‹ gegoogelt und so eine Seite scheint es gar nicht zu geben.«

Cara starrt mich an, als hätte ich komplett den Verstand verloren. Dann klingelt es zur nächsten Stunde und ich gehe zu Englisch und sie zu Rechtswissenschaft, und ich kriege kein Wort von dem mit, was der Lehrer sagt, weil ich viel zu beschäftigt damit bin, in Gedanken meine Antwort an den Soul-Beach-Psycho zu formulieren.

6

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 23.September 2012

Betreff: Re: Meggie Forster hat dir eine Einladung für den Strand geschickt

An den jämmerlichsten Typen, der je gelebt hat:

Wie kann man nur so krank sein?

Also, ich hoffe mal, du bist zufrieden. Ist schließlich ’ne super Leistung, jemanden zu verarschen, der seine Schwester vermisst, stimmt’s?

Hoffentlich tut dir irgendwann auch mal einer so weh, wie du das bei mir versucht hast, dann wird dir vielleicht klar, was für ein verdammter Scheißkerl du bist.

Alice Forster

Nachdem ich auf Senden geklickt habe, fühle ich mich ungefähr zwanzig Sekunden lang besser. Dann fange ich an zu zittern und höre wieder dieses Rauschen in meinen Ohren.

Was, wenn derjenige, der mir diese Mails geschickt hat, gar nicht irgendein Stalker ist, sondern jemand, den ich kenne? Viele Feinde habe ich nicht unbedingt. In der Schule gibt es ein paar Mädchen, die mich nicht so mögen, weil ich mit Cara rumhänge, und die können sie wegen ihrer großen Klappe und ebenso großen Oberweite nicht leiden. Aber wenn jemand ihr eins auswischen wollte, dann würde er es doch kaum über mich probieren, oder?

Das Chat-Fenster leuchtet auf.

Robs Welt: Bleibt’s bei nachher, Ali?

Nachher? Ach ja, das hatte ich ganz vergessen, auch wenn Robbie eigentlich der absolut unvergesslichste Freund der Welt ist. Alle Mädchen lieben ihn, weil er so ein breites Lächeln hat wie Zac Efron und dickes goldblondes Haar, das schon fast zu schön ist, um wahr zu sein. Wir haben uns in der Zehnten kennengelernt, als Cara was mit einem Freund von ihm hatte, und obwohl sie den Typen nach einem Monat abgeschossen hat, sind Robbie und ich immer noch zusammen. Seit anderthalb Jahren. Was uns in den Augen unserer Freunde zu einem alten Ehepaar macht.

Dann kam die schreckliche Nachricht, und als Robbie vor der Tür stand und beinahe genauso heftig weinte wie ich, war es, als wäre in mir ein Hebel umgelegt worden. Ich empfand rein gar nichts mehr für ihn. Und so ist es bis heute.

Vielleicht sollte ich mit ihm Schluss machen – obwohl ich doch nicht für immer so fühlen werde, oder?

Robs Welt: Hallo, noch da?

AliceinWonderland: Sorry, war abgelenkt. Freu mich schon auf nachher.

Robs Welt: Wann soll ich dich abholen?

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich bin nicht mehr gern mit ihm allein.

AliceinWonderland: Ich komm selbst. Muss noch Hausaufgaben machen.

Dann logge ich mich aus. Und sehe wieder den Strand auf meinem Desktop. Ich werde das Bild einfach nicht los, egal, was ich anstelle. Es ist noch nicht mal ein normales Foto. Dafür wirkt es viel zu leuchtend, das Meer ist zu türkis und die Kämme der Wellen sind so strahlend weiß, dass sie vor meinen Augen zu sprudeln scheinen wie Brause. Es ist fast wie ein 3-D-Bild, auch wenn ich weiß, dass man die ohne diese blöden Brillen gar nicht erkennen kann. Aber jedes Mal, wenn ich diesen Strand sehe, muss ich an die E-Mail denken, und das macht mich wahnsinnig.

Im Ordner Meine Bilder suche ich nach meiner alten Fotocollage, doch als ich sie finde, lässt der Computer sie mich nicht als Desktophintergrund laden. In meinen Ohren rauscht das Blut so laut, dass es wie Meereswogen klingt.

»Mann, jetzt reicht’s aber!« Ich knalle den Laptop zu.

Ob das nur eine Phase ist? Mum hat gesagt, wenn man trauert, durchläuft man verschiedene Phasen und eine davon ist Wut. Aber mein Zorn ist verflogen, kaum dass ich den Computer zugeklappt habe, einfach so.

Und doch …

Nebenan höre ich Mums Haartrockner dröhnen, während unten der Fernseher plärrt.

Unter all diesen gewohnten Geräuschen liegt das entfernte, aber unverkennbare Rauschen von Wellen, die auf einen Strand rollen.

7

Robbie, Cara und ihr neuer Typ Mickey sitzen schon im Biergarten des Pubs.

»Hallo, schöne Alice!« Robbie steht auf, küsst mich auf den Mund und geht dann zur Theke.

Mickey nuschelt irgendeine Neandertaler-Begrüßung. Er ist zweiundzwanzig. Cara und er haben sich kennengelernt, als er ihr einen Big Mac mit Pommes serviert hat. Süß ist er schon, auf diese etwas raue Art, auf die Cara im Moment so steht.

