Sport ist Mord - Tödliche Kilometer - Günther Zäuner - E-Book

Sport ist Mord - Tödliche Kilometer E-Book

Günther Zäuner

4,5

  • Herausgeber: Egoth Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Der erste Fall von Matschek und dessen Freund Korber spielt sich rund um den alljährlichen Wien-Marathon ab. Thomas Matschek ist ein durchtrainiertes Mitglied der WEGA, der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung, einer Spezialabteilung der Polizei. Tom, wie er von seinen Freunden genannt wird, will den Marathon in bestmöglicher Zeit beendet, und er hat auch eine kleine Wette mit den Kollegen laufen. Obwohl die Profis der Spitzengruppe, fast ausschließlich Schwarzafrikaner, einige Minuten früher starten, um nicht von der Masse der Hobbysportler behindert zu werden, ist es Matscheks Ziel, zumindest an einen heranzukommen. Die Euphorie Matscheks, schon bald an den Fersen eines Kenianers zu kleben, macht dem Horror Platz. Der Afrikaner strauchelt, verdreht die Augen, stürzt zu Boden - und stirbt in den Armen des WEGA-Mannes. Ein Schatten legt sich über die Veranstaltung. Noch überlegt die Rennleitung die weitere Vorgangsweise, da ereignet sich eine weitere Tragödie. Dieses Mal trifft es eine äthiopische Athletin. Auch für sie kommt jede Hilfe zu spät. Schlechte Nachrichten lassen sich nicht aufhalten. Bald sind die wildesten Gerüchte im Umlauf, und nun muss der Organisator handeln und bricht den Marathon ab. Immerhin liegen schon zwei Tote auf dem Asphalt. Doch damit nicht genug. Der Dritte, den es trifft, ist ein junger Wiener Stadtrat. Tom kann nicht glauben, was da gerade passiert. Ein Toter ist schlimm genug. Doch dass drei Menschen in derart kurzen Zeitabständen sterben - das kann nicht mit rechten Dingen einhergehen. So tauscht er sich mit seinem Freund, dem Sportmediziner Arthur Korber, aus. Gemeinsam decken sie einen internationalen Komplott auf und verhelfen dem Wien-Marat

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Seitenzahl: 239

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Impressum

Günther Zäuner

Sport ist Mord - Tödliche Kilometer

1. Auflage

Copyright © 2015

egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mitausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

ISBN: 978-3-902480-23-1

eISBN: 978-3-902480-26-2

Lektorat: Katharina Martl

Grafische Gestaltung und Satz: Clemens Toscani / Studio.Toscani.at

Gesamtherstellung:

egoth Verlag GmbH

Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.egoth.at

SPORT IST MORD

Günther ZÄUNER

TÖDLICHEKILOMETER

matschek und korber ermittelnbeim wien-marathon

INHALT

PROLOGZwei Tage vor dem Start

Nur noch vierundzwanzig Stunden

Sonntag, 12. AprilDer große Tag

Rätselraten

18

Verdacht

Falsches Spiel

Koks

Die Nadel im Heuhaufen

Rache

Reiner Tisch

In der Bredouille

Fatale Besuche

Die Schlinge zieht sich zu

EPILOG

Dieser Thriller ist reine Fiktion. Namen und Personen, Ereignisse, Orte und Zeiten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.

Bertolt Brecht, deutscher Dramatiker

Wenn du alles gibst, kannst du dir nichts vorwerfen.

Dirk Nowitzki,deutscher Basketballstar in den USA

Die Ehefrau ist das beste Trainingslager.

Otto Rehhagel,deutscher Fußballtrainer

All die Wissenschaft kann nicht ermitteln, wie gut der Geist in der Lage ist, im Rennen den Schmerz auszuhalten. Manchmal gibt es Tage, an denen ich weiß: heute kann ich sterben.

Gelindo Bordin,italienischer Marathon-Olympiasieger 1988

Der Marathon ist ein sehr langweiliger Wettkampf.

Emil Zatopek,„die tschechische Lokomotive“, Läuferstar

Hätte dieser alte Grieche nicht schon nach zwanzig Kilometer tot umfallen können?

