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Spectra Spook kämpft in Killarney ums Überleben ihrer Geister-Reise-Agentur. Doch im modernen Irland werden selbst die Toten anspruchsvoll. Die Rettung naht in Gestalt der jungen Maree Scott: pleite, eigenwillig und mit der seltenen Gabe gesegnet, nicht nur Geister zu sehen, sondern sie auch beim Wort zu nehmen. Als Geist Antonio auftaucht, dessen Name nicht auf der Passagierliste steht, droht ihm die Abschiebung in die Grausamkeit der Zwischenwelt Idir Domhan. In einem Akt der Verzweiflung tut Maree das Unvorstellbare: Sie adoptiert ihn. Doch ein Geist ist kein gewöhnliches Findelkind, und die Wahrheit hinter seiner Existenz birgt nicht nur für Spook eine Überraschung.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2026
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SPECTRA SPOOK
von Kim Rylee
Buchbeschreibung:
Spectra Spook kämpft in Killarney ums Überleben ihrer Geister-Reise-Agentur. Doch im modernen Irland werden selbst die Toten anspruchsvoll. Die Rettung naht in Gestalt der jungen Maree Scott: pleite, eigenwillig und mit der seltenen Gabe gesegnet, nicht nur Geister zu sehen, sondern sie auch beim Wort zu nehmen.
Als Geist Antonio auftaucht, dessen Name nicht auf der Passagierliste steht, droht ihm die Abschiebung in die Grausamkeit der Zwischenwelt Idir Domhan.
In einem Akt der Verzweiflung tut Maree das Unvorstellbare: Sie adoptiert ihn. Doch ein Geist ist kein gewöhnliches Findelkind, und die Wahrheit hinter seiner Existenz birgt nicht nur für Spook eine Überraschung.
Über den Autor:
Kim Rylee, in Hamburg geboren, zog es in den 90ern nach London, um dort Technical Theatre and Stage Management zu studieren. Ihre Theatertätigkeit führte sie an diverse Schauspielhäuser innerhalb Europas.
Unter dem Label „Arc of Suspense“ veröffentlicht Kim Rylee Geschichten in den Genres Thriller und Fantasy sowie Kindergeschichten.
Ihr Debütroman „Kalte Gefühle“ erhielt 2016 den Planet Award.
2021 wurde sie Preisträgerin des Publikumspreises mit ihrer Kurzgeschichte „Der Abschiedsbrief“, erschienen in der Anthologie „Zwischen 2 Herzschlägen – Dreizehn dunkle Geschichten“ beim Independent Bookworm.
Im selben Jahr gewann ihre Kurzgeschichte „Ein erlesenes Gebräu“ im Bookrix-Kurzgeschichtenwettbewerb.
Weitere Kurzgeschichten sind in ebenfalls Anthologien in diversen Verlagen erschienen.
Zudem betrat 2021 Kim Rylee neues Terrain. Seit dem arbeitet sie zusammen mit der ShiningFilm Production und fungiert dort als Storyentwicklerin und Drehbuch-Autorin.
2022 verfilmte die ShiningFilm Production ihre Mystery-Kurzgeschichte „Spiel auf Lebenszeit“ als Beitrag für Kurzfilmfestivals.
Eine weitere Leidenschaft von ihr ist das gesprochene Wort.
2017 sprach Kim für eine Autorenkollegin ihr erstes Hörbuch ein. Wenig später folgten eigene Romane und Kinderbücher.
Kim Rylee setzt sich ein für den Schutz und der Erhaltung der Koalas sowie für die Rettung der Wale und Delfine.
SPECTRA SPOOK
Die Geister-Agentur
von Kim Rylee
Lerchenweg 22c
24558 Henstedt-Ulzburg
Arc of Suspense Verlag
www.arc-of-suspense.de
1. Auflage, 2026
© 24.02.2026 Alle Rechte vorbehalten.
Lerchenweg 22c
24558 Henstedt-Ulzburg
Arc of Suspense
www.arc-of-suspense.de
Madame Duprés und die zweihundert
»Feck!«, schnaubte Spectra Spook und feuerte die Zeitung auf den Tisch.
»Feck! Feck! Feck!« Nichts hielt die Agentur-Leiterin jetzt noch auf dem Sessel. »Kiana!« Sie hatte den Namen nicht einmal vollends ausgesprochen, da flog bereits die Bürotür auf. Eine viel zu dürre Frau, Anfang zwanzig, in moderner Jogginghose und einem weißen Baumwoll-Shirt mit dem Bild einer Löwenzahnblüte, eilte herein.
»Miss Spook! Was ist geschehen?«
»Hast du die Zeitung nicht gelesen?« Spectra Spook schaute ihre Assistentin von oben bis unten an. »Wie siehst du überhaupt aus?«
»Entschuldigen Sie, Miss Spook.« Sie nahm die klitschnasse Mütze vom Kopf. Wasser tropfte auf den Boden. »Ich habe die Werbeflyer verteilt. Und draußen ...«
»Du tropfst!« Der Vorwurf klang eher nach einer Warnung und ließ die blasse Haut der Agentur-Leiterin noch fahler erscheinen. Spectra stand hinter dem Schreibtisch, die Handflächen auf der hölzernen Platte abgelegt. Eine violette Strähne rutschte ihr aus dem Zopf und kitzelte sie an der Nasenspitze. Um ein Niesen zu vermeiden, schob sie die Strähne kurzerhand hinter das linke Ohr. »Wasser auf dem Boden ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Sollte der Kappa hier auftauchen, hetze ich ihn dir auf den Hals.«
Die Drohung saß.
»Draußen regnet es in Strömen«, rief Kiana, während sie durch eine leicht geöffnete Tür eilte. »Da nützt auch ein Regenschirm nicht mehr, Miss Spook«, kam es dumpf aus der Toilette. Kiana überlegte, wohin sie die nasse Mütze legen sollte. Ihr Blick fiel auf das Waschbecken.
Kopfschüttelnd sank Spectra in den Sessel. »Ich hätte mir doch eine erfahrenere Assistentin holen sollen.«
Doch das war leichter gesagt als getan. Assistentinnen, die sich für diesen außergewöhnlichen Job qualifizierten, musste die Agentur-Leiterin mit der Lupe suchen. Vielen Menschen bereitet der Kontakt zur Geisterwelt Schwierigkeiten. Anfangs begeistert, ergriffen ihre verflossenen Assistentinnen beim Erstkontakt die Flucht. In Kiana Walsh fand Spectra Spook eine zerbrochene Seele, die keinen Hehl aus ihrer Faszination für die spirituelle Welt machte. Und für Kiana ergab sich die Chance, ihr Leben in den Griff zu bekommen, sodass sie ihre Dankbarkeit mit uneingeschränkter Loyalität der Agentur-Leiterin gegenüber belohnte.