»Na, hast du auf die Mail geantwortet?«, fragt sie mich über Mickeys Kopf hinweg.

Ich nicke.

»Wusst ich’s doch. Und?«

»Bis jetzt nichts.«

»Ich habe nachgedacht«, sagt sie. »Das ist kein Zufall, oder? Irgendwer will dir was Böses, Ali. Oder deine Aufmerksamkeit erregen.«

»Okay, aber wer will denn bitte so dringend von mir beachtet werden?«

Robbie kommt mit meinem Bier zurück. »Jemand will von dir beachtet werden, Al? Muss ich mir Sorgen machen?«

Ich werfe Cara einen warnenden Blick zu, den sie jedoch geflissentlich übersieht.

»Wir versuchen rauszukriegen, wer Alice diese freakigen Mails schickt.«

Er ist verletzt, das sehe ich in seinen Augen. Früher konnte ich stundenlang über ihre Farbe nachgrübeln, ob das Braun mich nun eher an Haselnüsse oder an dunkle Schokolade erinnerte.

»Ach, das ist alles nicht so wild. Nur wieder so ein irrer Fan von Meggie«, erkläre ich ihm.

»Und der hat deine E-Mail-Adresse?«

»Wirklich, alles nicht so wild«, wiederhole ich.

»Ach, das war deine Schwester, oder?«, fragt Mickey, der gerade munter zu werden scheint. »Die ermordet worden ist.«

»Ja.«

»War ziemlich hübsch, oder? Und berühmt auch. Ich hab sie in dieser Sendung gesehen. Hätte nie gedacht, dass das deine Schwester ist.«

Robbies Hand ballt sich zur Faust, bereit, meine Ehre zu verteidigen. Mickey kriegt davon nichts mit. »Ich hatte mal ’nen Kumpel, der ist ermordet worden«, redet er weiter. »Na ja, war eigentlich der Cousin vom besten Freund meines Bruders. Ist vor ’nem Pub in ’ne Schlägerei geraten. Plötzlich hatte einer ein Messer in der Hand und …« Zur Veranschaulichung zieht er den Finger quer über seine Kehle.

»Mickey?«, sagt Cara. Ihre Stimme klingt sanft, aber ihre Augen wirken beinahe so schwarz wie ihr Haar.

Er dreht sich zu ihr um.

»Bitte verpiss dich und lass mich in Ruhe. Für immer.«

Mickeys Gesicht knautscht sich zusammen wie das einer Handpuppe. Dann schnappt er sich sein Bier. »So scharf fand ich dich eh nicht, du arrogante Kuh.« Er steht auf und nickt in Robbies und meine Richtung. »Mit deinen arroganten Freunden. Ach ja, und deine tote Schwester sah übrigens tausendmal besser aus als du.«

Robbie will sich auf ihn stürzen, aber ich hebe die Hand, um ihn davon abzuhalten. »Er ist es nicht wert.« Ich verkneife mir die Bemerkung, dass dieser Schrank von Kerl Robbie mit einem Schlag umhauen könnte. Oder die, dass Mickey nur ausgesprochen hat, was die meisten Leute denken, sobald sie erfahren, wer ich bin.

»Also, was ist nun mit dieser E-Mail?«, kommt Robbie auf das Thema zurück.

»Im Ernst, ist nicht so wichtig, okay? Irgendwer hat Meggies Account gehackt und mir ein paar blöde Mails geschickt.«

»Aber das ist schrecklich«, sagt er, nimmt meine Hand und streichelt sie. Noch vor sechs Monaten hätte ich in so einem Moment vor Aufregung kein Wort mehr herausgekriegt. »Also, Lewis könnte den Typen bestimmt aufspüren und ihm einen ordentlichen Shitstorm um die Ohren hauen, wenn du das willst.«

Robbies älterer Bruder ist ein ziemlicher Nerd und Lewis dessen noch nerdigerer bester Freund. Er ist eins von diesen Genies, die schon in der Schule ihre eigene Webdesignfirma gründen und schließlich nicht mal mehr zur Uni gehen müssen. Gut möglich, dass er irgendwann mal so reich ist wie Bill Gates, dafür hat er noch nie eine Freundin gehabt.

»Nein, bitte nicht.« Ich lasse seine Hand los und greife nach meinem Bier. »Eigentlich freue ich mich sogar fast über diese Mails. Sie … na ja, irgendwie erinnern sie mich daran, dass Meggie existiert hat.«

»Ach, Süße.« Cara seufzt. »Natürlich hat sie existiert. Und das tut sie auch immer noch, weil wir an sie denken. Ganz Großbritannien denkt an sie. Sogar Mickey, dieser Idiot, wusste, wer sie war.«

»Mag sein. Aber niemand redet mehr über sie.«

Cara und Robbie wechseln einen Blick, wie Ärzte angesichts eines schwierigen Patienten.

»Wir waren uns nicht sicher, ob du über sie reden willst«, erklärt Robbie. »Aber wir hätten einfach fragen sollen. Immerhin sind es die Erinnerungen, die einen Menschen lebendig halten, stimmt’s?«

Ich zögere. Das hier sind meine beiden allerbesten Freunde. Vielleicht sollte ich ihnen erzählen, was mir auf der Welt am allermeisten Angst macht. Ich atme tief durch. »Wenn Erinnerungen sie lebendig halten, was passiert dann, wenn ich sie vergesse?«

Sie gucken mich entsetzt an.