Frank Shorter,ehemaliger amerikanischer Langstreckenläufer undOlympiasieger

Ich glaube, der Marathon ist ein Ereignis, bei dem du etwas über deinen Körper und deinen Geist lernst, und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob du 2:30 oder 5:30 rennst. Das wahrhaft Mächtige ist der Geist, denn dein Körper gibt meist bei Kilometer 30 auf und dann ist es an deinem Geist, den Rest zu schaffen.

Paula Radcliffe,britische Marathonläuferin

Nie wieder!

Grete Waitz,norwegische Langstreckenläuferin,nach ihrem Sieg beim New York Marathon 1976

PROLOGZwei Tage vor dem Start

Zweiundvierzigtausendeinhundertfünfundneunzig Meter lauern, ziehen sich kreuz und quer durch die Stadt. 42,195 Kilometer, auf denen sich Glück, Freude, Lust und Qual ununterbrochen ablösen werden.

Nachdem der Startschuss erfolgt ist, sind die ersten Kilometer deine besten Freunde. Doch das ändert sich bald. Mit jedem Meter mehr werden sie unsympathischer. Jeder Kilometer mehr will dich in die Knie zwingen, drängt dich zur Aufgabe. Dein Körper schreit, warum tust du mir das an? Dein Verstand stimmt zu, doch dein Wille verbietet ihm, dazwischenzufunken.

Du willst es schaffen! Es ist nicht dein erster Marathon, du weißt, was dich erwartet. Du bist sehr gut in Form. Du hast dich intensiv darauf vorbereitet, ein enormes Trainingsprogramm absolviert. Wenn das Wetter mitspielt, sind es optimale Bedingungen und du hast gute Chancen, deine Zeit vom Vorjahr wieder entscheidend zu verbessern. Es ist dein zehnter Marathonlauf und bisher hast du dir gegenüber immer Wort halten können. Jahr für Jahr hast du dich gesteigert. Heuer startest du bereits im ersten Block der Hobbyläufer. Kurz nach den Profiathleten, unter denen sicherlich wieder die Schwarzafrikaner überlegen dominieren werden. Als zusätzlichen Ansporn in diesem Jahr hast du dich auf diese absurde Wette mit deinen Kollegen eingelassen. Einen Rückzieher kannst du dir nicht leisten, immerhin ist es deine Idee gewesen. Manche trauen es dir zu, andere sind skeptisch. Du wirst die Zweifler überzeugen.

Thomas Matschek dreht das Wasser ab, steigt aus der Dusche und greift nach dem Badetuch. Jetzt hat er einige Stunden Zeit, sich zu regenerieren, bevor er am Nachmittag für eine weitere Trainingseinheit wieder auf die Donauinsel fahren wird. Sein Jugendfreund hat genaue Trainingspläne ausgearbeitet, die Matschek aufgrund seines Berufes nicht immer exakt einhalten kann. Für die letzten Marathonvorbereitungen hat sich der Polizist eine Woche Urlaub genommen. Der neunundzwanzigjährige Revierinspektor der Spezialeinheit WEGA1 hofft sehr, dass er nicht wegen Personalmangels zurückbeordert wird. In einer Großstadt wie Wien ist immer mit überraschenden Vorfällen zu rechnen. Zwar ist keine heikle Demonstration angemeldet und es findet auch in den Tagen vor dem Marathonstart kein problematisches Fußballmatch statt, doch es reicht ja, wenn jemand durchdreht, sich verschanzt, eine Geiselnahme. Ein Gewalttäter lässt seine Wut an der Familie aus. Oder ein Mensch kündigt seinen Selbstmord an. Wenn uniformierte Polizeikräfte mit ihrem Latein am Ende sind, werden die speziell ausgebildeten und für sämtliche Sonderfälle gewappneten WEGA-Leute angefordert.

