Beschreibung

Ein unheilvoller Sturm braut sich über Erdas zusammen. Nur die vier Auserwählten und ihre Seelentiere können den Untergang ihrer Welt noch verhindern. Nachdem Conor, Abeke und Rollan ihre Freundin Meilin aus der Gefangenschaft der Eroberer befreit haben, machen sie sich auf den Weg zum Baum des Lebens, denn er entscheidet über das Schicksal von Erdas. Doch eine böse Macht setzt alles daran, die Kinder aufzuhalten ... Band 7 der abenteuerlichen Tierfantasy-Reihe - für Jungs und Mädchen ab 10 Jahre

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EPUB

Seitenzahl: 225


Als Ravensburger E-Book erschienen 2017Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH© 2017 Ravensburger BuchverlagOriginaltitel: Spirit Animals. The EvertreeCopyright © 2015 by Scholastic Inc. All rights reserved.Published by arrangement with Scholastic Inc., 557 Broadway, New York, NY 10012, USA.SCHOLASTIC, SPIRIT ANIMALS and associated logos are trademarks and/or registered trademarks of Scholastic Inc.Übersetzung: Wolfram StröleLektorat: Franziska JaekelUmschlag: SJI Associates, Inc., und Keirsten Geise, unter Verwendung einer Illustration von Angelo RinaldiVorsatzkarte und Vignetten: Wahed KhakdanAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.ISBN 978-3-473-47834-7www.ravensburger.de

Für Taylor, einen Freund großer und kleiner Tiere– M. L.

TRAUMBILDER

Riesige schwarze Schuppen, die über das Gras glitten, ein Gorilla, der markerschütternd brüllte, und ein durchdringender Schrei vom Himmel. Überall Gras, Erde, Stein und brüchige Rinde. Dazu ein Pochen tief in der Erde, so alt wie die Zeit selbst. Die Silhouette gebogener Geweihstangen, die auftauchte und wieder verschwand.

Damit begann der Traum jedes Mal.

Geblendet vom Licht kniff Conor die Augen zusammen. Schützend hielt er die Hand darüber, aber das Licht drang durch die Ritzen zwischen den Fingern, sodass die Ränder der Haut durchscheinend rot leuchteten. Etwas blitzte golden. Es verschwand sofort wieder, aber einen Augenblick lang hatte es ausgesehen wie Laub. Mit einiger Mühe setzte Conor sich auf. Die harte, rissige Erde unter ihm zerbröselte.

Er hörte eine Stimme. Conor, ein Zeitalter geht zu Ende. Wir brauchen dich hier.

Tellun?, überlegte er. Erst jetzt begriff er, dass das Licht, das ihn blendete, von Feuern kam. Es brannte überall.

Conor!

Er kannte die Stimme. Hastig drehte er den Kopf in ihre Richtung.

Seine Augen gewöhnten sich allmählich an das Licht und er sah, dass er am Rand einer Klippe lag. Nicht weit von ihm entfernt stand Meilin. Sie war mit schweren Ketten gefesselt, stürzte sich aber trotzdem auf einen Grünmantel, der sich ihr näherte, und warf ihn zu Boden. Jhi sah hilflos zu. Rollan kämpfte unterdessen erbittert gegen eine gewaltige Schlange. Die Schlange wickelte sich um seine Arme und hob ihn hoch in die Luft. Etwas weiter weg kämpften Abeke und Uraza gegen Hunderte von Eroberern.

Briggan!

Conor hatte es endlich geschafft, aufzustehen, und rief den Wolf. Er wollte seinen Freunden beistehen. Warum fiel es ihm so schwer, sich zu bewegen?

Komm schon, Briggan! Wir müssen den anderen helfen – wo bist du?

Immer wieder rief er Briggans Namen, bis ihm einfiel, dass sich der Wolf im Ruhezustand befand. Aber etwas stimmte nicht. Je länger Conor auf sein Tattoo starrte, desto mehr verblasste es, bis er nicht mehr wusste, ob es überhaupt noch da war. Sein Herz begann in Panik zu klopfen.

Conor!

Wieder brüllte der Gorilla, dass der Boden unter Conors Füßen bebte. Conor blickte zu einem großen Felsen, der hinter der Schlange und Rollan aufragte. Darauf stand der Große Affe. Mit der einen Faust schlug er sich an die Brust, mit der anderen hielt er eine Art gebogenen goldenen Stab, von dem ein unwirkliches Leuchten ausging.

