Sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik - Joseph Richter-Mackenstein - E-Book

Sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik E-Book

Joseph Richter-Mackenstein

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  • Herausgeber: UTB
  • Kategorie: Bildung
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Die Diagnostik ist ein zentraler Bestandteil der Tätigkeit von Fachkräften Sozialer Arbeit. Mit diesem Lehrbuch stellt Prof. Dr. Richter-Mackenstein die erste vollwertige Systematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik zur Verfügung. Es wird in die zentralen Grundprinzipien und Methoden sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik eingeführt und somit die Basis für Wissen und Können unter besonderer Berücksichtigung der Haltungsbildung rund um die sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik geschaffen. Zu den Grundlagen zählen ein Überblick über das Fach und seine Systematik, das Nachzeichnen seiner historischen Entwicklung sowie die Einführung in zentrale Methoden und Ziele sowie Hintergründe sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik. Lernzielformulierungen zu Beginn und Kontrollfragen sowie vertiefende Literaturhinweise am Ende jedes Kapitels runden das Basiswerk ab.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Joseph Richter-Mackenstein

Sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik

Basiswissen zur Diagnostik in der Sozialen Arbeit

Vandenhoeck & Ruprecht

Prof. Dr. phil. habil. Joseph Richter-Mackenstein, Diplom-Psychologe, staatlich geprüfter Motopäde und Mototherapeut, Systemischer Therapeut (SG) und Körperpsychotherapeut, lehrt und forscht als Professor für psychosoziale Beratung und Diagnostik an der FH Kiel.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb.de

Mit 26 Abbildungen und 12 Tabellen

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2023 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, V&R unipress und Wageningen Academic.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: © freshidea/Adobe Stock

Umschlaggestaltung: siegel konzeption | gestaltung, Stuttgart

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

UTB-Band-Nr. 5961

ISBN 978-3-8463-5961-7

Inhalt

Vorbemerkungen

Die Ziele dieses Buches

Methodisch-didaktische Grundhaltung

Wie Expert*innen lesen

Inhalte und Aufbau des Buches

Fachliche Voraussetzungen

Literatur

1. Kapitel: Stand, Gegenstand und Methoden sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

Ziele des Kapitels

1.1 Zur Notwendigkeit sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.1.1 Ein Fall

1.1.2 Allgemeines Begründungsbeispiel

1.2 Definition, Ziele, Gegenstand, Methoden und Güte sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.1 Was ist Diagnostik?

1.2.2 Formen sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.3 Gegenstand sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.4 Methoden sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.5 Güte diagnostischer Instrumente

1.3 Systematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.3.1 Entwicklungslinien einer Systematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.3.2 Eine Fachsystematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.4 Anwendungsfelder sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

2. Kapitel: Historische Entwicklungslinien sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik im deutschsprachigen Raum

Ziele des Kapitels

2.1 Die Ursprünge sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik bei Alice Salomon

2.1.1 Erkundigungen einholen

2.1.2 Interpretation

2.1.3 Ressourcenermittlung in der Lebenswelt

2.1.4 Stellvertretende Deutung

2.1.5 Hilfeplanung

2.1.6 Resümee

2.2 Diagnostik in der Zeit des Nationalsozialismus

2.3 Wechselhafte Bewertung der Diagnostik von 1945 bis 1990

2.4 Entwicklungen um den Jahrtausendwechsel bis heute – Diagnostik verpflichtet sich normativer Prozessgüte

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

3. Kapitel: Der Fall als Rahmung sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

Ziele des Kapitels

3.1 Was ist „der Fall“?

3.1.1 Vom Fall erster bis dritter Ordnung und wieder zurück

3.2 Was bedeutet Fallanalyse?

3.2.1 Einfaches prozessschematisches Beispiel

3.3 Was bedeutet Fallverstehen?

3.4 Kompetenzvoraussetzungen Sozialer Fallarbeit

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

4. Kapitel: Diagnostische Fehlerquellen

Ziele des Kapitels

4.1 Grundsätzliches

4.1.1 Eine Fallvignette

4.2 Wahrnehmungsfehler, kognitive Verzerrungen und andere Störgrößen

4.3 Umgang mit Fehlerquellen und Fehlern

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

5. Kapitel: Diagnostisches Gespräch und diagnostische Beobachtung

Ziele des Kapitels

5.1 Grundsätzliches

5.2 Merkmale diagnostischer Beobachtung

5.2.1 Von der unsystematischen bis zur systematischen Beobachtung

5.2.2 Von der unstrukturierten bis zur strukturierten Beobachtung

5.2.3 Von der teilnehmenden bis zur nicht-teilnehmenden Beobachtung

5.2.4 Die Beobachtung in natürlicher oder künstlicher Umgebung

5.2.5 Standardisierung

5.3 Merkmale und Formen diagnostischer Gespräche

Exkurs: Fragetypen und Fragetechniken

5.4 Praxis des diagnostischen Gesprächs und der Beobachtung

5.4.1 Beispiel für ein diagnostisches Beobachtungsinstrument

5.4.2 Beispiel für ein diagnostisches Gesprächsinstrument

5.5 Zur Güte diagnostischer Gespräche und Beobachtungen

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

6. Kapitel: Hermeneutisch-biografisches Verstehen – die idiografische Diagnostik

Ziele des Kapitels

6.1 Grundsätzliches

6.1.1 Theoretische Einbettung

Exkurs: Lebensweltorientierung Sozialer Arbeit und der Ansatz zur Lebensbewältigung

