Stealing Stardust - Sarah Scheumer - E-Book
SONDERANGEBOT

Stealing Stardust E-Book

Sarah Scheumer

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Mädchen auf einer Mission, ein Junge ohne Plan, eine Galaxie voller Möglichkeiten ...

In einem klapprigen Raumschiff, weit entfernt von ihrer Heimat, durchbricht die 18-jährige Sola die Grenzkontrolle des Planeten Kreon. Sie muss dort bloß einen winzigen Diebstahl begehen, um mit ihrer Mission weitermachen zu können. Denn Sola ist auf der Suche nach einer absoluten Nichtigkeit, die ihr die Welt bedeutet.

Aber dann kommt ihr Lucas von der Hafensicherheit in die Quere, der sich ausgerechnet an diesem Tag in seinem Job beweisen muss. Als kurz darauf auch noch der Hafen von Plünderern angegriffen wird, bricht Chaos aus - und plötzlich finden sich Lucas und Sola gemeinsam in ihrem kleinen Raumschiff wieder.

Schnell wird klar, dass sich die beiden auf engstem Raum nicht ewig aus dem Weg gehen können. Während Lucas von Sola quer durch die Galaxie geschleift wird, nähern sie sich langsam an, und Solas toughe Fassade bekommt Risse. Können die beiden ihre Gegensätze überwinden und die Mission gemeinsam zu Ende bringen?

ONE. Wir lieben Young Adult. Auch im eBook!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

Danksagung

Über die Autorin

Impressum

Über dieses Buch

Ein Mädchen auf einer Mission, ein Junge ohne Plan, eine Galaxie voller Möglichkeiten ...

In einem klapprigen Raumschiff, weit entfernt von ihrer Heimat, durchbricht die 18-jährige Sola die Grenzkontrolle des Planeten Kreon. Sie muss dort bloß einen winzigen Diebstahl begehen, um mit ihrer Mission weitermachen zu können. Denn Sola ist auf der Suche nach einer absoluten Nichtigkeit, die ihr die Welt bedeutet.

Aber dann kommt ihr Lucas von der Hafensicherheit in die Quere, der sich ausgerechnet an diesem Tag in seinem Job beweisen muss. Als kurz darauf auch noch der Hafen von Plünderern angegriffen wird, bricht Chaos aus – und plötzlich finden sich Lucas und Sola gemeinsam in ihrem kleinen Raumschiff wieder.

Schnell wird klar, dass sich die beiden auf engstem Raum nicht ewig aus dem Weg gehen können. Während Lucas von Sola quer durch die Galaxie geschleift wird, nähern sie sich langsam an, und Solas toughe Fassade bekommt Risse. Können die beiden ihre Gegensätze überwinden und die Mission gemeinsam zu Ende bringen?

Sarah Scheumer

Stealing Stardust

Eine Quest quer durch die Galaxie – voller Action und Slow Burn Romance

1

Sola

Ein paar der Alarmtöne, die über Solas kleine Schiffsbrücke heulen, hört sie gerade zum ersten Mal. Das System warnt sie vor der gefährlich schnellen Sinkgeschwindigkeit und bevorstehenden Turbulenzen, während sie mit ihrer Katamaranklasse in die nächtliche Atmosphäre des Planeten rast. Der Druckausgleich hängt hinterher und der schützende Energieschild wird vor ihrem Bug unter der Reibung so schnell dünner, dass sie froh ist, den Weltraummüll im Orbit schon hinter sich zu haben.

Sie jagt im Slalom um die etlichen Schiffe, die sich in der Anflugschneise des Raumhafens befinden. Die Gravi gibt ihr Bestes, ihre Flugbewegungen auszugleichen, aber die Luftschichten der Atmosphäre rütteln stärker an ihrem Sitz, je dichter sie werden. Obendrein herrscht über dem Kontinent, auf den sie zusteuert, schlechtes Wetter, und im diesigen Halbdunkel über den Regenwolken weisen nur Positionslichter auf den Hafen hin. Schon hier oben, 55 Kilometer über der Oberfläche – 53 Kilometer ... 51 ... 49 Kilometer – schimmern Perlenketten aus etlichen Drohnenlampen. Wenn Sola sich ordnungsgemäß am Hafen angemeldet hätte, wüsste sie vermutlich, an welche davon sie sich halten muss.

Die vor Nervosität kalt gewordenen Finger um das Steuer geklammert, reißt sie den Blick von den Lichtern los, als auf der Konsole ihr Becher unter den Turbulenzen Richtung Kante ruckelt. Es sind ein Rest Tee und die nassen Kräuterblätter darin, die sie noch einmal aufgießen wollte. Der Becher ist aus schwarzem Ton, vollkommen ungeeignet für die Reise auf einem Raumschiff. Er war ein Geschenk.

Ich hoffe, er geht nicht kaputt. Das hat sie zu ihrer Mutter gesagt, als sie ihn vor der Reise von ihr entgegengenommen hat.

Sie muss den Blick davon lösen, um den gewaltigen Frachter vor sich nicht zu rammen, den sie aus dem Augenwinkel bemerkt. Sie schießt dicht an seiner Außenwand entlang wie ein Fisch an einem Gletscherwal, und hofft, dass er ihr ein wenig Sichtschutz bietet.

Die Gurte schneiden ihr in die Schultern, als sie sich mit aller Mühe nach dem Teebecher streckt. Sie berührt ihn unter angestrengtem Schnauben mit den Fingerspitzen und kann ihn ein paar Zentimeter von der Kante wegschieben.

Kaputt?, hat ihre Mutter geantwortet. Wenn es auf dem Schiff zu gefährlich für einen Becher ist, möchte ich, dass du dir die Reise noch einmal überlegst.

Der Frachter neben ihr passt seinen Kurs an, sodass ihr die Schiffswand plötzlich näher kommt, und weil sie abgelenkt war, kann sie nur noch haarscharf an seinem Bug vorbeiziehen.

Ich passe auf den Becher auf, versprochen.

Während die nahe Energie des fremden Schutzschilds für einen Augenblick Spuren in ihren Systemen hinterlässt, hört sie einen ihrer Verfolger im Funk, der ihr Flugmanöver kommentiert.

»Manche Leute gewinnen ihren Pilotenschein wohl bei der Tombola!«

Die Jägerschiffe von der Grenzkontrolle sehen aus wie kantige schwarze Speerspitzen mit gläserner Oberseite, gerade groß genug für ein Cockpit mit einem einzelnen Piloten. Sie spiegeln die Umgebung, sodass man sie bei Dunkelheit fast nicht sehen kann. Als Sola vor einigen Minuten am Kontrollpunkt im Orbit vorbeigerast ist und dabei nicht einmal das Tempo gedrosselt hat, konnte sie nur für einen Sekundenbruchteil die gelben Farbstreifen und einen Schriftzug auf der Lackierung erkennen.

Sie hatte keine andere Wahl, sie hätte bei der Kontrolle Schwierigkeiten mit der Zulassung ihres alten Katamarans bekommen. Mit der nicht vorhandenen Zulassung. Die bestimmt verdutzten Jäger, die sich an ihr Schiff gehängt haben und die sie auf ihrem Radar sehen kann, haben sie gerade erst eingeholt.

»Du dringst unerlaubt in einen geschützten Verkehrsraum ein«, bellt der zweite Pilot. »Für den Anflug auf das Hafengebäude musst du dich vor Atmosphäreneintritt ausweisen und deine Warenformulare abgeben!«

Sein Befehlston hinterlässt einen leichten Schrecken in ihrem Brustkorb, aber durch die Distanz, die der Funk der Unterhaltung gibt, kann sie ihn verkraften. Es ist ja auch kein Wunder, dass er sich aufregt. Vermutlich bringt Sola ihn in Schwierigkeiten.

»Ich weiß, tut mir leid!«

Sie folgt einer Hunderte Meter langen, hellblau funkelnden Perlenkette, und rast dabei in eine Kurve. Im selben Moment, in dem direkt unter ihr ein kleines Schiff aus den Wolken auftaucht, wird ihr klar, dass sie gerade eine Abflugschneise durchkreuzt.

»Dein Eindringen in die direkte Hafenzone wird strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen! Du hast noch fünfzehn Kilometer, um vor der Grenze beizudrehen.«

»Ich muss wirklich nur ganz, ganz kurz im Hafen landen«, erwidert sie entschuldigend.

»Du hast keine Erlaubnis, den Boden einer Parkbucht zu berühren!«

»Dieser Luftraum ist eine Katastrophe«, brummt sein Kollege. »Die sollten die komplette zivile Raumfahrt am Hafen verbieten.«

Irgendwo hinten im Schiff rumpelt es, sodass Sola plötzlich an die restlichen Worte ihrer Mutter denken muss. Nachdem sie Sola mit einem Lächeln und einer Kinnbewegung bedeutete, immer aufrecht zu stehen, und ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt hatte.

Falls es mal um dich oder den Becher gehen sollte, wäre es mir lieber, wenn du diejenige bist, die heile bleibt.

