Spy School - Operation schwarzer Regen - Jonas Boets - E-Book

Spy School - Operation schwarzer Regen E-Book

Jonas Boets

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5,99 €

Beschreibung

Spy School – das Internat, von dem alle Jungs träumen!

Im letzten Ausbildungsjahr wartet ein echtes Highlight auf die Jung-Agenten: Zusammen mit ihren amerikanischen Mitschülern geht’s zum Grand Canyon und nach Hollywood! Doch dann wird ihr Flug nach Costa Rica umgelenkt, in ein geheimes Kampftrainingslager – was Sam bald ziemlich Spanisch vorkommt. Misstrauisch stellt er Nachforschungen an und findet prompt heraus, wer tatsächlich hinter dem mysteriösen Camp steckt: die fiesen Gangster Sammieboy und Emma Block!

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Seitenzahl: 319

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Jonas Boets

Spy School4

Operation

Schwarzer Regen

Aus dem Niederländischen

von Claudia Van Den Block

© privat

DER AUTOR

Jonas Boets war immer schon ein großer Fan der Bücher von Anthony Horowitz. Diese und die James-Bond-Filme sowie »Mission Impossible« haben ihn zu seiner Serie Spy School inspiriert. Jonas Boets hat darüber hinaus etliche erfolgreiche Thriller für Jugendliche veröffentlicht.

Von Jonas Boets ist bei cbj bereits erschienen:

Spy School – In geheimer Mission (Band 1)

Spy School – Diamantenfieber (Band 2)

Spy School – Giftige Dosis (Band 3)

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.1. Auflage

Erstmals als cbj Taschenbuch April 2015

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe: cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2006 der niederländischen Originalausgabe:

Uitgeverij Manteau / Standaard Uitgerevrij en Jonas Boets

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Sam Smith – En Operatie Zwarte Regen« bei Uitgerverij Manteau, Antwerpen

Übersetzung: Claudia Van Den Block

Lektorat: Andreas Rode

Umschlagkonzeption: © init|Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen, unter Verwendung zweier Fotos von © Thinkstock by getty images (Konrad elazowski, RTimages)

MP · Herstellung: ReD

Satz: EDV-Fotosatz Huber/ Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-14238-4V002

www.cbj-verlag.de

Inhalt

Wer ist wer? Was ist was?

1 Im Hause Smith?

2 Vollgas voraus

3 Änderung im Flugplan

4 Code 7500

5 Der ultimative Spielzeugladen

6 Seltsame Methoden

7 Sesam, öffne dich!

8 Nur ein Spiel?

9 Horrorfilm

10 Ein alter Bekannter

11 Fünf vor zwölf

12 Schocktherapie

13 Teile und herrsche!

14 Bloß weg hier!

15 Schlammbad

16 Operation Schwarzer Regen

17 Die Hoffnung stirbt zuletzt

18 Gestatten, Javier Gavilanes

19 Die Jagd ist eröffnet

20 Aus die Maus

21 Na endlich!

Wer ist wer? Was ist was?

Sam Smith

Stinknormaler Junge, dem eines Tages eine Ausbildung zum Geheimagenten angeboten wird.

Spy School

Der Ort, an dem diese Ausbildung stattfindet.

Schüler

Die Spy School sucht Jungen und Mädchen, deren Talent es ist, nicht aufzufallen. Wer auf die Spy School gehen will, muss allerdings alles aufgeben. Die Eltern des Schülers werden hypnotisiert, damit sie nicht mehr wissen, dass sie je einen Sohn oder eine Tochter hatten. Diese Grundregeln sind für die Sicherheit des zukünftigen Geheimagenten unabdingbar.

Ausbildung

Die Spy School hat vier Jahrgänge: die A-Klasse, die B-Klasse, die C-Klasse und die D-Klasse. In jeder Klasse sind fünf Jungen und fünf Mädchen. Wer am Ende des Jahres (das Schuljahr beginnt im Januar) eine gute Bewertung bekommt, darf in die nächste Klasse aufsteigen.

Personal

Die Lehrkräfte der Spy School sind allesamt nach einem Monat benannt. Die wichtigste Jahreszeit ist der Winter. Die Bedeutung einer Lehrkraft lässt sich daran ablesen, wie nahe ihr Name an den Wintermonaten ist.

January: Lehrer für Technische Tricks und zerstreuter Professor.November: Lehrerin für Bomben entschärfen, streng, aber gerecht.April: Lehrer für Maskieren und Sekretär der Schule.July: Lehrer für Wie man sich aus misslichen Situationen befreit.Portman: Der Portier der Schule, Liebhaber von allem, was ess- oder trinkbar ist.Spyro 42: Roboter, der zugleich Sekretär und Hausmeister der Spy School ist.

Schulleitung

Besteht aus drei Mitgliedern:

Autumn: Präsident-Generaldirektor.Summer: Hilft bei der Leitung der Schule, sofern er keinen Auslandsauftrag hat. Rekrutierte Sam.Spring: Hat in etwa denselben Job wie Summer, steht jedoch etwas weiter unten in der Hierarchie. Hypnosespezialist par excellence.

Essen

In der Spy School gibt es keine Cafeteria. Wenn die Schüler hungrig sind, können sie ihr Essen aus Spezialluken in den Wänden holen. Jede Mahlzeit ist frisch zubereitet und wird durch gesundes Gemüse ergänzt. Hier ein Auszug aus der Speisekarte:

Mafia: SpaghettiU-Boot: Hamburger in einer Pfütze aus PfeffersoßeVerwundeter: Steak (je nachdem, wie blutig man es gerne hätte, mit einer, zwei oder drei Kugeln)Kugelsichere Weste: Würstchen im SpeckmantelGranaten: KrokettenPfeile: PommesLandkarten mit Blut: Toast mit MarmeladeLandkarte mit Schlamm: Toast mit Schoko- oder HaselnusscremeHalbmond: WassermeloneEier mit Speck: Eier mit Speck

1

Im Hause Smith?