»Das wirst du nicht«, meinte Robbie.

Ich schüttele den Kopf. »Nein, so nicht, Meggie selbst werde ich nie vergessen. Aber … na ja, zum Beispiel fehlte ein Stück von ihrem Schneidezahn, aber ich weiß jetzt schon nicht mehr, an welchem.«

»Am rechten«, sagt Cara und tippt gegen ihren eigenen, schon wieder leicht nikotinverfärbten Zahn. »Genau wie bei mir.«

»Ich glaube, das ist nicht unbedingt das, worum es Ali geht«, sagt Robbie. »Hör zu, solche Details sind doch nicht wichtig. Das einzig Wichtige ist, wie sehr du sie geliebt hast.«

Aber er versteht es auch nicht. Dieses Gefühl, Meggie zu verraten, jedes Mal, wenn ich ein Stückchen von ihr vergesse. Dass ich die mieseste Schwester bin, die es gibt. Aber ich hätte wissen müssen, dass es keinen Sinn haben würde, es ihnen zu erzählen. Jetzt komme ich mir nur noch einsamer vor. »Ja, kann sein. Danke, Leute. Wer steht eigentlich heute hinter der Bar?«

»Der dämliche tätowierte Typ«, antwortet Cara und zwinkert mir zu. »Du weißt schon, der von der Weihnachtsparty. MrOctopus. Der würde alles für mich tun, glaub mir.«

»Gut«, sage ich. »Ich könnte jetzt nämlich wirklich was Stärkeres als Bier gebrauchen.«

8

Auf Zehenspitzen schleiche ich mich ins Haus, in der Hoffnung, der spanischen Inquisition zu entgehen.

»Alice?«, meldet sich Dad aus dem Wohnzimmer. Ich erstarre.

»Ich gehe ins Bett!«, rufe ich zurück. »Bin total müde.« Dann halte ich die Luft an.

Er grunzt: »Okay, dann gute Nacht, Schätzchen.« Schätze mal, er hat auch nicht viel mehr Lust auf Reden als ich.

Ich schalte meinen Laptop ein, obwohl ich wette, wer auch immer hinter dem ganzen E-Mail-Quatsch steckt, hat sich in den Cyberspace verzogen wie der feige Hacker, der er schließlich auch ist.

Betreff: Re: Re: Meggie Forster hat dir eine Einladung für den Strand geschickt

Ich starre auf die Betreffzeile. Ich kann nicht glauben, dass er tatsächlich geantwortet hat. Vielleicht liebt der Typ sein Stalkerdasein so sehr, dass er sich jetzt auch mit der zweitbesten Schwester zufriedengibt?

Oder vielleicht ist es wirklich sie.

Nein, so blöd bin ich nun auch wieder nicht, das zu glauben. Ich wäge meine beiden Optionen ab: Öffnen oder Löschen.

Keine Frage, oder?

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 24.September 2012

Betreff: Re: Re: Meggie Forster hat dir eine Einladung für den Strand geschickt

Bitte, Florrie … ich warte schon so lange

Zuerst denke ich, dass ich wohl betrunkener sein muss, als ich dachte. Der Text wirkt eher wie mit der Hand geschrieben, nicht wie irgendeine Computerschriftart, und ist zudem auch noch verwischt, so als wäre die Tinte im Regen verlaufen …

Nur dass es keine Tinte sein kann, oder? Ich habe hier einen Computerbildschirm vor mir und kein Papier.

Aber das ist nicht das Seltsamste an der Sache.

Ich schließe die Augen. Das habe ich mir doch nur eingebildet, oder?

Ich öffne die Augen wieder und es ist immer noch da.

Florrie

Mein vollständiger Name lautet Alice Florence Forster. Gezeugt – mein Gott, wie konnten sie mir bloß aus diesem Grund diesen Zweitnamen geben? – in einem Hotel in Florenz, am Hochzeitstag meiner Eltern. Meggies zweiter Vorname lautet London. Genau genommen wurde sie in einem Einzimmerapartment in Shepherd’s Bush gezeugt, aber selbst meiner Mutter war klar, dass das wohl einen Schritt zu weit gehen würde.

Mein Zweitname allerdings ist ein wohlgehütetes Geheimnis, das nur sechs Menschen kennen: meine Klassenlehrerin, mein Hausarzt, mein Zahnarzt, meine peinlichen Eltern …

… und meine Schwester.

Der einzige Mensch auf der Welt, der es sich erlauben darf, mich Florrie zu nennen.

9

Bitte, Florrie … ich warte schon so lange

Wieder und wieder lese ich den Satz. Kein Punkt am Ende, das sieht meiner Schwester überhaupt nicht ähnlich. Sie war nicht nur ein Gesangstalent, sondern hat auch in Englisch immer nur Einsen mit Sternchen bekommen. Ihr hätte wirklich niemand vorwerfen können, dass sie außer ihrem hübschen Gesicht nichts zu bieten gehabt hätte. Dieser Zeichenfehler beweist, dass mit ihr irgendetwas nicht in Ordnung ist.

Natürlich ist mit ihr was nicht in Ordnung, du dämliche Kuh. Meggie ist tot.