Ein weiterer Alarm heult los, ihr Schiff macht einen Schlenker, als hätte jemand sie geschubst. Als sie versteht, dass ein Schuss ihren Schutzschild gestreift hat, hätte sie schon nichts mehr tun können. Ihr fährt ein heftiger nachträglicher Schock durch den Körper.

»Schießt ihr auf mich?«, fragt sie nervös im Funk nach, doch die Piloten antworten ihr nicht. Der Anblick der dicken Wolkendecke, die jetzt schnell näher kommt, lenkt sie ohnehin ab. Die gewaltigen Watteberge sehen auf der Oberseite aus wie ein weicher wütender Ozean, blau und grau, beleuchtet von Sternen, Raumstationen und fernen Schiffen.

Sola streckt sich aus dem Sitz, um den geknüpften Talisman zu berühren, der über den Armaturen hängt. Während im Schein der Frontlichter die ersten Wolkenschwaden zerreißen, dankt sie dem Universum für die sichere Reise. Gleich darauf erwischt einer der Jäger sie mit einem weiteren Schuss. Diesmal streift er sie nicht nur, der Stoß wirft sie in ihre Gurte, bevor ein kurzes, unscheinbares Piepen zwischen all den Warntönen eine Veränderung meldet. Ihr Hauptantrieb erlischt, und als ihre frontalen Steuerdüsen beginnen, ihren Fall zu bremsen, versteht sie, dass der Autopilot übernommen hat. Was immer die Jäger für Waffen nutzen, sie haben damit Einfluss auf ihre Systeme genommen. Sie will den unerwünschten Autopiloten ausstellen, aber er lässt sie nicht.

Das machen die Leute von der Grenzkontrolle also mit Schiffen, deren Flugroute ihnen nicht gefällt.

»Das sieht doch gleich viel besser aus«, kommentiert einer der Piloten das erzwungene Manöver.

Solas Herz klopft für einige Sekunden laut in ihrer Starre, bevor sie einen Entschluss fasst. Sie schnippst die Kappe über einem kleinen silbernen Hebel weg und schaltet das ganze Schiff einfach aus.

»Wir nehmen dich jetzt zwischen unsere ...«, beginnt einer der Jäger. Dann fällt der Funk mit den übrigen Systemen aus und es wird dunkel und ruhig auf der Brücke. Der Antrieb verstummt mit einem Geräusch, das klingt, als würde er ausatmen und dabei ein letztes Mal kläglich husten. Nur die Gravi muss wegen des Fluges noch laufen, denn die Schwerkraft im Schiff verändert sich nicht. Das, was außerdem noch unterschwellig summt, könnte die Luftfilterung sein.

»Gut zu wissen«, murmelt Sola, während draußen der einsetzende Regen ohne schützende Energie auf ihre Scheiben prasselt. Er wird dichter, als sich die Wolkendecke an der Unterseite auftut. Die Turbulenzen lassen nach, während sie aus den Wolken fällt, ganz so, als wolle die Atmosphäre ihr Zeit zum Staunen geben. Durch die Wasserschleier kann sie auf ein wahres Lichtermeer sehen. Kreons Hauptstadt Oriana streckt sich in alle Richtungen bis zum diesigen Horizont, Hunderttausende Lichtpunkte, die sich zu gleißenden Knoten häufen und mit fein verästelten Adern verbunden sind.

Ihr Schiff fällt wie ein Stein, aber sie ist so ergriffen, dass sie im Lichtschein der endlosen Stadt nach ihrem Tablet tastet, um ein Foto zu machen. Der Anblick füllt sie mit Euphorie, vermischt mit dem Unglauben darüber, dass sie heute hier angekommen ist, so weit weg von zu Hause. Ihre Augen beginnen zu brennen, gerade als ein großer Schatten sie erschreckt, der an ihr vorbeirast. Nein, sie selbst ist es, die an ihm vorbeirast. Ihr kleiner Katamaran fällt manövrierunfähig zwischen Schiffen aller Größen und Formen hindurch, die sich dicht über dem Hafengebäude aufhalten.

Sie beeilt sich, den silbernen Hebel umzulegen und das Display zu berühren, um einen Systemstart zu veranlassen. Eine schreckliche Sekunde lang passiert rein gar nichts. Dann tauchen nach und nach die Anzeigen wieder auf, und aus den Tiefen des Schiffs schwillt ein schwerfälliges Brummen und Klacken an, als ihre Technik sich meldet und den Antrieb vorbereitet. Der Energieschild bildet sich um ihre Hülle, sodass vom einen auf den anderen Moment keine Tropfen mehr auf ihre Scheibe treffen.

Der aufgezwungene Autopilot ist verschwunden, doch sie fällt noch immer.

»... deine verdammten Systeme wieder an!«, hört sie den Rest eines Funkspruchs eines der Grenzpiloten. Als ihr Schiff wieder auf dem Radar auftaucht, braucht der Mann einen Moment, um sich zu sammeln und die Panik aus seiner Stimme verschwinden zu lassen. Er räuspert sich. »Wenn du deine Geschwindigkeit nicht drosselst, zerlegt es dich gleich über dem Hafen!«

»Gibt eine saftige Geldstrafe, wenn du es überlebst«, fügt sein Kollege hinzu. Die beiden sind weit über ihr zurückgefallen.

»Das klappt schon«, antwortet Sola, während sie ihre Schiffsnase Richtung Himmel dreht, sodass sie jetzt rückwärts fällt. »Danke für den Begleitflug.«

Sie startet den Hauptantrieb mit vollem Schub. Der Druck der beiden Triebwerke presst sie in ihren Sitz, als würde sich ein Rentier auf ihren Oberkörper stellen. Sie streckt den Arm aus, hält ihre Hand auf, und der Teebecher landet genau in ihrer Handfläche. Unter dem anhaltenden Schub bekommt sie dabei allmählich ernsthafte Atemnot. Sie schnappt nach Luft und sieht zur Höhenanzeige, auf der die Zahlen immer langsamer schrumpfen.

Noch ein paar Sekunden, dann befindet sie sich zum ersten Mal seit Atmosphäreneintritt in einem angebracht sanften Sinkflug. Sie sieht in den Regen hinauf, während ihr Herz die Sekunden wegtrommelt. Der Himmel, der jetzt über ihrer Cockpitnase liegt, hat hier eine ganz andere Farbe als zu Hause. Matt und blau, als wäre gar nicht richtig Nacht. Das gewaltige Bauwerk des Raumhafens beleuchtet ihn. Seine Lichter schimmern in den Kanten ihrer Scheiben, und als sie ihren Absturz so weit gefangen hat, dass sie die Schiffsnase nach unten kippen und zum Hafen sehen kann, füllt er plötzlich ihr gesamtes Sichtfeld. Sie hat nicht mehr viel Zeit, über ihren Landeanflug nachzudenken.

»Deck D, Gate 4, zivile Raumfahrt«, sagt einer ihrer Verfolger und klingt, als presse er dabei die Zähne zusammen. Die Gatefreigabe steht ihr nach dieser Anreise offensichtlich nicht zu, aber irgendwo muss man sie landen lassen, damit man sie festnehmen kann. »Viel Spaß mit dem Empfangskomitee.«

Sie wirft einen Blick zu dem Lageplan, den sie sich besorgt hat und der mit etwas Pech veraltet sein könnte. Gedanken huschen ihr durch den Kopf, die sie vielleicht schon hätte haben sollen, bevor sie an der Kontrollgrenze eine Straftat begangen und sich anschließend in die Atmosphäre gestürzt hat. Ein flüchtiges und panisches ich kann das nicht, ehe die Entschlossenheit siegt. Es kann ja wohl nicht so schwer sein, einen Hafen anzufliegen, so wie alle anderen im Getümmel um sie herum es ebenfalls tun.

Im letzten Moment sieht sie, dass die Hafendecks von außen gekennzeichnet sind. Durch den Regen erkennt sie die riesige weiße Schablonenschrift auf grauem Grund, als sie an einem Reparaturdeck vorbei und immer tiefer sinkt, viel weiter nach unten, als für Schiffe aus dem Orbit vorgesehen.

»Benutz gefälligst das richtige Gate!«, blafft der Jäger, während sie die Decks für die offizielle planetare und interstellare Raumfahrt vorbeiziehen lässt und die für die zivile Raumfahrt, die ihr zugewiesen wurden, ebenfalls ignoriert.

Mit einem Mal wird ihre rechte Schiffseite nach oben gedrückt, bevor irgendein Widerstand nachgibt. Ein schwarz ummanteltes Stromkabel, das von der Hafenwand abreißt und wie ein Tentakel an ihrer Scheibe vorbeischnalzt und im Nichts verschwindet. Zum Glück muss sie keine weiteren Hürden durchbrechen, um auf Höhe des Decks anzukommen, an dem gut sichtbar das Logo von Kreons Transportgesellschaft VEIN prangt. Das planetare Shuttlenetz, dessen Hafenstation ein ganzes Deck an der Ostseite belegt, ist ihr anvisiertes Ziel. Zumindest für den Anfang, der Parkplatz, den sie für ihr Unterfangen braucht. Aus der weiten Öffnung fällt ein heller Schein in die Nacht, daneben tanzt ein holografisches Werbeplakat im Regen.