»Wie war’s heute in der Schule?«

»Normal.«

»Lief die Prüfung denn einigermaßen gut?«

»Ja, war ganz okay.«

»Viel zu tun für morgen?«

»Ziemlich.«

»Na, dann fang mal schnell an, wir essen in einer Stunde.«

Sam seufzte, schulterte seine Tasche und polterte die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. So war es jeden Tag: Seine Mutter bekundete Interesse an den schulischen Aktivitäten ihres Sohnes und er antwortete immer mit denselben nichtssagenden kurzen Sätzen.

Jetzt würde Sam bis zur Essenszeit einfach noch eine Stunde in seinem Zimmer auf dem Bett liegen und Comics lesen. Dann würde seine Mutter fragen, ob er seine Hausaufgaben schon gemacht habe. Er würde wie immer Ja sagen, woraufhin seine Mutter ihrem Mann wieder einmal mitteilen würde, was für einen schlauen Sohn sie doch hatten. Dann würde sie das Essen austeilen und Herrn Smith fragen, wie sein Tag gewesen sei. Der würde seinerseits einige der seiner Meinung nach besten Anekdoten des Tages erzählen – »Ruft diese Friseurin mich an, um mir zu sagen, ich hätte einen Karton in ihrem Laden vergessen! Musste ich noch einmal ganz zurückfahren, man macht schon was mit!« –, wonach die Mahlzeit stillschweigend beendet werden würde. Jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr aufs Neue.

»Sam! Essen ist fertig!«, rief die Mutter zu ihm herauf.

Sam wurde es ganz anders zumute. Irgendetwas stimmte nicht. Er wollte nicht zum Essen gehen. Dieses langweilige Leben ödete ihn an.

»Sam!«

Wie kam es nur, dass er hier auf seinem Zimmer war? Hatte er sein altes Leben nicht aufgegeben?

»Sam!«

Sam schloss die Augen und hielt sich die Ohren zu. Das konnte doch nicht wahr sein. Er hatte absolut keine Lust auf das stinknormale Leben seiner Eltern.

»Sam!«

Sam öffnete die Augen. Verblüfft blickte er in Daphnés Augen.

»Was? Wie? Wo bin … ich?«

Daphné lächelte. »Mannomann. Das muss ja ein verrückter Traum gewesen sein!«

Sam rieb sich die Augen und sah sich um. Er saß auf einer Bank in einem großen Park. Offenbar war er eingenickt.

»Ich habe geträumt, ich sei wieder zu Hause«, sagte er. »Alles war wie früher. Mutter hat genau dieselben Fragen gestellt, mein Zimmer hat wie früher ausgesehen …«

»Puh, das muss ja wirklich ein Albtraum gewesen sein!«, sagte Daphné. »Jetzt bist du sicher froh, dass du aufgewacht bist.«

Sam lachte. »Ja, ich bin wirklich ganz schön erleichtert! Wie lange habe ich denn geschlafen?«

»Gar nicht so lange«, antwortete Daphné. »Aber lange genug. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

»Sorgen?«

»Ja, sicher! Du musst doch gleich deine Prüfung für die Winterspiele ablegen!«

Sam schlug sich an die Stirn. Wegen des Traums hätte er beinahe seine Prüfung vergessen.

Jedes Jahr reisten die Schüler der Spy School über den Atlantik und statteten ihren Kollegen von der CIA einen Besuch ab. Während ihres Aufenthalts in Amerika wurden die sogenannten Winterspiele abgehalten. Die vier Klassen der Spy School traten gegen die jeweils parallelen amerikanischen Klassen an. Jeder Schüler musste eine Prüfung ablegen. Am Ende wurden die Ergebnisse zusammengezählt, um den Sieger zu ermitteln.

Die diesjährigen Winterspiele waren jedoch anders als sonst. Die Schüler der Spy School wohnten nun schon beinahe eineinhalb Jahre in Amerika, weil im Jahr zuvor einer ihrer Mitschüler ihr Schulgebäude in England in die Luft gejagt hatte.

Überall war über die Explosion berichtet worden. Für eine Geheimagentenschule war das definitiv zu viel öffentliche Aufmerksamkeit. Präsident-Generaldirektor Autumn hatte darum beschlossen, die Spy School an einen anderen Ort zu verlegen. Irgendwo außerhalb von London hatte man schnell mit den Bauarbeiten für einen neuen Komplex begonnen.

Glücklicherweise hatte sich die CIA bereit erklärt, der Spy School so lange Unterschlupf zu gewähren, bis ihr neues Gebäude fertiggestellt war.

Das Hauptquartier der amerikanischen Geheimagentenschule lag in Langley, im Staat Virginia. Genau genommen hieß die Ortschaft schon seit 1910 eigentlich McLean, nach einem Mann, der damals die Entwicklung des Städtchens maßgeblich geprägt hatte. Trotzdem hatte sich aus unerfindlichen Gründen der Name Langley für den Standort der CIA gehalten.

Bisher hatte die Spy School bei den Winterspielen nicht glänzen können. Sams Klasse, die D-Klasse, hatte einen Rückstand von 2 zu 5. Sollte Sam nun auch noch verlieren, wäre die Niederlage für die gesamte Klasse bereits besiegelt.

»Wo muss ich hin?«, fragte er Daphné.

Daphné zeigte zur anderen Seite des Parks.

»Siehst du die Leute dort warten?«

Sam sah hinüber. »Ja.«

»Tja, die warten alle auf dich!«

Sam lief vor Verlegenheit rot an und rannte los. Zusammen mit Daphné zwängte er sich durch die Menge zu einem Tisch mit zwei Stühlen, auf dem zwei mit Wasser gefüllte Gläser standen. Dort saß schon ein kräftiger Junge mit kurzem, dunklem Haar und dem Anflug eines Bartansatzes.

Jimmy Mortimer von den CIA-Schülern war Sams Gegner bei der Hypnoseprüfung. Jimmy war ein Neuling bei der CIA. Er gehörte nicht zu einer bestimmten Klasse, sondern nahm je nach Fach in unterschiedlichen Klassen am Unterricht teil. Das hieß aber nicht, dass Jimmy kein ernst zu nehmender Gegner war. Er hatte einen Blick in den Augen, der die meisten Schüler schon von vorneherein zum Aufgeben brachte. Es kursierte sogar das Gerücht, dass er einmal einen Mitschüler buchstäblich mit Basiliskenblick zu Boden gebracht habe. Doch Sam hatte keine Angst, dass es ihm wie den anderen ergehen könnte. Er eilte zu dem freien Stuhl und setzte sich.