Nur dass ich daran irgendwie nicht mehr glauben kann.

Ich weiß, dass es wirklich sie ist. Genau wie ich wusste, dass die Furcht einflößende Cara meine beste Freundin werden würde, in dem Moment, als ich sie mit elf zum ersten Mal auf dem Schulspielplatz sah, oder dass Robbie der erste Junge sein würde, den ich küssen würde. Ich weiß es.

Außerhalb dieses Zimmers ist alles so, wie es war – ich kann meinen Vater unten auf dem Sofa schnarchen hören, dem einzigen Ort, an dem er noch einigermaßen schlafen kann –, aber hier drinnen ist alles anders. Mein Herz schlägt laut und hektisch. Soll ich ihn aufwecken und ihm sagen, dass Meggie noch da ist?

Ich muss über mich selbst lachen. Genau, zeig ihm drei E-Mails als Beweis dafür, dass deine Schwester noch lebt. Das überzeugt ihn bestimmt. Die weisen dich doch ein, bevor du auch nur »Jenseits« sagen kannst.

Ich könnte Cara anrufen, aber die würde darauf bestehen, sofort vorbeizukommen, obwohl es schon nach Mitternacht ist, und ich wette, glauben würde sie mir trotzdem nicht. Außerdem werde ich ihr bestimmt nicht auf die Nase binden, dass mein zweiter Vorname Florence lautet. Nicht, nachdem ich es elf Jahre lang vor ihr geheim gehalten habe.

Und was ist mit Robbie? Klar, der würde kommen und mich in den Arm nehmen, aber hinter meinem Rücken wahrscheinlich gleich diesem Computerfreak Lewis eine SMS schicken, damit er die Homepage blockiert, und das ist das Letzte, was ich jetzt will. Vielleicht bin ich verrückt, aber das hier ist nun mal alles, was ich habe.

Tja, so sieht’s also aus. Ich bin ganz auf mich allein gestellt.

Ich scrolle durch die Soul-Beach-Mail, bis der Cursor auf dem Aktivierungslink landet. Meine Hand zittert, der Bildschirm scheint im Takt mit meinem Herzschlag zu pulsieren.

»Halte durch, Meggie, ich komme«, flüstere ich.

In der Ferne höre ich das Rauschen der Wellen.

10

Um maximale Farbechtheit zu garantieren, ClearHearAudio zu optimieren und dir so das bestmögliche Multimedia-Erlebnis für Soul Beach zu bieten, würden wir gern deine Einstellungen neu kalibrieren. Ist das okay für dich? Bitte auf Ja oder Nein klicken.

Die Vorstellung, dass der Himmel von amerikanischen Softwareentwickler-Nerds verwaltet wird, bringt mich zum Lächeln, trotz der Furcht, die mich erfüllt, während ich gebannt auf den Bildschirm starre. Die Furcht, dass das alles tatsächlich echt sein könnte. Oder, schlimmer noch, dass es das nicht ist.

Ich klicke auf Ja, obwohl ich weiß, dass ich damit wem oder was auch immer die komplette Kontrolle über meinen Laptop, wie auch über meine Gefühle, überlasse. Dann halte ich den Atem an.

Stück für Stück erscheint der Strand vor mir, so als würde ich durch frühmorgendlichen Nebel wandern, der sich bei jedem Schritt ein bisschen mehr auflöst.

Bevor ich den Ort auch nur sehe, kann ich ihn spüren, wie elektrische Spannung, die durch meinen Körper fließt. Einen Moment lang ist das Gefühl beinahe beängstigend greifbar, fast lähmend, dann aber wird mir ganz warm und kribbelig zumute, als wäre mein Blut gegen Champagner ausgetauscht worden.

Ich blinzele und der Nebel ist verschwunden und dann sehe ich ihn – den Strand. Den Strand von meinem Desktop. Die Farben sind jetzt noch überwältigender: Jedes einzelne Sandkorn strahlt in einer ganz leicht unterschiedlichen Schattierung von Gold, so realistisch, dass sie beim Gehen unter meinen Füßen nachzugeben scheinen. Und das türkise Leuchten des Meeres, gekrönt von weißem Schaum, ist wie kühler Balsam für meine Augen. Die Wellen rollen an den Strand und klingen ganz anders als das künstliche Rauschen von Mums Entspannungs-CDs. Diese Wellen hier sind zu echt, um entspannend zu wirken, mächtig und wild, als wüssten sie ganz genau, wie viel Kraft in ihnen steckt.

Und jetzt begreife ich. Das hier sind die Geräusche, die ich für meine eigene Wut gehalten hatte, für Blut, das in meinen Ohren rauscht. Wieso ist mir das bloß nicht eher aufgefallen?

Mithilfe meiner Maus gehe ich den Strand entlang. Die Bewegungen sind so flüssig wie in einem Traum. Ich suche den Horizont nach Menschen ab, aber die Postkartenidylle wird durch nichts unterbrochen, nur hin und wieder ein paar kleine Bambushütten auf Pfählen und in der Ferne etwas, das aussieht wie eine verlassene Strandbar mit Palmblätterdach. Die Bucht wird von schroffen, mit grünem Strauchwerk bewachsenen Felsen begrenzt, die steil aufragen und die Landschaft vor allem schützen, was sie zerstören könnte.