Der Affe drehte den Kopf in Conors Richtung. Ein kalter Schauer lief über Conors Rücken. Der Schatten des Tieres fiel über ihn und das ganze Land, so weit sein Blick reichte. Der Affe sah Conor an und kniff die Augen zu böse funkelnden Schlitzen zusammen. Er legte den Kopf zurück und brüllte erneut. Dann griff er an.

Lauf!, dachte Conor, aber ihm war, als zöge er seine Beine durch eine zähe Masse. Verzweifelt mühte er sich ab, vorwärts zu kommen, doch stattdessen hatte er das Gefühl, als würde er mit jedem Schritt nach hinten gezogen. Der Gorilla kam rasch näher. Dumpf schlugen seine gewaltigen Hände und Füße auf dem Boden auf. Conor rannte zum Rand der Klippe, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete. Im letzten Moment kam er mit rudernden Armen zum Stehen. Ein Schauer von kleinen Steinen regnete über die Felskante. Weiter kam er nicht.

Hinter ihm brüllte der Gorilla. Gleich hatte er ihn eingeholt. Conor kauerte sich an den Rand der Klippe. Aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Freunde den Kampf gegen eine aussichtslose Übermacht verloren. Die Grünmäntel wurden in Scharen von den Eroberern niedergemäht, Flammen schlugen lodernd zum Himmel auf. Dahinter lag öde und trostlos das sterbende Land.

Der Gorilla hatte ihn erreicht. Conor rutschte ab. Er versuchte sich zu fangen und blickte aus nächster Nähe in die schrecklichen Augen des Affen. Im nächsten Moment verlor er das Gleichgewicht.

Über ihm schob sich ein riesiger Adler mit seinen gewaltigen, bronzefarben und weiß schimmernden Schwingen vor die Sonne. Conor blickte auf und sah zu seinem Erstaunen Tarik mit geblähtem Mantel auf dem Rücken des Adlers sitzen.

Tarik! Du lebst!

Conor spürte eine unbeschreibliche Freude und Erleichterung. Tarik war da, also würde alles gut werden. Der Grünmantel streckte die behandschuhte Hand nach ihm aus. Conor wollte sie ergreifen – aber das war gar nicht Tarik.

Das Gesicht verwandelte sich. In die gütigen, klugen Augen trat ein kalter, verschlagener Blick und unversehens hatte Conor Shane vor sich. Der Junge bleckte die Zähne und lächelte triumphierend. Hinter Conor mischte sich Telluns tiefe Stimme in das Gebrüll des Gorillas. Shane zog die Hand zurück und Conor stürzte in den unter ihm klaffenden Abgrund.

DER SCHLAFWANDLER

Es war ein kalter, nieseliger Morgen in der Burg von Greenhaven. Rollan zog seinen Mantel – genauer gesagt Tariks grünen Mantel – fester um die Schultern. Er war zum Haupteingang unterwegs. Dort stand Abeke mit Uraza und blickte in die regenverhangene Landschaft hinaus. Um Rollans Hals hing der Korallenkrake, der bei jedem Schritt an seine Brust schlug. Rollan ertappte sich immer wieder dabei, wie er die Hand hob und ihn berührte. Nach allem, was passiert war – Shanes Verrat, Meilins Gehirnwäsche und Tariks Tod –, durften sie auf keinen Fall auch noch die beiden Talismane verlieren, die ihnen geblieben waren.

Wie lange war es her, dass Shane mit den anderen Talismanen verschwunden war? Ein paar Wochen? Irgendwie kam es ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen.

Inzwischen trafen immer mehr Grünmäntel aus der ganzen Welt ein, um ihre Streitmacht gegen die Eroberer zu verstärken. Ungeduldig presste Rollan die Lippen aufeinander. Tarik hätte gesagt, er solle sich keine Sorgen machen, sondern ruhig und nüchtern bleiben und nach einer angemessenen Zeit der Trauer überlegt und geduldig handeln. Aber Tarik war tot und Rollan konnte nur rastlos durch die Burg wandern und darauf warten, dass sie endlich aufbrachen, um die Talismane zurückzuholen, den Affen Kovo zu stoppen und Meilin zu retten.

Meilin zu retten.

