Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Blick in den sternenübersäten Himmel konfrontiert seit jeher mit existenziellen Fragen: Wer bin ich? Woher kommt das alles? Gibt es einen Sinn – und einen Gott über uns? Dieses Buch ist eine Einladung, sich von der Schönheit des Kosmos inspirieren zu lassen. Es verknüpft eine alltagstaugliche Einführung in die Astronomie mit spirituellen Beobachtungen zu Sonne, Mond und Sternen. In kurzen Biografien stellt es außerdem das Leben und Wirken bedeutender Sternenfreunde in Vergangenheit und Gegenwart vor, deren Einsichten eine Betrachtung lohnt. So können Spaziergänge unterm Nachthimmel zu kostbaren Sternstunden werden, die zu einer geerdeten Spiritualität führen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alfred Hirsch
Staunen untermHimmelszelt
Sternstunden zwischen Spiritualität und Astronomie
© Claudius Verlag München 2025
Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. Birkerstraße 22, 80636 München
www.claudius.de
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Der Verlag behält sich das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG vor, was hiermit Dritten ohne Zustimmung des Verlages untersagt ist.
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München
Abbildung „Sternenbild“ auf dem Umschlag sowie einzelner Stern bei den Überschriften in Kapitel 8: rawpixel.com – Freepik.com
Lektorat: Stenger & Rode GbR, München
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2025
ISBN 978-3-532-60136-5
Vorwort
1. Mein eigener Weg zur Astronomie
2. Sehen lernen
Im Brennpunkt der Spiritualität ist der Augenblick
Das Sehen im Fokus der christlichen Tradition
Ein Rendezvous zwischen Sternenhimmel und Spiritualität
3. Treue Lichter am Tages- und Nachthimmel
Die Sonne
Der Mond
Die Sterne
Der Morgenstern
Der Polarstern
4. Kostbare Himmelsjuwelen im Lauf der Jahreszeiten
Wandel und Wiederkehr
Atemberaubende Schönheit am Herbsthimmel
Der majestätische Sommerglanz der Milchstraße
Diamanten in den Nächten des Winterhimmels
Der faszinierende Weitblick im Frühlingshimmel
5. Gemeinsame Sternstunden erleben
Teleskopabende unter dem Himmelszelt
Eine faszinierende Reise in die Tiefen des Universums
Unter Sternen pilgern
6. Das Sterneschauen mit himmlischen Geschenken
Präsent am Himmelstor
Weitblick für die Einheit allen Lebens
Der Schlüssel zu mehr Dankbarkeit und innerer Weite
Befreiende Ausweitung des Gottesbildes
Aufhellende Sternenmedizin
Ein Dach für die Seele im weiten Universum
7. Sternenfreunde
Franz von Assisi (1181/1182–1226)
Ignatius von Loyola (1491–1556)
Philipp Neri (1515–1595)
Johannes vom Kreuz (1542–1591)
Eusebio Kino (1645–1711)
Johann Michael Sailer (1751–1832)
Johann Evangelist Wagner (1807–1886)
Sebastian Kneipp (1821–1897)
Gerard Manley Hopkins (1844–1889)
Bede Griffiths (1906–1993)
Simone Weil (1909–1943)
Dom Hélder Câmara (1909–1999)
Henri Le Saux (1910–1973)
Carlo Carretto (1910–1988)
Thomas Merton (1915–1968)
Robert Lax (1915–2000)
Raimon Panikkar (1918–2010)
Chiara Lubich (1920–2008)
Jörg Zink (1922–2016)
Ernesto Cardenal (1925–2020)
John Main (1926–1982)
David Steindl-Rast (*1926)
Franz Jalics (1927–2021)
Dorothee Sölle (1929–2003)
Henri Boulad (1931–2023)
Erwin Kräutler (*1939)
Richard Rohr (*1943)
Laurence Freeman (*1951)
John O’Donohue (1956–2008)
Christoph Gerhard (*1964)
Heino Falcke (*1966)
8. Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes
Die Sterne in der Bibel
Unter einem guten Stern – der kosmische Christus
Gotteserfahrung unter dem Sternenhimmel
Nachwort
Anmerkungen
Literaturhinweise
Gewidmet meiner lieben Camelia und meinen lieben Eltern, denen ich unendlich viel verdanke.