Mit einigen zerknüllten Papierhandtüchern eilte Kiana zurück. Unter dem wachsamen Blick von Spectra wischte die Assistentin den Fleck trocken, verschwand erneut, nur um kurz darauf vor dem Tisch ihrer Chefin auf Anweisungen zu warten. Dabei bemerkte Kiana eine Veränderung an ihrer Chefin.
»Eine neue Brille? Die steht Ihnen sehr gut.« Kiana versuchte, die Wogen zu glätten.
Spook hatte eine Schwäche für ausgefallene Brillenmodelle. Die übergroßen Brillengestelle zogen Aufmerksamkeit auf sich. Es gab viel zu entdecken, was dazu führte, dass die Kundschaft ihr Anliegen mitunter vergaß.
»Danke.« Spook schien etwas besänftigt.
Kiana knetete die Finger. »Sie ist schön ... bunt. Und sehr groß.« Sie versuchte, ihre Unsicherheit zu kaschieren, indem sie sich größer machte. »Ihre hübschen Augen kommen dadurch sehr gut zur Geltung.« Es war eine Lüge, die man der Assistentin jedoch nicht ansah. Ein Wermutstropfen aus Kianas Vergangenheit, den sie noch nicht vollends ablegen konnte.
»Bedauerlicherweise ist meine Sehstärke schlechter geworden«, seufzte Spectra. »Ich werde mir in der kommenden Zeit noch weitere neue Modelle zulegen müssen.« Die Heterochromie der Agenturchefin sorgte zusätzlich für Verwirrung. Spook liebte und nutzte es als Vorteil, ihren Gegenüber aus zwei verschiedenen Augenfarben mit ihrem durchdringenden Blick zu verunsichern. »Schluss mit der Schleimerei. Gibt es Neuigkeiten?«
»Ich war unterwegs, um die Werbeprospekte zu verteilen.«
Aufmerksam und vor sich hin nickend lauschte Spook ihrer Assistentin.
»Viele wurde ich jedoch nicht los.«
»Was heißt das?« Spook zog die übergroße Brille bis zur Nasenspitze.
»Genauer gesagt ...« Kiana schaute seitlich zu Boden. »Ich konnte nur einen Prospekt verteilen.«
»Was? Wegen eines Prospekts warst du über zwei Stunden außer Haus?«
»Heutzutage meiden die Menschen Werbung in ihren Briefkästen.« Kiana stieg Röte ins Gesicht.
»Na und?« Spooks Miene verdunkelte sich zusehends.
»Es könnten Klagen regnen.« Der Tag schien für Kiana immer mieser zu werden. Ihre Chefin hielt sie für eine Versagerin, die noch nicht einmal in der Lage war, Werbung an die Leute zu bringen. Dabei mangelte es nicht an interessierten Touristen.
»Wegen eines Flyers im Postkasten? Wer sollte mir deswegen einen Anwalt auf den Hals hetzen? Und vor allem, warum?«
»Auf den meisten Briefkästen prankt ein Aufkleber. Wenn wir gegen die Aufforderung, keine Werbung einzuwerfen, handeln, verstoßen wir gegen das Besitzrecht.«
Spectras Augen weiteten sich, was durch die Brillengläser verstärkt wurde, sodass die Chefin mit einem Koboldmaki in Konkurrenz treten konnte.
»Bist du neuerdings unter die Juristinnen gegangen?« Die Agenturchefin sank zurück in den Stuhl. Ihre müden Beine begannen zu schmerzen.
»Nola, also meine Mitbewohnerin, ist Anwältin. Und wie Sie wissen, darf ich mir nichts mehr zuschulden kommen lassen.« Als ehemals Drogenabhängige wurde Kiana bei einem Einbruch erwischt. Die Verurteilung fiel unter das Jugendstrafrecht. Nachdem sie ihre Sozialstunden geleistet hatte, entschied die junge Frau sich zu einem Studium der Archäologie und Kulturgeschichte des antiken Mittelmeerraumes. Am Ende winkte die akademische Arbeitslosigkeit, die sie in ihre Heimatstadt Killarney zurückführte. Ihre Fantasiegeschichten über Spukgestalten brachten ihr den Job als Tour-Guide bei ›Killarney Geister Abenteuer‹ ein: eine Bustour, die Touristen zu Attraktionen führte, an denen es spuken sollte. Vor sechs Monaten ahnte Kiana noch nicht, dass sie zudem auch realen Geistern begegnen würde.
»Das Zucken in meinem kleinen linken Zeh verrät mir, dass wir Menschen brauchen, die sich zu einer Adoption bereit erklären. Bedauerlicherweise habe ich noch keinen Volontär ausfindig gemacht.«
»Wer soll denn adoptiert werden?« Von diesem Geschäftszweig hatte die Assistentin noch nichts mitbekommen. Bisher durfte sie nur Touristen durch die Gegend fahren und gelegentlich auch Geister, die ihre letzte Reise antraten.
Spook war dermaßen in ihren Gedanken versunken, dass sie Kianas Frage überhörte.
»Wir können vom Glück sagen, dass der Friedhof in New Orleans nach Katrina zum Großteil wieder aufgebaut werden konnte. Ansonsten wäre ich im Chaos versunken. Es hätte mich fast meine Lizenz gekostet!«
»Oh«, entgegnete Kiana kleinlaut, der erst jetzt klar wurde, wie lange Spectra Spook die Hauptzentrale in Irland bereits leitete. »Was ist denn überhaupt geschehen?«
»Nach den neuesten Nachrichten …« Spook hob die gefaltete Zeitung in die Luft. »… erwartet uns ein Ansturm an Geistern aus Spanien.«
Kiana furchte die Stirn.
»Bedingt durch übernatürlich viel Regen kam es in La Vera zu einer katastrophalen Überschwemmung«, sagte sie. »Man berichtet, dass fast zweihundert Menschen dabei zu Tode gekommen sind. Und das ist vermutlich nicht das Ende, denn viele weitere werden noch immer vermisst.« Spectra blickte Kiana an. Statt Entsetzen entdeckte die Chefin Traurigkeit in der Miene der Assistentin.
»Und die werden alle zu uns kommen?«
Spook spitzte die schmalen lila geschminkten Lippen.