Seine Finger hörten einen Moment lang auf, mit dem Korallenkraken zu spielen. Meilins Rettung schien unmöglich zu sein. Manchmal, wenn er sich mit den anderen unterhielt, sah er sich unwillkürlich nach Meilin um und wollte ihr den neuesten Witz erzählen, der ihm durch den Kopf ging. Er hätte sie so gern zum Lachen gebracht, doch dann fiel ihm jedes Mal ein, dass sie weg war. Sogar ziemlich weit weg. Er seufzte. Er durfte nicht ständig daran denken, was alles schiefgegangen war. Also schloss er die Augen, holte tief Luft und versuchte so zu tun, als wäre Tarik immer noch irgendwo in der Burg unterwegs und als schlafe Meilin oben in ihrem Zimmer. Natürlich wusste er, dass beides nicht stimmte, aber er zwang sich dazu, es vorübergehend zu glauben, um seine trüben Gedanken in Schach zu halten.

Das Wetter fiel ihm ein, ein viel unverfänglicheres Thema. Ich denke einfach an das Wetter.

Das Wetter war in letzter Zeit ziemlich seltsam. Um diese Jahreszeit war es sonst eigentlich trocken, aber in der vergangenen Woche, als Olvan alles für den Aufbruch der Truppen vorbereitet hatte, war der Himmel ständig grau gewesen und es hatte ununterbrochen geregnet. Sogar die Tiere benahmen sich eigenartig. Die Vögel zum Beispiel traten schon jetzt die Reise in den Süden an, und als Rollan in diesem Moment aufblickte, sah er wieder einen Schwarm über sich hinwegfliegen.

„Na, flieg schon los, Essix“, sagte er leise zu seinem Falkenweibchen. Wenn Essix weiter so schwer auf seiner Schulter hockte, bekam er bestimmt Rückenschmerzen. „Ich weiß doch, dass du jagen willst.“

Aber sogar Essix wirkte verändert. Sie piepste nur leise, sträubte das Nackengefieder, schüttelte einige Wassertropfen heraus und ließ sich wieder auf seiner Schulter nieder. Sie schien nicht das geringste Bedürfnis zu haben, sich auf die Jagd zu begeben. Rollan betrachtete sie. Als sie ihre Schwanzfedern zu putzen begann, beschloss er, die schmerzende Schulter einfach zu ignorieren und Essix in Ruhe zu lassen. Er wollte ihr auf keinen Fall ihre schlechte Laune vorwerfen. Vielleicht hatte sie das Warten genauso satt wie er.

Als er am Burgtor eintraf, war aus dem Nieselregen ein richtiger Dauerregen geworden. Das Wasser bildete Kügelchen auf dem Stoff seines Mantels und sickerte dann ein. Uraza blickte ihnen entgegen. Ihr Schwanz schlug hin und her. Sie war zwar nicht sein Seelentier, aber er spürte, dass auch sie das Warten belastete.

Abeke lehnte neben der Leopardin an der Tordurchfahrt und kraulte ihr abwesend den samtigen Kopf. Sie hörte Rollan kommen, machte sich aber nicht die Mühe, sich umzudrehen. An ihrem Hals hing der Granitwidder, der zweite Talisman, der ihnen geblieben war. Der hellgraue Anhänger hob sich deutlich von ihrer dunklen Haut ab.

„Hallo“, sagte Rollan. „Ich weiß ja, dass du in deinem Dorf Regentänzerin werden solltest, aber kannst du nicht mal mit Tanzen aufhören?“ Er blickte zum Himmel auf, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Abeke streifte mit ihrem Blick Rollans Mantel, dann wandte sie sich wieder der verregneten Landschaft zu. Sie schien seinen Witz nicht lustig zu finden und er schwieg verlegen. „Hallo“, sagte sie nur.

Rollan wurde ernst. „Olvan meint, dass wir bald aufbrechen können, also in den nächsten Tagen.“

„Sonst noch Neuigkeiten?“

Er schüttelte den Kopf. Sie hatten Dutzende von Sturmvögeln und Tauben an die verbündeten und befreundeten Grünmäntel in anderen Ländern geschickt und gehofft, dass einige den Hilferuf rechtzeitig erhalten und herbeieilen würden. Abeke hatte gleich mehrere Tauben nach Nilo entsandt, um ihren Vater und ihre Schwester zu verständigen.