6.1.2 Sinn und Methode

6.2 Verfahren idiografischer Diagnostik

6.3 Praxis: sozialpädagogisch-hermeneutische Diagnose

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

7. Kapitel: Netzwerkdiagnostik

Ziele des Kapitels

7.1 Grundsätzliches

7.1.1 Was Netzwerke sind und welche es gibt

7.1.2 Was Netzwerke abbilden

7.2 Netzwerkdiagnostische Instrumente

7.2.1 Das Soziogramm

7.2.2 easyNWK

7.3 Zur Güte netzwerkdiagnostischer Instrumente

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

8. Kapitel: Schriftliche Befragung vermittels Fragebögen

Ziele des Kapitels

8.1 Grundsätzliches

8.1.1 Allgemeine Merkmale von Fragebögen

8.1.2 Aufbau von Fragebögen

Exkurs: Skalenniveaus

8.2 Der Fragebogen verdeutlicht am Beispiel des Erziehungs-Stil-Inventars (ESI)

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

9. Kapitel: Klassifikationssysteme

Ziele des Kapitels

9.1 Grundsätzliches

9.1.1 Klassifikationssysteme und deren Nutzen

9.2 Zur Güte von Klassifikation

9.3 Gängige Klassifikationsverfahren

9.4 Klassifikationssysteme am Beispiel des MCS

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

10. Kapitel: Diagnostische Berichte und Gutachten

Ziele des Kapitels

10.1 Grundsätzliches

10.2 Allgemeine Anforderungen an die formale Gestaltung von Berichten und Gutachten

10.3 Konkretes zum Aufbau

10.4 Zwei Beispiele für Berichte

10.5 Abschließende Bemerkungen zu Gutachten

Fazit

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

Register

Abbildungs- und Tabellenregister

Vorbemerkungen

Die Ziele dieses Buches

Dieses Buch richtet sich in erster Linie an Studierende der Sozialen Arbeit (Sozialarbeit und Sozialpädagogik). Im Rahmen von zwei Semesterwochenstunden sollen sie durch dieses Buch für die Diagnostik als wesentliche Grundvoraussetzung „effektiver“ professioneller Sozialer Arbeit sensibilisiert werden; sie sollen hierzu und darüber hinaus bei der Aneignung von grundlegendem Wissen und Können zu sowie in sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik als auch bei der Habitualisierung spezifisch diagnostischer Haltungsprinzipien Sozialer Arbeit unterstützt werden. Dadurch dient dieses Buch als ideale Grundlage einer selbsttätigen Vertiefung in das Fach, seine Systematik, Methoden usw.

Studierende können – konkretisiert in Lernzielen – nach der eingehenden Lektüre des Buches

•erkennen, dass Fachkräfte Sozialer Arbeit immer diagnostizieren, sobald sie mit Fällen arbeiten,

•Gründe benennen, weshalb Fachkräfte Sozialer Arbeit professionell diagnostizieren,

•das Spezifische einer sozialarbeitswissenschaftlichen Diagnostik benennen,

•einen Überblick über Methoden, Verfahren und Haltungsprinzipien sozialarbeitswissenschaftlichen Diagnostizierens wiedergeben und verstehen.

Methodisch-didaktische Grundhaltung

Studiengänge Sozialer Arbeit sind in der Regel didaktisch darauf ausgerichtet, die Studierenden in drei sich wechselseitig bedingenden Grundkompetenzen zu wissenschaftlich reflektierten und qualifizierten Fachkräften für Soziale Arbeit auszubilden. Diese zu erwerbenden Grundkompetenzen sind professionelles Wissen, Können und professionelle Haltung (Effinger 2005) in der wissenschaftlich/theoretisch reflektierten Arbeit mit konkreten Fällen, Themen und Problemstellungen sowie in der Organisationsarbeit und im Management – und all dies vor dem Hintergrund einer u. a. sozialphilosophisch und praktisch-philosophisch reflektierten berufsethischen Werteentwicklung.

Das vorliegende Buch findet vor diesem Hintergrund vor allem eine Schwerpunktsetzung in der konkreten Bildung von Wissen und Können unter besonderer Berücksichtigung der Haltungsbildung im ersten Themenfeld. Da immer mehr Fachwissenschaftler*innen einer scientific community der Sozialarbeitswissenschaft (allen voran Heiko Kleve und Sylvia Staub-Bernasconi) zudem davon überzeugt sind, dass qualitativ hochwertige Arbeit wesentlich von der fortwährenden wissenschaftlich bzw. theoretisch sowie praktisch reflektierten Haltung der Tätigen bestimmt ist, ist es eines der Grundprinzipien didaktischer Überlegungen dieses Buches, Studierende an die selbsttätige Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Texten heranzuführen. Hierzu wird methodisch als auch fachlich ein Rahmen vorgezeichnet. Allerdings dient dieser Rahmen vor allem der Orientierung im Sinne einer Landkarte mit Kompass im Feld; eben weil „zwar viel Wissen (zur sozialarbeitswissenschaftlichen Diagnostik) existiert, dieses […] aber eher situationsbezogen und daher prinzipiell auch unsystematisch vorhanden [ist]“ (Röh 2012, S. 10).