»Aber ... wie sollen wir das Pensum überhaupt noch bewerkstelligen? Sie sagten doch, dass die Kontinentzentralen Nord- und Südamerika sowie Afrika geschlossen wurden?«
»Das ist leider wahr. Neben Amerika unterliegen nun ganz Europa und Afrika unserem Zuständigkeitsbereich.« Sie unterdrückte ein Seufzen. »Wir dürfen diese armen Seelen nicht im Stich lassen.«
Dem konnte Kiana nur zustimmen. Nur weil übermäßig viele Menschen gestorben waren, hieß es nicht automatisch, dass auch alle Seelen ihren Weg durch Staigue Fort und somit in die Geister-Agentur fanden. Es kam vor, dass sich eine Seele verirrte und niemand war in der Lage, sie ausfindig zu machen.
Staigue Fort. Ein Ringfort, einige Hundert Jahre vor Christus erbaut, liegt am Ring of Kerry, circa eine Autostunde von Killarney entfernt. Begrenzt von einer Rundmauer, deren Wände fünf Meter fünfzig hoch und einen Durchmesser von siebenundzwanzig Metern messen, ist nicht nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten, wie sie mehrfach innerhalb Europas vorkommen. Zu ihnen gehören auch Steinkreise, Ritualstätten und sogar einige Kirchen. Was nur Eingeweihte wussten: Tatsächlich befindet sich in Staigue Fort ein Portal. Hierdurch gelangen Geister von einem Kontinent schnell auf den nächsten. Nach ihrer Ankunft werden sie in der jeweiligen Agentur registriert. Nachdem die Personalien geprüft und sich als richtig erwiesen haben, erhalten sie die Einreiseerlaubnis für die Weiterreise zu ihrem endgültigen Ziel.
»Dann sind die Geister bereits eingetroffen«, mutmaßte Kiana.
»Madame Duprés ist bereits auf den Weg dorthin. Doch der Platz in ihrem ausgebauten Doppeldeckerbus wird kaum ausreichen. Nimm unseren Tour-Bus und fahr ihr hinterher.«
Das klang so, als hätte Kiana keine Sekunde Zeit mehr zu verlieren. Kaum hatte sie das Büro verlassen, wurde sie von der Agentur-Chefin zurückgerufen.
»Moment. Das Wichtigste noch.«
Kiana drehte sich um. Als sie die Spritze mit der glitzernden Flüssigkeit in Spectras Hand entdeckte, schluckte sie.
»Neon-Orange? Die letzte Flüssigkeit war Gelb.«
Im Gegensatz zur Spectra Spook war Kiana nicht in der Lage, einen Geist zu sehen. Dafür bedurfte es eines Hilfsmittel in Form einer Injektion. Doch die Wirkung hielt nur sieben Tage vor.
»Was genau verabreichen Sie mir eigentlich, Miss Spook?« Kiana wusste, es kam einem Affront gleich, die Agenturchefin nach ihren Geheimnissen auszufragen. Doch diesmal schien Spectra Spook in Plauderlaune.
»Das ist Fuil sióg.«
»Feenblut?« Kiana wurde mulmig. Jedes Mal musste sie sich übergeben, nachdem ihr das Serum gespritzt worden war. Zudem erinnerten sie Injektionen an ihre Drogenvergangenheit.
»Ist das wirklich das Blut einer Fee?« Angeblich lebten die magischen Wesen überwiegend in den Wäldern. Ab und an wagte sich ein Kobold in ein abgelegenes Haus. Es musste schon ein großer Zufall eintreten, wenn ein Mensch den Hausgnom wahrhaftig zu Gesicht bekam. Kiana wäre gern einmal einer Fee begegnet, doch bisher blieben die Naturgeister für sie unsichtbar.
»Dieses Blut ist von einer Glücksfee. Es enthält Dopamin. Daher die Farbe.« Kiana musterte die glitzernde Flüssigkeit in der Ampulle.
»Dann haben Sie bereits eine Fee gesehen?«
»Kiana. Wir sind in Irland! Niemand stellt hier die Existenz von Feen und Kobolden in Zweifel.« Spooks logische Erklärung ließ den Vorbehalt in Kiana verblassen.
»Wer weiß, vielleicht ist dir eines Tages das Glück ...« Spook hielt inne. Sie wollte nicht zu viel versprechen und kam sogleich auf das eigentliche Thema zurück. »Madame Duprés ist zwar eine gute Unterstützung, doch ihr Geisteszustand ist nicht immer vorhersehbar. Wie sonst willst du wissen, dass ihr alle Geister eingesammelt habt?«
Kiana schwieg.
»Jetzt stell dich nicht so an und komm her.«
Notgedrungen folgte Kiana der Aufforderung. Während Spook zur Injektion ansetzte, schloss die Assistentin die Augen und presste die Lippen aufeinander.
Auf dem schmerzhaften Stich, der sie zusammenfahren ließ, folgte Hitze. Ihr Blut schien zu kochen. Die Nebenwirkung setzte ein. Kiana rannte zur Toilette und übergab sich. Erst nach sieben Minuten ließen das Brennen und damit auch die Übelkeit nach. Derselbe Ablauf wie die beiden Male zuvor. Weder gab es eine Verbesserung noch einen Gewöhnungseffekt. Eher das Gegenteil setzte ein, indem die Zeitspanne der Übelkeit sich nach jeder Injektion um eine weitere Minute verlängerte.
Auf wackeligen Beinen wankte die Assistentin zur Chefin.
»Na bitte. Du hast es überlebt«, freute sich Spectra Spook und warf ihr den Schlüssel für den Tour-Bus zu.
In Fangen war sie noch nie gut gewesen. Und in ihrem desolaten Zustand erst recht nicht. Der Schlüssel traf Kiana gegen die Brust, sodass sie keuchte.
»Sind Sie sicher …« Kiana wischte sich den Schweiß von der Stirn, während sie den Busschlüssel vom Boden aufhob, »… dass dieses Serum keine bleibenden Schäden hinterlässt?«
»Außer Übelkeit und Erbrechen?« Spectra überlegte kurz. »Nein«, log sie. »Doch dir verleiht es die Fähigkeit, die Geister zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Für jemanden wie dich doch eine beispiellose Chance. Zumal das Serum bei dir wirkt. Das konnten einige deiner Vorgängerinnen leider nicht für sich verbuchen.«
Trotz dieser Gelegenheit war für Kiana das Sehen der Geister alles andere als ein Geschenk.
Obwohl sie sich für Phänomene dieser Art begeisterte, erschien ihr der Großteil der Spukgestalten unheimlich. Wasserleichen, Geköpfte oder Explosionsopfer gaben auch nach dem Tod keine zumutbare Leiche in Form einer Gespenstererscheinung ab. Oftmals ging ein Arm, Bein oder gar der Kopf verloren. Die Geister mussten erst lernen, wie sie ihre abgetrennten Körperteile beisammenhielten. Wasserleichen hingegen tropften unentwegt und hinterließen somit ihre Spuren. Pfützen, die Wasserdämonen wie ein Kappa eine Passage in diese Welt ermöglichten. Zum Glück fristeten die meisten Wasserdämonen ihr Dasein in Asien und kamen nur selten nach Europa. Bis auf Tangaroa, einen sehr unangenehmen Wassergeist, der gern in der Welt herumreiste und sein Unwesen trieb. Schlammige Pfützen halfen ihm dabei, die Kontinente zu wechseln.