Herr Spring sollte die Hypnoseprüfung leiten. Er war der mit Abstand wichtigste Hypnoseexperte auf der Spy School, kannte die neuesten Techniken und erfand selbst immer wieder neue. Die Aufgabe war schon seit acht Jahren immer gleich: Die Teilnehmer mussten mit einer kurzen Hypnose ihren Gegner dazu bringen, sich ein Glas Wasser über den Kopf zu gießen. Gerade wegen dieser Schlichtheit war die Prüfung ein fester Bestandteil der Sommer- und Winterspiele.

»Wie freundlich von Ihnen, dass Sie uns noch die Ehre geben, Herr Smith«, sagte Spring mit angesäuertem Gesicht. Wie alle Lehrkräfte der Spy School konnte er Unpünktlichkeit nicht ausstehen. Pünktlichkeit war eine wichtige Eigenschaft eines Geheimagenten.

»Sagen Sie Bescheid, wenn Sie anfangen möchten«, fuhr Spring fort. »Herr Mortimer und ich haben alle Zeit der Welt. Gerade wollten wir besprechen, wie wir unsere Zeit noch totschlagen könnten. Wie wäre es zum Beispiel damit, einen Toaster anzustarren, bis das Brot herausspringt? Oder die Grashalme in diesem Park zu zählen?«

Sam stieg die Schamesröte ins Gesicht.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Spring. Ich war eingeschlafen …«

»Eingeschlafen? Na, zum Glück wollen Sie nur Geheimagent werden. Die können ja jederzeit unbekümmert ein Nickerchen machen!«

Spring blickte auf seine Armbanduhr.

»Aber gut. Wir haben schon genug Zeit vergeudet, fangen wir an. Meine Herren, sind Sie bereit?«

Sam und Jimmy nickten.

»Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Sie dürfen beginnen!«

Sam und Jimmy sahen sich an. Diese Prüfung erforderte höchste Konzentration. Man musste den Widerstand des Gegners brechen und dann zuschlagen.

Doch Sam konnte sich nur schwer konzentrieren. Der Traum von vorhin spukte ihm noch durch den Kopf. Bedeutete er, dass er seine Eltern vermisste? Oder war gerade das Gegenteil der Fall?

Plötzlich spürte Sam, wie Jimmys mächtiger Wille sich ihm aufzwang. Sein Arm näherte sich dem Glas. Die Zuschauer hielten überrascht den Atem an.

Sam konzentrierte sich wieder und konnte Jimmy aus seinem Kopf verdrängen. Sein Arm zog sich von dem Glas zurück. Nun versuchte er seinerseits anzugreifen, scheiterte aber an Jimmys stählernem Willen. Da gab es kein Durchkommen.

Erneut ließ Sams Aufmerksamkeit nach. Was bedeutete es, dass er plötzlich wieder mit dem Trott seines alten Lebens konfrontiert worden war? Er hatte zwar schon früher ab und an von zu Hause geträumt, doch dann war immer etwas Aufregendes passiert. Dieses Mal nicht, dieses Mal war es einfach nur das stinknormale Leben von früher gewesen. Vielleicht bedeutete das ja, dass ihm bald wieder ein langweiliges Leben drohte. Vielleicht hatte es aber auch gar nichts zu bedeuten und war einfach nur ein Albtraum, sonst nichts.

Sam fragte sich, warum er sich von seinem Traum so verunsichern ließ. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er an zu Hause dachte. Allerdings war es das erste Mal, dass es sich so echt anfühlte.

Im nächsten Moment spürte Sam etwas Nasses. Wasser tropfte an seinem Gesicht herunter. Sein Arm schwebte über seinem Kopf, das Glas in der Hand. Jimmy hatte seine Gedankenabwesenheit ausgenutzt und ihn hypnotisiert!

»Herr Mortimer gewinnt die Hypnoseprüfung!«, hörte er Herrn Spring rufen. »Es steht nun 6 zu 2 für die CIA-Schüler!«

Die Amerikaner jubelten und gratulierten Jimmy. Ihre Klasse hatte die D-Klasse erst einmal geschlagen. Sollten auch die anderen Klassen gewinnen, hätten sie den Titel.

Herr Spring war über Sams Niederlage alles andere als glücklich. Während die Zuschauer sich enttäuscht zurückzogen, stellte er sich neben Sam.

»Gehetzt zur Hypnoseprüfung zu erscheinen, ist meist schon der erste Schritt zur Niederlage, Herr Smith!«, sagte er tadelnd.

Sam blickte nach unten. »Ja, ich weiß, Herr Spring. Ich hatte mich so gut vorbereitet und dann war da dieser Traum …«

Spring sah ihn forschend an. »Was für ein Traum?«

Sam zuckte mit den Schultern. »Ich habe geträumt, ich sei wieder zu Hause. Alles war haargenau so wie früher. Und ich konnte diesen Traum nicht aus dem Kopf bekommen.«

Spring sah ihn verständnisvoll an. »Selbst nach drei Jahren haben die meisten Schüler ihr früheres Zuhause noch nicht vergessen. Das ist völlig normal, Herr Smith. Und vielleicht hat der Traum ja tatsächlich etwas zu bedeuten.«

»Meinen Sie?«, fragte Sam überrascht.

»Ein Geheimagent muss alles berücksichtigen. Und nicht nur das, was er sehen kann. Vielleicht will Ihnen der Traum etwas sagen, vielleicht auch nicht. Das werden Sie nach einer Weile schon herausfinden.«

Mit diesen geheimnisvollen Worten ging Spring davon. Sam sah ihm nach. Nun wusste er noch immer nicht, was er von dem Traum halten sollte. War er nun wichtig oder nicht?

Daphné unterbrach seine Grübelei.

