Staub über der Insel - Peter Greminger - E-Book

Staub über der Insel E-Book

Peter Greminger

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Beschreibung

Sabine kehrt nach vielen Jahren zurück auf die Insel Lanzarote, dorthin wo sie die schönste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Claudia, ihre Tochter, weiß aber nichts von der Vergangenheit ihre Mutter und will nur den Urlaub in vollen Zügen auskosten. Womit die beiden Frauen nicht gerechnet hatten, war das Phänomen Calima, ein Sandsturm aus dem nahen Afrika, aus der Sahara kommend. Das trübe, sandgeschwängerte, windige und heiße Wetter verursacht nicht nur rotbraun gefärbte Abendhimmel, sondern trägt auch dazu bei, dass die Menschen zum Teil depressiv oder gar aggressiv reagieren. Die Vergangenheit holt Sabine unabwendbar ein und erstickt sie nicht nur im feinen Sand der Calima, sondern auch in den Erinnerungen und deren Folgen.

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Sabine kehrt nach vielen Jahren zurück auf die Insel Lanzarote, dorthin wo sie die schönste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Claudia, ihre Tochter, weiß aber nichts von der Vergangenheit ihre Mutter und will nur den Urlaub in vollen Zügen auskosten.

Womit die beiden Frauen nicht gerechnet hatten, war das Phänomen ‘Calima’, ein Sandsturm aus dem nahen Afrika, aus der Sahara kommend. Das trübe, sandgeschwängerte, windige und heiße Wetter verursacht nicht nur rotbraun gefärbte Abendhimmel, sondern trägt auch dazu bei, dass die Menschen zum Teil depressiv oder gar aggressiv reagieren.

Die Vergangenheit holt Sabine unabwendbar ein und erstickt sie nicht nur im feinen Sand der ‘Calima‘, sondern auch in den Erinnerungen und deren Folgen.

2

Über den Autor

Für Peter Greminger war Reisen immer eine besondere Herausforderung. Er verbrachte einen großen Teil seines Lebens im südostasiatischen Raum, wo er lange beruflich tätig war. Schon damals hielt er seine Erlebnisse oft in Reiseberichten und Kurzgeschichten fest.

Nach Abschluss seiner beruflichen Tätigkeit verbrachte der Autor zwei Jahre in Neuseeland, wo vier Romane über das Land der Kiwis entstanden. Nun lebt er, zusammen mit seiner Frau, in der Ostschweiz. Seit mehreren Jahren entfliehen die Beiden der Kälte des Winters nach Lanzarote. Dort, auf der bizarren kanarischen Insel, sind der Phantasie des Autors keine Grenzen gesetzt.

Peter Greminger

Weitere Romane des Autors:

9 783 752 820 836 „Pakeha“ (Fremde in Neuseeland)

9 783 752 806 380 „Tangiwai“ (Weinendes Wasser, Neuseeland)

9 783 752 805 604 „Kahurangi“ (Grüner Stein, Neuseeland)

9 783 752 820 393 „Paua“ (Meerohrschnecken, Neuseeland)

9 783 741 205 477 „Sunda“ (Indonesien)

9 783 752 877 663 „Fuego“ (Lanzarote Utopie)

9 783 753 463 551 „Schwarze Masken“ (Lanzarote-Krimi 1)

9 783 754 374 658 „Die Anmutige“ (Lanzarote-Krimi 2)

9 783 759 702 562 „Salz der Insel“ (Lanzarote- Krimi 3)

9 783 819 207 693 „Tödliche Tropfen“ (Lanzarote- Krimi 4)

Je kleiner das Sandkorn ist, umso sicherer hält es sich für den Mittelpunkt der Welt.

Marie von Ebner-Eschenbach

ROMAN

Das Wetterphänomen ‘Calima’ hüllt die kanarischen Inseln oft in eine Wolke rotbraunen Staubes. Stoisch ertragen es die Menschen, nur manchmal scheint es einige in den Irrsinn zu treiben.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 1

Über dem See lag eine graue Kälte, und die gegenüberliegenden Anhöhen des Höhenzuges Albis waren in schwere Wolken gehüllt. Der Zürichsee zeigte sich, an diesem Tag im November, von seiner garstigen Seite. Das Ufer auf der anderen Seite schien weit entfernt, obwohl der See an dieser Stelle, mit knapp zwei Kilometern, nicht besonders breit war. Schon am frühen Nachmittag war es, wie wenn die Nacht hereinbrechen wollte. Wer immer konnte, blieb zu Hause oder war in seinem Büro beim fahlen Licht der Neonlampen beschäftigt.

Barbara Heinzmann fröstelte und hakte bei ihrer Tochter schutzsuchend ein, während Enkelin Claudia, etwas entfernt, still wartete. Sie waren früh gekommen, selbst der Pfarrer fehlte noch oder er schien einfach die Kälte zu fürchten. Der Friedhof von Erlenbach lag unmittelbar am Wasser, gleich neben der evangelischen Kirche. Dahinter lagen die Durchgangsstraße und der Parkplatz, wo sich heute die Autos der Trauergäste reihten. Die Abdankung des bekannten Bankiers wollte niemand versäumen. Er war letzte Woche unerwartet verstorben und hinterließ Frau und eine Tochter.

Obwohl die Familie Heinzmann im nahen Küsnacht eine große Villa bewohnte, waren sie der angrenzenden Kirchgemeinde Erlenbach treu geblieben. Ralf Heinzmann stammte ursprünglich von diesem kleineren Ort und hatte schon lange eine Grabstätte auf dem Friedhof erworben. Seine Familie sollte an diesem schönen Platz die letzte Ruhe finden, und nicht im großen Gottesacker von Küsnacht. Dort, mitten im Ort, war an Stille nicht zu denken. In unmittelbarer Nähe war der Sportplatz, dann die Kantonsschule mit den groß angelegten Seminarreben. Mitten im Dorf war der Weinberg vor allem eine Erinnerung an frühere Zeiten. Mehrere Geschäfte umgaben den Friedhof und sorgten für viel Verkehr. Einzig das Grab des bekannten Psychiaters C.G. Jung, ein enger Freund von Sigmund Freud, verlieh dem Ort etwas Glanz.

An diesem Nachmittag schien sich das Wetter dem traurigen Anlass einer Beerdigung anzupassen, denn es begann jetzt auch noch in Strömen zu regnen. Die ironisch benannte ‘Goldküste‘ war eigentlich die Sonnenseite des Sees, und früher lagen hier kleine beschauliche Dörfer entlang dem Ufer. Die milden Abhänge, mit dem Höhenzug ‘Pfannenstil‘ im Rücken, erlaubten schon damals den Anbau von Reben. Im fünfzehnten Jahrhundert wurden, um die reiche Ernte, sogar wirre Kriege geführt. Heute waren die Dörfer am rechten Zürichsee-Ufer aber längst zu stadtähnlichen Gemeinden und mit Zürich zusammengewachsen. Der Name hat auch nichts mit einem goldenen Wein zu tun, sondern mit der vorwiegend wohlhabenden, ja reichen Bevölkerung. Manager, Banker, Unternehmer und Konzernchefs, sie alle bevorzugten die ausgezeichnete Lage der Zürcher ‘Goldküste‘.

Barbara Heinzmann, ihre Tochter Sabine und Enkelin Claudia, hatten sich vor dem Regen unter das Dach der Aufbahrungshalle geflüchtet. Dort stand auch der Sarg für einen letzten Abschied bereit, bevor er dann, während der eigentlichen Abdankung, in seine letzte Ruhestätte hinuntergelassen wurde. Inzwischen hatten sich viele Trauergäste eingefunden, und unter den Schirmen sahen sie aus wie schwarze hin- und herwogende Pilze. Karten wurden in die bereitgestellte Urne gelegt und Beileidsbezeugungen gemurmelt. Der Pfarrer sprach seine Worte und verwies auf die nachfolgende Abdankungsfeier in der Kirche.

„Lasst mich einen Moment allein“, bat Barbara ihre Begleiterinnen, als sich die Gäste langsam entfernten. „Ich will noch Abschied nehmen.“

Es war, wie wenn die ganze Beziehung mit ihrem Mann im Zeitraffer auf sie einstürzen wollte. War es das jetzt gewesen? Sie hatten wunderbare schöne Tage erlebt, aber die letzten Jahre waren auch mit sehr viel Leid und Schmerz verbunden. Ralf hatte, nicht wie erhofft, seine ganze Kraft in ihre gemeinsame Liebe gesteckt, sondern war, als es schwierig wurde, einsam, ablehnend und böse davongegangen. Bis am Schluss hatte er die unglückliche Verbindung seiner Tochter verflucht. Er hatte sie, seine Frau, zwischen sich und der Liebe zu ihrer Tochter, verzweifeln lassen. Die Frage um das Warum stand wie ein unheilbringendes Beil im Raum. Es trennte brutal die Tatsachen von der Vergebung.

Dem niederträchtigen Jochen zu vergeben war für ihn eine Sache der Unmöglichkeit. Der Kerl hatte ihre Tochter benutzt, gequält und geschlagen. Es gab keine Vergebung dafür, darin hatte ihr Mann recht. Die Scheidung lief, und so Gott gestattete, musste der Kerl büßen. Barbara war darin mit ihrem Mann einig. Doch Ralf kam aus diesem Loch nicht mehr heraus. Er verlor alle Zuversicht und starb ohne Hoffnung. Das war vielleicht das Schlimmste. Oh, hätte er doch wenigstens durchgehalten, bis die Gerichte entschieden hätten. Menschliches Recht musste den Täter verurteilen, im Himmel aber, galt Gottes Gebot.

In der Kirche wurde der übliche Lebenslauf verlesen. Geburtsdatum, Schule, Bildung, Eheschließung, Kinder, Beruf, Karriere, Ehrungen, Wohlfahrt und zum Schluss Todes-Ort und -Datum. Es war, wie wenn die Vita des Verstorbenen für alle Wissbegierigen verlesen werden müsste. Zufrieden nahm es die Gemeinde zu Kenntnis, ohne das eigentlich Wichtige dieses Lebens zu begreifen. Wo waren seine geistigen Beziehungen, seine Gefühle, sein Sehnen nach Liebe, seine Achtung vor Leben und Natur, seine Hoffnungen für die Menschen, sein Glück über die Schönheit von Kunst und der Schöpfung nur geblieben? Waren da vielleicht, unter dem Mantel der Rücksicht und des Anstandes, sogar mögliche Schwächen, Sünden oder gar Bosheiten verschwiegen worden?

Eine schöne Abdankung, war die Meinung der Gemeinde, als sie das Gotteshaus verließen. Insgeheim freute man sich schon auf das anstehende Mahl im nahen Restaurant.

Nicht so Barbara Heinzmann. „Bitte nehmt am Leichenmahl ohne mich teil“, bat sie Tochter und Enkelin. „Ich will nach Hause.“

„Geht es dir nicht gut, Oma?“, fragte Claudia besorgt. „Soll ich mitkommen?“

„Danke, meine Liebe, ich komme zurecht. Ich will mich einfach etwas ausruhen.“

„Ich bringe dich hin“, insistierte die Enkelin und duldete keine Widerrede. „Mama kann das alleine.“

Während Sabine sich um die Gäste kümmerte, kehrten die beiden unterschiedlichen Frauen zur Villa in Küsnacht zurück. Wortlos steuerte Claudia den Wagen. Sie hatte erst vor kurzem die Fahrprüfung bestanden und fuhr deshalb konzentriert und vorsichtig.

Die Villa lag etwas oberhalb, ganz in der Nähe des sogenannten ‘Tobels‘, eines Waldstückes, durch das sich in der Tiefe ein Bach schlängelte. Es war Barbaras Lieblingsspaziergang, entlang dem plätschernden Wasser, einem kleinen Wasserfall und zum Alexanderstein, einem Felsen, den die Gletscher vor zwanzigtausend Jahren hier abgelagert hatten. Hier gab es sogar eine Höhle und eine kleine Burgruine.

Das Haus war etwas in den Hang gebaut und hatte eine Doppelgarage unten neben dem Eingang. Schon bei der Anfahrt bemerkten sie, dass etwas nicht stimmte. Das Tor stand weit offen und gähnende Leere starrte ihnen entgegen. Das zweite Auto fehlte.

„Hast du die Garage offengelassen?“, fragte Barbara, wusste aber im gleichen Moment, dass sie selber ja weggefahren war.

„Dein Mercedes ist weg, er ist gestohlen worden!“, rief Claudia. „Wir müssen die Polizei rufen.“

Barbara seufzte. „Ich denke, ich weiß wer das war. Gut, dass Sabine nicht da ist. Sie wäre verzweifelt. Es muss Jochen gewesen sein. Der hat sicher noch die Schlüssel.“

„Oh, dieses Schwein!“, rief Claudia. „Gibt der denn keine Ruhe und klaut auch noch unser Auto? Mama wird sich wieder fürchterlich aufregen.“

„Schließ ab!“, bat die Oma. „Lass uns hineingehen.“

Drinnen bettete sich Barbara auf das Sofa im Wohnzimmer, und Claudia breitete eine Decke über sie aus.

„Bitte setzt dich etwas zu mir“, sagte die alte Frau müde. „Ich möchte nicht allein sein. – Dieser Jochen ist mir unheimlich.“

„Er ist ein Scheusal und soll zur Hölle fahren“, ereiferte sich Claudia mit der Heftigkeit der Jugend und warf sich in den Sessel gegenüber.

„Ich werde unseren Anwalt anrufen“, flüsterte Oma Barbara. „Er muss das regeln. Ich habe keine Kraft mehr…“

„Verständlich, liebe Oma“, stimmte Claudia bei. „Es war einfach zu viel heute, die Beerdigung und jetzt das.“

„Ich habe schon eine ganze Weile darüber nachgedacht“, sagte Barbara, plötzlich wieder hellwach. „Wir sollten weg von hier. Was hält uns noch an diesem Ort? – Das Haus in Rorschach steht leer und wäre groß genug für uns alle.“

Kapitel 2

Dann würde sie einfach alleine fahren! Das eröffnete Sabine ihrer Tochter beim Frühstück. Ihre Laune war nicht besser geworden, denn sie hatte es satt, sich jeden Morgen eine Liege zu schnappen und den Tag mit Nichtstun zu verplempern. Die jungen Leute liebten das, nach den nächtlichen Disco-Besuchen wollten sie einfach nur faulenzen. Sabine wusste nicht wo ihre Tochter den gestrigen Abend verbracht hatte, aber ja natürlich, sie war erwachsen.

Sie hatten sich schon bei der Buchung des Fluges einen Mietwagen reservieren lassen, und diesen bei der Ankunft am Airport in Empfang genommen. Dass es sich dabei um einen klapprigen Kleinwagen handelte, störte sie nicht, denn Sabine war klar, auf der kleinen Insel waren sowieso keine größeren Fahrten möglich. Die Reise vom Airport zum Hotel, im Süden der Insel, bewältigten sie mit Bravour, aber seit drei Tagen stand das Auto unbenützt auf dem Parkplatz.

Das ‘Jardin Palace‘ war tatsächlich ein wunderschönes Hotel am südlichsten Ende von Lanzarote. Es lag im Ort ‘Playa Blanca‘, direkt an der Küste und bot eine unvergessliche Aussicht über das Meer, bis hinüber zur Nachbarinsel Fuerteventura. Der große Garten war ein Traum mit zwei Pools, vielen Liegen und einer offenen Bar. Große Palmen spendeten Schatten, und in den Rabatten blühten bunte Blumen, Kakteen und Büsche. Die Weite der Anlage war eine Wohltat. Man war nie in einem Gedränge der Gäste, wie das oft in den überfüllten Hotelburgen der Fall war.

Sabine hatte das Hotel bestimmt und gebucht. Eine Diskussion war überflüssig, sie wusste genau was sie wollte. Fast erschien es so, wie wenn sie den Ort bereits kennen würde. Tochter Claudia machte sich darüber aber keine Gedanken und war froh, dass die Mutter ihr die Suche nach einer geeigneten Urlaubsresidenz ersparte. Die Wochen davor, über Weihnachten und Neujahr, waren einfach zu angespannt gewesen, und die beiden Frauen hatten jetzt den Urlaub redlich verdient. Außerdem war für Claudia erst Anfang nächsten Monat Semesterbegin. Es war also genau die Zeit für erholsame Ferien.

Nach einem unglaublichen, roten Sonnenaufgang, den sie vom Balkon aus bewundert hatten, war es an diesem Tag im Freien aber eher trüb. Durch die riesigen Glasscheiben des Frühstückraumes erschien der Garten nun grau und farblos. Es war, wie wenn es auch die Stimmung der Menschen dämpfen wollte. Sabines Laune verbesserte sich jedenfalls nicht.

„Ich habe keine Lust auf einen langweiligen Tag am Pool“, eröffnete sie spitz und löffelte ein Erdbeer-Joghurt.

„Bitte, liebe Mama“, antwortete ihre Tochter. „Lass dich nicht aufhalten, mach was dir Spaß macht. – Was hast du denn vor?“

„Ich weiß von ein paar Sehenswürdigkeiten“, erklärte Sabine. „Sie bieten vom Hotel verschiedene Touren an, aber ich möchte eigentlich ganz gerne alleine los. Es ist durchaus möglich, sich auch ohne Führer auf dieser kleinen Insel zurechtzufinden. – Ich hoffe nur, dass die ‘Calima‘ nicht schlimmer wird.“

Claudia staunte erneut über die Kenntnisse ihrer Mutter und fragte deshalb nach: „‘Calima‘, was meinst du damit?

Sabine lachte verhalten und sagte: „Den trüben Dunst dort draußen nennt man so. Es ist Sand aus der Sahara.“

„Du meinst einen Sandsturm aus Afrika?“, fragte Claudia erstaunt. „Ist der gefährlich?“

Sabine schüttelte den Kopf. „Nein, der Staub ist nicht gefährlich, eher etwas lästig. Die Bewohner der Kanaren leben schon immer damit, gleichmütig und ergeben. In ein-zwei Tagen ist es vorbei.“

„Woher weißt du das alles?“, staunte Claudia.

Sabine lächelte. „Nun, mit dem Alter sammelt man sich allerlei Wissen an.“

„Mam! Du bist doch nicht alt!“, protestierte ihre Tochter.

Beide lachten. Sie beendeten das Frühstück, und Sabine machte sich auf den Weg zum Auto. Claudia ging zum Zimmer und holte sich ihre Schwimmsachen.

Während Sabine vorsichtig vom Parkplatz rollte, gingen ihr die Bilder der Vergangenheit durch den Kopf. Natürlich, mit zweiundvierzig war sie noch nicht alt, und eine erwachsene Tochter hieß keineswegs, dass man zum Alteisen gehörte. Aber die letzten Jahre waren derart beladen mit bösen Erfahrungen verstrichen, dass sie sich jetzt richtig ausgelaugt fühlte. Die Reise nach Lanzarote war wie eine Flucht von der katastrophalen Gegenwart, zurück in die Vergangenheit, wo alles noch leicht und unkompliziert war.

Der böse Trennungsstreit hatte tiefe Spuren in ihr hinterlassen. Bis heute konnte sie nicht verstehen, warum Jochen so stur und uneinsichtig durch alle Instanzen ging. Wollte er ihr einfach ein letztes Mal zeigen, dass er der Starke war und sich nicht fügen würde. Wenn sie zurückblickte, so musste sie sich eingestehen, dass es damals genau seine Stärke war, die sie fasziniert hatte. Sie war immer die nachgiebige gewesen und hatte sich dabei nicht schlecht, sondern eher geborgen gefühlt. Selbst nach der glücklichen Geburt der Tochter versuchte sie zu verstehen, dass Jochen keine weiteren Kinder wünschte. Sie redete sich ein, dass man auch mit einem glücklich sein könnte. Dabei hatte sie sich so sehr ein weiteres Kind, einen Sohn vielleicht, gewünscht.

‘Eine zerrüttete Ehe‘, hatte der Anwalt lapidar festgehalten, dabei war es viel tiefer gegangen. Jochen hatte sich vom Leben einfach genommen was er wollte, der Weg war ihm egal. Selbst seine Affären waren nach kurzer Zeit aufgeflogen, denn er machte sich nicht einmal die Mühe sie wirklich zu verheimlichen. Auf ihre Proteste wurde er böse und gewalttätig. Mehrmals schlug er zu, verletzte sie und nahm sie brutal. Eines Tages, nach einer entsetzlichen Nacht, packte sie das Notwendigste und zog mit ihrer Tochter an den Bodensee zu ihrer Mutter.

Jochen hielt die Villa in Küsnacht wie ein Faustpfand besetzt, das obwohl sie die rechtmäßige Eigentümerin war. Es war ihr ehemaliges Elternhaus und lag an der bekannten ‘Goldküste‘, direkt am Zürichsee. Ihr vor kurzem verstorbener Vater war an höherer Stelle bei der ‘Credit-Suisse‘ tätig gewesen und hatte seinen Erben ein beachtliches Vermögen hinterlassen. Es wurde immer offensichtlicher, dass Jochen es eigentlich nur auf das Geld abgesehen hatte. Zu seinem Leidwesen entschied das Gericht aber zu Gunsten der Frau, was ihn derart in Wut brachte, dass er vor den Schranken auf sie losgehen wollte. Nur mit Mühe konnten die Gerichtsdiener den tobenden Mann zurückhalten, und erst als der Vorsitzende ihm mit Haft und Anklage drohte, fügte er sich wutentbrannt.

Der Entscheid zur Trennung fiel dementsprechend zu Gunsten der bedauernswerten Frau aus, und der Räumungsbefehl aus der Villa musste mit Polizeigewalt durchgesetzt werden. Ihre Tochter, sie war inzwischen zwanzig geworden, erlebte die Tragödie natürlich mit, blieb aber außer Reichweite, in der Obhut der Großmutter in Rorschach.

Das Haus am Rorschacherberg war groß und verfügte über genügend Räume, so dass die Frauen entschieden bei Oma Barbara zu bleiben. Die Villa am Zürichsee barg zu viele böse Erinnerungen als dass Sabine weiter dort wohnen wollte. Der Immobilienmarkt florierte und ein Käufer konnte schnell gefunden werden.

Jochen, der sich ungerecht behandelt, ja hintergangen fühlte, hatte weiterhin eine maßlose Wut gegenüber seiner Ex. Er hatte ein gerichtliches Näherungsverbot auferlegt bekommen, und der Scheidungstermin wurde, nach der üblichen Wartezeit von einem Jahr, festgelegt. Trotzdem fühlten sich die drei Frauen in Rorschach oft nicht sicher, vertrauten aber darauf, dass die Zeit ihre Wirkung nicht verfehlen würde. Die Frauen dreier Generationen kamen gut miteinander zurecht, wenn sie auch etwas zurückgezogen lebten.

Claudia besuchte die HSG-Universität in St. Gallen und belegte dort die Fächer Economics und Political Science. Das Studium und die lockere Kameradschaft unter den Studenten gefielen ihr sehr. Erstaunlicherweise war aber kein Freund in Sicht. Natürlich, sagte sich Sabine, nach all den dramatischen Ereignissen ihrer Mutter, musste sich die Tochter sicherlich fragen, wohin so eine Beziehung einmal führen könnte. Es eilte ja wirklich nicht.

Während all den Gedanken fuhr Sabine die Hauptstraße entlang gegen Norden. Es war die einzige Verbindung in Richtung Arrecife, der Hauptstadt von Lanzarote, und war gut ausgebaut. Trotzdem fuhr sie langsam und unsicher. Ihre Gedanken gingen viel weiter zurück als zuvor. Es war eine Tatsache, dass sie Lanzarote gut kannte, wenn es auch bald ein viertel Jahrhundert her war. Sie hatte eine herrliche Zeit hier verbracht, und jetzt kamen die Erinnerungen alle wieder zurück. Wie ein Zwang trieb es sie, nach den Enden der abgerissenen Fäden ihrer Vergangenheit zu suchen. – Was war aus ihm geworden?

Eine halbe Stunde später nahm sie die Ausfahrt von Tías, dem Hauptort der gleichnamigen Region. Sie bog links ab und fand das ‘Ayuntamiento‘, das Rathaus, problemlos. Dort war auch das Revier der Policía Nacional zu finden. Sie stellte das Auto auf den Parkplatz und betrat das Gebäude.

„Buenos dias, Señora“, begrüßte sie der Wachhabende freundlich. „Was kann ich für sie tun?“

Es war lange her, dass sie Spanisch reichlich notdürftig beherrschte.

„Señor“, versuchte sie es. „Bitte, ich suche Inspector Sánchez.“

Der Mann, im Range eines Sargentos grinste. „Sorry Madam, Javier ist nicht mehr hier. Comisario Sánchez ist jetzt der neue Chef oben in Haría.“

„Ach, er ist befördert worden“, antwortete Sabine. „Dann muss ich wohl in Haría nach ihm fragen.“

Sie bedankte sich umständlich und verließ das Revier. Was hatte sie sich denn gedacht, nach all den Jahren hatte sich die Welt für alle weitergedreht. Er war befördert worden, hatte wahrscheinlich geheiratet und eine Schar Kinder. – Trotzdem, sie musste ihn sehen. Die Bilder des jungen freundlichen Polizisten gingen ihr nicht aus dem Kopf. Er war ein fröhlicher liebenswürdiger Mann, und sie war damals sehr verliebt gewesen. Niemand wusste, dass er der Vater ihrer Tochter war. Sie hatte es nie bereut, und nach der Erfahrung mit ihrem Mann Jochen, schätzte sie sich glücklich, dass aus ihrer Ehe kein weiterer Spross entstanden war. Nicht auszudenken, wenn ein Kind die Art eines solchen Vaters geerbt hätte. Ihre Tochter war ein wunderbares Mädchen, das sie über alles liebte. Claudia war unterdessen eine junge Frau geworden, und Sabine fragte sich je länger je mehr, ob der leibliche Vater nicht ein Recht hatte, von seiner Tochter zu erfahren. Es blieb ihr noch ein wenig Zeit sich darüber einig zu werden, denn der Weg nach Haría war noch weit.

Unterdessen hatte sich Claudia in einem der Lehnstühle bequem gemacht und blinzelte über die Büsche hinaus aufs Meer. Ihre Mutter hatte tatsächlich ein sehr schönes Hotel gewählt, die Anlage gefiel Claudia außerordentlich. Sie hatte willig zugestimmt, als Mama mit dem Vorschlag kam, zwei Wochen auf Lanzarote zu verbringen. Dabei war ihr immer noch nicht ganz klar, wieso nun gerade diese eine, wahrscheinlich unscheinbarste der sieben kanarischen Inseln. Den ersten Eindruck hatte sie nicht vergessen, denn auf der Fahrt vom Flughafen waren vorwiegend braune, kahle Berge zu sehen und dann auch noch diese riesigen schwarzen Lavafelder, welche aussahen, wie wenn der Teufel persönlich gepflügt, und damit jegliches Leben vernichtet, hätte. Man merkte auf Schritt und Tritt, auch in diesem herrlichen Hotel, dass sich der Mensch nur mit viel Mühe behauptete, Palmen pflanzte, Gärten hegte und bewässerte. Das zeigte sich dramatisch auf der anderen Seite des Hotels, wo, nur die Straße dazwischen, unmittelbar der kahle, staubtrockene Abhang eines Vulkanes emporragte. Sie hatte sich erkundigt, er hieß ‘Montaña Roja‘ und kam seinem Namen ‘Roter Berg‘, mit seiner verbrannten, braun-roten Erde, tatsächlich gerecht. Trotzdem hieß es, solle sich der leichte Aufstieg lohnen, denn es musste, von dort oben, eine unglaubliche Aussicht über die Insel und das Meer sein. Claudia nahm sich vor die Besteigung demnächst zu wagen.

Heute war aber kein guter Tag, denn dieser Staub lag noch immer träge in der Luft und verhinderte jegliche Weitsicht. Sie hatte sich gefragt, ob diese, wie hieß es gleich, die ‘Calima‘ nicht gesundheitsschädigend war, stellte aber fest, dass sich niemand darum kümmerte und die Liegestühle gut besetzt waren. Einzig wenn sie mit dem Finger über die Lehne strich, stellte sie eine feine Ablagerung von braunem Staub fest. Sie ignorierte also das Ganze und bestellte sich, bei einem vorbeieilenden Kellner, eine kühle Limonade.

Ihre Mutter war jetzt unterwegs, und Claudia fragte sich erneut, was sie eigentlich antrieb, und wohin sie denn fuhr. Sie hatte etwas von Sehenswürdigkeiten erwähnt, aber welche meinte sie? Die Prospekte bei der Rezeption boten vieles an. Da waren die Feuerberge, ein Spektakel mit Geysir oder ein Kamelritt, passend zu den kahlen Vulkanen und Kratern. Es wurden Buggy-Safaris, mit laut knatternden, staubaufwirbelnden Vehikeln angepriesen und auf dem Wasser heulend dahinschießende Jet-Skis. Tauchen war angesagt und für normale Touristen gab es ein gelbes U-Boot, mit dem knapp unter der Wasseroberfläche Fische beobachtet werden konnten. Weiter oben im Himmel, schwebten Gleitschirme für Mutige, die den Kick des freien Fluges erleben wollten.

Also, das waren nun wirklich nicht die Aktivitäten, welche zu ihrer Mutter passten. Was trieb sie denn, allein auf dieser Insel? Vielleicht besuchte sie eine Ausstellung des Künstlers César Manrique oder den berühmten Kakteen-Garten. War sie vielleicht zur Hauptstadt gefahren, flanierte durch die Gassen und kehrte in ein trendiges Café ein?

Was sollten all die Überlegungen? Sie würde es am Abend erfahren. Ihre Mutter schien eine besondere Beziehung zu dieser Insel zu haben. Davon hatte man aber vorher, alle Jahre, nichts bemerkt, und es musste deshalb auf die Zeit vor ihrer Geburt zurückgehen. Mehr als zwanzig Jahre, es musste damals etwas sehr Wichtiges im Leben ihrer Mutter gegeben haben.

Draußen auf dem Meer lag eine bleierne Stille. Kein Boot war zu sehen, wie wenn das Leben eine Pause eingelegt hätte. Claudia beschloss, nach einem leichten Lunch, sich im Zimmer eine Stunde Ruhe bei ihrem angefangenen Buch zu gönnen.

Kapitel 3

Das Revier der Policía Nacional von Haría liegt über einen Kilometer außerhalb der kleinen Ortschaft, etwas oberhalb der Straße, welche hinunter nach Arrieta und zum Meer führt. Die ungewöhnliche Lage verdankt es dem Umstand, dass beim Rathaus im Zentrum der Platz zu eng wurde, und ein Neubau auf dem gemeindeeigenen Grundstück geplant und realisiert wurde. Javier hatte sich inzwischen an die abgeschiedene Lage gewöhnt. Es war ja nur ein Arbeitsplatz, und sein privates Leben spielte sich in einem hübschen Haus in Máguez ab, wo er vor kurzem mit María eingezogen war. Der fast fünfzigjährige Comisario war sehr glücklich über die späte Liebe. Sie war ganz unerwartet in sein Leben gekommen. María war ein Engel und ein Wunder. Er wusste bis heute nicht, womit er dieses Glück verdient hatte.

Wie meist, war es auch an diesem Tag im Revier ruhig. Subinspector Bayardo erledigte den gewohnten Papierkram, eine Ruhestörung, ein Falschparker, dessen Auto abgeschleppt werden musste und ein paar Jugendliche, der Sachbeschädigung bezichtigt. Mehr war da nicht. Ein Blick zur Uhr an der Wand bestätigte, es war kurz vor fünf, bald Feierabend.

Plötzlich ertönte der überlaute Klingelton des Telefons und ließ sogar Javier im Nebenbüro auffahren. War es denn wirklich notwendig, dass ein Anruf Tote auferwecken musste? Eine sanfte Melodie, wie es heute jedes Handy konnte, würde doch genügen. Aber eben, das schwarze Gerät kam noch aus dem letzten Jahrhundert, war weder digitalisiert noch zeitgemäß.

„Bayardo! Teléfono…“, schrie Javier überflüssigerweise durch die Tür nach vorn.

„Ja-ja“, tönte es zurück.

Dann folgte: „Policía Nacional, Subinspector Bayardo am Apparat. ¿Dígame?“

Eine Weile war Stille, dann kam Bayardo mit dem Hörer in der Hand hinüber und zog das Kabel hinter sich her. Unter der Tür blieb er stehen.

„Comisario, da ist einer aus Tías dran und meldet eine Tote.“

Javier brummte unwillig: „Was soll das? Das ist doch deren Fall. Wir haben zu tun.“

„Er will aber Sie sprechen. Ich glaube es ist Coronel Martinez von der Guardia Civil“, sagte der Subinspector.

„Dann geben Sie her!“

Natürlich reichte das Kabel nicht. Javier rappelte sich auf, trat in den Vorraum und griff nach dem Hörer. „Sánchez.“

„Comisario, Javier, ich begrüße Sie“, dröhnte es. „Lange ist es her, seit wir uns gesprochen haben. Wie geht’s?“

„Danke, es geht“, brummte Javier. „Wo brennt’s denn?“

„Wir haben hier einen Unfall mit Todesfolge. Das Opfer scheint eine Bekannte von Ihnen zu sein.“

„Was denn?“, brummte Javier. „Mich kennt die halbe Insel. Wie heißt sie denn?“

„Sie heißt Heinzmann und ist Deutsche“ antwortete Martinez.

„Ich kenne niemanden mit so einem Namen, schon gar nicht eine Deutsche“, wehrte Javier ab. „Wie ist die denn zu Tode gekommen?“

„Sie ist gegen ein Monumento gefahren.“

Javier grunzte: „Ich kann es nicht gewesen sein. Von mir gibt es auf Lanzarote kein Denkmal.“

Martinez lachte. „Nein, natürlich nicht. Es war das von César Manrique, bei Montaña Blanca. Sie wissen doch, es steht auf einem massiven Sockel, mitten im Kreisel und heißt ‘Juguete del Viento‘ oder ‘Windspiel‘.“

Javier schluckte. „Mierda, keine schöne Sache.“ Meinte damit natürlich nicht das Monument, sondern den Unfall.

„So ist es“, sagte Martinez. „Sie hat aber ihren Namen genannt. Deshalb sollten Sie sofort herkommen.“

„Sie machen Witze!“, spottete Javier. „Die Tote hat noch geplaudert und sich dabei an mich erinnert.“

„Genug damit“, bellte Martinez, langsam ungeduldig werdend. „Die Frau war vorher hier in Tías auf dem Revier und hat nach Ihnen gefragt. Der wachhabende Sargento hat das protokolliert und bestätigt. Sie wollte dann nach Haría, aber jetzt wissen wir, dass sie ihr Ziel nicht erreicht hat. Kommen Sie unverzüglich her, Sie müssen sie identifizieren.“

Als Javier auf den Parkplatz der kleinen Polizeistation, hinter dem Rathaus von Tías fuhr, war es bereits dunkel. Er blieb einen Moment hinter dem Steuer sitzen. Er hatte unterwegs María angerufen und sich bei ihr entschuldigt. Es sei eine reine Routinefahrt, und er würde so schnell wie möglich zurück sein. Jetzt, vor dem Eingang seines ehemaligen Reviers, war er sich nicht mehr so sicher über die reine Routine. Wie viele Jahre war er hier ein- und ausgegangen, zuerst unter Fernando und später, als dieser in Pension ging, selber als Revierleiter? Sie hatten zusammen vieles erlebt, schwierige Fälle, Tragödien, aber auch schöne Zeiten. Fernando war ihm ein Freund geworden und war ihm auch heute noch sehr wichtig. Fernando und seine Frau Ilona lebten seit ein paar Jahren zurückgezogen in Haría, im nördlichen Teil der Insel. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass er, Javier, genau dorthin versetzt wurde. Er war befördert worden und hatte jetzt dort sein eigenes Revier. Aber so ganz heimisch war er dort nicht geworden. Das hatte sich aber schlagartig geändert, als ihn seine große Liebe zu María buchstäblich überwältigte und an den Ort fesselte. Ihre Gefühle für einander waren wie ein Erdbeben über sie gekommen und hatten ein gemeinsames Leben geschaffen, was er vorher nie für möglich gehalten hätte.

Jetzt war plötzlich alles wieder da. Hier, in der Dunkelheit des Autos, vor seiner Vergangenheit zu sitzen, war derart überwältigend, dass es ihn in seiner Kehle würgte. Lass los, befahl ihm sein Kopf, aber sein Herz verzehrte sich nach der alten sorglosen Zeit und gleichzeitig jubelte es über das glückliche Heute.

Bevor ihn jemand entdecken konnte, kletterte Javier aus seinem Wagen und ging zur Tür. Vom Eingang fiel ein Lichtstrahl heraus und beleuchtete etlichen, auf dem Platz verstreuten, Unrat. Zu seiner Zeit, da wäre das nicht geschehen. Damals herrschte Ordnung, aber eben, die Jungen! Er umging einen schwarzen Ölfleck und betrat den Vorraum.

Der Sargento hinter der Abschrankung war ihm unbekannt, aber er grüßte freundlich: „Guten Abend, ich nehme an, Sie sind Comisario Sánchez aus Haría.“

Javier nickte und blickte sich um. „Buenas tardes, Sargento! Wo ist der Coronel?“

„Coronel Martinez ist nach Hause gegangen“, sagte der Sargento. „Die Guardia Civil war zuerst am Unfallort, aber jetzt sind wir zuständig. Mein Name ist Alvarez, ich soll ihnen behilflich sein.“

„Sie sind neu hier“, stellte Javier fest.

„Seit gut einem Jahr“, erwiderte Alvarez. „Wir sollen zum Hospital fahren, die Tote ist dorthin gebracht worden.“

„Natürlich“, fügte sich Javier. „Sie haben aber sicherlich die Personalien der Frau hier?“

Der Polizist holte eifrig eine Mappe vom Schreibtisch und breitete den Inhalt vor Javier aus. „Das ist alles, was bei der Verunfallten und im Auto war.“

Sofort fiel der rote Pass auf. Javier schnappte ihn und blätterte suchend darin.

„Suiza!“, entfuhr ihm. „Es ist eine Schweizerin.“ Dann las er langsam vor: „Sabine Heinzmann, geboren 12.06.1979 in Zürich, 170 cm groß, verheiratet.“

Neben dem Reisepass lag ein Führerschein mit den gleichen Angaben, ein Mietwagenvertrag von ‘Budget‘, ein paar Euro-Scheine und etwas Kleingeld.

„Keine Hinweise über ihren Aufenthalt hier und ihr Domizil in der Schweiz?“, fragte Javier.

„Nein, bisher nicht“, antwortete der Sargento. „Das Auto wurde am Airport übernommen. Leider ohne Angabe über das Hotel.“

„Es wird sich schnell herausstellen“, beruhigte Javier den jungen Polizisten. „Wenn ein Gast plötzlich fehlt, wird meist sofort reagiert.“

Er selber war aber verwirrt. Ein komisches Gefühl sagte ihm, dass er diese Frau tatsächlich kannte. Seine Gedanken eilten durch die Jahre, war es möglich… Savina… Ina?“

Wie lange war das her? Zwanzig oder doch fünfundzwanzig Jahre? So um die Jahrtausendwende, das Millennium, davor oder danach? Es war eine verrückte Zeit damals, eine schöne, sorglose dazu, und eine ‘Chica‘ hatte es ihm damals besonders angetan. Aber war es jetzt diese verunfallte Frau? Er würde sich Gewissheit verschaffen müssen.

Er schob alles zusammen und reichte es zurück. „Sargento“, sagte er. „Wir fahren. Die im Spital sollten nicht länger warten.“

Sargento Alvarez räumte auf, löschte die Lichter und trat mit seinem Gast auf den Hof. Er deutete auf das Polizeiauto, welches in der dunklen Ecke stand, und sagte:

„Ich fahre, es ist ja nicht weit.“

Javier froh, dass ihm die Fahrt durch den Abendverkehr erspart blieb, sprang sofort auf den Beifahrersitz.

„Danke“, brummte er. „Aber ich verderbe ihren Feierabend. Das tut mir leid.“

Der Mann grinste und fuhr mit Schwung rückwärts auf die Straße. „Ich mach‘ das gern. Sie müssen nachher ja noch zurück in den Norden. Ich habe sowieso nichts vor.“

Während der kurzen Fahrt über die Schnellstraße lehnte sich Javier mit geschlossenen Augen zurück. Seine Gedanken waren in Aufruhr. Holte ihn jetzt seine Vergangenheit unabwendbar ein? Wurden seine Jugendsünden plötzlich zu einem Thema?

Nach der Ausbildung auf der Polizeischule in Ávila, nahe Madrid, wo er auch Fernando kennengelernt hatte, bekam er die Stelle bei der Guardia Civil in Puerto del Carmen. Es war eine anspruchslose Angelegenheit unter der herrischen Art eines Coronels Martinez. Praktisch war er der Laufbursche und von interessanter Polizeiarbeit weit entfernt. Seine Eltern lebten damals noch und betrieben einen kleinen Gemischtwarenladen in Uga, einem unscheinbaren Ort am Eingang zum Weintal ‘La Geria‘. Inzwischen war das Geschäft längst verschwunden und beide lagen seit Jahren auf dem Friedhof von Yaiza.

Javier lebte damals in einer einfachen Bleibe nahe dem Strand ‘Playa Grande‘ und verbrachte dort viel Freizeit mit den Jugendlichen beim Volleyball, beim Chillen und dem Spielen. Das fröhliche Treiben ging oft bis spät in die Nacht hinein, man feierte, flirtete und liebte, entsprechend der damaligen flotten Zeit.

Kurz vor der Jahrtausendwende hatte er Ina kennengelernt. Sie war unweit des Spielfeldes stehen geblieben und hatte interessiert zugesehen, als der Ball plötzlich vor ihren Füssen landete. Javier, der danach hechtete, wäre beinahe in sie geprallt und endete unspektakulär im Sand direkt vor ihr. Das fröhliche Lachen und die strahlenden Augen verfehlten ihre Wirkung nicht, und noch Tage später erinnerten sie sich an die einmalige Bruchlandung. Sie waren inzwischen unzertrennlich und genossen die Sonne, ihre Freiheit und die Liebe, wohlwissend, dass Sabines Urlaub in wenigen Tagen vorbei sein würde. Zum ersten Mal, in seinen jungen Jahren, erlebte Javier das zehrende Feuer der Verliebtheit. Diese junge Frau, er wusste inzwischen, dass sie aus der Schweiz stammte, war der Traum seiner Träume, aber er wusste auch, dass es ein Ende finden würde. Ina würde zurück in ihr Leben kehren und das Ganze als herrlichen Urlaubsflirt in Erinnerung behalten. Mehr lag da nicht drin, auch wenn es ihm nach ihrer Abreise fast das Herz zerriss.

Javier schreckte hoch, als das Auto über eine Bodenwelle schlug und von der Hauptstraße in einen Kreisel einbog.

„Wir sind gleich da“, bestätigte der Sargento seinem schweigsamen Mitfahrer.

Er bog zum großen Spitalgebäude ein und manövrierte den Wagen auf einen Parkplatz, reserviert für Notfälle. „Die Verhältnisse werden hier immer chaotischer“, brummte er. „Wann bauen die denn endlich ein Parkhaus?“

Javier wusste darauf auch keine Antwort und trottete dem Mann einfach hinterher. Am Empfang wurden sie abgeholt und sofort ins Untergeschoss geführt. Javier kannte dieses Vorgehen, kahle Gänge, dicht schließende Türen und kühle Räume. Eine Schublade wurde herausgezogen, arretiert und beleuchtet. Dann war der Moment da, den er insgeheim fürchtete. Er war ein hartgesottener Polizist und sollte eigentlich so eine Leichenschau problemlos meistern, aber in seinem Inneren sah es anders aus. Würde er die Frau überhaupt erkennen? Es waren Jahrzehnte vergangen und in seiner Erinnerung hatte er ein junges fröhliches Mädchen vor sich, voll von Lebensfreude und Erwartungen. Aber jetzt, was lag dazwischen? Hatte sie ein erfülltes Leben gehabt, bis es hier so abrupt endete? Hatte er selber mit seiner Jugendliebe abgeschlossen, oder würden ihn die Gefühle nun wieder einholen?

Als das Tuch zurückgeschlagen wurde, war es aber definitiv zu Ende. Die Person, das Gesicht, es hatte nichts mit seiner Ina von früher zu tun. Es war eine erwachsene Frau mittleren Alters. Das Antlitz war bleich und hatte den jugendlichen Teint von früher völlig verloren. Die weichen dunkelblonden Haare waren zu einem graubraunen strähnigen Teil geworden. Es waren keine Unfallspuren zu erkennen, aber sie sah völlig anders aus, als er es sich vorgestellt hatte. Trotzdem, die Züge waren da, auch wenn das Alter deutliche Spuren hinterlassen hatte. – Ja, es war Sabine Heinzmann.

Kapitel 4

Spät in der Nacht erreichte Javier sein Haus in Máguez. Die Formalitäten hatten länger gedauert als gedacht, und auf der Heimfahrt war die Sicht schlecht, was ihn zu langsamem Fahren zwang. Feiner Staub wirbelte auf und legte sich als klebrige Schicht auf die Frontscheibe. Der ‘Calima‘-Wind hatte die Temperatur in die Höhe getrieben. Es war unangenehm heiß und trocken. Erst als er die höher gelegene Gegend um Haría erreichte, wurde es etwas besser.

María hatte auf ihn gewartet und empfing ihn mit einer herzlichen Umarmung.

„Da bist du ja!“, rief sie strahlend. „Ich habe dir eine Kleinigkeit gerichtet. Du hast sicher Hunger.“

„Danke, meine Liebe“, antwortete er. „Ich bin eigentlich nur müde. Es war eine scheußliche Fahrt.“

„Verstehe, ja, die ‘Calima‘ ist eine Plage“, pflichtete sie bei. „Das ganze Haus ist voll von dem Sand. Er klebt auf jeder Fläche und kriecht in jede Ritze. – Aber ich denke es geht bald vorbei.“

Ihm war aber nicht nach Tagesthemen zu Mute, und im Essen stocherte er nur lustlos herum. Mit dem untrüglichen Feingefühl einer Frau merkte María sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihr Javier war normalerweise munter und fröhlich. Heute wirkte er niedergedrückt und wortkarg. Das ungemütliche Wetter trug sicher seinen Teil zur deprimierten Stimmung ihres Mannes bei, aber da war noch mehr. Mit der gleichen Sensibilität beschloss sie, nicht weiter in ihn zu dringen. Er würde ihr am nächsten Tag ohne Zweifel anvertrauen, was ihn bedrückte. Es war also Zeit für das Bett.

Irgendwann, zwischen Wachsein und Träumen, liebten sie sich. Javiers Liebkosungen fühlten sich besitzergreifend und innig an, wie um zu zeigen, dass er sie unter keinen Umständen wieder verlieren wollte. Sie aber gab sich hin um zu vermitteln, dass sie ganz sein war, forderte aber auch seine ganze Liebe und Treue. Mit dem Gefühl inniger Zusammengehörigkeit glitten sie schließlich ins Land der Träume.

Am nächsten Morgen war die Stimmung aber keineswegs besser. Auch der Gutenmorgengruß mit dem Kuss, täuschte nicht darüber hinweg, dass etwas nicht stimmte. Javier trank wortlos seinen Kaffee, packte seine Sachen und machte sich auf den Weg zum Revier. Mit fragenden Augen blickte María hinterher und hoffte, dass ihre Liebe nicht in Gefahr war.

Es war schon fast zur Gewohnheit geworden, dass Fernando am Vormittag vorbeikam. Er verband seinen Besuch mit der Begründung, ein täglicher halbstündiger Spaziergang wäre gut für die Gesundheit, aber selbst seine Frau Ilona wusste, dass er einen Vorwand suchte, um beim Freund im Polizeirevier vorbeizuschauen.

„Javier!“, tönte es dann auch kurz nach zehn Uhr von der Türe her. „Was machen deine Recherchen?“

„Recherchen?“, rief Javier. „Was meinst du damit?“

Verflucht, wusste jetzt schon jeder, dass er gestern in Tías, und später in Arrecife war, um eine Tote zu identifizieren. Diese Gesellschaft war löcherig wie ein Sieb, die kleinste Neuigkeit sickerte durch und verbreitete sich in Windeseile.

Fernando hatte sich auf den Besucherstuhl geworfen und schnaufte tief. „Der Weg hierher wird immer mühsamer“, schimpfte er. „Bald muss ich das Auto nehmen.“

„Du Schwächling!“, spottete Javier. „Nimm doch das Fahrrad, dann geht’s schneller.“

Jeder wusste, dass Fernando Fahrräder hasste. Nie würde er sich dazu hergeben, sich auf so ein wackeliges dämliches Ungeheuer zu setzen. – Also, besser weiter zu Fuß.

Javier hatte sich entschlossen, Fernando ins Vertrauen zu ziehen. Wen den sonst? Ihre Freundschaft ging zurück bis in die Zeit der Polizeischule. Auch die Jahre danach verbrachten sie oft gemeinsam und erlebten manch unvergessliches Abenteuer, wobei aber Fernando nichts von Javiers kurzer Affäre wusste. Nun gut, sie waren beide keine Mönche gewesen, Fernando würde es verstehen.

Er begann also: „Gestern hatte ich eine Begegnung der besonderen Art.“

„Hört-hört, es sind doch noch Außerirdische gelandet!“, spottete Fernando.

Javier war genervt. „Hör‘ auf mit dem Blödsinn! Ich sah eine Bekannte von früher. Wie und warum sie nach all den Jahren wieder nach Lanzarote kam, ist mir ein Rätsel.“

„Aha! – Eine alte Liebe, mein Freund“, schmunzelte Fernando. „Wie heißt sie denn, die Schöne? Kenne ich sie?“

Javier fühlte sich unbehaglich, wie wenn er sich vor fremden Leuten ausziehen müsste. „Sie heißt Ina, und sie war kurz vor der Millennium-Feier etwa zwei Wochen in Puerto del Carmen. Wir lernten uns per Zufall am Strand kennen.“

„Du warst verliebt“, stellte Fernando fest.

Javier schwieg.

„Klar, ihr wart beide jung und seid übereinander hergefallen, wie Karnickel“, vollendete sein Freund. – Weiß María davon?“

„Nein, ich wollte…“, ächzte Javier. „Sie ist tot!“

„Tot! – Diese Ina?“, entfuhr es Fernando.

„Sie heißt Sabine Heinzmann und war das Unfallopfer gestern“, sagte Javier entschlossen. „Sie ist gegen das Monument bei Montaña Blanca geprallt. Ich habe sie identifiziert. Es war tatsächlich Ina.“

„Das tut mir schrecklich leid“, murmelte Fernando. „Das war sicher nicht schön. Aber du musst es María erzählen, bevor sie es anderswo erfährt. Sie wird es verstehen.“

„Ich weiß…“

„Aber? – Da ist doch sicherlich nicht noch mehr?“

„Nein, doch. Man hat heute früh herausgefunden, dass sie im Hotel ‘Jardin Palace‘ in Playa Blanca abgestiegen war“, erklärte Javier und fuhr fort: „Ich sollte da hin, aber in Inas Sachen wühlen, das fällt mir nun wirklich schwer. Ich möchte auch nicht noch mehr alte Geschichten aufwühlen.“

„Alte Geschichten, Gefühle?“, fuhr Fernando auf. „Nun erzähle nur nicht, da sei noch etwas?“

„Nein!“, kam es energisch zurück. „Natürlich nicht. Da sind die alten verblassenden Erinnerungen, aber mehr nicht. Für mich ist María heute das Wichtigste. Ich liebe sie und will sie nicht verlieren.“

„Also, sei offen und ehrlich zu ihr“, gebot Fernando. „So wie ich sie kenne, ist sie keinesfalls nachtragend und sie liebt dich, du Simpel.“

„Ja-ja, spotte du nur“, entgegnete Javier. „Bei dir und Ilona läuft ja alles perfekt. Du hast keine Sorgen.“

Dabei wusste Javier aber genau, dass das nicht ganz stimmte. Fernandos Glück hing mehr als einmal am seidenen Faden und war nicht mühelos vom Himmel gefallen. Die letzte Bemerkung war ungerecht, und er bereute seine Worte sofort.

Fernando, der das Unbehagen seines Freundes bemerkte, versuchte zu schlichten: „Pass auf, wir machen das so: Ich fahre zur Playa Blanca, informiere die Hotelleitung und räume das Zimmer. Aber du gehst nach Hause und regelst das mit María!“

Sie sprachen noch eine Zeit lang über den tragischen Unfall beim Monumento ‘Juguete del Viento‘ und wie es denn dazu kommen konnte, dass die Frau ungebremst in den Sockel geknallt war. Die Straße führt dort, nach einer weiten Rechtskurve, in gerader, übersichtlicher Linie hinunter zum Kreisel. Linkerhand ragen die beiden kolossalen Vulkane ‘Montaña Blanca‘ und ‘Guatisea‘ in die Höhe. Diese könnten vielleicht die Aufmerksamkeit der Fahrerin abgelenkt haben. Andererseits war die leicht abfallende Straße derart übersichtlich, dass nur ein bewusstloser Fahrer den auf ihn zukommenden Kreisel nicht bemerkt haben konnte. Vielleicht war die Frau eingeschlafen, aber das war mitten am Tag eher unwahrscheinlich. Eine medizinische Ursache würde die Autopsie aber erst in ein paar Tagen zeigen. Vorderhand waren sie auf Vermutungen angewiesen.

Kurz vor Mittag machte sich Fernando auf den Weg. Die Frage, warum das eigentlich nicht die Aufgabe der Polizeistelle in Tías war, verfolgte ihn. Scheinbar war dort ein unerfahrener Neuling stationiert, so dass Arrecife die Angelegenheit an Javier delegierte. Wie auch immer, Fernando nahm sich vor, in Tías nachzuhaken, denn von dort war schließlich die erste Meldung über den Unfall gekommen. Coronel Martinez von der Guardia Civil war, vermutlich durch Zufall, ebenfalls involviert. Der hatte gerade noch gefehlt. Martinez war ein eigenwilliger, arroganter Typ, dem jeder gerne aus dem Weg ging.

Sofort nach der Abfahrt hatte er Ilona angerufen und hatte sie über seinen Auftrag informiert.

Wie erwartet stöhnte sie vorwurfsvoll: „Fernando, wie oft muss ich dir erklären, dass du dich aus Ermittlungen, welche dich sowieso nichts mehr angehen, heraushalten sollst. Erneut bist du dabei, und du willst einfach nicht begreifen.“

„Doch-doch, ich weiß“, entgegnete Fernando. „Es ist keine wirkliche Ermittlung, meine Liebe. Ich versuche einfach meinem Freund in einer schwierigen Situation zu helfen. Es ist ein Freundesdienst, mehr nicht. Ich muss das tun.“

Wie immer argumentierte sie noch eine Weile, verstand aber seine gut gemeinten Gründe und wünschte ihm viel Glück.

„Lieber Fernando, sei vorsichtig und komm‘ heil zurück. Auch ich brauche dich.“

Ja, sie liebte ihn von ganzem Herzen, das wusste er, und er würde alles daransetzen, dass ihr kein Leid geschehen konnte. Ja, er musste sich zurückhalten.

Fernando hatte bewusst die Strecke über Teguise und San Bartolomé gewählt und hielt kurz darauf bei dem erwähnten Kreisel an. Das ‘Windspiel‘, mitten drin, drehte sich langsam. Die winkligen Stangen und Schaufeln vermittelten den Eindruck eines geometrischen Gebildes, welches zögernd eine leise Bewegung versuchte. Die Farben Silber, Schwarz, Weiß und Rot verstärkten dieses Gefühl eines technischen, sich um eine Achse windenden, mehrere Meter hohen Spieles noch.

Unbekümmert ließ Fernando sein Auto am Rand stehen und überquerte die Straße. Es herrschte kaum Verkehr. Auf der ganzen Breite der Fahrbahn waren keine Bremsspuren zu erkennen, einzig ein geknicktes Schild und die Beschädigungen am Sockel des Monumentes erinnerten an den Unfall. Wie konnte eine gesunde Frau hier dagegen fahren und ihren Tod finden? Eine Beteiligung eines unbekannten Verkehrsteilnehmers schien recht unwahrscheinlich. Eintragischer Unfall, ein Herzversagen, ein Selbstmord oder gar Mord? Die Fragen lagen offen und unbeantwortbar vor ihm.

Eine halbe Stunde später bog er in den Parkplatz des Hotels an der Playa Blanca ein. Das ‘Jardin Palace‘ war ein Viersternehotel direkt am Meer. Der Eingang und die Lobby waren hell mit Glas und schlichtem Holz gestaltet.

Nachdem er sich mit seinem alten, schon länger abgelaufenen Dienstausweis an der Rezeption vorgestellt hatte, wurde rasch klar, dass es sich bei Frau Sabine Heinzmann um die Bewohnerin des Zimmers 2034 handelte. Zusammen mit ihrer Tochter belegte sie das Doppelzimmer.

Wie ein Feuerstrahl fuhr diese Nachricht durch Fernando. Oh Gott, sie hatte ihre Tochter mitgebracht, und jetzt war er dazu bestimmt, ihr die traurige Nachricht zu überbringen. Hätte er doch auf Ilona gehört und sich da rausgehalten.

Die junge Frau habe sich bereits mehrmals nach ihrer Mutter erkundigt, hieß es. Sie wäre letzte Nacht nicht zurückgekommen, und die Tochter sorge sich sehr. Auf die Todesnachricht reagierte der Angestellte hinter dem Tresen bestürzt, versprach aber, Claudia Heinzmann sofort zu suchen. Er bat Fernando, in der Sitzecke nebenan zu warten.

Es dauerte nicht lange, bis eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, sich suchend näherte. Sie war schlank, mit blonden langen Haaren und hatte eine zierliche Figur. Fernando winkte ihr zu und erhob sich. Sie kam zögernd näher.

„Polizei?“, fragte sie zögernd.

Fernando stellte sich vor: „Comisario Romero im Ruhestand, vormals bei der Policía Nacional. Ich bin in deren Auftrag hier. Sie sind Frau Claudia Heinzmann, nicht wahr?“

„Ja, die bin ich“, antwortete sie unsicher. „Haben Sie Neuigkeiten über den Verbleib meiner Mutter? Wo ist sie?“

Es war immer das Gleiche, wie sagte man einem Angehörigen, dass eines seiner Liebsten nicht mehr lebte. Sollte man geradeaus zum Punkt kommen oder sachte und umständlich die Nachricht in schöne Worte hüllen. Das Resultat war immer unvorstellbar, und die Reaktion ließ sich nur erahnen.

„Bitte setzen Sie sich“, begann Fernando.

Alarmiert starrte sie ihn an, ließ sich aber langsam in den Sessel gegenüber sinken. „Was ist mit meiner Mutter?“

Fernando beugte sich vor und sagte leise: „Es tut mir aufrichtig leid, aber ihre Mutter lebt nicht mehr. Sie hatte einen Unfall.“

Die Reaktion war lautlos. Die Augen, riesig fragend, ungläubig und ohne jeden Glanz. Sie saß wie erstarrt da, und Fernando fürchtete, dass sie sogar mit dem Atmen aufhören könnte. Er winkte einem Kellner und bat um ein Glas Wasser. Es kam sofort. Vielleicht hätte er um etwas stärkeres, alkoholisches bitten sollen. Hilflos blickte er auf sein Gegenüber.

„Wie?“, krächzte sie nach einer Ewigkeit.

„Es war ein Unfall, kurz vor San Bartolomé. Sie war sofort tot.“

Fernando hasste sich für die kurze schmerzvolle Aussage, aber wie sonst sollte er es formulieren?

„Musste sie leiden?“

„Nein, das glaube ich nicht“, versicherte Fernando, obwohl er es nicht ganz sicher wusste. „Es kam jede Hilfe zu spät.“

Das Ausmaß dieser Nachricht schien nur langsam ins Bewusstsein der jungen Frau zu dringen. Sie stand plötzlich völlig allein in einem fremden Land und war außerstande, den Tod ihrer Mutter zu begreifen, noch erfasste sie, was sie jetzt tun sollte.

Fernando versuchte sein Bestes: „Wir werden Sie natürlich unterstützen. Wenn sie psychologische Betreuung brauchen, werden Sie die erhalten. Wir müssen Sie aber bitten, vorderhand hier auf Lanzarote zu bleiben, bis alle Abklärungen erledigt sind. Es muss eine amtliche Identifizierung durchgeführt werden, und ein paar Details müssen ebenfalls abgeklärt werden.“

„Ich will zu ihr“, sagte Claudia unvermittelt.

„Selbstverständlich“, antwortete Fernando. „Glauben Sie, dass Sie das jetzt schaffen? Ich kann Sie zum Hospital nach Arrecife fahren.“

„Ich möchte zu ihr, jetzt!“, wiederholte sie ihre Bitte.

„Gut, dann veranlasse ich alles Notwendige“, sagte Fernando. „Kann ich Sie für einen Moment alleine lassen?“

Sie nickte. Er ging zur Rezeption, veranlasste, dass das Zimmer reserviert blieb und telefonierte mit dem Spital. Die Frau beeindruckte ihn. Wenn er eine heulende, schreiende Gestalt erwartet hatte, dann lag er völlig falsch. Sie machte den Anschein, wie wenn die unerwartete Todesnachricht sie stark und erwachsen hatte werden lassen. Der Schock saß tief, aber sie würde ihren Weg finden. Die Trauer würde später einsetzen, da war er sich ganz sicher.

Die Fahrt nach Arrecife verlief problemlos. Claudia saß schweigend auf dem Beifahrersitz und starrte vor sich hin. Sie hatte sich vorher eine Jacke aus dem Zimmer geholt, denn ein frischer Wind war aufgekommen und hatte das drückende Wetter endlich beendet. Obwohl Fernando ganz gerne einen Blick ins Zimmer und in die Sachen der Verstorbenen gewagt hätte, versagte er sich den Wunsch und wartete geduldig untern. Er hatte sie gebeten, einen Ausweis mitzunehmen, um alles gleich offiziell und endgültig abschließen zu können. – Endgültig, was für ein Wort! Für die Tochter war der Verlust ihrer Mutter alles andere als endgültig. Es tat sich ein riesiger Graben von Fragen ohne Antworten vor ihr auf. Eines der ersten Probleme war: Wohin sollte sie jetzt alleine? Natürlich könnte er sie zurück zum ‘Jardin Palace‘ fahren, aber sie wäre dort völlig allein. Man kannte das nur zu gut, diese Anonymität eines Hotels. Der denkbar ungünstigste Ort, um mit dem Tod umzugehen. Sie brauchte jetzt, und bis sie wieder in die Geborgenheit ihrer Heimat zurückkehren konnte, jemand der sie in ihrer Not begleitete.

Es war so einfach von psychischer Betreuung zu reden, aber wenn es darauf ankam, wer sollte das hier auf der Insel tun? Im Hospital wäre vermutlich irgendeine Krankenschwester mit einer entsprechenden Ausbildung verfügbar, aber an deren Möglichkeiten und Einfühlungsgabe zweifelte Fernando sehr. Ein paar liebe Worte, eine Tasse Tee und viel Ruhe, das war einfach zu wenig.

Tante Amara kam ihm in den Sinn. Sie könnte die Hinterbliebene tatsächlich liebevoll bemuttern und ihr inniger Glaube könnte Trost spenden. Aber Tía Amara sprach keine Fremdsprache und wie er bemerkt hatte, war Claudia des Spanisch überhaupt nicht mächtig. Sie mussten sich von Anfang an in holprigem Englisch verständigen. Schon besser passte die Finca Magdalena. Dort wurde Englisch gesprochen und Schwiegertochter Ingrid war sogar Deutsche. Das könnte passen.

„Ich habe mir überlegt“, begann Fernando, während er zügig auf der Hauptstraße Richtung Arrecife fuhr. „Wir dürfen Sie nicht alleine lassen. Ich schlage vor, dass ich Sie nachher zur Finca Magdalena bringe. Es ist das Weingut meines Sohnes und seine Frau spricht fließend Deutsch. Sie lieben Gäste. Auch wenn es diesmal kein fröhlicher Anlass ist, Sie werden beide mögen und sich dort wohl fühlen.“

Claudia blickte weiterhin starr nach vorne und flüsterte: „Danke, sehr gütig ihre Fürsorge. Aber ich will jetzt einfach meine Mutter sehen.“

Verständlich, dachte Fernando. Ihre Mutter stand über allem. Alles Weitere wurde ausgeblendet und hatte keinen Sinn. Es würde dauern, bis sie ihre Umwelt und das Leben wieder wahrnahm und sich damit auseinandersetzte. Aber genau deshalb brauchte sie Hilfe. Er würde seinen Sohn anrufen und alles in die Wege leiten. Nach der Identifizierung würde man sehen. Er musste darauf vorbereitet sein, dass die Frau völlig zusammenbrach und danach ein weinendes Häufchen Elend darstellte.

Die schlichte Sachlichkeit am Empfang erleichterte alles etwas. Fernando nahm den mitgebrachten Reisepass dankend zurück und blätterte gedankenlos darin. Da fiel ihm das Geburtsdatum auf, sie war am 25. Mai 2000 in Zürich geboren. Sie würde dieses Jahr also dreiundzwanzig werden. In Gedanken folgte er der Begleitung und Claudia hinunter zu den Räumen mit den Verstorbenen.