Noch nie bin ich an einem so atemberaubenden Ort gewesen. Ich könnte mich einfach hinlegen und spüren, wie sich der warme Sand an meinen Körper schmiegt, wie die beruhigenden Strahlen der Sonne mein Gesicht streicheln …

Dann fällt mir wieder ein, dass ich ja nach Meggie suche.

Ärger verdrängt den Taumel aus Freude und Zufriedenheit. Das war seit Mai das erste Mal, dass ich ihren Tod vergessen habe. Bisher habe ich, glaube ich, selbst im Schlaf unablässig daran gedacht.

Wie konnte ich es also jetzt vergessen?

Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich so oberflächlich bin, und auf diesen Ort, dass er mich überhaupt so weit gebracht hat.

»Was soll das? Was soll ich hier auf dieser verdammten einsamen Insel? Ich will Meggie sehen«, platzt es aus mir heraus.

Ich schaue mich um. Mein Gott, ich sitze in meinem Zimmer und schreie meinen Computer an. Jetzt habe ich wohl wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder vielleicht war das schon von dem Moment an so, als ich anfing zu glauben, meine Schwester wäre gar nicht tot.

Die Enttäuschung bricht in Wellen über mich herein, jäher und stürmischer als die auf dem Bildschirm. Ich bin am Boden zerstört. Ich wollte so sehr an das hier glauben, weil ich an nichts anderes mehr glauben kann. Aber das Ganze ist nichts als ein schlechter Scherz mit Tropenkulisse.

Ich versuche, die Seite zu schließen, aber egal, wohin ich die Maus bewege, ich finde das kleine x in der rechten oberen Ecke nicht und noch nicht mal ein Menü, um auf diese Weise hier wegzukommen. Je aufgeregter ich werde, desto weniger Einfluss scheine ich auf die Bilder vor mir ausüben zu können. Die Wellen plätschern noch immer an den Strand, die Sonne glitzert auf dem Wasser, der Sand fühlt sich warm an zwischen meinen Zehen.

Warm?

Ich sehe hinunter zu meinen Füßen. Sie stehen auf meinem IKEA-Teppich.

Jetzt ist der Bildschirm wie eingefroren. Ich sehe nur noch Hellbraun. Ist die Seite abgestürzt?

Als ich die Maus bewege, kehrt das Blau zurück.

Aha. Wie es aussieht, war ich in den Sand gefallen, mit dem Gesicht voran.

Als ich mich wieder aufrappele, erscheint am Rand meines Blickfelds eine Staubwolke. Schnell presse ich die Lippen aufeinander, damit ich nichts davon in den Mund bekomme.

Äh, klar. Weil man sich über virtuellen Sand auch ernsthafte Sorgen machen muss, ganz im Gegensatz zu galoppierendem Irrsinn.

Ich laufe weiter und suche nach einem Ausweg. Mit einem Mal fühle ich mich wie erstickt von all dieser Perfektion. Das hier ist nicht der Himmel. Vielleicht ist es die Hölle. Oder ein Virus, der meinen Computer infiziert hat: der Club-Tropicana-Virus. Dad flippt aus, wenn dieses Ding meine Festplatte schrottet. Den Laptop habe ich ja gerade erst zum Geburtstag bekommen.

Mein Geburtstag. Meggies Todestag.

»Das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen, absolut nicht«, sage ich und merke, dass ich weine. »Nicht noch zusätzlich zu all dem anderen Mist.«

Das Rauschen der Wellen verändert sich.

Nein.

Das kann nicht sein.

Ich halte mein Ohr an den miesen Lautsprecher meines Laptops und dann höre ich es richtig. Irgendwo unter den Wellen ist eine Stimme. Leise. Ängstlich. Kaum wahrnehmbar. Aber sie ist da.

»Florrie? Bist du das endlich? Oh bitte, du musst es einfach sein …«

11

»Meggie?« Ich flüstere ihren Namen, kann einfach nicht glauben, dass sie es ist.

Keine Antwort. Vielleicht habe ich nicht laut genug gesprochen. Ich rücke näher an das Mikro meines Laptops. »Meggie?«

»Florrie …« Nicht lauter als ein Murmeln. Sie klingt anders. Ausdrucksloser, weniger lebendig, gar nicht wie meine Schwester. Wieder schießt mir die Möglichkeit, dass sie nur eine Betrügerin ist, dass das Ganze nichts als ein kranker Witz ist, durch den Kopf wie eine Kugel durch den Flipperautomaten, aber ich schiebe den Gedanken beiseite. Niemand würde sich so viel Mühe machen. Das wäre zu verrückt.

Verrückter als über eine Website mit Toten zu kommunizieren?

»Bist du wirklich da, Meggie?«

»Klar. Ich dachte schon, du würdest nie hier auftauchen.«

Das klingt schon eher nach ihr. »Wo bist du, Meggie?«

Jetzt höre ich einen sehr meggietypischen Seufzer. »Ach, Mist. Dann hatten sie also recht.«

»Sie?«

»Die anderen. Sie meinten, du könntest uns am Anfang nicht sehen.«

»Ich sehe nur einen leeren Strand.« So leer, dass ich mir vorkomme wie am Ende der Welt.