Freunde – in einer Woche brechen wir nach Stetriol auf. Wir brauchen eure Hilfe.

Soweit Rollan wusste, hatte Abekes Vater nicht geantwortet.

„Leider nein“, sagte er.

Abeke dankte ihm mit einem Nicken, senkte den Blick und wandte sich wieder ab.

Rollan schob die Lippen vor. Ausnahmsweise einmal fiel ihm keine witzige Bemerkung ein, um Abeke aufzumuntern. Sie wirkte in letzter Zeit oft niedergeschlagen und starrte gedankenverloren in die Ferne. Er wusste, dass sie wahrscheinlich an Shanes Verrat dachte und daran, wie die Eroberer Meilin gezwungen hatten, sich gegen ihre eigenen Freunde zu wenden. Ihrem beschämten Blick nach zu schließen, machte sie sich dafür offenbar immer noch Vorwürfe.

Meilin. Er ärgerte sich, dass er schon wieder an Dinge dachte, die ihn nachts nicht schlafen ließen und dafür sorgten, dass er keinen Hunger hatte. Wo sie jetzt wohl ist?,überlegte er. Woran denkt sie? Wie es sich wohl anfühlte, sich selbst nicht unter Kontrolle zu haben?

Dass es so wehtat, sie verloren zu haben, ärgerte ihn noch mehr. Er war so lange bestens allein zurechtgekommen. Jetzt dagegen schmerzte es ihn auf einmal, wenn bestimmte Menschen fehlten, und das gefiel ihm überhaupt nicht.

Abeke sah ihn an, als spürte sie, woran er dachte. Sie räusperte sich. „Steht dir gut“, sagte sie und lächelte matt.

Tariks Mantel. Sofort erinnerte er sich wieder an den letzten Kampf des älteren Grünmantels und den hoffnungsvollen Blick in Tariks Augen, als er kurz vor seinem Tod seinen Mantel in Rollans Armen gesehen hatte. Ein schmerzhafter Druck legte sich auf Rollans Brust. Er hatte auf einmal das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

Doch etwas an Abekes Worten tröstete ihn, als wäre Tarik nicht ganz fort. Tariks Mantel tat immer noch seine Dienste und schützte Rollan vor dem Regen. Essix sträubte wieder das Gefieder und Wassertropfen sprühten in alle Richtungen.

„Danke“, murmelte Rollan. „Wer hätte gedacht, dass ich um diese Jahreszeit einen Mantel gegen die Kälte brauche?“

„Laut Olvan berichten auch die Grünmäntel aus Nilo von ungewöhnlichen Wetterverhältnissen.“

„Zum Beispiel?“

„Eisdecken auf Wasserlöchern. Einige Tiere sind wohl ganz verwirrt, weil sie nicht mehr an das Wasser rankommen.“

Eis in Nilo? Rollan versuchte sich die Oase, in der sie Cabaro begegnet waren, unter einer dicken Eisschicht vorzustellen. „Das klingt nach einem wirklich schönen, ganz normalen Sommer.“

Diesmal musste Abeke über seine ironische Bemerkung gegen ihren Willen lächeln. „Ich erinnere mich nicht, zu meiner Zeit in Nilo je so ein Wetter erlebt zu haben. Nicht einmal gehört habe ich davon. Die Stämme sind bestimmt in Aufruhr.“

„Oder die Leute fahren Schlittschuh und vergnügen sich. Also ich würde das jedenfalls tun.“

Jetzt musste Abeke richtig lachen. „Das muss man sich mal vorstellen. Mit Holzbrettern und Antilopenknochen an den Füßen.“

Rollan beugte sich mit einem verschwörerischen Grinsen zu ihr. „Ich wette, Uraza hätte ihren Spaß daran. Oder?“ Er sah Uraza an, die seinen Blick finster erwiderte.

Die beiden kicherten, wurden aber schnell wieder ernst.

Abeke wüsste bestimmt gern, wie es ihrem Vater und ihrer Schwester geht, dachte Rollan. Er scharrte mit seinen Stiefeln über das nasse Pflaster.

„Glaubst du, deiner Familie geht es gut?“, fragte er.

Abeke zuckte mit den Schultern und straffte sich, als wäre sie voller Zuversicht. „Ich denke gar nicht so oft an sie“, sagte sie mit einer Gleichgültigkeit, die einstudiert wirkte.