»Du warst vorhin nicht ganz bei der Sache, was?«

»Nein, das stimmt. Aber ich hätte sowieso keine Chance gehabt. Jimmy war wirklich stark. Es war fast, als wären seine Gedanken von einem schweren, eisernen Tor geschützt.«

Daphné lachte. »Das hast du schön gesagt, Herr Smith, aber davon kannst du dir auch nichts kaufen! Wollen wir was essen gehen?«

»Aber nur, wenn es nichts kostet«, sagte Sam. »Denn kaufen kann ich mir ja nichts.«

»Ja, natürlich kostet es nichts«, antwortete Daphné. »Ich lad dich ein.«

Daphné neckte ihn öfter damit, dass sie ihn einladen würde. Tatsächlich konnte man in der Spy School sein Essen einfach aus einer Luke in der Wand holen und in Amerika war das nicht anders. Als Sam das zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er seinen Augen nicht getraut. Man drückte auf ein Knöpfchen und schon stand das Essen vor einem.

Inzwischen war er diese und andere Besonderheiten der Spy School schon seit mehr als drei Jahren gewohnt. So lange war es her, dass er sein altes Leben für die Spy School aufgegeben hatte. Sam konnte es selbst kaum glauben.

Er hatte dreimal gute Beurteilungen bekommen und war nun schon im vierten Jahrgang. Damit gehörte er zu den Ältesten. Oder zumindest zu den erfahrensten Schülern, denn die Klassen an der Spy School wurden nicht nach Alter eingeteilt. Allerdings wurden vor allem Jugendliche eines bestimmten Alters für die Spy School rekrutiert. Infolgedessen war der Altersunterschied zwischen den einzelnen Schülern nicht allzu groß.

Obwohl Sam nun schon seit drei, beinahe vier Jahren auf der Schule war, genoss er noch immer jeden einzelnen Tag. Er hatte seine Entscheidung noch nie bereut.

Auch dass sie nun schon so lange in Amerika waren, fand er nicht schlimm. Für ihn war es wie ein langer Urlaub. Ein Urlaub mit Unterricht zwar, aber trotzdem ein Urlaub.

Irgendwie war alles genauso wie in England, aber gleichzeitig doch ganz anders. Sam fand es nur schade, dass er die Schule in Amerika beenden würde und nicht in den vertrauten Gebäuden der Spy School.

»He, Döskopf!«, sagte Daphné plötzlich. »Nimm dein Essen aus der Wand, bevor es kalt wird!«

Sam schreckte aus seinen Gedanken auf. In Daphnés Gesellschaft konnte man wirklich nicht ins Träumen verfallen.

»Aber ich habe doch noch gar nichts bestellt«, sagte Sam.

»Das hab ich für dich erledigt.«

»Woher weißt du denn, was ich essen möchte?«

»Sam, selbst wenn du so unergründlich wie der Mars wärst, würde ich wissen, was du essen möchtest! Besonders weil du gerade verloren hast.«

»Da bin ich aber gespannt!«

Sam wandte sich der Luke zu. Darin stand ein dampfendes U-Boot. Genau das hatte er sich tatsächlich bestellen wollen, auch wenn er wenig Lust hatte, das zuzugeben.

»Genau darauf habe ich eben keine Lust«, sagte er, klang dabei aber wenig überzeugend.

Daphné zog die Augenbrauen hoch. »Ach wirklich? Was wolltest du dann bestellen?«

»Hm, na ja, ähm, ich … wollte …«, stammelte Sam. »Ich wollte nämlich … ähm …«

Ihm fiel auf die Schnelle einfach nichts ein.

»Ein U-Boot?«, fragte Daphné grinsend.

Sie gingen mit ihren Tellern zu einer Bank im Park. Sam gab noch nicht auf.

»Nein, ganz bestimmt nicht«, antwortete er. »Das wollte ich auf keinen Fall!«

»Aber Hamburger mit Pfeffersoße ist dein Lieblingsessen, Sam.«

»Das stimmt schon, aber das heißt ja noch lange nicht …«

Dank Daphné hatte Sam seinen Traum und die Niederlage bei der Hypnoseprüfung schnell vergessen. Sie stritten noch eine Weile herum, obwohl von vorneherein feststand, dass Daphné letztlich recht behalten würde. So lief es zwar nicht immer, aber doch sehr oft.

2

Vollgas voraus

Es war ein kühler Tag im Spätherbst in Langley. Sam sah aus dem Fenster seines Zimmers auf die gelb gefärbten Blätter eines Baumes im Park. Das Fenster war einer der großen Vorteile des Schulgebäudes. In London hatten die Schüler gar keine Fenster gehabt. Da die Spy School sich mitten in der Stadt befand, hatte man das Gebäude nach außen besonders nüchtern gestaltet. Fenster gab es so wenige wie möglich, damit man möglichst nicht hineinschauen konnte. In Langley war das nicht nötig. Der Komplex war weit genug von der Außenwelt entfernt und Neugierige wurden vom Wachpersonal auf Abstand gehalten.

Es war kurz vor neun Uhr morgens. Sam machte sich auf den Weg zu seiner ersten Stunde. Das war noch ein Unterschied zur Spy School: Der Unterricht begann eine Stunde früher. Eine ganze Stunde! Sam hatte eine Weile gebraucht, bis er sich an das frühe Aufstehen gewöhnt hatte. In der Spy School hieß es, ein Geheimagent müsse gut ausgeschlafen sein, während die Amerikaner fanden, dass man als Geheimagent schon früh auf den Beinen sein sollte. Man konnte es so oder so sehen.

Sam ging zu einem der Nebengebäude. Die CIA-Schule bestand, anders als die Spy School, nicht aus einem großen Gebäude, sondern verteilte sich auf mehrere Häuser. Daher mussten die Schüler immer erst einen kleinen Spaziergang machen, wenn sie zum Unterricht wollten. Es war ein kühler Morgen, und Sam genoss die frische Luft, als er zu Herrn Januarys Klassenzimmer schlenderte. Sein Atem stieg in Form von Wölkchen in den Himmel auf.