»Komisch. Dabei sind heute Morgen so viele von uns hier. Links von dir machen die Philosophen ein Picknick. Und die Emos hocken auf dem großen Felsen und überlegen, ob sie springen sollen. Na ja, wenn sie’s tun, treiben sie eh nur wieder an die Wasseroberfläche wie lebensmüde Rettungsbojen. Was sie natürlich umso mehr anpisst.«

Emos? Picknicks? Tausend Fragen wirbeln mir durch den Kopf. Ich fange mit der wichtigsten an: »Wo bist du denn?«

»Direkt neben dir. Ich berühre deine rechte Hand.«

Ich sehe hinunter auf meine Hand, die sich um die Maus klammert. »Ich fühle gar nichts.«

»Na, wie denn bitte auch? Du bist auf einer Website, schon vergessen?« Das klingt jetzt so sehr nach großer Schwester, dass ich grinsen muss.

»Wo bist du jetzt, Meggie?«

»Ich hab mich nicht bewegt.«

»Nein, ich meine: Wo bist du? Wo ist … das alles hier?«

Ein tiefer Seufzer dringt aus meinen Lautsprechern. Auf dem Bildschirm bricht sich eine riesige Welle am Strand und ich meine, einen kurzen Blick auf eine menschliche Silhouette davor zu erhaschen, im nächsten Moment aber löst sie sich auf wie ein Hauch von Meeresgischt.

»Du bist immer noch genau so wie mit vier. Warum muss der Mann im Mond nie blinzeln? Wieso ist Käse gelb, wenn Milch doch weiß ist? Warum haben Menschen keine Flügel? Also, ich habe keinen blassen Schimmer, wo ich hier bin. Die Philosophen diskutieren natürlich andauernd darüber, aber das entspricht nicht gerade meiner Vorstellung von Spaß.«

»Kann es sein, dass du im Himmel bist?«

Ich weiß, das ist Blödsinn, aber ich schwöre, ich kann ihren Atem an meinem Hals spüren, als sie lacht. »Vielleicht. Eine Art Paradies ist es auf jeden Fall. Wir witzeln immer, dass der ganze Laden wahrscheinlich irgend so einer kitschigen Ferienanlage für Hochzeitsreisende nachempfunden ist. Danny war schon so ziemlich überall in der Karibik und meint, dass es hier genauso aussieht, aber Triti ist Inderin und meint, es erinnert sie eher an Goa.«

Danny? Triti? Ich hatte nicht erwartet, dass meine Schwester sich im Jenseits so amüsieren würde. Die ganze Zeit war ich so einsam, und jetzt finde ich raus, dass sie schon wieder eine neue Clique um sich geschart hat.

»Und wer sind die Philosophen?« Ich durchforste mein Hirn. »Marx und Kant?«

»Ach Quatsch«, schnaubt sie. »Hier ist niemand alt. Das ist bloß unser Spitzname für diese krassen Typen, die sich weigern, mit uns anderen zu reden, weil sie immer noch nicht akzeptieren wollen, dass sie hier sind. Selbstmörder, schätzen wir.«

»Selbstmörder? Sind alle tot, da, wo du bist?«

»Na, was denkst denn du?«

Und da fällt mir auf, dass ich ihr die wichtigste Frage ja noch gar nicht gestellt habe. Die Frage, die mir keine Ruhe lässt, nicht mal in meinen Albträumen.

»Meggie? Wer hat dich umgebracht?«

Der Bildschirm friert ein. Der frühmorgendliche Nebel ist wieder da. Das Rauschen der Wellen verschwindet und alles verfärbt sich zu einem Blutrot in tausend Schattierungen, wie ein Sonnenuntergang nach einem Massaker.

DU HAST GEGEN DIE BESTIMMUNGEN VON SOULBEACH.ORG VERSTOSSEN. UNSERE GESCHÄFTSLEITUNG WIRD DIESE ÜBERTRETUNG PRÜFEN UND DIR IHRE ENTSCHEIDUNG INNERHALB VON SIEBEN TAGEN PER E-MAIL ZUKOMMEN LASSEN.

»Meggie?«, flüstere ich erst, dann schreie ich es. »MEGGIE!«

Aber ich bin wieder auf meiner Startseite, und als ich über den Link in der ersten Mail wieder zurückzukommen versuche, erklärt mir mein Browser nur:

Die Seite wurde nicht gefunden. Die gewünschte Seite wurde möglicherweise entfernt oder umbenannt oder sie ist vorübergehend nicht erreichbar.

»Alles in Ordnung da drin, Alice?«

Das ist meine Mutter, die von ihrer Trauerhilfegruppe zurück ist. Einen Moment lang stelle ich mir vor, ich würde ihr sagen, dass nichts in Ordnung ist und warum. Allein bei dem Gedanken muss ich hysterisch lachen. »Mir geht’s gut, Mum. Alles okay.«

Aber mir geht es alles andere als gut. Ich habe gerade zum zweiten Mal meine Schwester verloren und ich weiß nicht, ob ich das noch einmal ertrage.

12

All die Fragen in meinem Kopf halten mich wach, bis mein überanstrengtes Gehirn schließlich gegen vier oder fünf Uhr morgens einfach abschaltet. Und dann schlafe ich so tief, dass Mum kommen und mich für die Schule wecken muss, was sie nicht mehr gemacht hat, seit ich in der zehnten Klasse war.