»Mach dich umgehend auf den Weg. Madame Duprés wartet nicht gern!«
Hauswurfsendung mit Folgen
Völlig durchnässt öffnete Maree die Tür zum Treppenhaus. Ihr Blick fiel nach links. Dort hingen fünfzehn hellgraue Briefkästen in drei Reihen fein säuberlich nebeneinander. In vierzehn von ihnen gähnte ein dunkler Schlitz. Einzig Marees Postkasten übergab sich vor lauter Papier.
»Vielleicht sollte ich ebenfalls einen Aufkleber am Briefkasten befestigen, um den Papiermüll zu reduzieren«, seufzte sie, während sie die Wochenzeitung samt Werbung herauszog. Sie vermied bewusst, die aufgeweichte Papiertüte mit den Einkäufen abzustellen. Ein weiterer Wassertropfen, und die Tüte hätte auch den letzten Teil ihrer Festigkeit aufgegeben.
Den Einkauf auf dem linken Unterarm platziert, den Inhalt des Briefkastens in der rechten Hand, ging sie zum Fahrstuhl. Ein DIN-A4-Zettel, ausgefüllt von der Verwaltung, prangte an der Fahrstuhltür. Dessen Inhalt verhöhnte sie.
»Das ist doch wohl ein Witz? Und keine Information, wann das Mistding repariert wird!« Heute schien eindeutig nicht ihr Tag zu sein. Maree blieb nichts anderes übrig und machte sich auf, die Treppen in den fünften Stock zu erklimmen.
Schwer atmend erreichte sie ihre Wohnungstür. Ratlos stand sie davor. Nach einer unachtsamen Bewegung rutschte ein Teil der Post aus der Hand. Ungelenk versuchte sie, die Zeitung aufzufangen. Doch die und der gesamte Inhalt des Briefkastens klatschten neben der Fußmatte auf den Boden. Umständlich zog sie den Schlüssel aus der Jackentasche. Als sie den Haustürschlüssel in das Schlüsselloch steckte, riss zu ihrem Pech auch noch die Tüte. Genervt schaute Maree den beiden Äpfeln hinterher, die zwei Treppen hinunterkullerten. Das miese Wetter schlug nun endgültig auf ihr Gemüt. Eindeutig gehörte Freitag, der 13. nicht zu ihren Glückstagen.
Kaum war sie durch die Tür, stand sie in einem kleinen Flur, der nach drei Schritten in das Wohnzimmer überging. Darin befand sich eine Pantry. Dem Unterschrank entnahm sie eine Schüssel. Darin legte sie die restlichen Äpfel. Toast, Käse und eine Packung Schokokekse legte sie daneben. Der durchnässte Parka landete am Haken neben der Haustür. Danach stieg sie hinab in den zweiten Stock, um die verlorenen Äpfel einzusammeln. Zurück in der Wohnung spülte sie das Obst ab. Nun widmete Maree sich der Post, doch etwas kam ihr seltsam vor. Es stank gewaltig!
Und zwar nach Rauch. Kaltem Rauch!
Maree konnte sich nicht erklären, woher der unangenehme Geruch kam. Sie war Nichtraucherin. Auch ihre beste Freundin Hobie mied Zigaretten wie die Pest. Was war also die Ursache?
Nachdem Maree auch den letzten Winkel der Zwei-Zimmer-Wohnung durchforstet hatte, sank sie auf das Sofa. Erneut schoss sie hoch, rannte den Flur entlang und untersuchte das Türschloss ihrer Haustür. Zusätzlich schaltete sie das Licht im Treppenhaus an. Es gab keine Einbruchsspuren. Um sich nicht auszusperren, legte sie die Fußmatte zwischen Tür und Rahmen. Dann klingelte sie an der Nachbarstür.
Nichts tat sich.
Maree legte das Ohr gegen die Tür.
Seltsame Geräusche, als sägte jemand ein Stück Holz durch, waren zu vernehmen. Dennoch öffnete niemand.
Maree klingelte erneut. Diesmal länger. Sie drückte so lang und fest auf den Klingelknopf, dass ihre Fingerkuppe weiß wurde.
»Ja! Ja! Ich komme ja schon!« Sie hörte dumpf eine männliche Stimme.
Die Sicherheitskette wurde vorgeschoben, der Schlüssel drehte sich im Schloss. Endlich öffnete sich die Tür einen Spalt und Maree blickte in schmale, müde Augen.
»Was ist denn los?«, gähnte der Nachbar. »Brennt es irgendwo?«
»Mister …« Sie schaute auf das Namensschild an der Tür. »… Zolotas. Ich heiße Maree Scott und wohne nebenan.«
»Nachbarin«, entgegnete Zolotas, ohne das Gähnen zu unterdrücken.
»Habe ich Sie geweckt?«
»Mädchen. Ich arbeite im Schichtdienst. Was glaubst du wohl?«
Maree wusste nicht, ob sie wirklich darauf antworten sollte.
»Natürlich hast du mich geweckt«, fauchte er. »Und ich hoffe, du hast einen guten Grund.«
Kurz war Maree verunsichert. Herr Zolotas schloss die Tür. Die Kette wurde zur Seite geschoben. Dann wurde es still.
Bevor Maree nochmals klingeln konnte, öffnete sich die Tür erneut.
Maree musste den Kopf leicht in den Nacken legen, als der Nachbar ihr in voller Größe gegenüberstand und den Frotteegürtel zu seinem blau-weiß gestreiften Bademantel vor dem Bauch verknotete.
»Es war nicht meine Absicht, Sie aus dem Schlaf zu reißen.« Maree überlegte, ob ihr Nachbar überhaupt mitbekommen hatte, sollte sich im Treppenhaus etwas abgespielt haben.
»Ich glaube, jemand ist bei mir in die Wohnung eingebrochen.«
»Einbruch?« Nun war Mister Zolotas wach. »Warte. Ich hole meine Axt.«
»Was? Nein! Ich habe in allen Räumen nachgeschaut. Sollte tatsächlich jemand eingebrochen sein, so ist der Dieb bereits wieder verschwunden«, rief Maree ihm hinterher.
Ihr Nachbar stockte auf halber Strecke. Langsam drehte er sich zu ihr um. Statt Müdigkeit hatte nun Wut von ihm Besitz ergriffen.