Ein Stück entfernt sah er vier Schüler aus der B-Klasse auf sich zukommen. Sie wirkten müde. Wahrscheinlich hatten sie eine nächtliche Übung hinter sich. Davon hatte er auch schon einige mitgemacht. Sam hob die Hand zum Gruß und die B-Klässler, drei Mädchen und ein Junge, winkten zurück. Ihre Gesichter waren dreckverschmiert und ihre Kleider zerrissen. Es musste ganz schön zur Sache gegangen sein.

Plötzlich knallte ein Schuss. Die vier sahen erschrocken auf. Zehn schwarz gekleidete Gestalten stürmten auf sie zu. Auf wen sie es abgesehen hatten, war mehr als deutlich. Die vier Schüler rannten wieder los und verschwanden im Wald hinter dem Park, die Verfolger blieben ihnen dicht auf den Fersen.

Sam beobachtete die Szene mit einem Lächeln. Eine Operation auf der Spy School war nie zu Ende.

»Die sind noch eine Weile beschäftigt«, sagte jemand hinter ihm.

Sein Mitschüler Richard James hatte sich zu ihm gesellt.

»Ich kann mich noch an eine Freilandoperation in der B-Klasse erinnern, die drei ganze Tage dauerte.«

»So lang?«, fragte Sam überrascht. Eine Freilandoperation dauerte im Allgemeinen nicht länger als einen Tag und eine Nacht.

Richard nickte. »Ja, die Operation hätte eigentlich nicht so lange dauern dürfen. Aber anscheinend habe ich mich zwei Tage lang in einem Maisfeld versteckt, weil ich dachte, dass dort Wachen wären.«

»Anscheinend?«

»Ja, ich weiß es nicht mehr so genau. Sie haben gesagt, ich hätte eine Unterkühlung gehabt. Es war damals ziemlich kalt, weißt du.«

»Und die Wachen haben dich dann gefunden?«

»Nein, Julia. Sie hat meinen Gegner gespielt und sich Sorgen gemacht, weil ich nicht mehr aufgetaucht bin. Die Wachen waren offenbar nur Vogelscheuchen.«

Sam sah Richard verwundert an.

»Da musst du wirklich ganz schön neben der Spur gewesen sein!«, lachte er.

Inzwischen waren sie in ihrem Klassenzimmer angekommen. Sam freute sich schon auf die Stunde. Herr January hatte versprochen, ihnen seine neueste Erfindung vorzustellen.

Nach und nach kamen auch die anderen Schüler der D-Klasse. Um Punkt neun Uhr erschien January in der Tür. Er zeigte auf die Schülerin, die ihm am nächsten saß, Jill Roberts.

»Frau Roberts, könnten Sie mir bitte kurz helfen? Die neue Erfindung steht im Gang.«

»Natürlich, Herr January!«

Jill sprang auf und lief auf den Flur. Dort stand ein großer Wagen, über den eine blaue Decke gebreitet war. Zusammen mit January versuchte sie, den Wagen durch die Türöffnung zu schieben, doch es ging nicht. Der Wagen war zu breit.

January kratzte sich am Kopf und dachte nach.

»Hm, im Gang ist nicht genug Platz. Ich fürchte, diese Unterrichtsstunde muss im Freien stattfinden. Frau Roberts, schieben Sie den Wagen bitte nach draußen? Herr Cole wird Ihnen helfen.«

Sam und seine Mitschüler standen auf und folgten Jill und John. Inzwischen zog Herr January ein Verlängerungskabel hervor. Dieses diente gleichzeitig als Adapter, denn die Steckdosen in den USA waren anders konstruiert als die in England. January steckte den Stecker in die Dose und rollte das Kabel nach draußen ab.

Die Schüler stellten sich um den Wagen und diskutierten eifrig, worum es sich bei der Erfindung wohl handelte. Ann Jones meinte, es sei ein wie ein Rucksack umschnallbarer Motor, mit dem man fliegen konnte. Sam hoffte sehr, dass sie recht hatte. Fliegen wollte er schon immer gerne. James Richards wiederum überlegte, ob es wohl ein Apparat wäre, mit dem man Träume aufzeichnen konnte. Er vergaß immer, was er geträumt hatte, und fand das höchst bedauerlich. Doch Julia Stevenson behauptete, das sei nicht möglich, weil man so ein Gerät nicht erfinden könne. Sie meinte, January wolle ihnen eine Apparatur zeigen, die einem automatisch einen neuen Haarschnitt verpasste. Darauf protestierten die Jungs sofort, dass die Spy School doch keine Ausbildungsstätte für Friseure sei. Julia verteidigte sich mit dem Hinweis, dass so ein Gerät durchaus nützlich wäre, wenn man sich schnell maskieren müsste. Und so wurde weiterdiskutiert, bis January erschien. Sofort verstummten sämtliche Gespräche.

»Meine Damen und Herren«, verkündete er feierlich, »heute präsentiere ich Ihnen eine neue Erfindung. Ein Gerät, das in der Welt der Geheimagenten für Furore sorgen wird. Eine einzigartige Maschine, die sich zum Schrecken aller Kriminellen entwickeln wird.«

Mit einem Ruck zog er das Laken vom Wagen. Mit offenem Mund starrten die Schüler das Gerät an, eher überrascht als bewundernd. Es war eine große schwarze Kiste aus Metall. An der Oberseite waren allerlei Schalter und Lämpchen zu sehen, ansonsten wirkte die Apparatur eher unscheinbar. Sie glich ein wenig einem großen Sicherungskasten.

»Sie scheinen noch nicht besonders beeindruckt zu sein«, sagte January lächelnd. »Das wird sich gleich ändern, wenn Sie sehen, was man mit der Maschine alles machen kann.«

Januarys Stimme wurde plötzlich von einem lauten Brummen übertönt. Sam blickte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Auf einem Areal nicht weit von ihnen bekam der Abschlussjahrgang der CIA gerade Fahrstunden. In Amerika durfte man schon mit sechzehn Auto fahren. Doch anders als normale amerikanische Teenager lernten die Schüler hier das Fahren mit etwas spezielleren Gefährten. Sie mussten nicht nur Einparken lernen und im Slalom zwischen Verkehrshütchen hindurchfahren, sondern sie mussten auch in der Lage sein, beim Fahren eine Rakete abzufeuern oder eine Ölspur zu hinterlassen. Die Autos waren mit den allerneuesten technischen Spielereien ausgestattet, was die Sache nicht gerade einfacher machte.