»Na komm schon, Miss Wunderland. Das ist ja schwerer, als eine Tote aufzuwecken.«

Ich erstarre auf halbem Weg zwischen Liegen und Aufsetzen.

Meine Mutter erstarrt ebenfalls. Im nächsten Moment aber bricht der Trauerprofi in ihr durch und sie zwingt sich zu einem Lächeln. »Hör mal, das ist nur so eine Redewendung. Die hat nicht die Macht, uns noch mehr Schmerz zuzufügen, als wir bereits spüren.«

Ich kriege kein Wort heraus. Jetzt, da ich wach bin, fluten die Erinnerungen an Soul Beach meinen Kopf und ich wünschte, ich wäre dort, bei Meggie. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich ja aus dem Paradies rausgeworfen worden bin.

Mum setzt sich auf meine Bettkante. Diesen Blick kenne ich. Gleich fängt sie ein ernsthaftes Gespräch an. Wenn ich Glück habe, geht es nur um Sex oder Drogen. Alles, nur nicht …

»Olav hat eine neue Gruppe gegründet, für jüngere Leute, und ich habe mir gedacht, vielleicht magst du ja mal hingehen?«

»Eine Gruppe für andere Jugendliche mit toten Familienmitgliedern?« Was Schrecklicheres kann ich mir gar nicht vorstellen.

»Ja«, antwortet sie. »Nicht so langweilig wie meine Gruppe, weißt du, viel lockerer. Die einzelnen Sitzungen haben auch kein bestimmtes Thema. Da habt ihr einfach nur Gelegenheit zum Quatschen.«

»Wer geht denn bitte zu so was?«

Sie sieht verletzt aus.

»Entschuldige, Mum. Ich meinte nicht dich. Aber zum Reden habe ich Cara und Robbie.«

Sie übergeht die Anspielung darauf, dass sie keine Freunde hat. »Na ja, Olav hat schon ein Dutzend potenzielle Mitglieder zusammen, alle im Teenageralter. Ein paar von ihnen habe ich schon bei unseren Treffen kennengelernt, das sind ganz nette Jungs und Mädels.«

Ich antworte nicht. Die Bilder von Soul Beach in meinem Kopf lenken mich ab und ich höre noch immer das Rauschen der Wellen.

»Alice?«

»Tut mir leid, ich bin noch nicht richtig wach.«

»Nein, schon gut.« Sie rutscht auf dem Bett hin und her. »Dann lasse ich dich mal in Ruhe aufstehen. Aber denk dran, so sehr Cara und Robbie dir auch helfen wollen, sie können nicht verstehen, was du durchmachst. In dieser Gruppe gibt es Leute, die das können.«

»Ja, aber vielleicht habe ich gar keine Lust, auf ’nem Sitzsack zu hocken, Kräutertee zu trinken und in Gratistaschentücher zu heulen. Davon kommt Meggie schließlich auch nicht zurück, oder?« Meine Stimme klingt schärfer als beabsichtigt.

Mum steht auf. »Da hast du vollkommen recht, Alice. Sie ist nicht mehr da und wir alle müssen unseren eigenen Weg finden, damit zurechtzukommen. Ich hätte dich nicht drängen dürfen. Du hast Anspruch auf deinen Freiraum. Tut mir wirklich leid.«

Ich warte, bis ich sie die Treppe hinuntergehen höre. Dann schalte ich den Laptop ein und rufe Soul Beach auf.

Die Seite wurde nicht gefunden.

Als ich versuche, über meine Browser-Chronik auf die Seite zu gelangen, ist dort keinerlei Spur von Internetaktivität nach sieben Uhr gestern Abend zu sehen. Es ist, als wäre ich nie am Soul Beach gewesen.

Kann ich das alles denn geträumt haben, bis hin zum Sand zwischen meinen Zehen und dem Sarkasmus in der Stimme meiner Schwester? Hat der Kummer mich in den Wahnsinn getrieben, wie Ophelia in Hamlet?

Aber bevor ich nach Mum schreie und sie anflehe, mich so schnell wie möglich für eine Dosis Olavotherapie anzumelden, erinnere ich mich an die E-Mails. Da sind sie, die leere vom Tag der Beerdigung und die zwei mit dem Absender Soul Beach.

Fühle ich mich jetzt weniger verrückt?

Ja.

Und fühle ich mich besser?

Nein, kein bisschen.

Erinnerungen sind wie eine treulose Partnerin.

Sie sind nichts weiter als eine überzeugende Geschichte, die man sich so oft vorgebetet hat, dass sie sich im Gedächtnis verankert und schließlich echt erscheint. Dieselbe Begebenheit, von verschiedenen Leuten erzählt, kann so anders wirken, dass man sie gar nicht wiedererkennt.

Wie würde Meggie sich wohl an unsere erste Begegnung erinnern?

Meine Version sieht folgendermaßen aus: ein Gesicht in der Menge. Nein, mehr als nur ein Gesicht. Ein ganzes Schicksal, das sich mit einem einzigen Blick enthüllte. Obwohl ich mir niemals vorgestellt hatte, dass es ausgerechnet der Tod sein würde, der unsere Leben für immer miteinander verflechten sollte.