Was gibt es Herrlicheres, als nachts unter dem Sternenhimmel zu stehen und Ausschau zu halten nach den in den Medien angekündigten Sternschnuppenschauern? Um sich dann, beim Aufblitzen einer Sternschnuppe, etwas zu wünschen und zu hoffen, es möge doch in Erfüllung gehen? Das sind besondere, nicht alltägliche Momente.
Auch bei einzigartigen Glücksmomenten wird allgemein von Sternstunden gesprochen. Sternschnuppen und Sternstunden haben etwas gemeinsam: Sie sind kurzlebig. Am liebsten möchten wir diese Lichtmomente für immer festhalten – ein unmögliches Unterfangen, weil sie außerhalb unserer Kontrolle liegen. Echte Sternstunden werden uns als Geschenk gegeben.
Die einmal erwachte Begeisterung für den Sternenhimmel war für mich keine schnell verglühende Sternschnuppe und auch kein Strohfeuer, das nur kurz aufflackerte. Nein, für mich ist die atemberaubende Schönheit des Sternenhimmels zu einem Fixstern geworden, der seinen festen Platz in meinem Leben gefunden hat, der mein Leben bereichert und unter ein größeres Licht stellt. Davon möchte ich in diesem Buch erzählen – und ich wünsche mir, dass dieser lebenserhellende Fixstern auch für viele andere Menschen aufleuchtet. Das war die Motivation für mich, dieses Buch zu schreiben. Ich möchte dazu bewegen, sich für die wunderbar lebensbereichernden Schönheiten am nächtlichen Himmel zu öffnen. Das Sterneschauen sollte sein Nischendasein in der Gesellschaft verlieren, damit möglichst viele Menschen die Himmelswunder entdecken, die auf unseren Besuch warten. Der Sternenhimmel hat kostbare Präsente zu verschenken, wenn wir uns genügend Zeit für ihn nehmen. Dann können wir vermehrt auch die Sternstunden in den einfachen Vorgängen des Alltags erleben. Ich verspreche Ihnen: Es ist ein Geschenk, das Sie bald nicht mehr missen wollen.
Bis heute kommt in mir eine innere Freude auf, wenn ich an einen unvergesslichen Moment meiner Teenagerjahre denke. Ein guter Freund zeigte mir am Abendhimmel mit seinem Teleskop erstmals den Saturn. Im Okular des Fernrohres sah ich den Planeten mit seinen zarten Ringen im tiefschwarzen All. Dieser fantastische Anblick des „Königs der Ringe“ erweckte in mir damals die Liebe zur Astronomie und begleitet mich bis heute.
In der folgenden Zeit zeigte mir mein Freund mit seinem Teleskop weitere Perlen des Nachthimmels: den Planeten Jupiter, den Andromedanebel, den Doppelsternhaufen im Perseus, den Ringnebel in der Leier und den Kugelsternhaufen Messier 13. Die Teleskoptreffen mit meinem Freund waren jedes Mal ein einmaliges Highlight. Beschenkt ging ich anschließend nach Hause. Dafür bin ich ihm bis heute sehr dankbar. Er verschaffte mir einen Zugang zu einer Welt, die das Staunen über das Geheimnis des Lebens immens vergrößerte.
Natürlich wünschte ich mir für das nächste Weihnachtsfest ein eigenes Fernrohr. Meine lieben Eltern erfüllten mir den Wunsch für ein Refraktorfernrohr mit sechs Zentimeter Öffnung, dasselbe Teleskop, das mein Freund hatte. Damit ich mich am Himmel besser zurechtfand, kaufte ich mir die ersten astronomischen Bücher. Mit einer Taschenlampe und einem Sternenbuch ging ich dann in die tiefe Nacht hinaus. Nacheinander lernte ich die hellen Sternbilder am Nachthimmel kennen, wie etwa den Löwen, den Großen Bären, den Schwan und den Fuhrmann. Mithilfe der Sternkarten und der Unterstützung meines Freundes konnte ich bald die ersten Himmelsobjekte mit meinem Teleskop am Himmel finden. Es waren große Glücksmomente, wenn ein gesuchtes Himmelsziel plötzlich im Okular des Fernrohres auftauchte. Mein Freund machte mich auch darauf aufmerksam, die Sonne nie ohne einen montierten Sonnenfilter am Fernrohr zu betrachten, sonst würde ich mein Augenlicht verlieren. Wir beobachteten mit dem Filter die Fotosphäre der Sonne, die Oberfläche, die wir mit bloßem Auge sehen können. Manchmal sahen wir kleine dunkle Flecken, die sogenannten Sonnenflecken – Stellen auf der Sonne mit niedrigeren Temperaturen.
Es gab auch Jahre, in denen ich mich weniger mit der Astronomie beschäftigte, aber die Sehnsucht, immer wieder unter den Sternenhimmel zu gehen, ist nie erloschen. Jede Beobachtungsnacht nach einer längeren Pause entfachte die Sehnsucht neu. Die Nächte draußen in der Stille schenkten mir unbeschreiblich schöne Erlebnisse, die sich auch positiv auf mein Alltagsleben auswirkten.
Die technische Entwicklung machte auch im Teleskopbau keinen Halt, so ist das Sterneschauen inzwischen wesentlich bequemer und einfacher geworden. Die heutigen Montierungen, Okulare und Stative ermöglichen eine größere Stabilität und ein leichteres Finden der Beobachtungsziele. Bei meinen ersten Nachtbeobachtungen war das Gestirn durch manchen Wackler am Teleskop schnell wieder aus dem Gesichtsfeld des Okulars verschwunden. Ein Aha-Erlebnis war für mich die Beschaffung von Weitwinkelokularen, die das bisherige Gesichtsfeld im Okular enorm vergrößerten. Als ich durch eines der neuen Weitwinkelokulare den Himmel betrachtete, war dies ein großer Qualitätssprung. Das lange Suchen nach einem bestimmten Gestirn, so manches Mal bei eisigen Temperaturen, gehört damit weitgehend der Vergangenheit an.
Als schließlich die Computertechnik im Fernrohrmarkt angekommen war, legte ich mir auch ein Teleskop zu, in dem per Computersteuerung das gesuchte Objekt automatisch gefunden wird. Es macht mir allerdings bis heute unvergleichlich mehr Freude, ein Gestirn am Himmel manuell ohne Computersteuerung zu entdecken. So besteht nicht die Gefahr, die Orientierung am Sternenhimmel zu verlieren. Ich setze das computergesteuertes Fernrohr, das ich seit über zwanzig Jahren besitze, vor allem ein, wenn ich mit Gruppen den Nachthimmel beobachte. Hier kommt die Stärke des Teleskops zum Tragen. Durch die automatische Nachführung bleibt das gesuchte Himmelsobjekt immer im Okular.
Es ist etwas Wunderbares und Atemberaubendes, mit einem Teleskop in den Nachthimmel zu schauen. Das möchte ich nie mehr missen. Aber um sich in den Sternenhimmel zu verlieben, ihn zu bestaunen und zu bewundern, ist kein Teleskop vonnöten, auch wenn uns Fernrohre neue fantastische Himmelsanblicke eröffnen.
Ich gehe daher auch gerne ohne optische Hilfsmittel unter dem weiten Sternenmeer spazieren. Der Sternenhimmel ist in seiner Schönheit und Brillanz bereits für das normale Auge zu erfassen. Unzählige Sterne glitzern bei einem dunklen Nachthimmel jenseits aller störenden Lichtquellen. Sie lassen uns dem Schönen und Zauberhaften der Natur begegnen, wecken die Sehnsucht, immer wieder den Glanz der Sterne zu bestaunen, weil es für diesen Blick gar kein Sattsehen gibt. Denn wir treffen hier auf eine grenzenlose Dimension des Schönen. Wir begegnen den unergründlichen und unfassbaren Geheimnissen des Universums.
Für mich gehört die Wahrnehmung des prachtvollen Sternenhimmels zu den schönsten und genialsten Wegen, Erfahrungen des Staunens zu machen. Spätestens mit der Beschaffung meines computergesteuerten Teleskops war mir klar, ich möchte möglichst vielen Menschen das Geschenk geben, die zahlreichen Schätze und Wunder des Sternenhimmels mit eigenem Auge bewundern zu können. Da ich als Gemeindereferent in einer katholischen Pfarreiengemeinschaft tätig bin, hatte ich paradiesische Startmöglichkeiten, mein Vorhaben umzusetzen. Ich komme bis heute beruflich mit vielen Menschen in Kontakt und erteile in der Grundschule Religionsunterricht. Mein damaliger unmittelbarer Dienstvorgesetzter, der als Pfarrer die Pfarreiengemeinschaft leitete, gab mir sofort „grünes Licht“, weil er hinsichtlich des geplanten Astronomieprojektes mit mir auf einer Wellenlänge lag. Ebenso unterstützten die darauffolgenden Dienstvorgesetzten mein Vorhaben. Somit konnte ich eines meiner Hobbys zu beruflichen Zwecken einsetzen. Ich halte unter anderem Vorträge über das Weltall, integriere das gemeinsame Sterneschauen in das Programm der Erstkommunionvorbereitung und gebe Kindern in der Pfarrgemeinde und in der Schule die Möglichkeit, mit dem Sonnenteleskop unseren Heimatstern zu bewundern. Bei besonders auffälligen Himmelsereignissen am Tageshimmel, wie einer partiellen Sonnenfinsternis, biete ich die Möglichkeit an, an einem öffentlichen Platz in der Stadt das Himmelsspektakel zu beobachten. Ich gestalte immer wieder Pilgerwanderungen für Kinder und Erwachsene unter dem Nachthimmel und lade auch zu offenen Teleskopabenden ein, bei denen alle willkommen sind. Ich konnte meine Leidenschaft auch innerhalb der Familie weitergeben: Inzwischen unterstützt mich mein Sohn bei den Teleskoptreffen.
Aus meinen eigenen Beobachtungen und durch die Begegnungen mit anderen Menschen ist mir klar geworden: Ein erster bedeutender Schritt, um an einen Schöpfer glauben zu können, ist die Erfahrung des Staunens. Treffend hat es der bekannte Benediktiner und Bestsellerautor Notker Wolf (1940–2024) ausgedrückt, als er einmal gefragt wurde, wo Kinder heute noch Erfahrungen des Staunens machen können:
Wir mögen Kindern einmal das Wunder der Milchstraße zeigen oder sie in die Stille der Kirche führen, eine Kapelle als Ort der verborgenen Gegenwart Gottes. Wir können aber auch eine Weizenähre nehmen und die entsprechenden Worte Jesu verdeutlichen, auch den Gedanken, wie die vielen zu einem Leib Christi zusammenwirken.1
Das Staunen entfacht die Sehnsucht, dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen. Die Sehnsucht motiviert, sich auf die Suche nach dem „Mehr“ im Leben zu machen. Gerade die Natur ist ein genialer Zugang, das Staunen zu lernen und die Basis zu schaffen für ein reifes religiöses Leben, in dem die Freude an einem Leben mit dem Schöpfer im Vordergrund steht. Wir sind im Tiefsten darauf angelegt, dass das Staunen die Sehnsucht in uns weckt, dem Geheimnis des Universums nachzugehen. Es ist faktisch die Sehnsucht nach Wahrheit, die immer mit Liebe zu tun hat.
Für das Wort „Spiritualität“ existiert keine feste Definition. Es gibt eine Vielzahl von Umschreibungen. Von der Wortbedeutung stammt das Wort „Spiritualität“ von dem lateinischen Wort spiritus ab, was „Atem, Geist, Luft“ bedeutet. Vom christlichen Standpunkt aus geht es in der Spiritualität um ein bewusstes Leben aus dem Geist Gottes. Der Zugang dazu ist der Augenblick. Wer sich auf den gegenwärtigen Augenblick fokussiert, gewinnt ein tieferes Sehen und damit auch eine tiefere Verwurzelung in Gott – nichts anderes ist das Ziel der Spiritualität. Die Bibel spricht von einem Gott, der sich im Gewöhnlichen, im gegenwärtigen Alltag zeigt. Um das zu erkennen, müssen wir unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit bewusst ausrichten. Sehen im biblischen Sinne bedeutet „ein genaues Hinschauen“. Dies hat sehr viel mit Respekt zu tun. Respekt kommt vom lateinischen Wort respicere und bedeutet übersetzt: „noch einmal genau hinschauen“. Es ist also ein Sehen, in dem wir selbstlos, achtsam und liebevoll schauen. Dabei führt uns das „Sehen“ im biblischen Sinne zu einer Erkenntnis, weil wir so das Wesentliche hinter allem wahrnehmen. „Sehen“ im biblischen Verständnis bedeutet gleichermaßen „erkennen“.
Gott ist ein Gott der Gegenwart, der nur in der Gegenwart wahrnehmbar ist. Nicht unser Denken oder angesammeltes Wissen führt uns in die Präsenz Gottes, sondern unsere aufmerksame Wahrnehmung des Augenblicks und das Verweilen im Jetzt. Im Neuen Testament spielt in der Verkündigung Jesu daher das Sehenlernen eine entscheidende Rolle. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, waren die ersten Worte Jesu in der Öffentlichkeit. Seine Devise, um das verborgene Reich wahrzunehmen, lautet: „Kommt und seht“ (Johannes 1,39).
Gott offenbart sich nicht nur durch das biblische Wort, sondern er spricht auch durch die Wirklichkeit, die uns umgibt. Um für Gottes Stimme empfänglich zu sein, müssen wir uns dem aufmerksamen und absichtslosen Schauen auf den gegenwärtigen Augenblick öffnen. Durch alles kann Gott sich uns mitteilen, wenn wir hellwach im Hier und Jetzt sind.
Der Sternenhimmel lädt uns alle ein, in den Augenblick einzutauchen. Er bringt uns ins Staunen und damit fängt das Sehen an. In dem Moment, indem wir achtsam und absichtslos in die Sterne blicken, lassen wir alle unsere Sorgen und Gedanken los, wir lassen alle störenden Einflüsse, die den klaren Blick für das Angeschaute versperren, zurück. Erst dadurch bekommen wir die Möglichkeit zu einer intensiven Begegnung mit dem Angeschauten.
Wie wir schauen, entscheidet, was wir sehen und uns vor Augen tritt. Stehen wir mit einem Kopf voller Gedanken unter dem funkelnden Himmelszelt, kommen wir über den Horizont der eigenen Gedankenwelt nicht hinaus. Wir sehen nur, was wir selber sind.
Eine lange christliche Tradition betont die hohe Bedeutsamkeit des richtigen Sehens in Bezug auf Gottes Gegenwart. Dabei tauchen verschiedene Umschreibungen für das wahre Sehen auf wie beispielsweise Himmelsauge, drittes Auge, nichtduales Denken, intuitives Denken, kontemplatives Sehen. Die Voraussetzung, um dieses Ziel des wahren Sehens zu erreichen, ist ein Übungsweg, der uns in eine tiefere Wahrnehmung der Wirklichkeit führt. Es geht hierbei um ein Sehenlernen mit dem Herzen, das uns an die Worte Jesu erinnert, mit denen er diejenigen seligpreist, die ein reines Herz haben (Matthäus 5,8).
Das richtige Sehen zu lernen ist in der christlichen Tradition kein Automatismus oder die Beherrschung einer Technik. Es wird uns geschenkt, wenn wir immer wieder aufmerksam sind für die Gegenwart Gottes, damit Gottes Energie an uns wirken kann. Im Epheserbrief gibt uns der Apostel Paulus eine klare Orientierungshilfe, wie wir um das richtige Sehenlernen beten können:
Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt. (Epheser 1,17–18)
Wer auf der Suche nach Gott den Fokus auf das Beten um Erleuchtung und auf die Wahrnehmung des Augenblicks richtet, kann lange Umwege oder Sackgassen auf dem Weg zur Erkenntnis der Gegenwart Gottes vermeiden. Denn die Schöpfung ist nicht stumm, sie ist eine Anrede Gottes an die Menschen. Gott kann in der Sprache der Sterne, der Tiere, der Blumen, der Menschen zu uns sprechen. Die umgebende Wirklichkeit ist wie ein Buch, in dem sich Gott unmittelbar an uns wendet. Alles Sichtbare hat einen Gleichnischarakter, der auf Gottes Gegenwart hinweist.
So hat in der irischen, in der ignatianischen und franziskanischen Spiritualität, in der die Schöpfung als Offenbarungsort Gottes gilt, das Einüben in das richtige Sehen einen hohen Stellenwert. Eindringlich hat es der international bekannte Franziskaner Richard Rohr formuliert, der sich für eine spirituelle Erneuerung des Christentums einsetzt: Für ihn kommt es auf das richtige Sehen an, das er kontemplatives Sehen oder nichtduales Denken nennt. Kontemplatives Sehen bedeutet für ihn, Verstand und Herz so lange offen zu halten, bis Verborgenes zum Vorschein kommt. Voraussetzung dafür ist ein liebevoller Blick auf das Gegenwärtige.2
Richard Rohr verweist auf ein Beispiel, in dem drei Personen den gleichen Sonnenuntergang beobachten.3 Die erste Person sieht den wunderschönen Sonnenuntergang und freut sich einfach an diesem großen Naturerlebnis. Für Rohr ist diese Weise des Schauens ein sinnlicher Blick mit dem ersten Auge. Die Person ist interessiert, was sie berühren, anfassen und sehen kann. Der Person genügt, was sie mit ihren Sinnen erfassen kann, ohne weiteres Interesse an größeren Ideen. Die zweite Person freut sich ebenso an der Schönheit der untergehenden Sonne. Sie ist zugleich eine Liebhaberin des wissenschaftlichen und analytischen Denkens und begeistert, mit dem eigenen Denken die Vorgänge im Universum verstehen und analysieren zu können. Sie denkt über die Naturgesetze und über die Bewegungen der Sterne in den Galaxien nach. Aufgrund ihres bisherigen Wissens und ihrer Vernunft schaut sie mit dem zweiten Auge. Die dritte Person beobachtet denselben Sonnenuntergang. Sie erlebt zunächst das, was die anderen beiden erfahren haben, und freut sich daran. Aber sie geht darüber hinaus. Die Person meditiert, staunt, das heißt, sie verbleibt länger im Staunen und in der Stille, ohne nachzudenken. Sie kostet den Moment aus, fühlt und verweilt staunend vor einem großen Geheimnis, einer Weite, in der sie sich mit allem verbunden fühlt. Diese Person hat ihr drittes Auge benutzt.
Für Rohr ist das dritte Auge, das kontemplative Sehen, das Ziel allen Sehens. Wer kontemplativ schaut, lehnt die ersten beiden Augen nicht ab. Dem Kontemplativen sind die sinnlichen Wahrnehmungen mit dem ersten Auge nicht unwichtig, aber das ist nicht alles. Er lehnt auch das zweite Auge nicht ab. Doch Verstandeswissen ist nicht gleich Tiefe, die zu einer Weitung des Bewusstseins führen kann.
Dieses Beispiel von Richard Rohr zeigt uns anschaulich, welche Haltung wir unter dem Sternenhimmel einnehmen sollen, damit das prächtige Lichtermeer am Himmel uns etwas von seinen Geheimnissen offenbaren kann. Das Schöne zeigt sich nur, wenn wir ihm mit Ehrfurcht und Gegenwärtigkeit gegenübertreten.
Seit Beginn der menschlichen Geschichte gibt es eine enge Verbindung zwischen dem Sternenhimmel und der Spiritualität. Von Anfang an haben Menschen den prächtigen Sternenhimmel bewundert. Der Blick in den sternenübersäten Himmel konfrontierte schon immer mit spirituellen Fragen, die unsere Existenz betreffen:
Wer bin ich?
Woher kommt das alles?
Gibt es Götter über uns?
Schon seit Jahrtausenden haben so gut wie alle Kulturen das Sternenzelt mit Göttern in Verbindung gebracht, die das Leben der Menschen bestimmen. Aber auch aus praktischen Gründen war es für die Menschen bedeutsam, den Himmel zu beobachten. Der Nachthimmel war mit seinen regelmäßigen Zyklen der Gestirne eine Art Uhr, die eine natürliche Zeiteinteilung vorgab. Sie war sehr wichtig für bäuerliche Kulturen, in denen das Aussäen und Ernten sich nach dem Jahreslauf und damit nach dem Lauf der Gestirne richtete. Somit gehört die Astronomie zu den ältesten Wissenschaften.
Berühmt sind die frühen, schon sehr detaillierten astronomischen Forschungen unter anderem in Ägypten, Babylon oder China, in Arabien und in der griechisch-römischen Antike. In der christlichen Neuzeit waren es besonders die Jesuiten, die nicht lange nach der Gründung ihres Ordens im 16. Jahrhundert den Sternenhimmel wissenschaftlich untersuchten. Der Orden brachte unter seinen Wissenschaftlern, die zumeist gleichzeitig Priester waren, geniale Astronomen hervor.
Der Jesuitenpater Christoph Scheiner, der in Dillingen an der Donau Philosophie studiert hat, gehörte 1611 zu den Ersten, die mithilfe eines Teleskops die Sonnenflecken auf der Oberfläche der Sonne entdeckten. Scheiner war ein großartiger Wissenschaftler. Er berechnete die Rotationszeit der Sonne, baute Teleskope und erstellte die erste Mondkarte. Der katholische Priester und Astrophysiker Georges Lemaître kam 1927 zu der Erkenntnis, dass sich die Galaxien von uns entfernen und der Kosmos sich somit ausdehnt. Daraus entwickelte sich die Theorie des Urknalls.
In der Geschichte gab es immer wieder Spannungen zwischen den Erkenntnissen aus der astronomischen Forschung und der Kirche. Für die Jesuiten hingegen gab es nie einen wesentlichen Widerspruch zwischen Astronomie und Religion. So zeigt bereits das Wort „Kontemplation“ die tiefe Verwurzelung von Spiritualität und der Erkundung des Sternenhimmels. Denn „Kontemplation“ beinhaltet das Wort „Tempel“. Anfangs hatte das lateinische templum nicht die Bedeutung von einem großen Gebäude, sondern es leitet sich ab von der Silbe temp mit der Bedeutung „Maß“. Ursprünglich war mit Tempel nicht ein sakrales Bauwerk gemeint, sondern ein bestimmter, eingegrenzter Bereich, ein Beobachtungskreis am Himmel. Dieser Bereich war das Maß aller Dinge aufgrund seiner höheren Ordnung. Himmelskundige versuchten, über ihre Beobachtungen Einblicke in eine größere und allgemeingültige Ordnung zu erhalten, deren Weisheiten für das Verhalten auf der Erde unten gelten sollen mit dem Ziel, in Einklang zu kommen mit dem Rhythmus des Kosmos.
Im Wort „Kontemplation“ tritt die lateinische Vorsilbe con hinzu, die sich mit „zusammen, gemeinsam, mit“ übersetzen lässt. Dies verdeutlicht einen weiteren Wesenszug der Kontemplation. Das Schauen in den abgegrenzten Himmelsbezirk (templum) bringt so Himmel und Erde zusammen (con). Die Welt wird in der Kontemplation zu einer Einheit, in Einklang gebracht. Dieses ursprüngliche Verständnis der Kontemplation, die das Schauen in den Himmel zum Inhalt hatte, erschließt uns das Wesen der christlichen Kontemplation. Kontemplation ist ein liebevoller Blick auf die Wirklichkeit. Es ist ein gesammeltes, aufmerksames Schauen auf das, was von außen auf uns zuströmt. Christliche Kontemplation ist ein bewusstes Ausrichten auf die Präsenz Gottes, indem wir ganz gegenwärtig sind. Mit Gottes Gnade führt die Praxis der Kontemplation zur Erfahrung des Zusammenseins (con) mit der göttlichen Gegenwart (templum), mit der wir untrennbar verbunden sind.
Das kontemplative Schauen gehört zum Herzen jeder Spiritualität. Hauptaufgabe jeder Spiritualität ist das Einüben von Achtsamkeit. Gott ist immer präsent, wohingegen wir die Abwesenden sind. Wer achtsam die Sterne betrachtet, übt sich im kontemplativen Sehen. Er reiht sich in eine große Tradition von Zeugen ein, die durch das kontemplative Schauen in die Sterne das Universum als einen Ort von Gottes unendlicher Präsenz erlebt haben.
Es gibt eine Reihe von Astronomen, die gleichzeitig Kontemplation praktizierten und praktizieren. Sie wissen um die Größe des Verstandes, aber auch um die Grenzen der menschlichen Vernunft. Die jesuitischen Astronomen beispielsweise sind geprägt durch ihre kontemplativen Exerzitien, die auf ihren Ordensgründer Ignatius von Loyola zurückgehen. Sie wissen, dass es neben dem wissenschaftlichen Denken einen weiteren Weg der Erkenntnis gibt. Es ist die Praxis des kontemplativen Schauens, die eine Tiefendimension der Wirklichkeit erschließt, an die das menschliche Denken niemals heranreichen wird. Die kontemplative Praxis verfeinert die Wahrnehmung für die Gegenwart Gottes und lässt den Sinn des geheimnisvollen Universums tiefer wahrnehmen.
Weil der Lauf der Sonne am Himmel sich täglich in gewohnter Weise wiederholt, ist ihr Dasein zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Würde sich aber durch ein unvorhergesehenes astronomisches Ereignis ihre Entfernung zur Erde auch nur geringfügig verändern, wäre dies das Ende allen Lebens auf unserer Erde. Sie ist eine mittelgroße Sonne beziehungsweise Stern. Nach heutigem Wissen reicht ihr Energievorrat noch rund fünf Milliarden Jahre. Ihr Durchmesser beträgt rund 1,4 Millionen Kilometer und die Erdkugel passt rund eine Million Mal in die Sonne. Sie ist von der Erde circa 148 Millionen Kilometer entfernt. Eine Autofahrt zur Sonne würde um die 170 Jahre dauern. Zu Fuß wären wir etwa 4400 Jahre unterwegs.