»Der Hafen kümmert sich um sie«, sagt einer der Männer, bevor er sich an Sola wendet. »Viel Spaß beim Eingebuchtetwerden, ich hoffe, die durchleuchten dich da so richtig unangenehm.«

»Tut mir wirklich leid«, wiederholt sie und klingt dabei sehr gewissenhaft.

Mit etwas Glück bleiben ihr einige Minuten im Hafen.

Und wenn die beiden Jäger auf dem Rückweg zum Orbit nicht trödeln, kommen sie rechtzeitig wieder auf ihre Posten, ehe sie ein wirklich großes Problem am Hals haben.

2

Lucas

Lucas atmet langsam aus, um die Anspannung loszuwerden, die hinter seinem Brustbein wächst.

Von seiner Abendschicht ist gerade erst eine Stunde vergangen. Normalerweise verfliegt die Nacht schnell, während er die Menschen im Hafen im Auge behält und in seinem zugeteilten Bereich patrouilliert. Heute fühlt es sich an, als würde sich die Zeit bis zu seinem Termin am Morgen zu einer Ewigkeit ausdehnen.

Der weißgläserne Platz auf dem Grund des Atriums, den er von der Galerie aus überblicken kann, ist gefüllt mit Hafenbesuchern, die hier auf der untersten Ebene in ihre Flüge einchecken oder sich um die Uhrzeit einen Schlafplatz im Kapselhotel buchen. Der Abend ist bisher ruhig, was vielleicht am Wetter liegt. Es regnet so dicke Tropfen, dass trotz der gewaltigen Größe des Hafenturms ein unterschwelliges Prasseln im ganzen Atrium zu hören ist. Anstelle der Sonne, die bei seinen Tagesschichten durch die Lücken der obersten Stockwerke fällt, liegt zu dieser Uhrzeit alles in mattem Blau, der Farbe von Kreons Nachthimmel.

Wenn er von seinem momentanen Posten auf der Galerie nach oben sieht, kann er an etlichen Stockwerken, Fußgängerbrücken, Fahrstuhlschächten und einem Wald aus Info- und Werbetafeln vorbei die Ebene sehen, auf der die Personalverwaltung liegt. Südseite, zwischen diesem Atrium und den Außendecks für den Schiffsverkehr. Er war schon mal dort, als er vor wenigen Monaten in diesem Nebenjob bei der Hafensicherheit eingestellt wurde. Trotzdem muss er ständig hochgucken, als könnte er bis zu seinem Gespräch morgen früh den Weg dorthin vergessen.

Er fährt sich mit der Hand in den Nacken und presst die Finger auf seine angespannten Muskeln. Er weiß, dass schon alles gutgehen wird. Das würde er einem guten Kumpel sagen, wenn der gerade in seiner Situation stecken würde. Normalerweise hat er keine Probleme, Dinge mit Leuten zu regeln. Die Angestellten in den hohen Positionen des Hafens sind allerdings nicht die Art von Leuten, mit denen er normalerweise Dinge regelt. Um einen Vollzeitjob zu kriegen, bräuchte er außerdem Glück, und Glück ist nicht gerade das, was ihn in letzter Zeit verfolgt.

Das wird schon. Das wird schon.

Er geht die Sätze durch, die er sich eingeprägt hat, und die seine Vorgesetzten in so einem Gespräch erwarten.

»Danke, dass ihr euch ... Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen«, murmelt er und sieht dabei auf die Plaza. »... habe ich in den vergangenen Wochen erkannt, dass das hier der Arbeitsplatz ist, an dem ich meine Zukunft verbringen will ...«

Während er über die Worte nachdenkt, beobachtet er das kleine Drama am Spielautomaten, das sich gerade auf der Plaza entfaltet. Über die Menge hinweg kann er zusehen, wie sich ein Betrunkener im Anzug an einem Greifautomaten versucht. Der matte Kasten in Lila, Pink und Türkis ist mit Stofftieren gefüllt. Der schwankende Mann davor hat gerade den letzten Spielchip eingeworfen, die man in der einzigen Hafenbar mit Alkoholausschank bekommt.

»... ist mir bewusst, dass mein Einstiegsgehalt für eine Festanstellung ... mein Einstiegsgehalt ...«

Der Mann am Automaten bekommt ein Enceladuslurch-Plüschtier in den Greifer. Lucas weiß aus seiner Kindheit, wie die Dinger in echt aussehen. Warum diese Amphibien aus Schleim und giftigen Zähnen, die die ersten Siedler von irgendeinem entfernten Planeten mitgebracht haben, Vorbild für niedliches Kinderspielzeug geworden sind, ist ihm ein Rätsel. Im Schein schlecht beleuchteter Straßen, in zugemüllten Gräben mit schmutzigem Wasser sehen sie jedenfalls aus, als müsste man sich möglichst weit von ihnen fernhalten. Sie machen schmatzende Geräusche, wenn sie sich durchs schlammige Wasser winden, und als Lucas noch klein war, kam es ihm vor, als wären einige davon größer als er selbst. In den heruntergekommenen Vierteln der Stadt kann es passieren, dass sie kybernetisch verunstaltet sind, weil sie sich in den Kanälen mit alter Technik verbunden haben.

Der Stofftierlurch rutscht im letzten Moment aus dem Greifarm und fällt weich auf den Plüschberg darunter. Der Mann stößt ein Brüllen aus und schlägt mit der Faust auf die Scheibe ein, und als hätte er mit seinem Aufstand den Bann dieses ruhigen Abends gebrochen, gibt Lucas' Vice gleichzeitig eine sachte Vibration von sich. Während er sich auf den Weg von der Galerie runter zum Automaten macht, sieht er auf das kleine Display an seinem Handgelenk, über das die Hafensicherheit kommuniziert. Er kriegt die Nachricht gleichzeitig über den Knopf in seinem Ohr. Hafenweiter Hinweis Nummer 37 diese Woche.

»Referenz 37: Eine unangemeldete Katamaran-Klasse hat Landebefehl auf Deck D, Gate 4. Pilotin festnehmen, hat wahrscheinlich keine gültige Zulassung für ihr Schiff. Bisher keine ID angegeben.«

Deck D liegt einige Decks über diesem hier, also betrifft Lucas das nicht. Er sieht nur kurz nach oben, während der Betrunkene sich vor den Automaten kniet, um nach einer Öffnung zu tasten. Als Lucas auf der Treppe ist, hat der Mann es aufgegeben, seinen Arm in den Automaten zu schieben, und sich inmitten der erschrockenen Hafenbesucher einen Pflanzenkübel gegriffen. Er wirft ihn mitsamt der kleinen Palme darin gegen die Plastikscheibe, die ihn dumpf abfedert.

Lucas' Kollegin erreicht den Betrunkenen von der anderen Seite kurz vor ihm, aber sie hat Schwierigkeiten damit, an ihn heranzukommen. Sie kann ihm ein Stück zerbrochenen Blumentopf abnehmen, das er vom Boden aufgehoben hat, bevor sie sich vor einem Schlag ducken muss.

Lucas fängt sich ebenfalls beinahe eine Faust ein. Er dreht dem Mann kurzerhand den Arm ein und drückt ihm den Ellenbogen in den Rücken. Ehe der Fremde es sich versieht, kommt er mit einem lauten Uff bäuchlings auf dem Boden auf.

»Netter Move«, sagt Jozepha mit einem Grinsen. »So was lernt man also, wenn man Medizin studiert?«

Lucas antwortet ihr nicht. Er hätte den Leuten von der Hafensicherheit gar nicht erst von seinem Studium erzählen sollen. Dann müsste er ihnen demnächst auch nicht sagen, dass er damit gescheitert ist.

Der Mann auf dem Boden stößt ein langes, frustriertes Brüllen aus, das am Ende eigentlich nur noch wehleidig klingt. Er schnauft laut, während sein Körper sich entspannt. Er drückt die Wange auf die gläsernen Bodenfliesen und sieht mit wässrigem Blick zum Automaten. »Ich brauch so ein Ding für meine Freundin ...«

Lucas tauscht einen Blick mit den Enceladuslurchen und mit Jozepha, die kritisch die Stirn gerunzelt hat.

»... sie ist weg ...«, murmelt der Mann kraftlos.

Als Lucas ihn loslässt, bleibt er einfach liegen.

»Weg wohin?«

»Abgeflogen ... neuer Job auf Titan.«

Jozepha pustet sich eine lila Strähne aus dem Gesicht. »Also bisschen spät für Plüschtiere, oder?«

»Kann ihr doch 'n Foto schicken, wenn ich eins davon habe ...«

Er streckt die Hand aus, nachdem Lucas ihn auf die Füße gezogen hat, und tastet wieder nach dem Automaten. Jozepha tätschelt ihm die Schulter, dann packt sie ihn sanft, aber unnachgiebig am Oberarm. »Das besprechen wir, wenn du wieder nüchtern bist«, sagt sie. »Keine Sorge, ich kenne mich aus mit Frauengeschichten.«

Sie grinst Lucas zu, aber er ist abgelenkt. Sein Blick bleibt an VEINs Shuttlestation hängen, in die er von hier sehen kann. Vor der großen Außenöffnung der Station senkt sich gerade eine kleine Katamaran-Klasse auf Einflughöhe, höchstens zwanzig Meter lang. Im Licht des Hafens und der Werbung draußen kann man den Regen auf den Schutzschild prasseln sehen. Die leuchtenden Tropfen springen einen halben Meter über der Außenhülle ab wie auf einem unsichtbaren Regenschirm.

»Kann ich ihn haben?«, hört er Jozepha fragen und sieht zurück zu ihr und dem Betrunkenen.

»Klar.«

Gelöste Konflikte wie dieser hier bringen in den Profilen der Sicherheitsangestellten positive Vermerke, aber Jozepha war schließlich kurz vor ihm am Automaten. Sie kann den Fall haben, denn er hat eventuell gleich eine neue Aufgabe. Während sie den Mann zum Sicherheitsbüro abführt, schiebt Lucas eilig mit den Füßen die Einzelteile des Blumentopfs zusammen und wirft sie auf dem Weg zur Shuttlestation in einen Mülleimer. Hinter ihm macht sich ein Reinigungsroboter über das Pflanzengranulat her.

»Vice, eure Katamaran-Klasse landet gerade hier unten in der VEIN-Station. Ich kümmere mich drum.«

Eine Handvoll Antworten trudeln ein, allesamt mit Kennnummern der Sicherheitsleute auf dem D-Deck, vermutlich denen, die dort vergeblich am Gate auf den Katamaran gewartet haben. Das Schiff landet bereits, als Lucas die drei Stufen zum Eingang der Station erreicht. Es setzt nicht nur in dieser völlig falschen Hafenebene, sondern auch noch mitten im Parkverbot auf, so dicht vor der Digitalanzeige mit dem entsprechenden Hinweis, dass es nur Absicht oder extreme Verpeilung sein kann.

Die Standfüße verteilen Schmutz auf dem Hallenboden, als sie sich aus dem Rumpf strecken. Für eine Sekunde ruht das Schiff, während der Antrieb beim Abkühlen knackt und knistert. Dann sinkt eine Rampe aus dem Schiffsbauch und die Pilotin taucht am oberen Ende auf. Das Hafenlicht fällt auf den mitternachtsblauen Stoff ihrer Kleidung, eine Art gewickelte Tunika, die sie über einer dunklen Leggins trägt. Für einen Moment sieht Lucas ihre zu Fäusten geschlossenen Hände, bevor sie die Finger entspannt und die Rampe hinunterkommt.

Ein Mitarbeiter vom Bodenpersonal hat sich am Fuß der Rampe postiert, um ihr mindestens ein Bußgeld abzuknüpfen. Lucas will gerade eine Beschreibung im Vice durchgeben, als der Mann ihr sein Tablet vor das Gesicht hält. Ihr Foto geht ins System und kommt eine Sekunde darauf im Vice an. Sie ist etwas jünger als Lucas, vielleicht achtzehn oder neunzehn, was erklären könnte, warum sie keine Ahnung hat, wie man einen Hafen anfliegt. Sie ist einen Kopf kleiner als er, ihr dunkles Haar ist in ihrem Nacken zu einem Knoten verschlungen und der Blick aus ihren ebenso dunklen Augen wirkt entschlossen.

Dafür, dass sie neben allem anderen auch noch falsch geparkt hat, spaziert sie mit einer ziemlich großen Selbstverständlichkeit an dem Mann vom Bodenpersonal vorbei.

Er tritt ihr in den Weg, aber er ist nicht beherzt genug, sodass sie einen Ausfallschritt machen und ihn passieren kann. Vielleicht liegt es am Gegensatz zu dem etwas klobigen Schiff, aus dem sie kommt, dass ihre Bewegungen so mühelos und gewandt aussehen.

Der Mann vom Bodenpersonal versucht erneut, sie zu stoppen, und diesmal weist er sie deutlich hörbar an, wenigstens den Platz innerhalb dieser Halle zu wechseln und ihre ID-Karte auszuhändigen. Er wurde vermutlich nicht vor dem nicht registrierten Schiff gewarnt, denn er verbrennt sich die Hand an der Schiffshülle. Das wird ihm erstens sagen, dass die Pilotin keine guten Energieschilde hat, und zweitens, dass sie aus dem Orbit durch die Atmosphäre gekommen ist, statt von Kreons Oberfläche, wie man wegen ihres Parkplatzes hier unten in der Station annehmen könnte.

Lucas passt seine eigene Laufrichtung an, um ihr zu folgen. Sie sieht sich kaum in der Station um, sie muss ein konkretes Ziel im Hafen haben.

»Sie ist auf dem falschen Deck gelandet!«, ruft der Mann vom Bodenpersonal ihm zu, als er Lucas' Uniform von der Sicherheit sieht, die graue verstärkte Jacke, die Waffe und den Taser am Oberschenkelholster.

»Ich weiß, ich mach das schon.« Er nickt zu den Standfüßen des Schiffs. »Festsetzen, damit sie nicht mehr starten kann.«

Gerade ist eines der weißen Shuttles von VEIN gelandet, das zwei Dutzend Passagiere in den Hafen entlässt. Mit Kreons planetarer Transportgesellschaft erreicht man von hier aus jedes Ziel auf diesem Planeten. Lucas muss die Fremde davon abhalten, in eines der Shuttles zu steigen. Die Dinger starten zwar nicht, wenn sie einem kein Geld vom VEIN-Account abziehen konnten, und das Hafensystem kann die Chips von ID-Karten blocken, die hier aktiv werden, ohne sich angemeldet zu haben. Aber man weiß ja nie.

Im Hafen selbst kann sie schlecht entwischen. Unterhalb der Plaza liegen die technischen Ebenen mit Reaktor und Energiespeicherung, in die man ohne Freigabe keinen Zugang hat, und alles darunter, Parkhäuser, private Geschäfte und die Unterhafengastronomie, gehört schon zu Kreons Hauptstadt und kann ohne strenge ID-Kontrolle nicht betreten werden.

Die Fremde läuft durch den breiten Gang, der im Hafeninneren neben der Galerie entlangführt. Als sich ein paar Meter vor ihr die Türen eines Fahrstuhls öffnen, wird sie noch schneller. Sie will nach oben. Lucas kann sich gerade noch rechtzeitig zu ihr und dem knappen Dutzend Passagiere schieben, bevor sich die Türen schließen und der Fahrstuhl sich nach oben in Bewegung setzt. Die Fremde streift ihn in der Kabine nur mit einem Blick, er ist nicht sicher, ob sie ihn überhaupt richtig registriert hat. Sie ist nervös. Sie ist ganz sicher nicht im Hafen gelandet, bloß um vom Skydeck den Ausblick auf Kreons Hauptstadt bei Nacht und schlechtem Wetter zu genießen.

Er könnte sie hier drin festnehmen, aber wenn er noch ein wenig wartet, findet er vielleicht heraus, was sie vorhat.

Während sie ein Deck höher fahren, vibriert sein Vice und fordert, dass er seinen Status im System angibt. Die Fremde schiebt sich unterdessen zu den sich gerade wieder öffnenden Fahrstuhltüren und steigt aus. Deck E, das unterste der zivilen Raumfahrt. Der breite Gang vor dem Fahrstuhl ist fensterlos, anders als der darunter, der sich zur Plazagalerie und dem Atrium öffnet. Man sieht der zivilen Raumfahrt an, dass sich hier im Laufe der Zeit fremde Unternehmen eingemietet haben. Anstelle der polierten Oberflächen, die man von der Plaza gewohnt ist, kommt es auf diesem Deck schon mal vor, dass Müll auf den grauen Böden liegt, für den sich niemand zuständig fühlt, und die Läden überbieten sich mit lauten Werbeschildern.

Die Fremde schlängelt sich leichtfüßig durch den behäbigen Besucherstrom, sodass Lucas sich Mühe geben muss, sie im Blick zu behalten. Zuerst hat sie es ziemlich eilig, doch als sie die Ladentheken vor dem großen östlichen Raumschiffhangar sieht, wird sie langsamer. Was auch immer ihr Ziel ist, ihr Hunger scheint größer zu sein.

Sie macht an einem Stand halt, an dem eine Kette frittierter Tintenfischringe über der Theke hängt. Ihre Wahl fällt auf etwas, das wie eine Blätterteigpastete in Fischform aussieht. Sie zahlt, nimmt die weiße Papiertüte entgegen und birgt sie an ihrem Oberkörper, als wäre der Pastetenfisch ein Hundewelpe. Sie hat sich schon halb von der Verkäuferin abgewandt, als sie doch zögert. Lucas erstarrt in dem halben Schritt vorwärts, den er schon gemacht hat, um ihr weiter zu folgen. Sie dreht sich noch einmal zum Stand um und sagt etwas zu der Verkäuferin. Kaum, dass sie zu Ende gesprochen hat, beginnt die Frau, ihre Waren aus der Auslage zu räumen. In Windeseile packt sie zusammen, stapelt Essen in Körbe und hängt die beschriebenen Pappschilder ab. Gleich darauf rasselt der Rollladen nach unten und der Laden ist zu.

Während die Fremde aus dem Katamaran es jetzt noch eiliger hat, beginnen auf der ganzen Strecke bis zum Schiffshangar die Ladenfronten zuzuknallen wie bei einer langsamen Kettenreaktion, die nur ein paar vereinzelte Stände überspringt. Die Leute um Lucas herum gucken ungefähr so verdutzt, wie er sich fühlt, während die Ladenbesitzer es plötzlich für eine gute Idee halten, Feierabend zu machen.

Lucas wird schneller und folgt der Flüchtigen zum Durchgang in den Hangar. Die Halle ist mit gewaltigen Wänden unterteilt und führt einmal um den ganzen Hafenturm herum. Unter der hohen Decke gleitet gerade langsam ein kleiner Kreuzer zu einem der Gates. Zwischen den Schiffen am Boden halten sich ein paar Dutzend Menschen auf, Hafenpersonal, Techniker und Zivilisten. Lucas sieht auch zwei Uniformen der Sicherheit, aber die beiden Kollegen sind ein Stück entfernt.

Auf die Fremde, die er verfolgt, scheint hier drin niemand gewartet zu haben. Sie steigt über ein Bündel dicker Versorgungskabel und ignoriert jede Markierung auf dem Boden, während sie an einem selbst navigierenden Gepäckwagen vorbei und quer über eine deutlich auf den Boden gemalte Schiffsstraße läuft. Sie hält zuerst auf ein Kleinschiff zu, das ihrem eigenen recht ähnlich ist, entdeckt jedoch auf halbem Weg stattdessen eine Katamaran-Klasse, eine neue und gepflegtere Version ihres eigenen Schiffs. Sie kann unmöglich glauben, dass sie ihren alten Katamaran einfach gegen ein neues Modell tauschen kann, dafür ist ihre Wahl auch viel zu spontan auf dieses Schiff gefallen. Außerdem ist es nicht flugtauglich. Es hängt an einem dicken Strang Versorgungsleitungen, die mit dem Terminal an der Landebucht verbunden sind, und ist gegen Diebstahl am Boden fixiert.

Die Rampe steht allerdings offen. Die Fremde verschwindet flink im Schiff, was Lucas ein Fluchen über die Lippen bringt. Dagegen hätten die Schiffsbesitzer etwas, wenn sie hier wären. Ebenso wie sein Vice, das erneut mit einem nachdrücklichen Vibrieren einen Bericht oder zumindest ein Statusupdate von ihm verlangt. Als er das untere Ende der Rampe erreicht, taucht die Fremde gerade wieder oben im Rumpf auf, um das Schiff zu verlassen. Es könnte nur eine beiläufige Handbewegung sein, aber er ist sich ziemlich sicher, dass sie etwas unterm Leinenstoff ihres Ärmels verschwinden lässt, während sie mit der anderen Hand sorgfältig die Tüte mit dem Teigfisch hält.

Sie trifft genau seinen Blick.

»Das war's für dich«, sagt er. »Du kannst den Rest der Nacht beim Sicherheitsdienst verbringen und dich durchleuchten lassen.«

Sie antwortet ihm nicht sofort, als hätte er sie vollkommen aus ihren Gedanken gerissen. Kalt erwischt.

»Du bist festgenommen«, fügt er hinzu und macht eine Handbewegung, um sie zu ihm runter zu winken. »Mitkommen, ich bring dich. Und gib mir deine ID-Karte.«

Eine ganz leichte Falte bildet sich zwischen ihren Brauen, ehe sie ihn rasch von oben bis unten mustert. Der Ton ihrer Haut erinnert ihn an sandige Erde, vor allem, während sie noch im Halbdunkel steht. Sie setzt sich in Bewegung, zurück in die kühle Beleuchtung der Halle, und geht ein kleines Stück auf ihn zu, bevor sie rechts von der Rampe auf den Boden springt, um einfach davonzuspazieren. Lucas braucht eine Sekunde, um seine Sprache wiederzufinden.

»Du kommst aus diesem Hafen nicht mehr raus«, lässt er sie etwas lauter wissen. »Dein Schiff ist längst festgesetzt worden.«

Er muss ihr folgen, damit sie in Hörweite bleibt.

»Du dachtest also, du könntest hier einfach ohne Genehmigung landen, fremde Schiffe ausräumen und wieder gehen?«

Sie wirft einen flüchtigen Blick über die Schulter zu ihm zurück, vielleicht um zu prüfen, wie dicht er hinter ihr ist. Statt zu antworten, wird sie schneller.

»Wie sah denn dein Fluchtplan aus, nachdem du dir die Taschen vollgemacht hast?«

Er hat gerade zu Ende gesprochen, als der Sicherheitsalarm des Hafens losheult. Die Warnlampen, die in regelmäßigen Abständen unter der Hangardecke und in den Gängen angebracht sind, springen an, während ein durchgehender Sirenenton anschwillt. Irgendjemand schreit erschrocken auf, dann wird es für eine Sekunde ungewöhnlich ruhig.

Die Katamaran-Pilotin ist noch schneller geworden. Dieser Alarm gilt nicht ihr. Das ist ein hafenweites Notfallsignal, das geht nicht wegen einer Taschendiebin los, die im Halteverbot geparkt hat. Entweder ist irgendwo ein Brand ausgebrochen, der sich aus unerfindlichen Gründen nicht löschen lässt, oder es gibt das erste Mal seit Jahren wieder ein Erdbeben, oder ... oder der Hafen wird angegriffen.

Die klare künstliche Stimme, die normalerweise die Hafenbesucher daran erinnert, ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen, klärt ihn auf. Ein sanfter Ton kündigt die Ansage an, bevor sie die Hallen und Gänge füllt.

»Aufgrund von mehreren nicht identifizierten Schiffen im Anflug auf diesen Hafen, bitten wir alle zivilen Pilotinnen und Piloten, sowie unser offizielles Flugpersonal, sämtliche Starts abzubrechen und die Gates freizumachen«, weist sie den Hafen an. »An alle anderen Besucher des Hafens: Bitte bleiben Sie auf Ihren Decks. Auf dem Plazadeck sind alle Außenbereiche inklusive VEINs Shuttlestation zu verlassen, begeben Sie sich dort ins Atrium. Die Evakuierung betrifft auf dem Plazadeck sämtliche Hangars und Aussichtsterrassen.«

Auf der Ebene, auf der Lucas vorhin noch auf seinem Posten stand, lässt sich nur das Atrium abriegeln. Die Außenbereiche, vor allem die große Öffnung der Shuttlestation, haben keine Schotts. Hier oben ist das etwas anderes. Über die wachsende Unruhe hinweg kann er hören, wie sich eine gewaltige Maschinerie in Gang setzt. Die großen Außenschotts des Gebäudes beginnen, vor dem ersten Gate nach unten zu fahren. Durch ein anderes kommen zwei gerade erst gestartete Kleinschiffe zurück.

»Folgen Sie unverzüglich den Pfeilen ins Hafeninnere und lassen Sie Gepäck und andere sperrige Habseligkeiten zurück, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder an sich zu nehmen«, geht die Durchsage weiter. »Ein versuchter Angriff auf den Hafen ist nicht ausgeschlossen.«

Lucas zieht sein Tempo an, der Diebin hinterher auf den Gang zu, vor dem sich bereits ein leichter Stau bildet. Jetzt ergeben auch die geschlossenen Ladenfronten Sinn. Die Verkäuferinnen haben sich mit ihren Waren vor dem Angriff aus dem Staub gemacht. Und das bedeutet, dass die Fremde wusste, dass der Hafen angegriffen wird, als sie hier angekommen ist.

3

Lucas

»Das ist ein großes Plündererschiff«, schreibt Jozepha übers Vice. »Hab ich von Marc von der Grenzkontrolle. Es ist hässlich und hat einen Haufen kleine Beischiffe auf den Weg hier runtergeschickt. Sieht wohl aus, als wäre ein Hornissennest explodiert.«

Lucas sollte in diesem Moment bei ihr auf seinem Posten sein und auf dem Plazadeck dafür sorgen, dass die Hafenbesucher ohne Panik in den Schutz des Atriums kommen. Falls auf der Plaza etwas passiert, wird man hinterher auf seinem Vice sehen, dass er nicht anwesend war. Mit steigendem Puls denkt er zum tausendsten Mal an seinen Termin bei der Personalverwaltung morgen früh, von dem einfach alles abhängt. Den Termin, der vielleicht alles wiedergutmachen kann, was passiert ist. Er darf nicht ausgerechnet heute einen Fehler machen.

»Die Grenzkontrolle hat schon welche plattgemacht«, fügt Jozepha hinzu.

»Sind da auch Katamarane unter den Beischiffen?«, fragt Lucas.

»Was? Nein. Das mit dem Hornissennest war ernst gemeint, das müssen echt hässliche, krumme Dinger sein.«

Die Diebin, die er verfolgt, scheint zurück zum Fahrstuhl zu wollen. Er hat Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben, ohne jemanden grob zur Seite zu schieben, aber vor ihm tut sich eine Lücke auf, und nur wenige Meter tief im Gang erwischt er sie am Oberarm. Er kann ihren rasenden Puls unter seinen Fingern klopfen spüren, doch sie überwindet den Schrecken schnell. Sie hat unerwartet viel Kraft im Körper, mit der sie sich gegen seine Brust stemmt und ihren Arm dreht. Sie zerrt heftig an seiner Hand, aber gegen seine Statur und Muskelmasse hat sie keine Chance. Während ihre Bemühungen nachlassen, guckt sie ihn an, als wäre er derjenige, der etwas falsch gemacht hat. »Lass mich los!«

»Ganz bestimmt nicht. Du kommst mit.« Er bahnt sich mit ihr einen Weg durch den vollen Gang. Sie stemmt die Beine in den Boden, allerdings nur so lange, bis sie merkt, dass sie sich auf den Fahrstuhl zubewegen, zu dem sie ohnehin wollte.

»Wo gehen wir hin?«, fragt sie gepresst.

Für einen Moment denkt er darüber nach, sie dem Kollegen von der Sicherheit zu übergeben, der in der Nähe des Fahrstuhls steht und Anweisungen ruft. Aber wenn Lucas sie selbst mit nach unten nimmt, kann er die Sache auch selbst im Vice abhaken und sich direkt im Anschluss um seinen Posten an der Plaza kümmern. Das wird bei seinem Termin am Morgen helfen.

»Vice, Referenz 37 ist in meiner Obhut, ich gebe sie auf dem Plazadeck in die Verwahrung.«

Als die Fremde seine Worte hört, gibt sie ihren Widerstand endgültig auf und lässt sich von ihm in den Fahrstuhl bringen. Es ist voll darin. Obwohl es auf diesem Deck nicht nötig wäre, wollen viele zur Plaza runter. Lucas hat nur deshalb Platz, weil die Leute Abstand zu der Sicherheitsuniform halten. Die Fremde hält mit dem freien Arm immer noch die Tüte mit dem Teigfisch fest, während sie zu den sich schließenden Türen sieht. Die fiebrige Konzentration in ihrem Blick passt nicht besonders dazu, was ihr bevorsteht. Sie wird die nächste Stunde über allein in einem Raum ausharren, bis der Angriff vorbei ist und die Hafensicherheit Zeit hat, sie zu befragen. Ihr Puls jagt immer noch, und sie meidet seinen Blick.

»Keine Sorge«, sagt Lucas, in Gedenken an all die Male, bei denen er sich selbst schon in Schwierigkeiten gebracht hat. »Die Verwaltung wird deinen Fall mit dir regeln. Ist gut, wenn du das bald hinter dich bringst, danach geht es einem besser.«

Sie hat ihn bereits angesehen, als er sie aufgegriffen hat. Aber als sie diesmal den Kopf dreht, gräbt sich ihr dunkler Blick tief in seine Augen. Lucas fragt sich unwillkürlich, was sie denkt. Als sich die Türen zum Plazadeck öffnen, wird ihm bewusst, dass sich sein Griff um ihren Arm gelockert hat, eine halbe Sekunde bevor sie sich losreißt. Wäre es etwas leerer und Lucas ein bisschen langsamer, wäre sie ihm entkommen, aber aus VEINs Shuttlestation drückt sich ihnen ein stetiger Menschenstrom entgegen. Er kriegt sie erneut zu fassen. Diesmal tut es bestimmt weh, als der Ruck durch ihren Arm geht. Sie fällt beinahe in der halben Drehung nach hinten, als er ihren Lauf bremst.

»Die Richtung ist 'ne schlechte Idee.«

VEINs Station ist schon fast vollständig evakuiert, das kann er in den etlichen Displaymeldungen an seinem Handgelenk sehen. Dieser Gang und der Rest des Atriums werden gleich mit einem ein Meter dicken Schott von der Shuttlestation getrennt.

»Ich bitte dich, mich loszulassen«, sagt sie.

»Das ist sehr höflich, aber du kommst mit.«

»Du verstehst das nicht, ich muss wieder los!«

Bevor er antworten kann, tritt ihnen ein Kollege von der Sicherheit in den Weg, doppelt so alt wie Lucas und schon wesentlich länger dabei.

»Ich nehme sie. Kümmere du dich um die Shuttlestation.«

Im Gegensatz zu ihm macht Lucas das hier erst seit wenigen Monaten und nur als Nebenjob. Keine Chance also, dass er sich ihm widersetzt, ohne sich unbeliebt zu machen, auch wenn das hier eindeutig sein eigener Fall ist. In diesen Dingen zieht er in der Hafenhierarchie immer den Kürzeren. Als sein Zögern längst deutlich geworden ist, überlässt er die Diebin seinem Kollegen, der nach ihrem Arm greift. Sie holt aus und trifft ihn mit dem Ellenbogen am Hals, aber er macht kurzen Prozess mit ihr und dreht ihr den Arm auf den Rücken. Die Tüte mit dem Fischgebäck fällt auf den Boden, und während sie noch aussieht, als würde sie vor Schmerzen die Luft anhalten, führt der Sicherheitsbeamte sie ab.

Sie hat sich das selbst eingebrockt. Wer weiß zudem, was sie mit den Plünderern zu tun hat. Aber deswegen muss der Mann sie noch lange nicht wie einen lebendigen Schutzschild vor sich in den Besucherstrom drücken, der den Weg zur Plaza blockiert. Sie reicht ihm mit der Stirn höchstens bis zum Kinn und hat gerade mal halb so viel Körpermasse wie er. Lucas setzt dazu an, seinem Kollegen nachzurufen, doch dann denkt er an seinen Termin bei der Verwaltung und lässt den Moment verstreichen. Er hebt den Teigfisch auf, mit dem er sich Richtung Station in Bewegung setzt.

Seine Schicht läuft beschissen. Bis hierhin dachte er, dass er alles im Griff hätte, und jetzt, mit einem Schlag, fühlt sich dieser Abend komplett misslungen an. Er läuft an zwei Kolleginnen von der Sicherheit vorbei, die die letzten Besucher lautstark aus VEINs Shuttlestation ins Atrium kommandieren. Es sind keine Shuttles mehr da, und an der Längsseite der Station, die sich zur Plaza öffnet, senkt sich gerade der erste schwere Schott aus der Decke.

Nur noch zwei Angestellte vom Bodenpersonal sind auf dem Weg aus der Station. Lucas eilt an ihnen vorbei und halb die Rampe zum verwaisten Katamaran hoch. Er ruft hinein, falls da noch irgendwer drin ist, aber ihm begegnet nur Stille. Er lässt die Tüte mit dem Fisch an der Rampe liegen.

»Zwanzig Sekunden!«, ruft eine Kollegin, während er sich beeilt, zum Gang zurückzukommen. In seiner kurzen Zeit bei der Hafensicherheit hat er so was wie das hier noch nicht erlebt. Hoffentlich sieht die VEIN-Station noch genauso poliert aus wie vorher, wenn die Schotts sich nach dem Angriff wieder öffnen.

Als er im Gang ist, blockiert er mit seinen Kolleginnen die Öffnung zur Station, an der sich jetzt mit einem Grollen ebenfalls ein Schott schließt. Bei einem letzten Blick über die Schulter glaubt er, da draußen im Regen vor der großen Hafenöffnung einen Schatten vorbeifliegen zu sehen.

»Wie sieht es mit den Hornissen aus?«, fragt er im Vice.

»Ich würde mal sagen, ist gut, dass wir die Türen zu machen«, antwortet Jozepha. »Sind aber nicht mehr viele übrig.«

Ihm stellen sich bei ihren Worten die Nackenhaare auf. Normalerweise suchen Plünderer sich schwächere Planeten als Kreon aus. Den Luftraum unterhalb des Hafens kann man nicht durchfliegen, wenn man nicht automatisch in Scheiben geschnitten werden will, und es ist leichter, irgendwo im All Schiffe zu überfallen, als in dieses Bollwerk des Hafens einzudringen. In wenigen Sekunden wird hier nichts mehr rein- oder rauskommen, von der ungeschützten VEIN-Station mal abgesehen.

Sein Vice vibriert und fordert ihn ein weiteres Mal auf, den Fall der Katamaranpilotin abzuschließen. Das bedeutet, dass der Kollege von der Sicherheit noch kein Update ins System gegeben hat. Die Erkenntnis kommt Lucas im gleichen Moment, in dem eine schmale Gestalt zwischen den verbleibenden Hafenbesuchern im Gang hindurchschlüpft. Die Diebin ist seinem Kollegen entwischt! In dem Bruchteil der Sekunde, den er sie sieht, wirkt sie komplett zerzaust, aber vor allem ist das der verbissenste Gesichtsausdruck, der ihm je begegnet ist. Sie sieht ihn nicht und achtet nicht auf die übrigen Sicherheitsleute, die den Zugang zur Station blockieren. Sie duckt sich, Lucas will sie packen und verfehlt sie. Dann ist sie unter dem halb geschlossenen Schott hindurch in die VEIN-Station geschlüpft. Er setzt ihr fluchend nach. Erst, als er ihr ein paar Schritte in die Station hinterhergejagt ist, wird ihm klar, dass er es nicht bis zu ihr und mit ihr zusammen zurückschaffen wird, bevor das Schott zum Gang geschlossen ist.

»Komm zurück!«, ruft er ihr nach, als sie weiter auf ihren Katamaran zuläuft, der deutlich sichtbar am Boden fixiert ist. Sie hat überhaupt keinen Überlebenstrieb. Als er sie erreicht, ist sie vor der gelben Parkkralle in die Hocke gegangen, mit der das Bodenpersonal einen der Standfüße ihres Katamarans festgekettet hat. Sie ruckelt daran, aber die Fixierung rührt sich keinen Millimeter. Die Diebin fährt sich über die Stirn, während Lucas deutlich hört, wie der Schott am Ausgang der Station auf dem Boden aufsetzt. Die Maschinerie verstummt und die Station ist mit einem Mal ziemlich ruhig, nur noch erfüllt vom Geräusch des Regens und dem unterschwelligen Summen des Hafengebäudes. An der Außenwand glucksen und tropfen die Wasserrinnsale.

»Kannst du das abmachen?« Die Fremde klingt so aufgewühlt, wie sie aussieht.

Ehe er darauf antworten kann, senkt sich im Regen ein schwarzes Schiff vor die Öffnung der Station. Der Schutzschild des Katamarans ist das Einzige, was ihnen jetzt noch helfen kann, wenn sie angegriffen werden.

»Ins Schiff!«, kommandiert er, aber sie schlingt ihre Arme um das Standbein ihres Katamarans.

»Das Ding muss ab! Sonst kann ich nicht starten!«

Das fremde Schiff gleitet in die Station. Jozepha hatte recht, die Dinger sind ziemlich unansehnlich. Und sie machen kurzen Prozess. Lucas duckt sich, als es das Feuer eröffnet und eine verschmorte Spur über die Stationswand zieht, von der glühendes Metall zu Boden tropft. Er greift gleichzeitig nach seiner Waffe und dem Arm der Diebin. Sie hat sich im Lärm geduckt und rutscht von ihrem Halt ab, sodass er auf die Parkkralle feuern kann. Als sie kaum Schaden nimmt, erinnert er sich daran, dass die Krallen mit Elektromagneten ausgestattet sind. Er zielt auf die Stromversorgung, die an der Parkbucht entlangführt. Im gleichen Moment, in dem das hässliche Beischiff sich in ihre Richtung dreht, verliert die Kralle ihre Energieversorgung. Lucas tritt dagegen, zerrt sie vom Schiff und reißt sich dabei den Handrücken auf. Bei all dem Adrenalin, das seinen Körper geflutet hat, spürt er von der Verletzung kaum etwas.

Die Diebin springt auf die Rampe. Sie streift seinen Blick und er kann sehen, wie sie realisiert, dass er kaum hier draußen zurückbleiben kann. Er hätte ohnehin nicht um Erlaubnis gefragt. Mit schnellen Schritten folgt er ihr und sieht, wie sie sich oben an der Rampe allen Ernstes Zeit lässt, ihre Schuhe auszuziehen und dünne Schlappen überzustreifen. Während sie ins Halbdunkel verschwindet und er oben ankommt, schließen sich hinter ihm bereits die Rampe und eine Zwischenwand, die das Licht der Station aussperren. Ein gedimmt ausgeleuchteter Quergang, der von vorn bis hinten durch den Katamaran läuft, führt rechts aufs Cockpit zu. Die Diebin landet in dem Sitz vor einer Konsole voller Anzeigen und Touchpads. Als Lucas bei ihr ankommt, liegt die Tüte mit dem Teigfisch auf ihrem Schoß. Ihre Hände huschen flink über die Bedienfelder, während sie die Systeme startet. Keine drei Sekunden nachdem sie sich gesetzt hat, heben sie vom Hallenboden ab. Eine weitere Sekunde später wird der Katamaran vom Feuer des Hornissenbeischiffs getroffen. Die Energie wird von den Schilden des Katamarans abgefangen, was Lucas nicht davon abbringt, den Kopf einzuziehen.

»Du musst dich hinsetzen«, sagt die Diebin. »Mein Schiff gleicht ganz gut aus, aber wenn ich harte Manöver fliegen muss, kann es einen trotzdem umwerfen.«

»Wir fliegen überhaupt keine Manöver«, antwortet er, obwohl er weiß, dass sie hier raus müssen.

Vor der großen Öffnung der Station taucht gerade ein weiteres Plündererschiff auf.

»Bleib im Luftraum und warte auf Anweisungen«, sagt er mit so viel Autorität in der Stimme, wie er aufbringen kann. Er hält sich an ihrem Sitz fest, als sie an dem ankommenden Plündererschiff vorbei in den Regen hinausjagen. »Du darfst auf keinen Fall tiefer sinken. Die Luftabwehr zwischen Hafen und Stadt ist automatisiert, die schneidet uns in Stücke.«

Sie nimmt seine Anweisung vielleicht etwas zu ernst. Sie zieht die Schiffsnase hoch und gibt dem Antrieb Schub – und obwohl im Schiffsinneren die Bewegung nur abgeschwächt zu spüren ist, dreht es Lucas den Magen um. Er kennt den Effekt, aber er hat so was lange nicht erlebt. VEINs Shuttles gönnen sich keine Gravisysteme, und er kommt ohnehin zu Fuß zur Arbeit. Dafür, dass VEIN sich keine Gravi leistet, lassen sie sich die Nutzung des öffentlichen planetaren Verkehrs nämlich teuer bezahlen. Zu teuer für jemanden wie ihn.

Der Katamaran jagt durch den Luftraum des Hafens, den sämtliche zivilen Schiffe und Linienschiffe bereits verlassen haben, höher und immer höher. Noch weiter über ihnen sind im Regen einige Jäger der Grenzkontrolle und ein Schwarm weiterer unansehnlicher Beischiffe zu erkennen. Die Diebin macht keine Anstalten, das Tempo zu drosseln. Die Scheiben bleiben wegen des Energieschildes trocken, doch die Wasserfäden, die senkrecht aus dem Nachthimmel auf sie herabfallen, beeinträchtigen trotzdem die Sicht.

»Bleib am Hafen!«, kommandiert Lucas, während ihnen zwei Jäger entgegenkommen, die sich vermutlich um die Schiffe in der Shuttlestation kümmern werden. Sie müssen dem Katamaran ausweichen, als die Diebin sich weigert, ihren Kurs anzupassen.

»Das geht nicht«, sagt sie.

»Natürlich geht das!«

Sie lässt den Blick über ihre Anzeigen huschen und sieht rasch über die Schulter. »Du musst dich hinsetzen.«

»Was soll das werden?« Sich vom Hafen zu entfernen, fühlt sich Übelkeit erregend falsch an. »Es ist zu gefährlich, den Angreifern entgegenzufliegen! Oder gehörst du zu denen?«

»Tu ich nicht!« Sie schießt weiter Richtung Himmel. Es war ein Fehler, ihr in der Shuttlestation mit der Parkkralle zu helfen. Lucas spürt den Impuls, ihr ins Steuer zu greifen, dabei hat er von Raumschiffen keine Ahnung. Er fragt sich, welches Verhalten die Hafenleitung in diesem Moment von ihm erwarten würde. Aber er kann nicht einmal sein Vice benutzen, um mit seinen Kollegen Kontakt aufzunehmen, das Schiff schirmt die Kommunikation ab.

»Da oben ist irgendwo noch das Mutterschiff der Plünderer«, sagt er, während ihm vor Anspannung das Atmen schwerfällt. »Du musst dich davon fernhalten, statt drauf zuzufliegen!«

»Ich wäre ja schon viel früher hier weggewesen, wenn du mich im Hafen nicht aufgehalten hättest.«

Sprachlos starrt er sie an, als sie ihm die Schuld für dieses Debakel in die Schuhe schieben will. Während sie weiter in die Höhe rasen, jagen seine Gedanken im Kreis. Das hier ist bestimmt nicht das, was seine Vorgesetzten von ihm erwarten, die werden nicht verstehen, wie es hierzu gekommen ist. Lucas' Kollegen würden die Diebin vielleicht überwältigen. Ihre Hände sind ums Steuer geklammert, ein halbes Lenkrad, das ein paar Knöpfe zwischen den Griffen hat. Er war erst ein einziges Mal an Bord eines Schiffs, aber das ist ewig her und es war ein träges und schmuckloses Linienschiff. Hier hängen getrocknete Pflanzen an einer Schnur an der Wand, die nur wegen der Gravitationsregelung so friedlich aussehen, und in den Stauräumen der kleinen Brücke ist allerlei weiterer Kram sorgfältig einsortiert. Auf einer der beiden Sitzflächen links und rechts neben dem Durchgang zum Schiffsrumpf liegen Kleidung, ein Schraubenschlüssel und ein paar Kabel. Alle Oberflächen sind dunkelgrau und wirken roh, als wäre bei der Innenausstattung des Katamarans bloß auf Zweckmäßigkeit gesetzt worden. Außerdem sieht er ziemlich alt aus.

Lucas muss einen Ausfallschritt machen, als die Pilotin eine Kurve zieht, um einem Schiff der Plünderer auszuweichen. Es jagt Hunderte Meter entfernt an ihnen vorbei, aber als es weg ist und er zum Radar sieht, glaubt er zu sehen, wie einer der kleinen Punkte auf der Anzeige einen Bogen macht, um ihnen zu folgen. Als er die Wolken dicht über ihnen sieht, wird ihm klar, wie weit oben sie bereits sind. Die Pilotin will in den Orbit. Plötzlich fragt er sich, ob sie überhaupt vorhat, zum Hafen zurückzukehren.

»Sag mir, was das hier werden soll!«

Sie schweigt konzentriert, aber hoffentlich rasen die gleichen Gedanken in ihrem Kopf wie in seinem. Sie kann nicht einfach abhauen, solange er mit in diesem Katamaran ist. Sie muss ihn wieder absetzen, ob sie will oder nicht.

»Dreh um«, sagt er. »Sofort!«

»Das geht nicht, man würde mich festnehmen.« Sie ist ganz auf den Blick nach draußen konzentriert.

»Dir ist aber aufgefallen, dass du einen Passagier hast?«

Seine Worte machen sie sichtlich nervös, doch sie ist nicht mehr so angespannt wie noch in der VEIN-Station. Vielleicht läuft das hier fast so, wie sie es geplant hat. Nur wegen ihres Timings mit dem Plündererangriff ist sie wieder aus dem Hafen herausgekommen, nachdem sie ihren Diebstahl begangen hat. Auch der Parkplatz in der Shuttlestation war Absicht, der einzige Ort im Hafen, aus dem sie nach der Abriegelung noch starten konnte.

»War das der Plan?«, fragt er mit Nachdruck. »Sind das da oben deine Leute, die den Hafen angreifen?«

»Ich habe mit den Plünderern überhaupt nichts zu tun, ich kenne die gar nicht!« Sie fährt sich über die Stirn, um ein paar lose Haarsträhnen beiseitezuwischen. »Ich habe sie bloß auf dem Weg hierher überholt. Es hat sich angeboten, vor ihnen hier zu sein.«

»Es hat sich angeboten?«

»Ich wäre aus dem Hafen sonst schlecht wieder rausgekommen. In diesem Durcheinander hat es dafür hervorragend geklappt.«

»Und bei all der Planung ist dir nicht in den Sinn gekommen, den Hafen vor einem Angriff zu warnen?«

In ihrer Miene wächst ein leichter Trotz. Sie sieht nicht so panisch aus, wie sie in dieser Situation sein sollte, höchstens ein bisschen gestresst. Ganz so, als könnte ihr gar nichts passieren. Eine derartige Zuversicht könnte er auch gebrauchen. »Dein Hafen hat doch ein Warnsystem«, erwidert sie. »Hast du das Heulen und die Durchsagen überhört?«

Während immer mehr Warntöne durch den Brückenraum schallen, wird der Katamaran von der Wolkendecke verschluckt. Im dichten Nebel orientiert sie sich an einem Raster der Umgebung auf einem Display.

»Ist dir klar, dass du den ganzen Weg zurückmusst, um mich wieder abzusetzen?«, fragt Lucas mit hämmerndem Herzen.

Sie schweigt so lange, dass ihm Kälte in den Körper kriecht.

»Hey!«, setzt er hinzu. Als er sich vorbeugt, um ihren Blick auf sich zu lenken, bringt ihn eine Kurve aus dem Gleichgewicht. Er stößt einen Becher von der Konsole, der auf dem Boden auseinanderspringt. Seine Einzelteile bleiben in einer Lache aus Wasser und Blättern liegen.

Der Diebin entgleiten die Gesichtszüge, während sie auf die Scherben runterguckt. Sie wird bleich, und noch bevor er sich dazu bringen kann, sich zu entschuldigen, kommt ihr eine wütende Antwort über die Lippen. »Es ist nicht mein Problem, dass du mit in dieses Schiff gestiegen bist!«

»Das ist mir komplett egal, du drehst jetzt um und das ist das letzte Mal, dass ich nett frage!«

Vielleicht ahnt sie, dass er gar nicht weiß, was er sonst tun soll. »Das geht nicht, man würde mich festnehmen«, sagt sie erneut.

»Ja, weil du dich strafbar gemacht hast!«

Eine kleine Falte bildet sich zwischen ihren Brauen, als sie zu ihm hochsieht, als würde sie in all dem Chaos ausgerechnet sein Wutausbruch stören. Eigentlich ist das gar keine Wut, die er spürt, sondern blanke Panik. Weil er gerade in seinem Job versagt, und weil ihm die Zeit bis zu seinem Termin am Morgen plötzlich viel zu kurz vorkommt. Er hätte nicht in den Katamaran steigen sollen. Ihm wird flau, als ihm auffällt, dass er Hafeneigentum beschädigt hat, als er auf die Stromversorgung für die Parkkralle geschossen hat.

Genau das ist das übliche Problem mit seinen Entscheidungen, die ihn in den letzten Monaten so in Schwierigkeiten gebracht haben. Er denkt nicht besonders weit voraus.

Während vor der Scheibe noch immer Wolkenfetzen zerreißen, versucht Lucas, sich zu beruhigen und neu anzusetzen.

»Ich muss wirklich, wirklich dringend zum Hafen zurück.« Vor Panik ist seine Stimme belegt. Er macht einen Schritt auf sie zu, hält sich an der Lehne fest und sieht ihr in die Augen. »Es ist wichtig, ausgerechnet heute Nacht.«

Die Dringlichkeit in seinem Ton lässt sie zögern. »Warum?«

»Ich habe ein Jobgespräch, die einzige Chance, die ich noch kriegen werde.«

Sie legt leicht den Kopf schief und sieht auf seine Uniform. In ihren Augen spiegelt sich das Licht, mit dem die Scheinwerfer die Wolkenfetzen füllen. »Hast du nicht schon einen Job?«

»Bis jetzt habe ich ihn nur als Nebenjob, nicht als richtige Festanstellung.«

»So ein Gespräch kannst du doch nachholen.«

»Nein, kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Es lässt sich eben nicht nachholen!«

»Bitte beruhige dich.«

»Ich bitte dich«, sagt er eindrücklich und legt die Hände zusammen. »Ich bitte dich, ich bitte dich. Ich muss sofort zurück. Du verstehst nicht, was da alles dranhängt. Ich lege ein gutes Wort bei der Sicherheit für dich ein.«

»Ich ...«, beginnt sie mit schwacher Stimme, während ihr Blick über die Armaturen und nach draußen springt. Dann verändert sich etwas in ihrer Miene. In ihren Augen setzt sich eine neue Entschlossenheit fest. »Ich lasse dich an einem Außenposten im Orbit raus.«

»Auf keinen Fall!«

»Von da aus kommst du gut wieder zum Hafen zurück.« Sie hebt das Kinn, als würde sie sich gegen Widerstand wappnen. »Ich riskiere dafür ziemlich viel. Und ich habe nicht von dir verlangt, dass du mir auf mein Schiff folgst.«

»Das Beischiff im Hafen hätte dich gegrillt, wenn ich nicht mit dir zusammen in der Shuttlestation gewesen wäre«, antwortet er mit Nachdruck. Aber sie erwidert nichts.

Vielleicht sollte er sie aus dem Sitz zerren. Er könnte sie zwingen, ihm Anweisungen zu geben, sobald er das Steuer herumgerissen hat, damit sie nicht auf dem Hafenturm zerschellen. Noch während er das Szenario im Kopf durchspielt, schießt der Katamaran aus dem Dunst oberhalb der Wolkendecke. Die Welt ist dunkler hier oben, abgesehen von den leuchtenden Perlenketten der Anflugschneisen. Gleichzeitig ist alles voller Bewegung. Er ist nicht sicher, ob die Diebin auf gut Glück durch diesen Angriff fliegt, oder ob sie sich mithilfe des Radars einen Plan gemacht hat. So oder so bringt der Anblick, der sich im Orbit bietet, sie kurz aus der Fassung.

Das Plündererschiff, das in den oberen Schichten der Atmosphäre hängt, ist so riesig, dass die Hälfte davon von Dunst und Dunkelheit verschluckt wird. Die kleinen Schiffe, die gerade zurück in Richtung des Rumpfes jagen, sind hoffentlich dabei, den Angriff abzublasen. Es sind nicht mehr viele und inzwischen steht das Mutterschiff selbst unter Beschuss. Trotzdem liefern sich die Jäger der Grenzkontrolle einen unübersichtlichen Kampf. Es ist ein Wunder, dass der Katamaran kein Streufeuer abkriegt. Lucas hat so etwas noch nie mit eigenen Augen gesehen. Unten in der Stadt kriegt man nicht viel mit von der Raumfahrt, selbst wenn man im Viertel hinter dem Hafen aufwächst. Er weiß nicht einmal, wie häufig sich Oriana auf diese Weise verteidigen muss.

Die Diebin räuspert sich einen Kloß aus dem Hals, ganz so, als bekäme sie beim Anblick vor ihnen doch noch einen Anflug von schlechtem Gewissen. »Also Kreon kommt aber nicht besonders gut gegen die Plünderer an.«

»Im Orbit wird mit dem Personal gespart«, antwortet Lucas abgelenkt.