Dass sie ihm etwas vormachte, war so offensichtlich, dass Rollan es auch ohne die geschärften Sinne, die Essix ihm verlieh, gespürt hätte. Trotzdem nickte er nur. Er hatte einen Freund und Lehrer verloren, der für ihn von allen Menschen einem Vater am nächsten gekommen war … Abeke dagegen hatte noch einen richtigen Vater, allerdings wollte er nichts von ihr wissen. Und Shane, den Abeke für einen guten Freund gehalten hatte, hatte ihre Freundschaft missbraucht.

„Abeke“, sagte Rollan spontan und legte ihr die Hand auf den Arm.

Abeke und Uraza sahen ihn gleichzeitig an.

„Ich weiß, was du durchmachst. Du brauchst mir nichts vorzuspielen.“ Er zögerte. Ernste Gefühle hatte er nie besonders gut ausdrücken können. „Du bist nicht schuld“, fügte er noch hinzu. „Also an Shanes Verrat … Shane sollte sich schuldig fühlen, nicht du. Du konntest das nicht wissen. Du hattest ihn gern und hast ihm vertraut. Ich wollte nur sagen … es tut mir leid, wenn andere ein solches Vertrauen ausnutzen.“

Abeke sah ihn abwägend an. Sie wirkte immer noch traurig, aber nicht mehr so niedergedrückt. Schließlich nickte sie. „Danke“, murmelte sie. „Mir tut leid, dass du so lange warten musstest, bis du anderen vertrauen konntest.“

Sie verfielen in ein entspanntes Schweigen.

Nach einer Weile schüttelte Rollan den Kopf und stieß Abeke sanft an. „Das Eis wird schmelzen, ganz bestimmt. Aber Nilo sollte nicht den ganzen blauen Himmel und den Sonnenschein für sich beanspruchen.“

Abeke lächelte schief. Uraza ließ ein tröstliches Knurren hören, das tief aus ihrer Kehle aufstieg, und rieb den Kopf an Abekes Hand.

Rollan spürte, wie sich Essix auf seiner Schulter zurechtsetzte und dann mit einem ohrenbetäubenden Kreischen in die Luft schwang. Fast wäre er nach hinten umgekippt. Er zuckte zusammen und sah ihr nach, wie sie zum Himmel aufstieg. Ihm dröhnten die Ohren.

„He!“, rief er wütend. „Ich weiß schon, dass du laut kreischen kannst. Du brauchst mir das nicht mehr vorzuführen!“

„Was hat sie denn?“, fragte Abeke.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist ihr nur eingefallen, dass sie Hunger hat.“

Doch die Zugvögel waren inzwischen schon zu weit weg. Etwas anderes musste ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Sie entfernte sich zusehends … doch dann kam Rollan plötzlich die Umgebung im Sturzflug entgegen und er blickte durch Essix’ Augen.

Er war hoch über die Burg aufgestiegen und sah sich selbst und Abeke ganz klein am Burgtor stehen. Dann richtete sich Essix’ Blick mit einem Ruck auf einen Abschnitt der Burgmauer. Sie kreischte erneut und diesmal war die Botschaft eindeutig: Etwas stimmte nicht.

Rollan kniff die Augen zusammen. Dort, auf der nassen, schlüpfrigen Mauer, ging Conor. Doch er schien nicht auf den Weg zu achten. Er taumelte gefährlich nah am Rand entlang, als wäre er nicht ganz wach.

Rollans Nackenhaare sträubten sich. Was macht Conor da, um Erdas willen? Er konnte es nicht glauben. Im nächsten Moment blickte er wieder durch seine eigenen Augen. Entsetzt streckte er die Hand aus.

„Ist das Conor?“, fragte er ungläubig.

„Was?“, rief Abeke und blickte in die angegebene Richtung. Sie erstarrte und kniff die Augen zusammen, als könnte sie auch nicht glauben, was sie da sah. Dann legte sie die Hände trichterförmig an den Mund. „Conor!“, schrie sie zur Mauer hinauf. „He, Conor!“

Doch Conor schien sie nicht zu hören. Er schien überhaupt nichts wahrzunehmen, nicht einmal, dass er gerade am äußersten Rand einer Mauer entlangbalancierte. Wo war Briggan? Rollan suchte aufgeregt die Mauer ab, aber der große graue Wolf war nirgends zu sehen. Offenbar befand er sich im Ruhezustand.