Selbstverständlich kommt das permanente Training innerhalb der Einheit Matschek bei seinen privaten sportlichen Ambitionen zugute. Das Innenministerium und die Polizeiführung sind sehr froh, dass es Beamte wie ihn gibt, die nach außen hin sehr viel Positives zum Image der WEGA und der Polizei im Allgemeinen beitragen. Die Eliteeinheit war in den letzten Jahren durch einige unrühmliche Vorfälle ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik und der Medien geraten. Aus Erzählungen weiß Matschek, dass es noch nicht so lange her ist, dass die Kollegen die WEGA-Leute intern wenig schmeichelhaft als „Inbusschädel“ bezeichneten – aufgrund ihres nahezu einheitlichen eckigen Haarschnitts und weil viele von ihnen politisch eher im rechten Lager angesiedelt waren. Seit zwei Jahren ist Matschek nun bei der WEGA und das Bild hat sich grundlegend verbessert. Männer wie er, der er sich bereits in einigen gefährlichen Einsätzen bestens bewährt hat, sind ein Aushängeschild und daher genießt er auch die volle Unterstützung seiner Vorgesetzten. Für ihn ist es ein Traumberuf. Immerhin ist er familiär geprägt, sein Vater ist ebenfalls Polizist und steht knapp vor der Pensionierung.

„Manu!“, ruft er aus dem Badezimmer. „Wann musst du weg?“

„Gegen acht! Das Seminar beginnt um neun. Danach muss ich noch in die Bibliothek und dann komme ich wieder nach Hause. Und du wirst wieder trainieren gehen, Tom, nehme ich an?“

„Nein, heute nicht mehr. Jetzt ist wieder für einige Zeit Schluss!“

Zwar bewundert Manuela Haneka die Entschlossenheit und Konsequenz ihres Freundes, doch dieser inzwischen fast pathologischen Marathonleidenschaft kann sie nichts abgewinnen. Der vierundzwanzigjährigen Archäologiestudentin will partout nicht in den Kopf, wie Menschen freiwillig über vierzig Kilometer durch die Gegend laufen, sich bis an den Rand der Erschöpfung verausgaben und danach auch noch glücklich sein können. Die Steirerin aus Leibnitz ist kein Sportmuffel, aber sie hält sich lieber im Wasser auf oder mit rhythmischer Gymnastik fit.

Vor drei Jahren ist sie dem Zauber der Montur erlegen, als sie mit ihrem Auto einen geringfügigen Parkschaden verursachte und der Geschädigte vehement auf polizeilicher Intervention bestand. Der damalige Verkehrspolizist Thomas Matschek erwies sich als hervorragender Mediator. Somit wurde die harmlose Sache zu einem schnell geregelten Versicherungsfall. Die Delle war der Auslöser für einen beginnenden Flirt zwischen dem feschen Polizeibeamten und der nicht minder attraktiven Studentin.

Im Grunde verläuft das Zusammenleben der beiden harmonisch und unproblematisch, seit Manu vor einem Jahr in seine Junggesellenbude einzog und erst einmal für Ordnung sorgte. Zwei junge Menschen, die sich wirklich lieben und für einander geschaffen zu sein scheinen – gäbe es da nicht diese beiden Reibungspunkte. Mit seinem gefährlichen Beruf hat sie sich längst abgefunden, ist fasziniert davon, dass er ständig mit Leuten konfrontiert wird, denen sie niemals begegnen möchte, die sie aber trotzdem sehr interessieren. Rotlicht, Drogen, organisierte Kriminalität, Mord und Totschlag kennt sie nur aus dem Fernsehen oder vom Schmökern in Kriminalromanen.

Zwar gibt sie es nicht zu, aber Tom ist ihr Held, der sich täglich im Dienste der allgemeinen Sicherheit Gefahren aussetzt und in menschliche Abgründe blickt. Natürlich hat sie jedes Mal Angst, wenn er die Wohnung verlässt und seinen Dienst antritt.

Bloß sein Marathonfimmel stößt ihr säuerlich auf. Ihm, obwohl hoch gebildet und vielseitig interessiert, passt ihr Studium nicht in den Kram. Er ist der Meinung, dass es zwar sehr schön ist, in der Vergangenheit der Menschheit herumzubuddeln, dass der Mensch davon allerdings weder klüger noch besser wird, davon kann er sich jeden Tag selbst überzeugen. Es kann nicht die Erfüllung sein, später bis zur Pensionierung zwischen den Exponaten einer Museumssammlung zu verstauben. Manu versucht, diesen in unregelmäßigen Abständen auftauchenden Diskussionen nach Möglichkeit auszuweichen, weil sie immer mit einer zum Glück nicht lange andauernden Disharmonie enden.