January musste die Stimme erheben, um sich trotz des Lärms Gehör zu verschaffen.

»Ich werde die Maschine nun einschalten«, rief er.

Er schloss das Stromkabel an die Maschine an und drückte auf ein Knöpfchen. Einen Augenblick später leuchtete ein Lämpchen auf und erlosch genauso schnell wieder. Die Maschine verrichtete ihre Tätigkeit offenbar in äußerster Stille. Und das sollte der Schrecken aller Verbrecher werden? Das Gerät würde ihnen nur dann einen Schreck einjagen, wenn es vom Himmel direkt auf ihre Köpfe fiel. Sam nahm stark an, dass January sich das etwas anders vorgestellt hatte.

Der Lehrer starrte seine Erfindung stirnrunzelnd an und kratzte sich dabei am Hinterkopf.

»Wie ist denn das möglich?«

Er drückte nochmals auf den Knopf. Erneut leuchtete das rote Lämpchen auf und erlosch sofort wieder. January zog das Stromkabel aus der Maschine und steckte es wieder ein. Noch einmal drückte er auf das Knöpfchen – mit demselben Ergebnis.

Die Schüler beobachteten ihn gelangweilt. Ihr Lehrer war zwar ein genialer Erfinder, aber sie wussten auch, dass er ein ziemlich zerstreuter Professor sein konnte. Sicher hatte er etwas vergessen. Aber was?

January nahm das Verlängerungskabel in die Hand, folgte ihm bis zur Steckdose und kehrte dann unverrichteter Dinge wieder zurück. Der Stecker war gut eingesteckt, daran konnte es also nicht liegen.

»Herr January?«

Anne Johnson meldete sich und trat einen Schritt nach vorne.

»Ja, Frau Johnson? Ist Ihnen kalt? Dann wärmen Sie sich an Ihren Mitschülern, denn meine Erfindung kann jederzeit funktionieren.«

January drückte auf ein paar Knöpfen herum, aber ohne Erfolg.

»Nein, Herr January, mir ist gar nicht kalt. Aber mir ist da ein Gedanke gekommen. Früher war ich mit meinen Eltern mal im Urlaub in Amerika.«

»Wie schön für Sie, Frau Johnson«, kommentierte January leicht irritiert. »Aber könnten Sie Ihre Reiseerlebnisse bitte nach der Stunde zum Besten geben? Ich sehe mir auch gerne Ihre Fotos an, aber erst will ich doch meine Maschine zum Laufen bekommen.«

Er beugte sich wieder über die schwarze Kiste und drehte wütend an einer Schraube herum. Doch Anne gab nicht auf.

»Herr January, als wir hier im Urlaub waren, haben einige unserer Geräte ebenfalls nicht funktioniert. Meine Eltern meinten, dass man in Amerika ein anderes Stromnetz hat oder so. Die Geräte hier brauchen weniger Strom.«

Sam erinnerte sich, auch einmal etwas in der Art gehört zu haben. Aber warum hatte er davon bisher noch nichts bemerkt? Wahrscheinlich weil die Schüler und die Lehrer so gut wie keine englischen Geräte mitgebracht hatten. Die Spy School war ja durch die Explosion fast komplett vernichtet worden. Alles, was sie hier verwendeten, stammte aus den USA.

January unterbrach seine Schrauberei und hörte Anne aufmerksam zu.

»Ich meine ja nur«, fuhr Anne fort, »wann haben Sie denn mit Ihrer Erfindung begonnen? Noch in England oder erst hier?«

January legte sich die Hand an die Stirn und dachte angestrengt nach. Dann streckte er den Zeigefinger in die Luft.

»Das ist es! Ich habe die Maschine hier tatsächlich noch nie getestet. Das muss es sein! Vielen Dank für Ihren Hinweis, Frau Johnson.«

Sam lächelte. Das war wieder typisch January. Er wollte seinen Schülern eine Erfindung vorführen, hatte sie aber noch nicht einmal getestet. Er ging einfach davon aus, dass alles, was er konstruiert hatte, funktionierte.

»Aber wie lösen wir jetzt das Problem? Frau Johnson, haben Sie eine Idee?«, murmelte January.

Anne zuckte mit den Schultern. Sie hatte das Problem zwar benennen können, aber eine Lösung dafür fiel ihr auf die Schnelle auch nicht ein.

Ein lautes Motorgeräusch näherte sich. Die D-Klasse sah auf. Ein Auto war vom Verkehrsübungsplatz abgekommen und bretterte nun mitten durch den Park. Hinter dem Wagen rannte laut schreiend Herr Lincoln, der Fahrlehrer.

»Herr Foster! Herr Foster! Rechts ist das Gaspedal, links ist die Bremse! Nein, links!«

Nach diesen Anweisungen fuhr das Auto noch schneller und konnte gerade noch einem Baum ausweichen. Dann scherte es nach links aus und raste geradewegs auf den kleinen Springbrunnen in der Mitte des Parks zu. Am Steuer saß Joe Foster.

»Die Handbremse, Herr Foster! Dann bremsen Sie von selbst ab!«, brüllte Lincoln.

Statt langsamer zu werden, fuhr das Auto mit unvermindertem Tempo weiter und feuerte gleichzeitig eine Rakete aus seiner Motorhaube ab, die mit einem Affenzahn in Richtung Brunnen sauste. Ob die zwei steinernen Seejungfrauen, die dort als Wasserspeier saßen, die Gefahr kommen sahen? Jedenfalls konnten sie sich nicht von der Stelle rühren. Es gab einen Riesenknall und der Brunnen war weg.