Rollan musste an Meilins seltsames, durch den Gallentrank herbeigeführtes Benehmen denken und ein kalter Schauer überlief ihn. Hatte Conor am Ende auch davon getrunken? Unwillkürlich wollte er nach Tarik rufen, doch da fiel ihm ein, dass Tarik ihnen natürlich nicht mehr helfen konnte.

„Los, schnell!“, rief er und fasste Abeke an der Hand. Sie rannten durch die Tordurchfahrt in die Burg zurück und zur Treppe, die auf die Mauer hinaufführte. Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. Rollan wäre fast gestolpert, fing sich aber gerade noch und eilte weiter. Uraza überholte sie. Ihre Sätze waren dreimal so lang wie die Schritte der Kinder.

Als sie oben auf der nassen Mauer ankamen, war Uraza bereits da. Rollan wischte sich den Regen aus den Augen und sein Blick fiel auf Conors schwankende Gestalt.

Nein!

Essix kreischte wieder und ging in den Sturzflug über. Rollan begann zu rennen, doch er kam erst bei Conor an, als der gerade abrutschte.

DER PLAN

Rollan schrie auf. Im selben Moment bekam Essix Conor mit der Kralle am Ärmel zu fassen. Der Stoff riss, aber nicht ganz. Baumelnd hing Conor in der Luft.

„Halt ihn fest!“, brüllte Rollan.

Abeke war Conor am nächsten. Hastig kauerte sie sich auf die Mauer, hielt sich mit einer Hand daran fest und streckte die andere nach Conor aus. Essix hielt den Ärmel weiter fest, doch der Stoff riss mit jedem Flügelschlag stärker, bis nur noch ein paar Fäden verhinderten, dass Conor in die Tiefe stürzte.

Abeke bekam den anderen Ärmel zu fassen und wollte Conor daran nach oben ziehen. Der Junge stöhnte und öffnete zum ersten Mal die Augen. Zuerst wirkte er noch verwirrt, doch dann blickte er nach unten und hielt entsetzt die Luft an.

Die letzten Fäden rissen.

Conor fiel ein Stück nach unten, doch Abeke umklammerte grimmig entschlossen weiter den anderen Ärmel. Conor schlug gegen die Mauer und stöhnte vor Schmerzen. Verzweifelt hielt Abeke den Ärmel fest, doch sie spürte, wie ihre Finger langsam abrutschten. Als sie gerade dachte, dass sie ihn nicht länger halten konnte, streckte Uraza sich und packte Conors Arm mit dem Maul, allerdings ganz behutsam, um ihn nicht zu verletzen.

„Und los!“, rief Abeke und zog mit Uraza an Conors Arm.

Conor blickte zu ihr auf und hielt sich mit der anderen Hand an ihrem Handgelenk fest. Abeke biss die Zähne zusammen. Rollan kam ihr zu Hilfe. Gemeinsam hievten sie Conor über die Mauerkante, dann sanken sie keuchend zu Boden.

Zwei Grünmäntel näherten sich im Laufschritt.

„Was geht hier vor?“ Die Stimme gehörte Olvan. Er hatte die Stirn gerunzelt.

Abeke blieb sitzen und rang nach Atem. Uraza drückte zwinkernd Regenwasser aus ihren violetten Augen und schlug mit dem Schwanz hin und her. Sie war so erregt, dass sie drohend knurrte, als die Grünmäntel ihr zu nahe kamen.

„Das solltest du wohl erklären“, sagte Abeke schließlich zu Conor, der selbst nicht zu wissen schien, was gerade passiert war. Die Wange, mit der er an der Mauer entlanggeschrammt war, verfärbte sich bereits.

Rollan lehnte sich zurück und rieb sich die Schulter. „Genau, was sollte das eben? Wolltest du zur Erholung mal kurz fliegen? In diesem Fall hättest du zuvor Essix Bescheid geben sollen.“

Olvan sah Conor eindringlich an. „Du bist auf der Mauer herumgeklettert?“

Conor schwieg. Er setzte sich auf und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. Abeke betrachtete ihn aufmerksam. Er schien tief in Gedanken versunken. Sie hatte keine Ahnung, was ihn beschäftigte, höchstens dass er gerade nur knapp dem Tod entkommen war. Erst nach einer Weile fiel ihr auf, wie mitgenommen er wirkte. Er war kreidebleich und die Haare klebten ihm im Gesicht – sie hätte nicht sagen können, ob vom Regen oder Schweiß. Seine Augen hatten dunkle Ringe.