Wenn sie jedoch sich selbst gegenüber ehrlich ist, stört es sie, dass ihr ehrgeiziger Tom vor einem Marathon tagelang von Sex überhaupt nichts wissen will, obwohl er sonst genau das Gegenteil ist und es selbst ihr, sicherlich kein Kind von Traurigkeit, manchmal zu viel wird, denn er hat es wirklich drauf. Über Kinder und Heirat sprechen sie manchmal, doch derzeit ist es kein Thema. Manu will erfolgreich ihr Studium abschließen und sich als Archäologin bewähren, er kann sich noch nicht vorstellen, Familienvater zu sein. Abschreckendes Beispiel ist die Ehe seiner älteren Schwester. Sein Schwager ist der wunde Punkt in einem sonst intakten Familienverband. Er ist ein arrogantes Arschloch, Artdirector in einer renommierten Werbeagentur und verdient dementsprechend, was er den kleinen Bullen bei diversen Familientreffen auch stets unterschwellig spüren lässt. Außerdem hat Tom ihn in Verdacht, sich mit Koks bei Laune zu halten. Bisher ist er ihm noch nicht auf die Schliche gekommen. Keine Ahnung, welcher Teufel damals seine Schwester geritten hat, sich mit diesem aufgeblasenen Wichtigtuer einzulassen. Zumindest ist seine kleine Nichte nach der Mutter geraten.

„Na schön, mein Schatz“, meint Tom und steht barfuß im Wohnzimmer. „Dann hau ich mich jetzt ein Weilchen aufs Ohr.“

Am liebsten würde ihm Manu das Badetuch von den Hüften reißen und diesen stählernen Körper auf der Stelle vernaschen. Doch sie nimmt sich zusammen, weiß sie doch, dass er ihr eine Abfuhr erteilen und sie auf später vertrösten würde. Scheißmarathon …

„Superzeit“, lobt der Sekretär seinen Chef. „Du hast dich wieder gesteigert. Wenn du dir übermorgen geschickt deine Kräfte einteilst, kommst du locker durch und kannst sehr stolz auf dich sein.“

Rudi Pawlicek wischt sich mit einem Frotteehandtuch den Schweiß von der Stirn und lehnt sich an einen Baum in der Prater Hauptallee, wo bereits die Aufbauarbeiten für den Vienna City Marathon angelaufen sind. Diese schnurgerade, knapp viereinhalb Kilometer lange Strecke vom Praterstern zum Lusthaus im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist wichtiger traditioneller Bestandteil des Wiener Marathons und ihre Geschichte geht bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück. 1538 entstand diese Allee durch Schlägerungen im Auwald und stellte eine Verbindung vom Palais Augarten zum kaiserlichen Jagdgebiet im Prater her. Neben der Hauptfahrbahn wurden Fußgängerpromenaden und Reitwege angelegt, sowie in mehreren Reihen Kastanienbäume gepflanzt.

Die Wiener nutzen diese riesige grüne Oase mitten in der Stadt als Erholungsgebiet und für den Sport. Neben Pawlicek bevölkern viele andere Hobbyläufer, Radfahrer und Nordic Walker die Strecke.

„Nun, bisher habe ich nur zwei Halbmarathons in den Beinen“, meint Pawlicek.

„Dann wird es Zeit, heuer auf die volle Distanz zu gehen. Jeder hat einmal begonnen“, ermuntert ihn sein engster Mitarbeiter.