Zum Glück für Joe Foster, der nun mit dem Auto einfach über die Reste des Brunnens fahren konnte, anstatt mit voller Wucht dagegenzuknallen. Er riss sein Steuer herum und drehte sich schleudernd um 180 Grad. Unterdessen öffnete sich langsam das Dach, während aus dem Kofferraum ein Maschinengewehr zum Vorschein kam. Offenbar drückte Joe auf alle Knöpfe zugleich.

»Herr Foster! Nichts mehr anfassen, sonst schießen Sie am Ende noch!«, rief Lincoln mit allmählich heiserer Stimme.

Doch Joe hatte Wichtigeres zu tun, als auf seinen Lehrer zu hören. Zum Beispiel, seine Freunde von der Spy School nicht über den Haufen zu fahren.

Die Schüler der D-Klasse erstarrten, als das Auto plötzlich auf sie zuraste.

»Weg hier!«, rief January.

Er riss ein paar Schüler mit sich fort. Die anderen rannten in die andere Richtung davon. Joe tat nichts, er fuhr einfach geradeaus weiter.

»Herr Foster … Stopp!!!«, war alles, was Lincoln noch herausbrachte.

Mit angehaltenem Atem sahen Sam und seine Klassenkameraden zu, wie Joe auf das Schulgebäude zuraste. Der Junge drückte panisch auf alle Knöpfe. Das Auto raste haarscharf an dem Wagen mit Januarys Erfindung vorbei. Im selben Moment schoss Joe wie ein Pfeil in die Höhe. Er hatte den Knopf für den Schleudersitz gerade noch rechtzeitig gefunden.

Während das Auto mit einem lauten Knall gegen die Mauer krachte, flog Joe immer höher. Dann wurde aus dem schwarzen Punkt am Himmel plötzlich ein großer, weißer Fleck. Der Fallschirm öffnete sich zum Glück automatisch, denn wer weiß, was passiert wäre, wenn Joe selbst den Knopf dazu hätte finden müssen.

Sam musterte das Auto. Es war völlig eingedellt und vermutlich nicht mehr fahrtauglich. Und doch schien es Sam, als wäre es einigermaßen glimpflich davongekommen, denn eigentlich hatte er damit gerechnet, dass nur noch ein paar Fetzen von dem Fahrzeug übrig sein würden.

Langsam, aber sicher trudelte Joe nach unten und hielt sich dabei kampfhaft am Autositz fest. Seine Klassenkameraden starrten besorgt in den Himmel, als fürchteten sie, dass er auch jetzt noch etwas verkehrt machen könnte. Sobald Joe wohlbehalten gelandet war, stieß Lincoln einen tiefen Seufzer aus. Er lief zu seinem Schüler und befreite ihn aus dem Sitz.

»Es ist ein wunderbares Auto, aber ich glaube, ich nehme es doch nicht«, witzelte Joe, als er aufstand. Offenbar hatte er sich von seinem Schock schon wieder erholt.

Im gleichen Moment kamen vier Ärzte angerannt und nahmen den protestierenden Joe auf einer Trage mit. Herr Lincoln hielt es für angebracht, dass sein Schüler doch noch kurz durchgecheckt wurde. Anschließend setzte er mit den übrigen Schülern die Fahrstunde fort. Allerdings stand nun nur noch Theorie auf dem Programm, denn ein geschrottetes Auto am Tag war nach Ansicht des Lehrers mehr als genug.

»Wir machen auch weiter mit unserer Stunde, meine Damen und Herren«, sagte January. »Nach dieser tollen Einlage von Herrn Foster ist es Zeit für ein wenig ernsthafte Arbeit.«

Er nahm den Wagen und schob ihn zu den Schülern. »Ich möchte Ihnen nämlich etwas zeigen. Eine Erfindung, die in der Welt der Geheimagenten für Furore sorgen wird. Eine einzigartige Maschine, die sich zum Schrecken aller Kriminellen entwickeln wird.«

Januarys Arme fuchtelten in Richtung seiner Erfindung, die er nun zum zweiten Mal vorstellte. Die Geschehnisse von vorhin hatten ihn leicht verwirrt. Der Kopf dieses Lehrers war so vollgestopft mit Ideen und komplizierten Gleichungen, dass gerne auch mal das ein oder andere in der Versenkung verschwand.

Dieses Mal war es die Erinnerung an den Beginn der Unterrichtsstunde.

»An Ihren Gesichtern sehe ich, dass Sie nicht besonders beeindruckt sind«, lachte January. »Aber das wird sich gleich ändern.«

»Herr January?«

Anne Johnson meldete sich und trat nach vorne.

»Einen Moment, Frau Johnson. Wenn Ihnen kalt ist, müssen Sie sich nächstes Mal wärmer anziehen. Erst will ich Ihnen diese Maschine vorführen.«

Triumphierend schritt January zu der schwarzen Kiste.

»Meine Damen und Herren, bitte sehr!«

Voller Überzeugung drückte er auf den Knopf. Das rote Lämpchen verweigerte seinen Dienst nun vollständig und leuchtete nicht einmal mehr kurz auf.

3

Änderung im Flugplan

Der Flughafen von Glascock war nicht weit vom CIA-Schulungsgelände in Langley entfernt, in direkter Linie kaum zwanzig Kilometer. Der Flugplatz lag verlassen da. Ein kühler Wind blies den Staub von der Landebahn, auf der schon seit Tagen kein Flugzeug mehr gestartet war. Glascock war ein privater Regionalflughafen, den durchschnittlich nicht mehr als fünfzig Flugzeuge pro Monat nutzten.

Diese Ruhe sollte bald vorbei sein. Um 10.05 Uhr bereitete sich eine Boeing 737 auf die Landung in Glascock vor. Der Pilot bat um Landeerlaubnis.

Ein kleiner, untersetzter Mann namens Michael Bulcane empfing den Funkspruch des Piloten, setzte seine Brille auf und blätterte in einer roten Mappe. Er überprüfte, ob der Pilot seine Ankunft auch angekündigt hatte. Als er sah, wer das bearbeitet hatte, zog er die Augenbrauen hoch.

»Herr Washington, CIA«, stand auf seinem Blatt.

Schnell nahm Michael Bulcane das Mikrofon und erteilte dem Piloten die Landeerlaubnis.

Michael Bulcane arbeitete schon seit drei Jahren auf dem Flughafen von Glascock. Er regelte den täglichen Ablauf, was meist lediglich einen kurzen Spaziergang durch die Hallen erforderte. Daher war er meistens alleine auf dem Flughafen, so wie an diesem Tag auch.

Besuch von der CIA hatte er noch nie gehabt. Hierher kamen ganz normale Fluggäste, die einen Kurzstreckenflug gebucht hatten, oder Menschen, die zum Vergnügen Rundflüge machen wollten, aber der Geheimdienst … Hatten die CIA-Leute keine größeren Flughäfen für ihre Flüge?

Michael Bulcane zuckte mit den Schultern. Jedenfalls setzte in diesem Moment ein Flugzeug mit möglicherweise hohem Besuch auf der Landebahn auf.

Er blickte nach draußen. Der Pilot lenkte das Flugzeug mit ruhiger Hand zu der großen Halle, in der sich auch das Büro von Michael Bulcane befand.

Auf einem größeren Flughafen wäre nun ein Auto mit der Leuchtschrift Follow me gekommen und hätte das Flugzeug zu seinem Platz geleitet. Auf dem Flughafen von Glascock gab es so etwas jedoch nicht. Zu teuer. Langsam kam das Flugzeug zum Stillstand. Michael setzte sich auf. Falls es hoher Besuch war, sollte er wohl besser nach draußen gehen und die Gäste begrüßen.

Doch gerade als er aufstehen wollte, wurde Bulcane grob daran gehindert. Jemand drückte ihn nach unten. Hastig drehte er sich zu seinem Widersacher um: Eine kleine Frau lächelte ihn an. Sie hatte halblanges, blondes Haar und trug einen schwarzen Anzug. In der Hand hielt sie eine Pistole mit einem Schalldämpfer.

Michael öffnete den Mund und wollte um Hilfe schreien, aber die Frau legte einen Finger auf ihre Lippen, woraufhin er sofort schwieg. Ihr Blick hatte etwas Hypnotisierendes, etwas, das ihn zu lähmen schien. Außerdem wäre Schreien ohnehin zwecklos gewesen, schließlich war niemand sonst im Gebäude.

»Lassen Sie mich am Leben, bitte«, flehte Michael.

Tränen stiegen ihm in die Augen, aber die Frau kümmerte das nicht.

»Die Papiere«, befahl sie.

Michael verstand nicht, was sie wollte. »Welche Papiere?«

»Die Papiere«, wiederholte die Frau und deutete mit dem Kopf zum Tisch.

Michael begriff, dass sie die Mappe mit den Daten der Flugzeuge meinte. Zitternd nahm er sie und hielt sie der Frau hin. Die ließ seine Schulter los und riss ihm die Mappe aus den Händen.

»Bitte nicht schießen, ich flehe Sie an«, schluchzte Michael.

Noch nie hatte er eine solche Angst gehabt. Er wollte sich verteidigen, konnte aber nicht. Er war unfähig, aufzuspringen und die Frau anzugreifen. Sein Körper streikte.

»Bitte, ich habe ein Kind.«

Das waren seine letzten Worte.

Sam schlug die Augen auf und war sofort hellwach. Heute würden sie auf Wunsch der Schüler eine Klassenfahrt machen. Sam und seine Klassenkameraden fanden es schade, dass sie so lange in den USA waren und nichts vom Land zu sehen bekamen. Darum hatten sie um eine Klassenfahrt gebeten. Nach langem Zögern hatte Autumn zugestimmt.

Geplant war eine zweitägige Rundreise. Erst ging es nach Arizona zum Grand Canyon, den der Colorado River tief ins Gestein gegraben hatte. Sam hatte schon oft davon schwärmen gehört, wie beeindruckend es sei, inmitten bizarrer Felsformationen am Rand der gewaltigen Schlucht zu stehen.

Am zweiten Tag stand Los Angeles im Bundesstaat Kalifornien auf dem Programm. Die Schüler der Spy School hatten schon viel von Hollywood gehört und wollten unbedingt dorthin.

Die Abschlussklasse der CIA würde sie begleiten. Einige kannten den Grand Canyon und Hollywood bereits, fanden es aber nicht weiter schlimm, beide noch einmal zu besuchen. Auch sie wollten gerne einmal aus dem Schultrott heraus.

Um Punkt elf Uhr standen die Schüler der D-Klasse und ihre amerikanischen Kollegen auf dem Parkplatz des Areals und warteten. Sam hatte nur einen kleinen Koffer dabei. Sie waren ja nur zwei Tage unterwegs. Außerdem besaß er schlicht nicht so viele Sachen, um einen großen Koffer damit zu füllen. Das galt offenbar nicht für alle. Daphné zerrte eine gigantische Reisetasche hinter sich her, mit der sie ohne Probleme einige Monate hätte verreisen können.

»Wohin fährst du denn?«, fragte Sam lachend. »Zum Nordpol?«

»Haha, Sam!«, erwiderte Daphné mit einem säuerlichen Lächeln. »Ich wusste nicht, was ich mitnehmen soll. Ist es am Grand Canyon eher kühl oder warm? Die Wetterseiten im Internet geben gewaltige Temperaturschwankungen für diese Gegend an. Also habe ich einfach meinen ganzen Kleiderschrank eingepackt.«

»Verstehe«, antwortete Sam. »Deshalb ist deine Tasche so groß. Da ist ein ganzer Schrank drin! Solltest du den nicht lieber hierlassen?«

»Sehr witzig«, sagte Daphné gereizt. »Wart’s nur ab! Wir werden schon sehen, wer zuletzt lacht, wenn sich herausstellt, dass es im Grand Canyon minus zehn Grad sind!«

Sam setzte gerade zu einer spöttischen Erwiderung an, als Präsident-Generaldirektor Autumn auf der Bildfläche erschien.

Autumn, der noch ein paar Worte an die Klasse richten wollte, kletterte auf eines der grauen Autos auf dem Parkplatz, damit ihn alle gut sehen konnten.