Olvan half ihm aufzustehen, hängte ihm seinen eigenen Mantel um die Schultern und führte ihn von der Mauerkante weg. Er bedeutete Abeke und Rollan, ihm zu folgen. „Ihr drei müsst jetzt erst mal ins Trockene. So darf der Tag nicht anfangen.“

Eine Stunde später saßen Abeke, Rollan und Conor in frischen, trockenen Kleidern und in Decken gewickelt im Speisesaal und löffelten warmen Haferbrei. Abekes Zöpfe klebten noch regennass an ihrer Haut und von den Köpfen der Kinder stieg Dampf auf. Abeke war dankbar für das Frühstück. Wenn der Brei auch noch mit Kräutern aus Nilo gewürzt gewesen wäre, hätte es das beste Essen ihres Lebens werden können. Rollan schlürfte den Brei direkt vom Teller, ohne sich mit einem Löffel abzugeben. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass er einen solchen Hunger hatte.

Olvan und Lenori saßen in der Nähe, als fürchteten sie ein Unglück, sobald sie Conor allein ließen. Conor rührte nur in seinem Brei. Sein Blick ging ins Leere und Abeke bildete sich ein, ihn etwas murmeln zu hören. Briggan saß neben ihm und hatte die Schnauze in seinen Schoß gelegt. Conor strich ihm abwesend über den Kopf.

Nach einer Weile beschloss Abeke, das Schweigen zu brechen. Sie stieß Conor in die Seite. „Also … was war da oben los?“, fragte sie vorsichtig. „Bist du im Schlaf gewandelt?“ Sie wollte nicht laut aussprechen, was alle fürchteten – dass nämlich auch Meilin schlafgewandelt war, nachdem Gerathon mithilfe des Gallentranks von ihr Besitz ergriffen hatte.

Doch Conor schien die Sorge in ihrer Stimme zu hören. „Es ist nicht, was du denkst“, erwiderte er stockend. „Zumindest glaube ich es nicht.“ Er schwieg einen Moment, dann legte er den Löffel weg und nickte. „Ich träume wieder … seit Shane uns die Talismane weggenommen hat.“

Rollan holte scharf Luft, aber Conor sprach weiter. „Es geht mir gut, aber ich habe nicht gut geschlafen. Und ich träume in jeder Nacht dasselbe.“ Er zögerte. „Ich bin schon vergangene Woche mitten in der Nacht aufgewacht … und musste feststellen, dass ich auf der Mauer unterwegs war.“

Ein Schauer überlief Abeke. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Conor nicht rechtzeitig aufgewacht oder niemand da gewesen wäre, um ihm zu helfen.

Rollan hob die Augenbrauen. „Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt? Ich hätte gern vor deiner Tür Wache gehalten und dir jedes Mal, wenn du das Zimmer verlassen wolltest, eine Ohrfeige verpasst.“

„Rollan hat recht“, stimmte Olvan zu. „Warum hast du Briggan nach dem ersten Mal im Ruhezustand gelassen und niemandem davon erzählt?“

Conor zuckte schuldbewusst mit den Schultern. „Das wollte ich ja, aber dann kam eine Nacht, in der nichts passierte. Also dachte ich, es wäre vorbei. Ich habe sogar die Tür abgeschlossen, muss sie aber im Schlaf trotzdem geöffnet haben.“

Lenori beugte sich vor. Die Perlen an ihrem Hals stießen klackend aneinander. „Was hast du denn geträumt, Conor?“, fragte sie sanft, aber mit besorgtem Blick. „Erinnerst du dich daran?“

Conor holte tief Luft. „Es ging vor ein paar Wochen los.“ Er runzelte die Stirn. „Immer ist ein Affe dabei. Und der Schatten eines Geweihs. Ein greller Lichtblitz. Goldenes Laub.“ Er blickte abwesend aus dem Fenster, ganz in die Bilder versunken, von denen er geträumt hatte. „Überall wird gekämpft. Der Affe greift mich an. Ich stürze über eine Klippe, aber über mir schwebt ein Mann auf einem Adler. Zuerst denke ich, es ist Tarik, der mir helfen will.“

Rollan erstarrte, als er den Namen des verstorbenen Grünmantels hörte.