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die dem Buch zugrunde liegende methodisch-didaktische Ausrichtung Methoden zum selbstgestalteten Lernen (SRL/SGL; u. a. Konrad 2008, S. 102) entspringt. Das Selbststudium und -lernen steht im Zentrum. Zur Unterstützung werden hierzu folgende methodische Mittel die Erarbeitung fachspezifischen Wissens in psychosozialer Diagnostik ergänzen:

•Lernzielformulierung zu jedem Kapitel mit Kontrollfragen am Ende jedes Kapitels.

•Vertiefende selbsttätige Textarbeit: Sie können zu jedem Kapitel die angegebenen Grundlagen- und Vertiefungstexte lesen. Hierzu unterstützend folgt nun ein Hinweis zur Erarbeitung von Textinhalten im Sinne des Cognitive Apprenticeship (u. a. Collins/Brown/Holum 1991).

Wie Expert*innen lesen

Natürlich hat jeder Mensch seine eigene Art, sich einen Text lesend zu erschließen, und wenn dies Ihnen bereits recht leichtfällt, dann wird Ihnen das nachfolgend vorgeschlagene Schema möglicherweise selbstverständlich erscheinen. Für diejenigen Leser*innen jedoch, die sich eher noch als Besucher*innen im unbekannten Land der Fachliteratur begreifen, soll der folgende Vorschlag als Erarbeitungsstütze der Inhalte dieses Buches – aber auch grundsätzlich zur Erschließung der Inhalte von Fachtexten – dienen.

Wenn Sie sich einem noch weitgehend unbekannten Themenfeld nähern, dann ergibt es Sinn, sich seiner eigenen Fragen zum Inhalt bewusst zu sein (und diese möglicherweise herauszuschreiben). Formal ist es darüber hinaus sinnvoll, sich deutlich zu machen, dass Fachtexte in der Regel einigen grundlegenden Prinzipien folgen. Diese grundlegenden Prinzipien können in Fragen umformuliert werden – wie jene in der nachfolgenden Tabelle auf der linken Seite. Lesen Sie also den Text und versuchen Sie, sowohl Ihre eigenen Fragen zum Inhalt sowie die in der Tabelle ausformulierten zu beantworten. Unterstützt werden Sie hierbei durch die auf der rechten Seite der Tabelle aufgelisteten Mittel.

Tab. V1: Inhaltliche Analyse nach formalen Prinzipien

Inhaltliche Analyse nach formalen Prinzipien

Formale Mittel

– Was ist das Hauptthema des Textes?

– Was sind die wichtigsten Teilthemen?

– Wie fügen sich die Teilthemen zusammen (nehmen aufeinander Bezug)?

– In welchem Zusammenhang (wie) stehen die Teilthemen zum Hauptthema?

– Was sind die zentralen Aussagen des Textes?

– Was wird erklärt, beschrieben etc.? Was bleibt offen?

– Machen Sie sich Notizen während des ersten Lesens.

– Schreiben Sie unbekannte Begriffe heraus und suchen Sie (z. B. über Internetsuchmaschinen) Übersetzungen

– erstellen Sie ein Glossar.

– Markieren Sie Stellen, welche noch unklar sind, und lesen Sie diese ein zweites/x-tes Mal.

– Schreiben Sie selbst eine kleine Zusammenfassung von zehn bis zwanzig Zeilen.

– (Um was geht es im Text? Wie werden die Ziele erreicht? Was sind die Ergebnisse/was ist das Fazit?)

Inhalte und Aufbau des Buches

Bevor wir uns eingehender mit sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik als genuin eigenem Fachgebiet Sozialer Arbeit beschäftigen, möchte ich an dieser Stelle eine erste Arbeitsdefinition zu dem, was unter Diagnostik in der Sozialen Arbeit zu verstehen ist, geben.

Sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik ist das Sammeln, Auswerten und Interpretieren von (mit geeigneten Mitteln und Methoden) gewonnenen Informationen über Chancen, Stärken, Ressourcen, Auffälligkeiten, Probleme (bzw. deren Merkmale) von Personen in Beziehung zu ihrem näheren und weiteren Umfeld – mit dem Ziel, diese geeigneten Maßnahmen zuzuführen, welche helfen, (psycho)soziale Probleme zu verhindern, zu verringern und diesbezügliche Entwicklungen zu prognostizieren sowie soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Diese Definition ist natürlich nur eine erste Annäherung und dient dem inhaltlichen Einstieg in Fach und Buch. Um sich nun die weiteren Inhalte sinnvoll erschließen zu können, folgt dieses Buch im inhaltlichen und formalen Aufbau der konsistenten Logik etablierter Fächer. Dies ist nicht selbstverständlich, da die sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik – wie oben bereits angesprochen – anders als andere Fächer bislang noch auf keine geordnete Systematik, einen geordneten Kanon oder eine einheitliche Fachterminologie zurückgreifen kann. Eigentlich muss also von einem sich etablierenden Fach gesprochen werden.

Da dies u. a. mit verstreuten Publikationen und mitunter widersprüchlichen Entwürfen einhergeht, ist es für Studierende schwierig, sich selbstständig einen Überblick über Fach, Methodik und Verfahren zu verschaffen. Insofern ist es eines der ersten Anliegen dieses Buches, einen geordneten, systematisierten Überblick über dieses Feld zu ermöglichen.

Da das „Fach“ zudem noch immer mit einigen Widerständen zu kämpfen hat (u. a. Rapetti 2015), ergibt es zudem Sinn, sich mit Gründen für ein systematisiertes und an wissenschaftlichen Gütekriterien orientiertes Diagnostizieren in der Sozialen Arbeit einerseits zu beschäftigen und darüber hinaus andererseits für eine spezifisch an professionellen Haltungsprinzipien ausgerichtete Diagnostik zu sensibilisieren. Der Aufbau dieses Buches berücksichtigt diese Aspekte und orientiert sich an der oben ausformulierten Zielerreichung (siehe Abb. V.1).

Abb. V.1: Kapitelübersicht zum Buch

Mit den ersten vier Kapiteln werden die Grundlagen geschaffen, sich spezifischen diagnostischen Methoden zuwenden zu können. Hierbei wird zuerst ein Überblick über das Fach, seine Systematik und seinen Kanon gegeben (erstes Kapitel), daran anknüpfend wird eine historische Entwicklung nachgezeichnet, um u. a. verstehen zu können, was die Alleinstellungsmerkmale sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik sind (in Methodik, Gegenstand und Verfahren) und aus welchen Gründen dies sich so entwickelte (zweites Kapitel). Hieran anknüpfend wird auch vertiefend deutlich gemacht, weshalb es eine spezifische Fallarbeit in der Sozialen Arbeit gibt – wie diese konkret beschaffen ist, welchen außergewöhnlich hohen Stellenwert hier umfängliche sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik hat sowie welchen spezifischen Haltungsprinzipien dabei Prozess und Fallarbeit unterliegen (drittes Kapitel). Im letzten Grundlagenkapitel (viertes Kapitel) wird nochmals in besonderer Weise auf die konkreten Gefahren/Fehler und Fehlerquellen sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik hingewiesen und es werden allgemeine Mittel zu deren bedingter Kontrolle vorgestellt. All diese Grundlagen werden in den Folgekapiteln immer wieder aufgegriffen.

In den anschließenden vier Kapiteln (fünftes bis achtes Kapitel) werden die zentralen Methoden sozialarbeitswissenschaftlichen Diagnostizierens behandelt und es wird grundsätzlich in diese eingeführt (Ziele, Hintergründe, Verwendungszweck, Erkenntnisinteresse usw.). Hierbei liegt der Schwerpunkt exemplarisch auf solchen Verfahren, welche von Fachkräften Sozialer Arbeit entweder selbst zur Anwendung gebracht werden oder mit welchen sie in ihrer alltäglichen Praxis konfrontiert sind – diese also deuten können müssen. Die Auswahl der vorzustellenden Instrumente folgt dabei den Idealen möglichst hoher Verfahrensgüte, hoher inhaltlicher Güte und Substanz sowie breiter Verwertbarkeit (Orientierungsdiagnostik, Gestaltungsdiagnostik, Zuweisungsdiagnostik und Risikodiagnostik).

In einem letzten und abschließenden Kapitel wird schließlich auf das Berichts- und Gutachtenwesen eingegangen.

Fachliche Voraussetzungen

Für das erleichterte Erschließen dieses Buches werden Kenntnisse in Wissenschaftstheorie sowie Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit vorausgesetzt. An diesem Wissen wird bedingt immer wieder angeknüpft. Zudem stellt es als Basis zur Haltungsbildung Voraussetzungen bereit, sich vertiefender mit einer fachlich eingebetteten diagnostischen Haltung auseinanderzusetzen.

Neben diesen fachlichen Voraussetzungen wird damit gerechnet, dass weitere Vertiefungen zu einzelnen Verfahren und Methoden im Rahmen jeweiliger Studiengänge ermöglicht werden. So müssen bspw. vertiefende Kenntnisse zur psychologischen und medizinischen Diagnostik (u. a. Klassifikationssysteme wie ICD und DSM) an anderer Stelle erworben werden; selbiges trifft allerdings auch auf typischerweise in der Sozialen Arbeit selbst zur Anwendung gebrachte Verfahren zu (u. a. ICF). Diese Reduzierung auf die Grundlagen sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik ist leider nicht zu umgehen, wenn es um eine Einführung in dieses noch sehr junge Fach geht.

Literatur

Collins, A./Brown, J. S./Holum, A. (1991): Cognitive apprenticeship. Making thinking visible. American Educator, 15 (3), 6–11.

Effinger, H. (2005): Wissen was man tut und tun was man weiß – zur Entwicklung von Handlungskompetenzen im Studium der Sozialen Arbeit. Blätter der Wohlfahrtspflege, 5/05, 223–228.

Konrad, K. (2008): Erfolgreich selbstgesteuert lernen. Theoretische Grundlagen, Forschungsergebnisse, Impulse für die Praxis. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Rapetti, N. (2015): Normalität und Subjektivität. Eine Kritik klinischer Diagnostik in der Sozialen Arbeit. Herzogenrath: Shaker Verlag.

Röh, D. (2012): Längst überfällig: Unsere Profession entdeckt ihre Diagnostik (neu). Forum Sozial, 4/2012, 10–15.

1. Kapitel: Stand, Gegenstand und Methoden sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

Ziele des Kapitels

1.1 Zur Notwendigkeit sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.1.1 Ein Fall

1.1.2 Allgemeines Begründungsbeispiel

1.2 Definition, Ziele, Gegenstand, Methoden und Güte sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.1 Was ist Diagnostik?

1.2.2 Formen sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.3 Gegenstand sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.4 Methoden sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.2.5 Güte diagnostischer Instrumente

1.3 Systematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.3.1 Entwicklungslinien einer Systematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.3.2 Eine Fachsystematik sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

1.4 Anwendungsfelder sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

Zielevaluation

Vertiefende Literatur

Literatur

Ziele des Kapitels

•Die Lesenden erkennen, dass sie im professionellen Kontext immer diagnostizieren. Sie kommen also nicht umhin.

•Entsprechend kennen die Lesenden gute Gründe dafür, weshalb sie so professionell wie möglich diagnostizieren.

•Die Lesenden können mit eigenen Worten ausdrücken,

–was sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik ist,

–was den Gegenstand sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik darstellt,

–welche Ziele sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik verfolgt,

–welche Objekte sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik untersucht

–und welche Methoden sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik benutzt.

•Abschließend können die Lesenden die bisherigen Anwendungsfelder sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik benennen.

1.1 Zur Notwendigkeit sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

„Diagnostizieren, das heißt beobachten, unterscheiden, beschreibend kategorisieren, analysieren und bewerten tun wir alle und jederzeit – nur nennen wir es anders!“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 287 f.)

Wie dem Zitat zu entnehmen ist, wird in der Sozialen Arbeit nach wie vor nicht selbstredend von einer eigenständigen Diagnostik gesprochen – und das hat sich auch seit 2007 kaum verändert. Entsprechend betitelte Dieter Röh (2012, S. 10) einen Aufsatz mit „Unsere Profession entdeckt ihre Diagnostik (neu)!“. Dass die Soziale Arbeit ihre Diagnostik aber neu entdeckt – ja vielleicht auch entdecken muss –, hängt wesentlich damit zusammen, die eigene Verantwortung für folgenschwere Fallentscheidungen zunehmend akzeptieren zu können. Denn gerade dann, wenn es um zuweisungsdiagnostische und risikoabschätzende Entscheidungen geht, sollten möglichst zuverlässige Erkenntnisse generiert werden. Um es schlicht auszudrücken, kommen wir in der Sozialen Arbeit eben nicht umhin, auch Entscheidungen zu treffen, welche mit lebensweisenden Konsequenzen verknüpft sind (z. B. in Fragen des Kindeswohls oder bei gutachterlichen Entwicklungsprognosen straffällig gewordener Jugendlicher). Infolge dieser Verantwortung sind wir unseren ethischen Rahmenbedingungen entsprechend faktisch gezwungen, bestmögliche Entscheidungen zu treffen. Wissenschaftlichkeit zur Voraussetzung nehmend, erscheint es also nur folgerichtig, dies auf einer möglichst breiten, sachlichen und sicheren Informations- und Einschätzungsgrundlage zu tun.

Das alles klingt zunächst einmal nach einem mehr oder weniger sinnvollen Appell, wird aber später auch noch fachwissenschaftlich argumentativ unterfüttert. An dieser Stelle soll es jedoch bereits an einer konkreten Fallvignette1 exemplarisch verdeutlichen werden.

1.1.1 Ein Fall

Ein junger Sozialarbeiter ist in einem Jugendhilfezentrum neben seiner Tätigkeit für einen Jugendclub auch als Betreuer für angehende Erwachsene im Probewohnen (einer Übergangseinrichtung von der vollstationären Hilfe zur Erziehung in die Selbstständigkeit) angestellt. Im Rahmen seiner Betreuungstätigkeit begleitet er seit Kurzem einen jungen Mann (Deniz, gerade 18 Jahre alt geworden), der sich fast täglich selbst verletzt (schneidet, ritzt) und regelmäßig davon spricht, sich das Leben nehmen zu wollen.

Bis vor seinem Einzug in die WG des betreuten Wohnens wurde Deniz für mehrere Wochen stationär in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt und mit der Empfehlung entlassen, eine ambulante Psychotherapie zu machen. In das sozialpädagogisch betreute Wohnen kam Deniz, da er in seiner unmittelbaren häuslichen Umgebung wenig Unterstützung und mitunter Feindseligkeit erlebt, seine Eltern sich ein Zusammenleben nicht mehr vorstellen konnten, er zugleich jedoch über genügend Voraussetzungen verfügt, um konkret auf die selbstständige Lebensführung vorbereitet zu werden.

Der mit einer Mitarbeiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes ausgehandelte Auftrag für den Sozialarbeiter lautet: Unterstützung von Deniz bei der Selbstständigkeitsentwicklung (angefangen bei der Alltagsausgestaltung bis hin zu Behördengängen), Stabilisierung des Status-Quo seines seelischen Zustandes und Unterstützung im Aufbau von Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Selbstwertgefühl und Ressourcen.

Auftrag an Sie: Stellen Sie sich vor, Sie seien der Sozialarbeiter, sind Deniz erst einmal – und zwar bei einem Hilfegespräch – begegnet und sollen nun alsbald mit der Betreuung starten. Wie könnten die nächsten Schritte aussehen? Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und machen Sie sich gern hierzu Notizen.

Ihre Antworten auf die oben formulierten Fragen werden sicherlich u. a. davon abhängen, wie Sie das Trippelmandat auslegen, welche konzeptionellen und theoretischen Vorlieben und Kenntnisse Sie haben und auf welche konkreten praktischen Erfahrungen Sie im Arbeitsfeld mit vielleicht ähnlichen Fällen zurückgreifen können. Manche von Ihnen werden nun ggf. sagen, dass Sie dem jungen Mann erst einmal begegnen wollen, um mit ihm selbst über seine Wünsche, Vorstellungen einer Zusammenarbeit, ggf. gar über seine Ziele für dieses Arrangement oder gar sein Leben zu reden. Andere werden möglicherweise bereits hier sehr konkrete Vorstellungen davon haben, was Deniz bräuchte, um ein noch besser gelingendes Leben zu führen. Und wieder andere werden gar bezweifeln, dass eine sozialpädagogische Arbeit angezeigt ist – schließlich scheint Deniz präsuizidal zu sein (sich ernsthaft über einen Suizid Gedanken zu machen). Wie auch immer Sie sich selbst ein weiteres Vorgehen vorstellen, Sie werden möglichst verlässliche Informationen benötigen, um zu Ihren Entscheidungen zu gelangen und um die folgenden Schritte zu planen. Streng genommen ist ein solches Vorgehen bereits ein diagnostisches Vorgehen und ergibt auch Sinn; schließlich wollen Sie Deniz so gut wie möglich helfen. Für eine erfolgsversprechende Interventionsplanung mit Deniz ist eine Sammlung, Auswertung, Bewertung und Interpretation hinreichend zuverlässiger und hilfreicher Informationen – und zwar vor einem professionellen Hintergrund – unabdingbar, um Ziele zu erreichen – relativ unabhängig davon, wie die konkreten Ziele am Ende aussehen mögen oder die Mittel, diese zu erreichen.

Erste Anhaltspunkte erhalten wir u. a. über spezielle Erstgespräche (Anamnese und Exploration). Unterstützt können die hier gesammelten Informationen durch Akteneinsicht, Berichte und durch andere Informationsquellen werden. Um schließlich einen ersten Überblick über Deniz’ Situation zu erhalten, können die gesammelten Informationen beispielsweise in einem psychosozialen Koordinatensystem eingeordnet werden (s. u.). Hiernach wird sehr schnell deutlich, an welcher Stelle sozialarbeiterisch angesetzt werden kann oder auch welche weiteren diagnostischen Schritte (u. U. unter Zuhilfenahme geeigneter diagnostischer Instrumente wie Fragebögen, Klassifikationssysteme und Tests) notwendig wären, um zusätzliche Informationen zu erhalten, Informationen zu spezifizieren oder auch zu sichern.

Das psychosoziale Koordinatensystem Deniz’ (Abb. 1.1.1) macht nun u. a. deutlich, dass er über sehr viele persönliche Ressourcen und Stärken verfügt, welche einerseits noch ausbaufähig sind (z. B. Musikalität), oder andererseits in einen lebensbewältigenden Einsatz gebracht werden könnten (z. B. Intelligenz, Kreativität, Feinfühligkeit).

Abb. 1.1.1: Psychosoziales Koordinatensystem

Zudem wird über das Koordinatensystem deutlich, dass umweltbezogenen Ressourcen bei Deniz nur marginal ausgebildet sind; mit „gesicherter Unterkunft“ ist das betreute Wohnen gemeint und auch die „Freundin“ scheint noch eher ambivalent auf Deniz’ seelische Stabilität zu wirken (war sie doch bis vor kurzer Zeit noch mit dem Mitbewohner von Deniz liiert). In diesem Feld könnten die personellen Ressourcen möglicherweise dabei helfen, sozialen Anschluss zu finden (z. B. in Form einer Band, Ausbildung etc.). Deutlich wird zudem, dass Deniz viele personen- und umweltbezogene Schwierigkeiten zu bewältigen oder anzuerkennen hat (gerade auch die Beziehungen zu eigenen Familienangehörigen). Dabei wird nicht alles zugleich auch zum direkten Interventionsfeld Sozialer Arbeit werden (so z. B. die mittelgradige depressive Episode); allerdings ist es sinnvoll, zu wissen, da es die Interventionen beeinflussen kann.

1.1.2 Allgemeines Begründungsbeispiel

Wenden wir uns nun den allgemeinen sachlichen Argumenten für genuin sozialarbeiterische bzw. sozialpädagogische Diagnostik zu, geht es vor allem um die Frage – wenn wir ohnehin diagnostisch vorgehen –, warum es eine systematisierte professionelle Diagnostik sein sollte. Fachlich reflektiert beobachten, beschreiben, erklären und bewerten wir alle ja so oder so. All das ist bereits Diagnostik. Warum also zusätzlich noch eine eigenständige, systematisierte Diagnostik anwenden – mit eigenen Instrumenten, Verlaufsschemata usw.?

Argumentativ lassen sich hierzu u. a. Untersuchungen zur Zuweisungssicherheit in geeignete Maßnahmen und zur Effektivität der Kinder- und Jugendhilfe heranziehen. So haben Macsenaere und Esser (2012) beispielsweise über eine Synopse aller von ihnen selbst gefundenen Ergebnisse zur Effektivität der Jugendhilfe in Deutschland Beeinflussungsvariablen für deren Erfolg herausdestilliert. Hierbei stellten sich

•die Passung zwischen Klient*in und Hilfeleistung,

•die Ausgangslagen,

•die korrekte Indikation,

•die „gute“ sozialpädagogische Diagnostik,

•das Case-Management,

•die ressourcenorientierte Hilfeplanung,

•die Partizipation der Kinder und Jugendlichen in und an den Entscheidungen der Maßnahmen,

•die Kooperation zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Klient*innen und Hilfesystemen,

•die Hilfedauer und

•die wirkungsorientierte Steuerung

als bedeutsame Faktoren heraus (siehe nachfolgende Abb. 1.1.2).

In der Abbildung sind die von Macsenaere und Esser (2012) gefundenen Variablen so dargestellt, dass die Beeinflussung durch und der Einfluss auf sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik deutlich werden. Anzunehmen ist nun, dass die sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik (insbesondere in der korrekten Feststellung und Analyse der Ausgangslagen) erheblich zur Qualität richtiger Entscheidungen bezüglich geeigneter Maßnahmen und Interventionen (inkl. Indikation sowie Passung zwischen Hilfeleistung und Klientel) beiträgt und damit natürlich auch erheblich Einfluss auf die Hilfedauer nimmt. Dies kann wiederum wesentlich dazu beitragen, die Kooperationsbereitschaft der Klientel im Hilfesystem zu verbessern, u. a. auch darüber, dass zusätzlich gezielt auf Ressourcendiagnostik und Beziehungsdiagnostik im weitesten Sinne Wert gelegt wird.

Abb. 1.1.2: »Wirkvariablen« nach Macsenaere & Esser (2012)

Sollten sich diese doch eher als Annahmen zu bezeichnenden Aspekte bestätigen, dann trägt die Diagnostik einen bedeutenden Anteil daran, Soziale Arbeit effektiv und auch effizient – besonders vom Blick unserer Klientel aus – zu gestalten. Das soll keinesfalls als Appell für eine rein auf Wirtschaftlichkeit fokussierte Soziale Arbeit missverstanden werden! Es geht aber vor einem professionstheoretischen Hintergrund mit Trippelmandat letztlich immer vor allem um inhaltliche Qualität. Dabei kann mehr Qualität durchaus kostenintensiver sein als vergleichbare Maßnahmen. Sie führt auf lange Sicht jedoch sehr wahrscheinlich zu Kostenersparnissen (Roos 2002). Gute Diagnostik dient damit hilfebedürftigen Menschen wie dem Fiskus gleichermaßen.

1.2 Definition, Ziele, Gegenstand, Methoden und Güte sozialarbeitswissenschaftlicher Diagnostik

Nachdem wir nun geklärt haben, dass es durchaus Sinn ergibt, auch in der Sozialen Arbeit systematisierte Diagnostik zu betreiben, wenden wir uns nun dem zu, was wir in der Sozialen Arbeit eigentlich unter Diagnostik zu verstehen haben. Schließlich werden wir keine psychologische oder medizinische Diagnostik betreiben, wenn es auch mitunter Überschneidungen geben kann. Was also ist Diagnostik allgemein? Und wie gestaltet sich die sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik im Besonderen?

Betrachten wir den fachlichen Diskurs der letzten gut eineinhalb Jahrzehnte, so werden verschiedene Begriffe (z. B. soziale, sozialpädagogische, sozialarbeiterische oder auch psychosoziale Diagnostik) synonym verwendet. Dies ist wohl auf den Streit zur korrekten Professionsbezeichnung zurückzuführen. Gängig ist es, die Diagnostik vom Fach her und gerade nicht vom Gegenstandsbereich her zu bezeichnen – beispielsweise „psychologische Diagnostik“ statt „Psychodiagnostik“, „medizinische Diagnostik“ statt „Krankheitsdiagnostik“ und „pädagogische Diagnostik“ statt „Bildungsdiagnostik“. Das hängt wesentlich damit zusammen, dass eine Bezeichnung vom Gegenstand her oft zu unspezifisch ist (in der Psychologie müsste dann z. B. von Verhaltens-, Erlebens- und Handlungsdiagnostik gesprochen werden. Themenfelder mit denen sich u. a. auch die Pädagogik, Sportwissenschaft und die Tourismusbranche beschäftigen). Außerdem würde sie voraussetzen, dass man sich auf den Gegenstandsbereich geeinigt hätte. Das aber ist bei der Sozialen Arbeit nicht der Fall (Brekke/Anastas 2019; Kraus 2018) – ein Problem, mit welchem wir uns an späterer Stelle noch beschäftigen werden – und fällt darum schon als Möglichkeit weg. Doch selbst wenn, wie abzusehen, sich Person-in-Environment als Gegenstand durchsetzen sollte, bliebe das erste Problem bestehen. Eine Bezeichnung vom Gegenstand her – also z. B. soziale, psycho-soziale, bio-psycho-soziale oder auch Person-in-Environment-Diagnostik – kommt nicht infrage. Was aber ist die Alternative?

Da davon auszugehen ist, dass sich die Soziale Arbeit weiter akademisiert und als handlungswissenschaftliche Disziplin auch weiter etabliert, ist abzusehen, dass sich der Begriff „sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik“ langfristig durchsetzen wird. International wird bereits von „Social Work Science“ gesprochen, was durchaus mit „Sozialarbeitswissenschaft“ zu übersetzen ist. Und auch, wenn sich im deutschen Sprachraum noch immer mitunter davor gescheut wird, die beiden Begriffe „Sozialarbeitswissenschaft“ und „Wissenschaft der Sozialen Arbeit“ synonym zu verwenden – und zwar ohne immer wieder betonen zu müssen, dass sowohl Sozialarbeit und Sozialpädagogik mitgemeint sind (Birgmeier/Mührel 2017) –, so ist diese Begrifflichkeit schlicht die pragmatischste Lösung. Konstruktionen wie „SozialArbeiterische Diagnostik“, „sozialpädagogische/sozialarbeiterische Diagnostik“ oder auch „Wissenschaft-der-Sozialen-Arbeit-Diagnostik“ sind schlicht begriffliche Ungetüme und werden nur argumentiert, damit disziplinärer Friede zwischen Vertreter*innen der Sozialen Arbeit und der universitären Sozialpädagogik herrscht. Da also mehr und bessere Argumente für den Begriff „sozialarbeitswissenschaftliche Diagnostik“ sprechen als dagegen, wird dieser in diesem Lehrbuch verwendet.2

1.2.1 Was ist Diagnostik?

Der Begriff der Diagnostik stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wortgetreu übersetzt in etwa „durch (dia) Erkennen (gnosis)“. Es handelt sich also im weitesten Sinne um ein „Durchschauen“ oder um ein „durch- bzw. hineinschauendes Erkennen“.

Fachlich ausbuchstabiert kann Diagnostik verstanden werden als:

„die hypothesengeleitete, systematische Sammlung hochwertiger Informationen über ein diagnostisches Objekt […] mit dem Ziel, relevante Merkmale (Eigenschaften und Zustände) des Objekts möglichst genau zu beschreiben, künftig relevante Merkmale des Objekts möglichst genau vorherzusagen, sowie Maßnahmen zu bestimmen, die bestmöglich geeignet sind, erwünschte Merkmale des Objekts herbeizuführen oder zu bewahren und unerwünschte Merkmale des Objekts zu verhindern oder zu beseitigen.“ (Schmitt/Gerstenberg 2014, S. 11)

Diese Definition muss natürlich sehr abstrakt sein, um möglichst umfänglich zu erläutern. Es erschließt sich also nicht unmittelbar, was unter den einzelnen Begriffen genau zu verstehen ist. Denn, wie wir später noch sehen werden, fallen hierunter Bedeutungen, welche bei Studierenden aber auch Fachwissenschaftler*innen durchaus eine andere Konnotation besitzen als an dieser Stelle. Wenden wir uns also ihrer Erklärung zu.

Mit hypothesengeleitet ist gemeint, dass Diagnostiker*innen gezielt Hypothesen überprüfen, welche sie über einen zu untersuchenden Sachverhalt vorweg aufstellen; allerdings ohne spezifischen theoretischen Standpunkten voreingenommen zu folgen. Dies ist wichtig zu begreifen, da Diagnostik Tatsachen beschreiben soll. Eine theoretische Voreingenommenheit wäre beim Blick für das Tatsächliche hinderlich. Blicke ich beispielsweise durch eine rein psychoanalytische Brille auf einen Gegenstand, so übersehe ich womöglich biologische oder soziale Phänomene. Zugespitzt suche ich dann nur noch nach der Bestätigung meiner Hypothese und begehe so einen diagnostischen Fehlschluss (siehe Kapitel 4). Natürlich können wir uns auch in der wissenschaftlich reflektierten Diagnostik nicht von Theorien freimachen; es gilt diese aber als Hypothesen zu begreifen, welche wir versuchen zu bestätigen oder – besser noch – zu widerlegen. Insofern sollten im Idealfall immer Hypothese und Gegenhypothese formuliert und diese keinesfalls ideologisch überspannt werden.

Mit der Forderung nach einem „systematischen“ Vorgehen ist gemeint, dass der diagnostische Prozess regelgeleitet erfolgt. Hierbei gibt es einmal ganz generelle Regeln, unter anderem zur Prozessgestaltung, Datenerhebung, Auswertung und Interpretation, welche zu beachten sind – z. B. sind die Diagnostikant*innen durch Diagnostiker*innen in keinem Falle zu beeinflussen –, es gibt aber auch spezielle Regeln, z. B. zur Durchführung etc., einzelner diagnostischer Instrumente wie Fragebögen oder Tests, die in der Regel auch in Manualen zu diesen Instrumenten zu finden sind.

„Hochwertige“ Informationen werden gewonnen, indem die Instrumente zur Erhebung bestimmten ausformulierten und weithin anerkannten Gütekriterien – wie Reliabilität oder kommunikative Validität – genügen. Es soll sich letztlich um Informationen handeln, welche einer strengen Prüfung standhalten.