»Und weshalb …« Er stampfte auf Maree zu. »… rufst du dann nicht die Polizei, sondern holst mich aus meinem wohlverdienten Schlaf? Und wo sind deine Eltern?«
»Meine Eltern? Die wohnen in Dublin. Das ist die Wohnung meiner Tante«, entgegnete sie genervt. »Ich lebe hier und kümmere mich um die Pflanzen.« Viel mehr war Maree nicht bereit preiszugeben. »Außerdem wurde nichts gestohlen. Es gibt auch keine Einbruchsspuren.«
Mister Zolotas kratzte sich an der Glatze. »Mädchen …« Er schüttelte den Kopf. »Warum dann der Aufstand?«
»Weil es in meiner Wohnung nach kaltem Rauch stinkt.«
Zolotas’ buschige pechschwarzen Augenbrauen schnellten hoch.
In diesem Moment kam Maree sich dämlich vor. Für ihren Nachbarn konnte diese Schlussfolgerung keinen Sinn ergeben.
»Kalter … Rauch?« Ungläubig musterte er sie von oben bis unten.
Vor ihm stand ein Mädchen. Er ersparte es sich, ihr Alter zu raten, da er bei diesen Schätzungen immer weit danebenlag. Auf jeden Fall war sie alt genug, dass ihre Tante ihr eine Wohnung anvertraute, so seine Vermutung. Aus schwarz umrandeten Augen leuchtete es hellbraun, als blicke man direkt in das Bernsteinzimmer. Am Scheitel zeigte sich bereits wieder das Straßenköterblond, das sie sonst knallrot färbte. Unter dem durchscheinenden Netzshirt zeichnete sich ein schwarzer Büstenhalter aus Baumwolle ab, der – sollte Zolotas nach dessen Meinung gefragt werden – überflüssig war, da sich kaum eine Wölbung zeigte. Wohlgeformte Beine lugten unter einem schwarzen Minirock aus Lack hervor.
Seine Freude hatte jäh ein Ende, als er sah, dass ihre Füße in schweren Stiefeln steckten. Das Tattoo am Oberarm wurde teilweise vom heruntergerutschten BH-Träger verdeckt, sodass auf den schnellen Blick nicht zu erkennen war, was es darstellte. Unter dem Shirt versteckte sich ein Anhänger an einer goldenen Kette. Mehrere silberne Ringe zogen sich am rechten Ohr entlang. Am linken Ohr baumelte ein zehn Zentimeter langer Drache mit funkelnden roten Augen.
Zolotas grübelte. Er streckte den Hals heraus, ließ seinen Blick schweifen, dann kam sichtbar der Geistesblitz.
»Alles klar. Du hast geraucht. Nun kommt deine Tante zurück, doch du willst es vor ihr verheimlichen. Richtig?«
Marees Lippen öffneten sich. Doch es kam kein Ton heraus.
»Mädchen. Diese Heimlichtuerei muss irgendwann auffliegen. Öffne einfach die Fenster und die Tür. Mit etwas Durchzug ist der Geruch dann schnell verflogen.«
Mit diesem Rat schloss sich dann auch schon wieder die Tür. Die Kette wurde vorgeschoben, der Schlüssel umgedreht.
Maree hörte schlurfende Schritte, dann eine Tür.
Das Licht im Treppenhaus erlosch.
»Von wegen gute Nachbarschaft«, grummelte sie, während sie hinter sich laut die Tür ins Schloss fallen ließ. Da hatte ihre Tante wohl übertrieben. Dass sie jünger als vierundzwanzig Jahre aussah, wusste Maree. Doch sollte man Hilfesuchenden nicht unter die Arme greifen, falls sie in Schwierigkeiten geraten?
Unter dem Küchenregal hingen an einem Haken getrocknete Kräuter aus dem Garten ihrer Großmutter. Maree knappste ein paar Stängel und Blätter von der Schokominze, legte sie in den Becher und goss kochendes Wasser darüber. Der Geruch von Schokolade und Minze stieg in ihre Nase. Sie nahm den Becher, setzte sich auf das Sofa und las die Zeitung. Einen Großteil ihrer Zeit widmete sie den Stellenanzeigen, zwei davon kreiste sie mit einem blauen Kugelschreiber ein. Es wurde ein Tour-Guide gesucht. Die Arbeitszeit sollte am Abend für ein paar Stunden sein. Ein weiteres Angebot betraf Nachhilfeunterricht für einen Jungen im Fach Naturwissenschaft. Es folgten die Sonderangebote im Supermarkt. Übrig blieb noch ein kleiner Prospekt. Sie schlug ihn auf und überflog dessen Inhalt.
Killarney Geister Abenteuer
Heißt seine Gäste herzlich willkommen.
In unserem gemütlichen Reisebus führen wir Sie an längst vergessene Orte mit dunkler Vergangenheit.
Der gesamte Flyer war gefüllt mit attraktiven und gut gestalteten Bildern von den Örtlichkeiten, an denen es spuken sollte.
Weiter unten standen die Kontaktdaten. Sie faltete den Prospekt und entdeckte ein kleines rot umrandetes Kästchen.
WIR SUCHEN DICH!
GEISTER JAGEN DIR KEINE ANGST EIN?
SPUKGESTALTEN GEHÖREN ZU DEINEM LEBEN?
DANN ADOPTIERE EINEN GEIST!
Darunter in kleinerer Schrift: Nähere Informationen erhältst du im Büro. Wir freuen uns auf deinen Besuch. Spectra Spook – Agentur-Leiterin.
Maree runzelte die Stirn.
»Soll das ein Witz sein?« Sie wusste nicht, wie lange sie das Papier angestarrt hatte, als das Smartphone klingelte. Maree zuckte zusammen, sprang vom Sofa auf und nahm das Telefonat an.
»Hi, Maree! Ist das nicht ein grässliches Wetter«, stöhnte ihre Freundin Hobie. »Wenn es so weiterregnet, dann fällt die Party des Jolly-Souls-Kindergartens buchstäblich ins Wasser.«
Maree wurde schwer ums Herz. Sie hatte sich so darauf gefreut, mit den Kindern zu feiern. Besonders über die vielen Lieder, die sie gemeinsam singen würden. So schön schräg. Maree plante auch eine kleine Einlage, in der sie den Kindern Luftgitarre-Spielen beibringen wollte.
»Ach, Hobie. Am Wetter können wir leider nichts ändern. Dann verlegen wir die Party eben ins Spielzimmer. Den Kindern ist das egal.«
»Aber im Spielzimmer gibt es keine Bäume und auch keine Verstecke, aus denen heraus wir sie erschrecken könnten.«
Das war in der Tat ein Problem. Sie hatten eigens für diese Party eine Überraschung für die Kinder gebucht. Nun mussten sie improvisieren.
»Ich kenne da noch einen Clown. Der bastelt auch Tiere aus Luftballons. Ich kümmere mich darum.«
»Du hast immer einen Plan B«, staunte Hobie. »Wir sehen uns dann morgen früh.«
»Warte, Hobie! Wir sollten das Spielzimmer noch heute Abend entsprechend dekorieren. Dann ist es eine doppelte Überraschung für die Kinder, wenn sie morgen früh kommen.«
Kurz war es am anderen Ende still. Maree hörte ihre beste Freundin atmen, die gleichzeitig die stellvertretende Kindergartenleiterin war.
»In Ordnung. Wann wollen wir uns treffen?«
»Wenn es dir zu kurzfristig ist, kann ich es auch allein machen«, bot Maree an. Doch beste Freundinnen ließen sich nicht im Stich.
»Ich werde es leider nur für eine Stunde einrichten können. Ist das für dich okay?« Hobies Stimme ließ keinen Zweifel aufkommen, dass sie Maree nicht komplett unterstützen konnte. »Ich habe meiner Großmutter versprochen, heute Abend für sie meinen Shepherd’s Pie zu kochen.«
»Ich hoffe, du bringst mir eine Portion mit«, lachte Maree. »Quasi als Bezahlung, da ich den Großteil der Arbeit allein erledige.«
»Das sollten wir hinbekommen. Danke dir. Auf dem Weg zu Oma hinterlege ich den Schlüssel an der gewohnten Stelle.«
»Dann sehen wir uns später.« Maree beendete das Gespräch.
Palais mit Doppeldeck
Als Kiana nach gut einer Stunde Fahrt mit dem Tour-Bus die Ruine Staige Fort erreichte, entdeckte sie Madame Duprés’ Doppeldecker unweit vom Eingang. Eine farblose Gestalt nach der anderen trat durch das niedrige Tor des Steinringes. Gleichmütig schwebten die Geister nacheinander zum Bus. Die Schlange reichte bereits bis zum Tor zurück.
»Madame Duprés«, rief Kiana aus der geöffneten Bustür. Die Chefin hatte ihr immer wieder eingetrichtert, die französische Adelige respektvoll zu behandeln. »Vielen Dank, dass Sie sich die Mühe machen, uns Ihren Bus zur Verfügung zu stellen.«
Trotz ihrer nebulösen Gestalt war die aus Frankreich stammende Mittvierzigerin ein Hingucker und im Vergleich zu den anderen Geistern alles andere als farblos. Ihr Kleidungsstil spiegelte die französische Mode im 17. Jahrhundert am Hofe Ludwigs XIV. wider. Sie trug ein prunkvolles dunkelgrünes Kleid. Ein florales Muster zierte die Korsage, die vorn geschnürt wurde. Das Dekolleté zeigte den halben Busen, den feinster Musselin einfasste. Bauschige Ärmel verdeckten ihre Arme bis zum Ellenbogen. Der voluminöse Rock reichte bis zum Boden und endete in einer kleinen Schleppe. Ihr braunes Haar hatte sie in der Mitte gescheitelt mit Lockenfransen auf der Stirn. Perlenschnüre zierten die am Hinterkopf zu einem Knoten gebundenen Haare.
»Du bist spät dran, mon enfant«, tadelte Madame Duprés mit charmantem Akzent, während sie Kiana mit einem Fächer zu sich winkte. »Sieh nur! All diese armen Seelen. Mein Palais fasst nicht so viele Zimmer, um sie alle unterzubringen.«
Als ›Palais‹ bezeichnete Madame Duprés ihren knallrot lackierten Doppeldeckerbus. Um keine Aufregung zu verursachen, hatte Spook eine täuschend echt aussehende Puppe hinter das Steuer gesetzt. Dadurch konnte die Französin überall hinfahren und kein menschliches Wesen ahnte, dass der Bus von einem vor über dreihundert Jahren verstorbenen Gespenst gesteuert wurde. Gleichzeitig war das Gefährt Duprés’ Wohnung. Aus jedem Fenster leuchtete eine kleine Tischlampe mit zartrosafarbenem Schirm, der in einer Bordüre aus goldenen Bommeln endete. Auf den ersten Blick glich der Bus eher einem fahrenden Bordell.
Kiana fasste sich an die kalte Stirn. Ihr wurde schwindelig.
»Ma chère! Dir geht es nicht gut.« Madame Duprés schaute Kiana streng an.
»Es geht schon wieder«, winkte sie ab. »Sind das die letzten Reisenden?«
»Oui. Es sind noch siebzig übrig.«
»Die anderen Passagiere kommen bitte mit mir mit«, rief Kiana. Während sie zum Bus taumelte, folgten ihr die restlichen Geister. Statt Fußabdrücke hinterließen sie eine Wasserspur.
Kianas Herz wurde schwer, als sie sah, dass sich auch Kinder unter ihnen befanden. Im Bus herrschte Grabesstille. Kein Geist gab einen Laut von sich. Alle starrten die Fahrerin aus toten Augen an.
Kiana nahm das Mikrofon und schaltete den Lautsprecher ein.
»Ich heiße euch alle in Killarney willkommen.«
»Un momento«, rief eine männliche Stimme. Kiana suchte nach deren Ursprung. Schließlich entdeckte sie einen jungen Mann, schlank, gut gebaut, mit Strohhut. Der eilte auf den Bus zu. Aufgrund der Dunkelheit konnte sie mehr nicht erkennen. Zischend öffnete sich die Bustür.
Der Geist rauschte an ihr vorbei, gefolgt von einem kalten Luftzug, der an ihm zu kleben schien. Für Kiana war die Kälte nicht ungewöhnlich. Viele Geister umgab ein frostiges Umfeld. Es störte sie eher, dass er ihr nur wenig Beachtung schenkte. Gerade mal ein kurzer Blick, um sich zu versichern, dass sie keine Einwände für einen weiteren Reisegast hatte. Mehr Aufmerksamkeit erhielt ein Mädchen, gestorben als Teenager.
»Hola, chica.« Das bleiche Mädchen starrte gleichgültig aus dem Fenster, ohne ihm auch nur eine Sekunde Interesse zu widmen. »Bist du schon vergeben?«
Das Mädchen gab keine Reaktion von sich.
»Dann halt nicht.« Schulterzuckend schwebte er den Gang entlang. In der hintersten Reihe nahm er Platz. Im Gegensatz zu den anderen Passagieren wirkte er fidel.
»Sind das dann alle?«
Um sich zu vergewissern, steckte sie den Kopf aus der Bustür. »Gut. Dann sind wir jetzt wohl vollständig.« Von einem Zischen begleitet, schloss sich die Bustür erneut. Obwohl jeder Platz so gut wie belegt war, wirkte der Bus beim Blick in den Rückspiegel leer. Kiana legte einen kleinen Schalter am Armaturenbrett um, der die Außenhülle des Busses in ein türkisfarbenes Leuchten tauchte. Alle Geister waren sicher.
»Wir fahren jetzt zur Agentur. Dort nehmen wir erst einmal eure Personalien auf und ihr bekommt euer Ticket, das euch zu eurem endgültigen Aufenthaltsort bringt.«
»Dann ist das nicht das Ende unserer Reise?«, lispelte die männliche Stimme aus der letzten Reihe.
»Äh, nein. Killarney ist nur eine Zwischenstation.«
»Was bedeutet denn Zwischenstation?«
»Alles Weitere klären wir in der Agentur«, entgegnete sie leicht genervt. Erst sich verspäten und dann endlos Fragen stellen. Das konnte heiter werden!
»Oye, muchacha! Und wie lange brauchen wir dahin?« Wieder dieser aufdringliche Kerl.
»Wir benötigen ungefähr eine Stunde. Die Rushhour ist bereits vorbei.« Kianas Lust, sich noch weiterhin mit diesem nervtötenden Geist auseinanderzusetzen, hatte ihren Nullpunkt erreicht.
Was für ein arroganter Kerl!, dachte sie. Er lässt uns warten, nur um sich dann in die hinterste Ecke zu verschanzen und mir auf den Geist zu gehen.
Sie startete den Motor.
Nach einer Stunde und zehn Minuten erreichten sie die Geister-Agentur. Madame Duprés’ Bus parkte bereits vor der Tür. Eine Mutter mit ihrer Tochter schwebten heraus und verschwanden im Geschäft.
»Wir sind da.« Kiana parkte den Bus auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom Eingang der Agentur. »Folgt bitte den anderen! Und bitte einreihen! Miss Spook wird euch aufrufen und beim Erstellen des Boardingpasses behilflich sein.«
Die Durchgangstür zum Büro stand offen. Eine Schlange aus Geistern reichte bereits bis in den Empfangsraum. Sie bildeten eine Spirale, da sonst die Gespenster bis auf die Straße gestanden hätten.
Madame Duprés kam ihr entgegen.
»Mon Dieu! Quel désastre!« Die Französin schlug die Hände über den Kopf zusammen.
»Was ist passiert, Madame Duprés?« Noch nie hatte Kiana die französische Adelige so aufgelöst erlebt.
»Das ist schrecklich! Einfach nur schrecklich!« Ohne sich zu einem Gespräch hinreißen zu lassen, entschwand Madame Duprés in ihrem Bus und raste davon.
Kiana zuckte nur mit den Schultern.
»Miss Spook! Alle Passagiere sind eingetroffen.«
Konzentriert saß Spectra vor dem Computer. Sie stimmte Namen, Geburtsort, Todestag und Grund des Ablebens mit der Passagierliste ab.
»Ich mache eben noch die heutige Abrechnung. Danach versende ich die Bestätigungen sowie Treffpunkt an die morgigen Teilnehmer der Abendtour«, sagte Kiana und verschwand im Nebenzimmer hinter dem Tresen.
»Mach das, Kiana!«, rief Spook ihr nach. Vor der Agentur-Leiterin schwebte eine Frau in den Dreißigern. Das volle Haar hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. Ihr Kittel war an den Oberarmen sowie am Rücken eingerissen. Ein kleines Mädchen klammerte sich an den Unterarm der Frau. Keines der Opfer hatte einen annehmbaren Tod erfahren. In ihren Gesichtern stand die Panik wie eingemeißelt. Und sie würden diesen Ausdruck für alle Ewigkeit beibehalten.
Wie die meisten der Passagiere zeigte die Gestalt der Zopffrau noch ein wenig Substanz; sowohl die Frau als auch das Kind waren ertrunken wie all die anderen. Ihre Körper hatten einige Tage im Wasser gelegen. Kein schöner Anblick, wie Kiana immer wieder feststellen musste.
»Guten Abend, Señora Lopez. Wie ich sehe, haben Sie Ihre Tochter dabei. Was für ein reizendes Kind.« Professionell spulte Spook ihren Text ab. »Willkommen in der Geister-Agentur für extravagante Reiseziele. Nehmen Sie bitte Platz.« Ermüdungserscheinungen machten sich bei Spectra bemerkbar. Vor ihr saß das einhundertneunundneunzigste Opfer der Naturkatastrophe.
»Ihre Bordkarte ist akzeptiert. Señora Lopez, begeben Sie sich mit Ihrer Tochter Blanca zu Gate 2. Ich wünsche eine angenehme Weiterreise und einen nie endenden Aufenthalt.« Wortlos schwebten Mutter und Tochter auf die Wand zu.
Spook musste gähnen.
Ein Dreieck leuchtete blau auf. Mutter und Tochter wurden von einem Sog erfasst und von der Wand verschluckt.
»Einhundertachtundneunzig Seelen haben ihre letzte Reise angetreten.« Bevor die Agentur-Leiterin sich Ruhe gönnte, eilte sie in die Toilette. Dort besorgte sie sich einige Papiertücher, um die Wasserlachen auf dem Boden zu trocknen, als Kiana den Kopf um die Ecke steckte.
»Madame Duprés hat sich bereits verdünnisiert. Ich bin jetzt auch fertig und bereite eben noch den Bus für die morgige Abendtour vor. Der gesamte Boden ist mit Pfützen übersät und muss trocken gewischt werden. Wenn es in Ordnung ist, würde ich dann ebenfalls Feierabend machen.«
Spectra nickte. »Mach das! Der Tag war lang. Nicht mehr lange, dann ist Mitternacht.« Sie widmete sich dem letzten Geist, der sich vor ihr auf den Stuhl setzte.
Wenn der Pleitegeier kreist
Der Kindergarten ›Jolly Souls‹ befand sich zwanzig Gehminuten von Marees Wohnung entfernt. In einem Karton fand sie noch etwas Dekorationsmaterial und begann, das Spielzimmer mit Girlanden, Blumen aus Pappkarton sowie die Fenster mit bunten Bildern zu versehen. Wie zuvor versprochen, schaute Hobie später vorbei. Gegen halb zehn Uhr hatten sie es geschafft und Maree machte sich in der Kaffeeküche eine Portion Shepherd’s Pie in der Mikrowelle warm.
Die beiden Freundinnen klönten und lachten, bis sie gegen halb elf den Kindergarten verließen.