„Du hast leicht reden“, bleibt Pawlicek skeptisch. „Schließlich kommst du aus der Leichtathletik und betreibst Zeit deines Lebens Sport. Im Gegensatz zu mir hast du nie geraucht und auch um Alkohol stets einen großen Bogen gemacht. Erst als mir mein Arzt die Rute ins Fenster gestellt hat, bin ich endlich aufgewacht. Und der Job fordert natürlich auch seinen Tribut.“

Der Wiener Stadtrat Rudi Pawlicek – sein Ressort in der Stadtregierung ist zuständig für Bildung, Jugend, Information und Sport – polarisiert. Nicht nur in der eigenen Partei, auch in der Bevölkerung. Der fünfundvierzigjährige Familienvater gilt als ehrliche Haut, was in der Politik keineswegs üblich ist, redet Klartext und hält sich auch nicht immer an die Parteilinie. Er ist alles andere als ein willenloser Apparatschik, was ihm schon öfter Rüffel des Parteivorsitzenden eingebracht hat. Pawlicek trägt sein Herz auf der Zunge und das tut ihm nicht immer gut. Er gilt als volksnah, überhaupt nicht abgehoben und ein offenes Ohr für den Bürger zu haben, ist für ihn keine hohle Floskel. Besonders engagiert er sich in Fragen der Asylpolitik und Migration. Klar, dass man sich damit nicht nur Freunde macht. Selbstverständlich ist Pawlicek das Feindbild der rechtslastigen Lager in diesem Land, aber ebenso für weite Kreise der Konservativen und hinter vorgehaltener Hand auch in einigen Teilen der eigenen Partei. Unterstützung bei diesen heiklen Themen findet er nur bei den Grünen, sofern es ihren Interessen entspricht.

„Was steht heute noch auf dem Programm?“, fragt Pawlicek seinen Sekretär, der als Leichtathlet zwar nie den internationalen Durchbruch schaffte, aber mit einigen österreichischen Laufrekorden über unterschiedliche Distanzen heimische Sportgeschichte schrieb. Pawlicek holte, nachdem er das Ressort übernommen hatte, Pokorny als Sportberater für die städtischen Belange in sein Team. Rasch konnte der nur um wenige Jahre jüngere Exsportler Pawliceks Vertrauen gewinnen und seine Loyalität unter Beweis stellen, die der Stadtrat belohnte, indem er ihn zu seinem persönlichen Sekretär auserkor.

„Vor der Gemeinderatssitzung haben wir noch den Fototermin mit den afrikanischen Athleten. Dann noch das Interview mit Wien heute2 wegen des Marathons. Das Team kommt zu uns ins Rathaus.“

„Dann hoffen wir, dass sich die Sitzung nicht wieder wie ein Strudelteig bis tief in die Nacht hinzieht“, seufzt Pawlicek und trocknet sich mit dem Handtuch seine nassen Haare ab.

„Ach ja“, tippt sich Pokorny an die Stirn. „Beinahe hätte ich es vergessen. Um siebzehn Uhr kommt noch dieser Teskalek von der Agentur, um dir die Sujets für die neue Plakatkampagne vorzulegen.“

„Wieder ein Grund mehr für die Opposition, wegen der Kosten Gift und Galle zu spucken.“

Weder dem Stadtrat noch seinem Sekretär fällt der Typ auf, der sie, versteckt zwischen Bäumen, mit seinem Handy filmt und fotografiert.

1Früherer Name: Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung

2Lokale Wiener TV-Nachrichtensendung

Nur noch vierundzwanzigStunden

Thomas Matschek fühlt sich prächtig, ausgeruht und bereit, sich den extremen Anforderungen zu stellen. Inzwischen zählt er längst zu den erfahrenen Hobbymarathonläufern. Einen großen Anteil an seiner Topform hat er seinem Schulfreund Arthur Korber zu verdanken. Der Sportmediziner und Dopingspezialist, der in Fachkreisen trotz seines jungen Alters als Koryphäe gilt, sorgt wie schon bei den vergangenen Läufen für Toms optimale Vorbereitung. Heuer ist es noch dazu ein besonderer Marathon. Tom will unbedingt die Wette mit seinen Kollegen gewinnen.

Im Grunde eine Schnapsidee, entstanden in der Kantine der Rossauer Kaserne, wo die WEGA stationiert ist. Ein paar Kollegen zogen Tom wegen seines sportlichen Ehrgeizes auf, bis es ihm zu bunt wurde und er selbst diesen verrückten Einfall präsentierte. Da er im ersten Block der bestqualifizierten Hobbyläufer und somit knapp nach den Afrikanern und den anderen Profis starten darf, behauptet er, sich mindestens fünfhundert Meter lang an die Fersen eines dieser favorisierten Spitzenathleten heften und mitzuhalten zu können. Ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelt, ist egal. Sollte Tom scheitern und die Wette verlieren, wird er drei Monate lang für seine Kollegen Bereitschaftsdienste übernehmen. Das Gleiche gilt im umgekehrten Fall.