Viel später habe ich sie nach diesem ersten Mal gefragt, aber sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, mich an jenem Abend gesehen zu haben, und dann versuchte sie, über meine Gekränktheit hinwegzulachen. Eine große Denkerin war Meggie nie. Wäre sie das gewesen, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht wäre ich dann auch anders gewesen. Sanfter, nicht so aufbrausend? Am Ende habe ich Verständnis in diesen hellen, perfekten Augen aufschimmern sehen, aber da blieb ihr keine Zeit mehr, eine Geschichte zu erfinden, die mich zufriedengestellt hätte. Außerdem lag das Kissen auf ihrer Nase und ihrem Mund, und loszulassen wäre viel zu riskant gewesen. Die berühmte Stimme, die mir hätte zuflüstern können, was ich hören wollte, hätte genauso gut um Hilfe schreien können. Sie beherrschte die lauten und die leisen Töne gleichermaßen.

Ach, es hat keinen Sinn, die Vergangenheit ändern zu wollen. Was passiert ist, ist passiert. Letztendlich zählt nur, was ich glaube, und ich glaube, dass sie mich geliebt hat, egal, was gewesen ist.

13

Sieben Tage in der Hölle. Noch nie ist mir eine Woche so lang vorgekommen, nicht vor Weihnachten, nicht vor meinem Geburtstag, nie.

Ich bin total fahrig und hektisch und mies gelaunt. Mum dachte erst, ich wäre krank, aber als das Digitalthermometer nichts Außergewöhnliches anzeigte, verlor sie die Geduld mit mir. Sie ist immer noch sauer, weil ich nicht bei Olavs Teenietragik-Quatsch mitmachen will, und dass Dad denkt, ich würde mich aus Solidarität mit ihm weigern, ist auch nicht gerade hilfreich, also redet sie im Moment mit so ziemlich niemandem.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin die einzige Erwachsene in diesem Haus.

Nur dass ich mich diese Woche selbst nicht sonderlich erwachsen verhalten habe. Ich schleiche durchs Haus und checke meine Mails noch öfter als sonst, aber von der Soul-Beach-Geschäftsleitung kommt nichts. Falls es sie überhaupt gibt. Zwischen meinen ständigen Klicks auf Aktualisieren vergehen die Tage vollgestopft wie immer – Schule, Cafeteria, Hausaufgaben, noch mehr Hausaufgaben, anzügliche Geschichten seitens Cara über irgendwelche Männer, anstrengende Fragen seitens Robbie über meine Unipläne. Ich kann mich auf nichts davon konzentrieren. Soul Beach ist vielleicht kein Computervirus, aber meine Gedanken hat er auf jeden Fall infiziert. Wo ist Meggie da gelandet? Ist sie glücklich? Und werde ich jemals wieder ihre Stimme hören?

Als ich sie zum ersten Mal verlor, hat es höllisch wehgetan, aber ich schwöre, das hier ist noch schlimmer.

»Was hast du eigentlich für ein Problem?«, verlangt Cara schließlich auf dem Nachhauseweg zu wissen. Es ist viel zu heiß für den letzten Septembertag und meine Schulbluse klebt mir am Rücken.

»Na, was meinst du denn wohl?«

Sie hebt die Augenbrauen. Wir gehen weiter. Nach einer Weile sagt sie: »Ich kapier nur nicht, warum es plötzlich wieder bergab mit dir geht. Ich dachte, du fühlst dich langsam besser.«

Wieder überlege ich, ihr von meinem Besuch auf der Homepage zu erzählen. Aber sie würde es nicht verstehen. »Ach, das tut mir jetzt aber furchtbar leid. Ich habe nicht dran gedacht, dass es dir mit so einer trübseligen besten Freundin auf Dauer langweilig werden würde. Dann suchst du dir wohl am besten schnell eine neue, die besser drauf ist, was, Cara?«

»Ach komm, Alice, ich meinte doch nicht …«

Aber ich will es gar nicht hören. Da ist wieder das Rauschen meines Bluts oder des Meeres oder wovon auch immer in meinen Ohren. Ich renne los und bleibe nicht stehen, bis ich zu Hause bin. Alles, woran ich denken kann, ist, dass es heute Abend um Viertel vor zwölf exakt sieben Tage her ist, dass ich von der Seite verbannt worden bin. Also muss ich bis dahin doch wohl eine Antwort bekommen. Oder?

Ich gehe duschen. Ich esse drei Scheiben Toast mit viel zu viel Marmite, aber ich schmecke rein gar nichts. Heimlich trinke ich Wodka aus dem Gefrierschrank, spucke ihn aber beim ersten Schluck aus. Ich versuche, meine Hausaufgaben am Laptop zu machen, und checke alle paar Zeilen meine E-Mails.

Vielleicht bin ich echt zu doof für diese Welt, wenn ich immer noch glaube, dass das hier gut ausgehen könnte, dass die Leute von der Seite sich fair verhalten. Ich hab’s hier nicht mit Apple oder Microsoft oder der BBC zu tun oder –

Ich aktualisiere noch einmal und kann einen Moment lang nicht glauben, was ich sehe.

Da ist eine Mail.

An: [email protected]

Von: [email protected]

Datum: 30.September 2012

Betreff: DEIN VERSTOSS GEGEN DIE BESTIMMUNGEN VON SOUL BEACH

Alice,

in Bezug auf deinen schwerwiegenden Verstoß gegen die Bestimmungen von Soul Beach ist die Geschäftsleitung zu folgendem Entschluss gelangt: