Stan und Mortimer - Andreas Hagemann - E-Book

Stan und Mortimer E-Book

Andreas Hagemann

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Zwei Wesen. Eine Mission. Kein Plan. Der scharfsinnige Vampir Mortimer und der gutmütige Drache Stan erwachen ohne Erinnerung auf einer Lichtung. Nur ihre Namen und das flüchtige Bild eines mysteriösen blauen Lichts sind ihnen geblieben. Um Antworten zu finden, müssen sie sich notgedrungen zusammentun. Doch schnell wird klar: Mit bloßer Eloquenz und sympathischer Tollpatschigkeit lassen sich die Gefahren dieser fremden Welt nicht bezwingen. Mit jeder neuen Erkenntnis offenbart sich eine weitere Verbindung zwischen ihnen – eine, die dunkler und grausamer nicht sein könnte. Was verbindet sie wirklich? Und warum wurden gerade sie auserwählt?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Stan & Mortimer

ANDREAS HAGEMANN

Copyright © 2026 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Lillith Korn

Layout Ebook: Stephan Bellem

Buchsatz: Julian Behrendt & Astrid Behrendt

Umschlag- und Farbschnittdesign: Phantasmal Image

Bildmaterial: Shutterstock

Druck: Booksfactory

ISBN 978-3-69130-108-3

Alle Rechte vorbehalten

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von §44b UrhG ausdrücklich vor.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Nachwort

Drachenpost

Für alle Drachen,

die noch nach ihrer Flamme suchen

Kapitel1

In der Luft lag das Tuscheln heranwachsender Blätter. Und ein Fluchen. Ein aufbrausendes, inbrünstiges Fluchen, das plötzlich endete. Durch das dichte Unterholz der Eichen bahnte sich eine dunkel aufragende Gestalt ihren Weg. Der massig-runde Körper des Drachen drückte dieses spielerisch beiseite, was in dumpfem Knacken, gelegentlichem Holzregen und einer zurückbleibenden Schneise endete.

»Verdammt noch eins, wo bin ich hier?«, grummelte er und hob das kantige Haupt über das Gestrüpp. Doch dem Riesen offenbarten sich lediglich weiteres Blattwerk sowie eine sich öffnende Lichtung. Froh über ein wenig mehr Bewegungsfreiheit drückte er die jungen Bäume beiseite und stapfte auf das Gras hinaus. Blauer Himmel sah zu ihm herab, die Sonne beschien flach einen Teil des rechten Waldes. Der Drache sah sich um und ließ sich genau in der Mitte der Lichtung auf dem Hintern nieder. Äußerst artuntypisch, da deren Sitzhaltung für gewöhnlich nicht der eines Hundes glich.

»Und jetzt?«, fragte er in die Umgebung, erhielt jedoch nur von den Vögeln unverständliche Rückmeldungen. Es zirpte und trällerte in den Kronen in solcher Lautstärke, dass er kurz geneigt war, die Geräuschkulisse mit reichlich Moos in den Ohren auszublenden. Dieses Fleckchen Erde schien friedlich, wenngleich ein wenig zu lebendig zu sein. Nichts in dem Meer aus Grüntönen kam ihm bekannt vor. Eben war er noch …

Am Ende der Lichtung tat sich etwas.

Zwischen flachem Bewuchs watete ein Schatten. Der wäre vermutlich unbemerkt geblieben, hätte dieser nicht anscheinend völlig planlos immer wieder die Richtung geändert. Für einen Augenblick besah er sich das Schauspiel, dann rief er hinüber.

»He! Hallo! Ich hab ’ne Frage.«

Urplötzlich versteifte sich das schwarze Wesen, nur um dann ganz im Gehölz zu verschwinden.

»Na, großartig, Stan, schmeiß doch gleich mit Steinen«, murrte er zu sich selbst. Enttäuscht wandte der Drache sich ab und betrachtete den Rand der Lichtung zu seiner Linken. Da ihm nicht nach Bewegung war, musste es bei einer rein visuellen Untersuchung bleiben.

Rascheln von rechts.

Mit einem Schlag blieb sein Kopf leer. Ein Umstand, der selten eintraf, wenngleich dieses merkwürdige Gefühl erquickend war. Gäbe es da nicht die Tatsache, dass er keinen blassen Schimmer besaß, wo er sich befand. In dem dichten Wuchs des Unterholzes war weder weites Sehen noch eine Beurteilung der Umgebung möglich. Für gewöhnlich zählte er sich nicht zu den ausgiebigen Spaziergängern, was die Frage aufwarf, wie er hierhergelangt war.

Er sah an sich hinab. Der feine Frack schmiegte sich tadellos an die schmale Figur, nur das gute Schuhwerk stand im Kontrast zum nass-feuchten Untergrund. Demnach hatte er also keinen Ausflug geplant. Gewiss gab es unweit einen Weg, der ihn zurückbrachte. Wo immer das sein mochte, denn auch dies ließ sich seiner Erinnerung nicht entlocken. Da simples Herumstehen am wenigsten fortführte, marschierte er einfach los. Das stete Schmatzen des Untergrundes missfiel ihm, doch der helle Schimmer einer möglichen Freifläche drängte sich ihm zwischen den Bäumen auf und bot ihm wenigstens eine Richtung.

Fürwahr, es handelte sich um eine Lichtung.

Kaum sah er auf das Stück Wiese, rieb er sich die Augen, ob des sich darbietenden Bildes. Dort saß, in absurd an einen Hund erinnernder Weise, ein Drache mittig im Gras. Die Oberfläche seines dunkelgrauen Schuppenkleides verteilte das Licht als grelle Punkte. Eigentlich zählte er Drachen zu den menschlichen Fantasiegeschöpfen. Doch nun saß er dort und hatte ihn offenbar bemerkt.

Ganz gewiss ist dies ein Traum, lieber Mortimer, und in wenigen Augenblicken wird sich dies als irrwitziges Gespinst deiner Fantasie herausstellen, sprach er in Gedanken zu sich selbst.

»He! Hallo! Ich hab ’ne Frage«, rief das Wesen herüber, derart laut, dass ihm eines klar wurde: Wohl doch kein Traum.

Doch es musste ein Traum sein, denn etwas anderes ergab keinen Sinn. Gehörten diese Wesen nicht den … Was sollte es? Sein Kopf beschränkte sich im Moment auf die grundlegendsten Prinzipien des Lebens und besaß kein Interesse, mit Wissen oder gar sinnvollen Erklärungen aufzuwarten. Zudem hatte Mortimer ebenfalls Fragen. Bevor er sich jedoch auf eine Unterhaltung einließ, wollte er sich ein besseres Bild machen. Fressen und gefressen werden vermochte nur von einem Standpunkt aus vorteilhaft zu sein.

Kurzerhand verwandelte er sich in eine Fledermaus und überwand die Entfernung im Schutze des niedrigen Blätterdachs. Ein Versuch, der in etlichen Peitschenhieben endete und für einen unkoordinierten Zickzack-Flug sorgte. Ihm wurde speiübel. Zurück in der üblichen Gestalt eines Zweibeiners lehnte er sich an eine heranwachsende Birke und versuchte, dem aufkeimenden Würgen nicht das Feld zu überlassen. Welch Maß an Selbstbeherrschung. Er holte mehrmals tief Luft, strich sich über den Zwirn und verließ den Schutz des Unterholzes in Richtung des Drachen.

Inmitten buschiger Zweige stand die Gestalt plötzlich wieder da. Trotz der Entfernung konnte er einen schmalen dunklen Körper samt hellem Kopf ausmachen. In der Luft lag keinerlei Duftspur eines Tieres. Das Äußere glich zwar einem Menschen, doch weder Geruch noch Bewegung ähnelten sich.

»Komm ruhig her. Vielleicht kannst du mir helfen«, versuchte Stan es mit einer weiteren Kontaktaufnahme.

Zunächst zögerte das Wesen, dann tat es zwei Schritte auf die Lichtung hinaus. Die Sonne strich ihm übers Gesicht, verstärkte so den Kontrast zwischen blassem Schädel und dunklem Stoff, den es auf der Haut trug. Dabei verknotete es die Arme in befremdlicher Weise vor der Brust.

»Ich habe keine Ahnung, wo ich hier gelandet bin«, sprach Stan einfach drauflos.

Man beäugte ihn.

»Vielleicht kannst du mir sagen, wo ich mich befinde?«

Es trat näher. Auf eine Art und Weise, die elegant wirkte. Eine merkwürdige Kreatur. Nun erkannte er weitere Details. Der Körper mutete ungewöhnlich schlank an, eigentlich dürr. Ihm kam unweigerlich der Gedanke, weshalb er nicht bei der geringsten Belastung durchbrach? Zudem besaß dessen Kopf die Form eines umgedrehten schmalen Tropfens. Solch ein Lebewesen war ihm bisher noch nicht vor die Augen gekommen. Immerhin wirkte es harmlos.

»Du kannst natürlich einfach dastehen und mich anstarren. Das ist zwar völlig schräg, aber wenn du dich damit besser fühlst, nur zu.«

Ein weiterer Schritt folgte.

Allmählich ergab sich eine Gesprächsdistanz. Was voraussetzte, dass sein Gegenüber des Sprechens mächtig war. Es hob die Hand zum Gruß.

»Das ist ein Anfang. Demnach kannst du mich verstehen. Ich bin Stan.«

Sein Gegenüber musterte ihn.

»Mortimer«, kam es kurz. Das Wesen klang nasal und ungemein vornehm. »Du bist ein Drache«, schob es nach und würzte die Feststellung mit ein wenig Skepsis.

»Das ist absolut richtig«, erwiderte Stan samt erhobener Klaue. Er machte weiterhin keine Anstalten, sich zu erheben oder wie andere Artgenossen einfach auf den Bauch zu rollen. »Und was bist du? So jemanden wie dich habe ich nie zuvor gesehen.«

»Ich bin ein Vampir.«

»Oha.«

Stille.

»Du hast keine Ahnung, richtig?«

»Nicht die Bohne.« Stan verzog die lange Schnauze zu einem Grinsen. »Aber ein Drache bist du nicht, möchte ich meinen?«

Mortimer hob die linke Augenbraue, der Rest seines Körpers glich einem unverrückbaren Marmorblock. »Unsere einzigen Schuppen gäbe es lediglich auf dem Kopf.«

»Ach, krass, zeig mal!« Voller Elan wippte Stan nach vorn auf die Läufe und wollte selbst nachsehen. Mortimer hingegen hob flink die Hand. »Ich bedauere, dass mein Versuch der humoristischen Äußerung nicht auf den passenden Intellekt gestoßen ist.«

»Das heißt, keine Schuppen?«

Kopfschütteln.

Ein paar Vögel überlagerten die unangenehme Unterbrechung mit ihren Paarungsrufen. Stan zog die Lippen spitz und sah damit aus wie ein schmollendes Ungetüm. Dann fiel ihm seine ursprüngliche Frage wieder ein.

»Sag mal, weißt du zufällig, wo wir hier sind?«

»Diese Gegend ist mir unbekannt.«

Stan ging wieder auf den Hintern nieder, so hatte er die Vorderläufe für eine ausufernde Geste des Bedauerns frei. »Also, eben war ich noch woanders und dann plötzlich hier. Nur …« Der Rest des Satzes verschwand in den unausgesprochenen Überlegungen.

»Mit anderen Worten, du bist ebenso unfreiwillig hier und hast keine Erinnerung, was passiert ist?«, formulierte Mortimer die deckungsgleiche Feststellung.

»Nicht ein bisschen. Aber es ist nett hier.«

»Das ist dem Problem natürlich äußerst zuträglich«, entgegnete Mortimer sarkastisch.

Nachdem Stan dem Flug zweier turtelnder Schmetterlinge beigewohnt hatte, ruckte sein Kopf zurück zum Vampir, als hätte er in einen anderen Modus geschaltet. »Kannst du dich an irgendetwas erinnern?«, wollte der Drache aus heiterem Himmel wissen.

Sein Gegenüber sah ihn konsterniert an. »Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich diese Frage soeben selbst gestellt hatte.«

Es schien zu brauchen, bis das Dutzend Worte den Arbeitsprozess durchlief und für eine entsprechende Reaktion sorgte.

»Oh.« Nach einer weiteren Pause schob er nach. »Wie kommen wir jetzt zurück?«

Schulterzucken.

Der Drache überlegte, tippte sich sogar mit einer Kralle an das mit Dornen gespickte Kinn. Eine Geste, die gespielt aussah und in Anbetracht des kompakten Intellekts völlig fehl am Platz schien. Schwungvoll hob er dennoch die Kralle.

»Wir legen uns schlafen!«, verkündete Stan voller Inbrunst, im Gesicht ein erschreckend merkwürdiges Grinsen. »Vielleicht passiert genau das Gleiche ein weiteres Mal und bringt uns so zurück nach Hause?«

Mortimer stand weiterhin völlig regungslos da. In einem Maximum an emotionaler Reaktion nickte er.

»Welch vortreffliche Überlegung. Ich nehme an, es handelt sich dabei um die perfektionierte Form des Aussitzens. Ich vergaß, wie viele Schlachten man mit dieser ausgefeilten Taktik zu seinen Gunsten entscheiden konnte.«

Die Worte sowie der darin eingewobene Sarkasmus trafen offenbar auf ein Vakuum, denn ihnen folgte lediglich herzhaftes Gähnen. Stan rollte zur Seite und sorgte so für eine Senke im dichten Gras. »Es ist so schön unkompliziert mit uns«, schmatzte er. »Moment!«, schwang er sich plötzlich wieder auf und lehnte sich derart weit nach vorn, dass seine Schnauze lediglich eine Kopflänge vom Vampir entfernt war. Der vernahm den Hauch von Asche.

»Wer sagt, dass du nicht der Drahtzieher hinter all dem bist?«

»Verzeihung?« Mortimer konnte dem plötzlichen Wechsel nicht im Geringsten folgen.

»Du tauchst genau dann auf, wenn ich hier ankomme. Du warst in meiner Nähe und du scheinst keine Angst vor mir zu haben, als würdest du mich kennen.«

Das musste er erst einmal sacken lassen. Mühelos hielt er dem rastlosen Blick des Drachen stand, dessen Oberstübchen mit dieser wirren Auffassung Pingpong spielte. »Auf die Gefahr hin, mich weit aus dem Fenster zu lehnen, vermute ich, dass dieser Umstand dem entspricht, was man gemeinhin als Zufall bezeichnet. Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass du ebenfalls keinerlei Zeitgefühl hast. Demnach wäre die Frage, ob ich womöglich vor dir hier gewesen bin.«

Stan kniff die Augen zusammen. »Das klingt … schlau. Hast du Hunger?«

Mortimer holte unmerklich tief Luft. Keine Reaktion zu zeigen, könnte die Unterhaltung in weitaus absurdere Gefilde abdriften lassen. »Ein wenig. Dies könnte das Ergebnis unserer unfreiwilligen Reise sein.«

Der Vampir überlegte, wie er sowohl die Situation als auch mögliche Optionen zur Lösung kombinieren konnte. Da gab es nichts. Was immer geschehen war, entzog sich seiner Wahrnehmung, seinem Intellekt und sehr wahrscheinlich ebenso jedweder Logik.

Stan wuchtete sich aus dem feuchten Gras und machte Anstalten, auch ohne eine gemeinsame Entscheidung von dannen zu ziehen, als er plötzlich innehielt.

»Es ist jedoch möglich, dass irgendeiner höheren Macht ein Fehler unterlaufen ist. Ich meine, wir beide sind doch unbedeutend.«

»Bitte spreche in derlei Belangen lediglich für dich«, entgegnete Mortimer und reckte die Nase in die Höhe. Der Drache legte den Kopf schief und sah zu ihm hinab.

»Wenn du redest, verstehe ich immer nur die Hälfte.«

»Dies ist mein Bestreben.«

»Macht man das so, da wo du herkommst?«

»Meist bloß in der Gegenwart mental unterlegener Spezies.«

»Aha.«

»Wie dem auch sei«, erlaubte sich Mortimer ein intentionsloses Zucken seines Mundwinkels. »Dem Vorschlag der Nahrungsaufnahme wäre ich durchaus zugetan.«

Dabei lag ihm nichts ferner, als das zu speisen, von dem er ausging, dass Drachen dies tun würden. Er beschloss, es auf sich zukommen zu lassen. Auf eine weitere Überraschung kam es nun wirklich nicht an, zudem galt es, in Ausnahmesituationen wenig wählerisch zu sein.

Er bedeutete dem Drachen, vorauszugehen. Zumindest hatte sich dessen Hirngespinst einer Sabotage durch ihn in Luft aufge…

»Um noch einmal auf dich zurückzukommen. Du bist sicher, dass du mit all dem hier nichts zu tun hast?«

»Gehen wir einmal in der Annahme, dem wäre so, dann besäße ich hiervon keinerlei Erinnerung. Viel wichtiger wäre jedoch der Umstand, dass ich keinen leisen Schimmer habe, was mich dazu veranlassen sollte, mich mir nichts, dir nichts an einen mir fremden Ort zu verfrachten.«

»Maaann«, stöhnte Stan. »Deine Sätze sind so lang, da habe ich den Anfang gleich wieder vergessen. Wenigstens scheinst du in Ordnung zu sein.«

»Vielen Dank, dann hat sich das gesamte Unterfangen, sollte es denn scheitern, dennoch gelohnt.«

Wie so einiges andere auch, entging dem Drachen der sarkastische Unterton.

»Prima, das freut mich. Bleibt nun die Frage, wo wir etwas zu essen finden. Und ein paar Antworten.«

Mortimer sah an dem Riesen vorbei ins dichte Unterholz. Beim Anblick der Vegetation würde sich gewiss etwas Nahrhaftes finden lassen. Und sollte ihm der Optimismus weiterhin Gesellschaft leisten, fand sich für all dies eine nachvollziehbare Erklärung. Derzeit stand ihm weder der Sinn nach Gesellschaft noch nach Lustwandeln. Von allein kämen die Antworten ganz gewiss nicht zu ihm. Irgendetwas sagte ihm jedoch, dass sie irgendwo da draußen zu finden waren.

Kapitel2

Ihr Vorankommen durch den Wald erwies sich als umständlich. Wer immer in dieser Gegend ansässig sein mochte, hatte vergessen, einen Pfad durch die Wildnis zu treten. Da war es von Vorteil, dass Mortimer dem Drachen den Vortritt ließ. Natürlich aus reinem Eigennutz, denn kaum fing dieser einen ausschweifenden Monolog über Pinienmulch an, entpuppte sich dies als gewiefter Schachzug. Zudem verklangen dessen Laute, die kaum den Weg um dessen Hinterteil fanden. Mit gelegentlichen Jas, Mmhs und Ohas zeigte er sich genug beteiligt, um nicht intensiver eingebunden zu werden. Auf diese Weise gab es ausreichend Platz und dank des Schwanzwedelns mehr Trittfläche. Hier und da musste ein Baum dem Koloss weichen, damit dieser vorankam. Alles in allem entwickelte sich das Vorankommen zu einem akzeptablen Schlendern, bei dem lediglich das Schuhwerk schmutzig wurde.

Zwischen den dichten Baumkronen des Mischwaldes drängte sich warmes Sonnenlicht. Wie ein stiller Begleiter tanzte es um sie beide, als müsste es die Fremden erst kennenlernen.

»Findest du nicht?«

Stans Frage segelte so unverhofft deutlich nach hinten, dass Mortimer keine Zeit für einen enttäuschten Gesichtszug blieb.

»Verzeih, der Untergrund ist so laut, dass ich lediglich die Hälfte vernommen habe. Sei so gut und wiederhole den Rest noch einmal.«

Da sich seine Gesichtsfarbe nie änderte, bescherte ihm eine Lüge keinen roten Teint.

»Na klar«, entgegnete der Drache und wippte beinahe freudig beim Gehen, als gäbe es kaum etwas Schöneres, als die Dinge erneut zu erzählen. »Mir kam in den Sinn, dass wir vielleicht selbst der Grund für unsere Landung hier sind.«

Wie sehr wünschte sich Mortimer die Gabe des sich spontanen Auflösens. Dies wäre der perfekte Moment, es ein weiteres Mal zu versuchen. Nein. Welch Überraschung, es funktionierte nicht. Also versuchte er, den Dialog an Stan zurückzugeben.

»Wie kommst du darauf?«

Stan blieb stehen, wandte sich um und ließ Mortimer keine Chance, dem Gespräch zu entgehen. »Ich glaube, dass wir das Gleiche getan haben, weil uns beiden die Erinnerung fehlt.«

Der Vampir sah den Drachen ausdruckslos an und wartete auf die eigentliche Überlegung. »Was daran ist deine Theorie?«

»Ich verstehe die Frage nicht.«

Mortimer seufzte. Wäre das nur das einzige Problem.

»Kam dir nie in den Sinn, dass die Ursache vielleicht hier zu finden ist, wenn wir beide zusammen an einem Ort gelandet sind?«

Mit den riesigen Krallen winkte Stan ab. »Zu offensichtlich. Ich habe versucht, um die Ecke zu denken. Manchmal kommt man so auf die Lösung.«

»Oha.« Ein Ausruf der ehrlichen Sorte.

»Ich merke schon, so allmählich weißt du, worauf ich hinauswill.«

»Erstaunlich, wie du in mir lesen kannst«, entschwand der Satz in einer Wolke flüchtigen Sarkasmus’. Der Vampir ließ bewusst eine Pause, um die eigene Verwirrung davonfliegen zu lassen. »Dann brauchen wir lediglich herauszufinden, was genau das war«, schob er nach.

»Mein Reden!« Die Klauen des Drachen schlugen voller Zustimmung aufeinander, während er wieder in die merkwürdige Sitzposition zurückfiel. »Wie aufregend!« Über der ausladenden Schnauze thronte ein erwartungsvoller Blick.

»Möglicherweise.« Da keine weitere Reaktion folgte, sah Mortimer sich zu einem Nachschub gezwungen. »Möchtest du dies umgehend erörtern oder sollen wir das auf dem weiteren Weg tun?« Er nickte zurück in die Laufrichtung. »Wäre doch schade, wenn wir uns beide Optionen durch die Lappen gehen lassen würden.«

Stan war im Nu wieder auf allen vieren und setzte die Schneise fort. Mortimer legte derweil die langen hellgrauen Finger an die Schläfen und massierte sie ausgiebig. Mit etwas Glück würden sich ihre Wege frühzeitig trennen.

»Also …«, begann Stan, holte Luft und hob den Kopf über die rechte Schulter, damit sein Hintermann ihn gut verstand. »… stellt sich die Frage, was genau wir gemeinsam getan haben. Essen, Schlafen und dergleichen würde ich einmal ausschließen.«

»Mutig«, warf Mortimer voller Sarkasmus ein und war froh, dass der Drache munter weitersprach.

»Es muss also etwas Besonderes gewesen sein. Bei mir …« Er versank in Gedanken, sah im Gehen auf das vorbeiziehende Gras, ließ den Satz jedoch unvollendet.

»Darf ich deinem Schweigen entnehmen, dass wir uns vielleicht doch auf Essen und Schlafen beschränken sollten?«

»Pfff … also bitte, als wäre mein Leben die reinste Langeweile. Da gibt es schon noch einiges. Könnte aber auch am Vergessen liegen.«

Natürlich, behielt Mortimer den Gedanken für sich. Viel wichtiger war, dass es ihm damit ebenso ging. Allerdings hielt er es für absurd, die Ursache dafür in so etwas Profanem zu suchen.

Mit zunehmendem Schweigen verstrich die Möglichkeit, das Gespräch sinnstiftend fortzuführen.

Je länger sie sich durch das dichte Unterholz schoben, desto intensiver glitten Mortimers Überlegungen in die vorherige Unterhaltung. Stan mochte sich extrem umständlich ausgedrückt haben, aber es wäre durchaus möglich, dass sie selbst der Auslöser für all das waren. Schließlich lag es im Bereich des Möglichen, dass irgendjemand, irgendwo exakt das Gleiche tat wie sie. Allerdings vermochte es nicht zu erklären, wie sie hierhergelangt waren. Oder weshalb. Auch das blieb nach wie vor eine Frage, die es zu beantworten galt. Es wäre da ungemein von Vorteil, wenn er sich wenigstens erinnern könnte.

Vor ihm verharrte Stan. Sein Körper krümmte sich ein paarmal unter merkwürdigen Geräuschen, bis lautes Getöse samt Feuersäule folgten. »Verdammter Mist«, wehten die Worte nach hinten.

»Sollte dies etwa ein Niesen gewesen sein?«, versuchte Mortimer in Erfahrung zu bringen. »Was knistert hier so?«, schob er bei der sich aufbäumenden Geräuschkulisse kurzerhand nach. Dann roch er die Antwort.

»Ist das Feuer?«

»Ja, schön, nicht wahr?«

»Für ein Grillhähnchen vielleicht. Sieh zu, dass du es löschst!«

Vom Koloss kam jedoch keine Regung. Der Vampir atmete tief ein und aus, um die Contenance zu bewahren. »Wenn ich anmerken darf, wäre bei einem Feuer Eile geboten. Was hält dich davon ab?«

Stan warf einen Blick über die Schulter. »Ich habe empfindliche Sohlen.«

»Das macht sich gewiss hervorragend als letzte Worte auf unseren Grabsteinen«, erwiderte der Vampir.

»Ist ja gut«, motzte Stan.

Statt die Flammen auszutreten, schleuderte er einfach genügend losen Mutterboden darüber. Ganz offensichtlich besaß er darin Übung, was die vorherige Äußerung als fadenscheinige Ausrede ins Rampenlicht rückte. In seinen ausladenden Bewegungen konnte Mortimer nun das Missgeschick besser einsehen. Bei dem vis-à-vis lichterloh brennenden Baum würde diese Taktik wohl nicht funktionieren. Kurzerhand lehnte sich der Riese dagegen, brachte ihn zu Fall und begrub ihn dann unter Erdfontänen.

Der Vampir versteckte die Erleichterung hinter einer stoischen Miene. Wenngleich es ihm widerstrebte, hielt er den Ausdruck eines Quäntchens Lobes hilfreich für solch ein simples Gemüt.

»Danke.«

»Nicht der Rede wert.«

»Vortrefflich, dann sollten wir unseren Weg weiter fortsetzen.«

Stan schob sich an den Erdhügeln vorbei, aus denen sich feine graue Säulen kringelten. Er folgte einer Schneise zwischen den aufragenden Bäumen, die ausreichend Platz bot. Tatsächlich wurden die Abstände zwischen den hölzernen Riesen immer ausladender und der Bewuchs wandelte sich mehr zu weitläufigen Grasflächen. Irgendwann brach die Sonne vollends durch die Wipfel und beschien eine sich öffnende Schneise. Sie erlaubte den Blick auf ein umliegendes Bergpanorama, wie Mortimer noch nie eines gesehen hatte. Beeindruckt kam er zum Stehen und genoss die Aussicht. Per se war die Abwechslung zum schuppigen Rücken eine Wohltat.

»Das sind Berge«, kam es voller Ehrfurcht von links.

Der Drache stand unmittelbar neben ihm, den Kopf der Szenerie zugewandt, während sich die Pranke beschwörerisch Richtung Panorama bewegte.

Ganz langsam wandte Mortimer den Kopf herum. »Dein Intellekt verschlägt mir einmal mehr buchstäblich die Sprache.«

Keckes Augenzwinkern rundete den Augenblick ab. Bevor die Situation weiter an Absurdität gewann, beschloss er, ihrem Vorankommen etwas mehr Nachdruck zu verleihen.

»In Anbetracht des uns zur Verfügung stehenden Platzes böte es sich an, den nächsten Abschnitt fliegend zu absolvieren.«

Stan verzog die Schnauze, als plagten ihn Schmerzen. »Das … ist keine so gute Idee«, wandte er ein und sorgte damit für Skepsisfalten auf Mortimers Stirn. »Schau mal«, begann der Drache und klemmte den Vampir unter seine Klaue. »Die freie Fläche suggeriert dir eine hervorragende Startbahn. Du musst jedoch bedenken, dass ich mit meiner Flügelspanne weitaus mehr Platz benötige. Doch das Wichtigste ist …« Seine aufgeregte Kralle glich einer finsteren, vertrockneten Kerze. »… Ich bin ein miserabler Lander.«

Die weiteren Ausführungen verhalfen den Falten wenig zur Glättung. Mortimer empfand sie als eine ausgeschmückte Ausrede, an der ein wenig Wahrheit festklebte.

»Schön, dass wir das geklärt haben!«, juchzte Stan und machte Anstalten, den Weg auf allen vieren fortzusetzen. Als er den Blick seines Begleiters zu spüren schien, hielt er an und wandte sich um. »Komm schon, ich bin ein Kind des Spazierengehens.«

Mit einem leichten Seitenblick sah Mortimer auf das große, runde, schuppige und wenig muskulös anmutende Hinterteil. Genau das schien der Drache zu spüren, denn er schob nach: »Ein dummes Wort über meinen schlechten Stoffwechsel und ich mach aus dir ein Streifenhörnchen ohne Streifen.«

Seufzend setzte sich der Vampir in Bewegung, faltete die Hände ineinander und würdigte den Drachen keines Blickes, als er ihn passierte. Nichts von alldem wäre eine Diskussion wert. Mochte er eben seine Gründe haben und sie für sich behalten. In der Tat war die Gegend fremd und das Laufen würde es erlauben, sich mit ihr zu befassen und mögliche Gefahren auszumachen.

Hinter ihm ertönte dumpfes Schnauben. »Für so einen schmalen Wicht haste ein ganz schönes Tempo drauf.«

Als reine Demonstration gedacht, zog Mortimer das Tempo sogar deutlich an. Beim eintretenden Traben seines Hintermanns gönnte er sich ein bescheidenes Lächeln. Er verfiel wieder in Gehgeschwindigkeit. Zum Dank umwehte ihn der rauchige, stoßweise Atem des Drachen. Etwas daran sorgte dafür, dass ihm die Nase kribbelte. Dabei beschleunigte er unbewusst derart flink, dass es den Anschein machte, als hätte er im Bruchteil einer Sekunde den Standort gewechselt.

»Wow, mach das noch mal!«

»Nein.«

»Kannst du das auf Anhieb?«

»Nein.« Natürlich konnte er es, für den Drachen war dies jedoch nicht von Belang.

»Was ist, wenn all das hier durch genau so etwas ausgelöst wurde?«

Mortimer blieb stehen und wandte sich um. »Wie genau meinst du das?«

Stan gluckste. »Na, ein Niesen wird ganz sicher nicht der Grund sein. Aber es wäre doch möglich, dass wir gleichzeitig etwas getan haben, das wir unter normalen Umständen vermeiden.«

Während der Vampir aus dem Informationswust die bedeutsamen Aspekte filterte, betrachtete er das große Geschöpf. Immerhin befand sich darunter ein Ansatz, der ihm gefiel. »Demnach bräuchten wir nur zu ermitteln, was genau wir Ungewöhnliches getan haben«, fasste Mortimer zusammen. Damit waren sie erneut am gleichen Punkt wie bereits zuvor.

Stan nickte, hielt dann sogleich wieder inne. »Oder es war doch alles ein Zufall.«

Mortimer stöhnte. »Das heißt, wir sollen den Ansatz doch ruhen lassen?«

In den großen Augen des Drachen kreiste gähnende Leere. Stan sank aufs Hinterteil und tippte sich mit einer Kralle an die Schnauze. »Ich habe keine Ahnung. Ich bin schlecht in solchen Dingen. Meistens denke ich nicht einmal nach.«

Mortimer spitzte für den Moment die Lippen. »Versuche es mit einem einfachen Ja oder Nein als Antwort. Was sagt dir der Bauch?«

»Paprika und Wurzelgemüse, das tut jetzt nichts zur Sache.«

Nur für einen winzigen Augenblick schloss der Vampir die Augen und zog den Moment gedanklich in die Länge. Dies konnte ein sehr anstrengendes Unterfangen werden. Er sah den Riesen an, der so still und wachsam den Blick erwiderte, als hinge alles einzig von ihm ab.

»Ich schlage vor, wir legen alle halbgaren Überlegungen beiseite und konzentrieren uns auf die einzige Option, die derzeit vernünftig erscheint: Hilfe suchen.«

In Stans breiter Schnauze zeichnete sich so etwas wie ein Lächeln ab. Unter anderen Umständen hätte es ein Zähnefletschen sein können. Zurück auf den Klauen schien dies das Zeichen zum erneuten Aufbruch. Mortimer ging eiligen Schrittes voraus, um die derzeit vorherrschende Ruhe möglichst lange anhaltend zu wissen. Stan jedoch blieb still, folgte ihm und schien jegliches Interesse an einer Konversation verloren zu haben. Herrlich!

Nach einer Weile vergaß Mortimer seinen Begleiter und genoss die mysteriöse Fremde um sich. Die Berggipfel lugten neugierig über die Baumkronen, spielten ein Versteckspiel, wenn diese dichter wurden. Mortimer vernahm eine Veränderung in der Vegetation, als diese vor einer lichten Grenze Halt machte. Wo die Sonne Raum bekam, wurden die Gräser kürzer. Karger, steiniger Untergrund verdrängte das sonst stete Grün, auf dem zunehmend größere Steine lagen. Sie wirkten wie teilnahmslose Bewohner, die sie des Weges ziehen ließen. Die Baumgrenze überließ den Platz einer riesigen Schlucht, in deren Tiefe sich ein Flusslauf durchs Geröll kämpfte.

Beim überwältigenden Anblick wurde Mortimer langsamer, bis er völlig gebannt von der Szenerie stehen blieb.

»Heidewitzka, das nenn ich mal eine Aussicht!«, polterte Stan und stieß mit der Flanke gegen seinen schmalen Begleiter.

Der Vampir schlug angesichts der Überraschung und Wucht beinahe lang hin. Er presste die Lippen aufeinander und formte die Augen zu Schlitzen. In einer bewusst langsamen Geste strich er sich pro forma seinen Anzug glatt, wenn der böse Blick schon verpuffte. Mortimer schluckte den Unmut hinunter und schenkte seine Aufmerksamkeit lieber der Schönheit des Augenblicks.

Alsbald befasste sich sein Geist mit dem weiteren Vorankommen. Wo es Flüsse gab, siedelten sich Menschen an. Keine sehr willkommene Spezies, aber die Intention war gewiss nicht, hier Freunde fürs Leben zu finden. Er trat an die Kante und lugte hinab. Am Grund der Schlucht warteten lediglich Wasser und Geröll. So weit unten gab es keine Möglichkeit, dem Flusslauf zu folgen. Auf der anderen Seite der Schlucht schien sich der Verlauf des Geländes alsbald abzusenken und in der Ferne dem Niveau des Flusses anzunähern. Bei ihnen hingegen bot sich das konstante Bild einer aufragenden Kante. Demnach war es naheliegend, die Reise auf der anderen Seite fortzusetzen. Sie waren Flugwesen, eine Veranlagung, die einmal mehr sehr praktisch war.

Mortimer legte die blassen, dürren Hände ineinander und wandte sich dem Drachen zu. »Wir sollten hinüberfliegen und dort dem Weg hinab folgen.«

Den Riesen zu seiner Linken befiel ein ausuferndes Muskelzucken. Es mündete in einen halb gackernden Laut, der wohl ein missratenes Lachen war.

»Also …« Statt einer Antwort sank Stans Kopf urplötzlich nach vorn. Gleich darauf kippte der Koloss ohne jeglichen Halt zur Seite und blieb reglos liegen.

Kapitel3

Mortimer weilte seelenruhig neben seinem Begleiter. Nach einem halben Dutzend flacher Atemzüge machte es den Anschein, als täte sich in dem daliegenden Wesen nicht viel.

»Verzeih meine Störung …«, versuchte er es in vorsichtigem Optimismus und einem Bett aus Sarkasmus. »… liegt es an der Komplexität meiner Frage oder möchtest du andere Ursachen für dieses bisweilen merkwürdige Verhalten anführen?«

Die Frage blieb ungehört und damit vor allem unbeantwortet. Mortimer trat etwas näher, um den Drachen vorsichtig anzustupsen. Da er weitaus mehr Kraft besaß, als man annehmen würde, brachte es den Fleischberg zu behäbigem Wackeln. Stan blieb dennoch in sich gekehrt.

»Bei allen debilen Flugechsen, so etwas habe ich noch nie gesehen. Bisweilen aber ein hervorragender Trick, ungemütlichen Situationen zu entgehen. Insofern man damit nicht zum Futter wird.«

Eine derart absurde Situation ließ ihn ratlos zurück. Gab es überhaupt etwas, das er tun konnte? Der Vampir schürzte die Lippen, hob den Kopf und sah ziellos auf die andere Seite der Schlucht. Die würde ganz sicher auf sie warten. Behände legte er die hellen Finger ineinander und drückte das schmale Kreuz durch. Sollte Stan wieder zu sich finden, gäbe es gewiss eine Erklärung dafür. Eine, die ihn brennend interessierte.

Rascheln und Schaben zu seiner Linken.

In dem großen Schädel seines Begleiters rollten die Augen wild hin und her, dann schlug Stan die Lider auf und blinzelte verwirrt in die Umgebung. Er realisierte die seitlich liegende Position, rollte sich auf den Bauch und drückte sich sachte empor.

»Mein Kopf«, murrte er und griff sich an die linke Seite. Eine Kralle pulte unterdessen einen Stein so groß wie eine Faust hervor und beförderte ihn in den Abgrund. Als sich ihre Blicke trafen, entstand ein unangenehmer Moment, in dem Mortimer Irritation, Wiedererkennen und Erkenntnis begegneten.

»Hallo«, versuchte Stan es zaghaft.

»Hallo«, kam es trocken zurück.

»Du fragst dich jetzt bestimmt …«

»Allerdings«, fiel der Vampir ihm ins Wort, legte den Kopf schief und behielt stoisch seine aristokratisch-reservierte Haltung bei. Es ging nichts über ein Zeichen, dass eine Flucht, welcher Art auch immer, wenig bringen würde.

»Nun ja …«, würgte der Drache sich die ersten Worte hervor. Gleichzeitig fiel er in seine merkwürdige Sitzposition, die dem Ganzen endgültig jedwede Ernsthaftigkeit nahm. »Wenn ich extrem gestresst bin, dann schlafe ich ein.«

Die Erklärung war kurz und auf den Punkt. Alle Achtung. Sinn ergab sie keinen.

Mortimer hob die Hand zu einer Verständnis suchenden Geste, formte den Mund zu stummen Lauten. Sein Gedanke blieb ungreifbar. Erst beim dritten Anlauf gelang es. »Als Wesen, das dem Fliegen mächtig ist, was durchaus deren primärer Fortbewegungsart entspricht, bereitet eben jener Umstand dir derart viel Stress, dass du spontan einschläfst?«

»Etwas umständlich ausgedrückt, aber ja.«

»Das ist …«

»Schwer zu verdauen, ich weiß«, war es jetzt am Drachen, seinem Gesprächspartner ins Wort zu fallen.

»Aber du kannst fliegen?« Mortimer hob die rechte Augenbraue, als sich ihm nun die vorherigen Ausflüchte ins Gedächtnis riefen.

»Na klar!« Die Worte endeten in einem halbgaren Lachen. »Nur nicht besonders gut. Das mit dem Landen war allerdings die Wahrheit.«

»Ein wenig Übung sollte hier doch Abhilfe schaffen. Wie alt bist du? 200 oder 300 Jahre? Dir steht genug Zeit zur Verfügung. Eigentlich stand dir bereits genug Zeit zur Verfügung, sei es drum. Du könntest bisweilen jedoch flach fliegen, so könntest du in Notfällen umgehend landen.«

»Hier nicht«, erwiderte Stan, verschränkte die Vorderläufe und nickte zum Abgrund.

Touché, wie sich Mortimer eingestehen musste. »Verstehe.«

Nein, eigentlich war dies eine glatte Lüge. Ohne einen Funken Anteilnahme würde das bevorstehende Vorhaben ganz erfolglos bleiben. Er musste tief durchatmen. Was hatte sich das Schicksal eigentlich dabei gedacht, ausgerechnet ihn an seine Seite zu verfrachten?

»Dann gehen wir es langsam an«, fasste er die Umstände möglichst mitfühlend zusammen.

»Was an?« Mortimer mied den Blickkontakt.

Die Situation bedurfte einer gewissen emotionalen Distanz. »Wie ich das sehe, ist das Überqueren der Schlucht die einzige Möglichkeit, unseren Weg fortzusetzen.«

Stans Augen weiteten sich und die Klauen wanderten behände zu seinen Flanken, als bereite er die Flucht vor.

»Du möchtest doch sicher ebenso wieder nach Hause, oder?«

Eine Fangfrage.

»Na ja, eigentlich ist es hier ganz … ja. Ja, natürlich möchte ich das. Aber diese …«

»Keine Sorge«, mimte Mortimer den Verständnisvollen. »Es ist nur eine Schlucht und wir sind zu zweit. Gemeinsam sollten wir das doch bewerkstelligt bekommen.«

Etwas an den Worten entfaltete seine Wirkung. Stan raufte sich zusammen und fand in den Stand. Ganz langsam schob er sich neben den Vampir an die Kante.

Mortimer wandte sich ihm direkt zu, um die gesponnene Verbindung zu festigen. »Ich schlage vor, ich fliege voraus. Du gleitest mir hinterher, konzentrierst dich auf mich und mit wenigen Flügelschlägen solltest du auf der anderen Seite sein.«

Anstatt einer Reaktion, die Zustimmung signalisierte, waren die kleinen Augen über der riesigen Schnauze auf ihn selbst geheftet.

»Womit genau willst du fliegen? Nichts für ungut, aber deine Armmuskulatur wird das wohl kaum schaffen«, meinte der Drache skeptisch.

Mortimer entlockte es einen zufrieden zuckenden Mundwinkel. Ein kurzes Puffen und aus der menschlichen Gestalt wurde eine Fledermaus, die pechschwarz flatternd ihren Platz in der Luft fand.

Stan erschrak von dem Vorgang derart, dass er mit einem kurzen Aufschrei zurücktrat. Direkt an die Kante. Unter seinem Gewicht gab der Vorsprung knirschend nach und er glitt mit einem dauerhaften Schrei in den Abgrund.

Mortimer stürzte hinterher. Wenig überraschend versuchte der Drache, den Sturz mit Schreien statt mit den Flügeln zu bremsen. Eben das wollte er ihm sagen, konnte als Fledermaus jedoch keine Worte formen. Kurzerhand wechselte er die menschliche Gestalt.

»Nutze die Flügel!«

Wohl mehr aus Überraschung denn aus Geschick breiteten sich die Schwingen aus. Ruckartig griff der Wind hinein, drehte den Koloss einmal um die eigene Achse und machte aus dem Fall einen flinken Abwärtsflug.

»Jetzt hinauflenken und dann schlagen!«

Gleich nach der Anweisung wurde er erneut zur Fledermaus. Mortimer hatte Mühe, dranzubleiben. Sein Einwirken schien zu funktionieren. Stan gewann an Höhe, gleichwohl sie die halbe Schlucht bereits hinabgestürzt waren.

»Ja, ich fliege!«, echote die Freude des Kolosses durch die Schlucht. »O Gott, die Höhe!« Augenblicklich sackte Stan in sich zusammen. Er war eingeschlafen.

Mortimer wollte fluchen und war froh, dass sein Zustand es unterband. Gleichzeitig konnte er aber auch nicht helfen. Der Wind hielt die Flügel weiterhin ausgebreitet, doch sein Körper kippte bereits bedrohlich nach vorn. So schnell die eigenen Schwingen schlagen konnten, kämpfte er sich heran. Nutzte den Windschatten, um Kraft zu sparen. Doch was nun? Hinauftragen war schier unmöglich. Der sich verfestigende Gedanke bereitete ihm Unbehagen.

Puff.

Direkt über Stans Rücken wechselte Mortimer in die menschliche Gestalt und landete auf dem Kamm des Riesen. Einer der Stacheln bohrte sich dabei durch die feine Hose. Ohne darüber nachzudenken, presste er sich zwischen die Flügel und drückte sie auseinander. Seine Kraft machte es möglich. Nur kurz verpasste er dem Drachen eine Ohrfeige. Zum Glück schlug dieser die Augen auf. Kaum ließ die Muskelspannung nach, riss er den großen Kopf in den Nacken.

»Sieh einfach nach oben. Schlage mit den Flügeln. Schalte den Kopf aus. Mache, was ich dir sage!«

Stan gehorchte. Und es passierte, was Mortimer beabsichtigte. Mit dem Kopf lenkte er sie im Zentrum der Schlucht in Richtung Öffnung. Es ging langsam, doch das Ziel kam näher. Stan wurde unruhig. Er machte Anstalten, sich loszureißen. Plötzlich rutschte Mortimer der Dorn des Kamms aus der Hand.

»Ach, du heilige Scheiße!« Erstaunen in einem feinen Guss aus lähmender Angst.

In Windeseile bekam Mortimer ihn wieder zu packen. »Untersteh dich, selbst zu denken!«

Die kurze Flugturbulenz verebbte und die Kante kam in Reichweite. Sachte drehte Mortimer den Kopf nach links, sie legten sich in eine Kurve und gelangten so auf die Freifläche vor der angrenzenden Waldkante. Nun überließ er den Drachen sich selbst.

»Bring dich runter.«

Puff.

Als Fledermaus bekam er endgültig die Sicherheit über sich selbst zurück. Was folgte, glich einer ausgewachsenen Tragikomödie. Stan hatte maßlos untertrieben. Es schien, als hätte er seine Flugextremitäten noch nie genutzt. Der Koloss geriet ins Straucheln, schoss nach rechts, einmal quer durch die Baumwipfel, gelangte schlingernd wieder zurück auf die Freifläche, um dort als kunstvolle Dreck- und Steinschleuder einen derangierten Erdhaufen zu bilden. Es war Mortimer schleierhaft, wie dieses Wesen hatte so alt werden können.

Der Hügel wirkte wie ein Grab. In der Art, wie die Extremitäten daraus hervorragten, konnten sie unmöglich zu einem einzigen Lebewesen gehören. Kaum kam die Erde in Bewegung, bewies man ihm das Gegenteil. Stan entwirrte sich, schüttelte den Sand aus den Schuppen und begab sich in Sitzposition. »Die Landung war durchaus passabel.«

Mortimer gewährte dem Gedanken, schlimmere Landeszenarien zu entwickeln, keinen Raum. »Du bist immerhin in einem Stück«, erwiderte er. Da seine Worte abperlten, richtete er seinen Blick weiter auf den Drachen. Er konnte sich selbst nicht erklären, weshalb, aber er sprach seinen Gedanken aus. »Es nennt sich wohl Narkolepsie.«

»Bitte?«

Im Angesicht des leeren Blickes wägte er ab, ob es den Aufwand einer tiefergehenden Erläuterung wert war. Der Mittelweg würde wohl genügen. »Dein Zustand. Das plötzliche Einschlafen. Ich habe einmal davon gelesen.«

»Es hat einen Namen?« Jammernd sank Stan auf die Vorderläufe und vergrub den Kopf.

»Inwiefern macht dies einen Unterschied?«

Nur ein Stück weit hob sein Gegenüber die Augen aus der Deckung und brummte in die Extremitäten. »Das ist wie mit Geistern. Solange man nicht weiß, ob es einer ist, kann man sagen, es war der Wind oder ein anderes Tier oder vielleicht sogar eine Einbildung. Aber so …«

Mortimer tippte sich ans Kinn. »Demnach bist du also traurig, dass ich dir die Möglichkeit einer Ausrede und damit die Basis für ein weiteres Auseinandersetzen mit deinen Problemen genommen habe?«

»Also, wenn du das so formulierst, klingt das irgendwie selbstbelügend.«

Eigentlich stand dem Vampir nicht der Sinn nach einem Disput. Zudem waren es Stans Probleme. Es gab gerade Wichtigeres, das im Vordergrund stand. »Wie dem auch sei. Was machst du für gewöhnlich danach?«

»Ich habe Hunger.«

»Gut, du musst nicht darüber reden, wenn …«

»Nein, ich meine, danach habe ich immer Hunger. Beim Essen kann ich entspannen.«

Welch inhaltlicher Wechsel. Mortimer versuchte, daraus mögliche nächste Schritte abzuleiten, kam damit aber selbst nicht über die Leere in der Körpermitte hinaus. »Nun gut, dann schauen wir uns nach etwas Essbarem um.«

Kaum ausgesprochen wurde ihm schlagartig bewusst, dass er keine Vorstellung davon hatte, was solch ein Fleischberg fraß. Ganz sicher würde er eine ausgiebige Jagd in seinem Zwirn vermeiden. Selbst wenn er diesen nicht anhatte, was eigentlich nie vorkam. Er musste einfach fragen. »Was genau …«

»Ich liebe Obst und Gemüse!«, schoss es ihm entgegen.

Sowohl die Schnelligkeit als auch die überbrachte Botschaft verschlugen ihm die Worte.

Obst und Gemüse.

Dies lag in der Tat fernab der Optionen, die ihm in den Sinn gekommen waren. Gleichwohl es sich mit den eigenen Bedürfnissen deckte.

»Weißt du, worauf ich jetzt Lust hätte?«, glitten die Worte beinahe sanft zu ihm hinüber. »Wurzelgemüse!«

»Oha.«

»Karotten, Möhren oder Rübli, das wäre jetzt was.«

»Verzeih mein Nachhaken, das ist mit Verlaub alles das Gleiche.«

Stan stutzte. »Du hast recht. Daher die Ähnlichkeit, verblüffend! Das ist mir noch nie aufgefallen.« Lachend wedelte er mit der Klaue. »Da wächst so viel mehr unter der Erde, da wird sich sicher was finden lassen, egal wie es heißt.«

Mortimer wandte sich um die eigene Achse und sah in den Wald hinein. »Gewiss, allerdings wohl kaum in unmittelbarer Nähe.«

Der Drache folgte seinem Blick und nickte. Eigentlich war Mortimers nächster Gedanke rein aus der Neugierde heraus geboren. Er schwang den Kopf herum und fragte geradeheraus.

»Sind die Möhren dann eine Beilage?«

»Nein, die liegen meist vor mir.«

Nur für einen Augenblick klappte dem Vampir die Kinnlade herunter. »Was ich meinte, war, ob du noch etwas dazu isst, wie Tiere?«

Die Augen des Drachen wurden groß. »Nein, ich liebe Tiere! Ich wollte immer ein Haustier haben, aber ich besitze kein Haus.«

Erneut ein Moment des Luftholens, der länger dauerte als notwendig. Mortimer kniff die Augen zusammen und betrachtete den Riesen. »Demnach bist du Veganer.«

»Hat das auch einen Namen?«, wieder vergrub er den Kopf in den Pranken.

Stan löste die Verschränkung und nickte ihm zu. »Für dich sollten wir aber ebenfalls etwas finden.«

»Keine Sorge, wir teilen die gleiche Vorliebe für derlei Lebensmittel.« Seine Worte glitten am Drachen ab, der ihn weiterhin anstarrte. »Ebenfalls Obst und Gemüse«, formulierte er daher deutlich vereinfacht.

Plötzlich war der Drache wieder auf allen vieren und voller Tatendrang. »Na so was, also wenn das kein Wink des Schicksals ist. Dann lass uns aufbrechen. Wenn ich Hunger habe, werde ich maulig.«

Kapitel4

Zu Mortimers Überraschung verfiel der Drache zu seiner Linken in eine Wortabstinenz. Ein Umstand, den er mehrere Stunden aufrechterhielt, bis das Terrain eine Absprache des weiteren Vorgehens erforderte.

Nach dem Waldstück an der Schlucht folgte ein karger, felsiger Streifen, der wenig später in saftig grünen Mischwald überging. Im Schatten großer Bäume folgten sie verwurzelten Wegen, die auf und ab, durch zwitschernde und rauschende Gegenden führten. Bis eine lichte Freifläche die Schönheit abrupt abschnitt und den Blick auf ein winziges Dorf freigab.

Im Schutz der hölzernen Riesen kauerten Mortimer und Stan hinter einem Wall und sahen dem vereinzelten Treiben zu. Zwischen den vier Gebäuden der Siedlung bewegten sich gut ein halbes Dutzend Menschen in einfacher Leinenkleidung. Es mochten gut mehr sein, denn das vorderste Gebäude versperrte den Großteil der Sicht. Aus der Distanz waren jedoch noch ein Gatter mit Hühnern und eine Werkbank zu sehen. Einige Obstbäume säumten den Weg, zwischen denen sich eine lichte Hecke versuchte zu behaupten.

»Was sind das für Wesen?«, fragte Stan neugierig.

Der Vampir musste sich zunächst einmal vergewissern, dass es sich dabei um aufrichtige Neugierde handelte. Eigentlich gab es doch keinen Flecken, an dem sich Menschen nicht breitmachten.

»Menschen«, meinte er daher lakonisch.

»Aha, schon mal gehört. Lass uns fragen, ob sie etwas zu Essen haben und ob sie das blaue Licht kennen.« Der Drache bremste die aufkeimende Euphorie selbst aus. Bereits im Begriff, die Deckung zu verlassen, hielt Stan inne. »Warte, sind die nett?«

Er ließ sich von Mortimer zurückziehen.

»Vielleicht solltest du etwas über die Menschen wissen.«

Mit großen Augen lauschte der Drache.

»Sie sind emotional unausgeglichene Wesen, die sich bevorzugt in Horden zusammenraufen, um so möglichen Gefahren weniger ausgesetzt zu sein. So wie dieses Dorf hier. Unter ihnen gibt es immer wieder Exemplare, die aus Furcht erst angreifen und dann nachdenken. Andere suchen alsbald das Weite, kaum dass sie Gefahr nur wittern. Ganz allgemein töten sie sich aus Habgier und Neid oder gar anderen niederen Beweggründen gegenseitig. Ich habe selten eine Spezies gesehen, die so intelligent und dumm zur gleichen Zeit ist.«

Kurzes Nicken, gefolgt von einem schweren Augenblick der Stille.

»Sollen wir sie dann fragen?«, hakte Stan beinahe flüsternd nach.

Mortimer kniff die Augen zusammen. War dies Ignoranz oder schlicht Gleichgültigkeit? Vielleicht sogar einfach Naivität? Dabei stand das Ob gar nicht so sehr zur Debatte, sondern eher das Wie. Vermutlich würde es keinen Sinn machen, dies zu erörtern, weil die Außenwirkung dieses übergroßen Wesens in wenigen Augenblicken ohnehin alles zunichtemachen würde.

»Nur zu«, erwiderte er emotionslos. »Erwarte nicht zu viel.«

Schwungvoll zog Stan sich empor, glitt über den Wall und plättete mit seinen Pranken das heranwachsende Weizenfeld auf der anderen Seite. Seinem beschwingten Gang lag eine gewisse Euphorie inne. Mortimer schloss gleichauf, um nichts auf der Welt wollte er den magischen Moment dieses Aufeinandertreffens verpassen.

Im Sichtschutz des Gebäudes gewann die Akustik der Gemeinschaft an Intensität. Gespräche, Lachen aber auch allerlei undefinierbare Geräusche wehten um die Hausecke. Stan verließ das Feld und stapfte auf dem ausgetretenen Weg um das Gebäude. Zu seiner Linken gackerten Hühner und sahen aus irritiert aufgerissenen Augen das fremde Wesen an. Mortimer hatte Schwierigkeiten, am Drachen vorbeizugelangen, als Stan anhielt und auf eine größere Fläche vor dem Gebäude schaute.

»Juhu«, trällerte er mit seiner tiefen Stimme einer Frau entgegen, die einen Korb mit Früchten trug.

Zunächst sah sie auf, dann zu Mortimer, gleich darauf zurück zum Drachen. Ihr plötzlicher schriller Schrei ließ Stan zusammenzucken. Der wich zurück und drückte mit seiner Leibesfülle das Gatter der Hühner ein. Unterdessen ging der Obstkorb zu Boden und die Frau rannte, so schnell sie konnte, einen der Wege entlang. Weit weg von ihnen. Wer immer sie bemerkte und prüfte, weshalb sie davonrannte, stimmte in den Reigen hochfrequenter Panik ein und folgte ihr.

»Wartet … aber ich habe doch nur …« Stans kräftige Schultern sanken nieder, die riesigen Mundwinkel fielen herab. Er focht einen inneren Kampf aus, ihnen zu folgen oder zu bleiben. »Sag doch auch was«, forderte der Drache den Vampir auf.

Mortimer legte bedacht die Hände ineinander und zog die Lippen spitz. »Zu wem? Ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass sie zwar tödliche, gleichwohl schrecksame Wesen sind.«

Weit mutiger war da das Federvieh, welches gackernd die neu gewonnene Freiheit erkundete. Stan trat beiseite, um sich an den Vampir zu wenden.

Knack.

Irritiert hob er den linken Lauf und besah sich den mit Federn gesäumten Fleck. Als er realisierte, was es war, sprang er auf und machte einen Satz zurück.

Knack, knack.

»O nein!«

Knack, knack, knack.

In der aufkeimenden Panik versuchte er, sich selbst auszuweichen. Ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Knack.

»Neeein!«

Jetzt war es seine Stimme, die drohte, sich zu überschlagen. Mortimer war außerstande, dem Schauspiel etwas zu erwidern. Ein merkwürdig metallisches Aroma kroch durch die Luft. Es schien nach ihm zu greifen. Er schüttelte den Kopf und sah zu, wie Stan plötzlich die Schwingen ausbreitete und kräftig schlug. Der Drache hob ab. Nur für einen Augenblick, bis sich der rechte Flügel an der Dachkante verfing und ihn zu Boden riss.

Knack, knirsch.

»Selbst das tapfere Schneiderlein hatte weniger mit einem Streich erwischt«, entwich es dem Vampir. Eigentlich hätten die Worte ein Gedanke bleiben sollen.

Völlig versteinert sah Stan geradeaus, unfähig, sich zu bewegen. Die großen Augen des Riesen füllten sich mit Feuchtigkeit. Schlagartig fing er bitterlich an zu weinen. Sein verzerrtes Schluchzen wandelte sich in das eines Kindes, als er sich erhob und der klebrige Federbesatz ihm wie ein erhobener Fingerzeig die Tragweite seines Missgeschickes unter die Nase rieb.

»Das … haben sie … nicht verdient!«, schnodderte er die Worte, während er gleichzeitig Knochen und Federn von den Schuppen kratzte. Aufgrund der Tränen einer klaren Sicht beraubt, taumelte er durch die Reste des Gatters und riss nieder, was bis dato seinem Bewegungsdrang entgangen war.

Mortimer verfolgte seine Bewegungen. Stan suchte Abstand. Zudem kam ihm keine Idee, wie er dem Großen Trost hätte spenden sollen. Es verlangte bereits einiges ab, das absurd komische Knackgeräusch aus dem Schädel zu bekommen.

Indes kam Stan mit seiner Flucht zwischen zwei Gebäuden zum Halt. Wie ein Kaninchen drückte er sich auf den Boden und vergrub den Kopf unter seinen Pranken. Es mutete nach einem vergebenen Versteckspiel an. Das Schluchzen hallte zwischen den Wänden wider. Er kam nicht umhin, dass ihn die Situation bewegte. Das Kreuz durchgedrückt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, bewegte Mortimer sich über den ausgetretenen Weg auf die Häuser zu. Auf der Gabelung las er zwei Äpfel auf, die dem Korb entkommen waren. Am Ziel sprach er zum Hinterteil des Drachen.

»Ich verstehe dein Dilemma, es waren bezaubernde Wesen.«

Das Schluchzen nahm an Intensität zu.

Falscher Ansatz.

»Aufgrund ihres niederen Intellekts konnten sie dir wahrlich nicht Bescheid geben, wo sie langlaufen würden. Dich trifft also keine Schuld.«

Entgegen der Tiefgründigkeit dieser Floskel kam Entspannung in den beschuppten Körper.

Schniefen.

Husten.

Abgehaktes Seufzen.

»Ja, hätten sie … reden können … hätte ich Bescheid … geeewusst.«

Mortimer entschied sich, eines der Gebäude zu umrunden, um dem Drachen ins Angesicht zu blicken. Gespräche gestalteten sich auf diese Weise meist einfacher. Stan ruckte bei seinem Anblick überrascht mit dem Kopf hoch.

»Vermag dich ein Apfel ein wenig zu trösten?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er ihn in Stans Richtung, der seinen Fresstrieb kaum unterdrücken konnte. Natürlich würde das funktionieren. Immerhin vermochte der Fruchtzucker, die Stimmung aufzuhellen.

Große, feuchte Augen fixierten den Vampir. »Hast du ihr niedliches Gackern gehört? Als unterhielten sie sich die ganze Zeit mit ein und demselben Wort.« Schniefen. »Ich mochte sie.«

»Verzeih, wenn ich dies sage, aber du kanntest sie gerade einmal wenige Sekunden.«

»Hast du je eines in der Hand gehalten und gestreichelt?«

Sollte dies eine Fangfrage werden?

»Gott bewahre«, rutschte es ihm heraus.

»Dann musst du das tun!« In einem Ruck erhob sich der Drache und stieß mit dem riesigen Schädel gegen den Dachvorsprung.

Mortimer biss von seinem Apfel ab und lehnte sich an die Hauswand. Mit etwas Glück löste das Missgeschick den absurden Gedanken in Luft auf, sodass er nicht weiterverfolgt werden musste. Um auf Nummer sicherzugehen, wechselte er das Thema.

»Da unsere vermeintlichen Informationsquellen auf und davon sind, stellt sich die Frage, wie wir weiter vorgehen wollen?«

»Bitte? Warte eben.«

Zu Mortimers Missfallen schob Stan sich rücklings aus der Lücke. Irgendetwas sagte ihm, dass er dem Drachen besser folgte. Der machte zwei große Sprünge, bevor er das Tempo abrupt herausnahm und ganz vorsichtig zum Gatter ging. Dort legte er sich flach auf den Boden, Auge in Auge mit den schief dreinblickenden weißen und braunen Geschöpfen. In hohem Bogen griff er in den Pulk und hob eines der Hühner vorsichtig empor. Er brachte sich etwas auf Abstand und wandte sich dann um. Zu seiner Freude stand der Vampir ihm gegenüber.

»Schau, es ist so niedlich! Und es gluckst so herrlich.«

Das tat es eigentlich nicht, aber die Vorstellung daran reichte.

»Vorzüglich«, versuchte Mortimer sich an ein wenig Euphorie. Sie schmeckte furchtbar.

»Jetzt nimm es und streichle ihm über den Kopf!«

»Weshalb sollte ich das tun?«

»Weil es guttut und dich erdet.«

Allmählich wich dieses Gespräch ins Absurde. Bevor er weitere Gedanken spinnen konnte, presste Stan ihm das Huhn gegen die Brust, was dem Tier ein langgezogenes Boak entlockte.

Mortimer besah sich das Geschöpf, dessen dümmlicher Blick ihm in dem stetig ruckenden Kopf vorkam wie die Ruhe vor einer anstehenden Invasion einer harmlos tuenden Rasse.

»Boak, boak«, kommentierte es seinen Gedanken. In dessen ruckartiger Bewegung wehte erdiger Geruch mit.

Wohl eher keine Invasion, kam es ihm in den Sinn.

Stans große Augen forderten ihn zum angedrohten Streicheln auf. Zögerlich strich er dem Tier über das Gefieder. Ein merkwürdiges Gefühl, das zwischen kratzig und weich hin und her sprang. Die Wärme tat dennoch gut.

»Siehst du, es ist toll, oder?«

»Es riecht.«

»Wer tut das nicht?«

»Ich, mit Verlaub.«