Selbstverständlich verschweigt Tom gegenüber Manu diesen Wetteinsatz. Ansonsten wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit eine wirkliche Krise die Folge. Wegen des Marathons dann noch zusätzliche Dienste übernehmen oder einspringen – das wäre ihr mit Sicherheit zu viel.

Natürlich ist ihr klar, dass sein Beruf niemals ein Nine-to-Five-Job sein kann. Seit sie zusammen sind, musste sie mehrmals in den sauren Apfel beißen und gemeinsame Pläne wurden verschoben, weil sein Dienst dazwischenfunkte, was ihr verständlicherweise nicht behagte. Und jetzt auch noch so eine durchgeknallte Wette! Doch Tom ist hervorragend motiviert und dementsprechend siegessicher. Diese Einstellung verdankt er auch Korber, der von der Wette weiß, aber dichthält.

Der Sportmediziner hat für seinen Freund einen genauen Halbjahrestrainingsplan ausgearbeitet und Tom bemüht sich, diesen strikt einzuhalten, soweit es sein Dienst zulässt. Da Tom berufsbedingt ständig im Training steht, konnte er ohne konditionelle Probleme alle zwei Wochen das Laufpensum erhöhen, das mit fünf Kilometern begann und als Abschluss mit der Marathondistanz in der hervorragenden Zeit von 3:10:28 endete.

Seit drei Wochen ist Tapering, die Phase der Reduzierung, in seinem Programm vorgesehen. Das Wochenpensum der Laufeinheiten wurde auf rund die Hälfte heruntergeschraubt. Auch längere Pausen in einem Ausmaß von ein bis zwei Tagen waren nötig, um dem Körper die Möglichkeit einzuräumen, sich zu erholen.

In den letzten Tagen vor dem Wettkampf nimmt Tom verstärkt Kohlenhydrate zu sich. Dieses in Fachkreisen sogenannte Carboloading verschafft dem Körper vermehrt Glykogen, das mittelfristig dafür sorgt, dass mehr vom Energieträger Glucose produziert wird. Deshalb organisieren viele Veranstalter am Vorabend des Marathonstarts Pastapartys. In Wien wird traditionellerweise zu Kaiserschmarren3 ins Rathaus geladen. Tom ist sich nicht sicher, ob er dieses Jahr hingehen wird. Einerseits reizt es ihn, ein bisschen Erfahrungsaustausch im Großen Rathaussaal zu betreiben, andererseits schadet es sicher auch nicht, rechtzeitig ins Bett zu kommen. Er ist registriert, das Nenngeld bezahlt. Seine Teilnehmerunterlagen mit dem Wichtigsten, der Startnummer, hat er sich bereits abgeholt.

Manu ist noch nicht nach Hause gekommen. Daher wird Tom noch ein Weilchen im Bett bleiben.

Im Gegensatz zu Tom kann es sich Stadtrat Rudi Pawlicek nicht aussuchen. In einer Sitzungspause lässt er sich bei der sehr gut besuchten Kaiserschmarrenparty im Rathaussaal blicken. Sein Sekretär und Pressesprecher Pokorny muss ihn mehrmals leise ermahnen, sich nicht zu verzetteln. Doch das ist leichter gesagt als getan. Es ist das tägliche Geschäft des Politikers. Wer für Volksnähe steht, darf sich nicht plötzlich abschotten. Smalltalk hier, Selfies dort, ein Fototermin für die Presse, Interviews für Radio und Fernsehen und zwischendurch ein paar Bissen von dem köstlichen Kaiserschmarren.

Niemand nimmt von dem jungen Mann in seinem unauffälligen grauen Jogginganzug Notiz, der sich unaufdringlich in der Nähe Pawliceks aufhält und fleißig Handyfotos schießt.

3Eine der bekanntesten Süßspeisen in der österreichischen Küche

Sonntag, 12. AprilDer große Tag

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