»Vielen Dank, dass du so schnell gehandelt hast. Die Kinder werden Augen machen. Wir sehen uns dann morgen früh«, sagte Hobie.
»Ach ... Hobie?«
Die Freundin drehte sich langsam um. Sie wusste, was nun folgen würde.
»Ich hatte dir ja erzählt, dass ich in eine eigene Wohnung ziehen möchte, sobald meine Tante von ihrer Weltreise zurück ist. Zudem zahle ich noch immer an meinen Studiengebühren ab.«
Die Freundin ließ die Arme sinken und stellte die Tüte mit dem übrig gebliebenen Dekorationsmaterial auf den feuchten Rasen.
»Stimmt. Darüber wollten wir noch sprechen.« Hobie klemmte die Tüte zwischen ihre Beine, damit die nicht umfiel. »Du bist eine tolle Erzieherin ...« Ein verschmitztes Lächeln stahl sich über ihr Gesicht, dessen runde Form durch den Pagenschnitt noch prägnanter erschien. »Und kannst gut mit Kindern umgehen. Du springst ein, wenn es nötig ist ...«
Das klang alles andere als negativ. So viel Lob hatte Maree nicht erwartet. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Sollte Hobie ihrer Bitte nachkommen, wäre es schon sehr bald leichter für sie, die Schulden abzutragen.
»Ich habe hin und her gerechnet. Leider kann ich dir nicht mehr Geld bezahlen.«
Der Schock saß tiefer als erwartet. Ungläubig begann Maree zu blinzeln.
»Es tut mir wirklich leid.« Hobie zog den Reißverschluss der gelben Regenjacke hoch, nahm die Tüte und ging los. »Wir sehen uns dann morgen, ja?« Sie drehte sich nicht einmal mehr um. Vorgesetzte und beste Freundin zugleich. Eine Kombination, die, wenn es ums Geschäftliche ging, toxisch werden konnte. Hobie schmerzte es zutiefst, da sie wusste, wie sehr Maree mit dem Geld zu kämpfen hatte.
»Bis morgen«, wisperte Maree. Enttäuscht machte auch sie sich auf den Heimweg, als sie bemerkte, dass sie ihren Parka vergessen hatte. Zum Glück regnete es nicht mehr und die Temperatur war erträglich.
Sie trödelte die Straßen entlang, als ihre Aufmerksamkeit auf ein Geschäft fiel. Hinter dem großen Schaufenster brannte noch Licht. Gerade eilte eine abgemagerte Frau aus der Tür und sprang in den parkenden Reisebus.
»Sie hat wohl Angst vor Geistern«, kicherte Maree vor sich her. »Dann sollte sie vielleicht nicht bei dieser Touristenattraktion arbeiten, die Geisterfahrten anbietet.« Abrupt machte Maree vor einem Kundenstopper Halt. Sie legte den Kopf schief und las, was auf dem Poster geschrieben stand: Killarney Geister Abenteuer – diese Tour wird Sie das Gruseln lernen! Seien Sie kein Angsthase und entdecken Sie mit uns die schaurig schönen Seiten Killarneys. Diese Tour ist auch in Spanisch, Französisch und Deutsch buchbar.
Marees Hand fischte in der Gesäßtasche ihrer Hose nach dem Flyer. Sie verglich die Adresse.
»Scheint, als wäre noch geöffnet.« Da noch Licht brannte, entschloss sie sich kurzerhand dazu, hineinzugehen. Vielleicht hatte sie hier mehr Glück als bei ihrer Freundin.
»Hallo?«, rief sie zwischen Tür und Angel. Sie wartete. Durch den Spalt einer Tür fiel Licht. Dahinter vernahm sie Geräusche. Sie lauschte dem Gespräch.
»Es freut mich, dass Sie ›Killarney Geister-Abenteuer Reisen‹ gewählt haben, Señor Pérez. Nach all dem Ärger und der mühevollen Arbeit haben Sie sich die Auszeit redlich verdient. War die Fahrt in unserem exklusiven Reisebus angenehm?«
Niemand antwortete.
Vermutlich ist der Gast nicht in Plauderlaune, dachte Maree.
»Das freut mich. Hier ist Ihr Boardingpass, Señor Pérez. Bitte begeben Sie sich zu Gate 1. Ich wünsche eine angenehme Reise.«
Maree wartete noch einen Moment. Kurz tauchte ein flackerndes Licht auf, das sogleich wieder verschwand. Im Hintergrund tanzte ein Schatten.
»Ist jemand da?« Maree wollte gerade gehen, als eine Frau aus dem Nebenraum kam.
»Mein Name ist Spook. Kann ich etwas für Sie tun?« Sie war sichtlich überrascht, dass um diese Uhrzeit noch jemand in den Laden kam.
Auch Maree wurde unsicher. Doch sie brauchte Geld. Mit dem Verdienst als Halbtagskraft im Kindergarten kam sie soeben über die Runden. Hobie hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass eine Gehaltserhöhung nicht drin war. Ein Zweitjob, der zudem noch in den Abendstunden stattfand, käme ihr sehr gelegen.
»Ich habe Ihre ...«
Spooks Blick fiel auf den Flyer in ihrer Hand.
»Anmeldungen für die Rundfahrt zu Killarneys Hounted Places bitte wieder morgen während der Öffnungszeiten. Die nächste Abfahrt beginnt abends um sieben Uhr.«
»Ich weiß. Doch ich bin wegen der Anzeige gekommen.«
Spectras schmale Lippen öffneten sich leicht. »Anzeige?« Nun begannen ihre Lippen zu beben. Sollte sich tatsächlich jemand bereit erklären, einen Geist, oder gar Madame Duprés zu adoptieren? Seit geraumer Zeit verhielt sich die Französin merkwürdig. Spooks Vermutung, der adelige Geist sei schon zu lange ohne Bezugsperson, bestärkte sich mit jedem Tag. Immer wieder vernachlässigte Madame Duprés ihre Arbeit. Sie beschwerte sich sogar bei Spook über die Arbeitszeiten. Sieben Uhr am Abend war ihr eindeutig zu früh. Geister spukten schließlich erst nach Mitternacht.
»Na, die in der Zeitung. Die Adresse habe ich dann hier drin gefunden.« Maree hob den Flyer aus ihrem Briefkasten hoch.
Spectras Mundwinkel begannen zu zucken. »Sie haben Interesse?« Ihre Frage klang eher überrascht, als erfreut. Die Agentur-Leiterin hüstelte, dann hatte sie sich gefangen. »Kommen Sie bitte in mein Büro«, fiepte Spectra. »Dort besprechen wir alles in Ruhe.«
»Ich kann auch morgen wiederkommen, wenn das besser passt. Ich weiß, es ist schon spät«, bemerkte Maree.