„Ich will seine Hand nehmen“, fuhr Conor fort, „aber dann sehe ich, dass es gar nicht Tarik ist, sondern Sha…“ Er brach mitten im Wort ab, aber Abeke zuckte trotzdem zusammen. Sie wusste nur zu gut, wen er meinte.

Conor räusperte sich. „Jedenfalls tut er so, als wollte er mich retten, aber dann lässt er mich fallen.“ Er warf Abeke einen mitfühlenden Blick zu.

Abeke bemühte sich krampfhaft, nicht an Shane zu denken, aber das fiel ihr schwer. Unwillkürlich sah sie sein Gesicht vor sich und wie er auf Halawirs Rücken mit den Talismanen geflohen war. Und jetzt träumte Conor von ihm.

Shane hatte so ernst und aufrichtig gewirkt, als er mit ihr nach Greenhaven gefahren war. Er hatte sie um Hilfe gebeten und sie, ohne mit der Wimper zu zucken, angelogen. Wie dumm war sie doch gewesen, ihm zu glauben.

Ich finde es toll, wie du anderen Menschen vertraust. Du bist wirklich ein bemerkenswertes Mädchen. Wie vertraut und zugleich grausam ihr diese Worte jetzt in den Ohren klangen. Und wie dreist.

„Abeke.“ Conors Stimme riss sie aus ihren Erinnerungen.

Sie schreckte auf. „Ja?“

Auch Rollan sah sie besorgt an. „Wir haben dich eben gefragt, ob alles in Ordnung ist.“

Abeke schüttelte den Kopf, zwinkerte ein paarmal mit den Augen und straffte sich. Dann presste sie die Lippen zusammen. „Ja“, antwortete sie. „Was bedeuten die Träume deiner Meinung nach, Conor? Sagen sie die Zukunft voraus? Ich dachte, du könntest nicht so träumen, wenn Briggan sich im Ruhezustand befindet. Und du hast gesagt …“

Conor nickte. „Ich weiß. Das habe ich auch geglaubt. Aber trotzdem träume ich das immer wieder, Nacht für Nacht. Ich weiß nicht, wodurch die Träume verursacht werden, aber ich weiß, dass sie etwas bedeuten.“

„Und was?“, fragte Rollan.

Conor holte tief Luft. Sein Blick wanderte zu Olvan und wieder zu seinen Freunden. „Kovo meldet sich aus seinem Gefängnis. Ich glaube, Shane und Zerif sind bei ihm eingetroffen oder werden bald dort sein. In Stetriol wird die große Entscheidungsschlacht stattfinden.“

Auf seine unheilvollen Worte folgte ein betretenes Schweigen. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Ich weiß nicht, was das goldene Laub bedeutet, aber … jedes Mal wenn ich träume, spüre ich eine Art Herzschlag unter meinen Füßen, ein mächtiges Pochen tief in der Erde.“

„Das Herz des Landes“, murmelte Lenori staunend. Die anderen sahen sie an. Sie nickte Conor zu. „Es gibt bei den Stämmen Amayas eine alte Sage von einem Ort in Erdas, an dem alles Leben seinen Ursprung genommen hat – das der Menschen und Tiere, sogar der Großen Tiere. Der Sage nach schlägt dort bis heute das Herz der Welt. Vielleicht hast du den Geburtsort von Erdas gespürt. Wenn das stimmt, geht es um sehr viel mehr, als wir bisher gedacht haben.“

Abekes Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte als Kind von ähnlichen Sagen gehört, Geschichten, in denen Nilo das Ursprungsland war.

Rollan räusperte sich. „Hast du auch von Meilin geträumt?“ Die Hoffnung in seiner Stimme war unverkennbar.

Conor erwiderte seinen Blick nur zögernd. „Ich habe gesehen, wie sie und Jhi mit den Eroberern im Rücken gegen die Grünmäntel kämpften. Aber dann verschwanden sie im Getümmel.“

Rollans Schultern fielen nach unten und er wandte sich niedergeschlagen wieder seinem Brei zu. Abeke spürte, dass Conor bereute, überhaupt etwas gesagt zu haben.